NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 20: Der kalte Wald

„ Das Schweigen der Schatten“

Der Wald atmete nicht. Er wartete.

Nebel hing wie zerrissene Leichentücher zwischen den schwarzen Stämmen des Verfluchten Forstes. Es war kein gewöhnlicher Nebel. Er schmeckte nicht nach Feuchtigkeit, sondern nach Staub und alter, abgestandener Luft, als hätte jemand eine Krypta geöffnet, die tausend Jahre lang verschlossen war.

Elias setzte einen Fuß vor den anderen. Das Moos unter seinen Stiefeln gab nicht nach; es war hartgefroren, spröde wie Glas. Jedes Mal, wenn er sein Gewicht verlagerte, gab der Boden ein leises, protestierendes Knacken von sich. Knack. Knack. In der drückenden Stille klang es so laut wie brechende Knochen.

Er blieb stehen und lehnte sich schwer gegen die raue Rinde einer Eiche, deren Krone im grauen Dunst verschwand. Sein Atem bildete weiße Wolken in der kalten Luft, die sofort vom Nebel verschluckt wurden. Sein rechter Arm pochte. Es war kein heißer Schmerz mehr. Es war ein dumpfes, tiefes Ziehen, als würde der schwarze Chitin-Panzer, der nun sein Fleisch war, versuchen, sich noch tiefer in seinen Körper zu graben, um Wärme zu finden. Aber da war keine Wärme. Elias fror. Er fror von innen heraus.

„Weiter“, zischte Tarek. Der Söldner tauchte als massiver Schemen aus der Dunkelheit auf. Er trug seine Axt nicht auf dem Rücken, sondern in der Hand. Seine Augen suchten hektisch die Schatten zwischen den Bäumen ab. „Wir können nicht hierbleiben. Wir sind zu exponiert.“

„Jory kann nicht mehr“, sagte eine leise Stimme hinter ihnen. Elias drehte sich um. Lyra stand ein paar Schritte entfernt, halb verborgen von einem mannshohen Farn, dessen Blätter schwarz und vertrocknet waren. Sie stützte den Jungen. Jory, der kleine Überlebende aus der Bibliothek, hing in ihren Armen wie eine Stoffpuppe, aus der man die Füllung entfernt hatte. Sein Gesicht war in den viel zu großen Kragen von Marcus’ Mantel gepresst, aber man konnte das Zittern sehen. Es schüttelte seinen kleinen Körper in brutalen, rhythmischen Wellen. Er gab keinen Laut von sich. Kein Schluchzen. Nur ein leises, unaufhörliches Wimmern im Schlaf, als würde er in seinen Träumen immer noch vor dem Feuer davonlaufen.

„Wir müssen rasten“, sagte Marcus. Der Gelehrte lehnte keuchend an einem Felsbrocken. Er drückte seine Tasche an die Brust, als wäre sie ein Schild. „Physiologisch gesehen sind wir am Ende. Die Hypothermie...“ „Wenn wir anhalten, finden sie uns“, knurrte Tarek. „Wenn wir weitergehen, fallen wir einfach um“, entgegnete Clara. Sie stand etwas abseits, die Hand am Schwertgriff. Ihre Stimme war hart, aber ihre Haltung verriet Erschöpfung. „Der Junge schafft keinen Kilometer mehr.“

Tarek fluchte leise. Er spuckte aus. Der Speichel gefror, noch bevor er den Boden berührte. „Na schön“, grollte er. Er deutete auf eine Senke zwischen zwei gigantischen Wurzeln, die sich wie die Finger einer toten Hand aus dem Boden gruben. „Dort rein. Sofort.“

Sie kauerten sich in den Schutz der Wurzeln. Der Boden war hier etwas trockener, geschützt durch das dichte Geflecht über ihnen, aber die Kälte kroch unbarmherzig durch ihre Kleider. Marcus ließ sich fallen und begann sofort, in seinem Rucksack zu kramen. Er zog einen Feuerstein hervor. Seine Hände zitterten so stark, dass er ihn fast fallen ließ. „Lass das“, fuhr Tarek ihn an. Er trat Marcus’ Hand weg, bevor dieser den Stahl schlagen konnte. „Wir erfrieren!“, zischte Marcus. „Ein Feuer sieht man in diesem Nebel auf fünf Meilen“, entgegnete Tarek kalt. „Willst du Arkans Reiter einladen? Oder die Schattenkriecher? Kein Feuer.“

Marcus starrte ihn an, Wut und Verzweiflung im Blick, aber er steckte den Feuerstein weg. Die Gruppe rückte zusammen. Es war keine Geste der Freundschaft, sondern reine Notwendigkeit. Paranoia lag über ihnen wie eine zweite Haut. Jeder Windstoß, der die toten Äste bewegte, ließ Köpfe herumfahren.

Elias saß am Rand. Er traute sich nicht, zu nah an die anderen zu rücken. Er spürte den Hunger des Amuletts. Es wollte die winzige Wärme, die die Körper der anderen abstrahlten, aufsaugen. Er sah zu Lyra und Jory hinüber. Die Heilerin hatte sich an die hölzerne Wand der Wurzel gelehnt und den Jungen fest in ihre Arme gezogen. Sie hatte ihm eine von Zaras gestohlenen Decken um die Schultern gelegt, aber das Zittern hörte nicht auf. Jorys Lippen waren blau. Seine Augen waren geschlossen, die Lider flatterten unruhig.

Lyra sah sich um. Ihr Blick traf den von Elias. In ihren Augen lag keine Angst vor ihm, nur eine tiefe, schmerzhafte Traurigkeit. Dann tat sie etwas, das Elias den Atem stocken ließ. Sie zog den Handschuh ihrer linken Hand aus. Ihre Finger waren schlank, blass vor Kälte. Sie legte ihre Handfläche sanft auf Jorys Stirn. „Schlaf“, flüsterte sie. „Die Schatten mögen keine Musik.“

Sie begann zu summen. Es war keine Melodie, die Elias kannte. Es war kein Zauberspruch der Akademie, keine Formel aus Marcus’ Büchern. Es war ein einfacher, tiefer Ton, der im Brustkorb vibrierte. Ein schwaches, goldenes Glimmen begann ihre Hand zu umhüllen. Es war kein aggressives Licht wie das der Magier in der Stadt. Es war weich. Diffus. Wie das letzte Licht eines Sommerabends, das sich im warmen Sand gespeichert hat. Elias spürte es bis zu sich herüber. Es war keine Hitze. Es war... Geborgenheit. Lyra wirkte dabei keine Magie – Elias’ Amulett reagierte nicht darauf. Es versuchte nicht, es zu fressen. Denn es war keine Energie, die man stehlen konnte. Es war reine, menschliche Fürsorge.

Jorys Wimmern verstummte. Der Junge atmete tief ein, dann aus. Sein Körper entspannte sich. Das krampfhafte Zittern ließ nach, als würde Lyras Lied eine unsichtbare Barriere gegen die Kälte des Waldes errichten. Marcus, der das Schauspiel beobachtete, senkte seinen Kopf. Er wirkte beschämt, dass seine Wissenschaft, seine Feuersteine, nutzlos waren gegen das, was Lyra tat.

Elias lehnte den Kopf zurück gegen die Wurzel. Er lauschte dem Summen. Und zum ersten Mal seit der Flucht aus der brennenden Stadt schloss er die Augen, ohne sofort das Feuer zu sehen.

Die Kälte war ein geduldiger Feind. Sie stürmte nicht an wie ein Soldat; sie wartete. Sie saß in den Falten ihrer Kleidung, kroch durch die Sohlen ihrer Stiefel und legte sich wie ein unsichtbarer Reif auf ihre Haut.

Marcus saß so nah an der winzigen Glut, wie er es wagte, ohne sich zu verbrennen. Er zitterte, aber es war nicht nur die Temperatur, die seine Hände unruhig machte. Es war die Unordnung. Das Chaos. Seine Welt bestand aus Regeln, aus Axiomen und Theoremen, die so unverrückbar waren wie die Mauern der Akademie. Aber die Mauern waren gefallen. Und die Regeln schienen hier draußen, im Schatten der toten Bäume, ihre Gültigkeit verloren zu haben.

Er kramte in seiner Tasche. Seine Finger, steif und taub, schlossen sich um das kühle Metall seiner Instrumente. Er zog eine Lupe hervor – das Glas hatte einen feinen Sprung, eine Narbe aus der Bibliothek – und ein kleines Skalpell, das er eigentlich zum Anspitzen seiner Federn benutzte.

„Elias“, flüsterte er. Der Junge saß ihm gegenüber, den Rücken an die kalte Erde der Grube gepresst. Elias hatte die Augen geschlossen, aber er schlief nicht. Niemand schlief wirklich. Die Atmung des Jungen ging flach, rasselnd. Elias öffnete ein Auge. Es wirkte dunkel in der Nacht, fast schwarz, und für einen Moment hatte Marcus das irreale Gefühl, in einen Abgrund zu blicken. „Zeig mir den Arm.“

Elias zögerte. Er zog den Ärmel seines Mantels noch tiefer über das Handgelenk, als wollte er das Ding darunter vor der Welt verstecken – oder die Welt vor dem Ding. „Es bringt nichts, Marcus.“ „Das entscheide ich“, schnappte Marcus, schärfer als beabsichtigt. Er räusperte sich. „Ich muss Daten erheben. Wenn wir verstehen, was es ist... physiologisch, meine ich... können wir vielleicht eine Lösung extrapolieren.“ Er wusste, dass es eine Lüge war. Aber es war eine Lüge, die er brauchte. Er brauchte eine Aufgabe. Eine Gleichung, die er lösen konnte.

Elias seufzte. Es war ein Geräusch alter Müdigkeit. Langsam schob er den Ärmel hoch. Im schwachen, rötlichen Glimmen der Glut wirkte der Arm nicht wie ein Körperteil. Er sah aus wie eine Rüstung, die direkt aus einem Albtraum geschmiedet worden war. Das schwarze Chitin glänzte feucht, obwohl es trocken war. Marcus beugte sich vor. Er setzte die Lupe an. Durch das gesprungene Glas sah er die Details, die er lieber nicht gesehen hätte. Dort, wo das Fleisch in das schwarze Material überging, gab es keine Entzündung. Keine Rötung. Keine Abstoßungsreaktion. Die Haut wurde einfach zum Handschuh. Die Poren zogen sich zusammen, verhärteten sich, änderten ihre Struktur von organisch zu... etwas anderem.

Marcus legte zwei Finger auf die Innenseite des Handgelenks, dort, wo die Arteria radialis pulsieren sollte. Er wartete. Er drückte fester. Nichts. Kein Pochen. Kein Lebenszeichen. „Das ist unmöglich“, murmelte er. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er nahm das Skalpell. „Spürst du das?“ Er drückte die Spitze sanft gegen das schwarze Material. Das Metall rutschte ab, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen. Es war härter als Stahl. „Elias?“ „Ich spüre den Druck“, sagte Elias leise. Seine Stimme war tonlos. „Aber keinen Schmerz. Der Schmerz ist... tiefer. Er ist nicht im Arm. Er ist im Kopf.“

Marcus ließ die Instrumente sinken. Er starrte auf den Arm. „Es gibt keinen Blutfluss“, flüsterte er, und die Panik in seiner Stimme ließ sie eine Oktave höher rutschen. „Das Gewebe ist tot. Nekrotisch. Aber es bewegt sich. Die motorischen Nerven müssen intakt sein, aber ohne Sauerstoffversorgung... das widerspricht jedem Gesetz der Anatomie. Es ist ein Paradoxon.“ Er sah Elias an, als wäre der Junge eine persönliche Beleidigung für seinen Verstand. „Du bist ein wandelnder Fehler in der Realität.“

Elias zog den Ärmel hastig wieder herunter. „Danke, Marcus. Das hilft ungemein.“ Marcus lehnte sich zurück, geschlagen. Er steckte die Lupe weg, fahrig, fast aggressiv. Seine Hände zitterten so stark, dass er den Rucksack kaum schließen konnte. „Ich bin ein Gelehrter“, murmelte er in seinen Bart. „Kein Nekromant.“

Während Marcus mit seiner existenziellen Krise rang und starr in die sterbende Glut blickte, löste sich ein Schatten aus dem Dunkel hinter ihm. Zara. Sie bewegte sich nicht wie die anderen. Sie machte keine Geräusche. Sie war einfach da, eine Verlängerung der Nacht. Ihr Blick war auf Marcus’ Rucksack gerichtet. Der Gelehrte hatte ihn unachtsam neben sich liegen lassen, die Schnalle nur halb geschlossen. Ein Stück trockenes Brot – hart wie Stein und wenig appetitlich, aber essbar – ragte aus einer Seitentasche. Seine letzte Ration. Marcus rieb sich die Augen unter seiner Brille, verloren in Gedanken über tote Arme und lebende Paradoxa. In diesem Moment griff Zara zu.

Es war keine hastige Bewegung. Es war Kunst. Ihre Hand glitt vor, schnell und präzise wie der Zungenschlag einer Viper. Ihre Finger schlossen sich um das Brot. Im selben Atemzug zog sie es heraus und ließ es in den weiten Ärmel ihres Umhangs gleiten. Marcus blinzelte und setzte die Brille wieder auf. Er griff nach dem Rucksack, zog ihn zu sich heran, um ihn als Kopfkissen zu benutzen. Er bemerkte nichts. Er seufzte schwer, rollte sich zusammen und drehte sich vom Feuer weg.

Zara blieb einen Moment hocken, regungslos, den Atem flach. Ihr Blick huschte zu Tarek, der mit dem Rücken am Baum lehnte und scheinbar döste, die Hand aber fest am Axtgriff hatte. Dann zu Elias, der wieder in seine eigene innere Dunkelheit abgetaucht war. Niemand hatte es gesehen.

Lautlos erhob sie sich und schlich hinüber zu der Wurzelnische, wo Lyra und Jory lagen. Lyra hatte die Augen geschlossen, erschöpft von dem Lied, das sie gesummt hatte. Jory war wach. Der Junge starrte mit großen, leeren Augen in die Dunkelheit. Er zitterte immer noch, wenn auch weniger heftig als zuvor. Zara kniete sich neben ihn. Sie blockierte mit ihrem Körper die Sichtlinie zu den anderen. „Hey“, machte sie lautlos, nur eine Bewegung der Lippen. Jory zuckte zusammen. Sein Blick fixierte sie ängstlich. Zara lächelte nicht. Ihr Gesicht war hart, gezeichnet vom Leben in der Unterstadt, wo Mitleid meistens tödlich endete. Aber ihre Augen waren weich. Sie ließ das gestohlene Brot aus ihrem Ärmel in ihre Hand gleiten. „Nimm“, flüsterte sie, kaum mehr als ein Hauch. Sie drückte es in seine kleinen, schmutzigen Hände. „Aber iss langsam. Wenn du kotzt, muss Marcus es aufwischen.“

Jory starrte auf das Brot, als wäre es pures Gold. Dann sah er zu Zara hoch. In seinen Augen stand eine Frage, die er nicht aussprechen konnte. Zara zuckte mit den Schultern. „Er hätte es eh nur analysiert“, murmelte sie. „Iss.“ Der Junge biss hinein. Er schlang nicht, er aß mit einer verzweifelten Ernsthaftigkeit. Zara sah weg. Sie setzte sich mit dem Rücken zur Wurzel, zog ihre Knie an die Brust und ließ einen ihrer Dolche zwischen den Fingern kreisen. Das Metall war kalt. Aber als sie zu Marcus hinüberblickte, der sich im Schlaf unruhig hin und her warf, spürte sie eine seltsame Wärme in der Magengrube. Sie schob den Gedanken beiseite. Wärme war gefährlich. Wärme machte langsam. Und in diesem Wald war Langsamkeit der Tod.

Die Nacht hatte kein Ende. Sie war ein stehendes Gewässer aus schwarzer Tinte, in dem die Zeit ertrunken war. Marcus starrte in die Glut. Sie war nur noch ein schwaches, rotes Glimmen, kaum heller als ein verblassender Gedanke, aber sie war das einzige, was die absolute Finsternis auf Distanz hielt.

Er saß mit dem Rücken gegen den rauen Stamm einer toten Eiche. Seine Knie waren an die Brust gezogen, die Arme fest um die Beine geschlungen, um die letzte Körperwärme zu konservieren. Es funktionierte nicht. Die Kälte des Waldes war physikalisch aggressiv. Sie biss durch den Stoff seiner Robe, kroch über seine Haut wie Insektenbeine und nistete sich tief in seinen Gelenken ein.

Er lauschte. Das rhythmische Atmen der anderen war das einzige Geräusch, das menschlich klang. Links von ihm, halb im Schatten der Wurzeln verborgen, lag Elias. Der Junge schlief unruhig, zuckte immer wieder zusammen, als würde er im Traum kämpfen. Seine rechte Hand – das Ding aus schwarzem Chitin – lag offen auf seiner Brust. Selbst im Dunkeln schien das Material das wenige Licht zu schlucken, statt es zu reflektieren. Daneben Lyra und Jory, ein Knäuel aus Stoff und Gliedmaßen. Lyra hielt den Jungen fest umklammert, eine schützende Barriere gegen die Alpträume. Und Tarek... der Söldner saß mehr, als dass er lag, den Kopf auf die Brust gesunken, aber die Hand lag immer noch auf dem Axtstiel. Selbst im Schlaf wirkte er gefährlich.

Marcus rieb sich die Augen unter der Brille. Seine Lider brannten. Er durfte nicht einschlafen. Er war die Wache. Er, der Bibliothekar, der kaum ein Schwert heben konnte, ohne sich selbst zu verletzen. Die Ironie schmeckte bitter auf seiner Zunge. Er sollte hier nicht sein. Er sollte in seinem Archiv sitzen, umgeben von dem vertrauten Geruch nach Pergament und Staub, und Teetassen stapeln. Stattdessen saß er in einem verfluchten Wald und wartete darauf, dass Schattenmonster ihn fraßen.

Variable C, dachte er. Der Gedanke kam ungebeten. Er hatte versucht, eine Formel für das Verhalten der Gruppe zu finden. Warum liefen sie nicht weg? Warum blieb Tarek? Warum half Lyra? Die Variablen ergaben keinen Sinn. Angst (Variable A) sollte zur Flucht (Variable F) führen. A = F. Das war logisch. Das war biologischer Imperativ. Aber sie blieben. Sie kämpften. Da war eine Unbekannte in der Gleichung. Eine Konstante, die er nicht definieren konnte.

Ein leises Knirschen riss ihn aus seinen Gedanken. Nicht im Wald. Neben ihm. Marcus zuckte zusammen, griff reflexartig nach dem Dolch, den Tarek ihm gegeben hatte – eine lächerliche Waffe in seinen ungeübten Händen. „Ruhig, Gelehrter. Ich bin’s nur.“ Zaras Stimme war kaum mehr als ein Hauch, leiser als der Wind in den toten Ästen. Sie schälte sich aus der Dunkelheit. Sie bewegte sich flüssig, ohne Ecken und Kanten, und ließ sich neben ihm nieder. Sie setzte sich nah. Zu nah für höfliche Distanz. „Du solltest schlafen“, flüsterte Marcus. Seine Stimme kratzte. „Schlaf ist was für Leute, die sicher sind“, antwortete sie. Sie zog die dünne Decke, die sie gestohlen hatte, enger um ihre Schultern. „Außerdem ist es verdammt kalt.“

Sie rückte noch ein Stück näher. Jetzt berührte ihre Schulter seinen Oberarm. Der Kontakt war elektrisierend. Durch die Schichten aus Stoff hindurch spürte Marcus ihre Wärme – eine lebendige, solide Präsenz in dieser Welt aus Eis und Schatten. Sein Herzschlag, der sich gerade erst beruhigt hatte, stolperte. Er starrte stur in die Glut. Er traute sich nicht, sie anzusehen. Wenn er sie ansah, würde die Logik versagen. Wenn er sie ansah, würde er Dinge denken, die nicht in seine Formeln passten.

„Woran denkst du?“, fragte Zara. „An Thermodynamik“, log er. „An die Unwahrscheinlichkeit unseres Überlebens.“ Zara lachte leise. Es war ein dunkles, rauchiges Geräusch. „Du und deine Zahlen. Retten sie dich?“ „Sie erklären die Welt“, verteidigte er sich schwach. „Sie erklären gar nichts“, sagte sie. Sie drehte den Kopf zu ihm. „Sie erklären nicht, warum du noch hier bist, Marcus. Du hättest in der Stadt bleiben können. Du hättest dich verstecken können, bis alles vorbei ist.“ Marcus schwieg. Er wusste die Antwort nicht. Oder er wusste sie, aber er hatte Angst, sie auszusprechen.

Die Stille zwischen ihnen dehnte sich, wurde schwer und bedeutungsvoll. Das Knacken des Holzes in der Glut klang plötzlich so laut wie Pistolenschüsse. „Ich bin hier, weil...“, begann er, brach dann ab. Er drehte den Kopf. Zara sah ihn an. Das schwache rote Licht malte Schatten in ihr Gesicht, betonte die scharfen Wangenknochen, die feine Narbe, die sich von ihrem linken Ohr bis zum Kinn zog. Ihre Augen waren dunkel, unergründlich, aber da war kein Spott darin. Nur eine intensive, fast schmerzhafte Aufmerksamkeit.

Sie roch nach Rauch. Nach altem Leder. Nach dem metallischen Duft der Dolche, die sie immer am Körper trug. Und darunter, ganz schwach, nach etwas Süßem – vielleicht dem gestohlenen Brot, vielleicht einfach nur nach ihr. Marcus’ Atem stockte. Die Welt schrumpfte zusammen. Der Wald, die Kälte, die Gefahr – alles verschwamm zu einem bedeutungslosen Hintergrundrauschen. Da war nur noch sie. Ihr Gesicht. Ihre Augen. Die Wärme ihrer Schulter an seiner.

„Zara...“, flüsterte er. Der Name fühlte sich fremd auf seiner Zunge an, und doch so vertraut, als hätte er ihn schon tausendmal gesagt. „Ich... ich weiß nicht, wie man das macht.“ „Was?“, hauchte sie. Ihr Blick wanderte zu seinen Lippen, dann wieder zu seinen Augen. „Das hier. Leben. Nicht aus Büchern.“ Sie lächelte nicht. Ihr Gesichtsausdruck wurde weich, fast verletzlich – eine Facette, die sie der Welt sonst nie zeigte. „Ich auch nicht“, gestand sie leise. „Ich kenne Überleben. Ich kenne Stehlen. Ich kenne Wegrennen.“ Sie löste eine Hand unter der Decke und hob sie. Ihre Finger zitterten leicht. Sie berührte seine Wange. Ihre Haut war rau. Schwielig. Die Hand einer Diebin, einer Kämpferin. Auf seiner weichen, ungepflegten Gelehrtenhaut fühlte sie sich an wie Sandpapier – und wie das Kostbarste, was er je gespürt hatte.

„Aber vielleicht“, flüsterte sie, und ihr Gesicht kam näher, „vielleicht müssen wir nicht wegrennen.“ Marcus lehnte sich ihr entgegen. Ein Magnetismus, stärker als jede Gravitation, zog ihn an. Er schloss die Augen zur Hälfte. Er sah ihre Wimpern. Den kleinen Fleck Asche auf ihrer Stirn. Er roch ihren Atem. Warm. Lebendig. Ihre Lippen waren nur noch Millimeter entfernt. Er konnte die Wärme spüren, die von ihnen ausstrahlte. Variable Z, dachte er benommen. Das ist Variable Z.

KNACK.

Das Geräusch zerriss die Stille wie ein Donnerschlag. Es kam direkt aus dem Unterholz, keine fünf Meter hinter ihnen. Trockenes Holz, das unter schwerem Gewicht barst.

Der Moment zersprang in tausend Scherben. Zara war eine Explosion aus Bewegung. In einem Wimpernschlag war sie auf den Beinen, die Decke fiel in den Dreck, zwei Dolche blitzten in ihren Händen auf. Ihre Haltung war tief, tödlich, bereit zu töten. Marcus stolperte hoch, riss seinen Stab hoch, das Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. „Dort!“, zischte Zara. Die anderen fuhren hoch. Tarek stand bereits, die Axt erhoben, den Schlaf sofort abgeschüttelt. Elias drückte sich gegen die Wurzel, die Hand ausgestreckt, schwarze Adern pulsierten auf seinem Arm.

Sie starrten in die Dunkelheit. Nebel waberte zwischen den Stämmen. Etwas Großes bewegte sich dort. Ein Schatten, massiv und lautlos. Zara spannte sich an, bereit zum Sprung. Der Kopf trat aus dem Dunst. Große, dunkle Augen, die im Restlicht der Glut feucht schimmerten. Ein Geweih, verzweigt wie die Äste über ihnen, krönte den Kopf. Ein Hirsch. Das Tier blieb stehen. Es musterte die Gruppe aus erstarrten Menschen mit einer gelangweilten Gleichgültigkeit. Es malmte langsam auf einem Büschel trockenem Moos. Seine Flanken hoben und senkten sich ruhig. Dampf stieß aus seinen Nüstern.

Sekunden vergingen. Niemand atmete. Dann schnaubte der Hirsch, drehte den Kopf abfällig zur Seite und trottete langsam, fast majestätisch, zurück in den Nebel. Das Geräusch seiner Hufe verhallte.

Tarek ließ die Axt sinken. Er stieß einen langen, zischenden Atemzug aus. „Verdammtes Vieh“, knurrte er. Er rieb sich das Gesicht. „Ich dachte, das war’s.“ Elias ließ den Arm sinken, das Pulsieren ebbte ab. Lyra drückte Jory, der wieder angefangen hatte zu wimmern, fest an sich.

Marcus stand da, die Knie weich wie Wachs. Das Adrenalin rauschte in seinen Ohren. Er sah zu Zara. Sie stand noch immer in Kampfhaltung, die Dolche fest umklammert. Langsam, ganz langsam, entspannten sich ihre Schultern. Sie steckte die Waffen weg. Sie drehte sich zu Marcus um. In ihrem Blick lag Erleichterung – und Frustration. Der intime Zauber war weg, weggewischt von der brutalen Realität ihrer Situation. Aber da war noch etwas anderes. Ein Funken. Sie fuhr sich mit der Hand durch das kurze, struppige Haar und lachte leise. Es klang nervös. „Verdammter Hirsch“, sagte sie.

Sie bückte sich und hob die Decke auf. Sie trat einen Schritt auf Marcus zu. Sie berührte ihn nicht, aber ihr Blick hielt ihn fest. „Aber...“, begann sie leise, so dass Tarek es nicht hören konnte. Ein schiefes, fast schüchternes Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. „Es war schön. Fast.“ Marcus schluckte. Er nickte stumm. Sein Hals war zu eng für Worte. Zara zwinkerte ihm zu. „Nächstes Mal, Gelehrter.“

Sie drehte sich um, ging zu ihrem Schlafplatz am anderen Ende der Wurzelnische und rollte sich in die Decke ein. Sie drehte ihm demonstrativ den Rücken zu. Marcus blieb allein am Feuer zurück. Er sank wieder auf seinen Platz an der Eiche. Er legte die Hand an seine Wange. Die Stelle, wo ihre Finger ihn berührt hatten, brannte immer noch. Kalt und heiß zugleich. Er starrte in die Glut. Nächstes Mal, dachte er. Und zum ersten Mal in dieser Nacht erschien ihm die Zukunft nicht mehr wie eine statistische Unmöglichkeit, sondern wie eine Variable, die es zu lösen lohnte.

„ Grau in Grau“

Der Morgen kam nicht mit goldenem Licht. Er kam wie eine Krankheit, die sich langsam über den Himmel ausbreitete. Das Schwarz der Nacht wich einem schmutzigen, milchigen Grau, das die Konturen des Waldes nicht schärfte, sondern sie nur noch trostloser wirken ließ. Der Nebel hatte sich nicht verzogen. Er hing nun tiefer, schwerer, und klammerte sich an die gefrorenen Farne und die toten Stämme wie feuchte Wolle.

Elias schlug die Augen auf. Sein erster bewusster Gedanke war Schmerz. Er hatte nicht wirklich geschlafen, eher gedämmert, gefangen in einem Zustand zwischen Erschöpfung und Wachsamkeit. Jetzt, wo er versuchte, sich zu bewegen, protestierte jeder Muskel in seinem Körper. Sein Nacken war steif, seine Glieder schwer wie Blei. Aber das war nichts gegen die Kälte. Sie saß tief in ihm. Sie war kein äußerer Einfluss mehr, gegen den man sich wehren konnte. Sie war ein Teil von ihm geworden. Er setzte sich auf. Das trockene Laub unter ihm raschelte laut in der Stille.

Die anderen erwachten ebenfalls. Es war kein heldenhaftes Erwachen. Es war ein elendes, mühsames Zurückkriechen in eine Realität, die niemand von ihnen wollte. Marcus stöhnte leise, als er versuchte, seine Beine zu strecken. Er rieb sich die Schultern, sein Gesicht war fahl, die Brille beschlagen. Er mied Zaras Blick. Zara selbst war bereits wach – oder sie hatte nie geschlafen. Sie stand ein paar Meter entfernt am Rand der Senke und starrte in den Nebel. Ihre Haltung war wieder verschlossen, die weiche Verletzlichkeit der Nacht war verschwunden, versiegelt hinter einer Mauer aus Pragmatismus. Sie wirkte bereit zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem, was zuerst nötig sein würde.

„Aufstehen“, sagte Tarek. Seine Stimme klang wie reibender Kies. Der Söldner erhob sich, streckte den massiven Rücken durch, bis es knackte. Er wirkte, als hätte ihm die Nacht nichts anhaben können, aber Elias sah die dunklen Ringe unter seinen Augen. Tarek trat das winzige Häufchen Asche aus, das von ihrem Feuer übrig geblieben war, und verrieb es mit dem Stiefel im Boden, bis nichts mehr darauf hindeutete, dass hier Menschen Wärme gesucht hatten. „Wir müssen weiter. Bevor der Wind dreht.“

Lyra weckte Jory. Der Junge wachte nicht schreiend auf, was ein Segen war, aber er wachte auch nicht wirklich auf. Er ließ sich von ihr auf die Beine ziehen, stand schwankend da und griff sofort nach ihrer Hand. Er war immer noch da, aber er war weit weg. Lyra strich ihm das verfilzte Haar aus der Stirn. Ihr eigenes Gesicht war blass, die leuchtende Wärme ihrer Hände war erloschen. Sie sah müde aus. Älter als sie war.

„Wohin?“, fragte Marcus. Er hatte seinen Rucksack geschultert. Er wirkte kleiner in dem großen, grauen Wald. „Norden“, sagte Tarek und deutete mit dem Kinn in den dichten Nebel. „Weg von der Straße. Weg von Seraphis. Wir suchen Deckung.“ „Wir suchen den Tod“, murmelte Marcus, aber er setzte sich in Bewegung.

Die Gruppe formierte sich. Tarek an der Spitze, Zara als Flanke, Lyra und Jory in der Mitte, Marcus und Elias als Nachhut. Es war keine militärische Ordnung, es war der Herdentrieb von Gejagten. Sie verließen die schützende Senke und traten hinaus in den Wald. Sofort schlug ihnen die feuchte Kälte ins Gesicht.

Elias ging als Letzter. Er zog den Kragen seines Mantels hoch, vergrub die Hände tief in den Taschen – die linke, um sie zu wärmen, die rechte, um sie zu verstecken. Er blickte ein letztes Mal zurück zu dem Platz, wo sie geschlafen hatten. Der Abdruck ihrer Körper im Laub war das Einzige, was von ihrer Anwesenheit zeugte. In einer Stunde würde der Nebel auch das verschluckt haben. Er fühlte sich seltsam leer. Die Angst der Nacht war gewichen, aber an ihre Stelle war keine Hoffnung getreten, sondern eine dumpfe Gewissheit. Das ist jetzt mein Leben, dachte er. Gehen. Frieren. Verstecken.

Er griff an seine Brust. Durch den Stoff hindurch spürte er das Amulett. Es war ruhig. Satt von der Kälte der Nacht. Es pulsierte langsam im Takt mit seinem Schritt. Bumm. Bumm. Es trieb ihn an. Nicht nach Hause. Sondern weiter. In den Nebel.

„Elias!“, zischte Zara von vorne. Er schreckte hoch. Er war zurückgefallen. Er nickte stumm, beschleunigte seinen Schritt und schloss zu den anderen auf. Der Wald von Aetherholm schluckte sie. Grau in Grau verschmolzen ihre Silhouetten mit den Bäumen, bis sie nicht mehr von den Schatten zu unterscheiden waren, die zwischen den Stämmen lauerten.