NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 21: Wölfe und Lämmer
„ Das Dach aus Ruß und Regen“
Der Regen kam nicht plötzlich. Er kündigte sich an. Zuerst war es nur eine Verdichtung des Nebels, eine Schwere in der Luft, die das Atmen mühsam machte. Dann begann der Himmel zu grollen – ein tiefes, unzufriedenes Knurren, das in den Mägen widerhallte. Und schließlich öffneten sich die Schleusen.
Es war kein reinigender Sommerregen. Es war ein eiskalter Sturzbach, der vom Himmel drosch, als wollte er den Wald und alles, was darin kroch, in den Boden hämmern. Innerhalb von Minuten verwandelte sich der gefrorene Boden in einen morastigen Sumpf aus schwarzem Schlamm und rutschigem Laub.
„Dort!“, brüllte Tarek gegen das Tosen des Wassers an. Er deutete auf einen dunklen Fleck am Hang, halb verborgen hinter einer Wand aus dornigem Gestrüpp. „Eine Hütte!“ Sie stolperten den Hang hinauf. Elias rutschte immer wieder aus, seine Stiefel fanden keinen Halt auf dem aufgeweichten Lehm. Clara packte ihn am gesunden Arm und zog ihn hoch, grob, aber effektiv. Ihr Gesicht war nass, das blonde Haar klebte in Strähnen an ihrer Stirn, aber ihr Blick war fokussiert. Sie war im Einsatzmodus. Überleben war ein Befehl, und sie befolgte ihn.
Die Hütte war ein trauriges Relikt aus besseren Tagen. Sie duckte sich unter die ausladenden Äste einer Trauerweide, als wollte sie sich vor der Welt verstecken. Die Wände bestanden aus grob behauenen Stämmen, die von Moos und Flechten überwuchert waren. Das Dach war an mehreren Stellen eingebrochen und mit Planken geflickt worden, die aussahen wie Treibholz. Es roch nach altem Rauch. Tarek trat die Tür auf. Sie hing schief in den Angeln und protestierte mit einem kreischenden Quietschen, das im Prasseln des Regens fast unterging.
„Rein“, befahl er. Sie drängten sich in den engen Innenraum. Es war dunkel. Das einzige Licht kam durch die Ritzen in den Wänden und das Loch im Dach, durch das der Regen in einer stetigen Tropf-Melodie auf den lehmgestampften Boden fiel. Der Geruch war überwältigend. Kalter, nasser Ruß. Der beißende Gestank von Holzkohle, die vor Jahren verbrannt war, gemischt mit dem modrigen Aroma von verrottendem Holz und Tierkot.
„Heimelig“, murmelte Zara und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Wasser spritzte von ihrem Umhang. „Es ist trocken“, sagte Tarek und schob den Riegel vor die Tür. Das Holz war morsch, aber es würde zumindest den Wind draußen halten. „Mehr Luxus gibt es heute nicht.“
Elias ließ sich in einer Ecke an die Wand sinken. Er zog die Knie an die Brust. Sein rechter Arm pochte im Takt mit dem Regen, der auf das Dach trommelte. Das Amulett auf seiner Brust fühlte sich schwer an, träge, als wäre es vom Wasser vollgesogen wie ein Schwamm. Er beobachtete die anderen. Marcus stand in der Mitte des Raumes und versuchte verzweifelt, seine Brille an einem trockenen Fleck seines Ärmels zu putzen – ein aussichtsloses Unterfangen, da alles an ihm durchnässt war. Er zitterte, aber er beschwerte sich nicht mehr über Physiologie. Er hatte aufgegeben, die Situation zu analysieren. Er ertrug sie nur noch. Jory kauerte neben Lyra. Die Heilerin hatte ihm ihren eigenen Umhang zusätzlich umgelegt, so dass der Junge nun unter einem Berg aus nasser Wolle begraben war. Nur seine Augen waren sichtbar, groß und dunkel, starr auf die Tür gerichtet. Lyra strich ihm beruhigend über den Rücken, aber ihre eigenen Hände waren weiß vor Kälte.
Clara ging den Raum ab. Drei Schritte vor, drei Schritte zurück. Ihre Hand ruhte permanent auf dem Knauf ihres Degens. Das Metall klirrte leise bei jedem Schritt, wenn die Scheide gegen ihren Beinschutz schlug. „Es gibt nur einen Ausgang“, stellte sie fest. Ihre Stimme war ruhig, analytisch. „Taktisch ungünstig. Wenn sie uns hier drin erwischen, sitzen wir in der Falle.“ „Wenn wir draußen bleiben, sterben wir an Lungenentzündung“, entgegnete Tarek trocken. Er saß auf einem umgestürzten Schemel und wetzte einen seiner Dolche an der Sohle seines Stiefels. Ratsch. Ratsch. Ratsch. Das Geräusch schnitt durch das Rauschen des Regens.
„Wir sollten Wachen aufstellen“, beharrte Clara. „Der Regen übertönt Schritte.“ „Niemand ist so dumm, bei diesem Wetter zu jagen“, brummte Tarek, ohne aufzusehen. „Du würdest es tun“, sagte Zara. Sie lehnte an einem der Stützbalken, die Arme verschränkt. Tarek hielt inne. Er sah sie an. Ein kurzes, humorloses Grinsen huschte über sein vernarbtes Gesicht. „Ich werde auch bezahlt“, sagte er. „Genau das ist mein Punkt“, sagte Clara. „Arkan zahlt gut.“
Eine schwere Stille legte sich über den Raum, nur unterbrochen vom Prasseln des Regens auf dem morschen Dach und dem stetigen Plopp-Plopp des Wassers, das in eine alte Blechschüssel in der Ecke tropfte. Wut hing in der Luft. Nicht aufeinander. Sondern auf die Situation. Auf die Ungerechtigkeit, gejagt zu werden wie Vieh. Auf die Kälte, die sie alle mürbe machte. Elias spürte diese Wut fast körperlich. Sie strahlte von Clara ab wie Hitze. Sie wollte kämpfen. Sie brauchte einen Feind, etwas Greifbares, in das sie ihre Klinge stoßen konnte, um nicht über den Verlust ihrer Ehre nachdenken zu müssen.
„Hör auf zu tigern, Prinzessin“, sagte Tarek leise, aber scharf. „Du machst mich nervös.“ Clara blieb stehen. Sie drehte sich langsam zu ihm um. Ihre Augen blitzten gefährlich. „Ich sichere den Bereich, Söldner. Etwas, das du tun solltest, statt mit deinem Besteck zu spielen.“ „Ich spare meine Energie“, sagte Tarek gelassen und prüfte die Schneide seines Dolches mit dem Daumen. Ein feiner roter Strich erschien auf der Haut. „Für den Fall, dass wir sie wirklich brauchen.“
„Du glaubst nicht, dass sie kommen, oder?“, fragte Marcus leise in die Spannung hinein. Er hatte aufgehört zu putzen und starrte die beiden an. Tarek steckte den Dolch weg. Sein Blick wurde ernst. „Arkan hat ein Vermögen auf den Jungen ausgesetzt“, sagte er und nickte zu Elias. „Genug Gold, um sich ein eigenes Königreich zu kaufen. Für so viel Gold würden die Leute ihre eigene Mutter verkaufen. Und ihre Großmutter dazu.“ Er stand auf und ging zu einem der vernagelten Fenster. Er spähte durch eine Ritze hinaus in den grauen Vorhang aus Wasser. „Sie kommen“, sagte er leise. „Die Frage ist nur, wer zuerst hier ist. Die Profis oder die Amateure.“
Elias zog die Beine noch enger an den Körper. Er war das Ziel. Er war der Preis. Er sah auf seinen rechten Arm. Ich bin kein Opfer, dachte er trotzig. Ich bin eine Waffe. Aber er fühlte sich nicht wie eine Waffe. Er fühlte sich wie ein Köder.
Plötzlich hob Zara den Kopf. „Still“, zischte sie. Das Ratsch-Ratsch von Tareks Dolch verstummte sofort. Clara erstarrte mitten in der Bewegung. Alle lauschten. Zuerst war da nur der Regen. Das endlose Trommeln auf dem Dach. Das Gurgeln des Wassers in den Rinnen. Dann hörten sie es. Es war kein Knacken von Zweigen. Der Boden war zu nass dafür. Es war das saugende Geräusch von Stiefeln, die aus tiefem Schlamm gezogen wurden. Schmatz. Schmatz. Und das Klirren von Metall auf Metall.
Clara zog ihren Degen. Das Geräusch war hell und rein. Tarek fluchte leise. Er trat von dem Fenster zurück. „Wie viele?“, flüsterte er zu Zara. Die Diebin presste ihr Ohr an die feuchte Holzwand. Sie schloss die Augen. „Vier“, flüsterte sie zurück. „Vielleicht fünf. Schwer.“ „Profis?“, fragte Tarek. „Sie schleichen nicht“, sagte Zara. „Sie wissen, dass wir hier sind.“
Ein schwerer Schlag gegen die Tür ließ die ganze Hütte erzittern. Staub rieselte von den Balken herab. Jory wimmerte und drückte sich tiefer in Lyras Umhang. Lyra legte sich schützend über ihn, ihren Körper als Schild zwischen dem Jungen und der Tür.
„Aufmachen!“, brüllte eine Stimme von draußen. Sie war rau, laut und gewohnt, Befehle zu geben. „Wir wissen, dass ihr da drin seid. Und wir wissen, dass es zieht.“ Tarek atmete tief aus. Seine Schultern sanken einen Zentimeter nach unten. Die Anspannung wich einer tödlichen Ruhe. Er sah zu Clara. „Bereit, Prinzessin?“ Clara umklammerte den Griff ihres Degens so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie nickte. Ein kurzes, hartes Nicken. „Immer.“
Tarek drehte sich zur Tür. Er steckte den Dolch nicht weg, hielt ihn aber locker an der Seite, verborgen hinter seinem Bein. „Wer klopft so unhöflich an meine Tür?“, rief er zurück. Seine Stimme war plötzlich anders. Lauter. Fröhlicher. Es war die Stimme des Söldners, der Geschäfte machte. „Mach auf, Tarek!“, antwortete die Stimme draußen. „Bevor wir die Hütte anzünden und euch rauchern wie Schinken.“
Tarek verdrehte die Augen. Er blickte zu Elias und legte einen Finger auf seine Lippen. Dann ging er zur Tür und schob den Riegel zurück.
„ Das Angebot“
Die Tür schwang auf. Der Wind riss sie Tarek fast aus der Hand und knallte sie gegen die Außenwand der Hütte. Ein Schwall aus kaltem Regen und nassem Laub wehte herein, ließ die spärliche Wärme, die ihre Körper erzeugt hatten, in Sekunden verpuffen.
Draußen, im grauen Dämmerlicht des Unwetters, standen fünf Gestalten. Sie trugen schwere Umhänge aus gewachstem Leder, von denen das Wasser in Bächen herablief. Ihre Gesichter waren unter tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen verborgen, aber die Art, wie sie standen – breitbeinig, die Hände locker an den Waffen – verriet alles, was man wissen musste. Das waren keine Soldaten der Akademie. Soldaten standen stramm. Diese Männer standen so, als gehörte ihnen der Boden, auf dem sie spuckten.
Der Anführer stand einen Schritt vor den anderen. Er war ein Riese von einem Mann, dessen Schultern so breit waren, dass sie den Türrahmen fast ausfüllten. Er schob seine Kapuze zurück. Ein vernarbtes Gesicht kam zum Vorschein, dominiert von einer gebrochenen Nase und einem Bart, in dem Regentropfen wie Diamanten hingen. Seine Augen waren klein, dunkel und blitzten vor Gier.
„Tarek“, grollte er. Seine Stimme klang wie Mühlsteine, die aufeinanderrieben. Ein schiefes Grinsen entblößte Zähne, die aussahen wie vergilbte Grabsteine. „Ich habe gewettet, dass du es bist. Goran schuldet mir fünf Silberlinge.“ „Goran war schon immer ein schlechter Verlierer“, antwortete Tarek entspannt. Er lehnte sich lässig gegen den Türrahmen, verschränkte die Arme vor der Brust, aber seine rechte Hand blieb verdächtig nah an seinem Gürtel. „Hallo, Brutus. Ich dachte, du wärst im Süden. Irgendwas mit einem Baron und seiner entführten Tochter?“
Brutus lachte. Es war ein hässliches Geräusch. „Die Tochter war langweilig. Und der Baron geizig.“ Er trat einen Schritt näher. Der Regen prasselte auf seinen kahlen Schädel. Sein Blick wanderte an Tarek vorbei, hinein in die Dunkelheit der Hütte. Er scannte die Gesichter. Er sah Clara, die Hand am Degen. Er sah Marcus, der zitternd seine Brille festhielt. Und er sah Elias. Bei Elias blieb sein Blick hängen. Die Gier in seinen Augen intensivierte sich, bis sie fast greifbar war.
„Du hast interessante Freunde, Tarek“, sagte Brutus leise. Er leckte sich über die Lippen. „Ein Akademie-Frischling, ein Schreiberling... und das Goldene Kalb.“ „Wir sind nur Reisende“, sagte Tarek und schob sich minimal in Brutus’ Sichtfeld, blockierte den direkten Blick auf Elias. „Wir warten nur den Regen ab. Du weißt doch, wie schlecht meine Gelenke bei Nässe sind.“
„Spar dir den Scheiß“, schnaubte Brutus. Er zog eine schwere, mit Eisen beschlagene Keule von seinem Rücken. Seine Männer taten es ihm gleich – Schwerter und Äxte wurden gezogen, das Klirren von Stahl mischte sich mit dem Donnern am Himmel. „In Seraphis hängen Plakate“, fuhr Brutus fort. „Arkan zahlt nicht einfach nur Kopfgeld, Tarek. Er zahlt Rente. Für den Jungen da drin...“ Er deutete mit der Keule auf Elias. „...könnte ich mir eine eigene Insel kaufen. Mit Dienern, die mir die Stiefel lecken.“
Im Inneren der Hütte hielt Clara den Atem an. Sie spannte sich an, bereit, beim ersten Anzeichen von Gewalt vorzustürmen. Aber Tarek rührte sich nicht. Er stand da wie ein Fels in der Brandung. „Eine Insel“, wiederholte Tarek nachdenklich. „Klingt nett. Viel Sonne. Wenig Regen.“ „Halbe-Halbe“, bot Brutus an. Er trat noch einen Schritt näher, bis er fast Nase an Nase mit Tarek stand. Er stank nach billigem Schnaps und altem Schweiß. „Du trittst zur Seite. Wir nehmen den Jungen. Wir lassen den Rest laufen. Niemand muss sterben. Du kriegst genug Gold, um dich in Schnaps zu ersäufen, bis ans Ende deiner Tage.“
Es war ein gutes Angebot. Für einen Söldner war es das perfekte Angebot. Tarek blickte kurz über seine Schulter zurück. Er sah Elias an. Der Junge drückte sich in die Ecke, den schwarzen Arm an die Brust gepresst. Er sah nicht ängstlich aus. Er sah... müde aus. Erwartungsvoll. Als wüsste er, dass Verrat die einzige Währung dieser Welt war. Dann sah Tarek zu Clara. Sie starrte ihn an, die Augen voller Verachtung, schon bereit, ihn als Feind zu sehen. Und schließlich sah er Brutus wieder an.
Tarek lächelte. Es war nicht sein geschäftsmäßiges Lächeln. Es war ein echtes, fast sanftes Lächeln, das die Narben in seinem Gesicht weicher machte. „Weißt du, Brutus“, sagte er leise. Der Regen lief ihm über das Gesicht, mischte sich mit dem Schmutz der letzten Tage. „Das Angebot ist gut. Wirklich gut.“ Brutus grinste breiter. Er senkte die Keule ein wenig. Er dachte, er hätte gewonnen. „Ich wusste, dass du vernünftig bist“, grunzte der Riese. „Söldner wie wir... wir haben keine Ehre. Wir haben nur Preise.“
„Das stimmt“, nickte Tarek. „Aber da ist eine Sache.“ Er beugte sich vor, als wollte er Brutus ein Geheimnis anvertrauen. „Ich mag den Jungen“, flüsterte Tarek. Brutus blinzelte verwirrt. „Was?“ „Er redet weniger als du“, sagte Tarek.
In dem Moment, als das Verständnis in Brutus’ Augen aufdämmerte, handelte Tarek. Es gab keine Warnung. Kein Ausholen. Tarek riss seinen rechten Arm hoch. Der Dolch, den er hinter seinem Bein verborgen gehalten hatte, blitzte im grauen Licht auf. Er stach nicht nach oben, nicht zum Hals oder Herz. Er rammte die Klinge mit voller Wucht nach unten. Direkt durch den weichen Lederstiefel von Brutus. Mitten in den Spann.
Ein entsetzliches Knirschen von brechenden Mittelfußknochen war zu hören. Brutus riss die Augen auf. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei, aber Tarek ließ ihm keine Zeit, Luft zu holen. Er riss den Dolch wieder heraus – ein Schwall dunkles Blut spritzte auf die nassen Dielen – und rammte dem Riesen gleichzeitig seinen Ellbogen ins Gesicht. Die Nase brach mit einem feuchten Knack. Brutus taumelte rückwärts, heulend vor Schmerz, und prallte gegen die zwei Männer hinter ihm.
„JETZT!“, brüllte Tarek. Er wirbelte herum, zog seinen zweiten Dolch und trat einen Schritt zurück in die Hütte. „Clara! Flanke!“
Die Zeit des Redens war vorbei. Die Hütte war kein Versteck mehr. Sie war eine Arena.
„ Blut im Schlamm“
Die Hütte explodierte in Bewegung. Brutus’ Schrei war das Startsignal. Seine zwei Begleiter hinter ihm stolperten über ihren fallenden Anführer, ihre Waffen verfingen sich in den nassen Umhängen. Es war das eine entscheidende Zeitfenster, das Tarek erkauft hatte. Ein Wimpernschlag Chaos.
„Raus aus dem Türrahmen!“, brüllte Tarek und trat Brutus mit einem wuchtigen Stiefeltritt gegen die gebrochene Nase zurück in den Regen. Der Riese gurgelte und kippte nach hinten in den Schlamm. Doch die anderen drei Jäger – die, die draußen gewartet hatten – stürmten vor.
Der erste Mann, ein drahtiger Kerl mit zwei krummen Säbeln, hechtete über die Schwelle. Er war schnell, zu schnell für Tarek, der noch im Ausfallschritt stand. Der Säbel sauste auf Tareks ungeschützten Hals herab. KLING. Stahl traf auf Stahl. Funken sprühten im Halbdunkel. Clara war da. Sie hatte sich nicht bewegt wie eine Soldatin auf dem Exerzierplatz. Sie war geglitten. Ihr Degen hatte die Wucht des Säbels nicht blockiert – das hätte ihr das Handgelenk gebrochen –, sondern die Klinge zur Seite geleitet. „Abstand!“, zischte sie und stieß ihren Degen vor. Die Spitze bohrte sich in die Schulter des Angreifers. Er jaulte auf und wich zurück, stieß gegen den Mann hinter ihm.
„Nicht übel, Prinzessin“, knurrte Tarek. Er nutzte die Lücke, duckte sich unter einem wilden Axthieb hinweg und rammte seinen Ellbogen in die Magengrube des Axtkämpfers. Der Mann klappte zusammen wie ein Taschenmesser. Tarek beendete es mit einem harten Schlag des Knaufs auf den Hinterkopf. Der Jäger sackte bewusstlos in den nassen Lehmboden der Hütte.
Aber es waren zu viele. Die Hütte war zu klein. Fünf Angreifer, fünf Verteidiger, eingepfercht auf wenigen Quadratmetern, in denen es nach Angst, Schweiß und nassem Hund stank. Ein Jäger mit einem schweren Kriegshammer brach durch die morsche Seitenwand der Hütte. Holz splitterte, Regen peitschte herein. Er ignorierte die Kämpfenden. Sein Blick war starr auf die Ecke gerichtet. Auf Elias. „Das Gold gehört mir!“, brüllte er und hob den Hammer.
Elias drückte sich gegen die Wand, die Augen weit aufgerissen. Er hob den rechten Arm – instinktiv, eine sinnlose Geste gegen Stahl. „Nein!“, schrie Marcus und warf seine Tasche nach dem Mann. Es war ein verzweifelter, lächerlicher Wurf. Die Tasche traf den Jäger an der Schulter, prallte ab, ohne ihn auch nur zu verlangsamen. Der Hammer sauste herab.
Nicht auf Elias. Sondern auf Jory, der im Weg kauerte. Der Junge war erstarrt, ein kleines Bündel Elend im Schlamm. Er sah den Hammer kommen. Er schrie nicht einmal. Im letzten Moment warf sich ein Schatten über ihn. Lyra. Sie hatte keine Waffe. Sie hatte keine Rüstung. Sie hatte nur ihren Körper. Sie warf sich über den Jungen, drehte ihm den Rücken zu und zog den Kopf ein. Sie machte sich zum Schild. Der Hammer verfehlte ihren Schädel nur um Zentimeter. Der Stiel traf ihre Schulter mit einem hässlichen, dumpfen Geräusch. Lyra keuchte auf, ein gepresster Laut puren Schmerzes, aber sie bewegte sich nicht. Sie drückte Jory tiefer in den Dreck, schirmte ihn ab mit allem, was sie hatte.
Der Jäger holte zum zweiten Schlag aus. Ein Schatten löste sich von der Decke. Zara. Sie hatte sich im Chaos auf einen der Deckenbalken gezogen. Jetzt ließ sie sich fallen. Sie landete auf dem Rücken des Hammer-Kämpfers, die Beine um seinen Torso geschlungen wie eine Spinne. Ihre Dolche blitzten nicht. Sie waren schon da. Einer am Hals, einer unter der Achsel. „Falsche Wahl“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie zog nicht durch. Sie drückte nur die Klingen gegen die Haut, gerade so fest, dass Blut perlte. Der Mann erstarrte. Er ließ den Hammer fallen. Er wusste, dass jede Bewegung sein Ende war. „Raus“, zischte Zara. „Oder ich öffne dich.“ Der Mann stolperte rückwärts, Zara sprang ab, landete geschmeidig neben Lyra und trat den Mann durch das Loch in der Wand nach draußen.
An der Tür tobte derweil der Hauptkampf. Tarek und Clara standen nun Rücken an Rücken im Eingang. Es war keine abgesprochene Taktik. Es war Instinkt. Tarek war die Gewalt. Er kämpfte schmutzig. Er trat gegen Knie, warf Handvoll Matsch in Gesichter, nutzte seine Dolche wie Hauer eines Keilers. Er schuf Raum. Clara war die Präzision. Sie nutzte den Raum, den Tarek schuf. Ihr Degen war überall. Ein Stich in den Oberschenkel hier, ein Schnitt über den Handrücken dort. Sie tötete nicht. Sie deaktivierte. Jeder Treffer saß exakt dort, wo er einen Gegner kampfunfähig machte, ohne eine Arterie zu öffnen.
„Links!“, bellte Tarek, als ein Jäger versuchte, an ihnen vorbeizuschlüpfen. Clara drehte sich nicht einmal um. Sie ließ ihren Degen nach hinten schnellen, unter Tareks Arm hindurch. Die Spitze traf den Jäger am Brustbein, stoppte seinen Vorstoß. Tarek griff über seine Schulter, packte den Mann am Kragen und warf ihn wie einen nassen Sack aus der Hütte. „Sauber“, grunzte Tarek. „Du stehst zu breit“, keuchte Clara zurück, parierte einen Hieb und antwortete mit einem schnellen Stich zur Schulter. „Du blockierst meine Linie.“ „Dann stich härter, Prinzessin.“
Draußen im Schlamm versuchte Brutus, sich aufzurappeln. Sein Fuß war ein einziger Klumpen aus Schmerz, sein Gesicht eine Maske aus Blut. Er sah seine Männer – zwei am Boden, drei verletzt und zurückweichend. Er sah Tarek und Clara im Türrahmen stehen, eine Wand aus Stahl und Entschlossenheit. Er sah Zara, die im Loch der Seitenwand hockte und mit einem Dolch spielte. Und er hörte das Grollen des Donners, das nun seltsam leise wirkte gegen das wilde Pochen seines eigenen Blutes.
Brutus war gierig, aber er war nicht dumm. Er war ein Geschäftsmann. Und das hier war ein schlechtes Geschäft. „Rückzug!“, brüllte er, spuckte Blut und einen Zahn in den Schlamm. „Zurück!“ Die verbliebenen Jäger zögerten nicht. Sie packten ihre Verletzten und schleiften sie rückwärts den glitschigen Hang hinunter, weg von der Hütte, weg von den Dämonen, die darin hausten.
Tarek machte einen Schritt nach draußen, als wollte er nachsetzen. „Lass sie“, sagte Clara. Sie senkte ihren Degen, aber sie steckte ihn nicht weg. Ihre Brust hob und senkte sich heftig. Regen und Schweiß liefen ihr über das Gesicht. „Sie sind geschlagen.“ Tarek blieb stehen. Er starrte den fliehenden Schatten hinterher, bis sie im grauen Vorhang des Regens verschwunden waren. Er wischte sich Blut von der Wange – nicht seins. Dann drehte er sich langsam zu Clara um. Er musterte sie. Von den schlammbedeckten Stiefeln bis zu den nassen, blonden Haaren. Er sah keine verängstigte Kadettin mehr. Er sah jemanden, der wusste, wie man in einer Telefonzelle kämpft, ohne den Partner aufzuspießen.
Er nickte. Ein kurzes, knappes Nicken. „Nicht schlecht für eine, die noch nie echten Dreck gefressen hat“, sagte er. Clara wischte ihren Degen an ihrem Hosenbein ab. Ihre Hände zitterten leicht – das Adrenalin ließ nach –, aber ihr Blick war fest. „Deine Deckung war offen“, sagte sie kühl. „Bei dem zweiten Hieb.“ Tarek grinste schief. „Ich wusste, dass du da bist.“ Clara sah ihn an. Für einen Moment war die Arroganz aus ihrem Gesicht verschwunden. „Dein Stich war gut“, fügte sie leise hinzu. „Effizient.“
Drinnen in der Hütte herrschte Stille, nur unterbrochen vom Wimmern des Regens. Lyra saß im Schlamm, Jory immer noch fest an sich gedrückt. Sie hielt sich die Schulter, wo der Hammerstiel sie getroffen hatte. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, aschfahl. Marcus kniete neben ihr. Seine Hände schwebten hilflos über ihrer Verletzung. „Ist es gebrochen?“, fragte er panisch. Lyra schüttelte den Kopf. Sie biss die Zähne zusammen. „Nur... geprellt“, presste sie hervor. Sie sah auf Jory hinunter. Der Junge starrte sie mit großen Augen an. Er war unverletzt. Lyra zwang sich zu einem Lächeln. „Alles gut“, flüsterte sie dem Jungen zu. „Die Wölfe sind weg.“
Elias löste sich aus seiner Ecke. Er war unversehrt, aber er zitterte am ganzen Leib. Er hatte nichts getan. Er hatte zugesehen. Wieder einmal hatten andere für ihn geblutet. Sein Blick traf den von Tarek, der im Türrahmen stand und sich den Regen aus den Augen wischte. Tarek sagte nichts. Aber in seinem Blick lag etwas Neues. Kein Mitleid. Eher eine harte Erwartung. Das nächste Mal, schien der Blick zu sagen, blutest du selbst.
„ Soldatischer Respekt“
Die Stille nach dem Kampf war schlimmer als der Lärm. Sie hatte Gewicht. Sie drückte auf die Ohren, nur durchbrochen vom keuchenden Atmen der Überlebenden und dem endlosen Trommeln des Regens, der durch das zerborstene Loch in der Seitenwand peitschte.
Clara stand noch immer in der Mitte des Raumes. Ihr Degen war gesenkt, aber ihre Finger umklammerten den Griff so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ein Tropfen Blut – dunkel und dickflüssig – lief die Klinge hinab und fiel auf den lehmigen Boden. Sie starrte auf die Stelle, wo der letzte Jäger verschwunden war. Ihr Körper vibrierte. Es war das Nachbeben des Tötens, das Zittern, das die Muskeln ergriff, wenn die unmittelbare Gefahr wich und der Verstand begriff, was gerade geschehen war. Sie war eine Arendelle. Sie war zum Kampf erzogen worden. Aber das hier... das war kein Duell in der Akademie gewesen. Das war Schlamm, Knochenbrechen und der faulige Atem eines Mannes, der sie hatte aufschlitzen wollen.
„Atmen, Prinzessin“, sagte Tarek. Er stand an der Tür und schob den Riegel wieder vor – eine symbolische Geste, denn das Holz war gesplittert und hielt kaum noch. Er drehte sich zu ihr um. Er wischte seinen Dolch an seinem Hosenbein ab, eine beiläufige, fast routinierte Bewegung. Dann ging er zu seinem Rucksack, wühlte kurz darin und zog einen flachen Metallflachmann hervor. Er schraubte ihn auf, nahm einen tiefen Schluck und hielt ihn ihr hin. „Gegen das Zittern.“
Clara sah ihn an. Sie sah den Flachmann an. Früher, vor einer Woche noch, hätte sie ihn angewidert weggeschlagen. Alkohol im Dienst war ein Vergehen. Verbrüderung mit einem Kriminellen war Hochverrat. Sie steckte ihren Degen weg. Das Klack der Waffe, die in die Scheide glitt, klang endgültig. Sie nahm den Flachmann. Sie trank. Es war kein Wein. Es war billiger Fusel, der in der Kehle brannte wie flüssiges Feuer und einem die Tränen in die Augen trieb. Aber er wärmte. Sie hustete kurz, gab ihm die Flasche zurück und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Danke“, sagte sie. Ihre Stimme war rau, aber fest.
Tarek nickte. Er nahm noch einen Schluck und steckte die Flasche weg. „Wir können nicht hierbleiben“, sagte er. Er blickte sich im Raum um. Die Hütte war verwüstet. Eine Wand war halb eingedrückt, der Boden war eine Mischung aus Matsch und Blut. „Brutus ist ein gieriger Bastard, aber er ist nicht dumm. Er kommt nicht zurück. Aber er wird andere holen. Oder er verkauft unsere Position an die erste Patrouille, die er findet.“
Marcus hatte sich mittlerweile neben Lyra gekauert. Er hielt ihre Hand, untersuchte ihre Schulter, wo der Hammerstiel sie getroffen hatte. Die Haut war bereits tiefviolett verfärbt, eine hässliche Prellung, die sich über das Schlüsselbein zog. „Die Clavicula scheint intakt“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Seine Hände waren noch immer voller Schlamm, aber sie waren sanft. „Keine Krepitation. Aber das Hämatom ist massiv.“ „Es geht schon“, zischte Lyra und zog ihre Schulter weg. Sie war blass, Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. „Wir müssen uns um Jory kümmern.“ Der Junge saß noch immer da, wo Lyra ihn geschützt hatte. Er war unversehrt, aber seine Augen waren riesig. Er starrte auf den Blutfleck am Boden, wo Brutus’ Zahn lag.
Zara löste sich aus dem Schatten der Deckenbalken. Sie landete lautlos im Dreck, steckte ihre Dolche weg und ging zu dem Jungen. Sie ging in die Hocke. Sie fasste ihn nicht an. Sie schnippte ihm nur leicht gegen die Stirn, um seinen starren Blick zu brechen. „Hey“, sagte sie. „Wir leben. Das ist der Teil, der zählt. Guck dir den Boden später an.“ Jory blinzelte. Er atmete tief ein, ein zitternder Laut. Dann nickte er.
Elias stand immer noch an der Wand. Er hatte sich nicht bewegt. Sein Blick wanderten von einem zum anderen. Er sah Lyras schmerzverzerrtes Gesicht. Er sah Claras erschöpfte Haltung. Er sah das Blut an Tareks Stiefel. Alles seinetwegen. Der Gedanke war kein leises Flüstern mehr. Er war ein Schrei. Ich bin der Grund, warum sie bluten. Er umklammerte seinen rechten Arm. Das Amulett unter seiner Kleidung pulsierte schwach, genährt von der Gewalt, die gerade stattgefunden hatte. Es fühlte sich satt an. Zufrieden.
„Wir gehen“, sagte Clara plötzlich. Sie straffte die Schultern, verdrängte die Erschöpfung durch reine Disziplin. „Tarek hat recht. Die Position ist kompromittiert. Wir müssen in Bewegung bleiben.“ Sie blickte Tarek an. Es war keine Frage. Es war eine Bestätigung. „Führst du uns?“, fragte sie. Tarek hob eine Augenbraue. Ein Anflug von Überraschung huschte über sein Gesicht. Normalerweise stritten sie um jeden Befehl. „Ich kenne einen Pfad“, sagte er langsam. „Alte Schmugglerroute. Führt durch die Schluchten nach Osten. Weg von der Hauptstraße. Es ist steil, nass und beschissen gefährlich.“ „Klingt perfekt“, sagte Zara trocken.
Sie packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Es gab nicht viel zu packen. Die Decken waren klamm, das Essen fast aufgebraucht. Als sie die Hütte verließen, hatte der Regen etwas nachgelassen, aber der Himmel war immer noch eine offene Wunde aus Grau und Schwarz. Tarek ging voran. Clara folgte ihm, nicht mehr mit dem Abstand einer Wächterin, sondern im Schritt einer Partnerin. Sie deckte seinen Rücken, so wie er die Front deckte. Als sie an ihm vorbeiging, um die Nachhut zu sichern, trafen sich ihre Blicke noch einmal. Es wurden keine Worte gewechselt. Keine Entschuldigungen, keine großen Reden über Freundschaft. Aber da war ein kurzes Nicken. Ein soldatisches Nicken. Es bedeutete: Ich habe gesehen, was du getan hast. Und ich weiß, dass du nicht wegrennst.
Die Gruppe verschwand im Wald. Die Hütte blieb zurück, ein dunkles Mahnmal im Regen, gefüllt mit dem Geruch von Blut und dem Echo eines Kampfes, der sie zum ersten Mal wirklich zusammengeschweißt hatte. Sie waren keine Helden. Sie waren Gejagte, Diebe, Söldner und Verräter. Aber sie waren zusammen. Und während Elias als Letzter in den Schatten der Bäume trat, spürte er zum ersten Mal, dass dieses „Zusammen“ vielleicht stark genug war, um die Kälte in seiner Brust zu ertragen.