NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 15: Der Riss

Der Lärm der Welt endete an der Kante des Lichts.

Draußen, jenseits der goldenen Kuppel, die Thaddeus über den Innenhof der Bibliothek gespannt hatte, tobte der Wahnsinn. Schattenwesen hämmerten mit Klauen aus verdichteter Dunkelheit gegen die Barriere. Violette Blitze zuckten über die gewölbte Fläche, suchten nach Rissen, nach Schwachstellen, wie Finger, die über Glas kratzten. Aber drinnen herrschte eine gespenstische, gedämpfte Stille.

Elias lag auf den kalten Pflastersteinen des Hofes, dort, wo Kael und Tarek ihn fallen gelassen hatten, als der Schild sich schloss. Er brannte. Nicht mit Feuer, sondern mit einer Intensität, die die Luft um ihn herum flimmern ließ. Sein rechter Arm, der schwarze Panzer, war weißglühend. Der Stoff seines Umhangs war an der Schulter weggeschmort, und der Geruch von verbrannter Haut mischte sich mit dem metallischen Ozon-Gestank des Schildes.

„Nicht stehenbleiben!“ bellte Thaddeus.

Der Großmeister stand in der Mitte des Hofes, den Stab mit beiden Händen in den Boden gerammt. Er sah nicht aus wie der gemütliche alte Mann, der ihnen Tee serviert hatte. Er sah aus wie eine Statue aus Granit, die kurz vor dem Zerbrechen stand. Adern traten auf seiner Stirn hervor, pulsierend im Takt der Schläge, die von außen gegen seine Barriere prasselten. „Ich kann sie nicht ewig halten. Bringt ihn runter! In die Kryo-Archive!“

„Kryo-Archive?“ wiederholte Tarek, während er Elias wieder hochhievte. Er verbrannte sich fast die Hände, selbst durch seine Lederhandschuhe. „Was ist das? Ein Eisschrank?“

„Für Bücher, die zerfallen, wenn sie atmen“, keuchte Thaddeus, ohne sich umzudrehen. Ein Riss bildete sich in der Luft neben ihm, wurde aber sofort von goldenem Licht gekittet. „Tiefste Ebene. Sektor Null. Lauft!“

Lyra übernahm das Kommando. Die Panik in ihren Augen war gewichen, verdrängt durch den kalten Fokus einer Heilerin im Triagemodus. „Kael, stütz seinen Kopf! Marcus, leuchte uns den Weg! Zara, mach die Türen auf! Bewegt euch!“

Sie stürmten in die Haupthalle der Bibliothek. Der riesige Raum, sonst ein Ort ehrfürchtiger Stille, wirkte nun wie eine Kathedrale vor der Apokalypse. Staub rieselte von den hohen Regalen, aufgewirbelt durch die Erschütterungen der Belagerung. Statuen wankten auf ihren Sockeln.

Sie rannten an den Lesepulten vorbei, hinein in den Schlund der großen Wendeltreppe, die in die Tiefe führte. Nicht zu den normalen Archiven, wo sie letzte Nacht geschlafen hatten, sondern noch tiefer. In das Fundament des Berges.

„Er krampft!“ rief Kael.

Elias bäumte sich in ihren Armen auf. Ein Schrei, der kein menschlicher Laut mehr war, sondern das Geräusch von reißendem Metall, entfuhr seiner Kehle. Seine Augen waren weit aufgerissen, blind und weiß leuchtend. In seinem Kopf war kein Platz mehr für Gedanken. Da war nur der Riss. Er spürte ihn oben am Himmel wie einen Zwilling. Das Amulett wollte sich verbinden. Es wollte die Energie, die es gespeichert hatte, zurückgeben an die Leere.

„Halt ihn fest!“ schrie Lyra. Sie drückte ihre Hände auf seine Brust, ignorierte die Hitze. „Elias! Hör mir zu! Du bist hier. Bei uns. Nicht dort oben!“

Sie erreichten das Ende der Treppe. Eine massive Stahltür, beschlagen mit Runen aus Silber, versperrte den Weg. „Verschlossen!“ rief Zara und rüttelte am Griff.

„Weg da“, knurrte Clara. Sie trat vor. Sie hatte kein Schwert mehr in der Hand, sie nutzte ihren Stiefel. Mit einem Tritt, in den sie all ihre Wut und Frustration legte, traf sie das Schloss. Altes Metall ächzte, aber hielt. „Noch mal!“

Beim dritten Tritt gab der Riegel nach. Die Tür schwang mit einem protestierenden Quietschen auf.

Kälte schlug ihnen entgegen. Echte, beißende Kälte. Der Raum dahinter war eine Halle aus schwarzem Stein, ausgekleidet mit Regalen, in denen Schriftrollen in zylindrischen Behältern aus Eisglas lagerten. In der Mitte stand ein großer Tisch aus poliertem Obsidian.

„Drauf mit ihm!“ befahl Lyra.

Sie legten Elias auf den Obsidian. Der Stein zischte sofort, als das glühende Metall seines Arms ihn berührte. Eine Dampfwolke stieg auf.

„Wir brauchen Eis“, sagte Lyra. Sie riss ihren Rucksack auf, suchte nach Salben, Verbänden, irgendetwas. „Sein Körperkern ist bei über 42 Grad. Die Proteine in seinem Blut fangen an zu gerinnen.“

Kael trat vor. Er zitterte vor Erschöpfung. Seine Lippen waren blau. „Ich... ich habe kein Wasser mehr“, flüsterte er. „Die Luft hier ist trocken wie Staub.“

„Dann improvisier!“ schrie Lyra ihn an. „Nimm den Reif von den Wänden! Nimm deinen Schweiß! Mir egal! Kühl ihn runter!“

Kael schluckte. Er schloss die Augen, streckte die Hände aus. Er tastete nach der magischen Signatur des Raumes. Es gab hier keine freien Wassermoleküle. Aber da war Kälte. Rohe, elementare Kälte, die in den Steinbann gewoben war. Er versuchte nicht, Wasser zu erschaffen. Er versuchte, die Hitze aus Elias abzuziehen und in den Stein zu leiten. Ein Wärmetausch.

Er legte die Hände auf Elias’ Stirn. Kael keuchte auf, als die Hitze durch ihn hindurchschoss. Es fühlte sich an, als würde er in Feuer greifen. Aber er ließ nicht los. Er leitete die Hitze in den Boden.

Elias’ Schreie wurden leiser, gingen über in ein wimmerndes Atmen. Das weiße Glühen des Arms dimmte sich zu einem pulsierenden Violett.

„Stabil“, hauchte Lyra und sank auf die Knie. „Für den Moment.“

Marcus stand am Eingang der Kammer. Er hatte den Codex Aeterna immer noch fest an sich gedrückt. Er starrte die Treppe hinauf, zurück in Richtung Haupthalle. „Wir sitzen in der Falle“, sagte er leise. Seine Stimme hallte in der Kälte. „Oben ist Thaddeus. Draußen ist Arkan. Und wir sind hier unten in einer Sackgasse.“

„Es ist keine Sackgasse“, sagte Tarek. Er lehnte sich gegen die Wand, wischte Blut von seinen Schwertern. „Es ist eine Festung. Thaddeus hält die Tür.“

„Wie lange?“ fragte Clara. Sie stand im Schatten, das Gesicht eine Maske aus Schmutz. „Habt ihr ihn gesehen? Er blutet. Er nutzt seine eigene Lebenskraft, um den Schild zu speisen. Variable Z: Zeit. Sie läuft ab.“

Ein tiefes Grollen erschütterte das Fundament. Staub rieselte von der Decke der Kältekammer.

„Der Riss“, sagte Elias plötzlich. Er war wach. Seine Stimme war rau wie Schmirgelpapier. Er versuchte sich aufzurichten, aber Lyra drückte ihn sanft zurück.

„Bleib liegen“, sagte sie.

„Der Riss... er wird größer“, flüsterte Elias. Er blickte an die Decke, als könnte er durch den Stein hindurch den Himmel sehen. „Ich spüre ihn. Er drückt. Er drückt die Realität weg.“ Er drehte den Kopf zu Marcus. „Arkan... er kann ihn nicht schließen. Er glaubt es, aber er irrt sich. Man kann einen Ozean nicht mit einem Fingerzeig aufhalten.“

Marcus trat näher. Er zog sein Notizbuch hervor, obwohl seine Hände zitterten. „Was spürst du noch, Elias? Daten. Ich brauche Daten.“

„Hunger“, sagte Elias. „Die Schatten... sie haben Hunger. Nicht auf Fleisch. Auf Form. Sie wollen... werden.“

Oben, weit über ihnen, gab es einen Knall, der selbst hier unten in den Ohren wehtat.

„Thaddeus“, sagte Zara alarmiert.

„Er kämpft“, sagte Clara. Sie ging zur Treppe. „Wir sollten nicht hier unten hocken wie Ratten. Wir sollten ihm helfen.“

„Nein“, sagte eine Stimme von der Treppe.

Sie wirbelten herum. Thaddeus stand nicht dort. Es war eine Projektion. Ein flimmerndes Abbild des Großmeisters, geformt aus goldenem Licht, das in der Mitte der Treppe schwebte.

„Bleibt unten“, sagte die Projektion. Sie klang angestrengt, metallisch. „Der Hof ist verloren. Ich habe den inneren Ring aktiviert. Die Haupthalle ist jetzt die Frontlinie.“

„Meister!“ rief Marcus. „Wir können kämpfen! Clara und Tarek...“

„Das hier ist kein Kampf für Stahl, Marcus“, unterbrach ihn das Bild. „Das ist ein Kampf um die Integrität der Raumzeit. Arkan nutzt rohe Gewalt. Er hämmert gegen die Wände der Welt. Wenn ich falle...“ Das Bild flackerte. „...dann habt ihr vielleicht noch eine Stunde, bevor die Bibliothek fällt.“

„Was sollen wir tun?“ fragte Tarek.

„Bereitet euch vor“, sagte Thaddeus. „Wenn der Schild bricht, müsst ihr laufen. Nicht kämpfen. Laufen. Es gibt einen Weg... tiefer. Durch die alte Zisterne.“

Das Bild erlosch.

Dunkelheit und Kälte legten sich wieder über den Raum. Sie waren allein. Eingesperrt im Eis, während oben das Feuer brannte.

Die Kälte in den Kryo-Archiven kroch nicht nur unter die Kleidung; sie kroch in die Gedanken.

Eine halbe Stunde war vergangen, seit sie sich hier verbarrikadiert hatten. Eine halbe Stunde, in der das ferne Grollen von Thaddeus’ Kampf über ihnen das einzige Zeichen war, dass die Welt noch existierte. Elias lag ruhig auf der Obsidianplatte. Sein Atem bildete kleine weiße Wölkchen. Der schwarze Panzerarm hatte aufgehört zu glühen und war nun von einer dünnen Schicht Reif überzogen, die Kael magisch aufrechterhielt.

Marcus hielt es nicht mehr aus. Er lief zwischen den Reihen der vereisten Glasbehälter auf und ab, die Schritte hallend auf dem Steinboden. „Wir sind blind“, murmelte er und knetete seine Hände. „Wir sitzen in einer Black Box. Wir kennen weder den Status der Barriere noch die Ausbreitungsrate des Risses. Ohne Daten können wir keine Überlebensstrategie berechnen.“

„Setz dich hin, Gelehrter“, sagte Tarek müde. Er saß am Boden und schärfte mechanisch einen seiner Dolche, obwohl er schon rasiermesserscharf war. „Manchmal ist es besser, nicht zu wissen, wie schnell der Tod kommt.“

„Nein!“ Marcus blieb vor einem großen, runden Becken stehen, das in einer Nische der Wand eingelassen war. Es war leer, der Boden aus dunklem Silber. „Das hier“, sagte er und strich über den Rand. „Das ist ein Speculum. Ein Fernwahrnehmungs-Becken. Die Archivare nutzten es, um die Wetterbedingungen über der Stadt zu überwachen, um die Feuchtigkeit in den oberen Ebenen zu regulieren.“

Er drehte sich zu Kael um. „Kael. Ich brauche Wasser. Nur eine Schicht.“

Kael öffnete die Augen. Er sah erschöpft aus, aber er nickte. Er stand mühsam auf und trat an das Becken. Er legte die Hände auf den Rand. „Es ist kaum noch Feuchtigkeit im Raum“, krächzte er. „Ich muss das Eis von Elias nehmen.“

„Nur ein bisschen“, bat Marcus.

Kael machte eine ziehende Bewegung. Reif löste sich von Elias’ Arm, schmolz in der Luft zu Wasser und floss in das silberne Becken. Es reichte gerade, um den Boden zu bedecken. Das Wasser war schwarz in der Dunkelheit der Nische.

Marcus zog eine kleine Phiole aus seinem Rucksack – Tinte. Er ließ einen Tropfen in das Wasser fallen. „Zeig mir den Himmel“, flüsterte er und berührte die Oberfläche mit dem Zeigefinger. Er leitete einen winzigen Impuls seiner eigenen, schwachen Magie hinein – nicht viel, aber genug, um den Mechanismus zu wecken.

Das Wasser kräuselte sich. Tinte wirbelte auf. Dann wurde die Oberfläche glatt. Und hell.

Ein Bild erschien auf dem Wasser, scharf wie ein Spiegel. Es zeigte den Blick von der Spitze des Akademie-Turms nach unten auf die Stadt.

Alle traten näher. Selbst Zara und Clara verließen ihre Posten an der Tür. Was sie sahen, ließ Jory wimmernd das Gesicht an Zaras Bein vergraben.

Seraphis war nicht mehr weiß. Es war violett und schwarz. Der Riss am Himmel war keine statische Wunde. Er pulsierte. Mit jedem Herzschlag stieß er Wellen aus verzerrtem Licht aus. Und dort, wo dieses Licht die Stadt berührte, veränderte sich die Realität.

„Seht euch die Häuser an“, flüsterte Clara entsetzt.

Die prächtigen Villen des Ersten Rings, direkt unterhalb der Akademie, schmolzen nicht. Sie wuchsen. Dächer zogen sich in die Länge wie gezogene Zähne. Fenster verformten sich zu asymmetrischen Löchern, die aussahen wie schreiende Münder. Der weiße Marmor verfärbte sich zu einem organischen, pulsierenden Schwarz, als würde die Stadt von einem Pilz überwuchert.

„Geometrische Instabilität“, analysierte Marcus mit zitternder Stimme. „Die physikalischen Konstanten brechen zusammen. Die Schattenmaterie überschreibt die Materie unserer Welt.“

„Und die Menschen?“ fragte Lyra leise.

Marcus veränderte den Fokus des Beckens, zoomte näher heran auf den Platz der Ersten Flamme. Der Platz war leer. Zumindest von Lebenden. Aber am Rand, dort wo die Barrieren der Aegis standen, herrschte Bewegung. Die Wachen standen noch in Formation. Aber sie bewegten sich ruckartig, falsch.

Das Bild zoomte auf einen der Gardisten. Er hatte keinen Helm mehr auf. Sein Kopf war... falsch. Dort, wo sein Gesicht sein sollte, war nur glatte, violette Haut, ohne Augen, ohne Nase. Nur ein vertikaler Schlitz als Mund. Aus seinem Rücken wuchsen dornenartige Auswüchse, die seinen goldenen Panzer durchstoßen hatten.

„Mutation“, sagte Lyra und hielt sich die Hand vor den Mund. „Der Riss strahlt mutagen. Wer zu nah dran war... wird assimiliert.“

„Das sind keine Menschen mehr“, sagte Tarek hart. „Das ist Kanonenfutter.“

Plötzlich veränderte sich das Bild im Wasser. Ein Schatten fiel darüber. Etwas Riesiges schob sich in das Sichtfeld. Es war Arkan. Er stand nicht unten auf dem Platz. Er schwebte. Er nutzte eine Plattform aus verdichteter Schattenmagie, um sich auf Höhe der Akademie-Mauern zu heben. Er war direkt vor dem goldenen Schild, den Thaddeus aufrechterhielt.

Arkans Gesicht war im Speculum klar zu erkennen. Die Verbrennung durch die Granate heilte bereits, bedeckt von einer schimmernden Schicht aus violetter Energie. Er sah nicht wütend aus. Er sah... erleuchtet aus. Er hob die Hand und legte sie auf den goldenen Schild der Bibliothek. Schwarze Blitze zuckten von seinen Fingern, fraßen sich in das Gold.

„Er bricht ihn nicht mit Gewalt“, erkannte Marcus. „Er infiziert ihn. Er nutzt die Resonanz des Risses, um die Frequenz des Schildes zu korrumpieren.“

Das Bild im Wasser flackerte. Der Blickwinkel schwenkte nach unten, in den Innenhof der Bibliothek. Dort stand Thaddeus. Er war winzig im Vergleich zu der Macht, die gegen ihn drückte. Er kniete fast, den Stab als Stütze. Das Licht um ihn herum wurde schwächer, flackerte wie eine Kerze im Wind.

„Er hält nicht mehr lange durch“, sagte Elias. Er hatte sich vom Tisch erhoben. Er stand schwankend hinter ihnen, gestützt auf den Rand eines Regals. Er blickte nicht in das Becken. Er spürte es direkt. „Arkan... er singt. Er singt ein Lied, das die Wände weich macht.“

Elias griff sich an die Brust. „Er ruft mich. Er sagt: 'Komm raus. Bring das Feuer zurück.'“

„Wir müssen Thaddeus helfen“, sagte Clara. Sie griff nach ihrem Schwert. „Wenn wir Arkan von hinten angreifen...“

„Wir kommen nicht raus“, erinnerte Tarek sie. „Die Türen sind oben verriegelt, und draußen ist eine Armee von Mutanten. Wenn wir da hochgehen, liefern wir Elias auf dem Silbertablett.“

„Also warten wir hier, bis die Decke einstürzt?“ fragte Zara wütend.

„Nein“, sagte Marcus. Er wischte das Bild im Wasser mit einer Handbewegung weg. Das Wasser wurde wieder schwarz. Er drehte sich um. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen hinter der gesprungenen Brille waren klar.

„Thaddeus hat gesagt, es gibt einen Weg tiefer. Durch die Zisterne.“ Er lief zu einem der hinteren Regale, zog eine verstaubte Rolle hervor – einen Bauplan. „Hier. Unter den Kryo-Archiven liegt das Fundament. Die alte Wasserversorgung aus der Zeit vor der Gründung. Sie führt unter dem Berg hindurch.“

Er breitete den Plan auf dem Obsidian-Tisch aus, neben dem Wasserfleck, wo Elias gelegen hatte. „Wenn der Schild bricht, wird die Bibliothek fallen. Arkan wird sie nicht besetzen. Er wird sie schleifen, um an Elias zu kommen.“

Ein tiefes KRAAAAACH hallte durch das Mauerwerk. Staub rieselte in dicken Flocken von der Decke. Das Licht im Raum flackerte.

„Der Schild hat einen Riss“, sagte Elias tonlos.

„Wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen“, entschied Tarek. „Marcus, wo ist der Zugang zur Zisterne?“

„Bodenplatte C-7“, sagte Marcus und deutete auf eine unscheinbare Steinplatte in der Ecke des Raumes, halb verdeckt von einer Kiste mit alten Schriftrollen.

„Aufmachen“, befahl Tarek.

Zara und Clara schoben die Kiste beiseite. Tarek rammte seinen Dolch in den Spalt der Platte und hebelte. Mit einem ächzenden Geräusch kippte der Stein zur Seite. Ein schwarzes Loch tat sich auf. Kalte, modrige Luft strömte heraus. Und das Rauschen von tiefem, fließendem Wasser.

„Der Abfluss“, sagte Tarek. Er blickte hinein. „Sieht aus wie ein One-Way-Ticket.“

Oben gab es einen weiteren Schlag. Diesmal folgte ihm das Geräusch von berstendem Stein. Schreie drangen durch die dicken Decken – nicht von Menschen, sondern von den Schatten, die nun in den Innenhof eindrangen.

„Er ist drin“, sagte Elias. „Der Schild ist weg.“

„Alle Mann in das Loch!“ brüllte Tarek. „Los! Kael, nimm den Jungen! Lyra, stütz Elias!“

Sie sprangen, einer nach dem anderen, in die Dunkelheit unter der Bibliothek, während über ihnen der letzte Schutzwall der Menschheit zu zerbrechen begann.

„Auf drei!“ brüllte Tarek. „Eins... zwei... drei!“

Er und Zara rissen an dem eisernen Ring, der in die Bodenplatte C-7 eingelassen war. Ihre Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen, Adern traten auf Tareks Stirn hervor. Clara stemmte ihr Brecheisen – den verbogenen Rest eines Geländers – in den Spalt und hebelte mit aller Kraft.

Aber der Stein bewegte sich nicht. Er knirschte nicht einmal.

„Verdammt!“ Tarek ließ los und trat frustriert gegen die Platte. „Das Ding wiegt eine Tonne, aber es müsste sich bewegen. Das ist ein Wartungsschacht, kein Tresor!“

Marcus kniete sich neben den Spalt. Er leuchtete mit dem letzten Rest von Zaras Leuchtstab hinein. Er zog seinen Handschuh aus und fuhr über die Fuge zwischen Platte und Boden. Er zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Es ist nicht das Gewicht“, flüsterte er entsetzt. Er hielt seinen Finger hoch. Er war bedeckt mit einer zähen, schwarzen Substanz, die violett schimmerte. „Die Fuge... sie ist nicht mehr da. Der Stein ist verschmolzen.“

„Verschmolzen?“ fragte Clara. „Wie? Durch Hitze?“

„Nein“, sagte Marcus. Er wischte den Schleim an seiner Hose ab, aber er hinterließ einen Fleck, der sich auszubreiten schien. „Durch den Riss. Wir haben es im Speculum gesehen. Die Materie verändert sich. Die Architektur wird... organisch. Der Stein des Bodens hat sich mit der Platte verbunden. Wie Narbengewebe.“

Elias, der am Rand des Obsidian-Tisches lehnte, stöhnte auf. „Der Riss“, keuchte er. „Er reicht tief. Er hat das Fundament berührt. Wir kommen hier nicht raus. Der Weg nach unten ist dicht.“

Ein tiefes Grollen über ihnen bestätigte seine Worte. Staub und kleine Eissplitter regneten von der Decke der Kryo-Kammer.

„Wenn wir nicht runter können“, sagte Zara und zog ihre Dolche, ihre Augen huschten nervös zu der Treppe, die sie herabgekommen waren, „und oben Arkan wartet... dann sitzen wir in einem Grab.“

KRAAAAACH.

Ein Geräusch wie berstender Donner hallte durch die Bibliothek, so laut, dass es selbst hier unten in den Ohren schmerzte. Das Licht der magischen Lampen im Raum flackerte wild, wurde rot, dann dunkelblau, dann erlosch es ganz. Nur noch das violette Glimmen von Elias’ Arm und Zaras schwacher Leuchtstab erhellten die Dunkelheit.

„Der Schild“, sagte Lyra tonlos. „Er ist weg.“

Sekunden später veränderte sich die Luft im Raum. Die eisige Kälte der Kryo-Archive, die seit Jahrhunderten konserviert worden war, brach zusammen. Ein Schwall heißer, stickiger Luft schwappte die Treppe herunter. Sie roch nach Rauch, Ozon und etwas Fauligem.

„Sie kommen“, sagte Tarek. Er stellte sich vor die Gruppe, die Schwerter erhoben. „Nicht Arkan. Die anderen.“

Schatten huschten über die Wände der Treppe. Aber es waren keine Projektionen. Es waren die physischen Manifestationen der Dunkelheit, die nun, da der Schild gefallen war, wie Wasser in ein sinkendes Schiff strömten.

„Wir müssen uns verbarrikadieren“, rief Clara. „Schiebt den Tisch vor die Treppe!“

„Das bringt nichts!“ schrie Marcus panisch. „Variable Z: Zeit. Wir haben keine Zeit mehr für Barrikaden. Wenn sie hier runterkommen, haben wir keinen Raum zum Ausweichen. Wir werden in der Ecke abgeschlachtet.“

„Was schlägst du vor, Gelehrter?“ blaffte Zara. „Sollen wir sie höflich bitten, zu gehen?“

„Wir müssen in Bewegung bleiben“, sagte Marcus. Er kramte hektisch in seinem Gedächtnis, rief die Baupläne ab, die er studiert hatte. „Die Kryo-Archive haben keinen zweiten Ausgang... aber sie haben einen Lüftungsschacht! Für den Fall eines Lecks in den Kühltanks!“

Er rannte zu der hinteren Wand, leuchtete die Regale ab. „Dort! Hinter Sektion 9!“

Ein schmales Gitter, kaum breit genug für einen Menschen, befand sich in Kniehöhe hinter einer Reihe vereister Glaszylinder.

„Das führt in die Zwischenwände“, erklärte Marcus hastig. „Es ist eng. Dunkel. Aber es führt horizontal durch das Gebäude. Vielleicht zu den West-Flügeln. Weg von der Haupthalle.“

„Klingt besser als hier sterben“, entschied Tarek. Er trat das Gitter ein. „Zara, du zuerst. Nimm Jory. Dann Elias. Wir decken den Rücken.“

Die ersten Schattenwesen erreichten das untere Ende der Treppe. Es waren Kriecher – schnelle, insektenartige Bestien aus Rauch. Sie zischten, als sie die Gruppe sahen.

„Los!“ brüllte Clara. Sie warf einen ihrer Stiefel nach dem ersten Schatten, um ihn abzulenken, und schob Elias in den Schacht.

Der Schacht war ein Albtraum aus Staub und Enge. Sie mussten kriechen, einer nach dem anderen. Elias spürte, wie die Wände ihn drückten. Sein linker Arm schleifte über das Metall, hinterließ eine Spur aus verbranntem Zink. Hinter ihnen hörten sie den Kampf. Tarek und Clara hielten die Kriecher auf, erkauften ihnen Sekunden mit Stahl und Wut.

„Schneller!“ rief Lyra von vorne.

Elias kroch. Er kroch um sein Leben. Er spürte Hitze. Nicht von seinem Arm. Von oben.

Die Metallwände des Schachts wurden warm. „Feuer“, keuchte er. „Sie haben die Bibliothek angezündet.“

Sie hatten keinen Ausweg gefunden. Sie hatten nur das Grab gewechselt. Sie krochen nicht in die Freiheit. Sie krochen direkt in den Ofen.

Der Schacht war kein Fluchtweg.

Es war eng, dunkel und erfüllt von einer stickigen Hitze, die mit jedem Meter, den sie vorankrochen, unerträglicher wurde. Das Metall unter ihren Händen und Knien war nicht mehr kalt. Es vibrierte. Ein tiefes, konstantes Summen, das sich anfühlte, als würde das Gebäude selbst vor Schmerz wimmern.

„Schneller!“ hustete Tarek von ganz hinten. Seine Stimme hallte blechern durch die Röhre, begleitet von dem kratzenden Geräusch seiner Klingen auf Stahl. „Die Bastarde passen zwar nicht ganz rein, aber sie haben verdammt lange Arme!“

Zara führte die Gruppe an. Sie schob ihren Rucksack vor sich her, Jory klammerte sich an ihren Gürtel und kroch hinter ihr. „Es wird heißer“, keuchte sie. „Marcus, bist du sicher, dass das hier nicht direkt in den Heizkessel führt?“

„Die Heizkessel sind im Ostflügel!“ rief Marcus zurück, der hinter Elias und Lyra kroch. Er musste schreien, um den Lärm des ratternden Ventilatorsystems zu übertönen, das irgendwo tief im Gebäude noch lief, aber nur heißen Rauch umwälzte. „Wir sind im Lüftungsstrang Delta. Er läuft parallel zu den Lesesälen!“

Elias kroch mechanisch. Linke Hand vor, rechte Hand vor. Sein schwarzer Panzerarm hinterließ Sengspuren auf dem Bodenblech. Er spürte die Hitze nicht so wie die anderen. Für ihn fühlte sich die Außenwelt kühl an im Vergleich zu dem Feuersturm in seiner Brust. Aber er spürte etwas anderes. Das Metall um ihn herum veränderte sich.

Er legte seine Hand an die Seitenwand des Schachts. Es fühlte sich nicht mehr hart an. Es gab leicht nach. Wie straffes Leder. Oder wie Haut. „Der Riss“, flüsterte er. „Er ist hier drin. Im Metall.“

„Nicht anhalten!“ drängte Lyra und schob ihn weiter.

Plötzlich stoppte Zara abrupt. Ein metallisches Klonk war zu hören, als sie gegen etwas stieß. „Verdammt“, fluchte sie.

„Was ist los?“ rief Clara, die hinter Tarek die Nachhut bildete.

„Der Schacht knickt ab“, rief Zara. „Neunzig Grad nach oben. Aber da ist eine Klappe. Sie klemmt.“

Sie trat gegen das Gitter über ihrem Kopf. Es rührte sich nicht. „Es ist... es ist festgewachsen“, sagte sie mit einem Anflug von Ekel in der Stimme. „Das Metall ist verschmolzen. Es sieht aus wie... Adern.“

Hinter ihnen, am Eingang des Schachts, erklang ein kreischendes Geräusch. Ein Schattenkriecher hatte sich in die Öffnung gezwängt. Man hörte das Schaben von Klauen und Tareks wütendes Brüllen. „Ich brauche hier mal ein bisschen Platz zum Ausholen!“

„Wir müssen hier raus!“ schrie Marcus panisch. „Variable Z ist bei Null!“

Zara zog ihren Dolch. „Na schön“, knurrte sie. „Dann eben die harte Tour.“

Sie rammte die Klinge in den Spalt zwischen dem Gitter und dem Rahmen. Es knirschte, als Stahl auf mutiertes Metall traf. Sie hebelte mit aller Kraft. „Elias!“ rief sie. „Ich brauche dich hier vorne! Sofort!“

Lyra und Marcus drückten sich so flach wie möglich an die Wände, um Elias vorbeizulassen. Es war ein verzweifeltes Geschiebe in der Enge. Elias zwängte sich an ihnen vorbei, Schweiß rann ihm in die Augen. Er erreichte Zara.

„Mach es auf“, befahl sie und deutete nach oben. „Nicht schmelzen. Nur drücken.“

Elias legte seine schwarze Hand gegen das Gitter. Er konnte kaum atmen. Der Rauch wurde dichter, biss in den Lungen. Er drückte. Die Servos in seinem Panzerarm surrten leise. Die Kraft, die er aufbrachte, hätte gereicht, um einen Stein zu zerbröseln. Das Gitter ächzte. Die violetten Adern, die es festhielten, rissen mit einem widerlichen, schmatzenden Geräusch.

PANG.

Das Gitter flog auf. Es klapperte irgendwo oben auf einen Steinboden. Kühlerer, aber rauchigerer Wind strömte herein.

„Hoch!“ rief Zara. Sie zog sich hoch, half dann Jory.

Einer nach dem anderen kletterten sie aus dem Schacht. Tarek kam als Letzter, sein Mantel zerfetzt, schwarzes Blut an den Klingen. Er warf sich aus der Öffnung und trat das Gitter sofort wieder zu, stellte einen schweren Marmorsockel darauf, der in der Nähe stand.

„Das hält sie nicht lange auf“, keuchte er. „Aber vielleicht lang genug zum Atmen.“

Sie sahen sich um. Sie waren nicht mehr im Keller. Sie befanden sich in einem der langen Korridore des Westflügels. Der Boden war mit kostbaren Teppichen ausgelegt, die Wände gesäumt von Büsten berühmter Magier. Aber die Bibliothek war nicht mehr der Ort des Friedens, den sie kannten.

Am Ende des Korridors, vielleicht fünfzig Meter entfernt, loderte Feuer. Es fraß sich durch einen Vorhang und leckte an den Regalen einer angrenzenden Studie. Aber es war das Licht, das den Raum so unheimlich machte. Die schwebenden Luma-Kugeln waren ausgefallen. Das einzige Licht kam vom Feuer – und von draußen.

Durch die hohen Bogenfenster fiel das violette Licht des Risses herein. Es warf lange, verzerrte Schatten. Und die Büsten an den Wänden... ihre Gesichter hatten sich verändert. Sie blickten nicht mehr stoisch geradeaus. Ihre Marmoraugen waren auf die Gruppe gerichtet. Ihre Münder waren zu stummen Schreien verzerrt.

„Die Bibliothek“, flüsterte Marcus und starrte eine Büste an, die aussah wie Thaddeus, aber mit drei Augen. „Sie leidet. Der Riss hat ihr Bewusstsein gegeben.“

„Das Gebäude ist uns egal“, sagte Clara pragmatisch, obwohl ihre Hand am Schwertgriff zitterte. Sie blickte den Gang hinunter, weg vom Feuer. „Wir müssen zum Innenhof. Wir müssen wissen, ob Thaddeus noch... ob der Weg frei ist.“

„Der Weg ist nicht frei“, sagte Elias leise.

Er stand am Fenster und blickte in den Innenhof hinunter. Der goldene Schild war weg. Der Hof war voll. Schattenwesen wimmelten dort unten wie Ameisen auf einem Kadaver. Und dazwischen, aufrecht und blitzend, standen Trupps der Aegis-Elite. Sie kämpften nicht gegeneinander. Sie sicherten das Gelände.

„Sie haben die Bibliothek eingenommen“, sagte Elias. „Sie suchen uns.“

Ein lautes Krachen ließ sie zusammenfahren. Eine Holztür, weiter vorne im Gang, wurde aufgestoßen. Drei Gestalten traten heraus. Sie trugen die Roben von Bibliothekaren, aber ihre Haut war grau, und ihre Augen leuchteten im selben Violett wie der Riss. Sie hielten keine Bücher. Sie hielten lange, gezackte Messer, geformt aus Knochen.

„Infizierte“, zischte Tarek. „Zivilisten.“

„Waren Zivilisten“, korrigierte Clara und zog ihr Schwert. „Jetzt sind sie Hindernisse.“

Das Feuer am Ende des Ganges wurde heller. Der Rauch senkte sich tiefer. Sie waren eingekesselt. Hinter ihnen das Feuer. Vor ihnen die Infizierten. Und unter ihnen die Schatten im Schacht.

„Wir müssen durch“, sagte Zara und stellte sich schützend vor Jory. „Clara, Tarek – Frontalangriff. Marcus, Elias – bleibt in der Mitte. Lyra, deck Jory.“

„Und wohin?“ schrie Marcus, als die Infizierten mit einem heiseren Kreischen losrannten.

„In die Haupthalle“, sagte Tarek und wirbelte seine Klingen. „Da wo das Feuer am hellsten ist. Da rechnet niemand mit uns.“

Der Kampf begann.

Der Korridor im Westflügel verwandelte sich in einen Tunnel aus Lärm und Gewalt.

Die drei Infizierten – ehemalige Bibliothekare, deren Geist vom Riss ausgelöscht worden war – stürzten sich mit einer Wildheit auf die Gruppe, die nichts Menschliches mehr an sich hatte. Sie schrien nicht. Sie machten ein gurgelndes Geräusch, wie Wasser in einer kaputten Leitung.

„Haltet die Linie!“ brüllte Tarek.

Er fing den ersten Angreifer ab. Seine Kurzschwerter blitzten im Schein des Feuers, das sich rasend schnell durch die Regale am Ende des Ganges fraß. Er parierte einen Hieb des knöchernen Messers, drehte sich um die eigene Achse und trat dem Wesen in die Kniekehle. Es knackte laut, aber der Infizierte fiel nicht. Er schnappte mit Zähnen, die aussahen wie schwarze Nadeln, nach Tareks Hals.

Clara kämpfte neben ihm. Sie hatte keinen Platz für Eleganz. Sie nutzte ihr Schwert wie einen Hammer, schlug auf die Gliedmaßen ihres Gegners ein, um ihn zu verlangsamen. „Sie spüren keinen Schmerz!“ rief sie. „Wir müssen sie zerstückeln!“

Hinten, bei den "Nicht-Kombattanten", herrschte Chaos. Zara drängte Jory und Marcus gegen die Wand, weg von dem dritten Infizierten, der an der Decke entlangkroch wie eine Spinne. „Elias!“ schrie Zara. „Mach ihn runter!“

Elias stand schwer atmend da. Der Rauch biss in seinen Lungen. Er sah das Wesen über sich. Violette Augen starrten ihn an. Er hob den schwarzen Arm. Er wollte feuern. Einen Impuls senden. Aber in dem Moment, als er die Energie sammelte, flackerte das Feuer am Ende des Ganges auf. Es war kein normales Feuer. Es war Schattenfeuer. Kalt und violett im Kern, heiß und orange an den Rändern. Es reagierte auf Elias. Es wurde größer, angezogen von seinem Amulett wie Motten vom Licht.

„Nein“, keuchte Elias. „Wenn ich schieße... zieht es das Feuer her!“

Der Infizierte an der Decke ließ sich fallen. Direkt auf Marcus.

„Weg da!“ Zara warf sich dazwischen. Sie rammte ihre Schulter gegen Marcus, stieß ihn zur Seite. Der Infizierte landete auf ihr. Zara grunzte, als die Klauen ihren Ledermantel zerfetzten. Sie rammte ihren Dolch blindlings nach oben, in den Brustkorb des Wesens.

Marcus landete hart auf dem Boden. Seine Brille rutschte ihm von der Nase. Er tastete panisch danach, fand sie, setzte sie schief auf. Er sah Zara unter dem Monster kämpfen. Er sah Jory, der sich in eine Nische zwischen zwei brennenden Regalen gedrückt hatte, wimmernd, das Märchenbuch vor das Gesicht gehalten.

Und er sah das Feuer. Es kroch nicht mehr. Es sprang. Die Deckenbalken über ihnen, altes, trockenes Eichenholz, ächzten unter der Hitze und der Last der darüberliegenden Stockwerke.

„Die Struktur!“ schrie Marcus. Seine Stimme überschlug sich. „Variable K: Kollaps!“

Niemand hörte ihn im Kampflärm. Tarek hatte seinen Gegner enthauptet, drehte sich nun zu Zara um, um ihr zu helfen. Clara kämpfte immer noch mit ihrem, drängte ihn zurück in die Flammen.

Ein tiefes, reißendes Geräusch kam von oben. Marcus sah nach oben. Er sah den Riss im Hauptbalken. Er sah die Funken, die wie Regen herabfielen. Er berechnete die Trajektorie des Einsturzes. Er sah, wo der Balken landen würde. Genau zwischen der Gruppe und der Nische, in der Jory kauerte.

Marcus dachte nicht nach. Er vergaß die Statistik. Er vergaß seine Angst. Er vergaß, dass er nur ein Gelehrter war, der Bücher lieber mochte als Menschen. Er rannte.

„Jory!“

Er hechtete in die Nische, packte den Jungen am Kragen und riss ihn tiefer in den Schatten der Regale, weg vom Gang.

In diesem Moment gab der Balken nach.

KRAAAAACH-WUMM.

Tonnen von brennendem Holz, Stein und Putz stürzten herab. Eine Wand aus Feuer und Trümmern schlug genau dort ein, wo Marcus eben noch gestanden hatte. Die Druckwelle schleuderte ihn gegen das Regal. Bücher fielen auf ihn herab, begruben ihn halb. Staub und Rauch nahmen ihm sofort die Sicht und den Atem.

Husten. Dunkelheit. Hitze.

„Marcus!“ Das war Zaras Stimme. Sie klang weit weg, gedämpft. „Marcus! Jory!“

Marcus rappelte sich auf. Er schmeckte Blut. Er tastete neben sich. „Jory?“ Eine kleine, zitternde Hand griff nach seiner. „Ich bin hier“, piepste der Junge.

Marcus blinzelte den Staub aus den Augen. Vor ihnen war keine Wand mehr. Vor ihnen war ein Berg aus brennenden Trümmern. Der Korridor war blockiert. Vollständig. Er konnte durch die Lücken in den Trümmern das Flackern von Zaras Leuchtstab sehen, aber er kam nicht durch. Die Hitze war mörderisch.

„Tarek!“ schrie Marcus. „Zara!“

„Wir hören dich!“ Tareks Stimme war voller Panik. „Seid ihr verletzt?“

„Prellungen. Schnittwunden. Aber funktional“, rief Marcus zurück. Er drückte Jory an sich. „Der Weg ist dicht! Wir kommen nicht zurück!“

„Wir graben euch aus!“ rief Clara. Man hörte das Schaben von Metall auf Stein.

„Nein!“ schrie Marcus. Er sah auf das Thermometer an seinem Handgelenk. Das Glas war gesprungen, aber die Nadel war im roten Bereich. „Die Decke über euch ist instabil! Wenn ihr die Trümmer bewegt, kommt der Rest runter! Ihr müsst weg da!“

„Wir lassen euch nicht zurück!“ schrie Zara. Sie klang verzweifelt.

„Ihr müsst!“ Marcus zwang seine Stimme, fest zu bleiben. Er musste jetzt der Logiker sein, auch wenn er innerlich schrie. „Elias muss hier raus. Er ist das Ziel. Wenn ihr bleibt, kriegt Arkan uns alle. Wir... wir suchen einen anderen Weg.“

Stille auf der anderen Seite. Nur das Prasseln des Feuers.

Dann Elias’ Stimme. Schwach, aber hörbar. „Die Haupthalle... Marcus. Wir treffen uns unten. Am Fluss. Überleb.“

„Variable H: Hoffnung“, flüsterte Marcus. „Verstanden. Geht!“

Er hörte, wie sie zögerten. Dann hörte er Schritte, die sich entfernten. Tarek fluchte leise. Zara schluchzte einmal auf. Dann waren sie weg.

Marcus war allein. Mit einem Kind. In einer brennenden Bibliothek, die von Schatten gefressen wurde.

Er drehte sich um. Der Korridor hinter ihm war noch frei, aber Rauch kroch bereits über den Boden. Er sah Jory an. Der Junge weinte nicht. Er drückte das Buch an sich und sah Marcus mit großen Augen an. Er vertraute ihm. Das war schlimmer als jede Angst.

„Okay“, sagte Marcus und rückte seine schiefe Brille zurecht. Seine Hände zitterten so stark, dass sie klapperten. „Okay. Neue Variable. Wir müssen hier raus. Bevor wir gar sind.“

Er nahm Jory an die Hand. „Komm. Wir spielen Verstecken mit dem Feuer.“

Sie liefen tiefer in den Westflügel, weg von den anderen, hinein in das Labyrinth der brennenden Bücher.

Der Rückzug aus dem Westflügel fühlte sich an wie Verrat. Jeder Schritt weg von dem brennenden Trümmerhaufen, unter dem Marcus und Jory begraben waren – oder dahinter gefangen –, war eine Qual.

Zara wehrte sich. Sie schlug um sich, trat nach Tarek, der sie mit einem eisernen Griff am Arm gepackt hielt und den Gang hinunterzerrte. „Lass mich los! Wir können sie ausgraben!“ schrie sie, die Tränen vermischt mit Ruß und Blut in ihrem Gesicht. „Wir brauchen nur Zeit!“

„Wir haben keine Zeit!“ brüllte Tarek zurück. Er schüttelte sie hart. „Sieh nach oben, verdammt! Die Decke kommt runter! Wenn wir bleiben, sterben wir alle, und dann hat Marcus umsonst den Helden gespielt!“

Ein weiteres Stück der Decke stürzte krachend herab, nur wenige Meter hinter ihnen. Feuerwalzen leckten gierig über den teuren Teppich. Zara schluchzte auf, ein gebrochener Laut. Sie hörte auf zu kämpfen. Sie ließ sich von Tarek mitschleifen, weg von dem Einzigen, der an ihre Variable C geglaubt hatte.

Sie erreichten die Haupthalle.

Was sie dort sahen, ließ sie alle abrupt stehen bleiben. Selbst die Schattenjäger, die ihnen im Nacken saßen, schienen hier zu zögern.

Die Haupthalle war ein Schlachtfeld. Die prächtigen Regale waren zersplittert. Der Boden war übersät mit den Körpern von Schattenwesen – Dutzende, die sich langsam in schwarzen Rauch auflösten. Aber es war die Stille, die am lautesten schrie.

In der Mitte des Raumes, dort wo Thaddeus gestanden hatte, war... nichts. Kein Großmeister. Kein Stab. Nur ein Kreis aus verbranntem Stein, glatt und schwarz wie Glas, in den Boden gebrannt.

„Er ist weg“, flüsterte Clara. Sie ließ ihr Schwert sinken.

„Er hat sie mitgenommen“, sagte Lyra leise. Sie stützte Elias, der mit glasigen Augen auf den leeren Kreis starrte. „Die Energieentladung... er hat sich selbst als Brennpunkt benutzt. Er hat den Ansturm pulverisiert.“

„Und sich selbst gleich mit“, fügte Tarek düster hinzu. Er blickte sich wachsam um. Die großen Eingangstore waren weggesprengt. Draußen, im Innenhof, sammelten sich neue Schatten, aber sie zögerten, die Halle zu betreten, als hätten sie Angst vor dem Echo von Thaddeus’ Macht.

„Arkan?“ fragte Kael.

„Weg“, sagte Tarek. „Er hat bekommen, was er wollte – die Bibliothek ist gefallen. Er wird sich zurückziehen, um seine Wunden zu lecken und den Riss zu füttern.“

Elias humpelte einen Schritt vor. Er wollte zu dem verbrannten Kreis. Er wollte sehen, ob dort etwas lag. Ein Stück Stoff. Der Stab. Irgendwas. Aber Tarek hielt ihn zurück.

„Nein, Kleiner. Wir haben hier nichts mehr verloren. Nur unsere Haut.“ Er deutete auf die schmalen Türen an der Seite der Halle – die Dienstboteneingänge, die zu den Küchen und den unteren Gärten führten. „Das ist unser Ausgang. Clara, übernimm die Spitze. Ich decke den Rücken.“

„Was ist mit Marcus?“ fragte Elias leise. Er blickte zurück zum Westflügel, aus dem dicker schwarzer Rauch quoll.

„Er hat gesagt, wir treffen uns am Fluss“, sagte Tarek. Seine Stimme war fest, aber seine Augen verrieten ihn. Er glaubte es nicht. „Der Gelehrte ist zäh. Er hat den Codex. Und er hat Jory. Er wird einen Weg finden.“

Es war eine Lüge. Eine notwendige Lüge, damit sie weitergehen konnten.

Sie rannten. Durch die verlassenen Küchen, wo Töpfe noch auf kalten Öfen standen. Durch die Vorratskammern, die nach Gewürzen und Angst rochen. Sie traten die Hintertür auf und stürzten hinaus in die kühle, feuchte Luft der Nacht.

Sie waren auf der Rückseite des Akademie-Hügels. Unter ihnen lag der Fluss Seraph, breit und dunkel. Der Weg hinunter war steil, ein schmaler Ziegenpfad durch dorniges Gestrüpp. Sie rutschten mehr, als dass sie liefen.

Als sie das Flussufer erreichten, brachen sie zusammen. Sie waren entkommen. Aber der Preis war astronomisch gewesen.

Elias ließ sich in den nassen Sand fallen. Er drehte sich auf den Rücken und blickte nach oben. Die Bibliothek thronte hoch über ihnen auf der Klippe. Flammen schlugen nun aus allen Fenstern. Das Dach des Hauptgebäudes war eingestürzt. Funken stiegen in den violetten Himmel auf und vermischten sich mit der Dunkelheit des Risses. Es sah aus wie ein Scheiterhaufen für eine ganze Ära.

„Das Wissen der Welt“, flüsterte Clara, die neben ihm im Sand kniete und ihre Rüstungsteile ablegte. „Alles weg.“

„Nicht alles“, sagte Elias. Er hob seinen gesunden Arm und deutete vage in Richtung der brennenden Ruine. „Marcus hat den Codex. Und Thaddeus... Thaddeus hat uns die Lektion gelehrt.“

Zara saß am Wasser, die Knie an die Brust gezogen. Sie weinte nicht mehr. Sie starrte nur in die Flammen oben auf dem Berg. In ihren Augen spiegelte sich das Feuer wider, kalt und unbarmherzig. Sie griff nach einem Stein und warf ihn mit aller Kraft in den Fluss. Platsch.

„Variable R“, flüsterte sie, so leise, dass nur der Wind es hörte. „Rache. Ich schwöre dir, Marcus... wenn du stirbst, bringe ich dich eigenhändig um.“

Tarek stand abseits, rauchte den allerletzten Rest seines Tabaks, den er in einer zerknitterten Tasche gefunden hatte. Er sah die Gruppe an. Ein verbrannter Junge mit einem Monsterarm. Eine gefallene Wächterin. Eine Diebin ohne Herz. Ein Magier ohne Wasser. Und eine Heilerin ohne Heilmittel.

„Die Hüter des Rosts“, murmelte er und blies den Rauch in die Nacht. „Wir sehen verdammt erbärmlich aus.“

Aber sie lebten. Und oben, in dem Inferno, kämpfte jemand weiter.