NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 12: Silas' Kuriositäten

Der Weg von Lyras Klinik hinauf in den Sektor, den Zara „den Schlund“ nannte, war eine Reise durch verschiedene Stadien des Verfalls.

Unten in der Rost-Ader war der Zerfall nass und organisch gewesen. Hier oben, im Grenzgebiet zwischen dem Zweiten und Dritten Ring, war er trocken, metallisch und staubig. Der Smog hing tief in den Gassen, eine gelbliche Suppe, die das Licht der vereinzelten Neonröhren schluckte und als diffuses Glimmen wieder ausspuckte.

Elias nahm das alles nur wie durch einen dicken Schleier wahr. Lyras Cocktail aus Nachtschatten und Mondwurz wirkte. Der Schmerz in seinem Arm war nicht weg, aber er war... weit weg. Wie ein Hund, der in der Ferne bellte, anstatt direkt neben seinem Ohr zu knurren. Seine Beine fühlten sich an wie Stelzen, die nicht zu seinem Körper gehörten, und er musste sich schwer auf Kael stützen, um nicht über das unebene Kopfsteinpflaster zu stolpern.

„Noch weit?“ keuchte Marcus. Er ging hinter ihnen, immer wieder nervös über die Schulter blickend. Seine Brille rutschte ihm von der schweißnassen Nase, und er schob sie mit einer fahrigen Bewegung zurück. „Die strukturelle Integrität dieser Gebäude hier ist... fragwürdig. Und die Kriminalitätsrate in diesem Sektor liegt statistisch gesehen bei...“

„Halt die Klappe, Gelehrter“, zischte Zara von vorne. Sie bewegte sich geduckt, die Hand immer in der Nähe ihrer Dolche. „Hier draußen interessiert sich keiner für Statistik. Hier zählt nur, wer schneller zieht.“

Sie blieben an einer Ecke stehen. Zara spähte um die Hauswand.

„Da vorne“, flüsterte sie und deutete mit dem Kinn in die Dunkelheit.

Elias blinzelte und versuchte, seinen Blick zu fokussieren. Was er sah, ergab keinen Sinn. Zumindest nicht für einen Jungen vom Land. Inmitten einer Reihe von windschiefen Ziegelhäusern ragte etwas Gewaltiges, Fremdartiges auf. Es war riesig, gekrümmt und bestand aus genietetem, schwarzem Eisen, das im Licht der Straßenlaternen ölig glänzte. Es sah aus wie der Rumpf eines gigantischen Schiffes – eines Ozeanschiffes –, das vom Himmel gefallen war und sich in die Häuserzeile gebohrt hatte. Rostfahnen liefen an den Flanken herab wie getrocknetes Blut. Bullaugen, blind und dunkel, starrten auf die Straße.

„Ein Schiff?“ lallte Elias. „Warum ist da ein Schiff?“

„Überbleibsel“, sagte Kael leise an seiner Seite. „Aus der Zeit vor dem Nebel. Als es hier noch ein Meer gab, sagen manche. Silas hat es nur... zweckentfremdet.“

„Silas“, wiederholte Zara den Namen mit einer Mischung aus Respekt und Abscheu. Sie drehte sich zur Gruppe um. „Hört mir zu. Silas ist kein Freund. Er ist ein Händler. Er würde seine eigene Großmutter verkaufen, wenn der Preis stimmt – und er würde sie wahrscheinlich in Einzelteilen verkaufen, weil das mehr einbringt.“

Sie fixierte Marcus. „Du, Gelehrter. Du hältst den Mund. Keine klugen Sprüche. Keine Belehrungen über Physik. Silas hasst Besserwisser.“

Marcus nickte hastig. „Verstanden. Kein verbaler Input.“

„Und du, Waldjunge“, sie sah Elias an. „Lass den Arm bedeckt. Wenn Silas sieht, was du hast, steigt der Preis um das Zehnfache. Wir brauchen nur das Quecksilber. Phasen-Quecksilber. Um die Signatur des Amuletts zu dämpfen, bis wir bei Arkan sind.“

„Quecksilber“, murmelte Elias. „Verstanden.“

„Gut.“ Zara atmete tief ein. „Dann mal los. Und fasst nichts an. Ernsthaft. Manche Dinge da drin beißen.“

Sie überquerten die Straße. Der Eingang zu dem Schiffswrack war keine normale Tür, sondern eine massive Stahlschleuse, die in den Rumpf geschnitten worden war. Darüber hing ein Schild, das in giftgrünem Neonlicht flackerte und summte: S. KURIOSITÄTEN & EXQUISITES. Das S flackerte rhythmisch, als hätte es einen Herzfehler.

Zara hämmerte gegen den Stahl. Bumm. Bumm. Bumm-Bumm. Ein Code.

Elias hörte das Surren von Zahnrädern im Inneren. Über der Tür öffnete sich eine kleine Klappe, und ein mechanisches Auge – eine Linse aus Messing und Glas – schob sich heraus. Es richtete sich auf Zara, zoomte mit einem leisen Ssirrr heran, dann auf Marcus, dann auf Elias.

„Zara“, krächzte eine Stimme aus einem verborgenen Lautsprecher. Sie klang blechern und verzerrt. „Du schuldest mir noch drei Unzen Silberstaub für die letzte Information.“

„Ich habe was Besseres, Silas“, rief Zara zurück. „Zahlende Kundschaft. Mit Gold.“

Das mechanische Auge zögerte. Gold war ein Argument, das jede Tür in Seraphis öffnete. Klack. Zisch. Dampf entwich an den Seiten der Schleuse, und die schwere Tür schwang langsam nach innen auf.

Ein Geruch schlug ihnen entgegen, der Elias fast nüchtern machte. Es roch nach Formaldehyd – stechend und chemisch. Nach altem Staub, exotischen Gewürzen und... Tier. Etwas Moschusartigem, Wildem.

„Willkommen“, sagte die blecherne Stimme. „Tretet ein. Aber wischt euch die Füße ab.“

Sie traten ein.

Das Innere des Schiffsrumpfes war eine Kathedrale des Wahnsinns. Der Boden bestand aus Gitterrosten, unter denen grüner Nebel waberte und Rohre gluckerten. Der Raum erstreckte sich über mehrere Ebenen, verbunden durch wackelige Wendeltreppen und Hängebrücken aus Ketten. Und überall... überall waren Dinge.

Regale bogen sich unter der Last von Einmachgläsern, in denen Dinge schwammen, die Elias nicht identifizieren wollte – Augen, Klauen, seltsame, leuchtende Organe. Von der Decke hingen Käfige. In einem schlief etwas, das aussah wie eine Fledermaus mit Schuppen. In einem anderen hockte ein kleiner Affe mit mechanischen Armen, der sie anfauchte, als sie vorbeigingen.

„Nicht gucken“, flüsterte Marcus sich selbst zu, während er stur geradeaus starrte. „Einfach nicht gucken. Das ist wissenschaftlich nicht klassifizierbar.“

„Ah, Besuch.“

Ein Mann schälte sich aus den Schatten im hinteren Teil des Ladens. Er saß in einem rollbaren Sessel, der an einer Schiene an der Decke befestigt war, und glitt auf sie zu. Silas war dürr, fast skelettartig. Er trug einen schmuddeligen Laborkittel, der einst weiß gewesen sein mochte, jetzt aber mit Flecken in allen Farben des Regenbogens übersät war. Sein Gesicht war spitz, rattenartig, mit einer Nase, die ständig schnüffelte.

Aber das Auffälligste waren seine Augen. Er trug eine Brille – nein, ein Konstrukt –, das direkt auf seinen Kopf geschnallt war. Mehrere Linsen unterschiedlicher Dicke waren vor seinen Augen montiert. Sie klickten und rotierten, während er sie musterte. Klick-Surr-Klick.

„Zara, meine Lieblings-Ratte“, säuselte Silas. Seine Zähne waren gelb, und einer war aus Gold. „Und du hast... Freunde mitgebracht.“

Seine Linsen fokussierten sich auf Marcus. „Akademie-Stoff“, kicherte er. „Gute Qualität. Aber schmutzig. Bist du weggelaufen, kleiner Gelehrter?“

Marcus öffnete den Mund, schloss ihn wieder (Zaras Warnung im Kopf) und nickte nur stumm.

Silas’ Blick glitt weiter zu Kael, verweilte kurz, und landete dann auf Elias. Die Linsen vor seinen Augen rotierten wild. Surrrr-Klick.

„Oho“, machte Silas. Er rollte ein Stück näher, die Füße in der Luft baumelnd. „Du siehst aber gar nicht gut aus, Junge. Du siehst aus wie etwas, das ich normalerweise in einem Glas aufbewahre.“

Er schnupperte. „Nekrose? Nein... riecht süßer. Kälter.“ Er lehnte sich vor, gierig. „Was hast du da unter dem Hemd? Zeig es Onkel Silas.“

Zara trat dazwischen. Sie verschränkte die Arme und blockierte seine Sicht. „Wir sind nicht hier für eine Diagnose, Silas. Wir wollen kaufen.“

Silas lehnte sich zurück in seinen schwebenden Sessel und schmollte gespielt. „Wie langweilig. Immer nur Geschäft, nie Vergnügen.“ Er griff nach einer mechanischen Spinne, die auf seinem Pult saß, und begann, an ihren Beinen zu schrauben.

„Also gut. Was braucht ihr? Gift? Gegengift? Eine Karte der Tunnel? Oder vielleicht...“ Er grinste Marcus an. „...ein paar verbotene Bücher? Ich habe eine Erstausgabe der 'Chroniken des Abstiegs'. Sehr schlüpfrig.“

„Quecksilber“, sagte Zara hart. „Phasen-Quecksilber. Ein halber Liter. Und in einem bleiernen Behälter.“

Silas’ Hände hielten inne. Die mechanische Spinne zappelte kurz. Er schob eine der Linsen hoch und sah Zara mit seinem echten, wässrig-blauen Auge an. Der spielerische Tonfall war weg.

„Phasen-Quecksilber“, wiederholte er langsam. „Das ist... heikles Zeug. Wird benutzt, um magische Signaturen zu dämpfen. Oder um Bomben zu bauen.“

Er blickte wieder zu Elias. Sein Blick war jetzt nicht mehr neugierig, sondern berechnend. „Wovor versteckt ihr euch, Zara? Oder besser gesagt... was schmuggelt ihr?“

„Der Preis“, verlangte Zara. „Nenn ihn.“

Silas lächelte langsam. Es war das Lächeln eines Hais, der Blut im Wasser riecht. „Der Preis hat sich gerade geändert, Liebes. Quecksilber ist selten. Und Kunden, die so verzweifelt aussehen wie ihr... die sind noch seltener.“

Er drückte einen Knopf an der Armlehne seines Sessels. Irgendwo im hinteren Teil des Ladens erklang das Geräusch von schweren Riegeln, die zufielen. Die Eingangsschleuse verriegelte sich mit einem lauten KA-CLUNK.

Marcus fuhr herum. „Die Tür...“

„Sicherheitsmaßnahme“, sagte Silas sanft. Er rollte zurück hinter seinen Tresen, auf dem eine Reihe von Hebeln und Knöpfen angebracht war. „Also. Lasst uns verhandeln. Ich will das Gold, ja. Aber ich glaube... ich will auch sehen, was der Junge da versteckt.“

Elias spürte, wie die Nackenhaare sich aufstellten. Kael trat dichter an ihn heran, seine Hand glitt unter seinen Umhang zum Wasserbeutel. Zara zog langsam, ganz langsam, einen ihrer Dolche.

„Mach die Tür auf, Silas“, sagte sie leise.

„Erst die Ware“, kicherte Silas. „Zeig mir das Spielzeug, Junge. Oder meine... Mitarbeiter... holen es sich.“

Aus den Schatten der Regale lösten sich Gestalten. Es waren keine Menschen. Oder zumindest nicht mehr ganz. Es waren Konstrukte – grob zusammengebaute Wesen aus Fleisch und Metall, ferngesteuert oder magisch belebt. Einer hatte eine hydraulische Schere als Arm. Ein anderer trug eine Maske aus Leder und hielt eine Armbrust.

Marcus wimmerte leise. „Variable F: Falle.“

„Ganz genau“, sagte Silas und seine Linsen klickten zufrieden. „Willkommen bei Silas' Kuriositäten. Hier kommt man leichter rein als raus.“

Das Klicken der Linsen vor Silas’ Augen beschleunigte sich. Surrr-Klick-Surrr.

„Nehmt sie auseinander“, säuselte der Händler von seinem schwebenden Sessel aus. „Aber lasst den Torso des Jungen intakt. Ich will wissen, was da drinnen tickt.“

Die Konstrukte setzten sich in Bewegung. Es war kein flüssiger Marsch wie bei Soldaten. Es war ein stotterndes, ruckartiges Vorrücken, begleitet vom Quietschen ungeschmierter Gelenke und dem schweren Aufstampfen von metallbeschlagenen Stiefeln.

Der Große mit der hydraulischen Schere am Arm machte den ersten Schritt. Er war ein grotesker Haufen aus Muskeln, die mit Kupferdraht und Stahlplatten zusammengehalten wurden. Sein Gesicht war unter einer Lederhaube verborgen, aber man hörte das feuchte Röcheln seiner Atmung.

„Zurück!“ schrie Zara. Sie stieß Marcus so heftig gegen ein Regal voller Einmachgläser, dass die konservierten Augen darin zu wackeln begannen.

Sie wirbelte ihre beiden Dolche. Das Licht der giftgrünen Neonröhren tanzte auf dem Stahl.

„Kael! Deck mir den Rücken! Marcus, geh in Deckung und fass nichts an!“

Das Scheren-Konstrukt holte aus. Die Klingen, lang wie Unterarme und rostig, schnappten mit einem Geräusch zu, das in den Zähnen wehtat. KLA-TSCH. Zara tauchte unter dem Hieb weg. Sie war schnell, eine Gossenratte in ihrem Element. Sie glitt über den Gitterboden, nutzte den Schwung und rammte ihren linken Dolch in die Kniekehle des Monsters.

Metall kreischte auf Metall. Die Klinge prallte ab.

„Verdammt!“ fluchte Zara und rollte sich rückwärts ab, als die Schere dort in den Boden hackte, wo eben noch ihr Kopf gewesen war. Funken sprühten, als der Stahl das Gitter durchschnitt. „Der Bastard ist gepanzert!“

„Hautverstärkung!“ rief Marcus aus seiner Deckung hinter einer Kiste mit der Aufschrift Vorsicht: Lebendfutter. Er hatte seine Brille zurechtgerückt und starrte das Monster an, die Angst in seinem Gesicht kämpfte mit analytischem Eifer. „Silas hat dermale Platten unter die Epidermis implantiert! Du kommst da nicht mit Stichwaffen durch! Du brauchst stumpfe Gewalt oder... oder Korrosion!“

„Ich habe keine Säure dabei, du Idiot!“ schrie Zara zurück.

Ein zweites Konstrukt – das mit der Armbrust – legte an. Es stand auf einer Galerie über ihnen. Zing. Ein Bolzen schlug Zentimeter neben Elias in den Boden ein.

Kael reagierte sofort. Er riss Elias am Kragen zurück, hinter den Schutz eines massiven Eisenträgers. „Bleib unten“, befahl Kael. Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt, aber seine Augen waren dunkel.

Er griff an seinen Gürtel, riss den Verschluss seines Wasserbeutels auf. Er warf das Wasser nicht. Er zog es heraus. Mit einer fließenden Handbewegung formte er die Flüssigkeit in der Luft zu einer dünnen, schimmernden Peitsche.

Als der nächste Bolzen angeflogen kam, schnalzte Kael mit dem Handgelenk. Die Wasserpeitsche traf den Bolzen in der Luft, lenkte ihn ab. Das Geschoss klirrte harmlos gegen eine Glasvitrine, die sofort zersprang und eine Wolke aus lila Staub freisetzte.

Silas kicherte von oben. Er steuerte seinen Sessel an einer Schiene hin und her, außer Reichweite, aber nah genug, um die Show zu genießen. „Wassermagie? Wie niedlich. Aber Wasser leitet Elektrizität, mein Freund. Hast du daran gedacht?“

Er drückte einen Knopf an seiner Konsole. Die Gitterroste am Boden begannen zu summen. Blaue Funken tanzten zwischen den Metallstreben.

„Bodenkontakt meiden!“ brüllte Marcus.

Zara sprang auf eine Kiste. Kael zog Elias auf ein Fass. Marcus selbst kletterte affenartig ein Regal hoch, wobei er fast ein Glas mit einem zweiköpfigen Fötus umstieß.

„Das ist ein taktisch ungünstiges Szenario“, keuchte Marcus. „Wir sitzen in der Falle. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier lebend rauskommen, sinkt gerade exponentiell.“

Das Scheren-Monster stapfte unbeeindruckt durch die elektrischen Funken. Seine Stiefel waren isoliert mit dickem Gummi. Es drehte sich zu Zara auf der Kiste. Es hob den Scherenarm.

„Komm schon, Blechdose“, zischte Zara. Sie hielt die Dolche defensiv. Schweiß rann ihr über die Stirn. Sie wusste, dass sie nicht ewig ausweichen konnte. Ein Treffer, und sie war halbiert.

Elias, der auf dem Fass kauerte, spürte, wie die Welt um ihn herum verschwamm. Das Medikament dämpfte den Schmerz, aber es machte ihn langsam. Doch das Amulett unter seinem Hemd war wach. Es pulsierte. Es spürte die Magie, die die Konstrukte antrieb. Es spürte die Elektrizität im Boden. Hunger, flüsterte es in seinen Gedanken. Nimm es. Nimm alles.

Seine Hand zuckte zur Brust. „Nein“, keuchte er. „Nicht jetzt.“

„Elias!“ rief Kael. „Halt dich fest!“

Das Armbrust-Konstrukt lud nach. Diesmal zielte es nicht auf Zara. Es zielte auf den leichten Fang: Marcus, der wie eine Zielscheibe am Regal hing.

Marcus sah den Bolzen kommen. Er sah den Schützen. Er berechnete die Flugbahn. Trefferwahrscheinlichkeit: 98 Prozent. Vitaler Bereich. Er schloss die Augen.

Ein lautes KNACK hallte durch den Schiffsrumpf. Es klang nicht wie ein Schuss. Es klang wie... ein Biss in einen sehr knackigen Apfel.

„Weißt du, Silas“, sagte eine Stimme, die seltsam entspannt durch den Lärm schnitt. „Du hast da draußen ein Schild hängen. 'Exquisites'.“

Stille. Die Konstrukte hielten inne, verwirrt durch die Unterbrechung ihrer Programmierung. Marcus öffnete ein Auge.

Oben, auf der höchsten Galeriebrücke, direkt gegenüber von Silas’ schwebendem Sessel, standen zwei Gestalten.

Der eine war ein Mann in einem langen, grauen Mantel, der lässig am Geländer lehnte. In einer Hand hielt er einen halb gegessenen grünen Apfel. In der anderen spielte er mit einem Dolch. Neben ihm stand eine Frau – nein, ein Mädchen, kaum älter als Marcus. Sie trug eine Rüstung der Akademie-Wache, aber das Metall war zerkratzt, verbeult und mit Ruß verschmiert. Ihr Haar war wirr, ihr Gesicht dreckig, aber sie hielt ein Akademie-Schwert mit einer Haltung, die sagte: Komm nur her.

„Aber wenn ich mir das hier ansehe“, fuhr der Mann fort und nahm noch einen bissen (Knack), „sehe ich nur Rost und schlechtes Benehmen.“

Silas riss seinen Sessel herum. Seine Linsen rotierten hektisch, zoomten auf die Neuankömmlinge. „Wer... wie seid ihr reingekommen?! Die Schleuse ist verriegelt!“

Der Mann zuckte mit den Schultern. Er schluckte den Bissen runter. „Du hast den Lüftungsschacht im Heck vergessen. Ein Anfängerfehler, Silas. Wirklich enttäuschend für jemanden, der so viel Gold für Sicherheitstechnik ausgibt.“

Er warf den Apfelrest über das Geländer. Der Kern traf das Armbrust-Konstrukt genau auf den Kopf. Das Ding zuckte, drehte sich um und feuerte reflexartig. Der Bolzen ging weit daneben und bohrte sich in die Decke.

„Tarek!“ rief Zara von unten. Erleichterung schwang in ihrer Stimme mit, so stark, dass sie fast umkippte.

„Hallo, Ratte“, rief Tarek zurück. Er grinste. Dann zog er sein zweites Kurzschwert. Das Metall sang leise.

„Und ich sehe, du hast das ganze 'Freunde finden' wieder übertrieben.“ Er nickte zu den Konstrukten. „Hässliche Freunde.“

Er wandte sich an die Frau neben ihm. „Na, Kadett? Bereit für die Praxisprüfung?“

Clara Arendelle trat vor. Sie sah nicht auf die Konstrukte herab. Sie sah auf Silas. In ihren Augen lag keine Angst mehr. Nur die kalte Klarheit von jemandem, der gerade seine ganze Welt verloren hatte und nun beschlossen hatte, den Rest einfach niederzubrennen.

„Zielerfassung bestätigt“, sagte sie trocken.

Tarek lachte. „Dann mal los. Silas hat vergessen, das 'Geschlossen'-Schild umzudrehen.“

Er sprang. Er benutzte keine Treppe. Er sprang einfach über das Geländer, sechs Meter tief, direkt auf das Scheren-Monster zu, das Zara bedrohte.

Clara folgte ihm. Sie sprang nicht wild. Sie nahm die Leiter, rutschte das Geländer hinunter, schnell, präzise, tödlich.

Der Kampf war nicht vorbei. Er hatte gerade erst angefangen. Aber die Variablen hatten sich geändert.

Tarek landete nicht wie ein Held aus den Legenden. Er landete hart, federte in den Knien ab, und rollte sich sofort über die rechte Schulter ab, um die kinetische Energie abzuleiten. Die elektrischen Funken, die über das Bodengitter tanzten, bissen in sein Lederwams, aber er war zu schnell, als dass sie ihn hätten grillen können.

Das Scheren-Konstrukt reagierte träge. Seine Sensoren waren auf Zara fokussiert gewesen, und die plötzliche vertikale Bedrohung überforderte seine primitiven Logik-Schaltkreise für den Bruchteil einer Sekunde.

Eine Sekunde war alles, was Tarek brauchte.

Er kam aus der Rolle hoch, direkt unter der Deckung des gewaltigen rechten Arms des Monsters. „Na, Großer?“ keuchte Tarek. „Lass uns tanzen.“

Er rammte sein linkes Kurzschwert in die Achselhöhle des Konstrukts. Dort, wo die dermalen Panzerplatten endeten und ein Bündel aus dicken, schwarzen Schläuchen pulsierte. Es gab kein Blut. Es gab nur das Zischen von austretender Hydraulikflüssigkeit, die Tarek ins Gesicht spritzte. Sie stank nach ranzigem Öl und Chemie.

Das Konstrukt brüllte – ein synthetisches Geräusch aus einem Lautsprecher in seiner Brust – und schlug mit dem Scherenarm nach unten. Die Klingen schnappten zu, genau dort, wo Tareks Kopf gewesen war. Aber Tarek war schon wieder weg. Er tanzte um das Ungetüm herum, immer in Bewegung, immer außer Reichweite.

„Zara!“ brüllte er, ohne den Blick vom Feind zu wenden. „Die Beine! Die sind wackelig!“

Zara, die sich hinter dem Regal hervorgeschält hatte, verstand sofort. Sie wartete nicht auf eine Einladung. Sie sprintete los, duckte sich unter einem wilden Hieb des linken Arms hindurch und warf sich gegen das rechte Knie des Monsters. Sie benutzte keinen Dolch. Sie benutzte ein schweres Eisenrohr, das sie vom Boden aufgelesen hatte.

KLONG.

Sie rammte das Rohr quer in das Kniegelenk, genau zwischen die Zahnräder. Das Konstrukt wollte einen Schritt machen. Das Gelenk blockierte. Das Zahnrad kreischte, Metall fraß sich in Metall. Das tonnenschwere Monstrum verlor das Gleichgewicht. Es schwankte wie ein gefällter Baum.

„Baum fällt!“ rief Zara und hechtete zur Seite.

Das Konstrukt krachte zu Boden. Der Aufprall ließ den ganzen Gitterboden erzittern. Funken sprühten meterhoch, als der massive Metallkörper die elektrifizierten Bodenplatten kurzschloss.

Währenddessen war Clara auf der Galerie gelandet. Sie hatte nicht Tareks geschmeidige Eleganz. Sie war mit einem dumpfen Schlag aufgekommen, hatte sich am Geländer abgefangen und sofort ihr Schwert in eine Parade gerissen.

Das Armbrust-Konstrukt, das immer noch lila Staub hustete, lud nach. Sein mechanischer Arm zog die Sehne zurück. Klick-Klack.

Clara starrte in den Lauf der Waffe. Distanz: Drei Meter. Nachladezeit: Zwei Sekunden. Das war Akademie-Wissen. Aber in der Akademie schossen die Ziele nicht zurück, wenn man zögerte.

„Bewegung!“ schrie sie sich selbst an.

Sie stürmte vorwärts. Nicht defensiv. Offensiv. Das Konstrukt hob die Armbrust. Clara war schneller. Sie warf sich nicht zur Seite – sie warf sich dagegen. Sie rammte ihre linke Schulter – die gepanzerte Seite – gegen die Brust des Konstrukts.

Der Bolzen löste sich. Er schrammte über ihren Schulterpanzer, hinterließ eine tiefe Furche im Metall und riss ihr fast das Ohr ab, aber er verfehlte ihren Kopf.

Der Aufprall war heftig. Clara spürte, wie ihr die Luft wegblieb, aber ihre Wut trug sie weiter. Sie drückte das Ding gegen das Geländer. Das Konstrukt schlug mit der Armbrust nach ihr, traf sie am Helm. Ihr Kopf dröhnte.

„Stirb endlich!“ schrie sie und stieß ihr Schwert nach vorne. Sie zielte nicht auf den Kopf oder die Brust. Tarek hatte gesagt, sie seien gepanzert. Sie stieß von unten nach oben, unter das Kinn, dort wo der Kopfmechanismus auf dem Torso saß.

Die Klinge glitt hinein. Stahl traf auf Kabel und Glas. Das Augenlicht des Konstrukts flackerte rot, dann erlosch es. Es sackte in sich zusammen, schwer und leblos wie ein Haufen Schrott.

Clara zog das Schwert heraus. Es war bedeckt mit schwarzem Schmieröl. Sie lehnte sich schwer atmend gegen das Geländer und blickte nach unten.

„Nicht schlecht, Kadett!“ rief Tarek von unten herauf. Er stand auf der Brust des gefallenen Riesen-Konstrukts und rammte gerade beide Schwerter in dessen Nacken, um sicherzugehen, dass es unten blieb.

Aber Silas war noch da. Der Händler schwebte immer noch in seinem Sessel über dem Chaos, sicher an seiner Deckenschiene. Seine Hände flogen über die Konsole vor ihm. Seine Linsen rotierten so schnell, dass sie nur noch ein Verschwimmen waren.

„Ihr Barbaren!“ kreischte er. Seine Stimme überschlug sich vor Zorn. „Das war ein Prototyp der Klasse 4! Wisst ihr, was die Teile kosten? Wisst ihr, wie schwer es ist, hydraulische Servos aus dem Ersten Ring zu schmuggeln?“

Er hämmerte auf einen großen, roten Knopf. „Genug gespielt. Ich wollte den Jungen lebend. Aber ich nehme ihn auch in Stücken!“

Von der Decke lösten sich vier weitere Greifarme – lange, flexible Tentakel aus Metallgliedern, an deren Enden summende Sägeblätter und Greifzangen saßen. Sie schossen nach unten. Nicht auf Tarek. Nicht auf Clara. Sie schossen direkt auf das Fass zu, hinter dem Kael und Elias kauerten.

„Elias!“ schrie Marcus, der immer noch auf seinem Regal hockte wie ein verängstigter Vogel. „Variable Z! Vertikale Bedrohung!“

Kael blickte nach oben. Er sah die Greifarme kommen. Er sah die rotierenden Sägeblätter. Er hatte kein Wasser mehr im Beutel. Er hatte es für die Ablenkung verbraucht. Und um sie herum war nur das grüne, giftige Gas, das aus den Bodenplatten aufstieg, und die Funken der Elektrizität.

Er konnte Wasser reinigen. Er konnte es bewegen. Aber er konnte es nicht aus dem Nichts erschaffen.

„Weg hier!“ rief Kael und versuchte, Elias vom Fass zu ziehen. Aber Elias war schwer. Das Fieber und die Drogen machten ihn träge. Er stolperte, fiel auf die Knie.

Der erste Greifarm schoss herab. Die Zange schnappte nach Elias’ Bein. Kael warf sich dazwischen. Die Zange erwischte ihn an der Schulter. Metall grub sich in Fleisch. Kael schrie auf – ein kurzer, erstickter Laut –, aber er ließ nicht los. Er umklammerte den Metallarm mit beiden Händen und stemmte sich dagegen, versuchte, ihn von Elias wegzudrücken.

„Kael!“ brüllte Elias. Der Schock riss ihn kurz aus seinem Dämmerzustand. Er sah das Blut, das durch Kaels Finger sickerte.

„Geh weg!“ keuchte Kael. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. „Lauf!“

Ein zweiter Arm kam herunter, diesmal mit einem rotierenden Sägeblatt. Er zielte auf Elias’ Kopf.

Silas lachte irre. „Präzision, meine Freunde! Das ist die Zukunft!“

Tarek war zu weit weg. Er steckte noch halb im Wrack des großen Konstrukts. Clara war oben auf der Galerie. Zara war am anderen Ende des Raumes.

Niemand konnte es rechtzeitig schaffen.

Elias starrte auf das Sägeblatt. Es kam näher. Surrend. Hungrig. Er spürte keine Angst. Er spürte nur Kälte. Und plötzlich spürte er das Amulett. Es war nicht mehr nur ein Gewicht auf seiner Brust. Es war wach. Es schrie ihn an. Gefahr. Bedrohung. Energie.

Das Amulett pulsierte. Einmal. Zweimal. Und dann geschah etwas, das Elias nicht steuerte. Der schwarze Handschuh – sein rechter Arm, der tote Arm – riss sich hoch. Er griff nicht nach dem Sägeblatt. Er griff in die Luft, in Richtung der blauen Funken, die immer noch über den Boden tanzten.

Elias’ Finger spreizten sich. Die Elektrizität am Boden stoppte. Die Funken erstarrten. Und dann flossen sie. Wie Wasser, das bergauf fließt, schossen die blauen Blitze vom Boden hoch, in Elias’ Hand hinein.

Der Handschuh absorbierte sie. Er trank den Strom. Das Metall des Amuletts glühte weiß auf.

Elias riss die Augen auf. Sein Arm vibrierte so stark, dass es ihm fast die Schulter auskugelte. Er fühlte sich an wie ein Blitzableiter, durch den ein Gewittersturm raste. Zu viel, dachte er panisch. Es ist zu viel.

Aber der Handschuh fragte nicht. Er nahm. Und dann gab er zurück.

Mit einem Schrei, der mehr nach reißendem Metall klang als nach einer menschlichen Stimme, stieß Elias die Hand nach oben, in Richtung der Greifarme.

WUMM.

Eine Druckwelle aus purer, schwarzer Energie, durchzogen von blauen Blitzen, schoss aus seiner Handfläche. Sie traf die Greifarme. Sie wurden nicht zurückgeschleudert. Sie zerbröselten. Das Metall alterte in Sekundenbruchteilen. Rost breitete sich aus wie ein Lauffeuer, fraß sich die Arme hoch, bis zur Decke. Die Sägeblätter zerfielen zu Staub. Die Gelenke verbacken zu nutzlosen Klumpen.

Die Welle traf Silas’ Sessel. Die Antigravitations-Schiene fiel aus. Die Lichter an seiner Konsole explodierten. Silas kreischte, als sein schwebender Thron den Halt verlor und fünf Meter tief in die Tiefe stürzte.

Er krachte in einen Berg aus Kisten voller ausgestopfter Eulen. Federn und Staub wirbelten auf.

Dann war Stille. Die Elektrizität im Boden war weg – aufgesaugt. Die Greifarme hingen schlaff und verrostet von der Decke. Elias kniete auf dem Boden, den linken Arm immer noch erhoben, Rauch stieg von seinen Fingerspitzen auf.

Kael ließ den zerstörten Arm los, den er gehalten hatte. Er hielt sich die blutende Schulter und starrte Elias an. In seinem Blick lag keine Dankbarkeit. Nur Furcht.

„Du hast es benutzt“, flüsterte Kael.

Elias ließ den Arm sinken. Er fühlte sich leer. Leerer als je zuvor. „Es hat mich benutzt“, keuchte er.

Tarek sprang von dem Konstrukt herunter. Er sah zu Elias, dann zu dem rauchenden Schrott an der Decke. Er pfiff leise durch die Zähne. „Erinnere mich daran, dich nie wütend zu machen, Kleiner.“

Er ging hinüber zu dem Haufen aus Kisten und Federn, unter dem Silas begraben lag. Er trat eine Kiste beiseite. Silas lag da, verdreht, die Brille schief auf der Nase, hustend. Er lebte, aber sein Stolz – und seine Technik – waren gebrochen.

Tarek beugte sich über ihn. Er hielt ihm die Spitze seines Schwertes an die Kehle. „So, Silas“, sagte er freundlich. „Lass uns über den Preis reden. Ich glaube, wir bekommen heute Rabatt.“

Staub tanzte im flackernden Licht der verbliebenen, heilen Neonröhren. Es roch nach verbranntem Plastik, nach dem scharfen Ozon von Elias’ Entladung und nach der Angst, die Silas ausdünstete wie billiges Parfüm.

Der Händler lag im Dreck, eingeklemmt zwischen den Trümmern seines einst stolzen Sessels und einem Haufen ausgestopfter Eulen, die ihn mit glasigen Augen anstarrten. Seine Brillen-Konstruktion war verrutscht, eine Linse war gesprungen. Er hustete, spuckte Blut und versuchte, sich aufzurichten, aber Tarek drückte ihn mit der Stiefelspitze sanft, aber bestimmt zurück in den Müll.

„Nicht doch, Silas“, sagte Tarek leise. Er balancierte sein Kurzschwert locker in der Hand, die Spitze schwebte nur Zentimeter über Silas’ verbliebenem, echtem Auge. „Wir haben noch keine Einigung erzielt.“

„Du bist wahnsinnig!“ keuchte Silas. „Du hast meinen Laden zerstört! Meine Prototypen! Das kostet Tausende...“

„Kollateralschaden“, unterbrach ihn Tarek. Er ging in die Hocke, sodass er auf Augenhöhe mit dem Händler war. „Hör zu. Meine Freunde da hinten...“ Er deutete vage mit dem Daumen über die Schulter zu der Gruppe um Elias. „...sie wollten etwas kaufen. Quecksilber, richtig?“

Er blickte zu Zara hinüber. Die Diebin stand immer noch in Kampfhaltung, den Dolch fest umklammert, obwohl ihre Hände zitterten. Sie starrte Tarek an, als wäre er ein Geist. Oder ein Raubtier, das man noch nicht einschätzen konnte.

„Phasen-Quecksilber“, sagte Zara rau. „Einen halben Liter.“

„Siehst du?“ Tarek wandte sich wieder Silas zu. „Ganz bescheidene Wünsche. Und du hast versucht, sie zu häckseln. Das ist schlechter Kundenservice, Silas. Wirklich schlecht für den Ruf.“

Silas schielte auf die Schwertspitze. Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn. „Es ist im Safe“, wimmerte er. „Hinter dem Tresen. Bodenplatte drei. Der Code ist...“

„Spar dir den Code“, sagte Tarek. Er stand auf und trat zurück. Er sah zu Clara hinüber, die immer noch auf der Galerie stand, das Schwert gesenkt, aber den Blick wachsam auf die fremde Gruppe gerichtet. „Hey, Kadett! Such mal hinter dem Tresen. Bodenplatte drei. Wenn es abgeschlossen ist... mach es auf.“

Clara zögerte einen Moment. Sie sah auf die Gruppe unten – den blassen Jungen, der gerade den halben Laden gegrillt hatte, den panischen Gelehrten, den stoischen Jungen mit der blutenden Schulter und die Frau mit den Dolchen. Das waren Kriminelle. Schmuggler. Abschaum. Aber sie selbst war jetzt auch nicht besser.

Sie stieg über das Wrack des Armbrust-Konstrukts und sprang vom Geländer hinter den Tresen. Sie fand die lose Bodenplatte sofort. Darunter lag ein schwerer Stahlschrank. Sie hob ihr Schwert, drehte es um und rammte den Knauf mit voller Wucht gegen den Schließmechanismus. Einmal. Zweimal. Das Schloss knackte. Sie riss die Tür auf.

Darin stand ein schwerer, grauer Behälter aus Blei, versiegelt mit Runenwachs.

„Hab es“, rief sie. Ihre Stimme klang fest, aber hohl.

„Bring es her“, befahl Tarek.

Clara hievte den Behälter heraus. Er war schwer, schwerer als er aussah. Sie trug ihn zu Tarek und stellte ihn vor ihm ab. Dann trat sie einen Schritt zurück und legte die Hand wieder an ihren Schwertgriff. Sie traute hier niemandem.

Tarek nickte anerkennend. „Gut.“ Er sah wieder auf Silas hinab. „Das nehmen wir als Entschädigung für den emotionalen Stress. Und als Anzahlung für meine Schulden.“

„Das ist Diebstahl!“ quiekte Silas.

„Das ist Beschlagnahmung“, korrigierte Tarek grinsend. „Frag den Kadetten hier. Das ist alles hochoffiziell.“

Er hob den Bleibehälter auf und drehte sich zu Zara und den anderen um. Er ging auf sie zu, die Schwerter weggesteckt, den Behälter locker unter dem Arm.

Zara wich nicht zurück, aber sie spannte sich an. „Wer bist du?“ fragte sie misstrauisch. „Und warum hilfst du uns?“

Tarek blieb drei Schritte vor ihr stehen. Er musterte sie – die abgetragene Kleidung, die Haltung einer Straßenkämpferin, die Augen, die zu viel gesehen hatten. „Ich bin Tarek. Ich löse Probleme.“ Er warf ihr den Behälter zu.

Zara fing ihn reflexartig auf. Das Gewicht zog sie fast nach unten.

„Und ich helfe euch nicht“, fuhr Tarek fort. Er deutete auf Elias, der immer noch am Boden kniete, gestützt von Kael. „Ich helfe dem Jungen da. Ich habe eine Schwäche für wandelnde Bomben.“

Marcus, der sich langsam aus seinem Regalversteck traute, schob seine Brille hoch. Er starrte Tarek an wie eine mathematische Unmöglichkeit. „Du hast eine exakte Landung aus sechs Metern Höhe durchgeführt, ohne strukturelle Schäden an den Gelenken zu erleiden. Deine Muskelmasse und Reaktionszeit deuten auf jahrelanges Konditionierungstraining hin. Aber dein soziales Profil ist... erratisch.“

Tarek blinzelte. Er sah Zara an. „Was ist mit dem los? Hat er Tinte getrunken?“

„Er ist ein Gelehrter“, sagte Zara trocken, während sie den Bleibehälter sicher in ihrem Rucksack verstaute. „Er redet viel, wenn er Angst hat. Und er hat gerade ziemliche Angst vor dir.“

„Gut“, sagte Tarek. „Angst hält wach.“

Er sah zu Clara, die nun ebenfalls zu der Gruppe trat. Sie hielt Abstand, wirkte in ihrer ruinierten, aber immer noch erkennbaren Akademie-Rüstung wie ein Fremdkörper zwischen den Unterweltlern.

„Das ist Clara“, stellte Tarek sie vor, als würde er über ein Haustier reden. „Sie war mal wichtig. Jetzt ist sie bei mir.“

Clara funkelte ihn an. „Ich bin nicht 'bei dir'. Ich bin... strategisch neu positioniert.“ Sie sah die Gruppe an. Ihr Blick blieb an Zara hängen. Wache und Diebin. Ein natürlicher Gegensatz. „Ihr seid Schmuggler“, stellte Clara fest. Es war keine Frage.

„Und du bist eine Zielscheibe“, gab Zara kalt zurück. Sie nickte auf Claras Brustpanzer. „Mit dem Ding leuchtest du hier unten wie eine Laterne. Wenn du überleben willst, Prinzessin, solltest du das Silber mit Schlamm beschmieren.“

„Nenn mich nicht Prinzessin“, zischte Clara. Ihre Hand zuckte zum Schwert.

„Nenn sie nicht Diebin“, warnte Tarek leise, aber mit einem Unterton, der beide Frauen innehalten ließ. „Wir haben keine Zeit für Zickenkrieg. Silas wird sich erholen. Und wenn er das tut, wird er jeden Kopfgeldjäger der Stadt rufen.“

Kael, der Elias nun wieder auf die Beine half, trat vor. Sein linker Arm hing schlaff herab, das Blut aus seiner Schulterwunde hatte seinen Ärmel dunkelrot gefärbt. Sein Gesicht war blass, aber seine Stimme war ruhig. „Er hat recht. Wir müssen hier weg. Elias... das Amulett ist instabil. Der Ausbruch hat Energie gekostet, aber es hat auch... Geschmack bekommen.“

Tarek musterte Kael, dann den blassen Jungen, der kaum stehen konnte. Er sah den schwarzen Arm, der immer noch leise rauchte. „Was auch immer das ist“, sagte Tarek und pfiff leise durch die Zähne, „es hat Wumms. Gefällt mir.“

Elias hob mühsam den Kopf. Seine Augen waren trüb, die Pupillen geweitet. „Danke“, krächzte er. „Für... die Hilfe.“

„Bedank dich später“, sagte Tarek. „Mit Gold. Oder Wein.“

Er ging zur Eingangsschleuse. „Kommt schon. Ich kenne einen Weg raus, der nicht durch die Hauptgassen führt. Silas hat einen Schmuggler-Tunnel im Keller, der direkt in die Kanalisation des Zweiten Rings führt.“

Er blieb stehen und sah zurück. „Na los! Oder wollt ihr warten, bis der Händler seine Brille geputzt hat?“

Zara sah Marcus an. Marcus sah Kael an. Sie waren eine Gruppe aus Verzweifelten. Und jetzt hatten sie einen Söldner und eine gefallene Wächterin am Hals. Variable C, dachte Marcus. Das Chaos wächst.

„Wir gehen“, sagte Zara. „Kael, stütz Elias. Marcus, nimm den Rucksack.“ Sie ging auf Tarek zu, den Blick fest auf sein Gesicht gerichtet. „Wenn du uns verrätst, Söldner...“

„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Tarek sie grinsend. „Dann schneidest du mir die Kehle durch. Sehr originell. Beweg dich.“

Clara war die Letzte. Sie warf einen letzten Blick auf Silas, der immer noch im Müll wimmerte, und auf die zerstörten Konstrukte. Das war ihre Welt gewesen – Ordnung, Hierarchie, klare Feinde. Jetzt folgte sie einem Kriminellen in einen Schmuggler-Tunnel.

Sie griff unter ihren Brustpanzer, berührte kurz das Medaillon. Ein Schutz vor dem Vergessen.

Sie drehte sich um und folgte den anderen in die Dunkelheit.

Der Tunnel war kein architektonisches Meisterwerk. Er war ein grob in den Fels und Beton gehauener Schlund, der nach Schimmel, altem Abwasser und dem Moschus von Ratten stank. Von der Decke hingen Kabelbündel wie tote Schlangen herab, und alle paar Meter flackerte eine Notbeleuchtung, die mehr Schatten warf, als sie vertrieb.

Tarek ging voran. Er bewegte sich mit einer irritierenden Leichtigkeit, die Hände locker in den Taschen seines Mantels vergraben, als würde er einen Sonntagsspaziergang machen und nicht eine Gruppe von Flüchtigen durch den Untergrund führen.

Dahinter folgte der Rest, eine Prozession der Gebrochenen. Kael stützte Elias, der bei jedem Schritt leise zischte. Marcus klammerte sich an den Riemen seines Rucksacks, den Blick stur auf Tareks Fersen gerichtet, um nicht über die unebenen Bodenplatten zu stolpern. Zara bildete das Schlusslicht, die Dolche weggesteckt, aber die Hand immer in Reichweite.

Und mittendrin: Clara. Sie passte nicht hierher. Ihre Rüstung, obwohl verbeult und rußgeschwärzt, reflektierte jedes bisschen Licht. Das Wappen der Akademie auf ihrer Brustplatte war wie ein leuchtendes Zielkreuz in der Dunkelheit. Ihre Stiefel – beschlagenes Leder, gemacht für Paraden und Exerzierplätze – machten auf dem nassen Beton ein hartes, rhythmisches Geräusch. Klack. Klack. Klack.

„Kannst du das abstellen?“ zischte Zara von hinten.

Clara blieb nicht stehen, drehte aber den Kopf. „Was?“

„Den Lärm“, sagte Zara genervt. „Du klingst wie eine ganze Patrouille. Heb die Füße an, Prinzessin. Oder zieh die Stiefel aus.“

Clara verlangsamte den Schritt, bis sie neben Zara ging. Sie war größer als die Diebin, breiter durch die Rüstung, aber sie fühlte sich seltsam klein. „Das sind Standard-Kampfstiefel. Sie bieten Knöchelschutz. Ich werde sie nicht ausziehen, nur weil du empfindliche Ohren hast.“

„Meine Ohren sind das Einzige, was uns am Leben hält, wenn da vorne eine Wache steht“, gab Zara zurück. Sie musterte Clara abfällig. „Du riechst nach Seife und Metall. Du bist hier unten ein Fremdkörper. Ein Leuchtfeuer.“

„Ich bin ausgebildet im...“

„Spar dir den Akademie-Scheiß“, unterbrach Zara sie rüde. „Deine Ausbildung funktioniert da oben, wo die Gegner salutieren, bevor sie angreifen. Hier unten?“ Sie tippte sich an die Schläfe. „Hier bist du tot, bevor du 'Formation' brüllen kannst.“

„Hey!“ rief Tarek von vorne, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme hallte hohl von den Wänden wider. „Wenn ihr euch küssen wollt, macht das leise. Wenn ihr euch umbringen wollt, wartet, bis wir draußen sind. Ich habe keine Lust, das Blut aufzuwischen.“

Clara presste die Lippen zusammen und beschleunigte ihren Schritt wieder, um Abstand zu Zara zu gewinnen. Sie hasste ihn. Sie hasste sie alle. Aber am meisten hasste sie, dass sie recht hatten.

Der Tunnel machte eine Biegung und weitete sich zu einer kleinen Kammer, in der ein verrostetes Pumpwerk vor sich hin rostete. Tarek blieb stehen und lehnte sich gegen eine Wand. Er zog eine kleine Flasche aus der Manteltasche, nahm einen Schluck und wischte sich den Mund ab.

„Pause“, sagte er. „Der Junge kippt gleich um.“

Kael ließ Elias sanft auf eine Kiste gleiten. Elias war kreidebleich. Sein linker Arm zuckte unkontrolliert, kleine blaue Funken sprangen zwischen den Fingern über – Reste der Energie, die er absorbiert hatte.

Marcus trat sofort hinzu. Er zog seine Brille ab, putzte sie hektisch und setzte sie wieder auf. „Die Restladung ist kritisch“, murmelte er. „Sein Körper fungiert als Kondensator, aber die Isolierung – also seine Haut – ist kompromittiert. Wir müssen die Signatur dämpfen. Arkan hat Sensoren im ganzen Raster. Wenn Elias so weiterleuchtet, sieht er uns auf dem Monitor wie eine Supernova.“

„Das Quecksilber“, sagte Zara und stellte ihren Rucksack ab. Sie holte den schweren Bleibehälter hervor, den sie bei Silas erbeutet hatten.

Clara beobachtete das Szenario misstrauisch. „Was macht ihr da? Was hat er?“ Sie deutete auf Elias. „Ist er... ansteckend?“

Tarek lachte leise. „Ansteckend? Nein. Er ist nur ein bisschen... geladen.“ Er sah Clara an, und sein Blick wurde ernst. „Er ist der Grund, warum die ganze Stadt verrückt spielt, Kadett. Er ist das Paket.“

Marcus öffnete den Bleibehälter. Darin befand sich eine dickwandige Glasflasche, gefüllt mit einer silbrigen, zähflüssigen Substanz, die im Dämmerlicht seltsam schimmerte – Phasen-Quecksilber. Es bewegte sich träge, als hätte es ein eigenes Bewusstsein.

„Wie wenden wir das an?“ fragte Zara. „Trinken?“

„Bist du wahnsinnig? Das ist hochgiftig“, sagte Marcus entsetzt. „Wir müssen es auftragen. Als Beschichtung. Auf das Amulett.“ Er sah Elias an. „Elias? Kannst du mich hören?“

Elias nickte schwach. „Mach es einfach. Es brennt.“

Marcus zog ein Tuch aus seiner Tasche, tränkte es vorsichtig mit einer winzigen Menge des Quecksilbers. Er zitterte. „Das wird... unangenehm. Das Quecksilber erzeugt ein anti-magisches Feld. Es wird sich anfühlen, als würde man Eis auf einen Sonnenbrand legen.“

Er tupfte das Tuch auf das schwarze Metall des Amuletts an Elias’ Brust.

ZISCH.

Elias riss die Augen auf. Sein Rücken bog sich durch, ein stummer Schrei formte sich auf seinen Lippen. Rauch stieg auf, weiß und beißend. Das Amulett kämpfte dagegen an. Die schwarzen Adern auf Elias’ Haut zogen sich zusammen, pulsierten wild, dann wurden sie träge. Das violette Glühen, das tief im Inneren des Metalls gesessen hatte, wurde gedimmt, als hätte jemand eine dicke Decke darüber geworfen.

Elias sank zurück in Kaels Arme. Sein Atem ging rasselnd, aber die blauen Funken an seinen Fingern erloschen.

„Signatur gedämpft“, keuchte Marcus und verschloss die Flasche hastig. „Wir sind unsichtbar. Zumindest für die Sensoren.“

Clara starrte auf Elias’ Brust. Auf die schwarzen Adern. Auf das tote Fleisch. Sie hatte Gerüchte gehört. Über Artefakte. Über Dinge, die die Wächter in den Ruinen fanden und wegsperrten. „Das ist Dunkelheit“, flüsterte sie. „Reine Dunkelheit. Warum... warum helft ihr ihm? Er ist gefährlich.“

Kael hob den Kopf. Sein Blick war kalt. „Er ist kein 'Er'. Er ist Elias. Und er hat sich das nicht ausgesucht.“

„Jeder hat eine Wahl“, sagte Clara stur. „Man kann Nein sagen.“

„Kann man?“ fragte Tarek. Er stieß sich von der Wand ab und trat in den Kreis. „Hast du Nein gesagt, als Vargus dir befohlen hat, im Kerker zu verrotten? Hast du Nein gesagt, als sie dich in diese Blechdose gesteckt haben?“

Er ging in die Hocke vor Clara, bis sie sich ansehen mussten.

„Die Welt ist nicht schwarz und weiß, Kadett. Sie ist grau. Und rostig. Der Junge da...“ Er nickte zu Elias. „...er trägt eine Last, die dich zerbrechen würde, bevor du den Helm aufsetzen kannst. Also zeig ein bisschen Respekt. Oder geh.“

Er deutete den Tunnel zurück. „Der Weg ist frei. Du kannst zurückgehen. Dich stellen. Vielleicht hängen sie dich nicht sofort.“

Clara starrte ihn an. Sie spürte das Gewicht des Medaillons auf ihrer Brust. Vergiss nicht, wer wir waren. Sie sah zu Elias, der vor Schmerz zitterte. Zu Zara, die ihn besorgt musterte. Zu Marcus, der seine Brille putzte, um nicht weinen zu müssen. Das waren keine Monster. Das waren... Überlebende. Genau wie sie.

Sie atmete tief aus. Die Luft schmeckte metallisch. „Ich gehe nirgendwohin“, sagte sie leise. „Ich habe keinen Ort mehr.“

„Gut“, sagte Tarek und erhob sich. „Dann hör auf zu jammern und mach dich nützlich.“ Er warf ihr etwas zu. Clara fing es auf. Es war ein Stück altes Tuch, getränkt mit Öl. „Wofür ist das?“

„Für deine Rüstung“, sagte Tarek und wandte sich ab. „Zara hat recht. Du glänzt zu sehr. Mach dich dreckig, Kadett. Wenn du wie ein Spiegel aussiehst, bist du tot. Wenn du wie der Tunnel aussiehst, lebst du.“

Clara starrte auf das schmutzige Tuch. Dann auf ihren polierten Brustpanzer, auf dem sich das schwache Licht spiegelte. Es war der Stolz ihres Vaters. Der Stolz ihres Hauses. Und es war ein Zielkreuz.

Zögernd, mit einer Bewegung, die fast wehtat, rieb sie das ölverschmierte Tuch über das silberne Wappen von Seraphis auf ihrer Brust. Der Glanz verschwand unter einem Film aus Schmiere und Ruß. Sie rieb weiter, über die Schulterplatten, über den Helm, bis das strahlende Silber ein stumpfes, schmutziges Grau war.

Sie fühlte sich... leichter. Nicht mehr wie ein Denkmal. Sondern wie ein Mensch.

Zara beobachtete sie. Sie nickte kaum merklich. Es war kein Lächeln, aber es war auch keine Feindseligkeit mehr. Es war ein Waffenstillstand.

„Wohin jetzt?“ fragte Marcus, der den Bleibehälter wieder verstaut hatte. „Wir haben das Quecksilber. Elias ist stabilisiert. Aber wir können nicht ewig hier unten bleiben.“

„Thaddeus“, sagte Elias schwach. Er hatte die Augen geöffnet. „Wir müssen zu Thaddeus. Er muss wissen, was Arkan plant. Er muss wissen, dass das Fest eine Falle ist.“

„Thaddeus?“ Tarek pfiff leise. „Der alte Großmeister? Du zielst hoch, Kleiner.“

„Er ist der Einzige, dem wir vertrauen können“, beharrte Elias.

„Er ist im Zentrum der Akademie“, wandte Clara ein. „Mitten im Kriegsgebiet. Wenn die Schatten dort eingefallen sind...“

„Dann ist er entweder tot oder er kämpft“, beendete Tarek den Satz. Er prüfte seine Klingen. „Ich tippe auf Kämpfen. Der alte Mann ist zäh.“

Er sah in die Runde. „Also gut. Planänderung. Wir kriechen nicht aus der Stadt raus. Wir gehen wieder rein. Mitten ins Feuer.“ Er grinste Clara an. „Bereit für Runde zwei, Kadett? Diesmal ohne Regeln.“

Clara umfasste den Griff ihres Schwertes. Ihre Rüstung war schmutzig. Ihr Name war ruiniert. Aber ihr Ziel war klar. „Bereit“, sagte sie.

Tarek nickte. „Dann los. Der Ausgang führt direkt in die Katakomben unter der Bibliothek. Wenn wir Glück haben, warten dort nur Ratten.“ Er zwinkerte Zara zu. „Und wenn wir Pech haben... naja, dann wird’s wenigstens nicht langweilig.“

Sie setzten sich in Bewegung. Tiefer in den Tunnel. Zurück zum Kampf. Eine Gruppe aus Rost und Schlamm, zusammengehalten durch nichts als die Weigerung zu sterben.

Der Tunnel endete nicht einfach. Er veränderte sich.

Das rostige Metall und der feuchte Beton der Kanalisation wichen zurück. Der Boden unter ihren Stiefeln wurde unebener, bestand nun aus uralten, grob behauenen Steinplatten, die so glatt getreten waren, dass sie im Schein von Zaras Leuchtstab wie schwarzes Eis glänzten. Die Luft wurde anders. Sie roch nicht mehr nach Abfall und Fäulnis. Sie roch nach Staub. Nach trockenem, uraltem Staub, der seit Jahrhunderten nicht aufgewirbelt worden war. Es war der Geruch von Gräbern.

„Wir sind unter dem Alten Viertel“, flüsterte Marcus. Seine Stimme hallte unnatürlich laut von den niedrigen Gewölbedecken wider. Er strich mit den Fingerspitzen über das Mauerwerk. „Das hier... das ist Granit aus dem Fundament. Diese Steine wurden gelegt, bevor die Mauer gebaut wurde. Bevor der Nebel kam.“

„Spar dir den Geschichtsunterricht“, brummte Tarek von vorne. Aber auch er hatte seine Schritte verlangsamt. Er hielt die Fackel tiefer, sodass ihr Licht nur den Boden beleuchtete. „Hier unten gibt es Dinge, die älter sind als deine Bücher. Und hungriger.“

Elias ging mechanisch. Das Quecksilber auf seiner Brust fühlte sich an wie ein Eisblock, der sich in sein Fleisch brannte. Es betäubte nicht nur das Amulett; es betäubte ihn. Er fühlte sich gedämpft, wie in Watte gepackt. Die Verbindung zur Welt, dieses ständige, vibrierende Summen der Energie, das ihn seit Tagen quälte, war weg. Es war eine Erleichterung. Und es machte ihm Angst. Ohne das Summen fühlte er sich blind.

„Geht es?“ fragte Kael leise an seiner Seite.

„Ich bin taub“, antwortete Elias. „Das Amulett... es schläft. Ich höre es nicht mehr.“

„Gut“, sagte Kael. „Lass es schlafen. Ein schlafender Drache frisst niemanden.“

Der Gang weitete sich zu einer Rotunde. In der Mitte stand eine Statue, deren Kopf abgebrochen war und am Boden lag. Es war ein Engel – oder ein Dämon –, dessen Flügel den steinernen Körper umhüllten. Tarek blieb stehen und hob die Hand.

„Halt.“

Alle erstarrten. Clara griff instinktiv nach ihrem Schwertgriff. Ihr Blick huschte nervös in die Schatten zwischen den Säulen. „Schatten?“

„Nein“, sagte Tarek. Er neigte den Kopf zur Seite, lauschte in die Dunkelheit, die nach oben führte. „Hört ihr das?“

Zuerst hörten sie nichts. Nur ihren eigenen Atem und das Pochen ihres Blutes. Dann spürten sie es. Es war kein Geräusch für die Ohren. Es war eine Vibration. Ein tiefes, rhythmisches Grollen, das durch den Stein wanderte, durch ihre Sohlen kroch und in ihren Mägen vibrierte. Es klang wie ferner Donner, der unter der Erde gefangen war.

WUMM... WUMM... WUMM.

Staub rieselte von der Decke. Kleine Kieselsteine tanzten auf dem Boden.

„Das sind keine Maschinen“, sagte Zara, und ihre Hand suchte unbewusst die von Marcus. „Das ist Magie.“

„Schwere Magie“, bestätigte Clara. Ihre Augen weiteten sich. „Das kommt von oben. Aus dem Sanctum. Das sind Defensivzauber der Klasse Eins.“

„Thaddeus“, hauchte Marcus. Er rückte seine Brille zurecht, aber seine Hände zitterten so stark, dass sie fast herunterfiel. „Er kämpft. Er hat die Barrieren aktiviert.“

„Dann lebt er noch“, stellte Tarek fest. Er überprüfte den Sitz seiner Dolche, zog die Riemen seines Mantels fest. „Aber nicht mehr lange, wenn er so viel Kraft aufwenden muss, dass es bis in den Keller dröhnt.“

Er drehte sich zur Gruppe um. Sein Gesicht war im Fackelschein hart, voller Schatten, aber sein Grinsen war zurück. Das Grinsen eines Mannes, der weiß, dass die Chancen schlecht stehen, und der es trotzdem liebt.

„Also. Hier ist der Plan. Wir gehen da hoch. Wir finden den alten Mann. Wir finden raus, was Arkan vorhat. Und wir versuchen, dabei nicht zu sterben.“

Er sah Clara an. „Du kennst den Grundriss, Kadett. Wo kommen wir raus?“

Clara schloss kurz die Augen, visualisierte die Blaupausen, die sie im ersten Jahr auswendig lernen musste. „Diese Ebene... das sind die Archive. Darüber liegt die Große Bibliothek. Ein direkter Zugang führt über eine Wendeltreppe im Nordsektor.“ Sie deutete in einen dunklen Seitengang. „Da lang. Aber die Tür wird magisch versiegelt sein.“

„Magische Siegel sind nur Schlösser mit schlechterem Design“, sagte Tarek und winkte ab. „Wir haben den Jungen.“ Er nickte zu Elias. „Und wir haben den Gelehrten. Einer von beiden wird es schon aufkriegen.“

„Warte“, sagte Zara. Sie trat einen Schritt vor. „Bevor wir da hochgehen... in den Krieg...“ Sie blickte in die Runde. Auf die dreckigen, blutigen, erschöpften Gesichter. „Wir müssen uns einig sein. Wenn wir durch diese Tür gehen, gibt es kein Zurück mehr in den Tunnel. Wir sind dann oben. Auf dem Präsentierteller.“

Sie sah Elias an. „Bist du sicher, dass du das willst, Waldjunge? Wir können dich auch hier verstecken. Warten, bis es vorbei ist.“

Elias blickte auf seine Hände. Auf den schwarzen Handschuh, der jetzt ruhig war, gedämpft durch das Quecksilber. Aber er wusste, dass das nur eine Pause war. Der Hunger war noch da. Der Berg im Norden wartete. Er hob den Kopf. In seinen Augen lag keine Angst mehr, nur eine tiefe, kalte Entschlossenheit.

„Es gibt kein Versteck“, sagte er leise. „Thaddeus hat es mir gesagt. Die Wächter kehren nicht zurück. Und ich... ich bin jetzt ein Wächter.“

Er trat vor, vorbei an Tarek, direkt auf den dunklen Gang zu, der nach oben führte. „Wir gehen.“

Tarek lachte leise, ein anerkennendes Schnauben. „Verdammt. Der Kleine gibt Befehle. Gefällt mir.“ Er klopfte Clara auf die Schulterplatte – auf die Stelle, die sie mit Öl und Ruß beschmiert hatte. „Nach dir, Kadett. Zeig uns den Weg.“

Clara atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach Staub und Gefahr. Sie fühlte das Gewicht des Medaillons auf ihrer Haut und das Gewicht des Schwertes in ihrer Hand. Sie war keine Wache mehr. Sie war kein Arendelle-Verräter mehr. Sie war Teil von etwas Neuem. Etwas Dreckigem, Chaotischem.

„Haltet euch dicht hinter mir“, sagte sie und zog ihr Schwert. „Und macht keinen Lärm.“

Sie stiegen die Wendeltreppe hinauf. Stufe um Stufe. Das Grollen wurde lauter. WUMM... WUMM... Es klang wie der Herzschlag eines sterbenden Riesen.

Oben angekommen, standen sie vor einer massiven Steintür, in die Runen eingemeißelt waren, die schwach blau pulsierten. Marcus trat vor. Er legte seine Hand nicht auf den Stein, sondern hielt seine Lupe davor, studierte den Fluss der Energie.

„Variable C“, murmelte er. „Courage.“ Er drückte einen verborgenen Stein in der Wand, den nur jemand kannte, der mehr Zeit in der Bibliothek verbracht hatte als in seinem Bett.

Die Runen erloschen. Die Tür schwang lautlos auf.

Licht flutete herein. Kein Sonnenlicht. Feuerlicht. Der Geruch von verbranntem Papier war überwältigend.

Sie traten über die Schwelle. Sie waren nicht mehr im Untergrund. Sie standen in der Großen Bibliothek. Und sie brannte.