NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 25: DER HINTERHALT AM PASS
„ Die Zähne des Gebirges“
Der Pass der Toten Winde trug seinen Namen nicht, weil dort keine Winde wehten. Er trug ihn, weil der Wind dort so klang, als würde er sterben. Es war ein hohes, klagendes Pfeifen, das sich durch die engen Felsspalten presste, ein Ton, der an den Nerven sägte und die Ohren taub machte für alles andere. Die Wände des Passes ragten steil zu beiden Seiten auf, schwarzer, nasser Granit, der so glatt geschliffen war, dass selbst Flechten keinen Halt fanden. Der Himmel über ihnen war nur ein schmaler, grauer Streifen, zerrissen von Wolken, die so tief hingen, dass man meinte, sie berühren zu können.
„Enger“, brüllte Tarek gegen den Lärm an. Er ging voran, den Kopf eingezogen, die Axt als Gehstock nutzend. „Bleibt zusammen! Wenn hier einer stolpert, finden wir ihn erst im Frühjahr wieder, wenn der Schnee schmilzt.“ Die Gruppe bewegte sich wie eine Raupe durch die Schlucht. Der Boden war tückisch – loses Geröll, bedeckt von einer dünnen Schicht aus Schneematsch, der unter jedem Schritt wegrollte. Elias ging in der Mitte. Er spürte die Kälte nicht so sehr wie die anderen. Sein Mantel war offen, und der Dampf, der von seiner Haut aufstieg, wurde sofort vom Wind verweht. Aber er spürte etwas anderes. Das Amulett pulsierte. Es war nicht das rhythmische Bumm-Bumm der Reise. Es war ein hektisches, unregelmäßiges Zittern. Wie ein Kompass, der in die Nähe eines Magneten kommt und die Orientierung verliert.
„Marcus!“, rief Clara von hinten. Sie bildete die Nachhut, den Blick stetig nach oben gerichtet, dorthin, wo man Feinde erwarten würde. „Wie weit noch bis zum Sattel?“ Marcus stolperte, fing sich an Zaras Arm ab. Er zog die Karte halb aus dem Rohr, schützte sie mit seinem Körper vor der Nässe. „Zwei Kilometer!“, rief er zurück. „Vielleicht drei! Die Topografie hier ist... chaotisch. Die Höhenlinien ergeben keinen Sinn.“ „Das ganze verdammte Land ergibt keinen Sinn“, knurrte Zara. Sie zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht.
Plötzlich blieb Tarek stehen. Er hob die Faust. Das Zeichen für Halt. Die Gruppe erstarrte sofort. In den letzten Tagen hatten sie gelernt, Tareks Instinkten blind zu vertrauen. Wenn der Söldner stehen blieb, dann meistens, weil der Tod vor ihnen lag. „Was ist?“, fragte Elias und trat neben ihn. Tarek deutete auf den Boden. Dort, im Schneematsch, waren Spuren. Aber es waren keine Fußabdrücke. Es waren tiefe, parallele Furchen, als wäre etwas Schweres hindurchgeschleift worden. Und dazwischen... Abdrücke von Stiefeln. Viele Stiefel. Mit Eisenbeschlägen. „Soldaten“, sagte Tarek leise. Er ging in die Hocke, berührte den Rand eines Abdrucks. „Das Eis ist noch nicht wieder gefroren. Die sind keine Stunde vor uns.“
„Vor uns?“, fragte Clara scharf. Sie schloss auf. „Wie können sie vor uns sein? Wir haben den Pfad der Schmuggler genommen.“ „Arkan hat Reiter“, sagte Tarek. Er richtete sich auf, und sein Gesicht war grimmig. „Sie haben den langen Weg um den Berg genommen, aber sie waren schneller. Sie warten auf uns.“ Er blickte nach oben, zu den steilen Wänden. „Wir sitzen in der Falle. Vor uns die Blockade. Hinter uns der Abstieg. Und hier...“ Er breitete die Arme aus, um die Enge der Schlucht zu betonen. „...sind wir auf dem Präsentierteller.“
Ein Grollen antwortete ihm. Es war nicht der Wind. Es war Donner. Aber er kam nicht vom Himmel. Er kam von den Felswänden. Kleine Steine lösten sich weit oben und prasselten herab, klackerten wie Hagel auf den Boden um sie herum. „Deckung!“, schrie Clara. Sie drängten sich gegen die Felswand, suchten Schutz unter einem kleinen Überhang. Elias presste sich an den Stein. Er spürte die Vibration im Fels. Bumm. Bumm. Bumm. Das war kein natürlicher Steinschlag. Das waren Schritte. Das Amulett auf seiner Brust wurde heiß. So heiß, dass er aufkeuchte. „Er ist hier“, flüsterte Elias. „Wer?“, fragte Zara, die Hand an den Dolchen. „Arkan.“
Der Wind im Pass veränderte sich. Das heisere Pfeifen verstummte. Die Luft wurde schwer, statisch aufgeladen. Die Haare auf ihren Armen stellten sich auf. Es roch plötzlich nicht mehr nach Schnee und nassem Stein. Es roch nach Ozon. Nach verbranntem Zucker. Nach alter, schwerer Magie. Vor ihnen, dort wo der Pass sich zu einer kleinen Senke weitete, begann die Luft zu flimmern. Der Nebel verdichtete sich, wirbelte, nahm Farbe an. Violett. Schwarz. Eine Gestalt formte sich aus dem Dunst. Sie war riesig, drei Meter hoch, aber transparent wie Glas. Ein Projektion. Ratsherr Arkan.
Er trug seine volle Robe, schwarz mit silbernen Fäden durchwirkt, die im fahlen Licht glänzten. Sein Gesicht war ruhig, fast väterlich. Er wirkte nicht wie ein General, der seine Truppen in den Krieg führte. Er wirkte wie ein Lehrer, der einen entlaufenen Schüler gefunden hat. Seine Stimme war nicht laut, aber sie füllte den ganzen Pass. Sie kam aus den Steinen, aus dem Wind, aus ihren eigenen Köpfen. „Elias“, sagte die Stimme. Es war kein Drohen. Es war eine Begrüßung.
Elias löste sich von der Felswand. „Bleib hier!“, zischte Tarek und griff nach seinem Arm. Elias schüttelte ihn ab. Nicht grob, aber bestimmt. „Er kann mir hier nichts tun“, sagte Elias. „Es ist nur ein Bild.“ Er trat vor. Er ging bis in die Mitte des Weges, dort, wo der Wind am stärksten war. Er stellte sich der Projektion. Er fühlte sich winzig gegen diesen Riesen aus Licht und Schatten, aber er wich nicht zurück. „Was willst du?“, rief er. Seine Stimme war fest. Er war nicht mehr der Junge, der in der Akademie vor Angst gezittert hatte. Er war derjenige, der einen Alpha-Schatten gefressen hatte.
Arkan lächelte. Das Bild flackerte leicht, als eine Windböe hindurchfuhr. „Was ich will?“, fragte Arkan sanft. „Ich will dich retten, Elias. Sieh dich doch an.“ Die riesige Hand der Projektion hob sich, deutete auf Elias’ rechten Arm, den er unter dem Mantel verborgen hielt. „Ich spüre es bis hierher. Die Kälte. Den Hunger. Es frisst dich auf, nicht wahr? Stück für Stück.“ Elias schwieg. Er umklammerte den schwarzen Arm mit seiner linken Hand. Arkan hatte recht. Die Kälte war immer da. Ein ständiger Begleiter. „Ich kann es aufhalten“, sagte Arkan. Seine Stimme wurde leiser, intimer. „Ich weiß, wie man das Gefäß kontrolliert. Ich habe die Schriften studiert, die Thaddeus vor dir versteckt hat. Ich kann dich heilen, Elias. Ich kann den Schmerz nehmen.“
Hinter Elias wechselte Clara einen Blick mit Tarek. „Er spielt auf Zeit“, flüsterte sie. „Seine Truppen beziehen Stellung.“ Sie scannte die Felswände oben. Im Nebel sah sie Bewegungen. Schatten, die sich positionierten. Bogenschützen. „Wir müssen uns bewegen“, flüsterte Tarek zurück. „Wenn wir hier stehenbleiben, sind wir tot.“ „Noch nicht“, sagte Clara. Sie beobachtete Elias. „Er muss es tun. Er muss nein sagen.“
Arkan beugte sich herab. Das riesige, transparente Gesicht schwebte nur Meter vor Elias. „Komm zurück“, sagte Arkan. „Bring mir das Amulett. Und ich gebe dir dein Leben zurück. Ein Leben ohne Schmerz. Ein Leben in Wärme. Du musst kein Monster sein, Elias. Du kannst ein Held sein. An meiner Seite.“ Es war verlockend. Gott, es war so verlockend. Einfach aufgeben. Einfach die Last ablegen. Die Kälte loswerden. Wieder warm sein. Elias schloss die Augen. Er dachte an das Feuer in der Höhle. An die Wärme von gestern Nacht. Arkan bot ihm genau das an. Dauerhaft. Aber dann dachte er an etwas anderes. Er dachte an den toten, grauen Kreis auf der Lichtung. Er dachte an Lyras erschrockenes Gesicht. Er dachte an die Worte auf der Karte. Einer, der bleibt. Und er wusste: Arkan log. Arkan wollte nicht heilen. Er wollte besitzen. Er wollte die Macht der Löschung für sich selbst.
Elias öffnete die Augen. Die Kälte in ihm war nicht mehr sein Feind. Sie war sein Schild. Er sah zu der Projektion auf. Er zog langsam, ganz langsam, seinen rechten Arm unter dem Mantel hervor. Er präsentierte das schwarze Chitin, die pulsierenden Adern, die monströse Klaue. „Du kannst das hier nicht heilen“, sagte Elias. Seine Stimme war leise, aber sie trug die Härte von Diamant. „Denn es ist keine Krankheit. Es ist ein Urteil.“ Arkan runzelte die Stirn. Das Bild flackerte stärker. „Du verstehst nicht...“ „Ich verstehe“, unterbrach ihn Elias. Er spuckte aus. Ein Klumpen Speichel landete im Schneematsch vor den Füßen der Projektion. Eine Geste der absoluten Verachtung. „Ich bin kein Werkzeug, Arkan“, rief er, und diesmal schrie er es fast, damit es auch die Soldaten oben auf den Klippen hören konnten. „Und ich bin kein Held. Ich bin eine Warnung.“
Das Lächeln auf Arkans Gesicht verschwand. Es wich einer kalten, leblosen Maske. „Schade“, sagte die Projektion. Die Stimme war jetzt nicht mehr väterlich. Sie war metallisch. „Dann bist du nur ein Hindernis.“ Das Bild löste sich auf. Es zerfiel in violetten Rauch, der vom Wind sofort zerrissen wurde.
„DECKUNG!“, brüllte Clara. Im selben Moment surrten die Sehnen. Ein Hagel aus schwarzen Pfeilen prasselte auf den Pass nieder.
„ Donner und Stein“
Der Himmel wurde dunkel. Nicht vor Wolken, sondern vor Stahl. Das Surren der Bogensehnen war ein Geräusch, das Clara in ihren Träumen verfolgte – das Geräusch des unvermeidbaren Todes, der aus der Distanz kommt. „Schild!“, brüllte sie. Es war kein magischer Befehl. Es war ein Reflex. Sie riss ihren Mantel hoch, wirbelte herum und warf sich über Marcus, der immer noch wie erstarrt auf die Stelle starrte, wo eben noch Arkan gestanden hatte. Tarek reagierte im selben Herzschlag. Er packte Elias am Kragen und schleuderte ihn hinter den massiven Felsvorsprung, an dem sie kauerten. Zara war bereits verschwunden, verschmolzen mit den Schatten der Felswand.
Dann schlug der Tod ein. Es war kein Pling oder Pock, wie in den Geschichten. Es war ein hässliches, nasses Tschak-Tschak-Tschak. Pfeile bohrten sich in den gefrorenen Boden, zersplitterten an den Felswänden, prallten funkenschlagend von Tareks Schulterplatte ab. Einer der Pfeile durchschlug den Rand von Claras Mantel, verfehlte ihren Arm nur um Millimeter und blieb vibrierend im Schnee stecken. Die Befiederung war schwarz. Rabenfedern. Arkans Elite.
„Unten bleiben!“, schrie Tarek. Er kauerte über Elias, seinen Körper als lebenden Wall nutzend. „Das ist erst die erste Salve!“ Er hatte recht. Kaum war das Echo der ersten Einschläge verhallt, hörten sie es wieder. Das Surren. Dann das Prasseln. Diesmal war es dichter. Die Welt schrumpfte auf den halben Meter Raum zwischen ihnen und der Felswand zusammen. Der Geruch von Ozon war verflogen, ersetzt durch den metallischen Geschmack von Panik auf der Zunge. Jory wimmerte, ein leises, konstantes Geräusch, das fast im Lärm der aufschlagenden Geschosse unterging. Lyra hielt ihn fest, drückte sein Gesicht in den Dreck, ihr eigener Körper zitterte bei jedem Aufprall.
„Wir sitzen fest!“, rief Zara von ihrer Position. Sie kauerte in einer Spalte zwei Meter über ihnen. „Ich sehe sie! Oben auf dem Grat! Mindestens zwanzig Schützen! Und... Scheiße!“ „Was?“, brüllte Clara zurück. „Infanterie! Sie kommen runter! Beide Seiten!“
Clara riskierte einen Blick. Sie schob sich Millimeter für Millimeter an der Felswand hoch. Ein Pfeil zischte an ihrer Nase vorbei, riss eine Strähne ihres blonden Haares mit sich. Sie zuckte nicht zusammen. Sie sah sie. An den steilen Wänden des Passes seilten sich Gestalten ab. Schwarze Rüstungen, die im fahlen Licht glänzten wie die Panzer von Käfern. Sie bewegten sich schnell, diszipliniert. Keine Schreie. Keine Schlachtrufe. Nur das Klirren von Kettenhemden und das Schaben von Stiefeln auf Stein. Sie waren eingekesselt. Wie Ratten in einer Tonne.
„Sie wollen uns nicht erschießen“, stellte Tarek fest. Er hatte sich neben Clara geschoben. „Die Pfeile sollen uns nur pinnen. Die da...“ Er nickte zu den herabkletternden Soldaten. „...die sind für die Drecksarbeit.“ Er sah Clara an. In seinen Augen lag keine Angst, aber eine grimme Ernsthaftigkeit. Er war ein Söldner. Er wusste, wann eine Schlacht verloren war, bevor sie begonnen hatte. Und diese hier roch nach einem Massaker. „Wir müssen den Durchbruch erzwingen“, sagte er. „Nach vorne. Durch die Blockade.“ „Das ist Selbstmord“, entgegnete Clara. Ihr Gehirn arbeitete rasend schnell. Sie sah die Winkel. Sie sah die Entfernungen. „Sie haben die Höhe. Wenn wir uns bewegen, sind wir tot.“
„Wenn wir hierbleiben, sind wir auch tot!“, fauchte Tarek. „Tu was, Prinzessin! Du hast die Akademie besucht! Was sagt das Handbuch?“ Clara schloss für eine Sekunde die Augen. Sie sah die Diagramme der Taktik-Kurse vor sich. Verteidigung in unwegsamem Gelände. Nutzung von Engpässen. Asymmetrische Kriegsführung. Das Handbuch sagte: Rückzug. Aber Rückzug war keine Option. Hinter ihnen war der Abgrund. Variable C, dachte sie und sah zu Marcus. Wenn die Angst irrelevant wird.
Sie riss die Augen auf. Die Angst war weg. An ihrer Stelle war eine eiskalte Klarheit getreten. Sie war keine Kadettin mehr, die um gute Noten kämpfte. Sie war keine Verräter-Tochter mehr. Sie war der Schild. Und sie war das Schwert.
„Marcus!“, ihre Stimme war kein Rufen mehr. Es war ein Befehl. Scharf. Laut. Unwiderruflich. Der Gelehrte zuckte zusammen, riss die Hände vom Kopf. „Was?“ „Die Felsnadel!“, brüllte Clara und deutete nach oben, auf die gegenüberliegende Seite der Schlucht. Dort, etwa fünfzig Meter über den Köpfen der absteigenden Soldaten, ragte ein massiver, verwitterter Felsvorsprung heraus, der aussah wie ein abgebrochener Zahn. Er war von Rissen durchzogen, instabil, gehalten nur von gefrorenem Schlamm und der Gnade der Schwerkraft. „Kannst du den Fall berechnen?“, schrie sie. Marcus blinzelte. Er folgte ihrem Finger. Seine Augen weiteten sich. Sein Verstand, eben noch gelähmt von Panik, klinkte sich in das Problem ein wie ein Zahnrad in eine Maschine. „Die Trajektorie... die Masse...“, stammelte er. „JA ODER NEIN?“, donnerte Clara. „Ja!“, schrie Marcus zurück. „Aber ich brauche einen Auslöser! Etwas mit kinetischer Wucht!“
„Tarek!“, rief Clara. Der Söldner sah sie an. Er grinste. Es war ein wildes, blutdurstiges Grinsen. Er hatte verstanden. „Ich mag, wie du denkst, Prinzessin“, brummte er. „Deine Wurfaxt“, sagte sie. „Kommst du so hoch?“ Tarek taxierte die Entfernung. Es war weit. Verdammt weit. Und der Wind drückte von oben. „Vielleicht“, sagte er. „Wenn mir keiner von diesen Bastarden einen Pfeil in den Arsch schießt, während ich werfe.“
„Zara!“, rief Clara. „Bin da!“, kam die Antwort von oben. „Gib uns Deckungsfeuer! Alles was du hast! Halt die Köpfe der Schützen unten!“ „Verstanden!“, rief die Diebin. „Aber ich habe nur sechs Messer!“ „Dann triff sechsmal!“, schrie Clara.
Sie drehte sich zu Elias um. Der Junge kauerte immer noch an der Felswand. Er wirkte klein. Zerbrechlich. Aber sein Blick war starr auf sie gerichtet. „Und du“, sagte Clara leise, aber mit einer Intensität, die ihn zusammenzucken ließ. „Du bist der Köder.“ Elias blinzelte. „Was?“ „Sie wollen dich“, sagte Clara. „Also gib ihnen, was sie wollen. Mach dich sichtbar. Zieh ihr Feuer auf dich.“ „Bist du wahnsinnig?“, zischte Tarek. „Vertrau mir“, sagte Clara. Sie sah Tarek in die Augen. „Ich kenne Soldaten. Wenn sie das Ziel sehen, vergessen sie die Disziplin. Sie werden gierig.“
Die ersten Soldaten erreichten den Boden der Schlucht. Es waren fünf. Schwere Infanterie. Schilde vor der Brust, Kurzschwerter gezogen. Sie formierten sich zu einer Phalanx und begannen, vorzurücken. Ihre Stiefel stampften im Gleichtakt. Bumm. Bumm. Bumm. Hinter ihnen seilten sich weitere ab. Die Zeit war abgelaufen.
Clara zog ihren Degen. Das Geräusch von Stahl auf Leder war das Startsignal. „JETZT!“, brüllte sie.
Elias sprang auf. Er rannte nicht weg. Er rannte in die Mitte des Weges, direkt in das Sichtfeld der Schützen und der Soldaten. Er breitete die Arme aus. Der Wind riss seinen Mantel auf, entblößte den schwarzen Handschuh, der im grauen Licht pulsierte. „Hier bin ich!“, schrie er. Seine Stimme überschlug sich, aber sie war laut. „Wollt ihr mich? Dann holt mich!“
Für eine Sekunde geschah nichts. Die Soldaten unten hielten inne, überrascht von der Dreistigkeit. Die Schützen oben zögerten – der Befehl lautete: Lebend. Dann brach das Chaos los. „Greift ihn!“, brüllte ein Offizier von oben. Die Formation unten brach auf. Die Soldaten stürmten los, die Schilde gesenkt, die Gier nach dem Kopfgeld in den Augen. Die Bogenschützen legten an, zielten auf seine Beine.
In diesem Moment erhob sich Zara aus ihrem Versteck. Sie war ein Wirbelwind. Drei Messer flogen in schneller Folge. Das erste traf einen Schützen in den Hals. Er stürzte lautlos in die Tiefe. Das zweite traf einen anderen in die Schulter, ließ ihn den Bogen fallen lassen. Das dritte prallte an einem Helm ab, sorgte aber dafür, dass der Mann in Deckung hechtete. Unruhe breitete sich oben auf dem Grat aus.
Tarek trat aus dem Schatten des Überhangs. Er brüllte nicht. Er atmete aus. Er spannte jeden Muskel in seinem massiven Körper an. Er holte aus. Sein Arm war eine Sehne aus Stahl. Die Axt verließ seine Hand. Sie rotierte singend durch die Luft, durchschnitt den Wind, stieg höher und höher. Es war ein unmöglicher Wurf. Gegen die Schwerkraft. Gegen den Wind. Gegen die Wahrscheinlichkeit.
Marcus stand neben ihm, die Augen auf die Felsnadel gerichtet. Er murmelte Zahlen. Winkel. Windgeschwindigkeit. „Ein Grad nach links...“, flüsterte er entsetzt. „Der Wind...“
Die Axt traf. Aber sie traf nicht den Fels. Sie traf die Eisplatte, die den Felszahn an der Basis hielt. Es gab ein helles, klirrendes Krrrack. Das Eis splitterte. Für einen Herzschlag passierte nichts. Die Axt steckte im Eis, vibrierte. Dann neigte sich der Felszahn. Langsam erst. Majestätisch. Ein Riss öffnete sich an der Basis, schwarzer Staub rieselte heraus. Dann kippte er. Tonnen von Gestein lösten sich von der Wand.
„ZURÜCK!“, schrie Clara und riss Elias zu Boden.
„ Die Geometrie der Gewalt“
Es war kein Geräusch. Es war das Ende aller Geräusche. Als der Felszahn, tonnenschwer und geschärft von Jahrhunderten der Erosion, auf den Boden des Passes traf, blieb die Welt für einen Herzschlag stehen. Die Luft wurde aus der Schlucht gepresst, eine Druckwelle aus Staub und pulverisiertem Schnee, die Clara und Elias von den Beinen riss, noch bevor der Lärm ihre Ohren erreichte.
Dann kam das Brüllen. Es klang, als würde der Berg selbst vor Schmerz schreien. Stein zermalmte Stein. Die schwarze Phalanx der Soldaten, die eben noch in perfekter Ordnung vorgerückt war, verschwand einfach. Sie wurden nicht geworfen, sie wurden nicht zur Seite geschleudert. Sie wurden ausgelöscht. Begraben unter einer Lawine aus Granit, die den Engpass mit einer Gewalt versiegelte, die keine Rüstung der Welt aufhalten konnte.
Staub, dick und weißgrau, schoss in die Höhe, vermischte sich mit dem Nebel zu einer undurchdringlichen Wand. Clara hustete. Sie schmeckte Gesteinsmehl und Eisen. Sie lag halb unter Tarek, der sich im letzten Moment schützend über sie geworfen hatte. „Tarek?“, keuchte sie. Der Söldner bewegte sich. Er grunzte, schüttelte Schutt von seinem Rücken und richtete sich auf. Seine Rüstung war grau vom Staub, aber er wirkte unverletzt. „Das...“, er spuckte grauen Schleim aus, „...war verdammt knapp, Marcus.“
Clara rappelte sich hoch. Ihr Degen lag neben ihr im Schnee. Sie griff danach, ihre Finger schlossen sich um den vertrauten Griff. „Status!“, rief sie in den Staubnebel. „Wer lebt noch?“ „Hier!“, hustete Zara von oben. „Jory ist okay!“, rief Lyra. Ihre Stimme zitterte, aber sie war klar. „Die Variable...“, hörte man Marcus murmeln, der irgendwo im Dunst nach seiner Brille tastete. „Die Variable Masse war korrekt.“
Der Staub begann sich zu legen, getrieben vom unbarmherzigen Wind des Passes. Der Weg vor ihnen war blockiert. Ein massiver Wall aus Trümmern versperrte die Schlucht. Von den fünf Soldaten, die unten gestanden hatten, war nichts mehr zu sehen. Nur ein verbogener Schild ragte aus den Steinen, ein stummes Zeugnis der Zerstörung. Aber der Kampf war nicht vorbei.
„Oben!“, schrie Elias. Clara riss den Kopf hoch. Die Bogenschützen auf dem Grat waren verschwunden, vertrieben durch den Steinschlag oder in Deckung gegangen. Aber die Soldaten, die sich abgeseilt hatten – die, die noch an den Seilen hingen oder gerade gelandet waren –, waren noch da. Sie waren nicht von der Lawine getroffen worden. Drei von ihnen landeten jetzt im Schneematsch, keine zehn Meter von der Gruppe entfernt. Sie waren schwarz gepanzert, Elite-Truppen der Akademie, die Schwarzen Garden. Sie wirkten nicht geschockt. Sie wirkten wütend. Hinter ihnen, auf der Barrikade aus Trümmern, kletterten zwei weitere über die Felsen. Sie hatten den Einsturz überlebt und kamen nun über die Leichen ihrer Kameraden.
Fünf Gegner. Schwere Infanterie. Und die Gruppe stand mit dem Rücken zur Wand.
Clara spürte, wie die Zeit sich verlangsamte. Das war ihr Element. Nicht die emotionale Enge der Höhle, nicht die abstrakte Planung über einer Karte. Das hier war Geometrie. Vektoren. Kraft mal Masse. Sie sah die Linien des Kampfes, bevor sie passierten. „Formation!“, befahl sie. Ihre Stimme war kalt, präzise, ein Rasiermesser im Chaos. „Tarek, Mitte! Halt die drei auf! Zara, nimm die Kletterer auf der Barrikade! Marcus, Lyra – deckt Elias! Elias, mach gar nichts! Du bist das Ziel, nicht der Kämpfer!“
Tarek gehorchte ohne Zögern. Er hatte seine Axt verloren – sie steckte irgendwo oben im Eis oder lag unter Tonnen von Gestein. „Ich habe keine Waffe!“, brüllte er, während er auf die drei Schwarzen Garden zustürmte. „Dann nimm ihre!“, schrie Clara zurück.
Tarek prallte auf den mittleren Soldaten. Es war ein Zusammenstoß von roher Gewalt gegen disziplinierten Stahl. Der Soldat stieß mit seinem Kurzschwert zu, ein tödlicher Stich zum Bauch. Tarek wich nicht aus. Er drehte sich in den Schlag, ließ die Klinge an seiner Brustplatte abgleiten – Funken sprühten, Metall kreischte – und packte den Waffenarm des Mannes. Mit einem tierischen Brüllen rammte Tarek seinen Kopf gegen den Helm des Soldaten. Klong. Der Soldat taumelte. Tarek riss ihm das Schwert aus der Hand, trat ihm gegen das Knie, bis es knackte, und stieß die eroberte Klinge in die Lücke zwischen Halsberge und Helm. Der Mann sackte zusammen. „Eins!“, zählte Tarek und wirbelte herum, das fremde Schwert nun in der Hand, bereit für die nächsten zwei.
Clara war bereits in Bewegung. Sie griff nicht frontal an. Sie tanzte. Sie nutzte den unebenen Boden, den Schutt, den Schnee. Ein Soldat hieb mit einer Streitkolben nach ihr. Sie duckte sich unter dem Schwung weg, glitt auf dem eisigen Boden an ihm vorbei und schnitt ihm die Achillessehne durch. Er fiel auf ein Knie. Bevor er sich erholen konnte, war sie hinter ihm. Ein präziser Stich in den Nacken. „Zwei“, flüsterte sie.
Aber die Gefahr war nicht gebannt. Auf der Barrikade hatten die zwei Kletterer den Kamm erreicht. Einer von ihnen trug eine Armbrust. Er legte an. Das Ziel war nicht Tarek oder Clara. Das Ziel war Elias, der hinten bei Lyra und Marcus kauerte. „Zara!“, rief Clara, ohne sich umzudrehen. Sie musste nicht hinsehen. Sie wusste, dass die Diebin da war.
Zara war nicht auf dem Boden geblieben. Sie war die Felswand hochgeklettert, nutzte Risse, die für andere unsichtbar waren. Als der Armbrustschütze den Abzug drücken wollte, sprang sie. Sie landete auf seinen Schultern. Zwei Dolche. Zwei Bewegungen. Die Armbrust feuerte, aber der Bolzen ging wild in den Himmel. Der Schütze kippte nach hinten, Zara ritt ihn wie ein fallendes Pferd in den Staub. Sie rollte sich ab, stand sofort wieder, wirbelte einen Dolch in der Hand und warf ihn auf den zweiten Kletterer. Die Klinge traf ihn am Oberschenkel. Er strauchelte, verlor den Halt auf den losen Steinen der Barrikade und stürzte rückwärts in die Tiefe, dorthin, wo die Lawine seine Kameraden begraben hatte.
„Sauber!“, rief Tarek. Er parierte einen Hieb des letzten verbliebenen Soldaten der ersten Gruppe, trat ihn zurück und köpfte ihn mit einem wuchtigen Schwung. Stille kehrte zurück. Nur das Keuchen der Kämpfer und das Wimmern des Windes waren zu hören. Clara stand inmitten der Toten. Ihr Degen war rot. Ihr Atem bildete weiße Wolken. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. „Sichern!“, befahl sie. „Zara, check die Barrikade! Kommen da noch mehr?“ Zara kletterte flink die Trümmerwand hoch, lugte vorsichtig über den Rand. „Nur Staub“, rief sie herab. „Der Weg ist dicht. Da kommt keiner mehr durch. Nicht heute.“
Clara ließ die Schultern sinken. Aber nur ein bisschen. Sie ging zu Elias. Der Junge starrte auf die Leichen. Auf das schwarze Blut, das in den weißen Schnee sickerte und grauen Matsch bildete. Er zitterte nicht mehr. Er sah... leer aus. „Bist du verletzt?“, fragte Clara streng. Elias schüttelte den Kopf. Er sah sie an. In seinen Augen war eine Mischung aus Schrecken und Bewunderung. „Ihr habt sie getötet“, sagte er leise. „Wie... wie Schachfiguren.“ „Sie waren Soldaten, Elias“, sagte Clara. Sie wischte ihren Degen an dem Umhang eines Toten ab. Es war eine Geste, die sie in der Akademie tausendmal geübt hatte, aber hier draußen wirkte sie endgültig. „Sie haben ihre Wahl getroffen.“
Marcus trat hervor. Er hielt immer noch einen faustgroßen Stein in der Hand, den er wohl als Waffe benutzt hätte, wenn es nötig gewesen wäre. Er ließ ihn fallen. Er ging zu der Stelle, wo der Felszahn abgebrochen war. Er starrte auf die Trümmerlawine. „Die kinetische Energie...“, murmelte er, fast hysterisch. „Ich habe nur geschätzt. Wenn der Winkel steiler gewesen wäre...“ Er wurde blass. „Wir wären alle Mus.“ Tarek klopfte ihm auf die Schulter, so fest, dass Marcus fast in den Schnee kippte. „Warst du aber nicht, Schreiberling. Warst du aber nicht.“ Tarek hielt das erbeutete Kurzschwert hoch, prüfte die Balance. „Guter Stahl“, brummte er. „Nicht so gut wie meine Axt, aber er schneidet.“ Er sah zu Clara. Er salutierte nicht. Aber er hob das Schwert zum Gruß. „Gute Befehle, Kommandantin“, sagte er. Clara spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Es war nicht das Adrenalin. Es war etwas anderes. Sie hatte ihre Ehre verloren. Sie hatte ihren Rang verloren. Aber hier, in diesem dreckigen, blutigen Pass, hatte sie etwas gefunden, das echter war als jeder Orden. Sie nickte ihm zu. „Gute Arbeit, Söldner.“
Sie blickte nach oben, zu den steilen Wänden des Passes. Der Nebel lichtete sich langsam. „Wir müssen weiter“, sagte sie. „Der Lärm wird noch mehr anlocken. Und wir haben den Pass blockiert – das heißt, wir können nicht zurück.“ „Vorwärts ist sowieso die einzige Richtung, die zählt“, sagte Zara, die von der Barrikade herunterrutschte.
Sie sammelten sich. Sie waren schmutzig, blutbespritzt und erschöpft. Aber sie waren am Leben. Und sie waren gefährlich. Clara ging voran. Diesmal musste sie nicht fragen, ob sie ihr folgten. Sie wusste es.