NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 8: Der Schild und das Schwert
Vier Uhr morgens war keine Uhrzeit. Es war ein Zustand. Es war der einzige Moment in Seraphis, in dem die Stadt schwieg. Selbst das allgegenwärtige Summen der Aegis-Barriere schien in dieser grauen Stunde zwischen Nacht und Dämmerung leiser zu sein, gedämpft von einem Nebel, der vom Meer heraufkroch und sich wie feuchte Watte um die weißen Türme der Akademie legte.
Clara öffnete die Augen. Sie blinzelte nicht. Sie lag nicht da und dachte darüber nach, sich noch einmal umzudrehen, wie es die anderen Kadetten in den weichen Betten neben ihr taten. In dem Moment, in dem ihr Geist das Bewusstsein erlangte, war sie wach. Vollständig. Klar. Kalt.
Sie lag auf dem Rücken, die Decke aus grauer Wolle bis zum Kinn gezogen, die Hände auf der Brust gefaltet, als läge sie bereits aufgebahrt in einer Krypta. Ihr Blick fixierte die Unterseite des Hochbetts über ihr. Jemand hatte dort „Darius war hier“ ins Holz geritzt. Clara hatte nichts eingeritzt. Sie würde keine Spuren hinterlassen. Nicht hier. Nicht in diesem Schlafsaal, der nach dem süßlichen Schweiß von zwanzig jungen Frauen, Lavendelseife und dem Leder von geputzten Stiefeln roch.
Sie atmete tief ein, hielt die Luft in den Lungen, bis es brannte, und atmete langsam aus. Eins. Sie schlug die Decke zurück. Die Luft im Schlafsaal war kühl, klimatisiert durch magische Lüftungsschächte, die die Hitze des Südens draußen hielten. Clara schwang die Beine aus dem Bett. Ihre nackten Füße berührten den polierten Steinboden. Er war kalt. Gut. Kälte machte wach. Kälte erinnerte daran, dass man einen Körper hatte, der gehorchen musste.
Sie stand auf und bewegte sich lautlos durch den Raum. Um sie herum hörte sie das rhythmische Atmen ihrer Kameradinnen. Leises Schnarchen von Elena im Bett am Fenster. Das unruhige Wälzen von Jara, die wahrscheinlich wieder vom Ausbilder träumte. Sie schliefen den Schlaf der Gerechten. Derer, die wussten, dass sie hierher gehörten. Derer, deren Namen nicht wie ein Fluch in den Hallen widerhallten.
Clara ging zu ihrem Spind am Ende des Raumes. Er war identisch mit den anderen neunzehn Spinden: schmales, graues Metall, eine Nummer auf der Tür. Nummer 407. Aber für Clara war es kein Spind. Es war ein Rüstungsschrein.
Sie öffnete die Tür. Das Metall quietschte nicht; sie hatte die Scharniere gestern Abend mit Waffenöl geschmiert. Darin hing ihre Uniform. Nicht einfach aufgehängt. Inszeniert. Das weiße Leinenhemd war so stark gestärkt, dass es fast von allein stand. Die blaue Akademie-Tunika war gebürstet, kein einziger Fussel war auf dem schweren Stoff zu sehen. Und darunter, auf dem Boden des Spinds, standen ihre Stiefel, so poliert, dass sie das schwache Licht der Notbeleuchtung reflektierten wie schwarze Spiegel.
Clara begann das Ritual. Es war jeden Morgen dasselbe, und sie führte es mit einer religiösen Ernsthaftigkeit aus. Zuerst das Untergewand. Sie streifte das grobe Leinen über, zog es glatt, bis keine Falte mehr auf ihrer Haut drückte. Falten bedeuteten Reibung. Reibung bedeutete Ablenkung. Und im Kampf war Ablenkung der Tod. Dann die Hose. Das Leder war steif, aber an den Knien weich gearbeitet. Sie zog den Gürtel fest. Eng. So eng, dass er ihr in die Hüfte schnitt. Ein Schmerz, der ihr sagte, wo ihre Grenzen waren.
Dann griff sie nach dem Brustpanzer. Er lag auf der kleinen Bank vor dem Spind. Es war Standard-Ausrüstung der Akademie: gehärteter Stahl, legiert mit einer Spur Luma, um ihn leichter und widerstandsfähiger zu machen. Auf der linken Brustseite prangte das Wappen von Seraphis – der geflügelte Turm vor einer Sonne. Clara hob den Panzer an. Er war schwer. Schwerer, als er sein sollte. Oder vielleicht war es nur das Gefühl, das sie jedes Mal überkam, wenn sie ihn berührte.
Sie stülpte ihn über den Kopf. Das Metall legte sich um ihren Brustkorb wie ein zweites Skelett. Sie griff nach den Lederriemen an der Seite. Zurr. Der erste Riemen. Die Luft wurde knapp. Zurr. Der zweite Riemen. Der Panzer wurde eins mit ihr. Er drückte ihre Brüste flach, formte ihren Oberkörper zu einer harten, geschlechtslosen Silhouette aus Stahl.
Sie atmete flach. Nur in den oberen Teil der Lunge. So war es richtig. Nichts durfte wackeln. Nichts durfte weich sein. Sie betrachtete sich im kleinen Spiegel, der an der Innenseite der Spindtür hing. Ein blasses Gesicht starrte zurück. Hohe Wangenknochen, ein Mund, der zu oft zu einem schmalen Strich zusammengepresst war, und Augen, die grau waren wie der Himmel über dem Meer, das sie nie gesehen hatte. Ihr Haar war platinblond, fast weiß – das Markenzeichen ihres Blutes. Das Markenzeichen von Arendelle. Sie griff nach der Bürste und begann, es streng nach hinten zu kämmen. Jeder Strich war ein Befehl an das Haar, sich zu fügen. Sie flocht es zu einem Zopf, so fest, dass ihre Kopfhaut spannte. Kein Haar durfte ihr ins Gesicht fallen. Kein Haar durfte dem Gegner einen Griff bieten.
Als sie fertig war, sah sie nicht mehr aus wie Clara. Sie sah aus wie Kadett 407. Eine Maschine. Ein Werkzeug der Akademie. Fast.
Es fehlte noch etwas. Clara griff ganz hinten in den Spind, hinter den Stapel mit Ersatzsocken, in eine kleine, verborgene Nische. Ihre Finger schlossen sich um kühles Silber. Sie zog es hervor.
Es war ein Medaillon. Alt, angelaufen, an einer einfachen Silberkette. Es passte nicht hierher. Es passte nicht zu dem polierten Stahl und dem neuen Leder. Es sah aus wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, einer Zeit, bevor Seraphis die Welt mit Licht überzog. Auf dem Deckel war kein Turm eingraviert. Dort war ein Wolf. Ein heulender Wolf vor einem stilisierten Berg. Das Wappen von Arendelle. Des gefallenen Hauses. Des Hauses der Verräter.
Clara starrte auf den Wolf. Sie hörte die Stimme ihrer Großmutter, klar und brüchig wie trockenes Laub. „Trag es nicht offen, Kind. Aber trag es. Es ist kein Schmuck. Es ist ein Anker. Solange du weißt, wer du bist, können sie dich nicht zu dem machen, was sie wollen.“
„Wer bin ich?“, flüsterte Clara in die Stille des Schlafsaals. Die Antwort gab ihr niemand. Ihr Vater war der Mann, der die Tore des Nordens geöffnet hatte. Der Mann, dessen Name in den Geschichtsbüchern der Akademie als Synonym für Feigheit stand. Und sie? Sie war die Tochter, die versuchte, mit Perfektion eine Schuld zu tilgen, die sie nicht begangen hatte.
Sie öffnete das Medaillon. Es war leer. Früher war dort ein Bild gewesen. Ein Miniaturporträt ihres Vaters. Clara hatte es an ihrem zehnten Geburtstag herausgekratzt, mit einer Nadel, bis nur noch silberner Staub übrig war. Jetzt starrte sie in die leere, zerkratzte Innenseite. Ein passendes Bild für ihre Seele.
Sie legte die Kette um den Hals. Das Silber war eiskalt auf ihrer Haut, dort, wo das Leinenhemd offen stand. Sie schob das Medaillon unter das Hemd, unter den Panzer, genau dorthin, wo ihr Herz schlug. Das Metall drückte gegen ihr Brustbein. Ein geheimer Schmerz. Ein geheimer Stolz.
Sie schloss die Spindtür. Sie griff nach ihren Handschuhen. Leder, verstärkt mit Nieten. Sie zog sie an, Finger für Finger, zog das Leder glatt. Dann griff sie nach ihrem Übungsschwert, das neben dem Spind lehnte. Es war stumpf, aus schwerem Eisen, gewickelt in altes Leder. Sie wog es in der Hand. Es war gut ausbalanciert. Es war ehrlich. Ein Schwert log nicht. Ein Schwert verurteilte nicht nach dem Namen des Vaters. Ein Schwert fragte nur: Bist du stark genug, mich zu führen?
„Ja“, antwortete Clara leise.
Sie drehte sich um. Die anderen schliefen noch immer. Elena murmelte etwas im Schlaf, drehte sich auf die Seite. Clara empfand keinen Neid mehr für ihren Frieden. Sie empfand Verachtung. Schlaf war für die Schwachen. Schlaf war für die, die keine Dämonen zu bekämpfen hatten.
Sie ging zur Tür. Ihre Schritte waren lautlos auf dem Stein, gedämpft durch Jahre der Übung. Sie drückte die Klinke herunter. Der Flur dahinter lag im Halbdunkel, nur beleuchtet von den Notlichtern, die alle zehn Meter in Bodennähe glimmten. Es war 04:15 Uhr. Der Ausbilder würde erst um 06:00 Uhr kommen. Das gab ihr eine Stunde und fünfundvierzig Minuten Vorsprung. Eine Stunde und fünfundvierzig Minuten, um besser zu werden als sie. Um härter zu werden als der Stahl, den sie trug.
Clara trat hinaus in den Flur. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Das Klick war der Startschuss. Der Tag hatte begonnen. Und mit ihm der Krieg.
Der Korridor der Kadettenunterkünfte war ein perfekter Tunnel aus weißem Kalkstein. Er erstreckte sich über zweihundert Meter, schnurgerade, ohne Nischen, ohne Fenster, die den Blick nach draußen erlaubten. Die Architekten der Akademie hatten ihn so entworfen, dass der Blick unweigerlich auf einen einzigen Punkt gelenkt wurde: Das große Doppeltor aus Bronze am Ende, das hinaus zu den Übungsplätzen führte. Es gab kein Entkommen nach links oder rechts. Es gab nur den Weg nach vorn. Oder den Rückzug.
Clara ging vorwärts. Ihre Stiefel verursachten auf dem makellosen Boden ein hartes, rhythmisches Geräusch. Tack. Stille. Tack. Stille.
Es war das Metronom ihres Lebens. In dieser Stille fühlte sie sich sicher. Solange niemand da war, musste sie keine Rolle spielen. Sie musste nicht die arrogante Adelstochter mimen, an der die Beleidigungen abperlten wie Regen an geöltem Leder. Sie musste nicht die Haltung wahren. Hier, allein mit dem Stein, war sie nur ein Körper, der funktionierte.
Sie passierte die Reihe der Büsten, die in regelmäßigen Abständen in die Wände eingelassen waren. Die Halle der Ahnen. Es waren die Köpfe ehemaliger Primarchen, Generäle und Großmeister der Akademie. In weißem Marmor verewigt, blickten sie mit leeren Augen auf den Gang herab. Männer und Frauen, die Seraphis groß gemacht hatten. Die das Licht verteidigt hatten. Clara mied ihre Blicke. Nicht aus Ehrfurcht. Sondern aus Scham.
Sie wusste, dass es weiter hinten, im alten Flügel der Akademie, einen Sockel gab, der leer war. Dort hatte einmal die Büste von Valerius von Arendelle gestanden. Ihr Großvater. Ein Held. Man hatte sie entfernt, in der Nacht, nachdem die Nachricht vom Verrat ihres Vaters eingetroffen war. Sippenhaftung galt in Seraphis nicht offiziell – das Gesetz sprach von individueller Schuld. Aber Stein vergaß nicht. Und die Menschen, die den Stein meißelten, vergaßen erst recht nicht.
Clara fixierte einen Punkt weit vor sich. „Ich bin nicht er“, flüsterte sie. Das Echo trug ihre Stimme davon, verzerrte sie, bis sie klang wie das Flüstern eines Geistes. Die Wände schienen näher zu rücken. Die Architektur der Akademie war darauf ausgelegt, das Individuum zu erdrücken. Die Decken waren zu hoch, die Säulen zu dick, die Räume zu weit. Alles schrie dem Betrachter entgegen: Du bist klein. Die Ordnung ist groß. Füge dich.
Für die meisten Kadetten war das ein Grund zur Angst. Für Clara war es ein Trost. Wenn man unbedeutend war, konnte man auch keine Fehler machen, die die Welt zerstörten. Sie wollte ein Rädchen im Getriebe sein. Ein perfektes, stahlhartes Rädchen, das sich drehte, bis es brach.
Sie erreichte das Ende des Korridors. Das Bronzetor war mit Reliefs verziert, die die Schlacht an den Aschen-Feldern darstellten. Heroische Gestalten, die Schattenkriecher mit Speeren aus Licht durchbohrten. Clara legte die behandschuhte Hand auf das kalte Metall. Sie drückte. Die Scharniere waren massiv, für Riesen gemacht, aber sie bewegten sich lautlos. Ein Zeichen für die obsessive Wartung, die in diesem Gebäude herrschte. Nichts durfte quietschen. Nichts durfte rosten. Rost war wie Zweifel – ein Zeichen von Verfall.
Ein Luftzug traf sie. Er war feuchter als die sterilisierte Luft der Korridore. Er roch nach Tau, nach kaltem Stein und ganz schwach nach dem Salz des fernen Meeres.
Clara trat hinaus. Sie stand nun unter einer gewaltigen Arkade, die den Innenhof der Akademie umrahmte. Vor ihr lag Seraphis. Nicht die dekadente Prachtmeile des Zweiten Rings, die Elias gesehen hatte. Dies hier war der Erste Ring. Der Kopf der Schlange.
Unter ihr, terrassenförmig in den Hang gebaut, erstreckten sich die verschiedenen Flügel der Militärschule. Kasernen, Strategie-Säle, Waffenkammern. Alles war grau und weiß, geometrisch angeordnet wie auf einem Spielbrett. Und darüber thronte der Himmel. Er verfärbte sich gerade. Das tiefe Schwarz der Nacht wich einem blassen, kränklichen Grau im Osten. Die Aegis-Barriere über der Stadt flimmerte, ein fast unsichtbares Netz, das die Sterne filterte.
Clara ging zum Geländer der Arkade. Sie stellte ihr Übungsschwert ab, lehnte es gegen den Stein. Sie blickte hinab in die Stadt. Dort unten, im Zweiten und Dritten Ring, sah sie die Lichter. Tausende von gelben und weißen Punkten, die wie ein Sternenhimmel auf Erden wirkten. Sie wusste, was dort geschah. Feste, die niemals endeten. Geschäfte, die im Schatten abgewickelt wurden. Menschen, die lachten, tranken, liebten.
Sie verspürte keine Sehnsucht danach. Früher, als Kind, hatte sie davon geträumt, dort unten zu sein. Ein Kleid aus Seide zu tragen statt einer Rüstung. Zu tanzen. Aber Träume waren weich. Und Weichheit war tödlich. Ihr Vater war weich gewesen. Er hatte Mitleid gehabt. Er hatte an Diplomatie geglaubt, anstatt an Stahl. Und deshalb waren die Tore des Nordens gefallen.
Clara griff an ihr Medaillon unter dem Panzer. Das Metall hatte sich ihrer Körperwärme angepasst, aber es fühlte sich immer noch fremd an. „Architektur“, sagte sie leise zu sich selbst. Sie betrachtete die Struktur der Akademie. Jeder Stein stützte den anderen. Wenn man einen entfernte, wackelte die Wand. Aber der Stein selbst fühlte nichts. Er fragte nicht, warum er tragen musste. Er trug einfach.
Sie wollte Stein werden. Kalt. Unverrückbar. Taub.
Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Weit entfernt, auf der anderen Seite des Hofes, schlug eine Glocke. Dong. Einmal. Viertel nach vier.
Die Zeit der Einsamkeit lief ab. Bald würde die Sonne aufgehen. Bald würden die Diener kommen, um den Tau von den Bänken zu wischen. Bald würden die Ausbilder brüllen. Und mit ihnen würden die Blicke kommen. Das Flüstern. Das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand. „Sieh mal. Die Verrätertochter.“ „Glaubst du, sie läuft über, wenn es ernst wird?“ „Das Blut lügt nicht.“
Clara griff nach ihrem Schwert. Die raue Lederwicklung des Griffs schmiegte sich in ihre Handfläche. Es war ein vertrautes Gefühl, besser als jede menschliche Berührung. Das Schwert verurteilte nicht. Das Schwert kannte keine Vergangenheit. Es kannte nur den Winkel des Schlags und die Kraft des Aufpralls.
Sie wandte sich ab von der Aussicht auf die Stadt. Sie drehte dem Licht den Rücken zu. Ihr Ziel lag im Schatten der hohen Mauern. Die Arena. Der Kreis aus Sand und Kreide, wo die Wahrheit nicht in Worten gesprochen wurde, sondern in Prellungen und Schweiß.
Sie ging die breite Steintreppe hinab, die zum Übungsplatz führte. Jeder Schritt war fest. Jeder Schritt war eine Bestätigung. Sie war allein. Und das war gut so. In Band 2, wenn der Krieg kam, würde sie niemanden haben, den sie verlieren konnte. Wenn man niemanden liebte, konnte niemand als Geisel gegen einen verwendet werden. Wenn man keine Freunde hatte, konnte man nicht verraten werden.
Die Einsamkeit war keine Strafe. Sie war ihre Rüstung. Die stärkste, die sie besaß. Viel stärker als der Stahl an ihrer Brust.
Unten angekommen, öffnete sich der Blick auf den großen Exerzierplatz. Er lag still da, eine graue Ebene aus festgetretenem Sand, umgeben von Waffenständern, die im Halbdunkel aussahen wie Skelette. Es war leer. Perfekt.
Clara betrat den Sand. Er knirschte leise. Sie war zu Hause.
Der Übungsplatz war ein Quadrat aus gestampfter Erde und grobem Sand, hundert Schritt im Geviert. Er war keine natürliche Fläche. Er war eine Bühne, eingefasst von hohen Mauern aus grauem Granit, die den Schall zurückwarfen, sodass jeder Schlag, jeder Schrei und jedes Keuchen verstärkt wurde. Auf dem Boden waren mit weißer Kreide Linien gezogen. Kreise. Quadrate. Diagramme für Schrittfolgen. Im fahlen Dämmerlicht sahen sie aus wie magische Siegel, dazu gedacht, Dämonen zu beschwören. Aber die Dämonen, die hier beschworen wurden, waren aus Fleisch und Blut.
Clara betrat den zentralen Kreis. Ihre Stiefel sanken kaum ein. Der Boden war durch Generationen von Rekruten festgetreten worden, verdichtet durch Millionen von Stiefeltritten, Schweißtropfen und vergossenem Blut. Er war hart wie Beton, bedeckt mit einer dünnen, tückischen Schicht aus Sand, die jeden falschen Schritt bestrafte.
Sie stellte das stumpfe Übungsschwert am Rand des Kreises ab. Noch nicht. Zuerst gehörte der Körper dem Boden.
Sie begann mit den Formen der Stille. Es war eine Aufwärmroutine, die in den unteren Ringen kaum bekannt war, aber hier, in der Akademie, das Fundament jeder Ausbildung bildete. Clara schloss die Augen. Sie atmete tief durch die Nase ein, füllte ihr Zwerchfell, spürte, wie der Brustpanzer Widerstand leistete. Dann bewegte sie sich.
Es begann langsam. Ein Ausfallschritt nach vorn. Das rechte Bein gebeugt, das linke gestreckt, die Ferse fest in den Sand gepresst. Die Arme hoben sich, führten einen unsichtbaren Schlag, parierten einen unsichtbaren Hieb. Es gab keinen Gegner. Es gab nur die Schwerkraft und den eigenen Widerstand.
Ihre Muskeln protestierten. Sie waren kalt, steif vom Schlaf. Ein Ziehen im Oberschenkel. Ein Knacken in der Schulter. Clara begrüßte den Schmerz. Er war eine Nachricht. Er sagte ihr: Du bist hier. Du bist nicht dein Vater. Du bist Stahl.
Sie beschleunigte. Aus dem langsamen Fließen wurde ein Stakkato. Schlag. Drehung. Ausweichen. Schweiß brach auf ihrer Stirn aus, sammelte sich unter dem dicken Lederkragen ihrer Uniform. Er rann kalt über ihren Rücken, juckte unter dem Brustpanzer. Sie ignorierte es. Sie ignorierte alles, was nicht Bewegung war.
Sie hörte ihren eigenen Atem, rau und rhythmisch. Hah. Hah. Hah. Sie war eine Maschine, die auf Betriebstemperatur kam. Die Kälte des Morgens verlor ihren Biss. Dampf stieg von ihren Schultern auf, eine feine Aura aus Körperwärme, die sie im grauen Licht umhüllte.
Drei Runden der Formen. Dann Kraft. Sie ließ sich in den Liegestütz fallen. Nicht auf die flachen Hände. Auf die Knöchel. Der Sand war voller kleiner Kieselsteine. Sie bohrten sich in die Haut ihrer Fingerknöchel, schürften sie auf. Clara zählte nicht. Zählen war für Anfänger, die ein Ziel brauchten. Clara hörte erst auf, wenn ihre Arme zitterten, wenn das Brennen in ihren Trizepsen so laut wurde, dass es das Denken übertönte.
Vater. Ein Liegestütz. Verräter. Ein Liegestütz. Feigling. Ein Liegestütz.
Sie pumpte den Hass in den Boden. Sie verwandelte Scham in kinetische Energie. Als sie sich schließlich aufrichtete, keuchend, die Hände rot und schmutzig, war der Himmel im Osten heller geworden. Das Grau hatte sich mit einem blutigen Orange vermischt. Die Sonne kämpfte sich durch den Smog der Unterstadt.
Und mit der Sonne kamen die Geräusche.
Zuerst war es nur ein fernes Lachen. Ein sorgloses, helles Geräusch, das hier auf dem Exerzierplatz so fremd wirkte wie ein Vogel im Bergwerk. Dann Schritte. Viele Schritte. Das Klappern von Ausrüstung, die nicht sorgfältig festgeschnallt war.
Clara griff nach ihrem Schwert. Sie wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn und nahm Haltung an. Füße schulterbreit. Rücken gerade. Das Gesicht eine undurchdringliche Maske.
Sie kamen durch das Bronzetor. Der Jahrgang der "Goldenen". Es waren zwanzig Kadetten. Junge Männer und Frauen aus den besten Häusern des Zweiten Rings. Söhne von Gildenmeistern, Töchter von Offizieren. Sie sahen anders aus als Clara. Ihre Uniformen waren neu, das Blau des Stoffes leuchtend, das Leder geschmeidig. Sie trugen ihre Rüstungen nicht wie eine Last, sondern wie Schmuck.
In der Mitte der Gruppe ging Kaelen. Kaelen von Haus Valerius – derselbe Name wie der Mann in der Sänfte, den Elias am Tor gesehen hatte. Ein Cousin, vielleicht. Oder ein Bruder. Er war groß, blond, mit einem Gesicht, das zu hübsch war, um sympathisch zu sein. Er trug seinen Helm unter dem Arm, lachte über etwas, das der Junge neben ihm gesagt hatte. Er wirkte entspannt. Ausgeschlafen. Er hatte wahrscheinlich bis sieben Uhr geschlafen, hatte gefrühstückt, hatte Diener gehabt, die ihm in die Rüstung halfen.
Als die Gruppe den Platz betrat, verstummte das Lachen nicht sofort. Es ebbte langsam ab, als sie Clara sahen. Sie stand allein im mittleren Kreis. Nass geschwitzt. Dreckig. Die Hände auf dem Knauf ihres Schwertes ruhend. Sie war ein Fremdkörper. Ein dunkler Fleck in ihrem strahlenden Morgen.
Der Raum um Clara herum wurde kälter. Es war keine magische Kälte wie bei Elias. Es war soziale Kälte. Die Kadetten verteilten sich. Sie gingen zu den Waffenständern, lockerten ihre Muskeln mit halbherzigen Bewegungen, zogen sich gegenseitig mit Scherzen auf. Aber niemand betrat den Kreis, in dem Clara stand. Niemand sah sie direkt an. Und doch spürte sie jeden Blick.
Es war eine unsichtbare Mauer, die sie umgab. Eine Bannmeile. Sie war ansteckend. Wer mit der Verrätertochter sprach, machte sich verdächtig. Wer neben ihr stand, riskierte seinen Ruf.
„Sie ist schon wieder da“, hörte Clara ein Flüstern. Es kam von Janna, einem Mädchen mit roten Haaren, die gerade ihre Handschuhe festzog. „Hat sie hier geschlafen?“, kicherte ein anderer. „Vielleicht hat sie kein Zuhause mehr. Hab gehört, das Anwesen der Arendelles wurde beschlagnahmt.“ „Verdient“, brummte Kaelen. Er sprach nicht leise. Er sprach laut genug, dass Clara es hören musste. Es war keine Bemerkung am Rande. Es war ein gezielter Nadelstich.
Clara rührte sich nicht. Ihr Blick blieb starr auf die gegenüberliegende Mauer gerichtet. Aber ihre Finger um den Schwertgriff wurden weiß. Das Leder knirschte leise.
Lass sie reden, sagte die Stimme ihrer Großmutter in ihrem Kopf. Worte sind Wind. Stahl ist Wahrheit. Aber Worte taten weh. Sie sickerten durch den Spalt im Panzer, trafen genau dort, wo das leere Medaillon lag.
Kaelen schlenderte näher. Er betrat nicht ihren Kreis, aber er blieb genau an der Kante der Kreidelinie stehen. Er zog sein eigenes Schwert – eine Sonderanfertigung, der Griff mit Silberdraht umwickelt, die Klinge poliert. Er sah Clara an. Seine Augen waren blau, hell und spöttisch. „Du schwitzt, Arendelle“, sagte er. Er lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. „Angst vor dem Training? Oder versuchst du, den Gestank deines Vaters abzuwaschen?“
Die anderen Kadetten verstummten. Einige grinsten, andere blickten betreten zu Boden. Clara drehte den Kopf langsam zu ihm. Sie sah ihn an. Nicht mit Wut. Sondern mit einer Leere, die ihn hätte warnen sollen.
„Ich wärme mich auf, Valerius“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, kontrolliert. „Etwas, das du auch tun solltest. Silberne Griffe schützen nicht vor Zerrungen.“
Kaelen lachte. Aber das Lachen erreichte seine Augen nicht. Er mochte es nicht, wenn das Zielobjekt zurückbiss. „Wir werden sehen, wer heute eine Zerrung bekommt… wir werden sehen“, sagte er leise. Er ließ sein Schwert durch die Luft pfeifen. „Meister Garran lässt uns heute kämpfen. Echtes Sparring. Keine Formen.“
Er trat einen Schritt zurück, zurück zu seinem Rudel. „Ich hoffe, du bist bereit zu bluten, Clara.“
In diesem Moment dröhnte ein Gongschlag über den Platz. Das Bronzetor schwang vollständig auf. Ein Mann trat heraus. Er war nicht groß, aber er war breit wie ein Amboss. Sein Gesicht war eine Landkarte aus Narben, sein Haar kurz geschorenes, graues Stoppelhaar. Er trug keine Rüstung, nur eine einfache Lederweste, die Muskeln wie Taue freilegte.
Meister Garran. Der Schleifer von Seraphis.
„STILLGESTANDEN!“, brüllte er. Seine Stimme war kein menschlicher Laut. Sie war Donner.
Die Kadetten erstarrten. Das Lachen starb. Die Arroganz wich einer plötzlichen, hektischen Disziplin. Sie hasteten auf ihre Plätze, bildeten eine Linie. Nur Clara bewegte sich nicht. Sie stand schon. Perfekt ausgerichtet. Sie war bereit. Kaelen hatte recht gehabt. Heute würde Blut fließen. Sie würde nur dafür sorgen, dass es nicht ihres war.
Meister Garran ging die Reihe der angetretenen Kadetten ab. Er ging langsam. Seine Stiefel knirschten im Sand, ein Geräusch, das in der morgendlichen Stille wie das Mahlen von Knochen klang. Er trug einen dünnen Weidenstock in der Hand, den er rhythmisch gegen seinen Oberschenkel schlug. Tschak. Tschak. Tschak.
Er blieb vor Kaelen stehen. Der junge Valerius stand stramm, das Kinn gereckt, ein selbstsicheres Lächeln auf den Lippen. Seine Rüstung glänzte im ersten Sonnenlicht, makellos poliert von Dienern, die wahrscheinlich die halbe Nacht damit verbracht hatten. Garran musterte ihn. Er sah nicht die teure Rüstung. Er sah die weichen Hände. „Hübsch“, knurrte der Meister. Er tippte mit dem Stock gegen Kaelens Brustpanzer. „Sehr hübsch. Wenn die Schatten kommen, werden sie entzückt sein, wie gut du in ihrem Magen aussiehst.“
Kaelens Lächeln gefror. „Ich bin bereit, Meister“, sagte er.
„Du bist bereit für eine Parade“, blaffte Garran. Er ging weiter. „Hier gibt es keine Paraden. Hier gibt es nur Sand, Schweiß und Schmerz. Und wenn ihr Glück habt, überlebt ihr den Vormittag, ohne euch selbst zu verstümmeln.“
Er blieb vor Clara stehen. Er sagte nichts. Er musterte sie von oben bis unten. Er sah den Schweiß, der ihr bereits in den Nacken lief. Er sah die verschmutzten Knie ihrer Hose, die von den Liegestützen zeugten. Er sah den Griff ihres Schwertes, dessen Leder dunkel verfärbt war von jahrelanger Benutzung. In seinen Augen blitzte etwas auf. Kein Lob. Garran lobte nicht. Aber es war ein Erkennen. Ein Raubtier erkannte das andere.
„Arendelle“, sagte er leise.
„Meister“, antwortete Clara. Sie blickte stur geradeaus, auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Mauer.
„Du scheinst Energie zu haben“, sagte er. Er drehte sich zur Gruppe um. „Gut. Nutzen wir das. Arendelle in den Kreis. Joris, zu ihr.“
Joris war ein breitschultriger Junge aus dem Haus der Tuchhändlergilde. Er war groß, schwer und hatte die Statur eines Ochsen. Er war kein schlechter Kämpfer, aber er verließ sich auf Masse. Er trat vor, grinste unsicher zu Kaelen hinüber und betrat dann den Kreidekreis. Er zog sein Übungsschwert, lockerte die Schultern.
„Regeln sind einfach“, rief Garran. Er trat an den Rand des Feldes, verschränkte die Arme. „Erster Treffer am Torso oder Kopf zählt. Wer den Kreis verlässt, ist tot. Wer seine Waffe verliert, ist tot. Wer weint...“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „...der kann gleich nach Hause gehen und Puderquasten sortieren.“ Er nickte. „Kämpft.“
Joris wartete nicht. Er brüllte – ein tiefes, kehliges Geräusch, gedacht, um einzuschüchtern – und stürmte los. Er hob das schwere Eisenschwert über den Kopf für einen gewaltigen vertikalen Hieb. Es war ein Anfängerfehler. Er öffnete seine Deckung, setzte alles auf Kraft.
Clara bewegte sich nicht. Sie stand da, die Knie leicht gebeugt, das Gewicht auf den Fußballen, ihr eigenes Schwert tief gehalten. Sie beobachtete Joris’ Ansturm. Sie sah nicht den Jungen. Sie sah Vektoren. Geschwindigkeit. Masse. Er war langsam. Er war so schmerzhaft langsam.
Als die Klinge herabsauste, tat Clara nur einen einzigen Schritt. Nicht zurück. Schräg nach vorn. In seinen Angriff hinein.
Sie hob ihr Schwert nicht, um zu blocken. Ein Block hätte bei Joris’ Masse ihren Arm erschüttert. Sie leitete um. Sie fing seine Klinge mit der flachen Seite ihrer eigenen ab, drehte das Handgelenk und ließ seinen Schlag an ihrem Stahl abgleiten. Funken sprühten, als Eisen auf Eisen kreischte. Die Wucht seines eigenen Schlages riss Joris nach vorn. Er stolperte.
Clara war bereits in seiner Flanke. Sie schlug nicht zu. Sie rammte ihm den Knauf ihres Schwertes in die Seite, genau dort, wo der Brustpanzer endete und die Rippen nur durch Leder geschützt waren.
CRUNCH.
Joris keuchte. Die Luft entwich seinen Lungen mit einem pfeifenden Geräusch. Er knickte ein, ließ das Schwert fallen und ging auf ein Knie. Er japste nach Luft, das Gesicht rot angelaufen.
Stille auf dem Platz. Der Kampf hatte drei Sekunden gedauert.
„Tot“, sagte Garran trocken. Er zeigte keine Regung. „Joris, heb dein Schwert auf. Du bist gestorben, weil du dachtest, du wärst ein Hammer und sie ein Nagel. Arendelle ist kein Nagel.“ Er blickte Clara an. „Du hast gezögert, Arendelle.“
Clara blinzelte. „Meister?“
„Du hattest seinen Hals offen“, sagte Garran und deutete mit dem Stock auf Joris’ ungeschützte Kehle. „Stattdessen hast du die Rippen genommen. Das hier ist kein Tanzkurs. Wenn du töten kannst, tötest du.“
Clara presste die Lippen zusammen. „Es ist ein Übungskampf, Meister.“
„Der Feind weiß nicht, was Übung ist!“, brüllte Garran plötzlich. Er trat einen Schritt vor, seine Stimme hallte von den Mauern. „Glaubst du, ein Schattenkriecher hält inne, weil du eine blaue Uniform trägst? Glaubst du, er schont dich, weil du ein Mädchen bist? Oder weil dein Name Arendelle ist?“
Der Name hing in der Luft wie Giftgas. Clara spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. „Nein, Meister.“
„Dann kämpf so“, zischte er. „Noch mal. Joris, steh auf. Und diesmal versuch, nicht wie ein Mehlsack zu fallen.“
Joris rappelte sich auf. Er hielt sich die Seite, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Die Wut in seinen Augen war deutlich. Er war vor der ganzen Klasse gedemütigt worden. Von ihr. Er hob das Schwert. Diesmal brüllte er nicht. Diesmal war er vorsichtiger.
Sie umkreisten sich. Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln. Die Sonne stand nun höher, brannte auf den Platz. Clara spürte den Schweiß unter ihrem Helm, spürte das Pochen des Medaillons an ihrer Brust. Zögere nicht, dachte sie. Sei kein Nagel.
Joris täuschte einen Schlag links an, zog dann aber nach rechts für einen Hieb gegen ihre Beine. Es war besser als beim ersten Mal. Aber nicht gut genug.
Clara sprang. Ein kurzer Satz nach hinten, der Sand spritzte auf. Die Klinge zischte durch die Luft, wo eben noch ihre Schienbeine waren. Sie landete, stieß sich sofort wieder ab. Angriff. Diesmal schlug sie zu. Hart.
Ihr Schwert traf Joris’ Klinge. KLANG. Sie riss ihre Waffe zurück, stieß erneut zu. KLANG. Sie trieb ihn. Schlag um Schlag. Ein Rhythmus aus Stahl und Gewalt. Sie ließ ihm keine Luft zum Atmen, keinen Raum zum Denken. Joris wich zurück, parierte hektisch, stolperte. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er sah nicht mehr die Kadettin. Er sah etwas, das ihn fressen wollte.
Er erreichte den Rand des Kreises. „Stopp!“, hätte er rufen können. Oder Garran hätte abbrechen müssen. Aber Clara hörte nicht auf. Ein letzter Schlag. Sie zielte nicht auf den Körper. Sie zielte auf den Kopf.
Joris riss sein Schwert hoch, viel zu spät. Claras Klinge traf nicht seinen Stahl. Sie traf seinen Helm. Nicht mit der Schneide. Mit der Fläche. Aber die Wucht war gewaltig.
DONG.
Es klang wie eine Glocke. Joris wurde von den Beinen gerissen. Er fiel rückwärts aus dem Kreis, landete hart im Staub. Sein Helm rollte ihm vom Kopf. Er blieb liegen, benommen blinzelnd. Aus seiner Nase lief Blut. Helles, rotes Blut, das über seine Lippen rann und auf die makellose weiße Kreidelinie tropfte.
Das erste Blut.
Clara stand im Kreis, die Brust hob und senkte sich schwer. Ihr Schwert war gesenkt, aber ihre Hand umklammerte den Griff so fest, dass ihre Knöchel weiß waren. Sie starrte auf das Blut im Sand. Es war rot. Genauso rot wie das von jedem anderen.
Stille. Absolute Stille. Die anderen Kadetten starrten sie an. Diesmal war es kein Spott in ihren Augen. Es war Furcht. Joris wischte sich über die Nase, sah das Blut an seiner Hand und starrte Clara an, als wäre sie ein Dämon.
Garran trat vor. Er blickte auf Joris, dann auf Clara. Er lächelte nicht. Aber er nickte. Ein winziges, kaum wahrnehmbares Nicken. „Besser“, sagte er leise. Dann drehte er sich zur Klasse um. „Wer ist der Nächste? Kaelen? Du hast doch so große Töne gespuckt.“
Clara drehte den Kopf zu Kaelen. Ihr Gesicht war eine Maske aus Eis. Aber in ihren grauen Augen brannte etwas. Etwas, das sagte: Komm her. Ich warte.
Kaelen trat vor. Er zog sein silberumwickeltes Schwert. Sein Lächeln war verschwunden. „Mit Vergnügen“, sagte er.
Kaelen Valerius betrat den Kreis nicht wie ein Krieger, der sich einem Kampf stellt. Er betrat ihn wie ein Tänzer, der die Tanzfläche eröffnet. Er ließ sein Schwert locker im Handgelenk kreisen. Die Klinge, hochwertigerer Stahl als die Standard-Übungswaffen, summte leise durch die Luft. Wusch. Wusch. Er blieb zwei Meter vor Clara stehen. Er nahm keine tiefe Haltung ein, beugte die Knie nur minimal. Es war die klassische Fechtstellung der Hohen Schule: aufrecht, die Seite dem Gegner zugewandt, um die Trefferfläche zu minimieren, die Schwertspitze direkt auf Claras Kehle gerichtet.
„Lektion eins“, sagte er leise, nur für sie hörbar. „Stil.“
Clara antwortete nicht. Sie sank tiefer in ihre Haltung, verlagerte das Gewicht auf das hintere Bein. Die Haltung des Bären, wie Garran sie nannte. Stabil. Geerdet. Hässlich. Sie sah Kaelens Augen. Sie waren wach, analysierend. Er hatte gesehen, was sie mit Joris gemacht hatte. Er würde nicht blindlings angreifen.
Sie umkreisten sich. Der Sand knirschte unter ihren Sohlen. Die Sonne stand jetzt so, dass sie lange Schatten über den Platz warf. Zwei schwarze Silhouetten, die sich im Staub belauerten.
Kaelen machte den ersten Zug. Es war kein brutaler Hieb. Es war ein Stich. Schnell, präzise, wie der Biss einer Schlange. Er zielte auf ihre Schulter. Clara parierte. Eine kurze, harte Bewegung nach außen. Kling. Aber Kaelen war schon weg. Er hatte den Kontakt genutzt, um sich um sie herumzudrehen. Seine Klinge kam von der anderen Seite, zielte auf ihre Niere. Clara riss ihr Schwert herum, blockte in letzter Sekunde. KLANG.
Der Aufprall ließ ihren Arm vibrieren. Kaelen war stärker, als er aussah. Unter der Seide und dem Lächeln steckten Muskeln, die von den besten Fechtmeistern des Zweiten Rings geformt worden waren. Er sprang zurück, außer Reichweite. „Nicht schlecht“, spottete er. „Für Bauern-Stil. Hast du das auf dem Feld gelernt, während du Rüben geerntet hast?“
Clara atmete ruhig. Lass dich nicht provozieren. Er will dich wütend machen. Wut macht blind. „Komm her und finde es heraus“, sagte sie kalt.
Kaelen lachte. Er griff erneut an. Diesmal war es eine Serie. Oben, unten, Finte, Stich. Clara war nur noch Reaktion. Ihr Schild war ihr Schwert. Sie wehrte ab, wich aus, drehte sich. Sie fand keine Lücke. Kaelen war ein Wirbelwind aus Stahl. Er kämpfte nicht, um zu töten – noch nicht. Er spielte. Er testete ihre Verteidigung, suchte nach Rissen im Fundament.
Ihre Klingen verhakten sich. Sie standen Brust an Brust, die Parierstangen gegeneinander gepresst, die Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Clara konnte seinen Atem riechen – Pfefferminz und teures Frühstück. Er drückte gegen ihre Klinge. Sie hielt dagegen. Stahl knirschte auf Stahl.
„Sag mir, Arendelle“, flüsterte er, während sie gegeneinander drückten. „Hat dein Vater dir das beigebracht?“ Er erhöhte den Druck. Clara musste einen Schritt zurückweichen, ihr Stiefel rutschte im Sand. „Hat er dir gezeigt, wie man eine Verteidigung hält?“, fuhr Kaelen fort, seine Stimme ein sämiges Gift. „Bevor er vergessen hat, wie man ein Stadttor hält?“
Clara stieß ihn von sich. Mit einem kehligen Laut rammte sie ihn weg, schuf Distanz. „Halt den Mund“, zischte sie.
„Oh, ein wunder Punkt.“ Kaelen richtete seine Uniform, strich eine imaginäre Falte glatt. Er wirkte nicht außer Atem. „Es muss schwer sein. Zu wissen, dass man das Blut eines Feiglings in den Adern hat. Glaubst du, das färbt ab? Ist Verrat genetisch, Clara?“
„Kämpf!“, schrie sie. Sie griff an. Es war ein Fehler. Sie verließ ihre Defensive. Sie wollte ihn zum Schweigen bringen. Sie schlug eine weite, aggressive Diagonale. Kaelen parierte mühelos. Er leitete ihre Klinge ab, ließ sie ins Leere laufen. Dann schlug er zu. Mit der flachen Seite. PATSCH. Mitten ins Gesicht.
Es war kein harter Schlag, nicht genug, um Knochen zu brechen. Aber es brannte. Clara taumelte zurück. Ihre Wange glühte. Die anderen Kadetten lachten. Ein kurzes, grausames Geräusch.
„Zu langsam“, kommentierte Kaelen. Er tänzelte vor ihr her. „Zu emotional. Genau wie er. Man sagt, Arkan musste ihm nicht einmal viel Gold bieten. Ein paar Luma, und er hat die Schlüssel übergeben. Hat er euch wenigstens etwas davon abgegeben? Oder hat er alles versoffen, bevor er weggelaufen ist?“
Clara spürte, wie ihr Herzschlag in ihren Ohren dröhnte. Es war nicht mehr das rhythmische Tack-Tack ihrer Stiefel. Es war ein Rauschen. Ein rotes Rauschen. Das Bild ihres Vaters flackerte vor ihrem inneren Auge. Nicht der Mann aus den Geschichten der Akademie. Sondern der Mann, der sie auf den Schultern getragen hatte. Der Mann, der beim Abendessen gelacht hatte. Der Mann, der eines Nachts weinend in der Küche gesessen hatte, bevor er verschwand.
„Er war kein Feigling“, presste sie hervor. Ihre Hand umklammerte den Schwertgriff so fest, dass das Leder knarrte.
„Nein?“ Kaelen blieb stehen. Er senkte das Schwert demonstrativ. Eine Geste der totalen Respektlosigkeit. „Er hat das Nordtor geöffnet. Er hat die Schattenkriecher hereingelassen. Hunderte sind gestorben, Clara. Weil er Angst hatte. Oder weil er gierig war.“ Er trat einen Schritt näher. Sein Gesicht wurde ernst, fast mitleidig – was schlimmer war als jeder Spott. „Und weißt du, was das Beste ist? Sie haben die Büste deines Großvaters entfernt. Aus der Halle der Ahnen. Sie haben ihn zu Staub zermahlen und in den Mörtel für die neuen Latrinen gemischt.“ Er lächelte. Grausam. „Damit endlich wieder Scheiße zu Scheiße kommt.“
Etwas in Clara zerbrach. Es war kein lautes Zerbrechen. Es war das leise Kling einer Feder, die überspannt wurde und riss. Die Kälte, die sie am Morgen um sich gehüllt hatte – die Architektur der Einsamkeit, die Disziplin, die Rüstung – verdampfte. An ihrer Stelle trat Hitze. Heiße, weiße, blinde Wut.
Sie sah Kaelen nicht mehr als Kadetten. Sie sah ihn nicht mehr als Menschen. Er war das Symbol für alles, was falsch war in dieser Stadt. Für die Arroganz, die über Leichen ging. Für die Lüge, die Wahrheit ersetzte. Sie spürte das Medaillon an ihrer Brust. Es wurde heiß, als würde es ihre Wut aufnehmen.
Garran, der am Rand stand, runzelte die Stirn. Er nahm den Weidenstock fester in die Hand. Er sah die Veränderung in Claras Haltung. Er sah, wie ihre Schultern sich spannten, nicht wie bei einem Fechter, sondern wie bei einem Tier vor dem Sprung. „Arendelle...“, warnte er leise.
Aber Clara hörte ihn nicht. Der Filter der Welt hatte sich rot gefärbt. Die Zeit der Übung war vorbei.
„Du redest zu viel“, sagte sie. Ihre Stimme war vollkommen ruhig. Totenstill.
Kaelen hob die Augenbrauen. Er hob sein Schwert wieder an, bereit für einen weiteren spielerischen Schlagabtausch. „Dann bring mich zum Schweigen, Verräterin.“
Clara bewegte sich. Diesmal gab es keine Formen der Stille. Diesmal gab es nur Zerstörung.
Es gab einen Moment, bevor der Sturm losbrach, in dem Clara nicht mehr dachte. Die Gedanken an ihren Vater, an die Latrinen, an die Schande – sie alle verdampften. Was blieb, war ein Rauschen. Ein tiefes, dunkles Rauschen wie das Blut in den Ohren, wenn man zu tief tauchte. Die Welt verlor ihre Farbe. Der blaue Himmel, der graue Stein, die bunten Uniformen der Kadetten – alles verblasste zu einem monochromen Grau. Nur Kaelen leuchtete. Er war kein Mensch mehr. Er war ein Ziel. Ein pulsierender roter Fleck in einer grauen Welt.
Clara griff an. Sie schrie nicht. Schreien verschwendete Luft. Sie stieß sich ab, so hart, dass der festgetretene Sand unter ihren Stiefeln aufplatzte. Kaelen erwartete den Angriff. Er war gut ausgebildet. Er sah ihre Schulterbewegung, hob sein Schwert für eine elegante Parade, die ihre Klinge nach außen leiten und ihren Brustkorb für einen Konter öffnen würde. Es war die Lehrbuch-Antwort auf einen geraden Hieb.
Aber Clara schlug nicht nach Lehrbuch. Sie ließ ihr Schwert fallen. Nicht auf den Boden. Sie ließ die Spitze sinken, änderte mitten im Lauf die Ebene des Angriffs. Anstatt zu schlagen, rammte sie ihren ganzen Körper nach vorn. Sie lief in seine Klinge hinein.
Ein Aufschrei ging durch die Reihe der Kadetten. Kaelens Schwertspitze schrammte über ihren Brustpanzer, kreischte über den Stahl, fand eine Lücke am Schultergelenk und riss das Leinen und die Haut darunter auf. Clara spürte den Schnitt. Ein heißes, scharfes Brennen. Sie ignorierte es. Schmerz war nur Information. Die Information lautete: Du bist nah genug.
Sie krachte in Kaelen hinein. Stahl traf auf Stahl. Ihr Brustpanzer schlug gegen seinen. Die Wucht des Aufpralls presste ihm die Luft aus den Lungen. Seine Augen weiteten sich vor Schock. Er hatte mit einem Duell gerechnet, nicht mit einer Kollision. Er taumelte zurück, versuchte, das Gleichgewicht zu finden, sein langes Schwert in die Enge zwischen ihren Körpern zu bringen. Zu spät.
Clara ließ ihren Schwertknauf herabsausen. Nicht auf seinen Helm. Auf sein Handgelenk. KNACK.
Das Geräusch von brechendem Knochen war leise, aber in Claras Ohren klang es wie Donner. Kaelen schrie auf. Sein Schwert entglitt seinen Fingern, fiel in den Staub. Er griff reflexartig nach seiner verletzten Hand, krümmte sich.
Der Kampf war vorbei. Er war entwaffnet. Er war verletzt. Nach den Regeln der Akademie hätte Clara zurücktreten, salutieren und auf das Urteil des Meisters warten müssen. Aber der rote Schleier kannte keine Regeln. Der rote Schleier sah nur, dass der Feind noch stand. Und solange er stand, konnte er reden. Solange er reden konnte, konnte er lügen.
Clara trat ihm in die Kniekehle. Kaelen sackte zusammen, fiel auf alle Viere. Er blickte zu ihr hoch, das Gesicht verzerrt vor Schmerz und Unglauben. „Du bist wahnsinnig“, keuchte er. „Du hast mir den Arm gebrochen!“
Clara antwortete nicht. Sie holte aus. Sie schlug ihn mit der flachen Seite ihres Schwertes. Mitten ins Gesicht. Kaelens Kopf wurde zur Seite gerissen. Blut spritzte aus seiner aufgeplatzten Lippe, malte rote Punkte in den grauen Sand. Er kippte zur Seite, versuchte, wegzukriechen. Die Arroganz war weg. Die Eleganz war weg. Da war nur noch ein Junge im Dreck, der Angst hatte.
„Hör auf!“, rief jemand. Zwei andere Kadetten – Freunde von Kaelen – lösten sich aus der Erstarrung. Sie rannten los, zogen ihre Übungswaffen. „Arendelle! Zurück!“
Clara wirbelte herum. Sie sah zwei neue rote Ziele. Sie dachte nicht: Das sind Kameraden. Sie dachte: Mehr Feinde.
Der erste, ein großer Junge namens Tarek, versuchte, sie zu packen, sie von Kaelen wegzuziehen. Clara duckte sich unter seinem Greifarm hindurch. Sie nutzte seinen Schwung, drehte sich in seine Bewegung hinein und rammte ihm ihren Ellbogen in den Solarplexus. Tarek klappte zusammen wie ein Taschenmesser. Der zweite, Janna, zögerte. Sie sah, was mit Kaelen und Tarek passiert war. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen, die Spitze zitterte.
Clara ging auf sie zu. Langsam. Jeder Schritt ein Hammer. Ihr eigenes Schwert hing locker in ihrer Hand, tropfte nicht von Blut, aber von Gewalt. „Willst du auch über meinen Vater reden?“, fragte Clara. Ihre Stimme war ein Flüstern, aber es trug über den ganzen Platz. „Willst du mir erzählen, wo mein Großvater ist?“
Janna wich zurück. „Clara, warte... das geht zu weit.“
„Zu weit?“, wiederholte Clara. „Wir sind noch nicht einmal am Tor.“ Sie schlug zu. Ein brutaler, waagerechter Hieb, der Janna zwang, ihr Schwert hochzureißen, um ihren Kopf zu schützen. Der Aufprall war gewaltig. Jannas Parade hielt, aber die Kraft des Schlages trieb sie in die Knie. Clara schlug erneut. Und erneut. BAMM. BAMM. BAMM. Sie hämmerte auf Jannas Verteidigung ein, wie ein Schmied auf glühendes Eisen. Sie wollte brechen. Sie wollte zerstören.
Janna wimmerte. Ihre Arme gaben nach. Das Schwert senkte sich. Clara holte zum finalen Schlag aus. Sie zielte auf die Lücke zwischen Helm und Schulterpanzer. Ein Treffer dort würde das Schlüsselbein zertrümmern.
„GENUG!“
Der Befehl war nicht laut. Aber er trug eine Autorität, die selbst den roten Schleier durchschnitt. Gleichzeitig schoss etwas in Claras Sichtfeld. Ein Weidenstock. Dünn, biegsam, lächerlich gegen das schwere Eisenschwert.
Claras Klinge sauste herab. Meister Garran fing den Schlag ab. Nicht mit Kraft. Er leitete ihn um. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung seines Handgelenks fing er Claras Wucht mit dem dünnen Stock auf, drehte ihn und hebelte ihr Schwert zur Seite. Gleichzeitig trat er vor, in ihre Deckung, und legte ihr die flache Hand auf den Brustpanzer. Er stieß nicht. Er legte sie nur auf. Aber es fühlte sich an, als wäre sie gegen eine Mauer gelaufen.
Clara wurde von den Füßen gerissen. Sie flog zwei Meter rückwärts, landete hart auf dem Rücken im Sand. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Der rote Schleier zerriss. Die Welt bekam ihre Farben zurück. Der Himmel war blau. Der Sand war grau. Und das Blut an Kaelens Gesicht war leuchtend rot.
Clara lag da und schnappte nach Luft. Ihre Brust hob und senkte sich wild. Ihr Körper zitterte, als das Adrenalin begann, sich in Gift zu verwandeln. Sie blinzelte gegen die Sonne. Über ihr stand Meister Garran. Er sah riesig aus. Er verdeckte die Sonne, sein Gesicht lag im Schatten. Er hielt den Weidenstock locker in der Hand. Er atmete nicht einmal schwer.
Er blickte sich um. Kaelen wimmerte im Staub und hielt sein gebrochenes Handgelenk. Tarek lag gekrümmt da und würgte. Janna kniete im Sand, kreidebleich, das Schwert entglitten.
Garran blickte wieder auf Clara herab. In seinen Augen lag keine Wut. Das wäre erträglich gewesen. Dort lag Enttäuschung. Kalte, absolute Enttäuschung.
„Steh auf, Kadett“, sagte er leise. Es klang wie ein Richterspruch.
Clara rappelte sich mühsam auf. Ihr ganzer Körper schmerzte. Die Wunde an ihrer Schulter pochte. Aber schlimmer war die Kälte, die jetzt zurückkehrte. Nicht die schützende Kälte der Einsamkeit. Sondern die Kälte der Ausgestoßenen.
Die anderen Kadetten wichen zurück, bildeten einen weiten Kreis. Sie sahen sie nicht mehr als Mitschülerin an. Nicht einmal mehr als Verrätertochter. Sie sahen sie an wie ein wildes Tier, das man versehentlich aus dem Käfig gelassen hatte. Gefährlich. Unberechenbar. Falsch.
Clara stand da, das Schwert immer noch in der Hand, Schmutz und Blut an ihrer makellosen Uniform. Sie hatte gewonnen. Sie hatte sie alle besiegt. Aber als sie in die Augen der anderen sah, wusste sie, dass sie alles verloren hatte.
Der Staub legte sich langsam. Die kleinen Partikel aus Sand und Kreide, die durch Claras Wüten aufgewirbelt worden waren, tanzten im Sonnenlicht, das nun schräg über die Mauern fiel. Es war ein friedliches Bild, das im krassen Widerspruch zu dem Bild am Boden stand.
Kaelen lag noch immer im Sand. Er hatte aufgehört zu schreien. Jetzt wimmerte er nur noch, ein leises, stoßweise gepresstes Geräusch, während er sein Handgelenk an die Brust drückte. Die teure, silberne Wicklung seines Schwertgriffes lag einen Meter entfernt im Dreck, nutzlos und glänzend. Tarek krümmte sich und hustete Galle in den Sand. Janna starrte auf ihre Hände, als gehörten sie nicht ihr, unfähig, den Blick zu heben.
Clara stand inmitten der Verwüstung. Ihr Atem hatte sich beruhigt, aber das Zittern war geblieben. Es war nicht mehr das vibrierende Zittern des Zorns, sondern das feine, kalte Schütteln des Adrenalinabfalls. Ihre Schulter brannte dort, wo Kaelens Klinge sie gestreift hatte. Das Blut war warm und klebrig unter dem Leinenhemd.
Meister Garran bewegte sich. Er ging nicht zu Clara. Er ging zu Kaelen. Er kniete sich neben den Jungen, seine Bewegungen waren ökonomisch und präzise. Er berührte das geschwollene Handgelenk nicht sanft, sondern griff fest zu, tastete den Knochen ab. Kaelen schrie auf, ein schriller Laut. „Still“, befahl Garran, ohne ihn anzusehen. „Elle und Speiche sind intakt. Die Handwurzelknochen sind angeknackst. Du wirst vier Wochen lang keinen Löffel halten können, geschweige denn ein Schwert.“
Er ließ Kaelens Hand fallen und erhob sich. Er wischte sich den Sand von den Knien. Dann drehte er sich zur Klasse um. Die Kadetten standen wie erstarrt. Niemand wagte es, zu atmen. Sie hatten Kämpfe gesehen, ja. Aber das hier war kein Sparring gewesen. Das war eine Hinrichtung gewesen.
„Seht euch das an“, sagte Garran. Seine Stimme war leise, aber sie trug bis in die hinterste Ecke des Platzes. „Seht es euch gut an.“ Er deutete auf Clara. „Das ist Kadett Arendelle. Sie hat drei Gegner ausgeschaltet. In weniger als zwanzig Sekunden. Sie hat entwaffnet, sie hat dominiert, sie hat den Kampf beendet.“
Clara hob den Kopf ein wenig. Ein Funke Stolz, trotzig und verzweifelt, flackerte in ihrer Brust auf. Sie hatte getan, was er verlangt hatte. Sie hatte nicht gezögert.
„Und“, fuhr Garran fort, und seine Stimme wurde härter, wie Stahl, der auf Eis trifft, „sie ist durchgefallen.“
Der Funke erlosch. Clara blinzelte. „Meister?“
Garran ging auf sie zu. Er blieb erst stehen, als er direkt vor ihr war, so nah, dass sie die grauen Stoppeln in seinem Gesicht zählen konnte. Er roch nach altem Leder und Tabak. „Du glaubst, du hast gewonnen“, sagte er. Es war keine Frage. „Du siehst drei Gegner im Staub und denkst: Ich war stärker.“ Er hob seinen Weidenstock und legte die Spitze sanft auf ihr Medaillon, genau dorthin, wo es unter dem Panzer verborgen lag. „Aber du warst nicht stark, Arendelle. Du warst nur laut.“
Er drückte leicht zu. „Ein Soldat kämpft, um eine Bedrohung zu neutralisieren. Ein Wächter kämpft, um zu beschützen.“ Er neigte den Kopf zur Seite, seine Augen bohrten sich in ihre. „Du hast gekämpft, um zu verletzen. Du hast gekämpft, um dein Ego zu füttern.“
„Er hat meinen Vater beleidigt“, platzte es aus Clara heraus. Die Worte schmeckten sauer auf ihrer Zunge. „Er hat gesagt...“
„Ich habe gehört, was er gesagt hat“, unterbrach Garran sie scharf. „Und? Glaubst du, die Schattenkriecher werden höflich sein? Glaubst du, der Feind wird Rücksicht auf deine Familienehre nehmen?“ Er nahm den Stock weg und trat einen Schritt zurück, um sie vor der ganzen Klasse zu isolieren. „Wenn dich ein paar Worte dazu bringen, die Kontrolle zu verlieren, dann bist du keine Waffe für Seraphis. Dann bist du ein Risiko. Ein Berserker, der in den eigenen Reihen wütet, sobald ihm eine Laus über die Leber läuft.“
Er deutete auf Kaelen, der jetzt von zwei Heilern auf eine Trage gehoben wurde. „Du hast ihm das Handgelenk gebrochen, als er bereits entwaffnet war. Das ist keine Neutralisation. Das ist Sadismus.“ Er drehte sich zu Janna um, die immer noch zitternd am Boden kniete. „Du hast auf einen Gegner eingeschlagen, der bereits aufgegeben hatte. Das ist keine Dominanz. Das ist Schwäche.“
Clara spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Heiße, brennende Tränen der Wut und der Scham. Sie kämpfte dagegen an, presste die Lippen zu einem Strich zusammen. Weine nicht. Weine nicht vor ihnen.
„Dein Vater“, sagte Garran, und diesmal war seine Stimme leiser, fast privat, „hat die Tore geöffnet, weil er Angst hatte. Angst um seine Männer. Angst vor dem Tod.“ Er trat wieder nah an sie heran. „Und du? Du hast heute zugeschlagen, weil du Angst hattest. Angst, dass er recht haben könnte.“
Der Satz traf sie härter als jeder Schlag. Clara wich zurück, als hätte er sie geohrfeigt. „Das ist nicht wahr“, flüsterte sie.
„Es ist wahr“, sagte Garran unbarmherzig. „Du trägst deinen Panzer wie eine zweite Haut, aber darunter bist du weich. Du lässt dich von Spott lenken wie ein Hund an der Leine.“
Er drehte sich von ihr ab. Er ging zur Mitte des Platzes, hob Kaelens Schwert auf und warf es zu den Waffenständern. Klirr.
„Kadett Arendelle“, rief er, ohne sich umzudrehen. „Du bist für heute vom Dienst suspendiert. Melde dich beim Rüstmeister. Lass dein Schwert schärfen. Und dann geh in die Kapelle und bete, dass du den Unterschied zwischen einem Krieger und einem Schläger lernst.“ Er hielt inne. „Denn wenn ich noch einmal sehe, dass du den roten Schleier über deine Augen lässt... dann werde ich dich persönlich aus dieser Akademie werfen. Name hin oder her.“
Stille. Die Klasse starrte sie an. Diesmal war da keine Angst mehr in ihren Blicken. Da war etwas Schlimmeres. Abscheu. Sie sahen sie nicht als die Starke, die drei Gegner besiegt hatte. Sie sahen sie als das, was Garran beschrieben hatte: Ein wildes Tier, das nicht stubenrein war. Unkontrolliert. Peinlich.
Clara stand da, allein im Kreis aus Kreide. Ihr Sieg schmeckte nach Asche. Ihr Körper tat weh, nicht von den Schlägen, sondern von der Anspannung, die nun keinen Ausweg mehr fand. Die Energie, die sie in den Kampf gesteckt hatte, wandte sich nach innen, fraß an ihr.
Sie bückte sich langsam. Sie hob ihr Schwert auf. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie den Griff kaum halten konnte. Sie steckte es in die Scheide. Sie salutierte nicht. Garran sah sie ohnehin nicht an.
Sie drehte sich um. Der Weg zurück zum Tor war lang. Hundert Schritt über den offenen Platz, unter den Blicken von zwanzig Kadetten und einem Meister, der sie durchschaut hatte. Jeder Schritt war eine Qual. Das Tack ihrer Stiefel klang nicht mehr fest. Es klang hohl. Sie hielt den Kopf hoch, das Kinn gereckt, den Rücken durchgedrückt. Die perfekte Haltung. Aber jeder wusste, dass es nur eine Fassade war.
Als sie das Bronzetor erreichte und in den Schatten des Korridors trat, hörte sie Garrans Stimme hinter sich. „Der Rest von euch: Paarweise antreten. Wir fangen von vorne an. Und diesmal versucht, euch nicht wie Kinder zu benehmen.“
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Das Geräusch sperrte die Sonne aus. Clara war wieder allein im Tunnel. Aber diesmal war die Einsamkeit kein Schutz. Sie war ein Gefängnis.
Der Umkleideraum der Kadetten war ein Ort, der für den Lärm gemacht war. Normalerweise hallte er wider vom Lachen nach dem Training, vom Scheppern der Rüstungen, die in Spinde geworfen wurden, und vom Zischen der heißen Duschen. Es war ein Ort der Gemeinschaft, des schweißigen Triumphs über den Tag.
Aber jetzt, da Clara ihn betrat, war er eine Kathedrale der Stille. Die langen Reihen der grauen Metallspinde standen wie stumme Wächter da. Das Licht der Deckenlampen summte leise, ein flackerndes, klinisches Weiß, das sich in den Pfützen aus Kondenswasser am Boden spiegelte. Es roch nach Lederfett, Chlor und dem metallischen Tang von altem Blut, das vielleicht nie ganz aus den Fugen der Bodenfliesen geschrubbt worden war.
Clara ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das kalte Holz. Ihre Beine gaben nach, und sie rutschte langsam daran herunter, bis sie auf dem Boden hockte. Das Schwert, das sie immer noch umklammert hielt, klapperte laut auf den Fliesen. Sie ließ es los, als wäre es glühend heiß.
Sie schloss die Augen. In der Dunkelheit hinter ihren Lidern sah sie es wieder. Garrans Gesicht. Die Enttäuschung. Kaelens gebrochenes Handgelenk. Jannas Angst.
„Du bist keine Waffe. Du bist ein Risiko.“
Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, lauter als jeder Glockenschlag. Sie hatte geglaubt, sie würde Stärke beweisen. Sie hatte geglaubt, wenn sie nur hart genug zuschlug, würde das Flüstern aufhören. Wenn sie Kaelen bluten ließ, würde er aufhören, über ihren Vater zu reden. Aber sie hatte das Gegenteil erreicht. Sie hatte bewiesen, dass sie genau das war, wovor alle Angst hatten: Die Tochter eines Verräters, instabil, gefährlich, fehlerhaft.
Sie öffnete die Augen. Sie musste raus aus dieser Rüstung. Der Stahl, der ihr am Morgen noch wie eine schützende Umarmung vorgekommen war, fühlte sich jetzt an wie ein Käfig. Er drückte auf ihre Brust, schnürte ihr die Luft ab. Er war schwer von Schweiß und Schuld.
Sie stand mühsam auf und ging zu ihrem Spind. Nummer 407. Sie sah in den kleinen Spiegel an der Innenseite der Tür. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war fremd. Es war bleich, fast transparent. Eine Strähne ihres platinblonden Haares hatte sich aus dem strengen Zopf gelöst und klebte ihr nass im Gesicht. Ihre Augen waren gerötet, die Pupillen geweitet. Und an ihrem Hals, dort, wo der Kragen der Tunika endete, war ein Fleck. Ein kleiner Spritzer Blut. Nicht ihres. Kaelens.
Clara begann zu zittern. Ihre Hände flogen zu den Schnallen ihres Brustpanzers. Ihre Finger waren steif und taub, die Handschuhe rutschig vom Schweiß. Sie nestelte an den Lederriemen, riss daran. Zurr. Klack. Der erste Riemen löste sich. Der Panzer lockerte sich, rutschte ein Stück nach unten. Zurr. Der zweite Riemen.
Sie zog den Panzer über den Kopf und ließ ihn fallen. Er landete mit einem scheppernden Klong auf der Holzbank. Er lag da, eine leere Hülle aus Stahl, das Wappen von Seraphis zerkratzt von Kaelens Klinge. Ohne den Panzer fühlte sich Clara plötzlich schrecklich leicht an. Und schrecklich weich. Garran hatte recht gehabt. Darunter war sie weich.
Sie zog die Handschuhe aus, warf sie in die Ecke. Ihre Knöchel waren rot und geschwollen, die Haut aufgeschürft von den Liegestützen im Sand. Dann knöpfte sie das Leinenhemd auf. Der Stoff klebte an ihrer linken Schulter. Sie zog ihn vorsichtig weg. Ratsch. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, als sich der Stoff von der Wunde löste. Sie biss die Zähne zusammen, ein leises Zischen entwich ihren Lippen. Sie betrachtete die Verletzung im Spiegel. Ein langer, roter Schnitt, nicht tief, aber hässlich. Die Haut drumherum verfärbte sich bereits bläulich. Eine Narbe mehr.
Sie streifte das Hemd ab, stand nun in ihrem Unterhemd da, zitternd in der kühlen Luft der Umkleide. Und da war es. Das Medaillon. Es hing schwer zwischen ihren Brüsten, das Silber dunkel angelaufen vom Kontakt mit ihrer Haut. Der Wolf von Arendelle.
Clara griff danach. Sie umschloss es mit der Faust, drückte zu, bis die scharfen Kanten des Metalls in ihre Handfläche schnitten. Sie hasste es. Sie hasste diesen Wolf. Sie hasste das Erbe, das er repräsentierte. Wenn sie dieses Medaillon nicht tragen würde... wenn sie jemand anderes wäre... eine Müllerstochter, eine Bäckerin... wäre sie dann glücklich?
„Nein“, flüsterte sie. Denn das Medaillon war das Einzige, was echt war. Alles andere – die Uniform, der Panzer, die Regeln der Akademie – war eine Lüge. Eine Verkleidung, die sie trug, um dazuzugehören. Aber das Medaillon war ihre Wahrheit. Sie war eine Arendelle. Und Arendelles gaben nicht auf. Auch wenn sie Verräter waren. Auch wenn sie Monster waren.
Sie ging zu einem der Waschbecken. Sie drehte den Hahn auf. Kaltes Wasser schoss heraus. Sie tauchte ihre Hände hinein, schrubbte sie, bis die Haut rot war. Sie wollte das Gefühl von Kaelens Kieferknochen unter ihrer Faust abwaschen. Sie wollte das Zittern abwaschen. Dann spritzte sie sich das Wasser ins Gesicht, wusch den Schweiß, den Staub, die Tränen weg, die sie nicht geweint hatte.
Sie sah wieder in den Spiegel. Das Wasser tropfte von ihrem Kinn. Sie sah nicht mehr das verängstigte Mädchen. Sie sah etwas Härteres. Etwas Kälteres. Garran hatte gesagt, sie sei ein Berserker. Dass sie von Angst getrieben würde. Er hatte recht. Aber Angst war Treibstoff. Und Wut war Energie. Sie musste nur lernen, sie nicht explodieren zu lassen wie eine Bombe. Sie musste lernen, sie zu fokussieren. Wie einen Laser.
Sie würde nicht mehr ausrasten. Nie wieder. Sie würde Kaelen nicht mehr schlagen, wenn er sie beleidigte. Sie würde lächeln. Sie würde nicken. Und dann würde sie ihn auf dem Feld besiegen, nach allen Regeln der Kunst, so sauber und perfekt, dass selbst Garran nichts sagen konnte. Sie würde eine Rüstung bauen, die nicht aus Stahl bestand. Eine Rüstung aus Eis.
Sie griff nach ihrem Hemd. Sie zog es wieder an, winced (zuckte zusammen), als der Stoff die Wunde berührte, aber sie verzog keine Miene. Sie zog den Brustpanzer nicht wieder an. Er gehörte zum Training, und das Training war vorbei. Sie nahm das Medaillon und steckte es zurück unter das Unterhemd. Nah am Herzen. Wie einen Dolch.
Sie setzte sich auf die Bank. Allein in der großen, hallenden Halle. Sie wartete nicht auf den Rüstmeister. Sie würde ihr Schwert selbst schärfen. Sie würde ihre Rüstung selbst ausbeulen. Sie brauchte niemanden.
Draußen ging die Sonne auf über Seraphis, tauchte die weiße Stadt in goldenes Licht. Aber hier drinnen, in der Stille der Umkleide Nummer 4, war es grau. Und Clara wusste, dass sie von nun an in diesem Grau leben würde. Zwischen dem Licht der Akademie und dem Schatten ihres Vaters.
Sie starrte auf ihre Hände. Sie waren ruhig. Absolut ruhig.
„Rüstung ohne Inhalt“, flüsterte sie, und wiederholte Garrans unausgesprochenen Vorwurf. „Gut. Dann fülle ich sie eben mit etwas anderem.“
Sie stand auf. Sie war bereit für den nächsten Tag.