NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

PROLOG: Der Preis der Stille

Stille hatte ein Gewicht. Sie legte sich wie nasse Wolle über den Wald von Aetherholm, dämpfte jedes Geräusch, erstickte jeden Atemzug.

Jorin strauchelte.

Eine Wurzel, glitschig von Fäulnis und ewigem Nebel, schälte sich aus dem Unterholz und verhakte sich in seinem Stiefel. Der Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen, doch er schrie nicht. Er biss sich auf die Zunge, bis der metallische Geschmack von Blut den von Angst überlagerte.

Er durfte nicht schreien. Schreie waren Wegweiser.

Mühsam stemmte er sich hoch. Seine Hände gruben sich in den schwarzen, morastigen Boden, der nach moderndem Laub und vergessenen Jahren roch. Kälte kroch durch seine Handflächen, aber sie war nichts im Vergleich zu dem Eisblock, der gegen sein Brustbein hämmerte.

Das Amulett.

Es hing an einer groben Lederschnur um seinen Hals, verborgen unter drei Schichten Leinen und Wolle, und doch fühlte es sich an, als läge es direkt auf seiner nackten Haut. Es war kein Schmuckstück. Es war ein Parasit. Jorin spürte, wie das graue Gestein die Wärme aus seinem Körper sog – gierig, endlos, ein schwarzes Loch in Form eines Steins. Reif bildete sich auf den Fasern seines Unterhemdes, während ihm der Schweiß der Anstrengung über die Stirn rann. Ein physikalischer Widerspruch, der ihm Übelkeit in die Kehle trieb.

Nicht stehenbleiben.

Der Gedanke war der einzige Anker in einem Geist, der drohte, im Paniknebel zu zerfasern. Er musste die Ruinen erreichen. Bevor das Licht gänzlich starb.

Über ihm filterten die Baumkronen das fahle Mittagslicht zu einem kränklichen Grau. Hier, in den Grenzlanden, schien die Sonne nie wirklich durchzudringen, als hätte die Welt selbst vergessen, wie Wärme funktionierte. Nebelschwaden zogen wie Geisterfinger zwischen den Stämmen hindurch, teilten sich vor ihm und schlossen sich hinter ihm, um seine Spuren zu verwischen.

"Skrrt."

Das Geräusch war leise, kaum mehr als das Knacken eines Zweiges, aber es durchschnitt die unnatürliche Stille wie eine Rasierklinge.

Jorin erstarrte. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, laut wie eine Kriegstrommel. Er presste sich gegen den rauen Stamm einer Eiche, deren Rinde sich in seinen Rücken bohrte. Er wagte nicht zu atmen. Etwas bewegte sich im Nebel. Etwa zwanzig Schritt entfernt. Kein Mensch. Menschen machten Fehler, Menschen stolperten, Menschen fluchten.

Das hier war Präzision.

Ein Schatten löste sich aus dem Grau. Chitin glänzte feucht, schwarz wie Teer. Gliedmaßen, zu viele und zu spitz, setzten fast lautlos auf dem weichen Waldboden auf. Ein Schattenkriecher. Die Geschichten der Alten waren keine Warnungen gewesen, sie waren Versprechen.

Das Wesen hob den Kopf. Es hatte keine Augen, nur diese vibrierenden Fühler, die die Luft schmeckten. Es suchte nicht nach Bewegung. Es suchte nach Wärme.

Jorin presste die Hand auf seine Brust, über das Amulett. Die Kälte des Steins war jetzt sein Verbündeter. Das Artefakt verschluckte seine Körperwärme so effizient, dass er für das Ding dort draußen wie ein Loch in der Welt erscheinen musste. Ein toter Fleck.

Das Skrrt erklang erneut, diesmal fragend.

Das Wesen drehte den Kopf, ruckartig, insektenhaft, und wandte sich dann ab. Es verschwand im Unterholz, auf der Suche nach leichterer Beute.

Jorin atmete aus, eine weiße Wolke in der grauen Luft. Er lebte noch. Vor ihm, halb verschluckt von Moos und Ranken, ragten die ersten geborstenen Monolithen der Ruinen aus dem Boden. Wie die Rippen eines gefallenen Riesen.

Er stieß sich vom Baum ab. Die Kälte in seiner Brust hatte sich in einen brennenden Schmerz verwandelt. Er wusste, dass seine Haut unter dem Amulett bereits blau und abgestorben war, erfroren durch die bloße Nähe zu dem Ding. Aber das spielte keine Rolle. Er musste es vergraben. Tief. Wo Elias es niemals finden würde. Wo niemand es finden würde.

Die Ruinen waren kein Ort, sie waren eine Narbe.

Jorin stolperte in den Schatten eines umgestürzten Obelisken. Der Stein war kalt, überzogen mit Flechten, die im Dämmerlicht blassblau schimmerten. Hier, im Zentrum des alten Aetherholm, schien die Luft zu vibrieren, ein tiefes, fast unhörbares Summen, das in den Zähnen schmerzte.

Er ließ sich auf die Knie fallen. Nicht aus Ehrfurcht, sondern weil seine Beine den Dienst versagten.

Seine Finger, taub und steif wie gefrorenes Holz, nestelten an den Schichten seiner Kleidung. Als er das Lederband endlich über seinen Kopf zerrte, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Der Schmerz hörte nicht auf. Er änderte nur seine Form.

Das Amulett fiel mit einem dumpfen Tock in den weichen Boden.

Im selben Moment, in dem der Kontakt abbrach, flutete Blut zurück in Jorins Brustkorb. Es brannte wie Säure. Er keuchte auf, krümmte sich zusammen, während sein Herz, befreit von der eisigen Umklammerung, wild gegen seine Rippen schlug. Es war zu viel. Zu schnell. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Noch nicht.

Er zwang seine Augen auf. Er grub mit bloßen Händen. Die Erde war hier lockerer, vermischt mit Asche und kleinen Knochensplittern – Überreste von Kriegen, die niemand mehr benannte. Er grub, bis seine Fingernägel rissen. Ein Loch, tief genug für ein Geheimnis. Tief genug für einen Fluch.

Er legte das Amulett hinein. Es lag da, unscheinbar, grau, ein einfacher Stein in einem Grab aus Schlamm. Doch Jorin sah, wie das Moos am Rand der kleinen Grube bereits verblasste, wie die Farbe aus den Halmen gesogen wurde. Es fraß schon wieder.

„Vergib mir, Elias“, flüsterte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Reiben von Sandpapier. „Nicht dafür, dass ich es dir nehme. Sondern dafür, dass ich es dir hinterlasse.“

Er schob die Erde zurück. Er klopfte sie fest. Er legte einen Stein darauf, dann noch einen, bis es aussah wie bloßer Schutt. Unscheinbar. Bedeutungslos.

Dann hörte er es.

Diesmal war es kein Skrrt. Es war das Klirren von Metall. Schritte. Schwere Stiefel auf Stein. Nicht das schleichende Getrippel eines Schattenkriechers, sondern der marschierende Rhythmus von Soldaten.

Sie waren ihm gefolgt. Nicht die Monster der Wildnis. Sondern die Monster der Ordnung.

Jorin lehnte sich mit dem Rücken gegen den Obelisken. Er war zu müde, um aufzustehen. Zu leer. Er tastete nach dem Dolch an seinem Gürtel, aber seine Hand glitt ab.

Es hatte keinen Sinn.

Er wusste, wer sie waren. Er sah die schwarzen Umhänge im Nebel auftauchen, die silbernen Masken, die keine menschlichen Züge zeigten, nur glatte, polierte Oberflächen, in denen sich das graue Licht spiegelte.

Die Schatten-Garde.

Ein Mann trat aus der Reihe. Er trug keine Maske, aber sein Gesicht war ebenso unlesbar. Eine Narbe zog sich quer über sein Kinn, und seine Augen waren so dunkel, dass sie Pupille und Iris verschluckten.

„Jorin von Aetherholm“, sagte der Mann. Seine Stimme war ruhig, geschäftsmäßig. Als würde er eine Bestandsliste vorlesen. „Du bist weit gekommen für einen Mann, der eigentlich schon tot ist.“

Jorin lachte. Es war ein hässliches, nasses Geräusch. „Nicht weit genug, Arkan?“

Der Mann – Arkan – lächelte nicht. Er ließ seinen Blick über die Lichtung schweifen, über die Ruinen, über Jorin, und schließlich zu der Stelle mit der frischen Erde. Er wusste es. Natürlich wusste er es. Aber er würde es suchen müssen.

„Wo ist es?“, fragte Arkan.

„Wo das Licht es nicht findet“, presste Jorin hervor.

Arkan nickte langsam. Er hob die Hand. Die Luft um ihn herum verdunkelte sich, Schatten lösten sich von den Bäumen, gehorsam wie abgerichtete Hunde, und sammelten sich in seiner Handfläche zu einer Klinge aus reiner Dunkelheit.

„Das Licht findet alles, Jorin“, sagte Arkan leise. „Oder die Schatten verschlingen, was übrig bleibt.“

Er trat vor.

Jorin schloss die Augen. Er dachte nicht an den Schmerz, der kommen würde. Er dachte nicht an die Kälte. Er dachte an einen Jungen mit struppigem Haar, der am Flussufer stand und Steine ins Wasser warf, lachend, ahnungslos. Das Bild war warm. Es war hell.

Als die Klinge fiel, spürte Jorin keine Kälte mehr. Er spürte gar nichts mehr.

Nur Stille.

Und irgendwo, tief unter der Erde, wartete der graue Stein.