NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 3: Der lange Marsch

Die Nacht hatte keine Stunden mehr. Sie hatte nur noch Schritte.

Eins. Zwei. Stolpern. Atmen.

Elias setzte einen Fuß vor den anderen, mechanisch, getrieben von einem Willen, der nichts mehr mit Hoffnung zu tun hatte, sondern nur noch mit der Weigerung, liegenzubleiben. Der Waldboden unter seinen Stiefeln war ein Verräter. Wurzeln, verborgen unter Schichten von modrigen Nadeln, griffen nach seinen Knöcheln wie knöcherne Finger. Schlammlöcher, getarnt durch den ewigen Nebel, saugten sich an seinen Sohlen fest, schmatzten gierig bei jedem Schritt, als wollten sie ihn hinabziehen in die kalte, nasse Erde.

Er wusste nicht, wie lange er schon lief. Aetherholm lag hinter ihm, verschluckt von der Schwärze und der Zeit. Er hatte aufgehört, sich umzudrehen, als der Schein des Mondes auf dem Nebelsee hinter ihm verblasst war. Es gab kein Zurück mehr. Es gab nur noch Norden. Oder Osten. Er wusste es nicht genau. Er lief einfach weg von dem Loch in der Welt.

Der Wald hier draußen, jenseits der markierten Pfade der Holzfäller, war anders. Er war älter. Die Fichten standen so dicht, dass ihre Äste ineinander verhakt waren – ein undurchdringliches Dach, das selbst das Sternenlicht aussperrte. Es war eine Welt aus Grautönen und Schwarz, in der Farben nur eine Erinnerung waren.

Elias blieb stehen. Nicht weil er wollte, sondern weil sein linker Oberschenkel krampfte. Ein scharfer, heißer Schmerz, der ihn zwang, sich gegen den rauen Stamm einer Kiefer zu lehnen. Er rutschte langsam daran herunter, bis er im feuchten Moos saß.

Der Lederbeutel seiner Mutter drückte schwer auf seine Schulter. Elaras Beutel. Er wagte nicht, den Namen laut auszusprechen. Wenn er ihn aussprach, würde er real werden. Und wenn er real wurde, würde die Mauer brechen, die er mühsam um seinen Verstand errichtet hatte.

Seine Hände zitterten, als er die Riemen des Bündels löste. Er brauchte Energie. Sein Körper war leergebrannt, ausgehöhlt von der Panik und dem Lauf. Er tastete nach dem Brot. Es war ein Laib „Knuffte“, jenes harte, dunkle Bauernbrot, das Elara oft gebacken hatte, weil es sich wochenlang hielt. Normalerweise roch es säuerlich, erdig, nach Kümmel und Roggen. Doch als Elias es jetzt aus dem Tuch wickelte, roch es nach nichts.

Er brach ein Stück ab. Die Kruste war hart wie Rinde. Er schob es sich in den Mund. Er kaute. Es schmeckte nach Asche. Er würgte, zwang sich aber, zu schlucken. Der Bissen rutschte seine Kehle hinunter wie ein Stein, schwer und kalt.

Kalt. Alles war kalt.

Elias blickte auf seinen rechten Arm. Er hatte ihn während des Marsches unter seinen Mantel geschoben, instinktiv, um ihn zu wärmen. Aber das war sinnlos. Man konnte Eis nicht wärmen, indem man es isolierte. Er zog den Stoff zurück.

Im fahlen Dämmerlicht, das kaum durch die Zweige drang, sah sein Arm aus wie das Gliedmaß einer Leiche, die man aus einem Gletscher geborgen hatte. Der Frost hatte sich ausgebreitet. Er war nicht mehr nur an der Hand. Weiße, kristalline Muster zogen sich jetzt bis zur Mitte seines Unterarms. Sie sahen aus wie Farne, filigran und wunderschön, wenn man vergaß, dass es erfrorenes Gewebe war. Die Haut darunter war nicht mehr blau. Sie war schwarz. Tiefschwarz, glatt und hart. Wenn er mit den Fingern der linken Hand darüber strich, spürte er nichts. Keine Berührung. Nur die glatte Kälte von poliertem Marmor.

Das Amulett selbst, dieser unscheinbare graue Kiesel, hing noch immer an seiner Handfläche, festgefroren, eins geworden mit seinem Fleisch. Es pulsierte sanft gegen seine Haut. Bumm. Bumm.

Es war kein Parasit, dachte Elias bitter. Ein Parasit nahm nur so viel, wie der Wirt geben konnte, ohne zu sterben. Das hier war ein Raubtier. Es fraß ihn auf. Stück für Stück. Es tauschte sein warmes, weiches Fleisch gegen diese kalte, tote Härte.

„Du bist kein Geschenk“, flüsterte er in die Stille. Seine Stimme war rau, belegt vom Schweigen der letzten Stunden. Dampf stieg vor seinem Mund auf, aber er löste sich zu schnell auf. Die Luft um ihn herum war kälter als der Rest des Waldes. Er trug seinen eigenen Winter mit sich herum.

Er zog den Ärmel hastig wieder runter. Er wollte es nicht sehen. Er wollte nicht sehen, wie weit die schwarze Fäulnis schon gekrochen war. Er griff nach dem Wasserschlauch. Das Leder war steif gefroren. Er schüttelte ihn. Es gluckerte träge. Das Wasser darin war kurz davor, zu Eis zu werden. Er nahm einen Schluck. Es schmerzte an den Zähnen, aber es weckte ihn zumindest etwas auf.

Er musste weiter. Rasten war gefährlich. Nicht wegen der Kälte. Sondern wegen der Gedanken. Sobald er stillsaß, kamen die Bilder zurück. Die fallende Gießkanne. Das blaue Feuer. Das Plopp der Laternen.

Er rappelte sich auf. Seine Glieder protestierten, steif und schmerzhaft. Er warf sich das Bündel wieder über die Schulter. Es fühlte sich schwerer an als zuvor. Vielleicht, weil er jetzt wusste, dass es alles war, was er noch hatte. Ein halbes Brot, ein Schluck Wasser und ein paar Silbermünzen. Das Erbe eines Lebens.

Er trat wieder auf den Wildwechsel, der sich kaum sichtbar durch das Unterholz schlängelte. Der Wald schien ihn zu beobachten. Die Bäume standen starr, wie Wächter, die den Atem anhielten. Früher hatte Elias den Wald geliebt. Er hatte sich darin sicher gefühlt, geborgen unter dem grünen Dach. Aber dieser Wald war nicht sein Freund. Er war ein Gleichgültiger. Er würde Elias sterben sehen, erfrieren sehen, und seine Nadeln würden ihn bedecken, als wäre er nie gewesen.

Ein Windstoß fuhr durch die Wipfel. Ein langes, klagendes Heulen, das Holz aneinander reiben ließ. Elias zog den Kopf ein. Es klang wie ein Seufzer. Oder wie ein Knurren.

Er ging weiter. Eins. Zwei. Nicht denken. Nur laufen. Der Norden wartete nicht. Und was auch immer ihn verfolgte, schlief nicht.

Der Wald veränderte sein Gesicht, je tiefer Elias in ihn eindrang. Die dicht stehenden Fichten, die wie eine undurchdringliche Wand hinter Aetherholm gewacht hatten, wichen nun riesenhaften Uralt-Kiefern. Ihre Stämme waren so dick wie Mühltürme, bedeckt mit silbriger Rinde, die im fahlen Mondlicht schimmerte wie Rüstungen gefallener Riesen. Hier, weit weg von den Siedlungen der Menschen, war die Luft klarer. Sie roch nicht mehr nach Moder, sondern scharf nach Harz und kaltem Stein. Es war ein wilder, erhabener Geruch.

Elias blieb stehen, um Atem zu schöpfen. Er legte den Kopf in den Nacken. Hoch oben, zwischen den schwarzen Nadelkronen, blitzten Sterne auf. Sie waren kalt und fern, funkelnde Diamanten auf schwarzem Samt. Für einen Moment vergaß er die Kälte in seinem Arm. Er fühlte sich winzig. Dies war die wahre Welt. Aetherholm, Seraphis, die kleinen Inseln des Lichts – sie waren nur temporäre Flecken auf einer Landkarte, die von der Wildnis dominiert wurde.

Du gehörst jetzt hierher, dachte er. Zu den Schatten und den Steinen.

Er zog den Mantel enger. Das Amulett unter dem Stoff war ruhig geworden, ein schweres, beständiges Gewicht, wie ein Stein in einem Flussbett. Es vibrierte nicht mehr aggressiv, sondern summte in einem tiefen, fast schläfrigen Ton, der seltsam beruhigend wirkte. Es war eine trügerische Ruhe. Elias wusste, dass es lauerte.

Er wollte gerade weitergehen, als er es hörte.

Es war kein Heulen. Wölfe heulten, um ihr Rudel zu rufen, um Grenzen zu markieren. Dieses Geräusch war ein tiefes, kehliges Grollen, das eher im Brustkorb zu spüren war als in den Ohren. Es vibrierte durch den Waldboden, stieg durch seine Stiefelsohlen auf.

Elias erstarrte. Er kannte die Geschichten der Jäger, die manchmal in Elaras Stube gesessen hatten, um sich aufzuwärmen. Sie hatten von den Dornenwölfen erzählt. Keine gewöhnlichen Tiere, sondern Kreaturen, die von der wilden Magie der Grenzlande verändert worden waren.

Ein Ast knackte. Nicht hinter ihm. Rechts von ihm.

Elias drehte den Kopf langsam. Er vermied jede hastige Bewegung, die ihn als Beute kennzeichnen würde. Dort, im Schatten eines gewaltigen Wurzeltellers, glühten zwei Punkte auf. Sie waren nicht gelb wie bei normalen Wölfen. Sie waren violett. Ein schwaches, pulsierendes Licht, wie zwei kleine Irrlichter, die in der Dunkelheit schwebten.

Dann trat das Wesen aus dem Schatten.

Es war majestätisch und entsetzlich zugleich. Der Wolf war riesig, seine Schulterhöhe reichte Elias fast bis zur Brust. Sein Fell war nicht weich; es war dunkelgrau, fast schwarz, und durchzogen von dicken, knochigen Auswüchsen. Dornen, lang wie Dolche, wuchsen aus seinem Rücken und den Schulterblättern, als hätte die Natur beschlossen, das Tier mit einer lebendigen Rüstung auszustatten. Es bewegte sich lautlos, trotz seiner Masse. Die Pfoten waren breit, perfekt angepasst an den weichen Waldboden.

Elias spürte, wie sein Herzschlag beschleunigte, aber es war keine panische Angst mehr wie im Dorf. Es war eine klare, kalte Furcht. Respekt. Das hier war kein Monster aus dem Nichts. Das war ein Apex-Raubtier. Ein König dieses Waldes.

Der Wolf senkte den Kopf. Ein leises Knurren entblößte Zähne, die im Mondlicht weiß aufblitzten. Er war nicht allein.

Aus den Augenwinkeln sah Elias Bewegung. Links, zwischen zwei eng stehenden Stämmen. Hinter ihm, im hohen Farn. Weitere violette Augenpaare leuchteten auf. Drei. Vier. Fünf.

Sie hatten ihn nicht zufällig gefunden. Sie hatten ihn getrieben. Sie hatten gewartet, bis er tief genug in ihrem Revier war, weit weg von jedem Schutz.

„Ganz ruhig“, flüsterte Elias. Er wusste nicht, ob er zu den Wölfen sprach oder zu sich selbst. Er griff langsam nach hinten, zu seinem Gürtel. Seine Finger schlossen sich um den Griff des alten Gartenmessers. Es fühlte sich lächerlich an. Ein verrostetes Stück Eisen gegen diese lebendigen Belagerungsmaschinen.

Der Alpha – das riesige Tier vor ihm – machte einen Schritt vor. Die Dornen auf seinem Rücken stellten sich auf, begleitet von einem trockenen Rascheln, wie trockenes Laub im Wind. Das violette Licht in seinen Augen wurde heller, fixierte Elias. Es war keine blinde Wut darin zu sehen. Es war Intelligenz.

Elias wich einen Schritt zurück. Sein Stiefel stieß gegen eine Wurzel. Der Alpha hielt inne. Er legte den Kopf schief. Er schnupperte.

Nicht nach Angst. Er schnupperte an dem Arm, den Elias unter dem Mantel verbarg. Die Nüstern des Wolfes blähten sich. Ein Ausdruck von Verwirrung huschte über das wölfische Gesicht, gefolgt von etwas anderem. Gier. Das Tier spürte die Energie. Nicht die Wärme von Elias’ Körper, sondern die konzentrierte, uralte Kraft des Amuletts. Für ein Wesen der Wildnis, das von Magie durchdrungen war, musste Elias wie ein Leuchtfeuer riechen. Oder wie eine Bedrohung.

Der Wolf spannte die Muskeln an.

Elias zog das Messer. Das Ratsch des Metalls aus der Lederscheide klang laut in der Stille. Es war das Signal.

Der Alpha stieß ein bellendes Brüllen aus, das nichts Menschliches an sich hatte. Und sprang.

Der Sprung des Alphas war schneller, als ein Tier dieser Masse hätte sein dürfen. Elias sah nur einen grauen Blitz, roch den ranzigen Atem aus dem weit aufgerissenen Schlund und spürte den Luftzug der mächtigen Pranken, die nach seinem Hals schlugen.

Instinkt übernahm. Kein heldenhafter Reflex, sondern pure, panische Arterhaltung. Elias ließ sich fallen. Er warf sich nach hinten in das feuchte Moos, riss den linken Arm mit dem Bündel hoch, um seinen Hals zu schützen.

Das Gewicht des Wolfes traf ihn wie ein Rammbock. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst. Zähne schnappten, verfehlten sein Gesicht nur um Haaresbreite und verhakten sich im dicken Leder von Elaras Reisetasche. Ein Ruck ging durch Elias, als das Tier den Kopf schüttelte und versuchte, ihn wie eine Puppe zu zerreißen. Speichel tropfte ihm ins Gesicht, heiß und klebrig.

Elias schrie. Er stach mit dem Gartenmesser zu. Es war ein verzweifelter, wilder Stoß in die Seite des Tieres. Er spürte den Aufprall. Klonk. Die rostige Klinge drang nicht ein. Sie glitt an den knöchernen Auswüchsen unter dem Fell ab, hinterließ kaum einen Kratzer auf der natürlichen Panzerung. Das Metall bog sich, nutzlos wie ein Zweig.

Der Wolf ließ vom Bündel ab. Er spürte, dass seine Beute wehrlos war. Das violette Licht in seinen Augen flackerte triumphierend auf. Er verlagerte sein Gewicht, drückte Elias mit einer Pranke auf den Brustkorb, sodass dessen Rippen ächzten, und senkte den Kopf für den finalen Biss in die Kehle.

Elias starrte in den Schlund. Er sah die Reihen von gelblichen Zähnen. Er sah den Tod. Er hatte keine Waffen mehr. Außer einer.

Er dachte nicht darüber nach. Er entschied es nicht. Sein Körper handelte, getrieben von dem fremden Willen, der in seinen Adern pulsierte. Elias riss seinen rechten Arm hoch. Den toten Arm. Den gefrorenen Arm.

Er rammte dem Wolf die Faust entgegen. Nicht als Schlag. Er presste das Amulett, das festgefroren in seiner Handfläche lag, direkt gegen die haarige Brust des Tieres, dort, wo das Herz hämmerte.

Stein traf auf Fell.

WHUMMM.

Die Welt hielt den Atem an. Das Geräusch war kein Knall. Es war das Gegenteil eines Knalls. Es war das Geräusch, wenn Luft schlagartig in ein Vakuum gesaugt wird. Ein tiefes, vibrierendes Inhalieren der Realität.

Der Wolf erstarrte mitten in der Bewegung. Sein Knurren brach ab, abgeschnitten wie mit einem Messer.

Elias spürte es. Diesmal war es kein schleichender Kältetod wie bei den Blumen im Garten. Diesmal war es eine Hinrichtung. Er spürte, wie das Amulett aufwachte. Es war hungrig. Es brüllte vor Gier. Und es trank.

Es riss die Hitze aus dem massigen Tierkörper. Nicht langsam. Sofort. Elias sah, wie der Frost von seiner Hand auf das Fell des Wolfes übersprang. Es war keine Schicht aus Reif. Es war eine Schockwelle aus Weiß. Die grauen Haare wurden im Bruchteil einer Sekunde starr, überzogen von Kristallen. Die Haut darunter zog sich zusammen, das Fleisch verlor jede Elastizität.

Der Wolf versuchte, sich wegzudrücken. Aber er konnte nicht. Er klebte an Elias' Hand, verschweißt durch die Kälte, die schneller war als jeder Muskelreflex. Das violette Licht in den Augen des Alphas flackerte. Es wurde panisch. Dann wurde es schwächer.

Elias lag unter dem Tier und spürte, wie die Energie in ihn hineinströmte. Es war berauschend. Für einen Moment war er nicht mehr der frierende Junge im Wald. Er war voll. Er war stark. Die Wärme des Wolfes flutete seinen Körper, verdrängte die Kälte, füllte ihn mit einer wilden, pochenden Kraft. Er atmete tief ein, und die Luft schmeckte nicht mehr nach Angst, sondern nach Eisen und Sieg.

Mehr, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Nimm alles.

Der Wolf über ihm wurde schwerer. Aber es war nicht mehr das Gewicht von Muskeln und Spannung. Es war das Gewicht von toter Materie. Ein letztes Zittern ging durch den riesigen Körper. Dann erlosch das violette Licht. Die Augen wurden zu trüben, glasigen Murmeln.

Das Wumm-Wumm-Wumm des Amuletts verlangsamte sich. Es war satt. Der Sog brach ab.

Elias stieß den Körper von sich. Der Wolf kippte zur Seite. Er fiel nicht weich. Er fiel wie eine Statue. Er landete mit einem harten, hölzernen Geräusch im Moos. Er war steinhart gefroren. Ein Monument aus Eis und Fell, konserviert im Moment seines Angriffs.

Elias rappelte sich hoch. Er keuchte, Dampf stieß in dichten Stößen aus seinem Mund. Er blickte auf seine Hand. Das Amulett leuchtete nicht. Es war grau und unscheinbar wie immer. Aber der Frost auf seinem Arm... Er hatte sich verändert.

Im Unterholz knackte es. Elias hob den Kopf. Die anderen Wölfe waren noch da. Fünf Augenpaare im Schatten. Sie starrten auf den gefallenen Alpha. Dann auf Elias. Sie knurrten nicht mehr. Das violette Leuchten in ihren Augen verengte sich. Dann, einer nach dem anderen, wichen sie zurück. Lautlos. Sie drehten sich um und verschwanden im Dunkel der Bäume.

Sie wussten, was hier geschehen war. Das hier war kein Kampf gewesen. Es war keine Jagd. Etwas Unnatürliches war in ihren Wald getreten. Etwas, das Wärme nicht jagte, sondern löschte.

Elias stand allein auf der Lichtung, neben der gefrorenen Statue. Die Euphorie der Wärme verflog so schnell, wie sie gekommen war, und hinterließ eine leere, kalte Übelkeit. Er starrte auf seine Hand, dann auf den toten Wolf. Er hatte überlebt. Aber als er auf seinen Arm blickte, wusste er, dass der Preis gerade erst fällig wurde.

Elias saß lange Zeit regungslos neben dem gefrorenen Kadaver des Alphas. Der Wald um ihn herum hatte seinen Atem wiedergefunden. Der Wind strich durch die Kiefernnadeln, ein fernes, gleichgültiges Rauschen. Irgendwo rief ein Kauz. Die Natur kehrte zur Normalität zurück, als wäre der Riss in der Ordnung, den Elias verursacht hatte, nie geschehen.

Aber Elias wusste es besser. Er wusste es, weil sein rechter Arm brannte.

Es war kein heißes Brennen wie von Feuer. Es war der beißende, tiefe Schmerz von Fleisch, das zu lange im Schnee gelegen hatte – tausendfach verstärkt. Ein Pochen, das nicht im Takt seines Herzens schlug, sondern im langsamen, trägen Rhythmus des Steins.

Er atmete tief ein, die Luft schmeckte metallisch, und zwang sich, den Ärmel seines Mantels hochzuschieben. Er musste es sehen. Er musste wissen, was der Preis für sein Leben war.

Er hatte erwartet, Erfrierungen zu sehen. Blaue Haut, vielleicht Blasen, wie man sie bekam, wenn man ohne Handschuhe Holz hackte. Aber das hier war keine Erfrierung. Das war eine Verwandlung.

Vom Handgelenk bis fast zum Ellbogen war seine Haut nicht mehr menschlich. Sie war tiefschwarz. Nicht das Schwarz von Blutergüssen oder Fäulnis, sondern das reine, lichtschluckende Schwarz von Obsidian oder poliertem Onyx. Die Oberfläche war glatt, fast glasartig. Wo sie das Mondlicht fing, reflektierte sie es nicht, sondern schien es einzusaugen. Elias berührte die Stelle mit seiner linken Hand. Er zuckte nicht zusammen, denn er spürte die Berührung auf der schwarzen Haut nicht. Sie war taub. Tot. Und doch, als er versuchte, die Finger zu krümmen, gehorchten sie.

Die schwarze Hand ballte sich zur Faust. Es knackte leise, wie Eis, das auf einem zugefrorenen See bricht.

„Was bist du?“, flüsterte er.

Das Amulett, immer noch festgewachsen in seiner Handfläche, gab keine Antwort. Es war wieder in seinen Schlaf gefallen, ein grauer Kiesel in einer schwarzen Klaue. Aber Elias spürte die Veränderung. Die Grenze zwischen ihm und dem Artefakt war verschwunden. Es hing nicht mehr an ihm. Es war ein Teil von ihm. Er war kein Junge mehr, der ein Amulett trug. Er war der Träger des Handschuhs.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er erinnerte sich an Elaras Worte: Ein Leeres Gefäß. Er hatte geglaubt, das Amulett sei das Gefäß. Aber als er auf seinen schwarzen Arm starrte, der in der Dunkelheit kaum zu sehen war, beschlich ihn eine grauenhafte Ahnung. Vielleicht war das Amulett nur der Schlüssel. Und er war das Gefäß, das gefüllt werden musste.

Er riss den Ärmel herunter. Er konnte den Anblick nicht ertragen. Er fühlte sich beschmutzt, markiert als etwas, das nicht mehr ganz in die Welt der Lebenden gehörte.

Mühsam stand er auf. Seine Beine zitterten vor Erschöpfung, aber der Rausch der Energie, den er dem Wolf gestohlen hatte, hielt ihn noch aufrecht. Er griff nach seinem Bündel. Das Leder wies tiefe Risse von den Zähnen des Wolfes auf, aber es hatte gehalten. Er blickte nicht auf den toten Alpha zurück. Er schuldede dem Tier nichts. Es war Fressen oder Gefressenwerden gewesen. Und Elias hatte beschlossen, nicht das Futter zu sein.

Er wandte sich nach Norden, dort, wo der Wald sich lichtete und in die felsigen Ausläufer des Hochlandes überging. Der Marsch dauerte Stunden. Oder Tage. Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Es gab nur noch den Rhythmus seiner Stiefel auf dem Stein und das Ziehen in seiner Brust, das ihn vorwärts trieb.

Als er schließlich den Kamm des Hügels erreichte, brach der Morgen an. Kein strahlender Sonnenaufgang, sondern ein fahles, graues Licht, das den Nebel über den Tälern zerriss.

Elias blieb stehen. Er blinzelte gegen den Wind, der hier oben schärfer wehte, und da sah er es.

Am Horizont, weit entfernt, aber unmissverständlich, erhob sich ein Gebirge, das nicht aus Fels bestand. Es waren Türme. Hunderte von ihnen. Weiße Nadeln, die in den Himmel stachen, verbunden durch Brücken aus Glas und Stein, die im Morgenlicht glitzerten wie gefrorene Spinnweben. Mauern, so hoch, dass sie die Wolken zu berühren schienen, umgaben die Stadt in perfekten, konzentrischen Kreisen.

Seraphis. Die Stadt des Lichts. Die Festung der Akademie. Sie sah aus wie ein Versprechen. Rein. Unantastbar. Sicher.

Elias spürte eine Träne über seine Wange laufen, kalt und salzig. Er wischte sie mit dem Handrücken ab – mit dem linken. Er sah auf die glitzernde Stadt, und zum ersten Mal seit seiner Flucht erlaubte er sich, Hoffnung zu fühlen. Dort gab es Gelehrte. Magier. Menschen wie Thaddeus, von dem seine Mutter gesprochen hatte. Sie würden wissen, wie man das hier beendet. Sie würden den Fluch von seinem Arm nehmen. Sie würden ihn heilen.

Er wusste nicht, dass das Licht von Seraphis genauso kalt war wie der Schatten in seinem Arm. Er wusste nicht, dass er nicht in eine Zuflucht lief, sondern in den Schlund der Löwengrube.

Er richtete sich auf. Er zog den Mantel enger um seinen schwarzen Arm. „Ich komme“, flüsterte er dem Wind entgegen.

Dann begann er den Abstieg.