NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 14: Das Fest der Ersten Flamme

Der Lärm war keine akustische Wahrnehmung mehr; er war ein körperlicher Übergriff.

Fanfarenstöße, die von magischen Verstärkern über den Platz gejagt wurden, ließen das Brustbein vibrieren. Der Jubel von fünfzigtausend Menschen, die sich in einer Woge aus bunten Stoffen und verzückten Gesichtern aneinanderdrängten, verschmolz zu einem dröhnenden Rauschen, das das Denken unmöglich machte. Es roch nach verbranntem Weihrauch – süß und schwer –, nach dem Ozon der Generatoren und nach der Ausdünstung einer Masse, die zu lange in Angst gelebt hatte und nun verzweifelt feiern wollte.

„Dicht bleiben“, rief Tarek über seine Schulter. Er ging voran, pflügte durch die Menge wie ein Eisbrecher. „Wenn wir den Kontakt verlieren, finden wir uns in diesem Chaos nie wieder.“

Elias ging in der Mitte der Gruppe. Er hatte die Kapuze seines grauen Pilgerumhangs tief ins Gesicht gezogen. Seine rechte Hand umklammerte den Stoff vor seiner Brust, als hätte er Angst, dass sein Herz herausspringen könnte. Unter dem Stoff, auf seiner linken Seite, spürte er das Quecksilber. Es wurde warm. Unangenehm warm. Die Wirkung ließ nach, genau wie Marcus berechnet hatte. Das Amulett wachte auf. Es spürte die Nähe des Generators.

„Mir ist übel“, sagte Lyra.

Sie ging neben Marcus und Zara, eine Hand schützend auf Jorys Schulter gelegt. Ihr Gesicht war bleich, fast grünlich im Licht der schwebenden Luma-Kugeln. Sie rieb sich die Schläfen.

„Ist es der Lärm?“ fragte Marcus besorgt und rückte an seiner Brille, die ständig von der Feuchtigkeit beschlug.

„Nein“, presste Lyra hervor. Sie blickte hoch zum Generator-Turm, der wie eine schwarze Nadel in den Himmel stach. „Es ist das Licht. Spürt ihr das nicht? Es ist... falsch. Es schmeckt wie Galle.“ Sie schauderte. „Das ist keine Heilung, die sie da oben vorbereiten. Das ist eine Amputation.“

Zara warf ihr einen schnellen Blick zu. „Spar dir die Diagnose für später, Heilerin. Jetzt brauchen wir Augen, keine Gefühle.“ Aber Zara rückte unmerklich näher an Lyra heran, schirmte sie mit ihrem Körper gegen einen betrunkenen Handwerker ab, der torkelnd vorbeizog.

Sie erreichten den Rand der inneren Absperrung. Hier endete das Gedränge der normalen Bürger. Ein Ring aus Aegis-Elite-Gardisten in goldenen Rüstungen stand Schulter an Schulter und blockierte den Zugang zum Podest. Dahinter lag die freie Fläche vor dem Generator. Und dort stand Arkan.

Er wirkte winzig vor der gigantischen Maschine, aber sein Bild wurde auf riesige Leinwände aus Nebel projiziert, die über dem Platz schwebten. Er lächelte. Er breitete die Arme aus.

„Bürger von Seraphis!“ Seine Stimme donnerte aus den Lautsprechern, klar und warm, ohne das Zittern, das Thaddeus’ Stimme gehabt hatte. „Heute endet die Kälte!“

Jubel brandete auf.

„Wir müssen uns trennen“, sagte Tarek leise. Er drehte sich zur Gruppe um. Sein Gesicht war ruhig, das Gesicht eines Mannes, der zur Arbeit geht. „Clara, du kennst deinen Weg zu den Pylonen?“

Clara nickte. Sie hatte ihren Helm abgenommen, das Haar streng zurückgebunden. Sie sah nicht mehr aus wie eine Wächterin. Sie sah aus wie jemand, der bereit war, eine Wächterin zu töten. „Ost-Sektor. Ich warte auf das Signal.“

„Kael?“

Der Junge stand etwas abseits. Er starrte auf die Wasserleitungen, die wie dicke Adern am Fuß des Generators entlangliefen. „Ich höre das Wasser“, sagte er verträumt. „Es kocht fast. Ich werde bereit sein.“

Tarek sah zu Marcus, Zara und Lyra. „Ihr drei sichert den Rückzug. Haltet Jory da raus. Wenn die Hölle losbricht, brauche ich einen Korridor zum Fluss.“

„Verstanden“, sagte Zara. Sie griff nach Marcus’ Hand, drückte sie kurz. „Pass auf dich auf, Gelehrter. Variable Z, erinnerst du dich?“ Marcus errötete bis zu den Ohren, nickte aber heftig. „Variable Z. Priorität Eins.“

Lyra trat vor zu Elias. Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. Ihre Finger waren kühl. „Dein Fieber steigt“, stellte sie fest. „Dein Körper kämpft schon jetzt gegen das Metall. Wenn du da hochgehst... atme. Vergiss nicht zu atmen. Wenn du hyperventilierst, verlierst du die Kontrolle.“ Sie sah ihm tief in die Augen. „Komm zurück, Elias. Ich habe keine Lust, dich schon wieder zusammenzuflicken.“

Elias versuchte ein Lächeln, aber es fühlte sich an wie eine Grimasse. „Ich versuche es.“

„Dann los“, sagte Tarek. „Elias, du bist dran.“

Die Gruppe löste sich auf. Wie Tropfen, die in verschiedene Richtungen rinnen, verschwanden sie in der Menge. Elias blieb allein zurück. Er stand vor der Reihe der Gardisten. Er griff in seine Tasche, holte die silberne Scheibe hervor. Er atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach dem falschen Licht, von dem Lyra gesprochen hatte.

Er trat auf den nächsten Wächter zu. „Ich werde erwartet“, sagte Elias laut genug, um den Lärm zu übertönen.

Der Wächter sah herab. Er sah einen Jungen in schmutzigen Kleidern. Er wollte ihn wegstoßen. Dann sah er das Silber in Elias’ Hand. Und er sah Elias’ Augen. Es waren nicht die Augen eines Bettlers. Es waren die Augen von jemandem, der weiß, dass er gleich sterben wird – und der beschlossen hat, den Tod mitzunehmen.

Der Wächter zögerte. Er sprach kurz in sein Funkgerät. Dann teilte sich die Reihe. „Der Ratsherr... erwartet Euch.“

Elias schritt hindurch. Der Weg zum Podest war lang. Der weiße Marmor unter seinen Stiefeln war makellos, poliert, kalt. Er spürte die Blicke von Tausenden im Rücken. Aber vor ihm war nur Arkan.

Der Ratsherr stand auf dem Podest, die Hände immer noch ausgebreitet. Er sah Elias kommen. Er lächelte nicht hämisch. Er lächelte... stolz. Wie ein Vater, der seinen verlorenen Sohn empfängt.

Elias stieg die Stufen hinauf. Jeder Schritt war schwer. Das Amulett auf seiner Brust wurde heißer. Das Quecksilber begann zu verdampfen, stieg als feiner, unsichtbarer Nebel aus seinem Kragen auf. Das Pochen kehrte zurück. Hunger.

Er erreichte die Plattform. Arkan senkte die Arme. Das projizierte Bild über ihnen verschwand, der Fokus lag nun ganz auf der kleinen Szene auf der Bühne.

„Du bist gekommen“, sagte Arkan. Seine Stimme war leise, nicht verstärkt. Nur für sie beide. „Thaddeus hat also Vernunft angenommen?“

„Thaddeus ist... fort“, sagte Elias. Er schlug die Kapuze zurück.

Ein Schatten huschte über Arkans Gesicht. Bedauern? Oder nur Ärger über eine verlorene Ressource? „Das ist bedauerlich. Er war brillant, aber stur. Er hat die Vergangenheit zu sehr geliebt.“ Arkan trat einen Schritt näher. „Aber wir, Elias... wir lieben die Zukunft.“

Er griff nach Elias’ Arm. „Bist du bereit, Geschichte zu schreiben?“

Elias blickte an Arkan vorbei. Er sah zum Generator. Das Ding summte so laut, dass seine Zähne wehtaten. Er sah die Kabel, dick wie Schlangen, die darauf warteten, angeschlossen zu werden. Er sah zu den Pylonen am Rand, wo er hoffte, dass Clara bereit war.

„Ich bin bereit“, sagte Elias. Und in seinem Kopf fügte er hinzu: Bereit, dir alles zu nehmen.

Arkan drehte sich zur Menge. „Seht!“ rief er. „Der Träger ist hier! Das Gefäß ist bereit!“

Der Jubel, der daraufhin losbrach, war ohrenbetäubend. Aber unten in der Menge, versteckt zwischen jubelnden Leibern, griff Lyra nach Marcus’ Arm. „Marcus“, flüsterte sie, und ihre Stimme war voller Panik. „Die Energie... sie verändert sich. Der Generator... er saugt nicht an. Er drückt. Er drückt nach außen.“

Marcus riss die Augen auf. „Inversion? Das ist physikalisch unmöglich, es sei denn...“ Er blickte entsetzt zum Turm. „...es sei denn, er will nicht nur das Tor öffnen. Er will die Barriere sprengen.“

Arkan bewegte sich nicht wie ein Priester und nicht wie ein König. Er bewegte sich wie ein Chirurg, der kurz vor einem komplexen Eingriff steht.

Er trat hinter eine schlanke Konsole aus gebürstetem Stahl, die direkt neben dem massiven Sockel des Generators stand. Seine Finger glitten über die Runen, die in die Oberfläche geätzt waren. Sie leuchteten auf – ein kaltes, steriles Blau, das sich mit dem aggressiven Weiß des Turms biss.

„Den Arm“, sagte er. Er schaute Elias nicht an. Er schaute auf die Anzeigen. „Heb ihn hoch. Damit sie es sehen.“

Elias stand in der Mitte des marmornen Kreises. Der Wind hier oben war stärker, zerrte an seinem Umhang, aber der Schweiß rann ihm in den Nacken, als stünde er in einem Hochofen. Er zögerte. Sein linker Arm fühlte sich schwer an, taub und doch vibrierend, als würden tausend Ameisen unter der schwarzen Haut krabbeln.

„Elias“, sagte Arkan leise. Er blickte auf. Sein Gesicht war ruhig, fast gelangweilt. „Zwing mich nicht, es mit Gewalt zu tun. Das sieht auf den Leinwänden hässlich aus.“

Elias atmete aus. Ein zittriges Geräusch. Er hob den linken Arm. Er ließ den Umhang von seiner Schulter gleiten. Der graue Stoff fiel zu Boden, ein unscheinbarer Haufen Lumpen auf dem makellosen Weiß.

Ein Raunen ging durch die Menge unten. Ein Geräusch wie Wind, der durch ein Kornfeld fährt. Tausende Köpfe reckten sich, Tausende Augen starrten auf die Leinwände.

Der Arm war ein Albtraum. Das Quecksilber war vollständig verdampft. Das Amulett hatte sich verändert. Es war kein Schmuckstück mehr. Das schwarze Metall hatte sich ausgebreitet, wie eine zweite Haut, die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen zog. Es war matt, lichtschluckend, durchzogen von feinen Rissen, in denen es violett pulsierte. Und dort, wo das Metall auf das gesunde Fleisch traf, waren die Adern schwarz und geschwollen, wie Wurzeln, die sich in Elias’ Körper gruben.

„Seht!“ Arkans Stimme donnerte über den Platz, verstärkt und hallend. „Das Mal der Bürde!“

Er trat zu Elias, griff nach einem dicken, geflochtenen Kabel, das aus dem Bauch des Generators hing. Es endete nicht in einem Stecker, sondern in einer Fassung, die aussah wie ein klaffender Mund aus Kupfer und Kristall.

„Stillhalten“, flüsterte Arkan. Er drückte die Fassung gegen das Amulett auf Elias’ Brust.

KLACK.

Magische Magneten schnappten zu. Das Kabel saß fest. Es verband Elias untrennbar mit der Maschine. Elias keuchte auf. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Haken in die Brust gerammt. Eine direkte, physische Verbindung zu dem summenden Monster hinter ihm. Er spürte die Vibration des Generators in seinen eigenen Zähnen.

„Wir beginnen mit zehn Prozent“, sagte Arkan zu niemandem Bestimmten. Er drehte einen Regler an der Konsole.

Unten in der Menge, eingekeilt zwischen einem jubelnden Bäcker und einer weinenden Frau, griff Lyra so fest nach Zaras Arm, dass ihre Fingernägel sich in das Leder bohrten.

„Er bringt ihn um“, zischte sie.

Zara, die den Blick stur auf die Wachen am Rand gerichtet hielt, zuckte nicht. „Das ist der Plan, Heilerin. Er hält es aus. Elias ist zäh.“

„Das hat nichts mit 'Zähigkeit' zu tun!“ fuhr Lyra sie an, ihre Stimme ein panisches Flüstern. „Sieh doch hin! Schau auf seine Halsschlagader!“ Sie deutete auf die riesige Projektion am Himmel. Selbst aus der Ferne sah man, wie die Ader an Elias’ Hals pochte, unnatürlich schnell, unnatürlich hart.

„Der Generator pumpt reine Äther-Energie in ein biologisches System“, analysierte Lyra, und die kalte Professionalität in ihrer Stimme machte Marcus, der neben ihr stand, mehr Angst als jeder Schrei. „Das menschliche Nervensystem leitet Impulse mit Millivolt. Arkan jagt da gerade Kilovolt rein. Er grillt seine Synapsen. Wenn er die Dosis erhöht...“ Sie schluckte. „...dann kocht sein Blut. Wörtlich.“

Marcus wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hielt den Rucksack mit dem Codex umklammert wie einen Rettungsring. „Variable S“, murmelte er. „Schmerzgrenze. Elias muss das Bewusstsein behalten. Wenn er ohnmächtig wird, kann er die Energie nicht lenken. Er muss... er muss wach bleiben.“

„Er wird wach bleiben“, sagte Zara düster. Sie zog einen ihrer Dolche einen Zentimeter aus der Scheide und ließ ihn wieder zurückgleiten. Klick. „Bei dem Schmerz schläft niemand ein.“

Hundert Meter weiter östlich lehnte Clara an einer Marmorsäule. Sie war nah dran. Zu nah. Nur fünf Meter von ihr entfernt stand einer der Pylone – eine drei Meter hohe Säule aus schwarzem Stein, gekrönt von einem roten Resonanzkristall. Zwei Gardisten der Aegis-Elite standen davor, die Hellebarden gekreuzt, die Gesichter hinter goldenen Visieren verborgen. Sie bewegten sich nicht. Sie atmeten kaum.

Clara beobachtete sie. Sie kannte die Rüstungen. Sie wusste, wo die Schwachstellen waren – unter den Armen, am Hals, in den Kniekehlen. Aber sie konnte sie nicht angreifen. Nicht jetzt. Ein Kampf würde sofort bemerkt werden.

Sie musste an den Kristall. Sie griff in ihre Tasche. Ihre Finger schlossen sich um einen kleinen, schweren Gegenstand. Einen Metallbolzen, den sie aus dem Schrott im Tunnel mitgenommen hatte.

Warte, dachte sie. Warte auf das Licht.

Auf dem Podest drehte Arkan den Regler weiter. „Zwanzig Prozent.“

Das Summen des Generators veränderte sich. Es wurde höher, schriller. Die Ringe um den Turm beschleunigten. Wumm-wumm-wumm. Weißes Licht begann durch das Kabel zu fließen. Man konnte es sehen – wie flüssiges Feuer, das durch die Kupferadern in Elias’ Brust strömte.

Elias riss den Mund auf. Kein Ton kam heraus. Sein Rücken bog sich durch, weg von der Maschine, aber das Kabel hielt ihn fest wie eine Leine. Es war nicht heiß. Es war kalt. Es war, als würde ihm Eiswasser direkt ins Herz gepumpt. Das falsche Licht von Seraphis war nicht warm wie die Sonne. Es war steril, scharf, schneidend.

Nimm es, dachte er verzweifelt. Er versuchte, sich an Kaels Worte zu erinnern. Sei das Ufer. Sei der See. Aber es war schwer, ein See zu sein, wenn ein Tsunami in einen hineinbrach.

Das Amulett reagierte. Es trank die Kälte. Die violetten Risse im Metall weiteten sich. Das Schwarz breitete sich aus, kroch weiter seinen Hals hinauf, eine Spinne aus Dunkelheit.

„Faszinierend“, murmelte Arkan. Er stand nur einen Meter entfernt und beobachtete Elias’ Qual mit wissenschaftlicher Neugier. „Der Wirtskörper adaptiert schneller als berechnet. Das Gewebe stirbt nicht ab, es... transformiert.“

Er sah Elias in die Augen. Elias’ Pupillen waren verschwunden. Seine Augen waren jetzt vollständig weiß, leuchtend von innen heraus.

„Siehst du es, Elias?“ fragte Arkan sanft. „Siehst du die Tür?“

Elias sah nichts. Er sah nur Weiß. Und Schmerz. Aber tief in diesem weißen Rauschen hörte er etwas. Ein Kratzen. Ein Schaben. Wie Fingernägel auf Glas. Etwas versuchte, hereinzukommen. Oder heraus.

„Dreißig Prozent“, sagte Arkan und schob den Regler höher.

Im Schatten des Generators, verborgen hinter einem Gewirr aus Rohren und Dampfventilen, hockte Kael. Er presste die Hände auf das dicke Hauptzuführungsrohr der Kühlung. Das Metall vibrierte so stark, dass seine Hände taub wurden. „Es schreit“, flüsterte er.

Das Wasser in den Leitungen war nicht mehr flüssig. Es war unter extremem Druck, kurz vor dem Phasenübergang zu Dampf. Arkan hatte die Sicherheitsventile blockiert, um den Druck zu maximieren. „Ich kann es nicht mehr lange halten“, sagte Kael zu niemandem. Schweiß lief ihm in die Augen. „Wenn ich jetzt loslasse, platzt das Rohr.“

Er blickte nach oben, zur Plattform. Er sah Elias, wie er in den Fesseln hing, zuckend wie ein Insekt im Netz. Halt durch, Bruder, dachte Kael. Noch ein bisschen.

Zurück in der Menge. Lyra wimmerte leise auf. „Er krampft“, sagte sie. „Sein Herzrhythmus ist chaotisch. Arkan überlastet ihn.“

Marcus sah auf die riesige Leinwand. Er sah das weiße Leuchten in Elias’ Augen. „Er nimmt es auf“, flüsterte Marcus. Hoffnung keimte in seiner Stimme auf, fragil wie Glas. „Er leitet es nicht weiter. Seht ihr das Amulett? Es strahlt nicht ab. Es wird dunkler.“

„Was heißt das?“ fragte Zara scharf.

„Das heißt, er befolgt den Plan“, sagte Marcus. „Er ist kein Kabel. Er ist eine Batterie. Er speichert die Energie.“ Er schluckte. „Aber jede Batterie hat eine Kapazität. Wenn er voll ist...“

„Vierzig Prozent!“ Arkans Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung.

Ein Blitz schoss aus dem Generator, traf Elias, tanzte über seine Haut. Der Junge schrie jetzt. Ein unmenschlicher, gurgelnder Laut, der durch die Lautsprecher verstärkt wurde und die Menge kurz verstummen ließ. War das Teil der Show? War das der Preis der Erlösung?

„Jetzt!“ brüllte Clara, obwohl sie niemand hören konnte. Sie löste sich von der Säule. Die Wachen vor dem Pylon drehten die Köpfe zu Elias’ Schrei. Das war ihr Fenster.

Clara holte aus und warf den Metallbolzen. Nicht auf die Wachen. Auf den roten Kristall an der Spitze des Pylons.

Der Wurf war perfekt. Jahrelanges Training in der Akademie, Hunderte Stunden auf dem Übungsplatz. Der Bolzen traf. KLIRR.

Der rote Kristall splitterte. Einen Herzschlag lang passierte nichts. Dann begann der Pylon zu heulen. Ein schrilles, auf- und abschwellendes Signal, das sofort durch Mark und Bein ging. Rotes Notlicht flutete den Platz.

„CODE SCHWARZ!“ brüllte eine mechanische Stimme aus dem System. „STRUKTURBRUCH! SCHATTEN-EINDRINGLING! EVAKUIERUNG!“

Die Menge erstarrte. Und dann brach die Panik aus.

Der Alarm war kein Warnsignal mehr. Er war der Soundtrack zum Untergang.

Das schrille Heulen der Sirenen – WIIII-UUUU-WIIII-UUUU – mischte sich mit dem dröhnenden Bass des überlasteten Generators und den Schreien von fünfzigtausend Menschen, die gleichzeitig begriffen, dass sie in einer Falle saßen. Die Masse, eben noch ein einziger, jubelnder Organismus, zerfiel in tausend panische Teile. Menschen drängten zu den Ausgängen, trampelten übereinander, rissen Absperrungen nieder. Die Disziplin der Aegis-Elite brach zusammen; Wächter wurden umgestoßen oder in die Menge gespült wie Treibholz.

Mitten in diesem Inferno stand Tarek wie ein Fels in der Brandung. Er hatte sich mit dem Rücken gegen eine Säule gepresst, um nicht von der Menge mitgerissen zu werden. Seine Augen suchten Clara. Sie war am Pylon, das Schwert gezogen, umringt von drei Wachen, die durch den falschen Alarm verwirrt, aber immer noch tödlich waren.

„Jetzt!“ brüllte Tarek, obwohl ihn niemand hören konnte. Er griff nach dem Beutel mit dem Schwarzpulver. „Kael! Mach Nebel!“

Hinter dem Generator, verborgen im Schatten der gewaltigen Maschine, ließ Kael los. Er nahm seine Hände vom Hauptventil. Er nutzte keine Magie mehr, um das Wasser zu beruhigen. Er gab ihm den Befehl, den es schon lange wollte: Ausbrechen.

ZISCHHHH.

Ein Strahl aus überhitztem Dampf schoss aus dem geborstenen Überdruckventil. Er war laut wie eine Explosion. Eine weiße Wand aus kochendem Nebel flutete die Rückseite des Podests, hüllte die Wachen ein, die dort standen, und verbrühte alles in seinem Weg. Die Sicht auf der Bühne sank auf Null.

Oben auf dem Podest existierte keine Welt mehr. Nur noch Licht.

Elias hing in den Fesseln aus Energie. Er spürte seinen Körper nicht mehr. Er war kein Fleisch und Blut mehr. Er war ein Kabel. Ein Kanal, durch den die Kraft einer Sonne gepumpt wurde. Es brannte. Es brannte ihn von innen heraus aus. Jeder Nerv, jede Zelle schrie. Lass los, flehte ein Teil von ihm. Stirb einfach. Es ist einfacher.

„Ignoriert den Alarm!“ brüllte Arkan. Er stand an seiner Konsole, umhüllt vom Dampf, der von unten heraufzog. Seine Haare klebten an seiner Stirn, seine Augen waren weit aufgerissen vor Wahnsinn. „Das ist Sabotage! Erhöht den Output! Wir müssen das Tor aufreißen, bevor sie das Netz kappen!“

Er riss den Regler nach oben. „Fünfzig Prozent! Sechzig!“

Der Generator kreischte. Das Licht wurde so hell, dass es durch Elias’ geschlossene Lider brannte.

Sei das Ufer, hörte Elias Kaels Stimme in seinem Kopf, leise, aber klar. Nicht der Fluss. Das Ufer.

Elias konzentrierte sich nicht auf das Amulett. Er konzentrierte sich auf sich selbst. Auf seine Knochen. Auf sein Herz. Er griff nach dem Strom, der durch ihn raste, und hielt ihn fest. Er leitete ihn nicht weiter. Er verweigerte dem Amulett die Öffnung des Tors. Er zwang die Energie, in ihm zu bleiben. In dem schwarzen Metall. In seinem Fleisch.

„Was tust du?“ Arkan wirbelte herum. Er starrte auf die Anzeigen. „Der Durchfluss... er stoppt! Warum fließt es nicht raus?“

Elias hob den Kopf. Seine Augen leuchteten nicht mehr braun. Sie waren zwei weiße Sonnen. Er öffnete den Mund, und Rauch quoll heraus.

„Weil ich... voll... bin“, presste er hervor. Die Worte klangen metallisch, verzerrt, als sprächen zwei Stimmen gleichzeitig.

Arkan starrte ihn an. Er sah das Amulett. Es strahlte keine Energie ab, um den Riss zu öffnen. Es sog sie auf. Es wurde schwarz, schwärzer als die Nacht, ein Loch im Licht. Und Elias’ Körper begann zu leuchten. Risse bildeten sich auf seiner Haut, aus denen weißes Feuer drang.

„Du leitest nicht“, flüsterte Arkan entsetzt. „Du speicherst. Du verdammter Narr! Du bist kein Kondensator! Du wirst explodieren und die halbe Stadt mitnehmen!“

„Das ist... der Plan“, keuchte Elias.

Er ballte die linke Faust – die schwarze Faust. Das Amulett vibrierte so stark, dass die Luft um ihn herum verschwamm.

„NEIN!“

Arkan stürzte vor. Er vergaß seine Magie. Er vergaß seine Würde. Er wollte das Kabel herausreißen. Er wollte die Verbindung trennen, bevor der Kern schmolz.

Zu spät.

Elias riss seinen linken Arm hoch, gegen den Widerstand der Fesseln, gegen die Schwerkraft. Er entlud die gestaute Energie nicht in den Himmel. Und nicht in den Boden. Er schickte einen Impuls zurück. Einen Rückstoß.

Ein weißer Blitz, so hell, dass er Schatten in den Stein brannte, schoss das Kabel zurück in den Generator.

KRA-WUMM.

Die Verbindung explodierte. Die Druckwelle fegte Arkan von den Füßen und schleuderte ihn über das Podest, direkt in sein eigenes Pult. Funken sprühten, Glas barst. Das Kabel peitschte wild umher wie eine enthauptete Schlange, sprühte blaue Blitze in den Dampf.

Der Generator-Turm erzitterte. Ein tiefes, metallisches Stöhnen ging durch die Struktur. Risse liefen das schwarze Metall hinauf. Die Ringe hörten auf zu rotieren. Sie verkanteten sich, kreischten, und blieben stehen.

Elias fiel. Die Lichtfesseln waren verschwunden. Er landete hart auf dem Marmor. Er qualmte. Sein Hemd war verbrannt, seine Haut gerötet und teilweise verkohlt. Aber er lebte. Und das Amulett... das Amulett war still. Es war satt. Zum ersten Mal seit er es gefunden hatte, war es vollkommen still. Es fühlte sich an wie ein schwerer, kalter Stein auf seiner Brust.

Unten im Chaos kämpfte sich Zara durch die Menge. Sie hatte Marcus am Kragen gepackt und zog ihn hinter eine umgestürzte Statue. Lyra kauerte dort bereits über Jory.

„Er hat es getan“, keuchte Marcus. Er wischte sich den Staub von der Brille. „Variable I. Implosion. Das System ist kritisch.“

„Er lebt noch“, sagte Lyra. Sie starrte auf das Podest, wo sich der Dampf langsam lichtete. „Ich sehe ihn. Aber er bewegt sich nicht.“

Doch es war nicht vorbei. Auf dem Podest rappelte sich Arkan auf. Seine weiße Robe war zerrissen, sein Gesicht blutete aus einer Schnittwunde an der Stirn. Aber er wirkte nicht besiegt. Er wirkte wahnsinnig. Er starrte auf den rauchenden Generator, dann auf Elias.

„Du hast es ruiniert“, zischte er. Er hob die Hand. Dunkle Schattenmagie sammelte sich um seine Finger – keine Technologie mehr, sondern uralte, verbotene Kraft, die er all die Jahre versteckt hatte. „Du hast mir mein Tor genommen. Dann werde ich mir eben dein Herz nehmen. Das Amulett gehört mir!“

Er schritt auf den wehrlosen Elias zu.

„Tarek!“ schrie Clara, die am Fuß der Treppe stand und gerade einen Gardisten mit dem Knauf ihres Schwertes niedergestreckt hatte. „Er bringt ihn um!“

Tarek sah nach oben. Er sah Arkan. Er sah Elias. Er sah die Distanz. Zu weit zum Laufen. Er griff an seinen Gürtel. Er hatte nur noch eins. Den Apfel hatte er gegessen. Aber er hatte noch das Geschenk von Silas. Den Prototyp.

„Hey, Ratsherr!“ brüllte Tarek.

Arkan drehte den Kopf, irritiert durch die Störung.

Tarek zog den Stift mit den Zähnen und warf. „Fang!“

Die Granate segelte durch die Luft. Ein perfekter Wurf. Arkan hob reflexartig die Hand, um das Geschoss mit Magie abzuwehren. Die Granate explodierte in der Luft, drei Meter vor ihm.

Kein Feuer. Blendpulver. Vermischt mit Eisenspänen.

Eine Wolke aus glitzerndem, beißendem Staub hüllte Arkan ein. Er schrie auf, griff sich an die Augen. Die Magie verpuffte, unterbrochen durch das Eisen, das die magischen Felder störte.

„Los jetzt!“ brüllte Tarek und stürmte die Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend. „Schnapp dir den Jungen und lauf!“

Clara war direkt hinter ihm. Sie erreichten das Podest, packten Elias, der halb bewusstlos war, an den Armen. Seine Haut war so heiß, dass sie selbst durch Claras Handschuhe brannte.

„Wir müssen springen!“ rief Clara. „Der Weg zurück ist dicht!“

„Runter!“ kommandierte Tarek. Er zerrte sie zur Kante der Plattform. Darunter war der Dampf von Kaels Sabotage immer noch dicht. „In den Nebel!“

Mit Elias zwischen sich sprangen sie. Sie fielen in die weiße Suppe, landeten hart auf dem Pflaster, rollten sich ab. Der Dampf verbrühte ihre Haut, aber er versteckte sie vor den Wachen.

„Habt ihr ihn?“ rief Zaras Stimme aus dem Nebel.

„Er brennt!“ rief Clara. „Aber er atmet!“

„Rückzug!“ schrie Tarek. Er hievte Elias hoch. „Zum Fluss! Bevor der Turm uns auf den Kopf fällt!“

Hinter ihnen, oben auf dem Podest, wischte sich Arkan den Staub aus den blutenden Augen. Er sah hinab in den Nebel. Er sah sie nicht mehr. Dann sah er auf den Generator. Das Ding wackelte. Es starb. Aber tief im Inneren, dort wo das Kabel explodiert war, begann etwas Neues zu leuchten. Kein weißes Licht. Ein violettes Glimmen. Ein Riss in der Realität, erzwungen durch die Überlastung und die plötzliche Unterbrechung.

Arkan begann zu lachen. Leise erst, dann lauter, ein hysterisches Lachen, das über den Platz hallte. „Du hast die Tür nicht geschlossen, Elias“, flüsterte er. „Du hast sie eingetreten.“

Das Geräusch des sterbenden Generators war kein mechanisches Versagen. Es war der Schrei eines getöteten Gottes.

Stahlträger, dick wie Baumstämme, bogen sich unter der Hitze und dem Druck der implodierenden Energie. Glasplatten, die eben noch das Licht der Stadt verstärkt hatten, zerplatzten in einen Regen aus rasiermesserscharfen Splittern, der auf die fliehende Menge niederprasselte.

„Lauft!“ brüllte Tarek. Er hatte Elias’ rechten Arm über seine Schulter gelegt und zerrte den halb bewusstlosen Jungen vorwärts. „Nicht umdrehen! Einfach laufen!“

Clara stützte Elias von der anderen Seite. Ihr Gesicht war eine Maske aus Staub und Entschlossenheit. Sie rammte ihre Schulter gegen jeden, der ihnen im Weg stand – nicht aus Bosheit, sondern aus nackter Notwendigkeit. „Der Turm!“ schrie sie, den Blick nach oben gerichtet. „Er kippt nach Süden! Er fällt auf die Tribüne!“

Über ihnen neigte sich der schwarze Monolith. Die Halterungen rissen mit einem PENG-PENG-PENG, das klang wie Kanonenschüsse. Der Turm, das Herzstück von Arkans Macht, verlor den Kampf gegen die Schwerkraft. Er stürzte langsam, majestätisch fast, direkt in die VIP-Logen, in denen eben noch die Ratsmitglieder gesessen hatten.

KRAAAAACH.

Der Aufprall ließ den Boden meterhoch wellen. Eine Wolke aus Staub, Mörtel und zermalmtem Marmor schoss über den Platz, verschluckte das Licht, verschluckte die Schreie.

Die Druckwelle traf die Gruppe von hinten. Tarek und Clara wurden von den Beinen gerissen. Sie fielen hart, schlitterten über das Pflaster, Elias immer noch zwischen sich. Zara, die Marcus und Jory vor sich hergetrieben hatte, wurde gegen eine umgestürzte Statue geschleudert.

Dunkelheit legte sich über den Platz. Nicht die Dunkelheit der Nacht. Es war eine graue, erstickende Suppe aus Staub.

Marcus hustete, würgte Staub aus. Er tastete blind umher. „Jory? Zara?“ „Hier“, krächzte Zara. Sie packte seinen Arm. „Alles noch dran?“ „Brille ist weg“, wimmerte Marcus. „Ich sehe nichts. Variable N: Null Sicht.“

„Hier“, sagte Kael ruhig und drückte Marcus etwas in die Hand. Die Brille. Ein Glas war gesprungen, aber der Rahmen hielt. „Danke“, hauchte Marcus und setzte sie auf.

Die Welt kam wieder in den Fokus – zersplittert und grau. Und in diesem Grau bewegte sich etwas.

Dort, wo der Generator gefallen war, in dem Krater aus Trümmern und verbogenem Metall, leuchtete es. Nicht weiß. Violett. Ein Riss pulsierte im Zentrum der Zerstörung. Und aus diesem Riss kroch kein Rauch. Es kroch Dunkelheit. Zähflüssig wie Öl, breitete sie sich aus dem Krater aus, tastete nach den Trümmern, nach den Toten.

„Was... was ist das?“ flüsterte Clara, die sich aufgerappelt hatte und ihr Schwert zog.

„Schatten“, sagte Elias. Seine Stimme klang fremd, verzerrt durch den Schmerz. Er hing in den Armen von Tarek und Clara, aber sein Kopf war erhoben. Er starrte auf den Riss. „Das Tor ist nicht offen. Aber der Riegel ist gebrochen. Sie sickern durch.“

Elias stöhnte. Sein Körper zuckte. Er spürte die Energie in seiner Brust. Sie war heiß. So unendlich heiß. Das Amulett, nun schwarz und massiv, schien sich immer tiefer in sein Fleisch zu graben, um Platz für die gestohlene Kraft zu schaffen. Voll, schrie sein Körper. Zu voll.

„Ich halte das nicht“, keuchte er. „Lasst mich hier. Wenn ich platze... töte ich euch alle.“

Tarek sah ihn an. Er sah die Gefahr. Er sah die wandelnde Bombe. Er packte Elias am Kragen, so fest, dass der Stoff riss.

„Hör mir gut zu, Bauernjunge“, zischte der Söldner. „Ich habe heute meine Lieblingsstiefel ruiniert und eine Granate verschwendet. Ich habe nicht so viel investiert, um dich jetzt im Dreck liegen zu lassen. Wenn du platzt, dann platzt du gefälligst da, wo es unseren Feinden wehtut. Nicht hier.“

Er hievte Elias hoch. „Clara! Flanke! Zara! Weg frei machen! Wir gehen zum Fluss! Die Brücke ist unser Nadelöhr!“

Sie rannten wieder los. Der Platz war ein Albtraum. Menschen rannten in die falsche Richtung, direkt in den Staub, Wachen der Aegis feuerten blind in den Nebel.

Sie erreichten den Rand des Platzes. Die Brücke der Aufstiege lag vor ihnen. Aber sie war blockiert. Eine Phalanx aus zwanzig Wachen in goldener Rüstung stand dort, Schilde erhoben, Hellebarden gesenkt. Sie blockierten den einzigen Ausweg aus dem Ersten Ring. Hinter ihnen stand ein Offizier. Er hatte kein Visier. Sein Gesicht war blass, aber fanatisch.

„Niemand verlässt den Sektor!“ brüllte er. „Quarantäne-Protokoll! Befehl von Ratsherr Arkan! Der Eindringling muss isoliert werden!“

„Quarantäne?“ Marcus blieb stehen, keuchend. „Sie sperren uns ein. Mit dem Riss. Sie opfern die Zivilisten, um Elias zu kriegen.“

„Wir kommen da nicht durch“, sagte Tarek und zog seine Schwerter. Sie sahen winzig aus gegen die Phalanx. „Das sind zu viele.“

Hinter ihnen kam der violette Nebel näher. Vor ihnen die Wand aus Schilden. Hinter ihnen der Tod.

„Wir sitzen fest“, sagte Clara. Ihre Stimme war tonlos.

Elias hob den Kopf. Der Schmerz in seiner Brust war jetzt ein einziger, weißer Ton. Er löste sich von Tarek. Er stand allein. Er schwankte, aber er fiel nicht. Er blickte auf die Phalanx. Dann auf das Amulett. Er spürte die Energie darin. Die Energie der Stadt. Sie wollte raus. Sie brauchte ein Ventil.

„Nein“, sagte Elias. „Wir sitzen nicht fest.“

Er hob den rechten Arm – den schwarzen Arm. Die Luft um ihn herum begann zu flimmern. Kleine Steine erhoben sich vom Boden, schwebten schwerelos. Seine Haare standen zu Berge.

„Elias?“ fragte Kael warnend. „Was hast du vor?“

„Den Weg freimachen“, sagte Elias.

Er richtete die Handfläche nicht auf die Wachen. Er richtete sie auf den Boden vor ihnen. Auf das Pflaster der Brücke. Er schloss die Augen und ließ einen winzigen Bruchteil der Energie los. Nur einen Tropfen aus dem Ozean, den er trug.

KRAAAAAAAA-WUMM.

Ein Strahl aus schwarzem Licht schoss aus seiner Hand. Er traf den Boden. Er sprengte niemanden in die Luft. Er löschte die Materie. Ein Graben, drei Meter breit und zwei Meter tief, fraß sich durch das Pflaster, direkt auf die Phalanx zu. Die Steine wurden nicht weggesprengt, sie wurden zu Staub zermahlen.

Die Wachen wichen entsetzt zurück, als der Boden vor ihren Füßen verschwand. Die Formation brach auf. Panik griff um sich. Das war keine Magie, die sie kannten. Das war Zerstörung pur.

„Durchbruch!“ schrie Tarek. „Jetzt! Solange sie sich in die Hosen machen!“

Er sprintete los, direkt in die Lücke, die Elias gerissen hatte. Clara und Zara folgten, Marcus zog Jory hinterher. Kael packte Elias, der nach dem Schuss fast zusammengebrochen war, und schleifte ihn mit.

Sie rannten durch die aufgebrochene Linie der Wachen. Niemand wagte es, sie aufzuhalten. Der Anblick des Jungen mit dem schwarzen Arm, der die Welt auflöste, war furchterregender als jeder Befehl des Rates.

Sie erreichten die Mitte der Brücke. Unter ihnen floss der Seraph, schwarz und gleichgültig. Hinter ihnen brannte der Erste Ring. Der Generator-Turm lag in Trümmern, und aus dem Rauch erhob sich eine violette Säule, die bis in die Wolken reichte.

Der Riss war da. Und Elias trug den Schlüssel in seiner Brust davon.

Der Weg vom Podest war kein Sprint in die Freiheit. Es war ein Stolpern durch die Hölle.

Die Druckwelle des berstenden Generators hatte den Platz in eine Landschaft aus Staub, Nebel und splitterndem Glas verwandelt. Tarek zerrte Elias vorwärts, dessen Beine kaum das eigene Gewicht trugen. Der rechte Arm des Jungen – der schwarze Panzerhandschuh – glühte so hell, dass er durch den dicken Stoff des Umhangs schien wie eine Laterne im Nebel.

„Weg hier!“ brüllte Tarek, während er einen hustenden Bürger zur Seite stieß. „Wir müssen in die Gassen! Runter von der offenen Fläche!“

Clara deckte ihren Rücken. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen, die Klinge noch immer rauchend von der Säure des Schattenwesens, das sie vorhin abgewehrt hatte. Ihre Augen scannten die Dächer. „Die Scharfschützen!“ warnte sie. „Sie gruppieren sich neu!“

Ein Bolzen schlug funkensprühend in das Pflaster neben Zaras Fuß ein. „Bewegung!“ schrie Zara und zog Jory und Marcus hinter den Schutz einer umgestürzten Statue.

Sie erreichten den Rand des Platzes, dort wo die Brücke der Aufstiege den Ersten Ring mit dem Rest der Stadt verband. Das war ihr Fluchtweg. Über den Fluss, in die Slums, raus in die Wüste.

Doch als sie den Torbogen erreichten, blieben sie wie angewurzelt stehen.

Die Brücke war dicht. Nicht durch Menschenmassen. Eine massive Wand aus blauer Energie flimmerte am Ende des Torbogens. Sie pulsierte im Takt der Sirenen, die nun über der ganzen Stadt heulten. Dahinter sah man Schemen – Dutzende, vielleicht Hundert Wachen der Aegis-Elite, die in Formation standen.

„Quarantäne“, keuchte Clara. Ihr Gesicht wurde blass unter dem Ruß. „Arkan hat den Sektor abgeriegelt. Stufe 5. Nichts kommt rein oder raus.“

„Wir brechen durch!“ rief Tarek und wollte weiterstürmen.

„Nein!“ Marcus hielt ihn am Ärmel fest. „Das ist ein statisches Feld der Klasse A. Wenn du das berührst, werden deine Moleküle in Sekundenbruchteilen voneinander getrennt. Du wirst verdampfen.“

Tarek starrte die blaue Wand an. Er sah, wie ein verzweifelter Bürger dagegen rannte. Es gab ein kurzes, hässliches Zisch, und der Mann fiel als rauchendes Bündel zurück. „Verdammt“, fluchte Tarek.

Elias stöhnte in seinen Armen. „Es... ist zu heiß“, wimmerte er. Dampf stieg von seiner Haut auf. Die Energie in ihm, die gestohlene Kraft der Ersten Flamme, fand keinen Ausweg. Sie kochte ihn von innen.

Lyra war sofort bei ihm. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn, zuckte aber sofort zurück. „Er hat Fieber. Extremes Fieber. Die Energie zerstört seine Zellen schneller, als sie sich regenerieren können. Wir brauchen einen sicheren Ort. Sofort. Ich muss ihn stabilisieren, oder er brennt aus.“

„Hier gibt es keinen sicheren Ort!“ rief Zara verzweifelt. Sie blickte sich um. Der Platz hinter ihnen war ein Schlachtfeld. Der Himmel über ihnen war violett und zerrissen. Und der einzige Weg nach draußen war blockiert.

„Doch“, sagte Clara leise. Sie drehte sich um und blickte zurück, hoch über die brennenden Dächer des Ersten Rings. Dort, auf dem höchsten Hügel, thronte die Akademie. Die Große Bibliothek. Sie stand noch. Dunkel und massiv gegen den brennenden Himmel.

„Thaddeus“, sagte Clara. „Er ist noch da.“

„Bist du irre?“ Tarek starrte sie an. „Wir sollen zurück? Mitten in die Höhle des Löwen?“

„Es ist der einzige Ort, der noch sicher ist“, beharrte Clara. „Die Bibliothek hat eigene Schutzschilde, unabhängig vom Stadtnetz. Thaddeus hält sie. Und er hat Labore. Werkzeuge.“

„Und Arkan wird genau dort suchen“, wandte Marcus ein, aber seine Stimme war unsicher. „Andererseits... Arkan ist verletzt. Er wird seine Kräfte bündeln, um den Riss zu kontrollieren. Er rechnet nicht damit, dass wir tiefer in sein Territorium eindringen. Es ist... Variable I. Irrationalität. Unser einziger Vorteil.“

Ein grollendes Brüllen durchschnitt den Lärm der Sirenen. Es kam vom zerstörten Generator. Aus dem violetten Riss, der dort pulsierte, schälten sich nun Schatten. Nicht mehr nur formlose Nebel. Es waren Kreaturen. Groß, spinnenartig, geformt aus falschem Licht und echter Dunkelheit. Sie kletterten über die Trümmer und begannen, die Menschen auf dem Platz zu jagen.

„Wir haben keine Wahl“, entschied Tarek. Er hievte Elias höher. „Wir gehen zur Akademie. Zurück zu Thaddeus.“

„Aber wie?“ fragte Kael. „Die Hauptstraßen sind voll mit Wachen und... Dingern.“

„Durch die Gärten“, sagte Clara. „Die hängenden Gärten des Rats. Sie verbinden den Platz mit dem Akademie-Hügel. Niemand nutzt sie, weil sie heilig sind.“ Sie zog ihr Schwert, wischte das schwarze Blut an ihrem Umhang ab. „Folg mir. Ich kenne den Weg.“

Sie drehten sich um. Weg von der Freiheit, zurück in das Herz der Gefahr. Elias hing halb bewusstlos zwischen Tarek und Kael. Er bekam kaum noch etwas mit. Nur Hitze. Und eine Stimme in seinem Kopf, die nicht seine eigene war. Öffne mich, flüsterte das Amulett. Lass es raus.

„Halt den Mund“, murmelte Elias im Delirium. „Ich bin das Ufer.“

Sie rannten los, hinein in das Labyrinth der Gärten, während hinter ihnen die Stadt Seraphis in einem Albtraum aus Licht und Schatten versank. Sie waren nicht entkommen. Sie waren tiefer drin als je zuvor.

Die Hängenden Gärten des Rates waren ein Wunderwerk der Magie und Botanik. Terrassen aus weißem Stein, die an der Flanke des Akademie-Hügels schwebten, bewachsen mit Pflanzen aus allen Ecken der Welt. Normalerweise war es ein Ort der Ruhe, wo Dichter Verse schmiedeten und Liebespaare sich versteckten.

Jetzt war es ein Dschungel aus Schatten.

Tarek trat eine Tür aus filigranem Schmiedeeisen auf. Sie landeten auf der untersten Terrasse. Exotische Blumen, die im Dunkeln leuchteten, wurden unter ihren schweren Stiefeln zertrampelt. „Hoch!“ keuchte Tarek. Er deutete auf die geschwungenen Treppen, die sich durch das Grün nach oben wanden, hinauf zur massiven Silhouette der Akademie. „Wir müssen den Höhenvorteil gewinnen!“

Elias hing schwer in Claras und Kaels Armen. Sein Kopf rollte zur Seite. Er sah die Blumen. Sie welkten. Überall, wo er vorbeikam, wo die Hitze seines Körpers die Luft berührte, verfärbten sich die Blätter schwarz und zerfielen zu Asche. Er war kein Heiler mehr. Er war eine Seuche.

„Er strahlt zu viel ab“, rief Marcus, der hinter ihnen stolperte, den Blick starr auf die Anzeigen eines kleinen Messgeräts gerichtet, das er aus seiner Tasche gekramt hatte. „Die Umgebungshitze steigt um zehn Grad pro Sekunde. Wir hinterlassen eine Spur, die man vom Mond aus sehen könnte!“

„Scheiß auf die Spur!“ brüllte Zara. Sie wirbelte herum, die Dolche in den Händen. „Wir haben Gesellschaft!“

Hinter ihnen, auf dem Weg, den sie gerade gekommen waren, bewegte sich etwas durch das Dickicht. Es war kein Mensch. Es war einer der neuen Schatten. Es bewegte sich auf vier Gliedmaßen, schnell und ruckartig wie eine Spinne. Sein Körper bestand aus rauchiger Dunkelheit, aber durchzogen von zuckenden, violetten Blitzen – der Energie des Generators, die es mutiert hatte.

Das Ding stieß einen Schrei aus, der klang wie reißendes Metall, und sprang.

„Runter!“ schrie Clara.

Sie ließ Elias los – Kael fing ihn gerade noch auf – und riss ihr Schwert hoch. Das Wesen prallte gegen ihre Klinge. Funken sprühten. Die Wucht des Aufpralls schleuderte Clara rückwärts gegen eine Steinbank. Das Monster landete auf ihr, schnappte mit Kiefern aus purer Energie nach ihrem Gesicht.

„Clara!“ Tarek war schon unterwegs. Er sprang über ein Blumenbeet, landete auf dem Rücken des Wesens und rammte seine beiden Dolche in das, was wie ein Nacken aussah.

Das Wesen kreischte, aber es blutete nicht. Es flackerte. Es war instabil. Es warf sich herum, schleuderte Tarek ab. Ein Tentakel aus Schattenpeitschte nach ihm, traf ihn an der Brust. Tarek flog drei Meter durch die Luft und landete hart im Gebüsch.

Zara warf einen Dolch. Er flog glatt durch den Körper des Wesens hindurch, ohne Schaden anzurichten. „Körperlos!“ rief sie. „Waffen bringen nichts!“

Elias, der am Boden lag, hörte den Kampf. Er hörte Claras Keuchen, Tareks Fluchen. Er drehte den Kopf. Er sah das Monster. Er sah die Energie darin. Falsches Licht. Es war dieselbe Energie, die in ihm tobte.

Mühsam, unter Schmerzen, die ihm die Tränen in die Augen trieben, hob er die Hand. Die schwarze Hand. Er griff nicht an. Er rief.

Komm zu mir, dachte er. Ich bin der Speicher. Du bist nur ein Funke.

Das Schattenwesen hielt inne. Es drehte den kopf-ähnlichen Fortsatz zu Elias. Es zitterte. Und dann wurde es angezogen. Wie Rauch, der in einen Abzug gesogen wird, löste sich die Form des Monsters auf. Die violetten Blitze, die Schattenmaterie – alles strömte auf Elias zu, wurde in den schwarzen Handschuh gesaugt.

Es dauerte nur eine Sekunde. Das Monster war weg. Elias schrie auf, als die zusätzliche Energie in ihn hineinfuhr. Es war wie ein weiterer Hammerschlag auf einen bereits gebrochenen Knochen. Sein Rücken bäumte sich auf, dann sank er zurück, zitternd, rauchend.

„Er hat es gefressen“, flüsterte Marcus entsetzt.

Tarek rappelte sich auf, hielt sich die Rippen. Er spuckte Blut. „Guter Appetit“, krächzte er. „Und jetzt bewegt euch! Bevor er noch eins bestellt!“

Sie schleppten Elias die restlichen Stufen hoch. Jeder Schritt war ein Kampf gegen die Schwerkraft und die Erschöpfung. Endlich erreichten sie das obere Plateau. Vor ihnen ragte die Akademie auf. Das Haupttor war verriegelt, aber der Seiteneingang zur Bibliothek – eine schwere Eisentür – war in Sichtweite.

Und davor stand jemand.

Thaddeus. Der Großmeister stand da, den Stab erhoben, den Wind in seinem weißen Haar. Er wirkte nicht überrascht. Er wirkte bereit. Um die Bibliothek herum flimmerte eine Kuppel aus goldenem Licht – die alten Schutzschilde, die er aktiviert hatte.

„Meister!“ rief Marcus.

Thaddeus sah sie. Er sah Elias, der glühte. Er sah die Verletzten. Er machte eine Geste mit dem Stab. Die goldene Kuppel öffnete sich einen Spaltbreit, gerade groß genug für sie.

„Schnell!“ rief seine Stimme, verstärkt durch Magie. „Die Barriere hält den Riss nicht ewig auf!“

Sie stolperten über die letzten Meter. Sie fielen förmlich durch die Öffnung im Schild, landeten auf dem Pflasterstein des Innenhofs der Bibliothek. Thaddeus schlug den Stab auf den Boden. Der Schild schloss sich hinter ihnen mit einem donndernen WUMM.

Sekunden later prallten die ersten Schatten gegen die Außenseite der Kuppel. Sie kratzten und bissen, aber das goldene Licht hielt.

Stille kehrte ein. Nur das schwere Atmen der Flüchtenden war zu hören.

Thaddeus trat an Elias heran. Er sah auf den schwarzen Arm, auf die verbrannte Haut, auf die Augen des Jungen, die immer noch weiß glühten. Der alte Mann ging in die Knie. Er legte seine Hand sanft auf Elias’ Wange. Er verbrannte sich nicht.

„Du bist zurückgekommen“, sagte Thaddeus leise. „Ich hatte gehofft, du wärst klüger.“

Elias blinzelte. Das weiße Leuchten in seinen Augen verblasste, wich dem vertrauten Braun, aber es war trüb vor Schmerz. „Die Stadt... ist zu“, flüsterte er. „Wir sind gefangen.“

„Ich weiß“, sagte Thaddeus. Er richtete sich auf und blickte zu den anderen. Tarek, der blutete. Clara, deren Rüstung nur noch Schrott war. Zara, die Jory im Arm hielt. Marcus, der zitterte. Kael und Lyra, die erschöpft am Boden saßen.

„Ihr seid nicht gefangen“, sagte Thaddeus. „Ihr seid zur letzten Bastion gekommen.“ Er blickte hoch zum Hauptturm der Bibliothek, der noch stolz in den brennenden Himmel ragte.

„Arkan wird kommen“, sagte Thaddeus. „Er weiß, dass ihr hier seid. Er wird nicht aufhören, bis er das Amulett hat.“

„Wir sind bereit zu kämpfen“, sagte Clara und versuchte aufzustehen, sackte aber wieder zurück.

„Nein“, sagte Thaddeus sanft. „Ihr seid bereit zu überleben. Ich werde kämpfen.“

Er deutete auf die massiven Türen der Bibliothek. „Bringt ihn rein. In die Kühlkammern der Archive. Lyra, du weißt, was zu tun ist. Kühlt ihn runter. Marcus, bereite die Karte vor.“

„Und Sie?“ fragte Marcus.

Thaddeus drehte sich um, zurück zum Tor, hinter dem die Schatten gegen den Schild brandeten. „Ich werde dafür sorgen, dass ihr die Zeit bekommt, die ihr braucht.“

Er rammte den Stab fest auf den Boden. „Willkommen zurück in der Schule, Kinder. Die letzte Lektion beginnt.“