NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 5: Die Stunde der Hygrandier
Dunkelheit war nicht gleich Dunkelheit. Elias kannte die Dunkelheit des Waldes – sie war kühl, roch nach Harz und barg eine lauernde Stille. Er kannte die Dunkelheit der Auslöschung, die Aetherholm verschluckt hatte – sie war ein Vakuum, eine Abwesenheit von allem. Aber die Dunkelheit unter der Plane des Karrens war anders. Sie war stickig. Sie schmeckte nach altem Teer und Angstschweiß. Und sie war laut.
Die Räder des Fuhrwerks donnerten über grob behauenes Kopfsteinpflaster. Das Geräusch wurde von den engen Tunnelwänden tausendfach zurückgeworfen, ein dröhnendes Echo, das Elias’ Knochen vibrieren ließ. Klonk-Rumpel-Klonk. Er lag zusammengekauert zwischen zwei Kisten, die nach nassem Moder rochen. Sein rechter Arm war fest an seine Brust gepresst, die Hand unter der Achselhöhle vergraben, um das schwache, graue Pulsieren des Amuletts zu dämpfen.
Es war heiß hier unten. Eine feuchte, drückende Hitze, die nichts mit der Sonne zu tun hatte. Sie stieg aus der Tiefe auf, roch nach Schwefel und verbranntem Metall. Elias kämpfte gegen den Würgereiz. Die Schaukelei des Karrens wirbelte seinen leeren Magen durcheinander. Jeder Stoß jagte einen Schmerz durch seine Hüfte, dort, wo er auf dem harten Holzboden lag.
Wie lange fuhren sie schon? Minuten? Stunden? In der Finsternis verlor die Zeit ihre Form.
Plötzlich veränderte sich das Licht. Es war kein Tageslicht, das durch die Ritzen der Plane drang. Es war ein krankes, giftiges Grün. Gleichzeitig wurde der Lärm anders. Das Echo der Tunnelwände wich einer weiten, hallenden Akustik. Stimmen waren zu hören – Brüllen, Befehle, das Klirren von Ketten.
Der Karren wurde langsamer. „Halt!“, rief eine Stimme. Sie klang gelangweilt, aber autoritär. Ganz anders als die polierten Wächter am Haupttor. Diese Stimme hatte Kanten, geschliffen von billigem Schnaps und Gewalt.
Der Karren ruckte und blieb stehen. Das Maultier schnaubte und stampfte mit den Hufen auf Stein. Elias hielt den Atem an. Er machte sich so flach wie möglich, presste sich in die Ritze zwischen den Kisten. Sein Herzschlag hämmerte so laut gegen seine Rippen, dass er sicher war, man müsste es draußen hören.
„Ladung?“, fragte die Stimme. „Das Übliche“, antwortete der Kutscher. „Rohmaterial aus den Sümpfen. Für die Raffinerie.“ „Papiere.“ Ein Rascheln. Dann ein kurzes Schweigen. „Sieht gut aus. Aber der Zoll hat sich erhöht. Gefahrenzulage, verstehst du? Wegen der Unruhen im Norden.“
Der Kutscher fluchte leise. Es folgte das Klimpern von Münzen. „Halsabschneider“, murmelte er. „Geschäftsmann“, korrigierte die Wache lachend. „Fahr zu Bucht Vier. Und pass auf, wo du hintrittst. Die Käfer sind heute nervös.“
Käfer? Elias’ Nackenhaare stellten sich auf. Er erinnerte sich an die Schattenkriecher im Wald. Waren sie hier? Hatten sie Seraphis bereits unterwandert?
Die Peitsche knallte. Der Karren setzte sich wieder in Bewegung, aber nur kurz. Er rollte noch etwa fünfzig Meter, machte eine scharfe Kurve, und blieb dann endgültig stehen. „Abladen!“, brüllte der Kutscher. „Bewegt euch, ihr Maden! Ich werde nicht dafür bezahlt, hier Wurzeln zu schlagen!“
Schritte näherten sich. Schwere Stiefel auf Stein. Elias sah, wie die Plane an der Seite angehoben wurde. Grünes Licht flutete herein, blendend hell nach der langen Dunkelheit. Er sah eine Hand, grob und schwielig, die nach der ersten Kiste griff – genau der Kiste, hinter der Elias lag.
Er musste raus. Jetzt. Wenn sie die Kiste wegzogen, lag er auf dem Präsentierteller. Er wartete, bis der Arbeiter die Kiste anhob und ächzend zurücktrat, um sie auf seine Schulter zu wuchten. Für den Bruchteil einer Sekunde war der Blick des Mannes durch die Last blockiert.
Elias rollte sich zur Seite. Er glitt über die Ladefläche, ließ sich auf der gegenüberliegenden Seite des Karrens fallen. Er landete im Hocken, lautlos, die Hände im Schlamm. Sofort kroch er unter den Wagenkasten, in den tiefen Schatten zwischen den Rädern.
Erst jetzt wagte er es, zu atmen. Erst jetzt wagte er es, sich umzusehen.
Und was er sah, ließ ihn wünschen, er wäre im Tunnel geblieben.
Elias lag auf dem Bauch, den Körper flach in den kalten, öligen Schlamm gepresst, der den Boden der Ladebucht bedeckte. Über ihm knarrten die Holzdielen des Karrens, als der Kutscher hin und her lief, aber Elias hörte es kaum. Seine Sinne waren geflutet. Überfordert.
Er hatte sich Seraphis als einen Ort aus Licht vorgestellt, aber hier unten, im Fundament der Stadt, gab es kein Licht, das wärmte. Es gab nur das Phosphor-Grün.
Die Ladebucht war eine riesige, in den nackten Fels geschlagene Kaverne, so hoch, dass ihre Decke im Dunst verschwand. Fackeln brannten in eisernen Halterungen an den Wänden, aber ihre Flammen waren nicht gelb oder orange. Sie brannten mit einem chemischen, giftigen Grün, das lange, tanzende Schatten warf und jede Hautfarbe in ein kränkliches Grau verwandelte. Es war ein Licht, das nicht erhellte, sondern die Dunkelheit nur einfärbte.
Elias robbte vorsichtig ein Stück vorwärts, bis er zwischen den Speichen des mannshohen Rades hindurchsehen konnte. Was er sah, erinnerte ihn an einen Ameisenbau, den ein Kind mit einem Stock aufgebrochen hatte – chaotisch, hektisch und brutal.
Dutzende von Karren standen in der Bucht, manche beladen, manche leer. Aber sie wurden nicht von Pferden oder Ochsen gezogen. Hier unten regierten die Chitin-Bestien. Elias hatte solche Kreaturen noch nie gesehen. Sie waren massiv, so groß wie Brauereipferde, aber ihre Körper waren flach und breit, bedeckt mit Panzerplatten, die im grünen Licht feucht glänzten. Sie hatten sechs Beine, die in harten, klackernden Klauen endeten, und lange Fühler, die nervös die Luft abtasteten. Käfer-Bestien, schoss es ihm durch den Kopf. Arbeitstiere, gezüchtet für die Dunkelheit, stark genug, um Fels zu schleppen, und blind genug, um nicht vom Sonnenlicht zu träumen.
Ein Treiber schlug mit einer Eisenstange auf den Panzer eines der Tiere. Klong. Das Geräusch hallte von den Felswänden wider. Das Tier zuckte zusammen, gab ein tiefes, gurgelndes Zischen von sich und stemmte sich gegen sein Geschirr. „Beweg dich, du Missgeburt!“, brüllte der Treiber. Er trug die gleiche grobe Kleidung wie der Kutscher, aber um seinen Oberarm war ein grünes Stoffband gebunden. Das Zeichen der Gilde. Die Hygrandier.
Elias‘ Blick wanderte weiter, weg von den Tieren, hin zur Fracht. Die ganze Bucht war vollgestapelt mit Fässern. Sie waren nicht aus Holz, sondern aus einem dunklen, matten Metall, das das Licht zu schlucken schien. Sie sahen schwer aus, unnatürlich schwer. Und sie „sangen“.
Es war dasselbe Summen, das Elias bei der Aegis am Tor gespürt hatte, aber hier war es tiefer. Grollender. Es klang nicht nach Schutz. Es klang nach eingesperrter Gewalt.
Ein Trupp Arbeiter rollte gerade ein Fass eine Rampe hinunter. Sie trugen dicke Lederschürzen und Handschuhe, die bis zu den Ellbogen reichten. Ihre Gesichter waren von Tüchern verhüllt, als hätten sie Angst, die Luft zu atmen, die die Fässer umgab. Elias konnte es ihnen nicht verdenken. Ein süßlicher, schwerer Geruch hing in der Kaverne. Er erinnerte an verfaulende Blumen und Ozon – der Geruch von Magie, die schlecht geworden war.
Schatten-Öl.
Elias hatte den Begriff noch nie gehört, aber er wusste instinktiv, dass dies der Stoff war, der in den Adern der Stadt floss. Die Hygrandier handelten nicht mit Weizen oder Tuch. Sie handelten mit Energie. Und wenn seine Ahnung richtig war, dann war diese Energie nicht sauber.
Sein rechter Arm begann zu kribbeln. Es war nicht das aggressive Pochen wie bei der Aegis. Es war ein fast sehnsüchtiges Ziehen. Das Amulett in seiner Handfläche wurde warm, passte sich der Umgebungstemperatur an. Es fühlte sich hier wohl. Verwandte, flüsterte der Impuls in seinem Kopf. Nahrung.
Elias biss sich auf die Lippe. Er presste den Arm fester in den Schlamm. Halt die Klappe, dachte er wütend. Wir sind hier, um zu überleben, nicht um zu fressen.
Er musste einen Weg hier raus finden. Die Ladebucht war eine Sackgasse. Er musste weiter in die Stadt, oder zumindest in einen Bereich, wo er nicht sofort entdeckt wurde. Er scannte die Wände der Kaverne. Weit hinten, hinter den Reihen der summenden Fässer, sah er einen massiven Lastenaufzug. Eine Plattform aus Gitterrost, die an dicken Ketten hing, welche in der Dunkelheit der Decke verschwanden. Zahnräder, groß wie Mühlsteine, drehten sich langsam und zogen die Plattform nach oben. Das war der Weg in die Oberstadt. Oder zumindest in die höheren Ringe.
Aber zwischen ihm und dem Aufzug lagen fünfzig Meter offenes Gelände, patrouilliert von brutalen Aufsehern und ihren Käfer-Bestien.
Plötzlich verstummte der Lärm in seiner unmittelbaren Nähe. Stiefel traten in sein Sichtfeld. Schwere, stahlkappenbesetzte Stiefel. Sie blieben direkt vor seinem Versteck stehen, keine zwei Meter entfernt.
„Hast du gehört, was am Nord-Sektor passiert ist?“, fragte eine raue Stimme. „Gerüchte“, antwortete eine zweite, tiefere Stimme. Jemand spuckte auf den Boden. Ein Fleck dunklen Schleims landete direkt vor Elias’ Nase. „Die sagen, ein Dorf sei einfach weg. Puff. Wie eine ausgepustete Kerze.“
Elias erstarrte. Sein Atem stockte. Sie sprachen von Aetherholm. „Keine Gerüchte“, sagte der Erste. „Mein Cousin war bei der Vorhut. Er sagt, da war nichts mehr. Kein Feuer, keine Leichen. Nur Schatten.“ Er senkte die Stimme. „Arkan zahlt gut für Informationen. Er sucht jemanden. Einen Jungen.“
Elias spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Arkan wusste es bereits. Er wusste, dass Elias überlebt hatte. „Ein Junge?“, brummte der Zweite skeptisch. „Was soll ein Kind schon tun? Schatten-Spiele?“ „Keine Ahnung. Aber das Kopfgeld ist hoch genug, um uns beide aus diesem Drecksloch rauszukaufen. Tausend Luma. Für den Kopf. Oder den Arm.“
Den Arm. Elias schloss die Augen. Die Kälte in seiner rechten Hand wurde intensiver, reagierte auf seine Angst. Sie suchten nicht ihn. Sie suchten das Gefäß. Er war kein Mensch mehr. Er war eine laufende Belohnung.
Die Stiefel setzten sich wieder in Bewegung. „Lass uns abladen. Wenn wir die Quote nicht schaffen, verfüttert der Boss uns an die Käfer.“
Elias wartete, bis die Schritte verklungen waren. Tausend Luma. Er war reich. Und er war tot, wenn ihn hier jemand erkannte. Er musste zum Aufzug. Jetzt.
Er schob sich vorsichtig unter dem Karren hervor, bereit, beim ersten Anzeichen von Entdeckung loszurennen. Doch was dann geschah, stoppte ihn, bevor er auch nur aufstehen konnte.
Ein Schrei durchschnitt den Lärm der Halle. Kein Befehl. Ein Schrei purer Agonie.
Elias blickte nach links, dorthin, wo der Trupp Arbeiter das Fass bewegte. Einer von ihnen war ausgerutscht. Im öligen Schlamm hatte er den Halt verloren. Das schwere Metallfass war ihm entglitten. Es kippte. Es schlug hart auf dem Steinboden auf. Der Deckel sprang ab.
Es gab keine Explosion. Es gab nur eine Welle aus absoluter Schwärze.
Die Flüssigkeit, die aus dem geborstenen Fass schwappte, war nicht schwarz wie Tinte oder Öl. Sie war schwarz wie ein Loch im Raum. Sie reflektierte nicht das grüne Fackellicht; sie verschluckte es.
Der Arbeiter, ein junger Mann mit breiten Schultern und verfilztem Haar, lag im Schlamm. Er versuchte, sich aufzurappeln, die Hände tastend, suchend nach Halt. Seine linke Hand landete in der Pfütze.
Das Geräusch war entsetzlich. Kein Zischen wie von Säure. Kein Verbrennen. Es war ein trockenes, knisterndes Geräusch, wie Herbstlaub, das in einer Faust zerdrückt wird.
Der Schrei des Mannes begann tief in seiner Kehle, ein gurgelndes Keuchen, das sich schnell zu einem schrillen, unmenschlichen Kreischen steigerte. Elias sah aus seinem Versteck unter dem Karren, wie die Schwärze den Arm des Mannes hinaufkroch. Sie war schnell. Gierig. Wo sie die Haut berührte, geschah keine Verletzung im herkömmlichen Sinne. Das Fleisch wurde nicht weggeätzt. Es wurde alt. Die Haut des jungen Mannes wurde im Bruchteil einer Sekunde grau, papierdünn, bekam Flecken. Die Muskeln darunter schrumpften, verloren jede Spannung, als würde die Lebenszeit von sechzig Jahren in einem einzigen Herzschlag ablaufen.
„Hilfe!“, kreischte er. Er schlug mit der gesunden Hand wild um sich, versuchte, die schwarze Masse abzuschütteln, aber sie klebte an ihm wie lebendiger Teer.
Die anderen Arbeiter wichen zurück. Niemand rannte zu ihm. Niemand warf ihm ein Seil zu oder versuchte, ihn wegzuziehen. Sie drängten sich gegen die Felswände, die Augen weit aufgerissen, die Gesichter bleich unter dem Ruß. Sie wussten, was das war. Und sie wussten, dass es keine Rettung gab.
Der Vorarbeiter, der Mann mit dem grünen Gilden-Band, trat vor. Er hielt Abstand zur Pfütze, aber er wirkte nicht entsetzt. Er wirkte wütend. Er zog ein schweres Notizbuch aus seinem Gürtel, leckte an einem Stift.
„Fass Nummer 407“, murmelte er, laut genug, dass seine Stimme durch die Halle hallte. „Verlust durch Fahrlässigkeit.“
Der Arbeiter am Boden wand sich. Die Schwärze hatte seine Schulter erreicht. Sein Schreien war jetzt nur noch ein wimmerndes Röcheln. Sein Gesicht, eben noch voller Panik, wurde starr. Die Augen trübten sich, wurden milchig weiß – Katarakte, die sich in Sekunden bildeten. Er griff nach dem Stiefel des Vorarbeiters, eine letzte, verzweifelte Geste. Der Vorarbeiter trat einen Schritt zurück, zog den Fuß weg, als wäre er von Dreck bespritzt worden.
„Lass das, Kaleb“, sagte er kalt. „Du machst die Quote kaputt.“
Elias presste die Hand vor den Mund. Er spürte, wie Übelkeit in ihm aufstieg, heiß und überwältigend. Das war kein Unfall. Das war eine Kalkulation. Er sah, wie das „Öl“ den Hals des Mannes erreichte. Die Sehnen traten hervor, grau und brüchig wie altes Tauwerk. Dann verstummte das Röcheln. Der Kopf des Mannes fiel zurück in den Schlamm. Er schlug nicht weich auf. Er klang hohl. Der Körper zuckte noch einmal, dann zerfiel er. Wie bei Jorin. Wie bei den Laternen. Die Kleidung sackte in sich zusammen, gefüllt nur noch mit grauer Asche und Knochenstaub, der vom Luftzug der Belüftungsräder davongetragen wurde.
Übrig blieb nur die schwarze Pfütze, die nun satt und träge im Schlamm lag. Und das leere Fass.
Stille senkte sich über die Ladebucht. Nur das Wumm-Wumm der Maschinen und das nervöse Klicken der Käfer-Bestien war zu hören.
Der Vorarbeiter klappte sein Buch zu. „Drei Mann zum Aufräumen“, befahl er, als hätte er gerade eine zerbrochene Weinkiste begutachtet. „Nehmt die Bleischaufeln. Und wehe, einer von euch berührt das Zeug mit der Haut. Ich habe keine Lust, noch mehr Formulare auszufüllen.“ Er blickte auf den Aschehaufen, der einmal Kaleb gewesen war. „Den Rest zieht ihr von seinem Lohn ab. Seine Familie soll für das verschwendete Material zahlen.“
Die Arbeiter bewegten sich. Langsam, mit gesenkten Köpfen, griffen sie nach schweren Schaufeln, die an der Wand lehnten. Niemand protestierte. Niemand weinte. In der Dunkelheit von Seraphis war Trauer ein Luxus, den sich niemand leisten konnte.
Elias zitterte am ganzen Leib. Das Amulett an seinem Arm war heiß geworden, glühend heiß. Es hatte den Tod gespürt. Es hatte die freigesetzte Energie gespürt, die das Öl dem Mann entrissen hatte. Und es wollte mehr. Verschwendung, flüsterte der Impuls. So viel Kraft. Verschüttet.
Elias krallte die Finger in den Schlamm. Er hatte gedacht, die Schatten im Norden wären das Böse. Monster, die töteten, weil es ihre Natur war. Aber das hier... Menschen, die den Tod in Fässer füllten. Die ihn verkauften. Die ihn „Material“ nannten. Das war kein Überlebenskampf. Das war Industrie.
„Hey!“
Der Ruf riss Elias aus seiner Starre. Er kam nicht vom Vorarbeiter. Er kam von der anderen Seite des Karrens. Ein paar Stiefel waren dort stehengeblieben. Ein Paar Augen, die unter den Rädern hindurchblickten, direkt in Elias' Gesicht. Ein Junge, kaum älter als zehn, ein Laufbursche mit einer Laterne in der Hand.
Er starrte Elias an. Elias starrte zurück. Er sah den Moment, in dem der Junge begriff, dass Elias kein Arbeiter war. Er sah die Angst. Und dann die Berechnung. Der Vorarbeiter hatte eine Belohnung erwähnt.
Der Junge öffnete den Mund. Er holte Luft.
Die Sekunde dehnte sich. Elias sah, wie sich die Pupillen des Jungen weiteten. Er sah die Gier darin aufblitzen, hell und hungrig, die Angst verdrängend. Tausend Luma. Für einen Gassenjungen, der wahrscheinlich für Essensreste arbeitete, war das keine Summe. Es war ein neues Leben.
Elias schüttelte den Kopf, eine winzige, flehende Bewegung. Tu es nicht.
Der Junge holte tief Luft. Seine schmutzigen Hände umklammerten den Griff der Laterne fester. „HIER!“, schrie er. Seine Stimme überschlug sich, schrill und durchdringend wie eine Pfeife. „ER IST HIER! UNTER DEM WAGEN! DER FREMDE!“
Das Echo des Schreis war noch nicht verhallt, da explodierte die Ladebucht in Bewegung. Der Vorarbeiter wirbelte herum, das Notizbuch noch in der Hand. Die apathischen Arbeiter, die eben noch die Asche ihres Kollegen zusammengekehrt hatten, ließen die Schaufeln sinken und hoben die Köpfe. Die Käfer-Bestien reagierten auf die plötzliche Spannung. Ihre Fühler peitschten wild umher, Mandibeln klackten nervös.
Elias wartete nicht auf den Befehl zum Angriff. Er stieß sich ab. Er schoss unter dem Karren hervor, auf der dem Jungen abgewandten Seite. Seine Stiefel fanden Halt im öligen Schlamm, rutschten kurz, fassten dann Tritt.
„Greift ihn!“, brüllte der Vorarbeiter. „Das Tor! Riegelt das Tor ab!“
Elias sprintete los. Er rannte nicht zum Tunneleingang, durch den sie gekommen waren. Dort standen der Karren und der Kutscher, der bereits nach einer Eisenstange griff. Der Weg zurück war versperrt. Er rannte tiefer in die Halle hinein.
Vor ihm türmte sich ein Labyrinth aus schwarzen Fässern auf. Reihen über Reihen, gestapelt bis in schwindelerregende Höhen. Elias duckte sich, als er in die erste Gasse zwischen den Stapeln eintauchte. Hinter ihm hörte er schwere Stiefel auf Stein. „Er rennt zu den Tanks!“, rief jemand. „Lasst die Hunde los!“
Hunde? Elias riskierte einen Blick über die Schulter. Es waren keine Hunde. Zwei der Käfer-Bestien waren von ihren Ketten gelöst worden. Sie waren schneller ohne ihre Last, erschreckend schnell. Ihre sechs Beine bewegten sich in einem flirrenden Rhythmus, der sie über den Boden schießen ließ wie riesige, gepanzerte Spinnen.
Elias bog scharf nach rechts ab. Seine Schulter schrammte gegen ein Metallfass. Das Amulett vibrierte warnend. Es war hier zu viel Energie. Wenn er stürzte, wenn er eines dieser Fässer beschädigte...
Er sah eine Treppe. Es war keine richtige Treppe, eher ein Wartungssteg aus rostigem Eisen, der an der Felswand hinaufführte, zu einer Galerie von Rohrleitungen und Ventilen. Er sprang über eine Pfütze aus grünlich schimmerndem Sickerwasser und erreichte die erste Stufe. Das Metall schepperte unter seinen Tritten.
Klonk. Klonk. Klonk.
Ein Zischen ertönte hinter ihm. Er sah nicht zurück. Er spürte den Luftzug, als eine Klaue nur Zentimeter an seiner Wade vorbeischlug und Funken aus dem Eisengeländer schlug. Eine der Bestien versuchte, ihm auf den Steg zu folgen.
Elias hastete die Stufen hinauf, nahm zwei auf einmal. Sein Atem brannte in der Lunge, schmeckte nach Schwefel und Panik. Oben angekommen, warf er sich über das Geländer auf die Plattform. Er blickte hinunter.
Die Käfer-Bestie war zu breit für die schmale Treppe. Sie verkeilte sich mit ihrem Panzer zwischen Wand und Geländer, zischte wütend und schnappte mit den Mandibeln in die leere Luft. Unten sammelten sich die Hygrandier. Der Vorarbeiter stand inmitten seiner Männer, das Gesicht rot vor Anstrengung und Zorn. Er deutete nach oben. „Er sitzt in der Falle!“, rief er triumphierend. „Da oben gibt es keinen Ausgang. Das ist die Entlüftung!“
Elias blickte sich hektisch um. Der Steg, auf dem er stand, führte an einer Reihe massiver Rohre entlang, die in die Felswand eingelassen waren. Sie pulsierten. Man konnte hören, wie das zähflüssige Schatten-Öl durch sie hindurchgepumpt wurde. Gluck. Wumm. Gluck. Der Steg endete zehn Meter weiter an einer massiven Felswand. Sackgasse.
Er rannte trotzdem bis zum Ende. Er tastete die Wand ab, suchte nach einem Schacht, einer Leiter, irgendetwas. Nichts. Nur feuchter, schleimiger Stein.
Unten begannen die Arbeiter, die Treppe zu erklimmen. Einer hatte eine Armbrust. Er legte an. „Lebend!“, brüllte der Vorarbeiter. „Ich will die Prämie!“ Der Schütze senkte die Waffe etwas, zielte auf Elias' Beine.
Elias presste sich mit dem Rücken gegen den kalten Fels. Er war gefangen. Sein Blick fiel auf die Rohre neben ihm. Sie waren heiß. Zu heiß zum Anfassen. Wenn er sie beschädigte, würde das Öl herausschießen. Es würde ihn töten, aber es würde auch die Verfolger aufhalten. Das Amulett pulsierte wild. Zerstöre es, flüsterte es. Lass das Chaos frei.
Er hob die Hand, die schwarze Faust bereit, das Metall zu zerschmettern. Er würde nicht zurückgehen. Er würde sich nicht in einen Käfig sperren lassen, damit Arkan ihn sezieren konnte.
„Nicht das Rohr, du Idiot.“
Die Stimme kam von nirgendwo. Elias zuckte zusammen. Er sah nach links, nach rechts. Niemand.
„Unten“, zischte die Stimme. „Unter dem Gitter.“
Elias blickte zu seinen Füßen. Der Boden des Stegs bestand aus grobem Gitterrost, durch das man in die Tiefe sehen konnte. Direkt unter ihm, kopfunter hängend wie eine Fledermaus, krallte sich jemand an den Verstrebungen des Stegs fest. Ein Gesicht starrte durch die Gitterstäbe zu ihm herauf. Dunkle Augen, schwarz umrandet. Kurzes, wildes Haar. Ein Grinsen, in dem ein Goldzahn aufblitzte.
Zara.
Sie hielt sich mit einer Hand und den Beinen fest. In der anderen Hand hielt sie einen Dietrich – oder eher einen gebogenen Draht. „Du hast genau drei Sekunden, bevor der Bolzen dich trifft“, sagte sie ruhig. „Tritt auf die Verriegelung. Da, wo der Rost rot ist.“
Elias sah den roten Fleck, einen verrosteten Hebelmechanismus direkt an der Wand. Er dachte nicht nach. Er trat zu.
KLACK.
Der Boden unter seinen Füßen gab nach. Das Gitter schwang nach unten auf. Elias fiel.
Der Fall dauerte weniger als einen Herzschlag, aber in Elias’ Wahrnehmung dehnte er sich zu einer Ewigkeit aus Panik und Windgeräusch. Er erwartete den harten Aufprall auf Stein, das Brechen von Knochen. Stattdessen traf er auf etwas Flexibles.
Ein Ruck ging durch seinen Körper, hart genug, um ihm die Luft aus den Lungen zu pressen, aber weich genug, um ihn nicht zu töten. Grobe Maschen schnitten in seine Haut. Er war in einem Netz gelandet – einem jener Auffangnetze, die unter den Wartungsstegen gespannt waren, um herabfallende Werkzeuge (oder unvorsichtige Arbeiter) aufzufangen, bevor sie in die chemische Brühe des Kanals stürzten.
Das Netz schwankte wild. Elias klammerte sich an die Taue, die nach Teer und Schimmel rochen. Über ihm, durch das klaffende Loch im Gitterrost, sah er das grüne Licht der Ladebucht und die Silhouetten der Hygrandier, die am Rand des Abgrunds standen und hinunterbrüllten. Ein Armbrustbolzen zischte durch die Lücke, verfehlte Elias’ Schulter um Handbreite und verschwand in der Dunkelheit unter ihm.
„Nicht bewegen“, zischte eine Stimme direkt neben seinem Ohr.
Elias drehte den Kopf. Zara hockte neben ihm im Netz, balancierend wie eine Spinne in ihrem Gewebe. Sie hielt sich nur mit einer Hand und einem eingehakten Stiefel fest. In der anderen Hand blitzte Metall auf. Kein Dietrich mehr. Ein Dolch. Die Klinge war dunkel angelaufen, mattiert, um kein Licht zu reflektieren.
„Wenn du zappelst, reißt die Verankerung“, flüsterte sie. „Und ich habe keine Lust, in der Suppe da unten zu baden.“
Oben hörte man das Stampfen von Stiefeln. „Sie sind in den Schacht gefallen!“, brüllte der Vorarbeiter. „Holt die Fackeln! Leuchtet da runter!“
Zara fluchte leise. Es war ein hässliches, gutturales Wort, das man in keiner Akademie lernte. Sie griff nach Elias’ Kragen – grob, effizient. „Loslassen“, befahl sie.
„Was?“ Elias starrte sie an, als wäre sie wahnsinnig. Unter dem Netz gähnte schwarze Leere. Man hörte nur das Gluckern von Wasser, tief unten.
„Ich sagte: Loslassen.“ Bevor Elias protestieren konnte, schnitt sie mit einer fließenden Bewegung das Tau durch, das das Netz an der rechten Seite hielt. Elias rutschte. Das Netz kippte weg, wurde zur Rutsche. Er schlitterte abwärts, schürfte sich die Hände am rauen Hanf auf. Er fiel aus dem Netz, hinein in die Dunkelheit.
Aber es war kein tiefer Fall. Er landete hart auf etwas Rundem, Metallischem. Ein Rohr. Es war massiv, so breit wie ein Baumstamm, und vibrierte unter ihm. Es war warm. Elias rutschte ab, krallte sich reflexartig fest, seine Beine baumelten ins Nichts. Er spürte die Hitze des Metalls durch seine Kleidung. Im Inneren des Rohres rauschte etwas Dickflüssiges. Das Öl.
Zara landete neben ihm. Sie kam auf den Fußballen auf, federte den Sturz ab und fand sofort das Gleichgewicht auf der gekrümmten Oberfläche. Sie packte ihn an der Schulter seiner Jacke und zog ihn hoch, bis er rittlings auf dem Rohr saß.
„Kopf runter“, zischte sie.
Oben flammte Licht auf. Fackeln wurden durch das Gitter gehalten. Der Lichtkegel tanzte durch den Schacht, suchte, tastete. Er strich über das zerschnittene Netz, das nun schlaff herabhing. Der Lichtstrahl kam näher. Er wanderte an der Wand entlang, nach unten.
Zara drückte Elias flach auf das Rohr. Sie warf sich halb über ihn, bedeckte seinen helleren Hautton und das verräterische Lederbündel mit ihrem dunklen Umhang. Sie roch nach altem Rauch, Lederfett und getrocknetem Blut. Es war kein angenehmer Geruch, aber er war menschlich. Real. Elias hielt den Atem an. Er spürte ihren Herzschlag an seinem Rücken – ruhig, gleichmäßig.
Der Lichtstrahl strich über das Rohr, nur wenige Meter von ihren Füßen entfernt. Dann zog er weiter, verlor sich in der Tiefe.
„Ich sehe nichts!“, rief einer der Hygrandier. „Das Netz ist gerissen. Sie müssen unten im Sumpf sein.“
„Verdammt“, fluchte der Vorarbeiter. Das Echo verzerrte seine Stimme zu einem Grollen. „Wenn sie im Sumpf sind, sind sie tot. Das Zeug da unten ätzt Fleisch vom Knochen. Schreibt sie ab.“
Stille. Dann das Geräusch von Schritten, die sich entfernten. Das Gitter oben wurde nicht geschlossen – wahrscheinlich war der Mechanismus zu verrostet –, aber das Licht verschwand. Die Dunkelheit kehrte zurück, schwerer und dichter als zuvor.
Zara rührte sich erst, als das letzte Echo verklungen war. Sie rollte sich von Elias herunter, setzte sich auf, ließ die Beine lässig über den Rohrrand baumeln. In der fast völligen Finsternis konnte Elias ihre Züge nur erahnen, aber er spürte ihren Blick auf sich ruhen. Prüfend. Taxierend.
„Du bist schwerer, als du aussiehst, Waldjunge“, sagte sie. Ihre Stimme war jetzt normal laut, aber sie hallte nicht. Das Rohr schien den Schall zu schlucken. „Was hast du in dem Bündel? Goldbarren?“
Elias setzte sich auf. Seine Hände zitterten immer noch vom Adrenalin. Er rückte seinen rechten Ärmel zurecht, zog ihn tief über die Hand, um den Frost zu verbergen. „Brot“, sagte er heiser. „Und Wasser.“
„Brot.“ Zara schnaubte. Ein kurzes, trockenes Geräusch. „Du brichst in die Ladebucht der Hygrandier ein, legst dich mit Käfer-Bestien an und riskierst deinen Hals... für Brot?“ Sie lehnte sich vor. Plötzlich blitzte Stahl auf. Die Spitze ihres Dolches drückte sanft gegen Elias’ Kehle. Nicht tief genug, um zu schneiden, aber fest genug, um ihn erstarren zu lassen.
„Lüg mich nicht an“, sagte sie leise. „Ich habe gesehen, wie du gerannt bist. Du bist nicht schnell, aber du hast Reflexe. Und du hast etwas an dir, das die Käfer nervös gemacht hat.“ Sie drückte den Dolch einen Millimeter fester. „Wer bist du? Und warum ist Arkan hinter dir her?“
Elias schluckte. Er spürte das kalte Metall an seiner Haut. „Ich dachte, du rettest mich“, krächzte er.
„Ich rette Investitionen“, korrigierte sie kalt. „Ich habe dich nicht aus Herzensgüte da rausgeholt. Ich habe dich rausgeholt, weil ein Kopfgeld von tausend Luma bedeutet, dass du wertvoll bist. Die Frage ist: Bist du wertvoll für mich? Oder bist du nur Ballast?“
Das Amulett an Elias’ Arm pochte. Ein dunkles, wütendes Wumm. Es reagierte auf die Bedrohung. Es bot ihm Energie an. Lass sie frieren, flüsterte es. Zerbrich die Klinge. Elias schloss kurz die Augen, kämpfte den Impuls nieder. Er durfte es nicht benutzen. Nicht hier. Nicht gegen sie.
„Ich bin kein Ballast“, sagte er fest. Er öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit, dorthin, wo er ihr Gesicht vermutete. „Ich bin der Grund, warum Aetherholm gefallen ist. Und ich bin der Einzige, der weiß, was wirklich im Norden passiert.“
Zara schwieg. Er spürte, wie sie zögerte. Dann nahm sie das Messer weg. Sie steckte es mit einer flüssigen Bewegung zurück in die Scheide an ihrem Oberschenkel.
„Aetherholm“, wiederholte sie. Der Spott war aus ihrer Stimme verschwunden. Sie klang nachdenklich. „Das Dorf, das Puff gemacht hat.“ Sie stand auf dem runden Rohr auf, balancierte mühelos freihändig. „Na schön. Du hast Glück, Waldjunge. Ich mag Geschichten. Besonders die, die Arkan nervös machen.“
Sie streckte die Hand aus, diesmal nicht, um zu drohen, sondern um ihm aufzuhelfen. „Aber hier bleiben wir nicht. Das Rohr wird in zehn Minuten heiß genug, um deine Stiefel zu schmelzen. Wir müssen tiefer.“
Elias griff nach ihrer Hand. Sie war rau, voller Hornhaut, aber sie war der einzige Halt in dieser Welt aus Schatten und Metall. „Tiefer?“, fragte er. „Ich dachte, wir wollen nach oben. Zu Thaddeus.“
Zara lachte leise in die Dunkelheit. „Der Weg nach oben führt durch den Dreck, Kleiner. Das ist Lektion eins in Seraphis.“ Sie zog ihn hoch. „Willkommen in der Rost-Ader. Pass auf deinen Kopf auf. Und fass nichts an, was grün leuchtet.“
Sie drehte sich um und begann, auf dem Rohr zu laufen, als wäre es eine breite Straße. Elias folgte ihr. Er hatte keine Wahl. Unter ihm rauschte das Schatten-Öl. Über ihm lauerten die Hygrandier. Und vor ihm lief ein Mädchen mit Messern, das vielleicht seine einzige Chance war – oder sein Untergang.
Der Weg über das Rohr war ein Tanz auf dem Rücken eines schlafenden Drachen. Das Metall unter Elias’ Stiefeln war so heiß, dass er die Hitze durch die Sohlen spüren konnte. Unter ihm rauschte die schwarze Masse des Schatten-Öls, ein beständiges, gurgelndes Flüstern, das von Tod und Zerfall erzählte.
Zara bewegte sich vor ihm mit einer irritierenden Leichtigkeit. Sie balancierte nicht; sie schlenderte. Ihre Arme hingen locker an den Seiten, ihr Körper glich jede Vibration des Rohres instinktiv aus. Elias hingegen schwitzte. Nicht nur wegen der Hitze. Sein Gleichgewichtssinn war gestört durch das zusätzliche Gewicht des gefrorenen Arms, der ihn bei jeder Bewegung leicht nach rechts zog. Er musste sich zwingen, nicht nach unten zu sehen, sondern seinen Blick auf Zaras schmalen Rücken zu fixieren.
Nach etwa hundert Metern machte das Rohr einen Knick und verschwand in einer massiven Betonwand. Zara sprang ab, landete auf einem schmalen Gittersteg, der an der Wand entlangführte. „Runter vom Grill“, sagte sie und winkte ihn zu sich.
Elias sprang. Seine Beine gaben beim Aufprall nach, und er musste sich am Geländer festhalten. Das Eisen war kalt und schmierig. Er atmete tief durch. Die Luft hier war etwas kühler, roch aber immer noch nach Schwefel und Fäulnis.
„Du lebst noch“, stellte Zara fest. Sie lehnte am Geländer und verschränkte die Arme. „Gut. Tote Klienten zahlen schlecht.“
Elias richtete sich auf. Er wischte sich den Ruß von der Stirn. „Ich habe kein Geld“, sagte er offen. „Ich habe dir gesagt, ich habe nur Silber. Und das ist hier wertlos.“
Zara grinste. Es war kein freundliches Grinsen. Es war das Grinsen eines Raubtiers, das ein verletztes Tier taxiert. „Silber ist langweilig. Aber Informationen? Chaos? Das hat einen Marktwert.“ Sie stieß sich vom Geländer ab und trat nah an ihn heran. Zu nah. „Du hast gesagt, du bist der Grund für den Fall von Aetherholm. Du hast gesagt, Arkan sucht dich.“ Sie senkte die Stimme. „Arkan sucht niemanden wegen eines Dorfbrandes. Er sucht Leute, die etwas haben, das er will. Oder die etwas können, das er fürchtet.“
Ihr Blick glitt zu seinem rechten Arm, der immer noch unter dem Mantel verborgen war. Elias widerstand dem Drang, zurückzuweichen. „Ich muss in den Ersten Ring“, wiederholte er stur. „Zu Thaddeus. Wenn du mich hinbringst...“
„Wenn ich dich hinbringe“, unterbrach sie ihn, „riskieren wir beide unseren Kopf. Der Lastenaufzug wird bewacht. Die Oberstadt ist eine Festung.“ Sie drehte sich um und ging den Steg entlang. „Aber ich habe noch eine Rechnung mit den Silber-Röcken offen. Und wenn du wirklich der Ärger bist, nach dem du riechst... dann lohnt es sich vielleicht, dich wie eine Bombe in ihren Vorgarten zu werfen.“
Sie erreichten das Ende des Stegs. Vor ihnen öffnete sich ein gewaltiger Schacht. Er war so breit, dass man ein Haus darin versenken könnte. In der Mitte hing eine massive Plattform aus Eisen und Holz, gehalten von Ketten, deren Glieder so dick waren wie Elias’ Oberschenkel. Das war er. Der Lastenaufzug. Er verband die Unterwelt – die Rost-Ader und die Ladebuchten – mit den glänzenden Ebenen der Oberstadt.
Im Moment stand er still. Zwei Wachen in den Uniformen der Akademie, aber mit ölverschmierten Stiefeln, standen gelangweilt vor dem Steuerpult an der Seite. Sie würfelten auf einer Kiste.
„Siehst du sie?“, flüsterte Zara. Sie hockten im Schatten eines Lüftungsrohrs. „Zwei“, sagte Elias.
„Zwei, die wir sehen. Und oben warten wahrscheinlich noch mehr.“ Sie zog einen kleinen Beutel aus ihrem Gürtel. Er klirrte nicht. Er raschelte. „Hör zu, Waldjunge. Ich bringe dich auf die Plattform. Aber sobald wir oben sind, trennen sich unsere Wege. Ich bin kein Babysitter. Du suchst deinen Zauberer, ich verschwinde in den Schatten. Verstanden?“
„Verstanden.“ Elias sah sie an. „Warum tust du das? Wirklich?“
Zara zögerte kurz. Ihr Blick wurde hart, für den Bruchteil einer Sekunde fast verletzlich. „Weil Arkan diese Stadt erstickt“, sagte sie leise. „Er verkauft das Licht an die Reichen und füttert uns unten mit Dunkelheit. Jeder, der ihm ans Bein pissen will, ist mein Freund. Zumindest für einen Tag.“
Sie öffnete den Beutel. Darin war graues Pulver. „Blendstaub“, erklärte sie. „Wenn ich werfe, rennst du. Nicht denken. Rennen. Zur Plattform. Versteck dich hinter den Fässern.“
„Und du?“
„Ich mache das, was ich am besten kann.“ Sie zwinkerte. „Ich sorge dafür, dass sie in die falsche Richtung schauen.“
Sie schlich vorwärts, lautlos wie Rauch. Elias spürte, wie sein Herzschlag beschleunigte. Das Amulett an seinem Arm pulsierte im Takt mit den riesigen Zahnrädern des Aufzugs. Aufwärts, dachte er. Ins Licht.
Zara hob die Hand. Sie warf den Beutel. Er traf die Fackelhalterung über den Wachen. PUFF.
Eine Wolke aus dichtem, weißem Rauch explodierte, füllte den Eingangsbereich in Sekunden. Die Wachen husteten, fluchten, stolperten blind umher. „Alarm!“, schrie einer.
„Jetzt!“, zischte Zara aus dem Nebel.
Elias rannte. Er presste das Bündel an seine Brust, duckte den Kopf und stürmte durch den Rauch. Er hörte das Klirren von Waffen, hörte Zaras höhnisches Lachen von irgendwo links, das die Wachen weglockte. Er erreichte die Plattform. Er warf sich hinter einen Stapel Kisten, die mit „Akademie-Bedarf“ beschriftet waren.
Kurz darauf landete Zara neben ihm. Sie atmete nicht einmal schwer. Sie kroch zum Steuerpult, das nun unbewacht war. „Festhalten“, sagte sie und zog einen schweren Hebel nach unten.
Die Ketten strafften sich mit einem ächzenden Klong. Der Boden unter ihnen vibrierte. Langsam, ruckelnd, setzte sich der Koloss in Bewegung. Das grüne Licht der Ladebucht sank unter ihnen weg. Über ihnen öffnete sich ein Schacht, an dessen Ende ein winziger Punkt aus reinem, weißem Licht zu sehen war.
Elias blickte nach oben. Er blickte in den Himmel von Seraphis. Er wusste nicht, dass er gerade das Vorzimmer der Hölle verlassen hatte, nur um den Thronsaal des Teufels zu betreten.