NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 27: Rückkehr nach Hause
Das Meer war grau. Nicht das wilde, schwarze Grau des Sturms, der sie fast verschlungen hatte, sondern ein stilles, leichenblasses Grau, das nahtlos in den verhangenen Himmel überging. Es gab keinen Horizont mehr. Es gab nur Wasser, Nebel und das leise, rhythmische Plätschern der Wellen gegen den Rumpf des kleinen Bootes.
Marcus saß in der Mitte des Kahns. Er war durchnässt, seine Robe klebte schwer an seinem Körper, aber er fror nicht. Er spürte nichts.
Auf seinem Schoß lag Zaras Kopf.
Er hatte aufgehört, ihren Namen zu flüstern. Er hatte aufgehört, nach einem Puls zu suchen, von dem er wusste, dass er nicht mehr da war. Seine Hände, rußverschmiert und zitternd, lagen auf ihren Schultern, als wollte er sie wärmen, obwohl er wusste, dass es thermodynamisch unmöglich war, einen kalten Körper zu wärmen, ohne selbst Wärme zu verlieren.
Sie sah friedlich aus. Der Schmerz, der ihr Gesicht im Moment des Todes verzerrt hatte, war gewichen. Die Haut war glatt, wachsartig. Die Narbe an ihrer Schulter – der Handabdruck von Lyra – war unter dem nassen Stoff verborgen.
Marcus starrte auf ihre geschlossenen Augenlider. Er wartete. Ein Teil seines Gehirns, der Teil, der immer noch Wahrscheinlichkeiten berechnete, wartete auf eine Anomalie. Ein Atemzug. Ein Zucken. Ein Wunder.
Aber die Variable war Null.
„Wir müssen es tun, Marcus“, sagte eine Stimme. Sie war tief und rau wie Reibeisen.
Tarek.
Der Söldner saß ihm gegenüber. Er lehnte schwer an der Bordwand, sein Gesicht war grau vor Blutverlust und Erschöpfung. Aber er blickte nicht weg. Er sah Zara an. Seine Schwester im Geiste.
„Wir können sie nicht mit an Land nehmen“, sagte Tarek. „Nicht so. Seraphis brennt. Es gibt keinen Friedhof, der sicher ist.“
Marcus hob den Kopf. Er rückte seine zerbrochene Brille zurecht. Die Bewegung war mechanisch, sinnlos.
„Das ist unlogisch“, sagte er. Seine Stimme klang fremd, hohl. „Biomasse zersetzt sich. Wenn wir sie dem Wasser übergeben... wird sie gefressen. Von Aasfressern. Von der Fäulnis.“ Er schluckte. „Ich kann nicht zulassen, dass sie... aufgelöst wird.“
„Sie ist nicht mehr in diesem Körper, Marcus“, sagte Clara sanft. Sie saß am Ruder, obwohl Kael das Boot mit der Strömung lenkte. Ihre Rüstung war abgelegt, sie trug nur ihr Hemd, das an der Schulter rot von ihrem eigenen Blut war.
„Sie ist fort“, sagte Clara. „Das hier... das ist nur die Hülle.“
„Es ist ihre Hülle“, beharrte Marcus. Er drückte Zara fester an sich. „Es ist das Einzige, was ich noch habe.“
Am Bug des Bootes saß Elias.
Er hatte den Rücken zu ihnen gekehrt. Er blickte stur nach vorne, in den Nebel. Er trug den Schwarzen Handschuh offen. Die silbernen Fäden waren jetzt dunkel, fast schwarz, gesättigt von der Gewalt, die er entfesselt hatte.
Das Amulett an seiner Brust war warm. Es pulsierte in einem langsamen, mächtigen Takt. Rot, Grün, Blau. Feuer, Leben, Wasser. Die drei Fragmente wirbelten in einer perfekten, schrecklichen Harmonie.
Elias spürte die Trauer im Boot. Er spürte Marcus’ Verzweiflung wie ein physisches Gewicht auf seinen Schultern. Das Amulett wollte diese Trauer trinken. Es wollte den Schmerz nehmen und in Kraft verwandeln.
Aber Elias ließ es nicht zu. Er schloss den Geist. Er durfte diesen Schmerz nicht stehlen. Er gehörte Marcus.
„Wir sind gleich da“, sagte Kael von hinten. Seine Stimme war schwach, aber klar wie eine Glocke. „Das Wasser wird flacher. Ich spüre den Fels.“
Der Nebel lichtete sich ein wenig. Vor ihnen tauchte eine dunkle Linie auf. Die Küste nördlich von Seraphis. Schroffe Klippen, an denen sich die graue See brach.
„Hier“, sagte Tarek. „Hier ist es gut.“
Er richtete sich mühsam auf, biss die Zähne zusammen gegen den Schmerz in seiner Seite. Er humpelte zu Marcus. Er legte seine große Hand auf Marcus’ Schulter.
„Gib sie mir, Gelehrter.“
„Nein“, flüsterte Marcus.
„Marcus“, sagte Tarek. Seine Stimme brach. „Bitte. Mach es nicht schwerer, als es ist. Sie gehört dem Meer. Sie war immer... frei. Sperr sie nicht in die Erde.“
Marcus blickte auf Zara hinab. Er dachte an den Moment im Spiegellabyrinth. An die Vision der perfekten Bibliothek, in der eine falsche Zara ihn angelächelt hatte. Er hatte die Vision abgelehnt, weil er die echte Zara wollte. Die, die blutete. Die, die starb.
Und jetzt hatte er sie.
Er griff in seine Tasche. Mit zitternden Fingern holte er zwei Dinge hervor.
Das Kinderbuch, das er aus der Bibliothek gerettet hatte. Das Buch, das er Jory vorgelesen hatte, aber das eigentlich für sie bestimmt war.
Und den Kompass. Den kaputten Kompass, den sie für ihn gestohlen hatte.
Er legte das Buch auf ihre Brust, unter ihre gefalteten Hände. Den Kompass behielt er. Er drückte ihn so fest, dass das Metall in seine Handfläche schnitt.
„Sie hat den Weg immer gefunden“, flüsterte Marcus.
Er nickte Tarek zu.
Tarek bückte sich. Gemeinsam hoben sie den leblosen Körper an. Sie war leicht. Zu leicht.
Sie legten sie auf das Dollbord des Bootes. Lyra kam hinzu. Sie wickelte Zaras Umhang fester um den Körper, deckte das Gesicht aber nicht ab. Sie strich Zara über die Wange.
„Schlaf gut“, flüsterte Lyra. Tränen liefen über ihr Gesicht und tropften auf Zaras Haut. „Danke, dass du uns gerettet hast.“
Clara legte ihre Hand auf Zaras Stiefel. „Wir sehen uns wieder“, sagte sie. „Im Schatten.“
Elias blieb am Bug sitzen. Er drehte sich nicht um. Er konnte nicht. Wenn er sie jetzt ansehen würde... wenn er den Tod sehen würde, den er verursacht hatte... würde er zerbrechen. Und er durfte nicht zerbrechen. Er war der Träger.
Aber er griff in seine Tasche. Er holte die schwarze Perle hervor, die der Alte in Nebelheim ihm gegeben hatte. Ein Geschenk der Tiefe.
Er warf sie nicht ins Wasser. Er behielt sie. Als Erinnerung an das, was der Preis war.
„Kael“, sagte Tarek. „Hilf ihr.“
Kael nickte. Er hob die Hand. Das Wasser neben dem Boot beruhigte sich. Die Wellen glätteten sich zu einem Spiegel.
„Das Meer ist kein Grab“, sagte Kael leise. „Das Meer ist eine Wiege.“
Tarek und Marcus schoben den Körper vorwärts. Zara kippte über die Kante.
Sie fiel nicht.
Das Wasser erhob sich, sanft, wie eine Hand, und fing sie auf. Sie sank nicht sofort. Sie trieb einen Moment lang an der Oberfläche, getragen von der Strömung, umrahmt von weißem Schaum.
Dann, langsam, sehr langsam, begann sie zu sinken. Das graue Wasser schloss sich über ihrem Gesicht. Ihre Haare breiteten sich aus wie ein dunkler Heiligenschein.
Marcus starrte ihr nach, bis sie nur noch ein Schatten in der Tiefe war.
Dann war sie weg.
Er stieß einen Laut aus, halb Schluchzen, halb Lachen. Er sackte auf die Bank zurück, zog die Knie an die Brust und begann zu schaukeln. Er hielt den Kompass an sein Ohr, als könnte er ihm sagen, wohin er jetzt gehen sollte.
Aber die Nadel drehte sich nicht mehr. Sie zeigte stur nach unten.
Zum Grund.
Das Boot war leer.
Es war eine physische Tatsache, die Marcus nicht in seinen Verstand integrieren konnte. Die Holzbank, auf der Zara eben noch gelegen hatte, war nass vom Meerwasser und dunkel verfärbt von dem Blut, das aus ihrer Wunde gesickert war, bevor das Meer sie reingewaschen hatte. Aber die Masse, das Volumen, die Person – sie war weg.
Das Gesetz der Erhaltung der Masse besagte, dass Materie nicht verloren gehen konnte, nur umgewandelt. Zara war jetzt Wasser. Sie war Salz. Sie war Sediment. Aber für Marcus war sie einfach nur Minus Eins.
Er starrte auf die leere Bank. Er wartete darauf, dass sie zurückkam, dass sie aus dem Wasser auftauchte, nass und fluchend, und ihm sagte, dass das alles ein schlechter Scherz war. Dass sie nur die Luft angehalten hatte.
Aber das Meer war still.
„Marcus“, sagte Tarek. Die Stimme des Söldners war ein raues Grollen, das wie das Mahlen von Steinen klang. „Wir müssen aufstehen. Die Flut kommt.“
Marcus reagierte nicht. Seine Hände umklammerten den kaputten Kompass und das aufgeweichte Kinderbuch so fest, dass seine Fingerknöchel weiß und blutleer aussahen. Er zitterte, aber nicht vor Kälte. Es war ein vibrierendes Beben, das tief in seinem Mark saß, als würde sein Skelett versuchen, aus seiner Haut zu fliehen.
Clara trat an ihn heran. Sie watete durch das knöcheltiefe Wasser, das in den Boden des Bootes geschwappt war. Sie legte ihre Hand nicht auf seine Schulter, wie sie es sonst getan hätte. Sie griff nach seinem Arm, fest, fordernd.
„Wir lassen sie nicht zurück“, sagte Clara, und ihre Stimme war hart wie Stahl, um das Zittern darin zu verbergen. „Wir lassen ihren Körper hier. Aber wir lassen nicht sie hier. Sie ist in deinem Kopf, Marcus. Nimm sie mit. Aber steh verdammt noch mal auf.“
Der Befehlston, der Drill der Akademie, durchschnitt den Nebel in Marcus’ Kopf. Er blinzelte. Er sah Clara an. Er sah die Risse in ihrer Fassade, die roten Augen, die bebenden Lippen.
Er nickte. Eine mechanische, ruckartige Bewegung.
Er stand auf. Seine Beine waren taub. Er stieg über die Bordwand, trat in den nassen Kies des Strandes. Er drehte sich nicht um. Er konnte das Meer nicht mehr ansehen. Es war kein Element mehr für ihn. Es war ein Grab.
Elias wartete weiter oben am Strand, dort, wo der graue Sand in scharfkantige Felsen überging. Er stand wie eine Wache, den Rücken zum Land, das Gesicht zum Meer, aber seine Augen waren geschlossen.
Er lauschte in sich hinein.
Das Amulett war... anders.
Es war nicht mehr das hungrige, kreischende Vakuum, das ihn im Dschungel fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Es war auch nicht mehr der vulkanische Ofen aus dem Sonnentempel.
Es war schwer. Dicht.
Die drei Fragmente – das Weiße Feuer, das Grüne Leben, die Blaue Tiefe – hatten aufgehört, gegeneinander zu kämpfen. Sie rotierten umeinander, ein langsamer, mächtiger Strudel aus Energie, der in seiner Brust saß wie ein zweites Herz.
Balance.
Aber es war keine friedliche Balance. Es war die Balance eines gespannten Bogens. Eine potenzielle Energie, die so gewaltig war, dass Elias Angst hatte zu atmen. Er spürte, dass er jetzt alles tun könnte. Er könnte diesen Strand zu Glas schmelzen. Er könnte einen Wald aus dem Fels wachsen lassen. Er könnte das Meer gefrieren.
Aber er fühlte sich nicht wie ein Gott. Er fühlte sich wie ein Gefäß, das bis zum Rand gefüllt war und bei der kleinsten Erschütterung überlaufen würde.
Wir sind voll, flüsterte der Riss, der nun in einem ruhigen, violetten Licht pulsierte – der Farbe, die entstand, wenn Rot und Blau sich mischten. Wir sind bereit.
„Wir müssen klettern“, sagte Elias, als die Gruppe sich um ihn versammelte. Er deutete auf die Klippen, die steil vor ihnen aufragten. Grauer Schiefer, nass und rutschig. „Oben ist das Plateau. Der Weg nach Süden.“
„Tarek kann nicht klettern“, sagte Lyra. Sie stützte den Söldner, der schwer atmete. Sein Gesicht war grau, der Verband an seiner Seite war dunkel durchtränkt vom Meerwasser und frischem Blut. Die Anstrengung, Zaras Leichnam zu tragen, hatte seine Wunden wieder aufgerissen.
„Ich klettere“, knurrte Tarek. „Ich bin kein Invalid.“
„Du bist ein Wrack“, sagte Zara – nein, Zara war nicht mehr da. Die Stille, die auf diesen Gedanken folgte, war ein physischer Schlag für alle. Es fehlte die Stimme, die den Spott brachte. Es fehlte das Lachen.
„Ich helfe ihm“, sagte Kael. Der Wassermagier trat vor. Er sah besser aus als sie alle. Das Meer hatte ihn genährt. Seine Haut schimmerte gesund, seine Bewegungen waren flüssig. Er legte eine Hand an die Felswand.
„Das Wasser fließt auch nach oben“, sagte er. „In den Rissen. Im Stein.“
Er schloss die Augen. Wasser begann aus dem Gestein zu sickern, bildete Trittstufen, die sofort zu festem, rauem Eis gefroren. Nicht das magische Eis von Elias, sondern natürliches Eis, geformt aus der Feuchtigkeit der Klippe.
„Eine Treppe“, sagte Lyra.
„Ein Weg“, korrigierte Kael. Er bot Tarek seinen Arm an. „Komm, Eisenmann. Das Wasser trägt dich.“
Tarek zögerte, dann griff er zu. „Wenn ich ausrutsche, ziehe ich dich mit runter, Fisch.“
„Ich weiß“, sagte Kael.
Sie begannen den Aufstieg. Es war mühsam. Der Wind zerrte an ihren nassen Kleidern, wollte sie vom Fels reißen. Marcus kletterte mechanisch, den Blick stur auf den Fels vor seiner Nase gerichtet, die Tasche mit Zaras Buch so fest umklammert, dass sie ihn behinderte. Er weigerte sich, sie loszulassen, auch nur für eine Sekunde.
Elias bildete das Schlusslicht. Er kletterte einhändig. Seine rechte Hand, im Schwarzen Handschuh, nutzte er nur als Haken, krallte die Finger in Felsspalten, zog sich hoch mit einer Kraft, die nicht aus seinen Muskeln kam.
Der Handschuh hatte sich verändert. Die silbernen Fäden waren verschwunden, aufgesogen von dem Lichtsturm im Tempel. Das Leder war jetzt matt, fast grau, und es fühlte sich an, als wäre es mit seiner Haut verwachsen. Er spürte den Fels durch das Leder hindurch, aber nicht als Berührung, sondern als Struktur. Er spürte die Dichte des Steins, die Bruchlinien, die Energie der Erde.
Er war kein Mensch mehr, der einen Handschuh trug. Er war ein Wesen, das zur Hälfte aus Magie bestand.
Als sie den Rand der Klippe erreichten, brach die Sonne durch die Wolkendecke.
Es war kein warmer Sonnenaufgang. Das Licht war fahl, milchig, gefiltert durch den Rauch, der immer noch vom Süden herüberwehte.
Sie zogen sich über die Kante, rollten sich ins nasse Gras des Plateaus. Sie lagen da, keuchend, zitternd.
Vor ihnen erstreckte sich das Küstenland von Seraphis. Hügel, Felder, vereinzelt Bauernhöfe.
Aber es war nicht das friedliche Land, das Elias in Erinnerung hatte.
Die Felder waren schwarz. Verbrannt. Die Bauernhöfe waren Ruinen, aus denen Rauch aufstieg. Und am Horizont, wie ein dunkler Fleck auf der Seele der Welt, lag die Stadt.
Seraphis.
Die Stadt des Lichts war dunkel.
Die riesige magische Kuppel, die Aegis, die sie seit Jahrhunderten geschützt hatte, war weg. Die Türme der Akademie waren zerbrochene Stümpfe. Rauchfahnen stiegen von den verschiedenen Ringen auf, bildeten eine graue Wolke, die über der Stadt hing wie ein Grabtuch.
„Es ist vorbei“, flüsterte Clara. Sie stand auf, schwankend. Sie starrte auf ihre Heimat. „Wir sind zu spät. Arkan hat gewonnen.“
„Nein“, sagte Elias. Er richtete sich auf. Er spürte keine Müdigkeit mehr. Das Amulett pulsierte. Es reagierte auf die Stadt. Es spürte die dunkle Magie, die dort wucherte. Die Schatten.
„Er hat nicht gewonnen“, sagte Elias. „Er hat nur das Spielfeld bereitet.“
Er ging an Clara vorbei, trat an den Rand des Plateaus. Er blickte auf die Stadt hinab.
„Seht ihr das?“, fragte er.
Er deutete auf den höchsten Punkt der Stadt. Auf den Turm des Wissens, wo Thaddeus sein Sanktum hatte.
Der Turm war beschädigt, schwarz von Ruß, aber er stand noch. Und an seiner Spitze, schwach, aber trotzig, brannte ein Licht.
Kein weißes Lumen-Licht. Ein goldenes Licht.
„Thaddeus“, sagte Lyra. „Er lebt.“
„Er hält die Stellung“, sagte Tarek. Er humpelte neben Elias, stützte sich auf sein Schwert. „Der alte Mann ist zäher, als er aussieht.“
„Er wartet“, sagte Elias. „Auf uns.“
Marcus saß immer noch im Gras. Er hatte die Karte herausgeholt, aber er sah sie nicht an. Er sah auf den Kompass in seiner Hand. Zaras Kompass.
Die Nadel zeigte nicht auf die Stadt. Sie zeigte nach Norden.
„Warum...“, krächzte Marcus. Seine Stimme war wie eingerostet. „Warum zeigt er weg?“
Elias drehte sich zu ihm um. Er sah auf den Kompass. Dann sah er nach Norden. Zu den Bergen, die am Horizont kaum sichtbar waren, verhüllt von Wolken. Die Silberkammberge.
„Weil das Ziel nicht die Stadt ist“, sagte Elias leise.
Er spürte es. Ein Ziehen im Amulett, das nichts mit den Fragmenten zu tun hatte. Ein Rufen.
Komm, sagte die Stimme. Nicht Arkan. Nicht die Kaiserin. Nicht Naia.
Es war eine Stimme, die klang wie der Wind im Eis.
Komm nach Hause, Bruder.
Elias schauderte. Er wusste, wer das war.
Elion. Der Schattenprinz.
„Wir müssen in die Stadt“, sagte Clara. „Wir müssen Thaddeus helfen. Wir müssen Arkan töten.“
„Arkan ist nicht das Ende“, sagte Elias. Er wandte den Blick nicht vom Norden ab. „Arkan ist nur der Wächter. Das wahre Problem... das wahre Schloss... liegt dort oben.“
„Du willst uns in die Berge führen?“, fragte Tarek ungläubig. „Jetzt? Wir sind halb tot. Wir brauchen Heiler, Waffen, Ruhe.“
„Wir haben keine Zeit für Ruhe“, sagte Elias. Er drehte sich zur Gruppe um.
Er sah sie an. Clara, die Kriegerin ohne Krieg. Tarek, der Söldner ohne Auftrag. Lyra, die Heilerin ohne Gabe. Kael, der König ohne Reich. Und Marcus, der Mann ohne Herz.
„Arkan wartet auf uns in der Stadt“, sagte Elias. „Er hat seine Armee dort. Seine Fallen. Wenn wir dort reingehen, spielen wir sein Spiel. Und wir werden verlieren.“
Er hob den behandschuhten Arm und deutete nach Norden.
„Aber wenn wir dorthin gehen... zur Quelle der Schatten... dann schneiden wir ihm die Macht ab. Wir beenden es an der Wurzel.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte Marcus. Er stand auf. Er steckte den Kompass weg. „Das ist taktisch unlogisch. Die Berge sind die Todeszone. Phobos herrscht dort.“
„Marcus hat recht“, sagte Lyra. „Wir schaffen den Aufstieg nicht. Nicht in diesem Zustand.“
Elias ging zu Marcus. Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Zara würde gehen“, sagte er leise.
Marcus zuckte zusammen. Schmerz flackerte über sein Gesicht, aber dann wurde es hart.
„Ja“, sagte er. „Sie würde sagen, dass es der einzige Weg ist, den sie nicht erwarten.“
„Wir gehen nicht in die Stadt“, entschied Elias. „Wir umgehen sie. Wir gehen zum Nordpass. Wir gehen nach Nox Aeterna.“
Clara starrte ihn an. Dann blickte sie auf die brennende Stadt, in der ihr Vater vielleicht tot lag, in der ihre Vergangenheit verbrannte.
Sie zog ihr Schwert, rammte es in die Erde.
„Gut“, sagte sie. „Dann holen wir uns den Kopf der Schlange. Nicht den Schwanz.“
Sie waren sich einig.
Aber bevor sie gehen konnten, mussten sie noch etwas tun.
Sie mussten Abschied nehmen. Nicht von Zara. Von sich selbst.
Sie standen auf dem Plateau, im Wind, der nach Rauch und Salz roch. Sie waren keine Kinder mehr. Sie waren keine Schüler mehr.
Elias blickte auf seine Freunde. Er sah die Narben, die sie trugen. Sichtbar und unsichtbar.
Tarek, der nie wieder ohne Schmerzen laufen würde. Lyra, deren Hände den Tod brachten. Kael, der sein Element verlassen hatte. Marcus, der seine Seele verloren hatte. Clara, die ihren Glauben verloren hatte.
Und er selbst. Der Junge, der ein Gefäß geworden war.
„Wir lassen hier alles zurück“, sagte Elias. „Die Angst. Die Zweifel. Die Hoffnung auf ein normales Leben. Wenn wir diesen Weg gehen... gibt es kein Zurück mehr.“
„Es gab nie einen Weg zurück“, sagte Tarek. Er nahm seinen Rucksack auf. „Nur vorwärts.“
Sie wandten sich ab. Weg vom Meer. Weg von der Stadt.
Sie gingen nach Norden. In den Schatten der Berge.
Das Ende von Band 2 war erreicht.
Die Hüter des Lichts waren vollständig. Aber sie waren gebrochen.
Und der Preis der Gezeiten war bezahlt worden.
Der Wind auf dem Plateau drehte. Er kam nicht mehr vom Meer, das sie ausgespuckt hatte, und auch nicht aus der brennenden Stadt im Süden. Er kam von Norden.
Es war ein kalter, schneidender Fallwind, der von den Silberkammbergen herabfiel, die am Horizont wie eine Mauer aus weißen Zähnen in den grauen Himmel ragten. Er trug keinen Geruch von Salz oder Rauch. Er roch nach Eis, nach Ozon und nach einer Reinheit, die in den Lungen brannte.
Elias stand mit dem Rücken zur Klippe. Er hatte die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht gezogen, aber die Kälte fand ihren Weg. Sie kroch nicht unter seine Kleidung; sie kroch in das Amulett.
Das Artefakt an seiner Brust, das eben noch ruhig im Gleichgewicht der drei Fragmente pulsiert hatte, reagierte auf die neue Himmelsrichtung. Der Riss im Kristall, der nun in einem stabilen Violett leuchtete, flackerte auf. Ein weißer Funke tanzte darin.
Komm, flüsterte der Wind. Komm höher.
„Wir können nicht einfach loslaufen“, sagte Clara. Sie hatte sich neben Tarek gekniet, der auf einem flachen Stein saß und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Der Söldner war am Ende. Die künstliche Kraft des Harz-Tranks war verbraucht, und was blieb, war ein Körper, der von Nekrose, Salzwasser und Erschöpfung zerfressen war.
„Tarek schafft keine Meile“, fuhr Clara fort. Ihre Stimme war leise, damit Tarek es nicht hörte, aber der Söldner öffnete ein Auge. Es war blutunterlaufen.
„Ich schaffe... was nötig ist“, grollte er. Er versuchte aufzustehen, rutschte ab, fing sich mit der Hand im dornigen Gras. „Gebt mir einen Stock. Oder bindet mich auf ein Pferd.“
„Wir haben keine Pferde“, sagte Marcus.
Der Gelehrte stand etwas abseits. Er hatte den Kompass, den er von Zara geerbt hatte, immer noch in der Hand. Er starrte auf die Nadel, die unbeweglich nach Norden zeigte. Sein Gesicht war leer, befreit von der Panik, die ihn früher beherrscht hatte. Es war eine erschreckende Leere. Die Leere eines Mannes, der das Ergebnis seiner Gleichung akzeptiert hatte, auch wenn das Ergebnis Null war.
„Wir haben keine Pferde“, wiederholte Marcus mechanisch. „Wir haben keine Vorräte. Die thermischen Bedingungen im Gebirge sind mit unserer Ausrüstung nicht überlebbar. Die Wahrscheinlichkeit eines Erfrierungstodes liegt bei neunzig Prozent.“
Er klappte den Kompass zu. Das Klick war laut in der Stille.
„Aber wir gehen trotzdem“, sagte er. Es war keine Frage.
„Ja“, sagte Elias. Er trat in den Kreis. „Wir gehen trotzdem. Weil es in der Stadt nichts mehr für uns gibt.“
Er blickte zu Lyra. Sie saß bei Kael. Der Wassermagier litt. Hier oben, im trockenen Wind, fern vom Wasser, begann seine Haut wieder grau zu werden. Er hatte seine Kraft im Meer gelassen, um sie zu retten.
„Kannst du ihn stützen?“, fragte Elias.
Lyra nickte. Sie hatte ihre Hände in den Ärmeln verborgen, aber ihre Augen waren fest. „Ich halte ihn. So wie er mich gehalten hat.“
„Dann brechen wir auf“, sagte Elias. „Wir marschieren, bis es dunkel wird. Wir müssen weg von der Küste. Weg von den Spähern der Flotte.“
Der Aufbruch war kein militärisches Manöver. Es war das langsame, schmerzhafte In-Bewegung-Setzen einer verwundeten Kreatur.
Sie ließen das Meer hinter sich. Sie ließen den Ort zurück, an dem Zara untergegangen war. Keiner blickte zurück. Nicht, weil sie vergessen wollten, sondern weil der Blick zurück sie in Salzssäulen verwandelt hätte.
Der Weg führte über das Hochplateau, durch Felder aus verbranntem Weizen und vorbei an verlassenen Bauernhöfen, deren Fenster wie tote Augen in die Landschaft starrten. Der Krieg – oder die Vorboten des Krieges – waren hier durchgezogen.
Marcus ging nicht mehr hinten. Er ging vorne, neben Elias. Er hielt den Kompass in der Hand, als wäre es ein Reliquiar. Er sprach nicht. Er analysierte nicht laut. Er ging einfach. Seine Schritte waren hölzern, aber gleichmäßig.
Elias beobachtete ihn von der Seite. Er sah die Veränderung. Marcus war nicht mehr der Gelehrte, der sich hinter Büchern versteckte. Er war ein Mann, der einen Geist trug.
„Es tut mir leid“, sagte Elias leise.
Marcus blieb nicht stehen. Er blickte nicht auf. „Spar dir das, Elias. Mitleid ist eine ineffiziente Emotion. Sie ändert die Variablen nicht.“
„Sie hätte gewollt, dass wir weitermachen“, sagte Elias.
Marcus blieb stehen. Er drehte sich langsam zu Elias um. Hinter der zerbrochenen Brille waren seine Augen kalt und klar wie Glas.
„Sie hätte gewollt, dass ich lache“, sagte Marcus. „Sie hätte gewollt, dass ich einen dummen Witz über Wahrscheinlichkeiten mache. Aber das kann ich nicht. Nicht mehr.“
Er tippte auf den Kompassdeckel.
„Ich kann nur eines tun. Ich kann das Ziel erreichen. Ich kann dafür sorgen, dass ihr Opfer die Konstante bleibt, die die Gleichung löst. Wenn wir versagen... wenn wir Arkan gewinnen lassen... dann war ihr Tod nur ein statistischer Ausreißer. Ein Fehler.“
Er trat nah an Elias heran.
„Ich werde nicht zulassen, dass Zara ein Fehler war. Verstehst du das, Träger?“
Elias nickte. Er spürte die Härte in Marcus. Es war die Härte, die entsteht, wenn etwas Weiches im Feuer gebrannt wird.
„Ich verstehe“, sagte Elias.
Sie gingen weiter.
Der Nachmittag verging in einer grauen Unschärfe. Die Landschaft wurde rauer. Das Gras wich Geröllfeldern. Der Anstieg begann. Die Ausläufer der Silberkammberge streckten ihre steinernen Finger nach ihnen aus.
Tarek stürzte zweimal. Beim ersten Mal half Clara ihm sofort auf. Beim zweiten Mal blieb er liegen, keuchend, das Gesicht im Staub.
„Lass mich“, grollte er, als Clara nach ihm griff. „Nur eine Minute.“
„Wir haben keine Minute“, sagte Clara. Aber sie setzte sich neben ihn. Sie zog ihre Wasserflasche – eine der wenigen, die sie noch hatten, gefüllt mit brackigem Flusswasser, das Kael notdürftig gereinigt hatte.
„Trink“, sagte sie.
Tarek nahm einen Schluck. Er hustete. „Es schmeckt nach Asche.“
„Alles schmeckt nach Asche“, sagte Clara. Sie blickte auf ihre Rüstung. Sie war verbeult, zerkratzt, fleckig von Blut und Rost. Das Wappen von Arendelle war kaum noch zu erkennen.
„Weißt du“, sagte Tarek und blickte zum fernen Gipfelmassiv. „Mein Vater hat mir immer erzählt, die Berge seien die Grenze der Welt. Dass dahinter nichts ist. Nur Eis und Dämonen.“
„Vielleicht hatte er recht“, sagte Clara.
„Er hatte nie recht“, sagte Tarek. Er ballte die Faust. „Er war ein Lügner. Aber er war stark. Er ist über Leichen gegangen.“ Er sah Clara an. „Ich bin nicht sicher, ob ich das kann, Clara. Ich bin nicht sicher, ob ich stark genug bin, um über Zara hinwegzugehen.“
Clara legte ihre Hand auf seine Faust.
„Wir gehen nicht über sie hinweg“, sagte sie. „Wir nehmen sie mit. Jeder Schritt, den wir tun... ist ein Schritt, den sie nicht mehr tun kann. Wir tragen sie.“
Tarek nickte langsam. Er griff nach ihrem Arm, zog sich hoch. Er stand schwankend, aber er stand.
„Dann tragen wir sie“, sagte er. „Bis zum verdammten Gipfel.“
Als die Sonne unterging, erreichten sie den Grenzstein.
Es war ein alter Monolith, aufgestellt vor Jahrhunderten, um die Grenze zwischen dem fruchtbaren Land von Seraphis und der Todeszone des Gebirges zu markieren. Er war verwittert, die Inschriften waren unleserlich, aber er strahlte eine uralte Warnung aus.
Bis hierher und nicht weiter.
Elias blieb davor stehen. Er legte die behandschuhte Hand auf den Stein. Der Stein war eiskalt.
Er blickte nach Norden.
Die Berge waren jetzt nah. Sie waren keine Kulisse mehr. Sie waren eine Wand. Schwarzer Fels, bedeckt mit ewigen Gletschern, die im letzten Licht des Tages violett glühten.
Dort oben herrschte Phobos. Der Wächter der Angst.
Und dort oben wartete Elion.
Elias spürte das Amulett. Es war schwer. Es war voll. Die drei Fragmente waren da. Aber sie waren noch nicht bereit. Sie brauchten einen Fokus. Einen Ort, an dem sie freigesetzt werden konnten.
Nox Aeterna.
„Wir lagern hier“, sagte Elias. „Im Schutz des Steins.“
Sie bauten kein Zelt auf. Sie hatten keins. Sie legten sich in den Windschatten des Monolithen, eng aneinander gedrängt, um die Körperwärme zu teilen.
Es gab kein Feuer. Es gab kein Essen, außer ein paar trockenen Wurzeln, die Zara noch in ihrer Tasche gehabt hatte.
Es war eine elende Nacht.
Aber als Elias die Augen schloss, sah er nicht die Dunkelheit. Er sah ein Licht. Ein fernes, kaltes Licht auf dem Gipfel des höchsten Berges.
Und er hörte die Stimme.
Komm, sagte sie. Bring es zu Ende.
Elias griff nach dem Amulett. Er umklammerte es, bis seine Finger schmerzten.
„Ich komme“, flüsterte er in die Kälte.
***
*** Marcus Tagebuch – Tag 87 ***
Tag 87 seit Seraphis
Zara ist tot.
Ich kann nicht... ich kann nicht...
Ich weiß jetzt, was ich tun muss.
Der Berg ruft. Elion wartet. Und ich habe endlich verstanden.
Zara hat mir gezeigt, was Opfer bedeutet. Sie gab sich für uns. Nicht aus Pflicht. Aus Liebe.
Wenn die Zeit kommt, werde ich bereit sein.
Für Zara. Für Jory. Für alle.