NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 11: Der Söldner im Kerker
Tropf.
Pause. Stille.
Tropf.
Es war nicht das Geräusch selbst, das Clara wahnsinnig machte. Es war die Unregelmäßigkeit. Manchmal vergingen drei Sekunden zwischen den Tropfen, die von der moosbewachsenen Decke in die brackige Pfütze am Boden fielen. Manchmal fünf. Manchmal zwei. Es gab keinen Rhythmus, an dem man sich festhalten konnte, keinen Takt, nach dem man atmen oder marschieren konnte.
Es war einfach nur... Chaos. Und Clara hasste Chaos.
Sie stand mit dem Rücken zur schweren, eisenbeschlagenen Tür der Zelle 4, die Stiefel exakt schulterbreit auseinander, die Hände auf dem Knauf ihres Übungsschwertes ruhend. Ihre Haltung war makellos. Sie war ein Lehrbuchbeispiel für eine Wache der Akademie von Seraphis. Zumindest äußerlich.
Innerlich kochte sie.
Strafdienst, dachte sie bitter und presste die Kiefer so fest zusammen, dass es knackte. Wegen „übertriebener Härte“ im Übungskampf. Als ob man einen Schatten höflich bitten könnte, sich zu ergeben.
Sie atmete tief durch die Nase ein. Die Luft hier unten, drei Stockwerke unter den prachtvollen Trainingshallen, war dick und schwer. Sie schmeckte nach altem, fauligem Stroh, nach dem Ammoniak der Latrinenkübel und nach kaltem, feuchtem Stein. Es war der Geruch von Versagen. Hier landeten die Betrunkenen, die Diebe, die Schläger – und die Kadetten, deren Nachname Arendelle lautete.
Klick. Sssssst. Klack.
Claras Augen zuckten. Da war es wieder.
Hinter der schweren Gittertür in ihrem Rücken. Das Geräusch war leiser als das Tropfen, aber tausendmal nervtötender. Metall auf Fingernagel. Ein kurzes Surren in der Luft. Das harte Aufschlagen auf eine Handfläche.
Eine Münze. Seit zwei Stunden ging das so.
Clara wirbelte herum. Ihre Rüstung schepperte leise – ein Geräusch, das hier unten viel zu laut wirkte. Das polierte Brustplattenmetall fing das spärliche Licht der Fackel an der Wand ein und warf einen verzerrten Lichtfleck in die Dunkelheit der Zelle.
„Hör auf damit“, sagte sie. Ihre Stimme hallte von den feuchten Wänden wider, scharf und befehlend.
Aus dem Schatten der Zelle löste sich ein leises Lachen. Es war dunkel, kratzig, wie Stiefel auf Kies.
„Womit?“ fragte der Gefangene. „Mit dem Atmen? Oder mit dem Denken? Beides ist hier unten ziemlich langweilig, Kadett.“
Er betonte das Wort Kadett nicht wie einen Titel, sondern wie eine Beleidigung. Wie Kleines.
Clara trat einen Schritt näher an die Gitterstäbe. „Mit dem Klimpern. Steck das Ding weg. Oder ich komme rein und sorge dafür, dass du es verschluckst.“
Der Mann auf der Pritsche setzte sich langsam auf. Er bewegte sich nicht wie die üblichen Gefangenen – nicht hastig, nicht ängstlich, nicht aggressiv. Er bewegte sich mit einer trägen, fast flüssigen Ökonomie. Er war groß, breitschultrig, gehüllt in abgetragenes Leder und Leinen, das mehr Flicken hatte als Originalstoff. Seine Stiefel lagen auf dem Boden, die Füße in dicken Wollsocken auf dem einzigen Hocker der Zelle abgelegt.
Er hob die Hand. Zwischen seinen Fingern tanzte eine Goldmünze über die Knöchel. Vor, zurück, vor, zurück. Es sah aus, als wäre das Gold ein Teil seiner Hand.
„Reizbar“, stellte er fest. Er schnippte die Münze hoch. Sie drehte sich im Fackellicht, blitzte auf, landete perfekt in seiner Handfläche. Klack. „Schlechter Tag? Oder drückt der Helm?“
„Mein Tag geht dich nichts an, Söldner“, blaffte Clara. „Du bist hier, weil du eine Schlägerei im 'Schwarzen Eber' angezettelt hast. Du hast drei Männer ins Lazarett geschickt. Sei froh, dass du noch Zähne hast.“
„Vier“, korrigierte er beiläufig und lehnte sich gegen die kalte Steinwand. „Es waren vier Männer. Den Kleinen unterm Tisch vergisst man leicht. Der hat aber am lautesten gequiekt.“
Er grinste. Im Halbdunkel sah Clara das Aufblitzen weißer Zähne, aber auch eine feine, weiße Narbe, die sich von seinem linken Mundwinkel bis zum Kinn zog. Es gab seinem Gesicht etwas Gefährliches, etwas, das sagte: Ich habe Schlimmeres gesehen als diesen Kerker.
„Warum bist du so stolz darauf?“ Clara verschränkte die Arme vor der Brustplatte. Das Metall fühlte sich kalt an, selbst durch das Wams darunter. „Disziplinlosigkeit ist keine Leistung. Es ist Schwäche.“
Der Söldner – Tarek, so stand es im Wachbericht – musterte sie. Sein Blick wanderte langsam über ihre Rüstung. Er blieb nicht an ihrer Figur hängen, wie es die meisten Männer taten. Er prüfte die Ausrüstung. Er sah die Kratzer, die Dellen, die Art, wie sie ihr Gewicht verlagerte.
„Disziplin“, wiederholte er das Wort, als würde er es auf der Zunge wiegen. „Hübsches Wort. Klingt gut in den Hallen da oben, wo der Boden poliert ist und die Schwerter stumpf sind.“
Er schnippte die Münze erneut. Klick.
„Aber draußen? Im Sumpf? In der Gosse?“ Er fing die Münze, ohne hinzusehen. „Da hält Disziplin dich nur lange genug am Leben, um zuzusehen, wie der Kerl ohne Ehre dir das Messer in die Nieren rammt.“
Clara spürte, wie Hitze in ihren Nacken stieg. Es war derselbe Tonfall, den ihr Vater manchmal gehabt hatte, bevor er... bevor alles zerbrach. Diese arrogante Gewissheit, dass Regeln nur für Idioten gemacht waren.
„Ich brauche keine Lektionen von einem Kriminellen“, sagte sie kalt. „Ich bin eine Arendelle. Wir wissen, was Ehre bedeutet.“
Tarek hielt in der Bewegung inne. Die Münze ruhte auf seinem Daumen. Er legte den Kopf schief, und seine dunklen Augen verengten sich minimal.
„Arendelle“, murmelte er. „Der Verräter-Clan. Das erklärt das Übungsschwert. Und warum sie dich hier unten verrotten lassen, um auf einen wie mich aufzupassen.“
Clara griff reflexartig nach dem Gitterstab. Das Eisen war eiskalt und feucht. „Nimm das zurück.“
„Was denn?“ Tarek stand auf. Er war größer, als er im Sitzen gewirkt hatte. Er trat ans Gitter, bis er fast Nase an Nase mit ihr stand, nur getrennt durch die rostigen Stäbe. Er roch nach altem Leder, billigem Wein und Rauch. Aber nicht nach Angst.
„Dass dein Vater die Tore geöffnet hat?“ fragte er leise. „Oder dass du hier stehst, in einer Rüstung, die so sehr glänzt, dass man sich darin rasieren kann, und versuchst, so zu tun, als wärst du nicht genau das, was sie alle sagen?“
Clara zitterte. Nicht vor Angst. Vor Wut. Sie wollte die Tür aufreißen. Sie wollte ihm zeigen, was sie im Training gelernt hatte. Sie wollte ihm das Grinsen aus dem Gesicht prügeln. Aber sie wusste, dass das genau das war, was der Ausbilder erwartet hatte. „Die Arendelle hat kein Temperament. Sie ist instabil.“
Sie zwang sich, loszulassen. Sie trat einen Schritt zurück, straffte die Schultern.
„Du weißt nichts“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber es kostete sie jede Unze Kraft, die sie hatte. „Du bist nur ein Schläger, der auf sein Urteil wartet. Morgen früh wirst du ausgepeitscht und aus der Stadt geworfen.“
Tarek lachte leise. Er drehte sich um und ging zurück zu seiner Pritsche. Er ließ sich fallen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte an die dunkle Decke.
„Morgen früh“, sagte er verträumt. „Vielleicht. Oder vielleicht brennt die Stadt bis dahin schon.“
Clara runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“
„Hast du den Himmel gesehen, Kadett?“ fragte er, ohne sie anzusehen. „Bevor du hier runtergekommen bist? Er ist violett. Nicht blau, nicht grau. Violett. Wie ein Bluterguss.“
Er warf die Münze hoch. Klick.
„Irgendetwas kommt. Etwas Großes. Die Ratten verlassen schon die Kanalisation. Und ich...“ Er fing die Münze. „...ich sitze hier und warte auf die Show.“
Clara starrte ihn an. Er wirkte viel zu entspannt für jemanden, der eingesperrt war. Er wirkte nicht wie ein Gefangener. Er wirkte wie jemand, der nur eine Pause machte.
„Du bist wahnsinnig“, sagte sie.
„Möglich“, gab Tarek zurück. „Aber wenigstens glänzt meine Rüstung nicht. Das macht mich nachts schwerer zu sehen.“
Er schloss die Augen, als wäre das Gespräch beendet.
Clara drehte sich wieder um, den Blick auf den Gang gerichtet. Tropf. Pause. Tropf.
Ihr Herz schlug schneller, als es sollte. Nicht wegen seiner Worte über ihren Vater – die hatte sie schon tausendmal gehört. Sondern wegen dem, was er über den Himmel gesagt hatte. Sie hatte es auch gesehen. Heute Morgen, beim Appell. Ein seltsames Flimmern am Horizont. Eine Spannung in der Luft, die ihre Haare zu Berge stehen ließ.
Sie griff unter ihren Brustpanzer, tastete nach dem kalten Silber des Medaillons ihrer Großmutter, das dort auf ihrer Haut lag. Beschütze mich, dachte sie automatisch. Aber das Medaillon blieb kalt und stumm, genau wie der Kerker um sie herum.
Hinter ihr erklang wieder das Geräusch.
Klick. Sssssst. Fang.
Der Söldner wartete. Und Clara hatte das ungute Gefühl, dass er genau wusste, worauf.
Die Stille hielt nicht lange.
Sie wurde nicht durch das Tropfen oder das Klicken der Münze gebrochen, sondern durch das dumpfe Wumm-Wumm-Wumm schwerer Stiefel auf der Steintreppe am Ende des Ganges. Es war kein schlurfender Gang wie der eines Gefangenen. Es war der Marsch von Autorität.
Clara straffte sich. Reflexartig schob sie das Kinn vor, drückte die Brust raus, korrigierte den Winkel ihres Schwertes um zwei Millimeter. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, aber nicht vor Angst. Es war dieser konditionierte Reflex, den sie seit ihrer Kindheit kannte: Haltung bewahren. Keine Schwäche zeigen.
Hinter ihr fing Tarek die Münze aus der Luft und ließ sie in seiner Faust verschwinden. Er stand nicht auf. Er blieb auf seiner Pritsche liegen, aber seine Muskeln spannten sich leicht an.
„Besuch“, murmelte er. „Und ich habe nicht aufgeräumt.“
Die schwere Eisentür zum Trakt wurde aufgestoßen. Zwei Wachen traten ein, gefolgt von einem Mann, der den Kerkerraum sofort mit seiner schieren Präsenz füllte.
Kommandant Vargus.
Er war ein Bär von einem Mann, dessen Gesicht aussah, als wäre es aus altem Granit gemeißelt worden. Sein grauer Bart war kurz geschoren, seine Uniform tadellos, aber sie roch nach kaltem Rauch und Härte. Er trug keine normale Wache-Rüstung, sondern den schwarzen Brustpanzer der Offiziere, auf dem das Wappen von Seraphis in Silber glänzte.
Clara schlug die Hacken zusammen. Das Geräusch hallte scharf durch den Gang. „Kommandant! Gefangener in Zelle 4 gesichert. Keine Vorkommnisse.“
Vargus blieb vor ihr stehen. Er war einen Kopf größer als sie. Er sah nicht auf sie herab, er sah durch sie hindurch. Sein Blick wanderte langsam über ihre Rüstung, prüfte jede Schnalle, jeden Riemen.
„Keine Vorkommnisse“, wiederholte er langsam. Seine Stimme war ein tiefes Grollen. „Das ist überraschend, Kadett. Wo doch Ärger deinem Namen zu folgen scheint wie ein schlechter Geruch.“
Clara starrte stur geradeaus, auf einen Punkt an der Wand hinter seiner Schulter. „Ich führe meine Befehle aus, Sir.“
„Befehle.“ Vargus schnaubte. Er trat einen Schritt näher, drang in ihren persönlichen Raum ein. „Dein Befehl war, den Abschaum zu bewachen. Nicht, ihn zu Tode zu langweilen.“
Er drehte den Kopf und blickte durch die Gitterstäbe. „Na, Söldner? Ist dir die Unterkunft genehm?“
Tarek, der immer noch lag, hob träge eine Hand zum Gruß. „Der Service lässt zu wünschen übrig, Vargus. Das Kissen ist hart, und das Mädchen hier ist keine große Gesprächspartnerin. Aber der Wein war gut. Bevor deine Jungs ihn mir weggenommen haben.“
Vargus lachte nicht. Er griff durch die Gitterstäbe und rüttelte daran, prüfte das Schloss. „Genieß es, solange du kannst. Morgen früh kommt der Richter. Und für das, was du meinen Männern im 'Schwarzen Eber' angetan hast, wird er dich nicht nur auspeitschen lassen. Er wird dich wahrscheinlich in die Minen schicken.“
„Die Minen“, sagte Tarek unbeeindruckt. „Habe gehört, die Luft dort ist besser als in deinem Büro.“
Vargus’ Gesicht verfinsterte sich. Er ließ das Gitter los und wandte sich wieder Clara zu. Die Wut über Tareks Respektlosigkeit suchte ein einfacheres Ziel.
„Und du?“ fragte er leise, gefährlich leise. „Stehst hier wie eine Statue.“ Er tippte mit seinem behandschuhten Finger gegen ihren Brustpanzer. Tock. Tock. „Glaubst du, diese Rüstung macht dich zu einer von uns? Glaubst du, wenn du sie nur lange genug polierst, vergessen wir, wer dein Vater war?“
Clara zuckte nicht. Aber ihre Hände am Schwertgriff wurden weiß. „Ich bin loyal zu Seraphis, Sir.“
„Loyalität“, spuckte Vargus aus. „Dein Vater war auch loyal. Bis das Geld der anderen Seite stimmte. Verrat liegt im Blut, Kadett. Man kann ihn nicht wegpolieren.“
Er lehnte sich vor, bis sein Bart fast ihre Wange berührte. „Du bist nur hier, weil wir noch Verwendung für Kanonenfutter haben. Mach dir keine Illusionen. Beim ersten Fehler... beim kleinsten Anzeichen, dass du wie er bist... werde ich dich persönlich über die Mauer werfen.“
Er ließ sie stehen, drehte sich abrupt um und marschierte den Gang hinunter. „Weitermachen!“ bellte er über die Schulter, bevor die Tür hinter ihm und seinen Wachen zufiel.
Stille kehrte zurück. Aber sie war anders jetzt. Sie war nicht mehr leer. Sie war geladen.
Clara stand immer noch in Haltung. Ihre Atmung ging stoßweise. Sie starrte auf die Tür, durch die Vargus verschwunden war. In ihrem Kopf schrie alles. Sie wollte etwas werfen. Sie wollte schreien, dass sie besser war als sie alle zusammen. Dass sie härter trainierte, weniger schlief, mehr opferte. Aber sie tat nichts. Sie stand nur da.
„Hübsche Rede“, sagte Tarek aus der Dunkelheit hinter ihr.
Clara fuhr herum. „Halt den Mund.“
„Er mag dich wirklich nicht“, fuhr Tarek fort, als hätte sie nichts gesagt. Er saß jetzt auf der Bettkante, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und beobachtete sie. Sein Blick war nicht spöttisch. Er war... analytisch. „Aber er hat Angst vor dir.“
„Angst?“ Clara lachte bitter auf. „Er ist der Kommandant. Ich bin nichts.“
„Eben“, sagte Tarek. Er schnippte die Münze hoch. „Du bist nichts. Und trotzdem stehst du da und lässt dich anbrüllen, ohne zu zucken. Das macht Leute wie Vargus nervös. Sie verstehen Wut. Sie verstehen Angst. Aber sie verstehen keine Kontrolle.“
Er stand auf und trat wieder an das Gitter. Das Fackellicht fiel auf sein Gesicht, betonte die harte Linie seines Kiefers.
„Aber er hat in einem Punkt recht, Kadett.“
Clara sah ihn an. Sie war zu erschöpft, um wütend zu sein. „Und der wäre?“
Tarek deutete mit der Münze auf ihre Brustplatte. Sie war makellos. Kein Kratzer, kein Fleck. Sie spiegelte das Feuer wider wie ein Silberschild.
„Deine Rüstung“, sagte er leise. „Sie glänzt zu sehr.“
Clara runzelte die Stirn. „Ich pflege meine Ausrüstung. Das ist Vorschrift.“
„Das ist keine Pflege“, sagte Tarek. Er steckte die Münze weg und griff mit beiden Händen an die Gitterstäbe. „Das ist ein Kostüm.“
Er sah ihr direkt in die Augen, und sein Blick war plötzlich so scharf wie einer seiner Dolche.
„Du trägst das Ding wie einen Panzer gegen die Welt. Du polierst jeden Kratzer weg, bevor er überhaupt entstehen kann. Du willst perfekt sein, damit sie keinen Grund haben, dich zu hassen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Aber eine Rüstung, die keine Narben hat, erzählt keine Geschichte, Kleines. Sie sagt nur eins: Dass derjenige, der sie trägt, noch nie wirklich gekämpft hat.“
Clara wich einen Schritt zurück, als hätte er sie geschlagen. „Ich habe gekämpft! Ich war Klassenbeste im Turni...“
„Turnier!“ unterbrach Tarek sie verächtlich. „Punkte. Regeln. Schiedsrichter. Das ist kein Kampf. Kampf ist, wenn du im Schlamm liegst, halb blind vor Blut, und trotzdem aufstehst, weil du zu stur bist, um liegen zu bleiben. Deine Rüstung glänzt, Kadett. Aber sie hat noch nie geblutet.“
Er ließ die Stäbe los und trat zurück in den Schatten.
„Pass auf, dass sie nicht zerbricht, wenn dich der erste echte Schlag trifft. Denn darunter...“ Er musterte sie kurz, fast mitleidig. „...darunter bist du verdammt weich.“
Clara stand da, die Hand auf ihrem makellosen Brustpanzer. Sie wollte widersprechen. Sie wollte ihm sagen, dass er unrecht hatte. Aber die Kälte des Metalls unter ihren Fingern fühlte sich plötzlich nicht mehr wie Schutz an. Sondern wie ein Käfig.
Die Stunden vergingen nicht. Sie zogen sich in die Länge wie Kaugummi, zäh und geschmacklos.
Die Fackel an der Wand war fast heruntergebrannt. Ihr Licht war nur noch ein schwaches, orangefarbenes Glimmen, das kaum bis in die Ecken der Zelle reichte. Die Schatten wurden länger, krochen aus den Ritzen des Mauerwerks und legten sich wie schwarze Decken über den kalten Steinboden.
Clara stand immer noch. Aber ihre Haltung hatte sich verändert. Die Schultern waren um eine Winzigkeit nach vorne gesunken. Ihr Kopf war nicht mehr stolz erhoben, sondern hing schwer im Nacken, als würde der Helm aus Blei bestehen. Ihre Beine brannten. Jeder Muskel schrie nach Entlastung, nach Sitzen, nach Schlaf.
Haltung bewahren, dachte sie stumpf. Das Mantra ihres Lebens. Aber hier unten, wo niemand zusah außer einem Söldner und den Ratten, verlor das Mantra seine Kraft.
Vargus’ Worte hallten immer noch in ihrem Kopf nach. Verrat liegt im Blut.
Sie biss sich auf die Lippe, bis sie Eisen schmeckte. Es war unfair. Sie war die Beste in ihrem Jahrgang. Sie kannte die Statuten auswendig. Sie konnte ein Schwert mit verbundenen Augen zerlegen und zusammensetzen. Und trotzdem... trotzdem sahen sie immer nur ihn. Aric von Arendelle. Den Mann, der das Tor geöffnet hatte.
Ein leises Klirren riss sie aus ihren Gedanken. Es war nicht die Münze. Tarek schlief – oder tat zumindest so. Er lag auf der Seite, den Rücken zu ihr gedreht, den Atem ruhig und gleichmäßig.
Clara sah sich um. Der Gang war leer. Die Wachablösung war überfällig, aber das war nichts Neues. Niemand kam gern hier runter. Man ließ die „Arendelle“ warten, weil man es konnte.
Vorsichtig, mit einem Blick auf den schlafenden Söldner, löste Clara ihre Hände vom Schwertgriff. Ihre Finger waren steif. Sie rieb sie aneinander, um das Gefühl zurückzubringen. Dann tat sie etwas Verbotenes. Sie setzte sich.
Nicht auf den Boden – das hätte ihre Rüstung beschmutzt –, sondern auf eine kleine Holzkiste, in der Ersatzfackeln lagerten. Es war nur ein kurzes Ausruhen. Nur eine Minute. Sie lehnte den Kopf gegen die kühle Steinwand und schloss die Augen.
Nur eine Minute.
Aber die Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Sie griff unter ihren Brustpanzer. Das Metall war kalt auf der Haut, aber darunter spürte sie die vertraute Form. Sie zog die dünne Lederkette hervor. Daran hing ein Medaillon. Es war aus altem Silber, angelaufen und zerkratzt. Es passte überhaupt nicht zu ihrer sonst so makellosen Ausrüstung. Auf der Vorderseite war ein verblasstes Wappen eingraviert: Ein Falke, der einen Pfeil in den Klauen hielt. Das Wappen ihres Hauses, bevor es in Schande gefallen war.
Clara strich mit dem Daumen über das Silber. Es war glatt poliert von jahrelangem Berühren. Großmutter hatte es ihr gegeben, an dem Tag, als sie in die Akademie eingetreten war. „Es ist kein Schutz vor Schwertern, Kind“, hatte die alte Frau mit ihrer rauchigen Stimme gesagt. „Es ist ein Schutz vor dem Vergessen. Vergiss nicht, wer wir waren, bevor dein Vater schwach wurde.“
„Hübsches Ding.“
Clara zuckte so heftig zusammen, dass sie fast von der Kiste fiel. Ihre Hand schloss sich reflexartig um das Medaillon, versteckte es in ihrer Faust. Sie riss den Kopf hoch.
Tarek lag nicht mehr. Er saß auf seiner Pritsche, im Schneidersitz, und beobachtete sie durch die Gitterstäbe. Seine Augen waren wach, zu wach für jemanden, der eben noch geschlafen hatte. Er hatte sich lautlos bewegt. Wie eine Katze. Oder ein Geist.
„Du solltest schlafen“, zischte Clara und wollte aufspringen, aber ihre Beine waren schwer wie Stein.
„Ich schlafe nie tief“, sagte Tarek leise. „Schlechte Angewohnheit. Man lebt länger, aber man sieht immer müde aus.“ Er nickte in Richtung ihrer geschlossenen Faust. „Silber. Alt. Passt nicht zu dem Hochglanz-Blech, das du sonst trägst.“
Clara spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie war ertappt worden. Nicht beim Sitzen, sondern bei etwas viel Schlimmerem: Bei Gefühlen. „Es geht dich nichts an.“
„Lass mich raten“, fuhr Tarek fort, ungerührt von ihrer Abfuhr. „Ein Liebhaber? Nein, dafür hältst du es zu fest. Ein Liebhaber ist Hoffnung. Das da...“ Er deutete auf ihre Hand. „...das ist Trauer. Also Familie.“
Er lehnte sich vor, die Unterarme auf die Knie gestützt. „Mutter? Großmutter?“
Clara starrte ihn an. Er las sie wie eine Karte. Es war beunruhigend. Sie öffnete langsam die Hand. Das Medaillon lag matt im schwachen Licht. „Großmutter“, sagte sie leise. Sie wusste nicht, warum sie antwortete. Vielleicht, weil es hier unten egal war. Vielleicht, weil Vargus recht hatte und sie schwach war.
„Der Falke“, erkannte Tarek. Ein Schatten von Anerkennung huschte über sein Gesicht. „Das alte Wappen. Bevor sie es aus den Büchern gekratzt haben.“
„Sie haben es nicht ausgekratzt“, verteidigte sich Clara automatisch. „Es ist nur... nicht mehr im Dienstgebrauch.“
„Sicher“, sagte Tarek trocken. „Genauso wie dein Vater nur 'nicht mehr im Dienst' ist.“
Clara wollte das Medaillon wegstecken, es vor seinem zynischen Blick schützen, aber Tarek sprach weiter. Seine Stimme hatte sich verändert. Sie war nicht mehr spöttisch. Sie war... ruhig.
„Weißt du, was das Problem mit Erbstücken ist, Kadett?“ Er griff an seinen eigenen Hals und zog an einem Lederband. Zum Vorschein kam kein Silber, sondern ein einfacher, grober Eisenring, der an der Schnur baumelte. Er sah aus wie ein Dichtungsring von einer Maschine. „Sie sind schwer.“
Er ließ den Ring zurück unter sein Hemd fallen.
„Man trägt sie herum, weil man denkt, sie geben einem Kraft. Aber eigentlich erinnern sie einen nur daran, was man verloren hat. Oder was man sein sollte.“
Clara sah auf das Medaillon in ihrer Hand. Vergiss nicht, wer wir waren. „Es ist alles, was ich noch habe“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Der Name ist Gift. Das Haus ist verfallen. Das hier... das ist der einzige Beweis, dass wir mal mehr waren als Verräter.“
„Wir?“ fragte Tarek scharf.
Clara blickte auf.
„Du sagst 'wir'“, erklärte Tarek. „Als wärst du er. Als hättest du das Tor geöffnet.“ Er stand auf und ging langsam zum Gitter. „Du warst ein Kind, Clara. Was auch immer dein Alter Herr getan hat... du hast das Tor nicht aufgemacht. Du polierst nur die Klinke, damit niemand sieht, dass sie rostig ist.“
Clara starrte ihn an. Er hatte ihren Namen benutzt. Nicht Kadett. Nicht Kleines. Clara. Es klang seltsam aus seinem Mund. Rau, aber echt.
„Warum sagst du das?“ fragte sie. „Vorhin hast du mich noch verspottet.“
„Ich verspotte deine Rüstung“, korrigierte Tarek. „Weil sie eine Lüge ist. Aber das da...“ Er deutete durch das Gitter auf das Medaillon. „Das ist echt. Schmerz ist echt. Und wenn du aufhörst, ihn unter Metall zu verstecken, wirst du vielleicht sogar eine gute Kämpferin.“
Er griff in seine Tasche und holte die Goldmünze hervor. Klick.
„Aber was weiß ich schon“, sagte er und das schiefe Grinsen kehrte zurück, wie eine Maske, die er wieder aufsetzte. „Ich bin nur ein Söldner, der morgen ausgepeitscht wird. Meine Meinung ist weniger wert als der Rost an dieser Tür.“
Clara wollte etwas erwidern. Sie wollte ihn fragen, was der Eisenring bedeutete. Sie wollte fragen, warum er so tat, als wäre ihm alles egal, wenn er doch so viel sah.
Aber sie kam nicht dazu.
Ein Geräusch zerriss die Stille. Es war kein Tropfen. Kein Klicken. Es war ein Heulen.
Es begann tief, ein vibrierendes Grollen, das durch den Steinboden in Claras Stiefel kroch, und schwoll dann an zu einem schrillen, magischen Kreischen, das in den Zähnen wehtat. Die Sirenen der Aegis. Aber nicht der normale Alarm für Schichtwechsel oder Feuer. Das war der Alarm für einen Bruch.
Das Licht der Fackel an der Wand flackerte wild, wurde blau, dann wieder orange, dann erlosch es ganz. Dunkelheit hüllte den Kerker ein. Nur das schwache, violette Notlicht der magischen Runen über den Zellentüren glomm auf.
„Was ist das?“ fragte Clara und sprang auf. Die Kiste kippte polternd um. Sie schob das Medaillon hastig unter ihre Rüstung und zog ihr Schwert. Das Geräusch von Stahl auf Stahl war beruhigend vertraut.
Tarek stand am Gitter. Er wirkte nicht überrascht. Er wirkte bereit.
„Das“, sagte er leise, und seine Augen reflektierten das violette Licht wie die eines Raubtiers, „ist der Moment, in dem der Himmel runterfällt.“
Der Boden unter ihnen bebte. Staub rieselte von der Decke. Irgendwo oben, weit entfernt, hörte man eine Explosion.
„Angriff?“ rief Clara. „Auf die Akademie?“
„Oder ein Ausbruch“, sagte Tarek. Er rüttelte an der Gittertür. Sie war verschlossen, aber das Schloss klapperte im Rahmen. „Sieht so aus, als hätte meine Wartezeit ein Ende.“
Er sah Clara an. „Du hast eine Wahl, Kadett. Du kannst hier stehen bleiben und warten, bis Vargus kommt und dir befiehlt, zu sterben. Oder du kannst dich bewegen.“
„Ich verlasse meinen Posten nicht“, sagte Clara automatisch, aber ihre Stimme zitterte. Der Alarm heulte weiter, ein endloser Schrei.
„Dein Posten ist ein Grab“, sagte Tarek hart. „Hörst du das?“ Er hob den Kopf. Zwischen den Sirenen hörte man Schreie. Menschliche Schreie. Panik. Und etwas anderes... ein Brüllen, das nicht menschlich war.
„Schatten“, flüsterte Clara.
„Bingo“, sagte Tarek. „Sie sind drin. Und wenn sie hier runterkommen, nützt dir deine polierte Rüstung gar nichts.“
Er trat vom Gitter zurück und nahm eine Haltung ein, die Clara noch nie gesehen hatte. Locker, aber voller Spannung.
„Mach die Tür auf, Clara.“
„Nein!“ Sie richtete das Schwert auf ihn, obwohl das Gitter dazwischen war. „Du bist ein Gefangener!“
„Ich bin der Einzige hier unten, der weiß, wie man einen Schatten tötet, ohne Magie zu benutzen“, entgegnete er ruhig. „Du hast das Training. Ich habe die Praxis. Wir können hier beide sterben, oder wir können rausgehen und kämpfen.“
Er streckte die Hand durch die Gitterstäbe. Die Handfläche offen. Keine Münze. Keine Waffe. Nur eine Einladung.
„Vertrau nicht dem Söldner“, sagte er. „Vertrau dem, der den Dreck kennt. Mach auf.“
Clara starrte auf seine Hand. Dann auf ihr Schwert. Dann auf die violett leuchtenden Runen über der Tür. Das Medaillon an ihrer Brust brannte plötzlich kalt auf ihrer Haut. Vergiss nicht, wer wir waren. Waren sie Wächter von leeren Zellen? Oder waren sie Beschützer?
Der Boden bebte erneut, heftiger diesmal. Putz fiel von der Decke. Clara schluckte. Sie senkte das Schwert. Sie griff an ihren Gürtel, wo der schwere Eisenbund mit den Schlüsseln hing.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Es war kein sauberes Klick, sondern ein schweres, mahlendes Geräusch, als würde Eisen Zähne knirschen.
Clara spürte den Widerstand des Mechanismus in ihrem Handgelenk. Ihre Finger waren schweißnass, glitten fast vom kalten Metall ab. Das Heulen der Sirenen pulsierte durch die Wände, ein Rhythmus, der ihr Denken zerhackte.
Ich lasse einen Gefangenen frei, hämmerte es in ihrem Kopf. Befehlsverweigerung. Hochverrat. Vargus wird mich häuten.
Die Tür schwang auf.
Tarek wartete keine Sekunde. Er trat heraus, streckte die Arme und ließ den Nacken knacken. Er wirkte nicht wie jemand, der gerade aus einer Zelle entkommen war, sondern wie jemand, der nach einem langen Mittagsschlaf aufstand.
„Besser“, sagte er. Er blickte den dunklen Gang hinunter, wo das violette Notlicht die Schatten eher vertiefte als vertrieb. „Viel besser.“
Clara blockierte ihm den Weg. Sie hielt ihr Schwert immer noch gezogen, die Spitze auf seine Brust gerichtet. „Hör zu, Söldner. Das ist keine Begnadigung. Das ist eine... taktische Notwendigkeit. Du bleibst hinter mir. Du fasst keine Waffen an, es sei denn, ich befehle es. Und wenn wir oben sind, gehst du zurück in Gewahrsam. Verstanden?“
Tarek schob die Schwertspitze mit einem Finger zur Seite. Ganz langsam. „Süß“, sagte er. „Du denkst immer noch, es gibt Regeln.“
Er ging an ihr vorbei, nicht hastig, aber mit großen, raumgreifenden Schritten. „Komm schon, Kadett. Bevor die Party ohne uns anfängt.“
„Wo willst du hin?“ rief Clara und lief ihm nach. Ihre Rüstung schepperte, während Tarek sich fast lautlos bewegte, trotz seiner schweren Stiefel.
„Wachraum“, warf er über die Schulter zurück. „Ihr habt meine Sachen. Und ich gehe nirgendwohin ohne meine Klingen.“
Sie erreichten das Ende des Ganges, wo die schwere Eichentür zum Wachraum angelehnt war. Normalerweise war sie verschlossen. Normalerweise saßen davor zwei Wachen und spielten Karten. Jetzt war da niemand. Nur ein dunkler Fleck am Boden, der unter der Tür hervorquoll.
Clara blieb stehen. Sie roch es, bevor sie es sah. Kupfer. Und Ozon.
„Bleib hier“, sagte Tarek leise. Seine Stimme hatte jeglichen Spott verloren. Er drückte sich flach an die Wand neben der Tür, lauschte kurz, und schob sie dann mit dem Fuß auf.
Clara ignorierte seinen Befehl und folgte ihm hinein, das Schwert erhoben.
Der Wachraum war ein Schlachtfeld. Tische waren umgeworfen, Stühle zerbrochen. Karten und Würfel lagen verstreut am Boden, schwimmend in einer Lache aus Blut, das im violetten Licht fast schwarz wirkte. Zwei Wachen lagen dort. Clara kannte sie. Hannes und Korb. Sie hatten immer Witze über ihre polierte Rüstung gemacht.
Jetzt machten sie keine Witze mehr. Sie waren nicht einfach tot. Sie waren... leer. Ihre Haut war grau, eingefallen, als hätte jemand alles Leben mit einem Strohhalm herausgesaugt. Ihre Augen waren weit aufgerissen, milchig weiß, und ihre Münder zu stummen Schreien verzerrt.
Clara würgte. Sie senkte das Schwert, ihre Hand zitterte unkontrolliert. „Was... was hat das getan?“
„Schatten“, sagte Tarek. Er kniete nicht bei den Toten nieder. Er ging direkt zu einer beschlagenen Truhe in der Ecke, trat das Schloss mit einem gezielten Tritt auf und wühlte darin herum. „Sie trinken das Licht. Und das Leben.“
Er zog seinen Gürtel heraus, an dem zwei gekrümmte Dolche und diverse kleine Beutel hingen. Er schnallte ihn sich um, prüfte den Sitz der Klingen, zog sie kurz – Ratsch – und steckte sie wieder weg.
„Wie... wie bekämpft man sie?“ fragte Clara. Sie konnte den Blick nicht von Hannes' leerem Gesicht abwenden.
„Man lässt sich nicht treffen“, sagte Tarek trocken. Er warf ihr etwas zu. Clara fing es reflexartig auf. Es war eine Fackel, unangezündet.
„Feuer hilft“, erklärte Tarek. „Sie mögen es nicht. Es tötet sie nicht, aber es macht sie langsam.“
Er ging zur Wandhalterung, wo eine Öllampe noch schwach flackerte, und entzündete seine eigene Fackel daran. Dann hielt er die Flamme an Claras.
„Bereit?“
Clara nickte stumm. Sie war nicht bereit. Sie wollte sich in einer Ecke zusammenrollen und warten, bis Vargus kam und sie anschrie. Anschreien war besser als das hier.
„Gut“, sagte Tarek. „Dann raus hier. Die Treppe hoch.“
Sie verließen den Wachraum und betraten das Treppenhaus, das in die oberen Ebenen der Akademie führte. Hier war der Lärm lauter. Das Heulen des Alarms mischte sich mit dem Klirren von Stahl und Schreien von oben.
Sie nahmen die erste Biegung der Wendeltreppe. Plötzlich blieb Tarek stehen. Er hob die Hand. „Halt.“
„Was ist?“ flüsterte Clara.
„Hörst du das?“ Tarek neigte den Kopf. Da war ein Geräusch. Kein Schreien. Kein Alarm. Es war ein Klicken. Wie Chitin auf Stein. Skrrt. Skrrt.
Und es kam von der Decke.
Clara riss die Fackel hoch. Das Licht tanzte über das Gewölbe über ihnen. Dort, in den Schatten der Bögen, hing etwas. Es war groß, etwa so groß wie ein Wolf, aber es hatte zu viele Glieder. Es bestand aus Rauch und Schatten, verdichtet zu einer fast festen Form, die aussah wie verbranntes Öl. Es hatte keine Augen, nur einen Riss im „Gesicht“, aus dem Kälte strömte.
Ein Schattenkriecher.
„Runter!“ brüllte Tarek.
Er stieß Clara zur Seite, gegen die kalte Steinwand. Das Wesen ließ sich fallen. Es landete lautlos dort, wo Clara eben noch gestanden hatte. Der Stein zischte unter seinen Klauen.
Es drehte den kopf-ähnlichen Fortsatz zu Clara. Es stieß kein Brüllen aus, sondern ein Geräusch wie reißendes Papier.
Clara reagierte mit Drill. Form 3. Defensive Haltung. Block. Sie riss das Schild hoch (das sie gar nicht trug – verdammt, sie hatte nur das Schwert). Sie riss das Schwert hoch in eine Parade.
Das Wesen sprang. Clara schlug zu. Ein perfekter, sauberer Hieb, gezielt auf den Hals. Die Klinge traf den Schattenrauch. Sie ging hindurch. Es gab keinen Widerstand. Kein Fleisch. Der Schattenkriecher ignorierte den Stahl einfach. Seine Klaue – eine Verlängerung aus Dunkelheit – wischte Claras Schwert zur Seite wie ein Spielzeug und traf ihren Brustpanzer.
KLONG.
Clara wurde zurückgeschleudert. Der Aufprall presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie rutschte die Stufen hinunter, das Schwert entglitt ihrer Hand und klapperte über den Stein. Auf ihrem makellosen Brustpanzer, den sie so sorgfältig poliert hatte, prangten nun drei tiefe, schwarze Kratzer, die rauchten.
Das Wesen setzte nach. Es kroch die Stufen hinab, schnell, flüssig.
„Nicht draufhauen, Kadett!“ schrie Tarek von oben. „Das ist kein verdammter Übungs-Dummy!“
Der Söldner sprang. Er landete nicht vor dem Wesen, sondern auf ihm. Er rammte ihm nicht die Dolche in den Körper. Er rammte ihm die brennende Fackel direkt in den Riss, der das Gesicht darstellte.
Das Wesen kreischte. Ein hoher, unnatürlicher Ton. Der Rauch zischte, wich vor dem Feuer zurück. Die Form der Kreatur wurde instabil, flackerte.
„Jetzt!“ brüllte Tarek. Er rollte sich zur Seite weg, als das Wesen wild um sich schlug. „In den Kern! Da wo es am dunkelsten ist!“
Clara lag am Boden. Ihr Schwert war zwei Meter entfernt. Das Wesen wandte sich ihr zu, halb blind vor Schmerz, aber immer noch tödlich. Sie hatte keine Waffe. Nur die Fackel, die neben ihr lag und fast erloschen war.
Kämpfen ist, wenn du im Schlamm liegst... und trotzdem aufstehst. Tareks Worte.
Clara griff nicht nach dem Schwert. Sie griff nach der Fackel. Sie sprang auf. Nicht in perfekter Haltung. Sie stolperte fast. Sie brüllte – kein Befehl, nur ein Schrei aus Wut und Angst – und rammte den brennenden Stumpf in die Flanke des Wesens.
Das Feuer fraß sich in den Schatten. Das Wesen zuckte, löste sich auf in Fetzen aus schwarzem Nebel, der nach Ozon stank.
Es war vorbei.
Clara stand da, schwer atmend, die Fackel in der Hand zitternd. Ihr Brustpanzer war ruiniert. Ihr Haar hatte sich gelöst und hing ihr strähnig ins Gesicht.
Tarek rappelte sich auf. Er klopfte sich Asche von der Lederweste. Er sah auf die Stelle, wo das Wesen verschwunden war, dann zu Clara. Er grinste nicht. Er nickte.
„Hässlich“, sagte er. „Keine Form. Falsche Fußarbeit. Völlig chaotisch.“
Er ging an ihr vorbei und hob ihr Schwert auf. Er wog es kurz in der Hand, dann reichte er es ihr mit dem Griff voran.
„Aber effektiv. Du lebst noch.“
Clara nahm das Schwert. Ihre Hand zitterte immer noch, aber sie umklammerte den Griff so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie blickte an sich herab. Auf die tiefen Kratzer im Silber.
„Meine Rüstung“, flüsterte sie.
„Sieht jetzt besser aus“, sagte Tarek und wandte sich wieder der Treppe zu. „Jetzt sieht sie aus, als würde jemand drinstecken.“
Er zog seine Dolche. „Weiter. Das war nur der Späher. Die Mutter ist wahrscheinlich oben.“
Clara wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie spürte eine seltsame Kälte dort, wo der Schatten sie fast berührt hatte, aber darunter brannte etwas anderes. Adrenalin. Und Stolz. Sie hatte überlebt. Nicht wegen der Akademie. Sondern weil sie draufgehauen hatte.
Sie folgte Tarek die Treppe hinauf. „Du hast gesagt, Feuer macht sie langsam“, keuchte sie.
„Ich habe gelogen“, sagte Tarek über die Schulter. „Feuer macht sie wütend. Aber es gibt dir was zu tun, damit du nicht erstarrst.“
Clara hätte fast gelacht. Ein hysterisches, kurzes Lachen. Sie stiegen weiter, hinein in den Lärm, hinein in den Krieg, der oben tobte. Und zum ersten Mal machte sich Clara keine Sorgen darüber, ob ihre Stiefel sauber waren.
Die Wendeltreppe endete nicht im Licht, sondern im Rauch.
Als Clara und Tarek die schwere Eichentür zum Erdgeschoss aufstießen, schlug ihnen eine Wand aus grauem Dunst entgegen. Er roch nach verbranntem Papier, schmorendem Stoff und dem metallischen Tang von vergossenem Blut. Der Lärm, der im Kerker noch gedämpft gewirkt hatte, war hier oben ohrenbetäubend. Schreie, klirrender Stahl, das Bersten von Glas und das unnatürliche, schrille Heulen der Schatten mischten sich zu einer Kakophonie des Untergangs.
Clara stolperte in den Flur. Sie kannte diesen Korridor. Es war der Westflügel, der Verwaltungstrakt, der direkt zu den Waffenkammern und den Büros der Offiziere führte. Normalerweise herrschte hier eine fast klösterliche Stille, nur unterbrochen vom Kratzen der Schreibfedern und dem gedämpften Schritt der Patrouillen.
Jetzt war es ein Schlachthaus.
Aktenblätter wirbelten durch die Luft wie trockener Schnee. Vitrinen waren zerschlagen, Scherben bedeckten den Boden. Und überall lagen Körper. Nicht nur Wachen. Auch Schreiber, Diener, Botenjungen.
„Formation!“ schrie Clara reflexartig, als sie eine Gruppe von Kadetten sah, die den Gang herunterrannten. Sie trugen halbe Rüstungen, manche waren unbewaffnet, ihre Augen weit aufgerissen vor Panik. „Sammelt euch! Wir müssen die Linie halten!“
Einer der Kadetten, ein Junge namens Jace, mit dem sie oft trainiert hatte, rempelte sie fast um. Er sah sie nicht einmal an. Er sah durch sie hindurch, auf den Horror hinter ihm.
„Lauf!“ kreischte er, Speichel flog aus seinem Mund. „Sie sind in den Wänden! Die Schatten kommen aus den Wänden!“
Er stieß Clara zur Seite und rannte weiter, gefolgt von den anderen. Keine Disziplin. Keine Ehre. Nur nackter Überlebensinstinkt.
Clara stand da, das Schwert in der Hand, und starrte ihnen nach. Ihr Weltbild bekam Risse, schneller als sie sie flicken konnte. Das sind Soldaten, dachte sie verzweifelt. Wir wurden trainiert. Wir laufen nicht weg.
„Vergiss sie“, sagte Tarek. Er stand neben ihr, völlig unbeeindruckt von der Panik um sie herum. Er scannte den Flur, nicht nach Feinden, sondern nach Wegweisern. „Die sind schon tot. Sie wissen es nur noch nicht. Wo ist die Asservatenkammer?“
Clara blinzelte. „Was?“
„Meine Sachen, Kadett“, sagte Tarek ungeduldig. Er packte sie an der Schulterplatte und drehte sie in die andere Richtung. „Ich kämpfe nicht in Lumpen. Wo bewahrt ihr das konfiszierte Eigentum auf?“
„Dritte Tür rechts“, antwortete Clara mechanisch. „Aber das ist Vorschrift, wir können nicht einfach...“
„Scheiß auf die Vorschrift.“
Tarek sprintete los. Clara folgte ihm, nicht weil sie wollte, sondern weil sie nicht allein in diesem Gang stehen wollte, in dem die Schatten länger wurden.
Sie erreichten eine massive Tür mit der Aufschrift Asservate. Sie war verschlossen. Tarek verschwendete keine Zeit mit Dietrichen. Er trat mit der Sohle seines Stiefels wuchtig gegen das Schloss. Einmal. Zweimal. Das Holz splitterte. Die Tür flog auf.
Der Raum dahinter war dunkel, aber Tarek schien genau zu wissen, wonach er suchte. Er ging zielsicher zu einem Regal mit nummerierten Körben. Er riss einen hervor und kippte den Inhalt auf einen Tisch.
Ein paar Münzen. Ein Bündel Dietriche. Ein schwerer, grauer Mantel mit Kapuze. Und... zwei wunderschöne, gekrümmte Kurzschwerter in abgenutzten Lederscheiden.
Tarek atmete aus, ein Geräusch tiefer Befriedigung. Er streifte den Mantel über. Sofort wirkte er größer, breiter. Er schnallte sich den Waffengurt um, zog die Klingen halb heraus, prüfte die Schärfe mit dem Daumen.
„Jetzt“, sagte er und drehte sich zu Clara um. Sein Gesicht lag im Schatten der Kapuze, aber sein Grinsen war weiß und scharf. „Jetzt sind wir im Geschäft.“
„Wir sollten zum Appellplatz“, sagte Clara. Sie versuchte verzweifelt, die Kontrolle zurückzugewinnen. „Dort sammeln sich die Truppen. Kommandant Vargus wird den Gegenangriff leiten.“
Tarek lachte. Es war ein hässliches Geräusch. „Vargus? Der Fettsack, der mich angebrüllt hat? Komm mit.“
Er ging wieder hinaus auf den Flur, aber diesmal schlich er nicht. Er bewegte sich wie ein Raubtier, das sein Revier zurückerobert. Er führte sie nicht zum Ausgang, sondern weiter den Gang hinunter, zu einer großen Doppeltür aus Eiche, die offen stand. Das Büro des Kommandanten.
„Sieh hin“, sagte Tarek und deutete mit dem Kinn hinein.
Clara trat näher. Sie wollte nicht hinsehen, aber sie musste. Das Büro war verwüstet. Der schwere Mahagonischreibtisch war umgestürzt. Die Regale waren leergefegt. Und hinter dem Schreibtisch, halb verdeckt von einer zerrissenen Flagge von Seraphis, lag Vargus.
Er war tot. Aber er war nicht kämpfend gestorben. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht zur Hintertür gerichtet – dem privaten Fluchtweg für Offiziere. In seinem Rücken klafften drei tiefe Risse, schwarz und rauchend. Seine Hand umklammerte keinen Schwertgriff, sondern einen schweren Sack mit Goldmünzen, der aufgeplatzt war und seinen Inhalt über den Boden ergossen hatte.
Clara starrte auf das Gold. Es glänzte im Schein der Brände draußen. Es war dasselbe Gold, von dem er behauptet hatte, ihr Vater hätte es genommen.
„Er wollte fliehen“, flüsterte Clara. Ihr Magen zog sich zusammen. „Er hat seine Männer im Stich gelassen.“
„Er hat kalkuliert“, sagte Tarek kalt. Er trat in den Raum, bückte sich und hob eine der Münzen auf. Er ließ sie über seine Knöchel wandern. Klick. Klack. „Er wusste, dass der Kampf verloren ist. Also hat er versucht, seinen Ruhestand zu retten. Schlechte Wette.“
Er warf die Münze auf die Leiche.
„Das ist deine Ordnung, Kadett. Gold und Angst. Sobald es brenzlig wird, zählt nur noch das eigene Fell.“
Clara spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Es war leiser als das Bersten der Türen, aber endgültiger. Jahrelang hatte sie geglaubt, dass Disziplin der Schlüssel war. Dass die Rüstung, die Ränge, die Regeln einen Sinn hatten. Dass sie die Guten waren. Und hier lag ihr Kommandant, getötet auf der Flucht, mit dem Sold seiner Männer in der Hand.
Sie sah an sich herab. Auf ihren verkratzten, rußigen Brustpanzer. Tarek hatte recht gehabt. Es war nur ein Kostüm.
„Wir müssen hier raus“, sagte Tarek. Er war schon wieder an der Tür, unruhig, wachsam. „Das Gebäude ist strukturell instabil. Und ich habe keine Lust, unter einem Haufen 'Helden' begraben zu werden.“
„Wohin?“ fragte Clara. Ihre Stimme war tonlos. Sie fühlte sich leer. Ziellos. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie keinen Befehl, den sie befolgen konnte.
„Weg von hier“, sagte Tarek. „In die Stadt. Ich kenne einen Händler im Zweiten Ring. Silas. Er schuldet mir noch was. Und er hat vielleicht einen Ausgang, der nicht von Schatten blockiert wird.“
„Silas“, wiederholte Clara. Der Name sagte ihr nichts. Aber das war egal. Alles war egal.
Plötzlich verdunkelte sich der Flur. Die Fackeln an den Wänden flackerten nicht nur, sie wurden ausgesaugt. Am Ende des Ganges, dort wo die Treppe nach oben führte, materialisierte sich etwas. Es war kein Kriecher. Es war größer. Ein Schemen, hoch wie zwei Männer, geformt aus wirbelnder Schwärze, die eine humanoide Form imitierte. Es hatte keine Beine, es schwebte. Und dort, wo sein Kopf sein sollte, brannte ein einziges, violettes Auge.
Ein Schatten-Häscher.
Tarek fluchte leise und sehr kreativ. „Okay“, sagte er und zog beide Schwerter. Das Metall sang. „Planänderung. Wir gehen nicht durch den Vordereingang.“
Das Wesen hob einen Arm, und eine Welle aus Kälte schoss den Gang hinunter, ließ den Putz von den Wänden bröckeln und das Blut am Boden gefrieren.
„Rückzug!“ brüllte Tarek. Er packte Clara am Arm und riss sie mit sich, weg von dem Büro, weg von der Leiche des Kommandanten. „Fenster! Wir nehmen das Fenster!“
„Wir sind im zweiten Stock!“ rief Clara, die stolpernd versuchte, Schritt zu halten.
„Besser gebrochene Beine als ausgesaugte Seele!“
Sie rannten. Hinter ihnen fraß die Kälte den Korridor. Das violette Licht des Häschers warf lange, verzerrte Schatten, die nach ihren Fersen griffen.
Clara rannte nicht mehr wie ein Soldat. Sie rannte wie ein Kind. Sie umklammerte ihr Schwert so fest, dass es wehtat, aber ihre Gedanken waren nicht bei Kampftechniken. Sie dachte an das Medaillon unter ihrer Rüstung. Vergiss nicht, wer wir waren. Vielleicht war es Zeit herauszufinden, wer sie sein konnte, wenn sie keine Wache mehr war.
Tarek trat eine Tür am Ende des Ganges auf – ein Balkon. Der Nachthimmel spannte sich über ihnen auf. Violett, wie Tarek gesagt hatte. Brennend. Und tief unten, im Innenhof, wimmelte es von Schatten.
„Spring!“ schrie Tarek.
Der Sturz dauerte nur eine Sekunde, aber für Clara fühlte er sich an wie eine Ewigkeit.
Sie sah den violetten Himmel über sich wegrotieren. Sie sah die steinerne Fassade der Akademie vorbeirasen. Und sie sah Tarek, der neben ihr fiel, die Arme vor dem Gesicht verschränkt, den Körper angespannt wie eine Sprungfeder.
Dann traf sie auf.
Es war kein Stein, den Göttern sei Dank, aber es war auch kein Federbett. Sie krachten durch das straffe Leinentuch eines Markisendachs, das über dem Hintereingang der Offiziersmesse gespannt war. Der Stoff riss mit einem lauten RATSCH, bremste ihren Fall ab, verhinderte ihn aber nicht. Clara schlug hart auf dem Holz eines darunterstehenden Karrens auf. Luft entwich ihren Lungen in einem schmerzhaften Stoß. Ihr Kopf knallte gegen eine Kiste, und Sterne explodierten vor ihren Augen – hell, weiß und blendend.
Sie rollte zur Seite, keuchend, würgend, und fiel vom Karren auf das Kopfsteinpflaster des Innenhofs.
„Aufstehen!“
Eine Hand packte sie am Kragen ihres Brustpanzers und riss sie hoch. Tarek. Er blutete an der Wange, wo ein Holzsplitter ihn getroffen hatte, aber er wirkte wach, fokussiert.
„Nicht liegenbleiben“, zischte er ihr ins Gesicht. „Bewegung heilt.“
Clara taumelte. Ihr rechtes Bein schmerzte höllisch, aber es trug sie noch. Sie blinzelte die Sterne weg und sah sich um. Der Innenhof war ein Chaos. Normalerweise fanden hier die Morgenappelle statt. Hunderte Kadetten in perfekten Reihen. Jetzt rannten Menschen wild durcheinander. Schattenkriecher sprangen von den Dächern, landeten auf Fliehenden, rissen sie zu Boden.
Zehn Meter entfernt sah Clara eine Gruppe von Ausbildern – Männer, die sie für unbesiegbar gehalten hatte. Sie standen Rücken an Rücken, umzingelt von drei Häschern. Einer der Ausbilder schrie Befehle, aber seine Stimme ging im Kreischen der Schatten unter. Sie sah, wie ein violetter Blitz einen der Männer traf. Er zerfiel einfach. Rüstung, Fleisch, Knochen – alles wurde zu Staub.
„Wir müssen helfen“, krächzte Clara. Sie hob ihr Schwert, aber der Arm fühlte sich an wie Blei.
„Nein“, sagte Tarek hart. Er packte ihren Arm und zerrte sie in den Schatten eines Torbogens. „Sieh sie dir an. Sie kämpfen nach Lehrbuch. Formationskampf gegen Chaos. Das ist Selbstmord.“
„Aber es sind meine Leute!“
„Sie sind Totemänner“, sagte Tarek gnadenlos. „Wenn du da reinrennst, bist du nur eine weitere Leiche für den Bericht. Willst du leben? Oder willst du einen posthumen Orden?“
Clara starrte auf das Massaker. Sie sah Jace, den Jungen aus dem Flur, wie er versuchte, über eine Mauer zu klettern, nur um von einem Kriecher an den Beinen zurückgezogen zu werden.
Tränen brannten in ihren Augen. Heiße, wütende Tränen. Tarek hatte recht. Ihre Disziplin war nutzlos. Ihre Ehre war nutzlos. Vargus war tot, mit Gold in der Hand. Die Ausbilder starben, weil sie Regeln folgten, die der Feind nicht kannte.
„Weg“, flüsterte sie. Die Entscheidung schmeckte bitter wie Galle. „Wir müssen weg.“
Tarek nickte kurz. „Gutes Mädchen. Folg mir.“
Sie rannten nicht zum Haupttor. Das war verstopft von Panik und Schatten. Tarek führte sie zu einem schmalen Seitenausgang, der für die Müllabfuhr genutzt wurde. Er trat die Tür auf, und sie stolperten hinaus in die Gasse.
Hier war es dunkler, ruhiger. Der Lärm des Kampfes wurde von den hohen Mauern gedämpft. Es roch nach Abfall und nassem Stein, aber die Luft war kühler, freier von dem Ozon-Gestank der Magie.
Sie rannten weiter, Block um Block, weg von der brennenden Akademie, hinein in das Labyrinth des Zweiten Rings. Tarek kannte den Weg. Er mied die großen Straßen, auf denen die Menschenmassen strömten, und führte sie durch Hinterhöfe, über Zäune und durch Kellergänge.
Erst als das violette Leuchten des Himmels von den Dächern der Mietshäuser verdeckt wurde, wurde er langsamer. Er bog in eine Sackgasse ein, die hinter einer Gerberei lag, und lehnte sich schwer gegen die Wand. Er rutschte daran herunter, bis er in der Hocke saß, und wischte sich das Blut von der Wange.
„Pause“, keuchte er. „Zwei Minuten.“
Clara blieb stehen. Sie lehnte sich nicht an. Sie stützte sich auf ihr Schwert, den Kopf gesenkt. Ihr Atem ging rasselnd. Sie blickte an sich herab. Ihre Rüstung war ruiniert. Der Sturz hatte das Metall verbeult. Der Häscher hatte tiefe Kratzer hinterlassen. Und überall klebte Ruß, Staub und fremdes Blut. Sie sah nicht mehr aus wie eine Elitesoldatin. Sie sah aus wie ein Wrack.
„Es ist vorbei“, sagte sie leise.
Tarek sah zu ihr auf. Er kramte in seiner Tasche, holte einen leicht zerdrückten Apfel hervor (woher hatte er den schon wieder?) und biss hinein. Knack.
„Was ist vorbei?“ fragte er kauend.
„Alles“, sagte Clara. „Meine Karriere. Mein Leben. Ich bin desertiert. Ich habe meinen Posten verlassen. Wenn sie mich finden, hängen sie mich.“
„Wenn noch jemand da ist, um den Strick zu knüpfen“, bemerkte Tarek trocken. Er schluckte den Bissen runter. „So wie das da hinten aussieht, hat der Rat morgen andere Probleme als eine weggelaufene Kadettin.“
Er deutete mit dem Apfel auf sie. „Außerdem... du hast nicht desertiert. Du hast überlebt. Das ist eine Beförderung.“
Clara ließ das Schwert sinken. Die Spitze kratzte über das Pflaster. „Ich habe keinen Ort, wo ich hin kann“, gestand sie. Die Worte kamen einfach so heraus. Vielleicht, weil sie zu müde war, um stolz zu sein. „Mein Name ist verbrannt. Mein Haus ist leer. Und die Akademie war... sie war das Einzige.“
Tarek musterte sie. In seinen Augen lag keine Wärme, aber auch keine Kälte mehr. Es war eine Art von müdem Verständnis.
„Willkommen im Club, Arendelle“, sagte er. „Niemand hat hier einen Ort. Wir tun nur so.“
Er stand auf, warf den Apfelrest in eine Tonne. „Ich gehe zu Silas. Er hat einen Laden im Unterbezirk. Er verkauft Dinge, die man nicht haben darf, und er kauft Dinge, die man nicht fragen sollte. Ich brauche Ausrüstung. Und Informationen.“
Er trat einen Schritt auf sie zu. „Du kannst hier bleiben. Du kannst dich in einer Ecke verstecken und warten, bis die Sonne aufgeht. Vielleicht ist der Spuk dann vorbei.“
Er machte eine Pause.
„Oder du kommst mit. Silas hat vielleicht kein Bett für dich, aber er hat sicher einen Schleifstein für dieses traurige Stück Metall, das du Schwert nennst.“
Clara sah ihn an. Den Söldner. Den Kriminellen. Den Mann, der sie verspottet hatte, sie gerettet hatte und ihr gezeigt hatte, dass ihre Welt eine Lüge war. Sie dachte an Vargus. An das Gold. Dann griff sie unter ihre verbeulte Rüstung und umfasste das Medaillon ihrer Großmutter. Es fühlte sich warm an. Nicht magisch. Nur warm von ihrer eigenen Haut.
Vergiss nicht, wer wir waren. Vielleicht war es Zeit zu vergessen, wer sie sein sollte.
Sie straffte die Schultern. Es tat weh, aber es war ein guter Schmerz. Sie hob das Schwert an und ließ es in die Scheide gleiten. Klack.
„Führ den Weg, Söldner“, sagte sie. Ihre Stimme war fest. Nicht mehr die Stimme eines Kadetten, der Befehle befolgt. Sondern die Stimme einer Frau, die eine Entscheidung getroffen hat.
Tarek grinste. Das schiefe, gefährliche Grinsen. „Wie du willst. Aber wenn Silas fragt... wir sind Geschäftspartner. Ich bin kein Babysitter.“
„Und ich bin kein Kind“, erwiderte Clara. Sie wischte sich mit dem Handrücken Ruß von der Stirn. „Lass uns gehen.“
Sie traten aus der Gasse, zurück auf die Straße. Über ihnen brannte der Himmel in einem kranken Violett. Sirenen heulten in der Ferne. Die Stadt Seraphis blutete. Aber Clara Arendelle ging nicht unter. Sie ging weiter. Ihre Rüstung glänzte nicht mehr. Sie war stumpf, verbeult und dreckig. Und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich darin sicher.