NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 13: Die Tore der Festung
Das Geräusch, mit dem sich die Welt verabschiedete, war kein Knall. Es war ein Mahlen.
Ein tiefes, tektonisches Grollen, das nicht durch die Ohren drang, sondern direkt durch die Sohlen der Stiefel in die Knochen vibrierte. Die beiden Flügel des riesigen Obsidian-Tores, die tausend Jahre lang offen gestanden hatten wie die Kiefer eines toten Leviathans, setzten sich in Bewegung.
Elias stand in der Mitte der Vorkammer. Er drehte sich nicht um. Er musste es nicht sehen, um es zu spüren. Der Luftzug, der von draußen hereingeweht war – dieser letzte, kalte Hauch von Freiheit, der nach Schnee und dem gefrorenen Grab von Kael roch – wurde schwächer. Er wurde abgeschnitten, Strang für Strang, als würde jemand eine Arterie abbinden.
Er blickte auf seine Freunde. Und er sah, wie das Licht der Außenwelt auf ihren Gesichtern starb.
Der graue Streifen Tageslicht, der noch auf den Boden gefallen war, wurde schmaler. Er zog sich zurück, kroch über die schwarzen Steinfliesen wie ein Tier, das flieht. Er kletterte an Tareks Stiefeln hoch, über Claras Rüstung, über Marcus’ zitternde Hände, bis er nur noch ein dünner, vertikaler Strich in der Dunkelheit war.
Und dann war er weg.
BUMM.
Die Torflügel trafen aufeinander.
Es war ein Schlag, der die Luft aus dem Raum presste. Der Druck auf den Ohren stieg schlagartig an, als wäre die Vorkammer hermetisch versiegelt worden – was sie wahrscheinlich war.
Absolute Dunkelheit.
Für einen Moment hörte Elias nichts außer dem wilden Pochen seines eigenen Blutes und dem Singen des Amuletts, das auf das Schließen des Kreises reagierte.
Dann hörte er das Atmen.
Es war das panische, flache Atmen von fünf Menschen, die gerade begriffen hatten, dass sie lebendig begraben waren.
„Es ist zu“, flüsterte Marcus. Seine Stimme klang in der Dunkelheit viel zu laut, verzerrt durch die seltsame Akustik des Raumes. „Die strukturelle Dichte des Obsidians... das sind Meter. Wir bekommen das nicht mehr auf. Wir sind eingeschlossen.“
Elias spürte die Panik des Gelehrten wie eine kalte Hand in seinem Nacken. Marcus, der Mann, der die Welt durch Logik ordnete, stand nun in einem Raum, in dem die einzige Variable die Dunkelheit war. Er hörte das Rascheln von Stoff, als Marcus sich auf den Boden sinken ließ, die Knie an die Brust gezogen, um sich so klein wie möglich zu machen. Um weniger Zielfläche für die Angst zu bieten.
„Licht“, sagte Clara. Ihre Stimme war scharf, aber brüchig. „Elias. Mach Licht.“
Elias zögerte.
In dieser Dunkelheit fühlte er sich seltsam... geborgen. Das Amulett an seiner Brust, das nun mit allen drei Fragmenten gefüllt war, summte zufrieden. Es war zu Hause. Die Festung Nox Aeterna war aus demselben Stoff gemacht wie die Magie, die er trug. Leere und Speicherung.
Aber er hörte die Angst der anderen. Er hörte Tarek, der schwerfällig versuchte, sich an einer unsichtbaren Wand abzustützen, und dabei mit der Rüstung gegen den Stein schrammte. Er hörte Lyra, deren Atem in kurzen, wimmernden Stößen ging.
Elias legte die behandschuhte Hand auf das Amulett.
„Licht“, flüsterte er.
Er rief nicht das Auge der Sonne. Das wäre zu grell, zu aggressiv gewesen. Er rief das Herz des Waldes.
Ein sanftes, grünes Glimmen breitete sich von seiner Brust aus. Es war schwach, kaum mehr als das Leuchten von Moos in einer tiefen Höhle, aber es reichte, um die Konturen des Raumes – und die Gesichter seiner Freunde – aus der Schwärze zu schälen.
Was er sah, war keine Erleichterung. Es war pures, destilliertes Entsetzen.
Tarek stand mit dem Rücken zum verschlossenen Tor. Er hatte beide Hände flach auf den schwarzen Stein gepresst, die Finger gespreizt, als wollte er die Flügel mit bloßer Muskelkraft wieder auseinanderdrücken. Sein Gesicht, sonst eine Maske aus soldatischer Härte, war nass von kaltem Schweiß. Seine Augen waren weit aufgerissen, starrten auf die Fuge, die nicht mehr existierte. Der Stein war nahtlos verschmolzen.
„Keine Luft“, keuchte Tarek. Er riss sich am Kragen seines Wamses, lockerte ihn. „Hier ist keine Luft.“
„Doch“, sagte Elias ruhig. „Der Raum ist riesig. Die Luft reicht für...“
„Es reicht nicht!“, fuhr Tarek ihn an. Er drehte sich um, rutschte mit dem Rücken an der Wand herunter, bis er saß. Er wirkte nicht mehr wie der unbesiegbare Söldner. Er wirkte wie ein Tier in einer Falle. „Ich kenne das. Minen in den Südlanden. Wenn der Stollen einstürzt. Du denkst, du hast Luft, aber der Berg... der Berg drückt sie dir aus der Lunge.“
Er schlug sich mit der Faust gegen die Brust.
„Es drückt.“
Clara stand in der Mitte des Raumes. Sie hatte ihr Schwert gezogen, hielt es mit beiden Händen vor sich. Aber sie zielte auf nichts. Sie drehte sich langsam im Kreis, suchte nach einem Feind, den sie bekämpfen konnte. Aber da war kein Feind. Da war nur Leere.
Elias sah, wie sie kämpfte. Nicht gegen Monster, sondern gegen ihren eigenen Instinkt, der ihr schrie: Lauf! Brich aus! Aber es gab kein Ausbrechen. Sie war der Schild, aber hier gab es niemanden, hinter dem sie stehen konnte. Der Schild war eingemauert.
„Wir müssen weiter“, sagte sie, aber sie bewegte sich nicht. Ihre Füße schienen am Boden festgewachsen zu sein. „Wir dürfen nicht hier stehenbleiben. Stehenbleiben ist der Tod.“
Aber sie ging nicht. Sie starrte in die grüne Dämmerung, die Elias erzeugte, und sah nur Wände. Wände, die näher kamen.
Lyra kauerte am Boden, dort wo sie gestanden hatte, als das Tor zufiel. Sie hatte die Arme um sich selbst geschlungen, wiegte sich vor und zurück.
„Er ist draußen“, flüsterte sie. „Kael ist draußen. Im Eis. Und wir sind hier drinnen.“
Sie blickte Elias an. Ihre Augen waren leer, ausgesaugt von der Trauer.
„Wir haben ihn ausgesperrt“, sagte sie vorwurfsvoll. „Wir haben die Tür zugemacht und ihn draußen gelassen.“
„Er ist der Wächter des Tores, Lyra“, sagte Elias sanft. „Er wollte dort sein.“
„Niemand will hier sein“, sagte Lyra. Sie streckte eine Hand aus, berührte den Boden. „Der Stein... er ist hungrig. Spürst du das nicht? Er zieht an mir.“
Elias spürte es. Der Boden aus Obsidian war nicht neutral. Er war ein Speicher. Er absorbierte die Wärme ihrer Körper, die Geräusche ihrer Stimmen, die Angst in ihren Herzen. Je länger sie hier standen, desto mehr wurden sie Teil der Architektur.
„Marcus?“, fragte Elias.
Der Gelehrte saß immer noch zusammengekauert da. Er hatte den Kompass in der Hand.
„Die Nadel“, flüsterte Marcus. „Sie zeigt nicht mehr nach Norden. Sie zeigt nicht mehr zum Ziel.“
Elias trat näher, leuchtete auf das Instrument. Die Nadel drehte sich nicht. Sie zeigte senkrecht nach unten. In den Boden.
„Wir sind am Ziel“, sagte Marcus. Er lachte leise, ein brüchiges, hysterisches Geräusch. „Das ist der Nullpunkt. Das Zentrum der Spirale. Hier gelten keine Vektoren mehr. Keine Richtung. Nur Tiefe.“
Er sah Elias an.
„Wir sind in der Flasche, Elias. Und jemand hat den Korken draufgedrückt.“
Elias richtete sich auf. Er spürte die Last der Führung wie einen physischen Mantel aus Blei. Sie waren gebrochen. Die Panik zerfraß sie schneller als jeder Schattenkriecher. Wenn er sie nicht bewegte, würden sie hier im Vorraum wahnsinnig werden.
„Wir sind nicht in einer Flasche“, sagte Elias laut. Seine Stimme wurde vom Stein geschluckt, aber er zwang sie, fest zu bleiben. „Wir sind in einem Haus. Elions Haus.“
Er ging zu Tarek. Er packte den Söldner an der Schulter, drückte zu, bis Tarek ihn ansah.
„Atme“, befahl Elias. „Die Luft ist dünn, aber sie ist da. Du bist nicht verschüttet. Du bist im Einsatz.“
Tarek starrte ihn an. Er sah das grüne Licht des Amuletts. Er sah den Schwarzen Handschuh.
„Du hast gut reden“, knurrte Tarek. „Du gehörst hierher. Du bist halb aus diesem verdammten Stein gemacht.“
Elias zuckte nicht zurück.
„Vielleicht“, sagte er. „Und deshalb kenne ich den Weg. Ich bringe uns hier raus. Aber nur, wenn du aufstehst.“
Er reichte ihm die Hand – die linke.
Tarek zögerte. Er blickte auf das verschlossene Tor. Dann blickte er auf Elias.
Er griff zu. Er zog sich hoch. Er schwankte, lehnte sich schwer gegen die Wand.
„Führ uns“, sagte Tarek. „Bevor die Wände mich erdrücken.“
Elias nickte. Er drehte sich zu den anderen um.
„Wir gehen weiter. Tiefer hinein. Dort wartet die Antwort.“
Er wandte sich dem inneren Torbogen zu, der in die Schwärze führte. Das grüne Licht seines Amuletts fiel in den Gang. Es enthüllte nichts als Dunkelheit und Staub.
Aber es war ein Weg.
Elias machte den ersten Schritt. Er spürte, wie die Festung ihn beobachtete. Nox Aeterna war wach. Und es war neugierig auf die kleinen, warmen Dinge, die in seinen Bauch gekrochen waren.
Der erste Schritt weg von dem versiegelten Tor war der schwerste, den Clara jemals getan hatte.
Physikalisch gesehen war es nur ein Schritt auf glattem, schwarzem Stein, unterstützt von der Schwerkraft, die sie tiefer in den Berg zog. Aber emotional fühlte es sich an, als würde sie ein unsichtbares Band durchtrennen, das sie noch mit der Welt draußen verband – mit der Sonne, dem Wind, dem Grab ihres Freundes.
Ihr Stiefel setzte auf. Es gab kein Geräusch. Der Boden aus fugenlosem Obsidian schien den Schall nicht zu reflektieren, sondern gierig zu verschlucken.
Sie blickte nach links. Tarek stand neben ihr. Der große Söldner, der sich Horden von Schattenrittern und Hydras entgegengeworfen hatte, zitterte. Seine Augen waren starr auf die Fuge gerichtet, wo die Torflügel sich geschlossen hatten. Er atmete flach, stoßweise, durch die Nase, als hätte er Angst, dass die Luft hier drinnen vergiftet sei.
„Komm“, sagte Clara leise. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Das Metall seiner Armschiene war eiskalt. „Wir können hier nicht stehenbleiben.“
Tarek riss den Blick los. Er sah sie an, und für einen Moment erkannte Clara ihn nicht wieder. Die raue Zuversicht, der spöttische Mut – alles war weg. In seinen Augen lag die nackte, atavistische Angst eines Tieres, das weiß, dass die Falle zugeschnappt ist.
„Es gibt keinen Luftzug“, flüsterte er. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Spürst du das? Die Luft steht. Wie in einem Sarg.“
„Es ist nur ein Gebäude, Tarek“, log sie. „Ein großes, altes Gebäude. Es gibt Lüftungsschächte. Irgendwo.“
„Nein“, sagte Marcus, der hinter ihnen stand. Seine Stimme war dünn, analytisch, aber brüchig wie altes Glas. „Die architektonische Struktur ist hermetisch. Ich habe die Ränder des Tores gesehen, bevor es schloss. Es gibt keine Dichtung. Der Stein verschmilzt. Molekulare Fusion. Wir sind nicht in einem Gebäude. Wir sind in einer Blase.“
Er kramte hektisch in seiner Tasche, zog ein kleines Messgerät hervor – ein Barometer, dessen Glas gesprungen war. Er klopfte darauf.
„Der Druck steigt“, murmelte er. „Nicht viel. Aber stetig. Der Berg drückt von allen Seiten.“
„Hör auf“, sagte Lyra scharf.
Die ehemalige Heilerin stand etwas abseits, im grünen Schein von Elias’ Amulett. Sie wirkte in der Dunkelheit fast durchsichtig, wie ein Geist, der noch nicht begriffen hat, dass er tot ist.
„Hör auf zu messen, Marcus. Es ändert nichts.“
Sie drehte sich um und folgte Elias, der bereits einige Meter voraus war.
Elias ging langsam. Er hielt den rechten Arm, den Schwarzen Handschuh, leicht vom Körper abgespreizt, als würde er die Dunkelheit abtasten. Das grüne Licht des Wald-Fragments pulsierte sanft, warf lange, verzerrte Schatten, die zwischen den gewundenen Säulen tanzten.
Er fühlte sich nicht eingeengt. Das war das Erschreckende.
Während seine Freunde unter der Last des Berges fast zusammenbrachen, spürte Elias eine seltsame Erleichterung. Das Amulett war hier zu Hause. Die Energie, die durch die Wände floss – diese violetten Adern tief im Gestein –, sang in derselben Tonart wie der Riss auf seiner Brust.
„Willkommen“, flüsterte die Festung.
Es war keine Stimme. Es war eine Vibration in seinen Zähnen.
„Du bist voll. Du bist schwer. Du gehörst uns.“
Elias blieb stehen. Vor ihm endete die Vorkammer.
Der riesige Raum verengte sich zu einem Korridor. Aber es war kein normaler Gang. Er war hoch, schmal und spitzbogig, geformt wie der Brustkorb eines riesigen Wesens. Die Wände waren nicht glatt. Sie waren gerippt, strukturiert mit schwarzen Auswüchsen, die aussahen wie versteinerte Wurzeln oder Sehnen.
Und es war absolut dunkel darin. Das grüne Licht des Amuletts reichte nur wenige Meter weit, dann wurde es von der Schwärze gefressen.
„Wir müssen da durch“, sagte Elias.
Die Gruppe schloss zu ihm auf. Sie drängten sich eng zusammen, suchten Schutz im Lichtkreis.
„Das sieht aus wie ein Schlund“, sagte Zara – nein, Zara war tot. Der Gedanke versetzte Clara einen Stich. Es war Tarek, der gesprochen hatte.
„Es ist der einzige Weg“, sagte Elias. „Das Sanktum liegt im Zentrum. Wir müssen durch die Schichten.“
Er machte den ersten Schritt in den Korridor.
Sofort veränderte sich die Atmosphäre. Die Luft wurde kälter, trockener. Der Geruch von Ozon wurde stärker, gemischt mit etwas Bitterem, das an verbrannte Mandeln erinnerte.
Und die Stille wurde... laut.
Es war schwer zu beschreiben. Es gab kein Geräusch, aber der Druck auf den Trommelfellen nahm zu, als würde jemand permanent einen Schrei unterdrücken.
Marcus begann zu zählen. „Eins... zwei... drei...“ Er flüsterte die Zahlen, um die Stille zu füllen. Er zählte seine Schritte.
Clara ging am Ende der Gruppe. Sie ging rückwärts, das Schwert erhoben, den Blick in die Dunkelheit gerichtet, aus der sie gekommen waren. Ihr Soldatengehirn sagte ihr, dass sie den Rücken decken musste. Aber da war nichts. Keine Verfolger. Keine Schattenkriecher.
Nur die leere Vorkammer, die bereits im Dunkeln verschwunden war.
„Es ist zu einfach“, murmelte sie. „Warum greift er nicht an? Phobos... er war draußen. Warum ist er nicht hier drinnen?“
„Weil er hier nicht kämpfen muss“, antwortete Elias von vorne. Seine Stimme hallte seltsam hohl von den gerippten Wänden wider. „Draußen war sein Reich der Angst. Hier drinnen... hier ist das Reich der Verzweiflung.“
„Was ist der Unterschied?“, fragte Tarek gepresst.
„Angst ist aktiv“, sagte Elias. Er strich im Vorbeigehen über eine der steinernen Sehnen an der Wand. Sie fühlte sich warm an. Lebendig. „Angst lässt dich rennen. Verzweiflung lässt dich sitzenbleiben.“
Sie gingen weiter. Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Er wand sich nicht, er führte stur geradeaus, aber die Perspektive war verzerrt. Wenn man nach vorne sah, schien der Gang enger zu werden, als würde er sie zerquetschen wollen. Wenn man stehenblieb, wirkte es, als würden sich die Wände dehnen.
Nach zehn Minuten – oder Stunden, Zeit war hier bedeutungslos – blieb Lyra stehen.
„Hört ihr das?“, fragte sie.
„Ich höre nichts“, sagte Marcus schnell. „Nur den Blutdruck in meinen Ohren. Tinnitus. Eine Stressreaktion.“
„Nein“, sagte Lyra. Sie drehte den Kopf zur Seite, lauschte an der Wand. „Es ist... Wasser.“
„Hier gibt es kein Wasser“, sagte Elias. „Das hier ist trockener Fels.“
„Es klingt wie Tropfen“, beharrte Lyra. „Einzelne, schwere Tropfen. Plitsch... Plitsch...“
Sie trat näher an die Wand. Sie hob die Hand.
„Nicht anfassen!“, warnte Clara.
Aber Lyra berührte den schwarzen Stein.
In dem Moment, als ihre Fingerkuppen den Obsidian berührten, zuckte sie zusammen. Sie riss die Hand nicht weg. Sie drückte sie fester dagegen.
„Kael?“, flüsterte sie.
Die anderen erstarrten.
„Lyra, das ist nicht möglich“, sagte Marcus sanft. Er wollte sie wegziehen, aber sie war stark, verankert in ihrem Wahn.
„Ich höre ihn“, sagte Lyra, und Tränen stiegen ihr in die Augen, glitzerten im grünen Licht. „Er ist in der Wand. Er... er fließt.“
Sie legte ihr Ohr an den Stein.
„Er sagt... es ist dunkel. Er sagt, er hält ihn fest. Aber er ist so kalt.“
Elias trat zu ihr. Er legte seine behandschuhte Hand auf die Wand, neben Lyras Kopf.
Er spürte es auch.
Es war kein Wasser. Es war eine Erinnerung an Wasser. Eine energetische Signatur, die durch das Fundament des Berges hallte.
Kael war da draußen. Er war Teil des Eises geworden, das den Krater füllte. Und das Eis drückte gegen die Festung.
„Er ist bei uns“, sagte Elias. „Er umschließt uns. Er ist der Druck.“
„Er will rein“, wimmerte Lyra. „Er will zu uns.“
„Er kann nicht rein“, sagte Elias hart. Er musste hart sein. Wenn Lyra jetzt zusammenbrach, würden sie alle fallen. „Er ist das Fundament, Lyra. Wenn er sich bewegt, stürzt der Berg ein.“
Er packte sie an der Schulter und zog sie von der Wand weg.
„Wir müssen weiter. Wenn wir Elion finden... wenn wir das Amulett nutzen... vielleicht können wir ihn dann befreien.“
Es war eine Lüge. Elias wusste es. Marcus wusste es.
Kael war Teil der Architektur geworden. Man konnte einen Ziegelstein nicht befreien, ohne das Haus einzureißen.
Aber Lyra brauchte die Lüge. Sie nickte, wischte sich die Tränen weg.
„Ja“, sagte sie. „Wir befreien ihn.“
Sie gingen weiter. Aber das Geräusch blieb. Ein leises, rhythmisches Tropfen, das sie verfolgte. Plitsch... Plitsch...
Es war der Takt ihres Untergangs.
Der Gang weitete sich plötzlich. Die Rippen an den Wänden verschwanden. Der Boden wurde wieder glatt.
Sie traten in eine Rotunde.
Es war ein kreisrunder Raum, kleiner als die Vorkammer, aber höher. In der Mitte des Raumes stand eine Säule.
Sie war aus reinem, weißem Marmor – ein schockierender Kontrast zu dem allgegenwärtigen Schwarz.
Auf der Säule stand eine Schale. Und in der Schale brannte ein Feuer.
Es war eine kleine, blaue Flamme, ruhig und kerzengerade.
„Licht“, sagte Tarek. Er humpelte darauf zu, angezogen wie eine Motte. „Echtes Licht.“
„Warte!“, rief Marcus. Er hielt Tarek am Arm fest. „Das ist falsch. Woher kommt der Brennstoff? Hier ist kein Sauerstoffzug.“
„Es ist Magie“, sagte Clara.
„Nein“, sagte Elias. Er trat vor, das Amulett pulsierte. „Es ist keine Magie. Es ist... Leben.“
Er ging an die Schale heran. Er blickte in die Flamme.
Und er sah Gesichter darin.
Winzige, verzerrte Gesichter, die im blauen Feuer tanzten, schrien, vergingen und neu geboren wurden.
„Das ist kein Feuer“, sagte Elias, und ihm wurde übel. „Das ist eine Seelenlampe. Das sind die Reste.“
„Reste wovon?“, fragte Tarek.
„Von denen, die es nicht geschafft haben“, sagte Elias.
Er sah ein Gesicht in der Flamme, das er kannte. Oder zu kennen glaubte. Ein Mann mit einem Bart. Jorin?
Nein, es war nicht Jorin. Aber es war jemand, der so ausgesehen hatte. Ein anderer Vater. Ein anderer Wächter, der vor langer Zeit hier gestorben war.
„Arkan hat gesagt, er wolle die Ordnung wiederherstellen“, flüsterte Elias. „Aber das hier... das ist keine Ordnung. Das ist Recycling.“
Er wollte die Flamme ausblasen. Er wollte sie erlösen.
Aber Marcus hielt ihn zurück.
„Nicht“, sagte der Gelehrte. Er starrte auf den Boden um die Säule herum.
Dort waren Schatten.
Aber sie wurden nicht von der Flamme geworfen. Sie lagen falsch. Sie zeigten zur Lichtquelle hin, nicht von ihr weg.
Sieben Schatten. Lang, dünn, humanoid.
Sie waren nicht mit der Säule verbunden. Sie standen frei im Raum.
„Wir sind nicht allein“, flüsterte Marcus.
Die Schatten bewegten sich. Sie lösten sich vom Boden. Sie richteten sich auf.
Sie wurden dreidimensional.
Schwarze Silhouetten ohne Gesicht, ohne Details, nur reine Form.
„Wächter“, sagte Clara und hob das Schwert.
Aber die Schatten griffen nicht an. Sie traten zur Seite. Sie bildeten eine Gasse.
Sie wiesen den Weg.
Zum nächsten Torbogen auf der anderen Seite der Rotunde.
„Sie lassen uns durch“, sagte Lyra verwirrt.
„Sie lassen uns nicht durch“, sagte Elias. Er blickte auf die gesichtslosen Wächter. Er spürte ihre Leere. Sie waren ausgehöhlt. „Sie führen uns zur Schlachtbank.“
„Dann gehen wir“, sagte Tarek und zog seinen Dolch. „Ich lasse mich lieber schlachten, als hier zu warten.“
Sie schritten durch die Gasse der Schatten.
Elias spürte die Kälte, die von den Gestalten ausging. Es war die Kälte von Wesen, die vergessen hatten, was Wärme ist.
Als sie den nächsten Gang betraten, erlosch die blaue Flamme hinter ihnen.
Absolute Dunkelheit kehrte zurück.
Nur das grüne Licht des Amuletts blieb. Ein kleiner, verletzlicher Stern in einem Universum aus Nacht.
Die Dunkelheit, die dem Erlöschen der blauen Seelenflamme folgte, war nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie war eine Substanz.
Elias spürte sie auf seiner Haut wie einen feinen, kalten Staub, der sich in die Poren setzte. Sie schmeckte nach Asche und einer trockenen, bitteren Stille. Das grüne Glimmen seines Amuletts, das bisher einen kleinen Kreis der Sichtbarkeit gewährt hatte, schien hier weniger Kraft zu haben. Der Lichtschein drang nicht weit; er wurde von der Schwärze verschluckt, kaum dass er seine Tunika verlassen hatte. Es war, als würde die Luft selbst Photonen fressen.
„Bleibt zusammen“, sagte Clara. Ihre Stimme klang gedämpft, als würde sie durch Wolle sprechen. „Hand an die Schulter des Vordermanns. Wir dürfen den Kontakt nicht verlieren.“
Elias spürte Claras Hand auf seiner Schulter. Er streckte seinen linken Arm nach hinten aus und fand Tareks Rüstung. Die Kette ging weiter. Tarek zu Marcus, Marcus zu Lyra. Sie waren eine einzige, blinde Kreatur, die sich durch die Eingeweide eines steinernen Ungeheuers tastete.
Der Gang führte nicht mehr geradeaus. Er begann sich zu winden.
Es war keine scharfe Kurve. Es war eine sanfte, fast unmerkliche Spirale. Elias merkte es erst, als sein Gleichgewichtssinn ihm signalisierte, dass er sich leicht nach links neigte. Der Boden unter seinen Stiefeln war immer noch glatter Obsidian, aber er war nicht mehr eben. Er fiel ab.
„Wir gehen nach unten“, flüsterte Marcus aus der Dunkelheit hinter ihnen. „Der Neigungswinkel beträgt etwa fünf Grad. Eine archimedische Spirale.“
„Wohin führt sie?“, fragte Lyra.
„Ins Fundament“, sagte Elias. Er spürte den Zug des Amuletts. Es war ein schweres, magnetisches Ziehen, das direkt in den Boden wies. „Unter den Berg.“
Mit jedem Schritt, den sie tiefer in die Spirale setzten, veränderte sich die Akustik. Das rhythmische Plitsch... Plitsch..., das sie im oberen Gang verfolgt hatte, war verschwunden. Stattdessen hörten sie jetzt... Atmen.
Es war nicht ihr eigenes Atmen. Es war ein langsames, tiefes Ein- und Ausströmen von Luft, das aus den Wänden zu kommen schien.
Huuuuh... Haaaah...
Es klang wie der Schlaf eines Riesen. Oder wie das Beatmungsgerät eines Sterbenden.
„Die Wände“, sagte Tarek plötzlich. Er blieb stehen, was einen Ruck durch die Menschenkette sandte. „Sie sind weich.“
Elias tastete nach rechts. Seine Finger, geschützt durch den Schwarzen Handschuh, berührten die Wand.
Tarek hatte recht. Es war kein kalter Stein mehr. Die Oberfläche war warm. Sie gab unter Druck leicht nach, elastisch und fest zugleich. Wie extrem gespanntes Leder. Oder versteinertes Fleisch.
Und es vibrierte.
Elias zog die Hand zurück. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
„Das ist kein Gebäude“, sagte er. „Das ist ein Körper. Wir laufen durch eine Ader.“
„Hör auf“, sagte Clara scharf. „Das ist Obsidian. Magisch veränderter Obsidian. Lass dich nicht von Phobos täuschen. Er ist vielleicht nicht hier, aber sein Einfluss ist es.“
Sie gingen weiter, aber das Bild des organischen Steins setzte sich in ihren Köpfen fest. Die Spirale wurde enger. Die Luft wurde wärmer, feuchter.
Plötzlich blieb Elias stehen.
Der Boden vor ihm endete.
Er trat mit der Stiefelspitze ins Leere, fing sich gerade noch ab. Er leuchtete mit dem Amulett nach unten.
Der Gang mündete in einen Schacht. Eine vertikale Röhre, die in die Tiefe führte. Es gab keine Leiter, keine Stufen. Aber die Wände des Schachts waren nicht glatt. Sie waren zerklüftet, voller Nischen und Vorsprünge, die aussahen wie die Rippen eines Brustkorbs.
„Wir müssen klettern“, sagte Elias.
„Klettern?“, fragte Marcus, dessen Stimme am Rande der Hysterie kratzte. „In dieser Dunkelheit? Ohne Sicherung? Tarek kann kaum laufen, wie soll er klettern?“
„Ich klettere“, knurrte Tarek. „Es ist besser, als hier im Darm des Berges zu stehen und zu warten, bis wir verdaut werden.“
„Ich gehe zuerst“, sagte Clara. „Ich suche die Tritte.“
Sie schob sich an Elias vorbei. Sie setzte sich an die Kante, tastete mit den Füßen nach einem Halt.
„Es ist fest“, sagte sie. „Der Stein ist griffig. Wie Knochen.“
Sie stieg hinab. Elias folgte ihr. Dann Tarek, Marcus und Lyra.
Der Abstieg war ein Albtraum der Sinne. In der fast völligen Dunkelheit musste sich Elias ganz auf seinen Tastsinn verlassen. Seine Hände griffen in die Nischen, seine Finger strichen über Formen, die er nicht identifizieren wollte. Manche Vorsprünge fühlten sich an wie Wirbelknochen, andere wie erstarrte Gesichter.
Er hörte Tareks schweres Atmen über sich. Der Söldner litt. Jede Bewegung musste die Wunde an seiner Seite dehnen, das frische Narbengewebe zerren. Aber er klagte nicht. Er fluchte nur leise, rhythmisch, ein stetiger Strom von Obszönitäten, der ihn fokussiert hielt.
„Wie tief ist das?“, rief Marcus von oben. Seine Stimme hallte vielfach, verzerrt, als käme sie aus vielen Kehlen gleichzeitig.
„Keine Ahnung“, antwortete Elias. „Einfach weiter.“
Nach einer Ewigkeit erreichten Elias’ Füße wieder flachen Boden.
„Unten“, sagte er. „Wir sind unten.“
Er trat zur Seite, um Platz für die anderen zu machen. Als alle unten waren, hob er das Amulett etwas an, um den Raum zu beleuchten.
Sie befanden sich in einer Galerie.
Aber es war keine Galerie für Bilder oder Statuen.
Der Raum war lang und schmal, die Decke niedrig. Und an den Wänden, in regelmäßigen Abständen, hingen... Spiegel.
Es waren große, ovale Spiegel in Rahmen aus schwarzem Metall. Aber das Glas war nicht silbern. Es war schwarz.
„Nicht hineinsehen“, warnte Marcus sofort. Er drehte den Kopf weg, schirmte die Augen mit der Hand ab. „Wir hatten das schon. Psychoreaktive Oberflächen. Die Spiegel im Labyrinth.“
„Das sind keine Spiegel“, sagte Lyra.
Sie stand vor dem nächstgelegenen Rahmen. Sie hatte den Kopf nicht weggedreht. Sie starrte hinein.
„Das sind Fenster.“
Elias trat neben sie. Er blickte in das schwarze Glas.
Zuerst sah er nur sein eigenes, schemenhaftes Spiegelbild im grünen Schein des Amuletts – ein bleiches Gesicht, Augenringe wie blaue Flecken, den Ausdruck eines Gejagten.
Aber dann veränderte sich das Bild. Die Schwärze hinter seinem Spiegelbild bekam Tiefe. Sie wirbelte. Und dann klärte sie sich auf.
Er sah einen Raum. Ein Schlafzimmer. Einfach, rustikal. Ein Kaminfeuer brannte.
Auf einem Stuhl saß eine Frau. Sie webte. Ihre Hände bewegten sich flink, das Schiffchen klackerte.
Elara. Seine Mutter.
Elias’ Herz setzte einen Schlag aus. Er drückte die Hand gegen das Glas. Es war kalt.
„Mutter?“, flüsterte er.
Im Spiegel hob die Frau den Kopf. Sie sah zur Tür. Sie lächelte.
„Elias?“, sagte sie. Er konnte ihre Lippen lesen, auch wenn er keinen Ton hörte. „Bist du das? Komm rein, das Essen ist fertig.“
Elias griff nach der Klinke – aber da war keine Klinke. Nur der glatte Rahmen.
„Sie ist da“, sagte er. Seine Stimme zitterte. „Sie lebt. Es ist... es ist eine andere Zeit. Oder ein anderer Ort.“
„Es ist eine Lüge“, sagte Clara hart. Sie packte ihn an der Schulter, riss ihn zurück. „Sie ist tot, Elias. Du hast sie begraben. Oder du bist weggelaufen, als sie starb. Das ist nicht echt.“
„Aber sie sieht mich!“, rief Elias. Er wehrte sich gegen Claras Griff. „Sie wartet auf mich!“
„Sieh in meinen Spiegel“, sagte Tarek. Seine Stimme war hohl.
Elias riss sich los, drehte sich zu Tarek. Der Söldner stand vor einem anderen Rahmen.
Im Glas sah man ein Schlachtfeld. Rauch, Feuer. Und einen Mann in einer goldenen Rüstung, der auf einem Pferd saß. Er hielt einen Helm unter dem Arm. Er lachte.
„Mein Vater“, sagte Tarek. „Er verkauft gerade seine Ehre. Er unterschreibt den Vertrag mit Arkan.“
Tarek ballte die Faust und schlug gegen das Glas.
KLONK.
Der Spiegel zerbrach nicht. Er vibrierte nur. Das Bild verzerrte sich kurz, dann wurde es wieder scharf.
„Sie zeigen uns unsere Brüche“, sagte Marcus. Er kauerte am Boden, die Augen fest zugekniffen. „Die Momente, in denen alles schiefging. Die Bifurkationspunkte unseres Lebens.“
„Warum?“, fragte Lyra. Sie stand vor ihrem eigenen Fenster.
Sie sah sich selbst im Dschungel. Sie sah, wie ihre Hände brannten. Sie sah Jory, wie er schrie. Und sie sah Kael, wie er sie ansah – nicht mit Liebe, sondern mit Angst.
„Um uns zu schwächen?“, fragte sie.
„Nein“, sagte Elias. Er blickte zurück zu dem Bild seiner Mutter. Sie hatte aufgehört zu lächeln. Sie sah jetzt besorgt aus. Sie stand auf, ging zum Fenster. Sie wartete.
„Um uns zu halten“, sagte Elias. „Elion... er hat diese Dinge nicht nur gesehen. Er hat sie bewahrt. Er hat versucht, die Zeit festzuhalten. Die Momente, bevor alles dunkel wurde.“
Er verstand es jetzt. Die Festung war nicht nur ein Gefängnis für Anaxi. Sie war ein Museum für Elions Schmerz. Er hatte sich mit diesen Bildern umgeben, tausend Jahre lang. Er hatte seiner eigenen Mutter beim Sterben zugesehen, immer und immer wieder, in der Hoffnung, dass es diesmal anders ausgehen würde.
„Das ist Folter“, sagte Clara. „Selbstauferlegte Folter.“
„Es ist Einsamkeit“, sagte Elias.
Er trat von dem Spiegel weg. Er zwang sich, den Blick von Elara abzuwenden. Es tat körperlich weh. Es fühlte sich an, als würde er sie ein zweites Mal verlassen.
„Wir dürfen nicht hinsehen“, sagte er laut. „Wir müssen weitergehen. Wenn wir hierbleiben, werden wir Teil der Ausstellung.“
„Ich kann nicht“, flüsterte Marcus. „Ich sehe die Bibliothek. Ich sehe das Feuer. Ich sehe die Formel, die ich falsch geschrieben habe. Wenn ich nur... wenn ich nur den Stift anders halten würde...“
Er kroch auf den Spiegel zu.
„Marcus!“, rief Zara – nein, Zara war nicht da. Es war niemand da, der ihn ohrfeigen konnte.
Elias ging zu ihm. Er packte Marcus am Kragen und zog ihn hoch.
„Die Formel ist geschrieben, Marcus“, sagte er hart. „Die Tinte ist trocken. Du kannst es nicht ändern. Aber du kannst die nächste Seite schreiben.“
Marcus starrte ihn an. Dann nickte er langsam. Er schloss die Augen wieder, tastete nach Elias’ Arm.
„Führe mich“, sagte er. „Ich darf nicht sehen.“
„Haltet euch an den Händen“, befahl Elias. „Augen zu. Nur ich sehe.“
Er nahm Marcus’ Hand. Marcus nahm Lyras. Lyra nahm Tareks. Tarek nahm Claras.
Eine Kette aus Blinden, geführt von einem Einäugigen.
Elias blickte stur geradeaus. Er fixierte das Ende des Ganges, wo die Schwärze am dichtesten war. Er ignorierte die Bewegungen in den Spiegeln links und rechts. Er ignorierte das Winken seiner Mutter. Das Lachen von Tareks Vater. Den Schrei von Jory.
Er ging.
Das Amulett brannte auf seiner Brust. Es war heiß. Es wollte, dass er hinsah. Es wollte den Schmerz trinken.
Nein, dachte Elias. Ich gebe dir nichts mehr. Ich bin voll.
Sie erreichten das Ende der Galerie.
Kein Tor diesmal. Eine Treppe. Eine breite, majestätische Treppe, die nach oben führte.
Sie war aus weißem Marmor, der im Dunkeln leuchtete. Aber der Marmor war befleckt.
Schwarze Fußabdrücke führten die Stufen hinauf.
Sie waren riesig. Zu groß für einen Menschen.
Und sie waren frisch. Sie dampften noch.
„Augen auf“, sagte Elias. „Wir sind durch.“
Die anderen öffneten die Augen. Sie blinzelten, sahen die Treppe, die Spuren.
„Was ist das?“, fragte Tarek und zog sein Schwert.
„Der Hausherr“, sagte Elias. „Oder sein Wärter.“
Er blickte die Treppe hinauf.
„Das führt zu den Hallen der Dunkelheit. Zum Vorraum des Throns.“
„Dann ist er nah“, sagte Clara.
„Ja“, sagte Elias. „Er ist nah.“
Er setzte den Fuß auf die erste Stufe, genau in den schwarzen Abdruck. Er passte hinein. Sein Fuß war winzig im Vergleich dazu.
Aber er ging weiter.
Schritt für Schritt stiegen sie empor, weg von den Spiegeln der Vergangenheit, hinauf in die brutale Gegenwart.
Der Aufstieg über die weiße Marmortreppe war ein Marsch durch ein Minenfeld der Stille.
Elias setzte seine Füße mit einer fast quälenden Bedachtsamkeit. Er versuchte, nicht in die schwarzen, rauchenden Fußabdrücke zu treten, die den makellosen Stein vor ihm entweihten. Die Spuren waren riesig, eingebrannt in den Marmor wie Säure in Haut. Sie waren frisch. Der Rauch, der von ihnen aufstieg, war dünn und violett, und er roch nach verbranntem Fleisch und Ozon.
„Er ist hier“, flüsterte Tarek hinter ihm. Der Söldner atmete schwer, rasselnd, jeder Zug ein Kampf gegen die Schwerkraft und die eigenen zerstörten Lungen. Er stützte sich schwer auf das Geländer – eine Balustrade aus gedrehtem, schwarzem Glas, die sich kalt und glatt unter seinen Fingern anfühlte. „Der Bastard ist hier oben. Ich kann ihn riechen.“
„Phobos“, sagte Clara leise. Sie ging neben Tarek, stützte ihn an der Hüfte, aber ihr Blick war starr nach oben gerichtet, dorthin, wo die Treppe in einem Schatten verschwand, der so dicht war, dass er wie eine physische Wand wirkte. „Er wartet nicht mehr auf der Brücke. Er wartet im Thronsaal.“
„Nein“, sagte Elias. Er blieb stehen, eine Hand auf der Brust, direkt über dem pochenden Amulett. „Das sind keine Wächterspuren. Ein Wächter steht. Diese Spuren... sie gehen.“
Er blickte auf die Abstände zwischen den Abdrücken. Sie waren weit. Zu weit für einen menschlichen Schritt, sogar für einen Riesen.
„Er ist gerannt“, analysierte Marcus. Der Gelehrte kniete auf einer Stufe, untersuchte den Rand eines Abdrucks mit dem Finger, zuckte aber sofort zurück, als die Resthitze ihn brannte. „Die kinetische Energie beim Aufprall... der Winkel des Abstoßes... was auch immer das war, es hatte es eilig. Es ist nicht marschiert. Es ist gestürmt.“
„Flucht?“, fragte Lyra. Sie stand ganz außen, so weit weg von den schwarzen Spuren wie möglich. Ihr Gesicht war im grünen Schein von Elias’ Amulett fahl, fast durchsichtig.
„Oder Hunger“, sagte Elias.
Er ging weiter. Das Amulett wurde heißer. Es war kein angenehmes Brennen mehr. Es war ein Fieber. Das Artefakt spürte die Nähe zu etwas, das es kannte. Etwas, das gleich war.
Je höher sie kamen, desto drückender wurde die Atmosphäre. Die Luft wurde dünner, trockener. Der Druck auf den Ohren nahm zu, als würden sie nicht nach oben steigen, sondern tief unter Wasser tauchen. Das rhythmische Pochen – Bumm... Bumm... – das den Berg durchzog, war hier oben kein Geräusch mehr. Es war eine Erschütterung, die die Zähne im Kiefer lockerte.
Sie erreichten einen Absatz. Die Treppe machte eine scharfe Kehre.
Vor ihnen, in die Wand eingelassen, war ein Relief.
Es war riesig, bedeckte die gesamte Wand der Kehre. Aber es war nicht aus Stein gemeißelt. Es sah aus, als wäre es aus den Schatten selbst geformt worden, die sich verdichtet und verhärtet hatten.
Es zeigte eine Stadt. Die Erste Stadt, die Elias in den Hallen der Erinnerung im Eis gesehen hatte. Aber hier war sie nicht strahlend und weiß. Hier war sie gebrochen. Türme stürzten ein. Winzige Figuren fielen in Abgründe. Und über der Stadt... über der Stadt hing ein Auge.
Ein riesiges, offenes Auge, das alles darunter verschlang.
„Propaganda“, murmelte Tarek und spuckte auf den Boden. „Oder Geschichte.“
„Warnung“, sagte Marcus. Er trat näher, aber er berührte es nicht. Er hatte gelernt. „Das ist keine historische Aufzeichnung. Die Perspektive ist falsch. Das ist keine Ansicht von unten. Das ist eine Ansicht von oben.“
Er drehte sich zu Elias um. Seine Augen hinter der kaputten Brille waren weit.
„Das ist, was Anaxi sieht. Das ist der Blick der Leere auf die Welt.“
Elias spürte einen Stich in seinem Herzen. Er sah die kleinen Figuren. Er sah die Verzweiflung. Und er verstand, warum Elion wahnsinnig geworden war. Wenn man tausend Jahre lang in diesen Spiegel blickte... wenn man die Welt nur noch als Futter sah... wie konnte man da Mensch bleiben?
„Weiter“, sagte Elias rau. „Wir dürfen nicht hinsehen.“
Sie stiegen die letzten Stufen hinauf. Die schwarzen Fußabdrücke wurden tiefer, die Ränder schärfer. Das Wesen war hier schwerer geworden, dichter.
Dann endete die Treppe.
Sie standen auf einer Galerie.
Sie war schmal, kaum breit genug für drei Männer nebeneinander, und sie zog sich im Halbkreis um einen gigantischen Schacht. Es gab kein Geländer. Nur den glatten, schwarzen Stein und den Abgrund links von ihnen.
Elias trat an die Kante. Er blickte hinab.
Der Schacht war leer. Kein Boden. Kein Licht. Nur endlose, wirbelnde Schwärze, die sich tief unten im Berg verlor. Aber aus dieser Schwärze stieg etwas auf.
Ein Gesang.
Es waren keine Worte. Es war ein einziger, langgezogener Ton. Ein Summen, das aus tausend Kehlen zu kommen schien, harmonisch und doch dissonant, wunderschön und schrecklich.
„Huuuuuuuuuummmmmmm...“
„Die Seelen“, flüsterte Clara. Sie wich von der Kante zurück, drückte sich gegen die Wand. „Die, die wir unten gesehen haben. Die Statuen. Sie singen.“
„Sie schreien“, korrigierte Lyra. Ihre Stimme war kalt, emotionslos. „Das ist kein Lied. Das ist der Klang von Energie, die zermahlen wird. Sie werden verdaut.“
„Wir sind im Magen“, sagte Tarek. Er zog sein Schwert, hielt es fest umklammert, obwohl es keinen Feind gab. „Wir laufen auf den Rippen.“
Elias blickte über den Schacht. Auf der anderen Seite, vielleicht fünfzig Meter entfernt, sah er das Ende der Galerie.
Ein Tor.
Aber es war kein Tor wie am Eingang. Es waren keine Flügel aus Obsidian.
Es war ein Vorhang.
Ein riesiger, wabernder Schleier aus violettem Nebel, der den gesamten Durchgang füllte. Er bewegte sich, als würde er atmen. Er war undurchsichtig. Und er pulsierte im Takt des Herzschlags.
Bumm. (Licht an). Bumm. (Licht aus).
Davor endeten die schwarzen Fußabdrücke.
„Das ist es“, sagte Elias.
Er wusste es. Das Amulett wusste es. Dahinter lag das Herz. Dahinter lag Elion.
„Wie kommen wir da durch?“, fragte Marcus. „Das ist konzentrierte Schattenmaterie. Wenn wir das berühren... löst es uns auf. Wie Säure.“
„Wir gehen nicht durch“, sagte Elias. „Wir werden eingeladen.“
Er ging den Halbkreis entlang, auf den Nebelvorhang zu. Seine Schritte hallten jetzt laut, ein hartes Klacken, das den Gesang aus der Tiefe durchschnitt.
Er erreichte das Ende der Galerie. Er stand direkt vor dem violetten Nebel. Die Hitze, die davon ausging, war immens. Es roch nach Ozon und statischer Elektrizität.
Er spürte, wie sich die Haare auf seinen Armen aufstellten. Der Schwarze Handschuh begann zu vibrieren. Die silbernen Adern leuchteten grell auf.
„Er weiß, dass ich hier bin“, sagte Elias.
Er hob die Hand. Er berührte den Nebel nicht. Er hielt die Handfläche nur Zentimeter davor.
Der Nebel reagierte. Er wich zurück. Dort, wo Elias’ Hand war, bildete sich eine Delle im Rauch, ein kleiner Hohlraum.
„Es erkennt den Handschuh“, sagte Clara. Sie stand hinter ihm, bereit, ihn zurückzureißen, wenn er fallen sollte. „Es ist Arkans Magie. Oder Elions.“
„Es ist derselbe Schlüssel“, sagte Elias.
Er drehte sich zu seinen Freunden um.
Sie standen am Rand des Abgrunds, beleuchtet vom violetten Flackern des Tores.
Tarek, der blutete. Marcus, der zitterte. Clara, die zweifelte. Lyra, die fror.
Sie waren am Ende ihres Weges. Physisch und seelisch.
„Hinter diesem Vorhang“, sagte Elias leise, „gibt es kein Zurück mehr. Wenn wir da reingehen... sind wir im Thronsaal. Bei ihm.“
„Wir sind nicht so weit gekommen, um vor einem Vorhang stehenzubleiben“, sagte Tarek. Er humpelte nach vorne. „Mach das Ding auf, Junge.“
„Warte“, sagte Lyra.
Sie trat vor. Sie ging zu Elias. Sie sah ihn an, mit diesen neuen, harten Augen, die der Tod von Kael ihr gegeben hatte.
„Bevor wir da reingehen“, sagte sie, „muss ich etwas wissen.“
„Was?“, fragte Elias.
„Wirst du es tun?“
Die Frage hing in der Luft, schwerer als der Nebel.
Elias wusste, was sie meinte. Wirst du dich opfern? Wirst du den Platz einnehmen? Wirst du uns verlassen?
Er blickte auf das Amulett. Auf den Riss. Auf die Macht, die ihn langsam umbrachte.
„Ich werde tun, was getan werden muss“, sagte er.
„Das ist keine Antwort“, sagte Clara.
„Es ist die einzige, die ich habe“, sagte Elias.
Er wandte sich wieder dem Tor zu. Er ballte die Hand zur Faust.
Das Amulett flammte auf. Ein Stoß aus grünem und goldenem Licht schoss in den Handschuh.
Elias schlug gegen den Nebel. Nicht physisch. Magisch.
ÖFFNE DICH!
Der violette Rauch zerriss. Er schrie auf, ein hohes Zischen, und teilte sich in der Mitte.
Ein Spalt öffnete sich.
Dahinter lag Dunkelheit. Aber keine leere Dunkelheit.
Dahinter lagen Reihen von schwarzen Statuen. Eine Allee aus Stein. Und am Ende... ein Licht.
„Die Hallen der Dunkelheit“, flüsterte Marcus. „Wir haben Level 14 erreicht.“
Elias trat zurück. Er machte den Weg frei.
„Geht“, sagte er. „Ich folge euch.“
Tarek ging als Erster. Er hielt sein Schwert bereit, obwohl er kaum die Kraft hatte, es zu heben. Clara folgte ihm. Dann Marcus.
Lyra blieb kurz bei Elias stehen.
„Vergiss nicht“, flüsterte sie. „Du bist nicht allein.“
Dann ging auch sie durch den Riss im Rauch.
Elias stand allein auf der Galerie. Er blickte in den Abgrund. Er blickte zurück auf den Weg, den sie gekommen waren.
Das Tor am Eingang der Festung war zu. Der Weg war versperrt.
Er blickte auf seine Hand.
Es ist Zeit, dachte er.
Er trat durch den Nebel.
Hinter ihm schloss sich der Vorhang. Lautlos. Endgültig.
Sie waren im Inneren.