NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
EPILOG: Der Atem des Berges
Die Welt hielt den Atem an.
Es war kein Phänomen, das sich auf einen Ort beschränkte. Es war global.
Tausend Meilen im Süden, in der Wüste Ashara, wo der Sand normalerweise selbst bei Nacht noch Hitze abstrahlte, fiel der erste Schnee. Er schmolz nicht, als er den roten Boden berührte. Er blieb liegen. Weiße Kristalle auf rotem Staub, ein unmögliches Bild, das die Nomaden dazu brachte, ihre Zelte abzubrechen und zu beten. Der Wind, der durch die Canyons heulte, trug nicht mehr den Geruch von Schwefel, sondern von Eis.
Im Smaragd-Dschungel erstarrte das Wachstum. Die Kaiserin in ihrem Wurzelthron spürte es zuerst. Der Saft in ihren Adern wurde träge. Die Blüten der Orchideen schlossen sich, nicht für die Nacht, sondern für den Winter. Ein Raureif überzog die Blätter der Urwaldriesen, glitzernd und tödlich. Das große Fressen, das den Wald seit Äonen antrieb, pausierte. Die Stille, die Elias mitgebracht hatte, war geblieben.
Auf den Nebel-Inseln beruhigte sich das Meer. Die Wellen, die sonst gegen die schwarzen Felsen donnerten, wurden glatt wie Öl. Das Wasser wurde klarer, kälter. Tief unten, in den Ruinen des Tempels, hörte das blaue Licht auf zu pulsieren und wurde zu einem stetigen, wachsamen Glimmen. Naia, die Hüterin, blickte zur Oberfläche und wusste, dass die Gezeiten sich geändert hatten. Die Flut des Krieges zog sich zurück, um Platz für die Ebbe des Endes zu machen.
Und im Norden, hoch oben in den Silberkammbergen, öffnete jemand die Augen.
Er saß nicht auf einem Thron. Er war der Thron. Er war der Fels. Er war das Eis.
Phobos.
Er spürte die Störung. Winzige, warme Funken, die in sein Reich eingedrungen waren.
Er sah sie nicht mit Augen, denn er brauchte keine. Er sah sie durch die Angst, die sie mitbrachten.
Er schmeckte Tareks Versagensangst, bitter wie Galle. Er schmeckte Claras Furcht vor der Schwäche, scharf wie Metall. Er schmeckte Marcus’ Panik vor der Unlogik, trocken wie Staub. Er schmeckte Lyras Horror vor sich selbst, sauer wie Gift. Und er schmeckte Kaels Sehnsucht, salzig wie das Meer.
Aber da war noch einer.
Ein Funke, der anders schmeckte.
Er schmeckte nicht nach Angst. Er schmeckte nach Leere.
Phobos richtete seine Aufmerksamkeit auf diesen Funken. Auf den Jungen mit dem Handschuh.
Er versuchte, in ihn einzudringen, seine Ängste zu greifen, sie gegen ihn zu wenden, wie er es bei Tausenden zuvor getan hatte. Aber er fand keinen Halt.
Der Junge war glatt. Versiegelt. In seiner Brust schlug kein Herz aus Fleisch, sondern ein Herz aus drei Elementen, die in perfekter, schrecklicher Balance rotierten.
Phobos zog sich zurück. Ein Grollen ging durch das Gebirge, das eine Lawine an der Nordflanke auslöste.
Das war kein Eindringling. Das war ein Herausforderer.
Der Wächter der Angst lächelte nicht, denn er hatte kein Gesicht. Aber der Wind, der um die Gipfel von Nox Aeterna pfiff, veränderte seinen Ton.
Er heulte nicht mehr. Er flüsterte.
Willkommen, sagte der Berg. Willkommen zu Hause.
Die Tore aus Obsidian hatten sich geschlossen. Das Licht war ausgesperrt.
Der Winter war nicht gekommen.
Der Winter war hier.