NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 26: Die Grenze der Welt

Der Donner grollte nur noch wie ein sterbendes Tier in ihrem Rücken. Er war ein fernes Echo jenes gewaltigen Sturms, der im Pass getobt hatte, doch hier, auf der Südseite des Grates, verlor er seine Macht. Clara ging voran. Ihre Stiefel knirschten auf dem Schiefergestein, das unter ihren Schritten nachgab und in kleinen Lawinen den Abhang hinunterrutschte. Sie hatte ihr Schwert noch immer nicht weggesteckt, obwohl weit und breit kein Feind zu sehen war. Das Blut der Schattenwesen klebte schwarz und zäh an der Klinge, doch ihre Knöchel waren weiß vor Anspannung, als erwartete sie, dass die Felsen selbst sie angreifen würden.

Elias folgte ihr mit einigem Abstand. Sein Kopf dröhnte. Das Bild von Arkans zerfallender Projektion brannte noch immer hinter seinen Augenlidern, ein Nachbild aus violettem Rauch und metallischer Kälte. Ich bin eine Warnung. Er hatte die Worte ausgesprochen, aber jetzt, wo das Adrenalin aus seinen Adern wich, fühlte er sich nicht wie eine Warnung. Er fühlte sich ausgehöhlt. Als hätte er mit dem Ausspucken der Ablehnung auch einen Teil seiner eigenen Substanz auf den steinigen Boden des Passes geworfen.

„Passt auf, wo ihr hintretet“, rief Clara über die Schulter, ohne den Kopf zu drehen. Ihre Stimme klang rau, vom Brüllen der Befehle heiser. „Der Weg wird schmaler. Und der Fels ist brüchig.“

„Der Weg?“ Marcus schnaubte leise. Er ging hinter Elias und stützte Tarek, der noch immer leicht humpelte. „Das hier ist kein Weg, Clara. Das ist eine Ziegenfährte, die beschlossen hat, Selbstmord zu begehen.“

Niemand lachte. Die Luft hatte sich verändert. Während sie im Pass gegen Windböen gekämpft hatten, die einem Mann die Haut vom Gesicht schälen konnten, herrschte hier eine unnatürliche Windstille. Es war, als hätten sie eine unsichtbare Membran durchstoßen. Die feuchte, elektrisch geladene Kälte des Gebirges wich mit jedem Meter, den sie tiefer stiegen, einer trockenen, staubigen Präsenz.

Elias atmete tief ein. Die Luft schmeckte nicht mehr nach Ozon und Regen. Sie schmeckte alt. Sie schmeckte nach zermahlenem Stein und einer Hitze, die noch fern war, aber bereits ihre Finger nach ihnen ausstreckte.

„Wie geht es dem Jungen?“ fragte Elias leise und ließ sich zurückfallen, bis er auf gleicher Höhe mit Lyra war. Lyra hatte den Arm um Jorys schmale Schultern gelegt. Der Junge war bleich, seine Haut hatte einen ungesunden, wächsernen Schimmer, der im grauen Licht des späten Nachmittags kränklich wirkte. Er zitterte, obwohl der eisige Wind hier nicht mehr wehte. „Er hält durch“, sagte Lyra knapp. Ihr Blick war warnend, als wollte sie Elias verbieten, weiterzufragen. „Er braucht nur eine Pause. Sobald wir aus diesem verdammten Geröllfeld raus sind.“

„Wir können nicht anhalten“, sagte Clara von vorne. Sie war stehen geblieben. Ihre Silhouette zeichnete sich scharf gegen den Himmel ab, der hier nicht mehr das drohende Schwarzgrau des Sturms hatte, sondern ein ausgewaschenes, blendendes Weiß, das in den Augen schmerzte. „Nicht hier. Nicht, bevor wir gesehen haben, was vor uns liegt.“

Sie erreichten eine Biegung, wo der Fels abrupt abbrach, als hätte ein Gott mit einem riesigen Meißel den Rest des Gebirges weggeschlagen. Der Pfad führte auf ein Plateau hinaus. Eine letzte, trotzige Felsplatte, die über den Abgrund ragte. Clara trat als Erste an die Kante. Sie senkte das Schwert. Langsam, ganz langsam, ließ sie die Waffe sinken, bis die Spitze den Boden berührte. Ihre Schultern, die die ganze Zeit in kampfbereiter Spannung hochgezogen waren, sackten herab.

„Gütige Götter“, hauchte Tarek.

Elias trat neben Clara. Er wollte etwas sagen, wollte fragen, was sie sahen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Vor ihnen endete die Welt.

Zumindest die Welt, die sie kannten. Sie standen an der äußersten Kante des Gebirgsmassivs. Unter ihnen fielen die Felswände fast senkrecht ab, tausend Meter grauer, zerklüfteter Stein, der in die Tiefe stürzte. Doch dort unten gab es kein Tal. Keine Wälder, keine Flüsse, keine grünen Wiesen. Dort unten begann das Nichts.

Die Wüste Ashara erstreckte sich bis zum Horizont und darüber hinaus. Ein Ozean aus Gelb, Ocker und verbranntem Orange. Es gab keine Wolken über ihr, nur einen unerbittlichen, stahlblauen Himmel, von dem eine Sonne herabbreannte, die viel größer und wütender wirkte als die, die sie in den Bergen gesehen hatten. Die Hitze war keine Temperatur, sie war eine physische Gewalt. Selbst hier oben, hunderte Meter über dem Sand, schlug ihnen eine Wand aus flirrender Luft entgegen. Es war wie der Moment, wenn man die Tür eines Hochofens öffnete.

Elias blinzelte. Die Luft über der Wüste zitterte so stark, dass der Horizont nicht wie eine Linie aussah, sondern wie flüssiges Glas. Dünen, hoch wie Kathedralen, warfen lange, violette Schatten in das endlose Gelb. „Das Meer aus Sand“, flüsterte Marcus. Er hatte Tarek losgelassen und trat an den Abgrund, als würde ihn die Tiefe magisch anziehen. „Ich habe die Geschichten gehört. Aber das... das ist keine Landschaft. Das ist eine Barriere.“

„Es ist wunderschön“, sagte Jory leise. Seine Stimme war schwach, fast ein Fiebertraum. Lyra zog ihn fester an sich, ihr Blick war voller Angst. „Es ist der Tod“, korrigierte sie ihn scharf. „Sieh es dir an, Jory. Da ist nichts. Kein Wasser. Kein Schatten. Nur Feuer und Stein.“

Clara drehte sich langsam zu ihnen um. Ihr Gesicht war im Schatten, da die Sonne tief über der Wüste stand und sie von hinten blendete. Sie wirkte wie ein Scherenschnitt vor dem flammenden Hintergrund. „Wir müssen da runter“, sagte sie. Es war keine Frage. Es war die Feststellung einer Hinrichtung. „Gibt es keinen anderen Weg?“ fragte Tarek und rieb sich das schmerzende Bein. „Wir könnten am Gebirgsrand entlang—" „Nein“, unterbrach ihn Elias.

Alle Köpfe drehten sich zu ihm. Elias hatte die Hand an seine Brust gehoben. Unter dem Stoff seines Hemdes, direkt auf seiner Haut, begann das Amulett zu pulsieren. Es war kein warmes, angenehmes Pochen. Es war ein Ziehen. Ein Haken, der sich in sein Fleisch bohrte und zerrte. Er blickte hinaus in die flimmernde Unendlichkeit. Er spürte es. Irgendwo dort draußen, begraben unter Tonnen von Sand, versteckt in der Leere, lag das Fragment. Es rief nicht mit Worten. Es rief mit einem Gefühl von Vollständigkeit, das ihm fehlte.

„Wir müssen nicht nur da runter“, sagte Elias und seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren, älter und resonanter. Er hob den Arm und deutete genau nach Südosten, mitten in das herzlose Herz der Wüste. „Wir müssen da durch.“

Der Wind drehte. Zum ersten Mal wehte er nicht mehr aus den Bergen, sondern aus der Wüste herauf. Er war heiß, trocken wie Staub und trug den Geruch von uraltem, verbranntem Stein. Er zerrte an ihren Kleidern und Haaren, als wollte er sie schon jetzt zu sich holen. Hinter ihnen lagen die dunklen Wolken und der Donner. Vor ihnen lag die Stille. Eine Stille, die so laut war, dass sie in den Ohren dröhnte.

Der Abstieg in den Ofen

Der Weg hinab war kein Weg. Es war eine Narbe im Gesicht des Berges, ein steiles Geröllfeld, das sich in Serpentinen, die kaum breiter als ein Mann waren, in die Tiefe wand. Die Sonne stand nun im Zenit über der Wüste, doch da sie sich an der Südflanke befanden, knallte das Licht ungefiltert gegen den Fels, der die Hitze speicherte und sie wie ein gigantischer Kachelofen auf die kleine Gruppe zurückstrahlte.

Clara ging voran, das Seil um ihre Taille geschlungen, das sie mit Tarek verband. Der große Soldat setzte seinen verletzten Fuß mit einer stoischen Disziplin auf, die Elias bewunderte und zugleich fürchtete. Tarek stöhnte nicht. Er verzog nicht einmal das Gesicht. Aber der Schweiß, der ihm in Strömen über die Schläfen rann und dunkle Flecken auf seinem verstaubten Wams hinterließ, sprach eine andere Sprache. Sein Atem ging stoßweise, ein rasseln in der Brust, das im Rhythmus der knirschenden Steine widerhallte.

„Vorsicht“, warnte Clara. Sie trat auf einen scheinbar festen Felsvorsprung, der sofort unter ihrem Gewicht nachgab und polternd in den Abgrund stürzte. Sie ruderte kurz mit den Armen, fing sich, und starrte dem Stein hinterher. Er fiel lange. Viel zu lange, bevor er unten mit einem trockenen Klack aufschlug, das wie ein Pistolenschuss in der Stille klang. „Eng an die Wand“, kommandierte sie, ohne sich umzudrehen. „Drückt euch gegen den Fels.“

Elias tat, wie ihm geheißen. Er presste die Handfläche gegen den grauen Stein zu seiner Linken. Er erwartete die gewohnte Kühle des Gebirges, doch der Stein war warm. Unangenehm warm. Es fühlte sich an, als würde man die Haut auf ein fieberndes Tier legen. Die Luft wurde mit jedem Schritt, den sie tiefer stiegen, dichter. Oben, am Grat, war die Luft dünn und kalt gewesen. Hier unten war sie dickflüssig. Sie schmeckte nach Kreide und Schwefel.

„Pause“, keuchte Marcus plötzlich von hinten. „Wir brauchen... eine Minute.“ Clara hielt inne. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und blickte nach oben. Sie hatten vielleicht dreihundert Meter Höhenunterschied bewältigt. Der Pass war nur noch eine schmale Kerbe hoch über ihnen. Aber der Boden der Wüste schien keinen Schritt nähergekommen zu sein. „Fünf Minuten“, sagte sie und ihre Stimme klang ungewohnt dünn in der weiten Luft. „Trinkt einen Schluck. Aber nur einen.“

Die Gruppe kauerte sich auf einem etwas breiteren Felsband zusammen, das wie ein Balkon über dem Abgrund hing. Es gab keinen Schatten. Die Sonne brannte unbarmherzig auf ihre Nacken. Marcus ließ seinen Rucksack auf den Boden gleiten. Mit zitternden Händen nestelte er an den Verschlüssen und holte die Wasserschläuche hervor. Er legte sie nebeneinander auf den heißen Stein. Es waren sechs Stück. Drei aus Leder, drei aus Metall, Beute von den gefallenen Soldaten im Pass. Er hob einen hoch, schüttelte ihn. Es gluckerte leise, ein fast obszönes Geräusch in der Trockenheit. Er hob den zweiten. Leer. Den dritten. Halb voll.

„Bestandsaufnahme“, sagte Marcus. Er holte ein kleines Notizbuch hervor, dessen Ecken abgegriffen waren, und einen Stummel Bleistift. Er schrieb nicht, er starrte nur auf die Schläuche. „Wir haben Wasser für vielleicht... zwei Tage. Wenn wir rationieren.“ Er blickte auf. Seine Augen waren gerötet, die Brillengläser staubbedeckt. Er sah Elias an, dann Clara. „Das da unten“, er machte eine vage Geste in die flimmernde Weite, „ist Ashara. Die Händler in Seraphis nannten sie 'Die Knochenmühle'. Selbst Karawanen mit Kamelen und Führern verlieren dort Leute. Wir sind zu Fuß. Wir haben einen Verletzten und einen Jungen, der...“ Er brach ab und sah zu Jory hinüber.

Jory saß mit angezogenen Knien an der Felswand. Lyra hatte ihm ihren Umhang über den Kopf gelegt, um ihm Schatten zu spenden, aber er sah schlecht aus. Seine Lippen waren rissig, die Haut spannte sich über den Wangenknochen. Er wirkte seltsam abwesend, als würde er dem Gespräch gar nicht folgen, sondern auf ein Geräusch hören, das nur er wahrnehmen konnte. „Er hat Fieber“, sagte Lyra leise, während sie ihm vorsichtig einen winzigen Schluck Wasser einflößte. Jory hustete trocken, trank aber gierig. „Zwei Tage“, wiederholte Marcus stumpf. „Elias, wohin führt uns das Amulett? Gibt es da draußen eine Oase? Eine Stadt? Irgendetwas?“

Elias tastete nach dem Amulett unter seinem Hemd. Der schwarze Stein war kalt. Es war das einzig Kalte in dieser ganzen verdammten Welt. Es sog die Hitze aus seiner Haut, eine parasitäre Linderung. „Ich sehe keine Bilder, Marcus“, sagte Elias. Er versuchte, die Panik in seiner Stimme zu unterdrücken. „Ich spüre nur eine Richtung. Ein Ziehen.“ „Ein Ziehen“, wiederholte Marcus bitter. „Das ist keine Koordinate. Das ist kein Plan. Wir laufen in unseren Tod. Statistisch gesehen sind wir bereits Leichen, wir wissen es nur noch nicht.“

„Halt den Mund, Marcus“, sagte Clara scharf. Aber es war keine Wut in ihrer Stimme, nur Erschöpfung. Sie hockte sich vor die Wasserschläuche und verteilte sie wieder. „Statistik hilft uns nicht. Gehen hilft uns. Wenn wir hierbleiben, braten wir in der Sonne. Wenn wir zurückgehen, erwarten uns Arkans Truppen. Also gehen wir vorwärts.“ Sie stand auf, die Kniegelenke knackten hörbar. „Es gibt Gerüchte über alte Brunnen am Rand des Gebirges. Schmugglerpfade. Vielleicht finden wir etwas.“ Es war eine Lüge, oder zumindest eine sehr vage Hoffnung, und sie alle wussten es. Aber niemand widersprach.

Sie setzten den Abstieg fort. Die Stunden zogen sich wie Kaugummi. Die Sonne wanderte langsam nach Westen, aber die Hitze ließ nicht nach. Im Gegenteil, je tiefer sie kamen, desto mehr staute sie sich. Der Fels änderte seine Farbe. Das Grau des Hochgebirges wich einem rostigen Rot und dann einem staubigen Ocker. Vegetation tauchte auf, aber es war keine freundliche Vegetation. Dornige Büsche, die aussahen wie Drahtverhau, klammerten sich an den Fels. Alles hier hatte Stacheln, alles war darauf ausgelegt, Wasser zu verteidigen und Eindringlinge zu verletzen.

Elias’ Füße brannten in den Stiefeln. Jeder Schritt sendete einen Stoß durch seine Wirbelsäule. Er beobachtete Jory vor sich. Der Junge schwankte. Zweimal wäre er fast gestolpert, doch Lyra war jedes Mal sofort zur Stelle, stützte ihn, flüsterte ihm zu. „Nicht mehr weit“, hörte Elias sie sagen, obwohl sie keine Ahnung haben konnte, wie weit es noch war.

Gegen Abend erreichten sie den Fuß der Felswand. Es war kein sanftes Auslaufen in die Ebene. Es war eine abrupt gezogene Linie. Hier der Fels, dort das Geröllfeld, das sich noch kilometerweit hinzog, bevor der eigentliche Sand begann. Die Schatten wurden länger, violett und scharfkantig, und krochen über den Boden wie Tinte. „Wir lagern hier“, entschied Clara, als sie eine kleine Einbuchtung unter einem Überhang fanden, der noch ein wenig Schutz vor dem Wind bot, der nun wieder auffrischte. Aber es war kein kühler Abendwind. Es war ein Fönwind, trocken wie Staublappen.

Als sie anhielten, ließ sich Tarek einfach fallen. Er lehnte den Kopf an den Stein und schloss die Augen. Sein Gesicht war aschfahl unter dem Schmutz. Marcus begann mechanisch, das Lager zu bereiten, während Lyra sich um Jory kümmerte. Elias stand etwas abseits. Er blickte hinaus in die dämmernde Wüste. Das Amulett pulsierte jetzt stärker. Poch. Poch. Poch. Es war synchron mit seinem Herzschlag, aber es schlug langsamer, schwerer. Er blickte auf seine Hand. Im halbdunkel sah er den schwarzen Handschuh, der nun ein Teil von ihm war. Er spürte, wie die Dunkelheit im Inneren des Amuletts auf die Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht reagierte. Zum ersten Mal seit Tagen verspürte er nicht den Drang, es abzureißen. Er verspürte den Drang, es zu benutzen. Die Hitze war so überwältigend, dass sein Körper nach der Kälte schrie, die das Artefakt versprach. Nur ein kleiner Gedanke. Nur ein bisschen Frost, um die Zunge zu kühlen...

Er schreckte zusammen, als Clara neben ihn trat. „Tu es nicht“, sagte sie leise. Elias zuckte zusammen. „Was?“ „Ich sehe deinen Blick, Elias. Ich sehe, wie du es ansiehst.“ Sie nickte auf seine Brust. „Es bietet dir etwas an, nicht wahr? Linderung?“ Elias schluckte. Seine Kehle war wie Sandpapier. „Es ist kalt, Clara. Es ist so verdammt kalt.“ „Kälte verbrennt genauso wie Feuer“, sagte sie hart. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Es war keine zärtliche Geste, es war ein Festhalten. „Spar es dir auf. Wir werden es brauchen. Aber nicht für den Komfort. Sondern zum Überleben.“

Sie ließ ihn stehen und ging zurück zum Feuer, das Marcus mühsam aus verdorrten Wurzeln entzündet hatte. Es brannte schlecht und qualmte. Elias blickte wieder in die Dunkelheit. Am Horizont, dort wo der Himmel den Sand berührte, sah er das erste Sternbild aufleuchten. Es war fremd. Die Sterne standen anders als zu Hause in Aetherholm. Wir sind nicht mehr in unserer Welt, dachte er. Und dann sah er es. Oder bildete er es sich nur ein? Weit draußen, tief im Südosten, dort wo das Amulett hinzog, flackerte ein winziges, blasses Licht. Kein Stern. Etwas Irdisches. Es blinkte einmal, zweimal. Dann war es weg. Das Fragment? Oder eine Täuschung der hitzegestressten Augen? Elias wusste es nicht. Aber er wusste, dass sie morgen in die Hölle gehen würden.

Der Geschmack von Asche

Die Nacht brachte keine Erlösung. Sie brachte nur eine andere Art der Qual. Der Fels, auf dem sie lagerten, strahlte die gespeicherte Hitze des Tages ab, sodass es sich anfühlte, als würden sie auf dem Rücken eines riesigen, schlafenden Tieres liegen, das Fieber hatte. Es gab kein Holz für ein richtiges Feuer, nur ein paar verdorrte Büschel Dornengestrüpp, die Marcus gesammelt hatte. Sie brannten schnell und hell, mit knisternden, blauen Flammen, die kaum Wärme gaben, aber lange, zuckende Schatten an die Felswand warfen.

Lyra saß am Rand des Lichtkreises. Jorys Kopf lag in ihrem Schoß. Der Junge schlief, oder vielmehr, er war in einen Zustand der Bewusstlosigkeit geglitten, der dem Schlaf ähnelte, aber keine Erholung bot. Sein Atem ging flach und schnell, ein pfeifendes Geräusch, das in der absoluten Stille der Wüste unnatürlich laut wirkte. Lyra hatte ein Tuch mit einem winzigen Tropfen ihres kostbaren Wassers befeuchtet und tupfte damit seine Stirn ab. Die Feuchtigkeit verdunstete fast augenblicklich.

„Er glüht“, flüsterte sie. Sie sprach nicht zu den anderen, sondern zu sich selbst, eine leise Litanei der Angst. „Sein Puls ist zu schnell. Viel zu schnell.“ Sie blickte auf. Ihre Augen, sonst so wachsam und scharf, waren jetzt dunkel vor Sorge. Sie suchte Claras Blick, doch die Soldatin starrte ins Feuer, das Schwert quer über den Knien. Also sah Lyra zu Elias. „Elias“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht. „Er wird den Marsch morgen nicht schaffen. Nicht zu Fuß. Nicht in dieser Hitze.“

Elias saß etwas abseits, den Rücken an einen Felsbrocken gelehnt. Er hörte Lyra, aber ihre Stimme klang gedämpft, als käme sie durch eine dicke Wand aus Watte. Seine ganze Aufmerksamkeit war nach innen gerichtet. Oder besser gesagt: nach draußen, zu einem Punkt tief im Südosten. Das Gefühl, das ihn dort hinzog, hatte sich verändert. Am Nachmittag war es ein Ziehen gewesen, ein magnetischer Nordpol für sein Amulett. Jetzt, in der Dunkelheit, war es aggressiver geworden.

Es war kein Rufen mehr. Es war ein Schreien. Nicht akustisch. Es war ein psychischer Druck, ein hohes, vibrierendes Flimmern am Rand seines Bewusstseins, wie das Surren einer gespannten Saite kurz vor dem Reißen. Und da war dieser Geschmack. Elias fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie schmeckten nach Salz und Staub, aber darunter lag etwas anderes. Ein metallischer Tang. Bitter. Elektrisch. Wie wenn man an einer alten Batterie leckte.

„Elias?“ Lyras Stimme wurde fordernder. Er schreckte hoch und blinzelte. Das pulsierende Gefühl in seiner Brust ließ nicht nach, es synchronisierte sich mit seinem Atem. „Wir haben keine Wahl, Lyra“, sagte er. Seine eigene Stimme klang ihm fremd, rau und trocken. „Wir können hier nicht bleiben. Hier gibt es nichts.“ „Er wird sterben“, sagte Lyra schlicht. Es war kein Vorwurf, es war eine Diagnose. Sie strich Jory sanft über das verschwitzte Haar. „Sein Körper ist am Ende. Er war schon in den Bergen schwach. Die Wüste wird ihn austrocknen wie eine Pflaume.“

Marcus, der bisher geschwiegen hatte und in seinem Notizbuch blätterte, klappte es geräuschvoll zu. „Dann tragen wir ihn“, sagte er. Tarek, der im Halbschatten lag und sein Bein massierte, brummte zustimmend. „Der Junge wiegt nichts. Ich nehme ihn.“ „Mit dem Bein?“ Clara schnaubte verächtlich, ohne den Blick vom Feuer zu wenden. „Du kannst kaum selbst laufen, Tarek. Wenn du ihn trägst, brecht ihr beide zusammen.“ „Dann nehme ich ihn“, sagte Marcus trotzig. Er rückte seine Brille zurecht, eine Geste der Würde, die im flackernden Licht fast komisch wirkte, wäre die Situation nicht so todernst. „Wir wechseln uns ab.“

„Das verlangsamt uns“, stellte Clara fest. Sie hob den Kopf und sah Elias direkt an. In ihren Augen lag eine harte Frage. „Wir haben Wasser für zwei Tage bei normalem Marschtempo. Wenn wir jemanden tragen, brauchen wir drei Tage. Vielleicht vier.“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen. Die Implikation war klar: Wenn wir ihn tragen, sterben wir vielleicht alle.

Elias spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Aber es war nicht seine Wut. Es war eine kalte, arrogante Irritation, die vom Amulett ausging. Das Ding an seiner Brust kümmerte sich nicht um Jory. Es kümmerte sich nicht um Wasser. Es wollte nur zu seinem anderen Teil. Es wollte vollständig sein. Der Gedanke erschreckte Elias so sehr, dass ihm übel wurde. Er drückte die Hand flach auf den schwarzen Stein unter seinem Hemd, als wollte er ihn ersticken.

„Wir lassen niemanden zurück“, sagte Elias fest. Er zwang sich, die Kälte in seinem Kopf beiseite zu schieben. Er sah Jory an, den Jungen, der ihm gefolgt war, ohne zu fragen warum. „Wir finden das Fragment. Und wenn wir es finden... vielleicht...“ Er wusste nicht, was er sagen wollte. Vielleicht rettet es uns? Eine lächerliche Hoffnung. Bisher hatte das Amulett nur Schmerz und Kälte gebracht.

„Was ist es, Elias?“ fragte Lyra leise. Sie beobachtete ihn genau. „Du verziehst das Gesicht, als hättest du Schmerzen.“ „Es ist nah“, sagte Elias. „Näher als ich dachte.“ Er stand auf. Seine Beine waren schwer, aber das Amulett zog ihn förmlich auf die Füße. Er trat an den Rand des Plateaus und blickte in die schwarze Leere hinaus. Der Geschmack wurde stärker. Er schmeckte jetzt nach Ozon und uralter Asche. „Ich kann es schmecken“, flüsterte er.

Marcus runzelte die Stirn. „Schmecken? Das ist synästhetischer Unsinn. Du meinst, du spürst es.“ „Nein“, beharrte Elias. Er drehte sich zu ihnen um. Das Feuerlicht spiegelte sich in seinen Augen, und für einen Moment sah er viel älter aus als neunzehn. „Es schmeckt bitter. Es schmeckt nach... Bedauern.“ Er wusste nicht, woher diese Beschreibung kam, aber sie fühlte sich wahr an. Das Fragment da draußen war nicht nur Energie. Es war Erinnerung.

„Bedauern hilft uns nicht gegen den Durst“, sagte Clara und stand ebenfalls auf. Sie trat das kleine Feuer aus. Sofort stürzte die Dunkelheit über sie herein, nur erhellt von den fremden Sternbildern über ihnen. „Schlaft. In vier Stunden brechen wir auf. Wir müssen die Kühle des Morgens nutzen.“

Lyra legte sich neben Jory und zog ihn fest an sich, als könnte ihre Körperwärme ihn vor der Austrocknung schützen. Marcus rollte sich zusammen, den Rucksack als Kopfkissen. Tarek stöhnte leise, als er sich ausstreckte. Nur Elias blieb sitzen. Er starrte in die Dunkelheit. Das "Schreien" des Fragments war jetzt ein konstantes Summen in seinen Zähnen. Es ließ ihn nicht schlafen. Es war wie ein Haken in seinem Brustbein. Komm, flüsterte es in einer Sprache, die keine Worte hatte, sondern reine Intention war. Komm und werde ganz.

Elias griff nach seiner Wasserflasche. Er nahm einen winzigen Schluck. Das Wasser war warm und schmeckte nach Leder, aber es war das Köstlichste, was er je getrunken hatte. Er wusste, dass dies die letzte ruhige Nacht war. Morgen würden sie die Grenze überschreiten. Morgen würden sie Teil der Wüste werden.

Der erste Schritt ins Nichts

Der Morgen kam nicht. Er explodierte. In den Bergen kündigte sich der Tag durch ein langsames Grau an, durch Nebel und Vogelgezwitscher. Hier, an der Kante zu Ashara, gab es keine Dämmerung. In einem Moment war der Horizont ein violetter Strich, im nächsten brach die Sonne über den Rand der Welt wie ein ausgeschütteter Eimer voller geschmolzenem Gold.

Elias schlug die Augen auf und musste sie sofort wieder gegen die Blendung abschirmen. Die Kälte der Nacht war binnen Minuten verflogen. Der Fels unter ihm begann sich bereits wieder aufzuwärmen. Er setzte sich auf. Sein Nacken war steif, sein Mund schmeckte nach altem Eisen. Der erste Blick galt der Gruppe. Sie sahen schlimm aus. Der Staub des Abstiegs klebte in ihren Gesichtern und machte sie zu grauen Statuen. Marcus reinigte gerade seine Brille mit einem Zipfel seines Hemdes, aber es verschmierte den Schmutz nur. Tarek massierte stumm seine Wade. Und Jory... Jory lag noch immer so da, wie er eingeschlafen war. Sein Atem ging rasselnd.

„Wasser“, krächzte der Junge, ohne die Augen zu öffnen. Lyra, die bereits wach war und mit dunklen Ringen unter den Augen neben ihm kniete, hob hilflos den fast leeren Schlauch. Sie blickte zu Clara. Clara nickte kaum merklich. Eine stumme Erlaubnis für einen letzten, verschwenderischen Schluck, bevor die Hölle losbrach.

„Wir müssen los“, sagte Clara, während Lyra dem Jungen zu trinken gab. Claras Stimme war fest, aber Elias hörte den Riss darin. Sie wusste, dass die militärische Disziplin hier an ihre Grenzen stieß. Man konnte der Sonne nicht befehlen, gnädig zu sein.

Der letzte Teil des Abstiegs war weniger ein Klettern als ein Rutschen. Der Fels wurde brüchig, zerfiel zu grobem Schotter und dann zu feinem Kies. Tarek hatte Jory auf den Rücken genommen. Der große Soldat ächzte unter der Last, obwohl der Junge kaum mehr wog als ein Bündel trockener Zweige. Tarek setzte seinen verletzten Fuß mit einer sturen Mechanik, die Schmerz ignorierte. Er war ein Lasttier geworden, getrieben von Pflichtgefühl.

Unten angekommen, blieben sie stehen. Vor ihnen lag eine Linie im Boden. Dahinter endete das Geröll. Dahinter begann der Sand. Er war nicht glatt. Der Wind hatte ihn zu harten Rippen geformt, die wie Wellen auf einem versteinerten Ozean aussahen. Marcus holte seine Karte hervor. Er entfaltete das Pergament, das im grellen Licht fast weiß wirkte. Er fuhr mit dem Finger über die gezeichneten Linien des Gebirges, über die Pässe, die sie hinter sich gelassen hatten. Sein Finger stoppte am Rand des Papiers. Dort war nichts mehr eingezeichnet. Nur ein leeres, vergilbtes Feld und die kunstvolle Warnung eines Kartografen, der vor hundert Jahren gestorben war: Hic sunt leones. Hier sind Löwen. „Hier endet mein Wissen“, sagte Marcus leise. Er faltete die Karte zusammen und steckte sie weg. Es hatte etwas Endgültiges, wie das Zuklappen eines Sargdeckels. „Ab jetzt gibt es keine Topografie mehr. Nur noch Orientierung.“

Alle Augen richteten sich auf Elias. Er stand an der Grenze zwischen Fels und Sand. Das Amulett pulsierte nun so stark, dass er glaubte, man müsse es durch seine Kleidung hindurch sehen können. Es war ein gieriges Pochen. Es wollte in die Wüste. Es wusste, dass dort draußen etwas wartete, das es nähren würde. Elias hob den Kopf. Er schloss die Augen und blendete das visuelle Chaos der gleißenden Sonne aus. Er konzentrierte sich ganz auf den Geschmack. Da war er wieder. Bitter. Elektrisch. Und eine Richtung, so klar wie eine gespannte Stahllinie.

„Südosten“, sagte Elias. Er öffnete die Augen. „Dort.“ Er zeigte auf eine Düne, die aussah wie jede andere auch. „Bist du sicher?“ fragte Clara. „Ich rate nicht, Clara. Ich folge.“ Elias setzte den ersten Fuß auf den Sand. Er hatte erwartet, dass er weich wäre, aber der Sand war fest gepresst und knirschte unter seinem Stiefel wie Zucker. Die Hitze schlug ihm sofort durch die Sohle entgegen. Er ging weiter. Einen Schritt. Zwei. Drei. Er drehte sich nicht um. Er wusste, dass sie ihm folgen würden. Sie hatten keine andere Wahl. Er war ihr Kompass, und ein Schiff ohne Kompass war verloren.

Die anderen folgten zögernd. Marcus trat als Erster auf den Sand, prüfend, als wäre es dünnes Eis. Dann Lyra. Zuletzt Clara, die den Blick noch einmal zurück zum Gebirge warf. Die dunklen Felswände ragten hinter ihnen auf wie eine Festungsmauer, die sie ausgesperrt hatte. Dort oben gab es Schatten. Dort gab es Wasser in den Ritzen. Hier gab es nur die Weite.

Sie formierten sich zu einer kleinen, erbärmlichen Karawane. Elias voran. Dann Marcus. Dann Tarek mit Jory auf dem Rücken. Lyra an seiner Seite, bereit, ihn zu stützen, wenn er wankte. Clara bildete die Nachhut, das Schwert locker in der Scheide, den Blick ständig zum Horizont gerichtet, als erwartete sie einen Angriff. Aber es kam kein Angriff. Es gab nur das Schrap-Schrap-Schrap ihrer Stiefel im Sand. Und die Stille. Eine Stille, die so groß war, dass sie den Verstand zu erdrücken drohte.

Nach einer Stunde war das Gebirge hinter ihnen nur noch ein grauer Dunst. Die Hitze war jetzt voll da. Sie war nicht mehr nur warm, sie war ein Feind. Sie trocknete die Schleimhäute aus, ließ die Augen brennen und legte sich wie ein schwerer Mantel auf ihre Schultern. Elias griff an seine Brust. Der Handschuh. Das Amulett. Es war eiskalt. Während der Schweiß ihm den Rücken hinunterlief, fror seine Brust unter dem schwarzen Stein. Es war ein grausamer Kontrast. Feuer von außen, Eis von innen. Weiter, flüsterte das Gefühl in seinem Kopf. Weiter. Es ist nicht mehr weit. Nur noch ein paar Tage durch den Ofen.

Elias leckte sich über die aufgesprungenen Lippen. Er schmeckte kein Salz mehr. Er schmeckte nur noch den Staub von Ashara. Sie waren jetzt Niemande im Nirgendwo. Und das Leere Gefäß begann, sich zu füllen – mit der Verzweiflung der Wüste.