NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 6: Die Sandhexe

Die Tote Zone hinter den Mauern von Zar’Athon war kein Ort des Schweigens, wie Elias erwartet hatte. Sie war ein Ort des Knirschens.

Jeder Schritt, den sie in die endlose, weiße Weite setzten, verursachte ein Geräusch, das einem das Mark in den Knochen gefrieren ließ. Unter der dünnen Schicht aus Salzkristallen und verwehtem Sand lagen keine Steine. Es lagen Knochen. Millionen von Knochen. Kleine, zersplitterte Fingerglieder, rippenartige Bögen von Wüstentieren, die sich hierher zum Sterben geschleppt hatten, und die glatten, polierten Schädel von Menschen, die den Preis der Stadt nicht hatten zahlen können.

Es war ein Friedhof ohne Gräber. Ein Ozean aus Kalzium, der im fahlen Licht des abnehmenden Mondes wie ein gefrorenes Meer leuchtete.

Elias ging voran. Der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand war ruhig, die silbernen Fäden dunkel, aber er spürte das Gewicht der Zerstörung, die er auf dem Markt angerichtet hatte, noch immer in seinen Muskeln. Die Explosion, das violette Feuer – es fühlte sich an wie ein Traum, der einem anderen gehörte. Aber die Asche auf seinem Umhang war real.

Hinter ihm bewegte sich die Gruppe wie eine Prozession von Geistern. Tarek, gestützt auf Clara, setzte seine Stiefel vorsichtig auf, als hätte er Angst, die Toten zu wecken. Jory, der wieder zu Bewusstsein gekommen war, saß auf Zaras Schultern, die Augen weit aufgerissen, starrte auf den Boden. Er weinte nicht. Er zitterte nur.

„Wir werden verfolgt“, flüsterte Lyra. Sie ging als Letzte, drehte sich immer wieder um. Die hohen Mauern von Zar’Athon waren nur noch ein dunkler Strich am Horizont, und der Rauch des Feuers, das Elias gelegt hatte, verlor sich in der Nacht.

„Niemand folgt uns hierher“, sagte Zara leise, ohne den Schritt zu verlangsamen. „Die Wachen von Suliman fürchten diesen Ort mehr als den Zorn ihres Prinzen. Sie nennen es das Knochenbett. Man sagt, wer hier einschläft, wird Teil des Fundaments.“

„Sehr tröstlich“, murmelte Marcus. Er hielt den Kompass in der Hand, dessen Nadel stur geradeaus zeigte, tiefer in das Weiß hinein. „Aber logisch betrachtet ist die Gefahr durch Dehydration höher als durch Geister. Das Salz... es zieht die Feuchtigkeit aus der Luft. Und aus uns.“

Er hatte recht. Die Luft war trocken, staubig und schmeckte nach Salz und getrocknetem Salbei. Elias spürte, wie seine Haut spannte. Das Amulett an seiner Brust reagierte auf die Umgebung. Es war nicht mehr der gierige Sog der Stadt. Es war ein leises, vibrierendes Summen, als würde es eine Frequenz suchen.

„Kael“, sagte Elias, ohne sich umzudrehen. „Kannst du Wasser finden?“

Der Wassermagier ging neben Lyra. Er trug eine der gestohlenen Roben, die ihm viel zu groß war, und wirkte in dieser trockenen Einöde noch verlorener als im Palast. Er schüttelte den Kopf. Seine Lippen waren rissig.

„Hier gibt es kein Wasser“, krächzte er. „Nicht in der Luft. Nicht im Boden. Das Salz hat alles getrunken. Meine Magie ist... taub.“

Sie marschierten weiter. Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Es gab nur das Knirschen, das Atmen und die Kälte der Nacht.

Plötzlich blieb Elias stehen. Vor ihnen erhob sich etwas aus der flachen Ebene. Es war kein Fels, zumindest nicht ganz. Es war eine Struktur.

Riesige Rippenbögen, viel größer als die eines Menschen oder eines Kamels, ragten aus dem Salz empor und bildeten einen bizarren Tunnel. Sie waren weiß gebleicht, poliert vom Wind. Und am Ende dieses Tunnels aus Knochen flackerte ein Licht.

Kein Feuer. Ein schwaches, milchiges Glimmen, das nicht wärmte, sondern die Dunkelheit nur noch grauer machte.

„Das Ziel?“, fragte Clara und zog ihr Schwert halb aus der Scheide. Das Metall schabte laut in der Stille.

„Nein“, sagte Marcus und blickte auf den Kompass. „Der Zeiger zeigt hindurch. Das Fragment liegt dahinter. Das hier ist... eine Schwelle.“

„Eine Mautstation“, sagte Zara trocken. Sie ließ Jory herunter, der sich sofort an Lyras Bein klammerte. Zara zog ihre Dolche. „Ich hasse Mautstationen.“

Elias trat in den Schatten der Rippen. Der Boden hier war fester, festgetretener Lehm, vermischt mit Knochenmehl. Der Geruch von Salbei wurde stärker, fast betäubend. Und darunter lag ein anderer Geruch. Alt. Modrig. Wie getrocknete Blumen in einem Grab.

„Wer wagt es, meine Ruhe zu stören?“

Die Stimme kam von überall und nirgendwo. Sie war trocken wie das Salz, rissig und alt. Sie klang nicht bedrohlich, sondern müde. Unendlich müde.

Aus dem milchigen Licht am Ende des Tunnels schälte sich eine Gestalt. Sie saß auf einem Thron, der nicht aus Gold oder Stein war, sondern aus übereinandergestapelten Schädeln verschiedenster Wesen – Menschen, Tiere, Dinge, die Elias nicht benennen konnte.

Die Sandhexe.

Sie war klein, zusammengesunken, gehüllt in Fetzen von grauem Stoff, die aussahen wie Spinnweben. Ihr Haar war weiß, dünn und hing ihr strähnig ins Gesicht. Aber es waren ihre Augen, die Elias den Atem raubten.

Sie hatte keine Pupillen. Ihre Augen waren komplett weiß, milchig, blind. Aber sie starrten direkt auf ihn. Sie starrten durch ihn.

„Reisende“, sagte sie. Ein trockenes Lachen entwich ihrer Kehle, das klang wie rasselnde Erbsen. „Verlorene Kinder. Mörder. Diebe. Und...“ Sie neigte den Kopf, als würde sie lauschen. „...ein Leeres Gefäß.“

Elias griff instinktiv an seine Brust. Das Amulett wurde heiß. Es erkannte die Hexe. Oder die Hexe erkannte es.

„Wir wollen keinen Streit“, sagte Elias. Er trat vor, die Hände offen, den Handschuh sichtbar. „Wir wollen nur passieren. Wir suchen den Weg zum Canyon.“

Die Hexe kicherte. Sie stand auf. Sie war winzig, kaum größer als Jory, aber ihr Schatten, den das milchige Licht warf, war riesig und verzerrt. Sie stützte sich auf einen Stab aus versteinertem Holz.

„Der Canyon“, wiederholte sie. „Das Auge der Sonne. Natürlich. Alle Motten fliegen zum Licht.“ Sie trat näher. Ihre blinden Augen scannten die Gruppe. Sie blieb vor Tarek stehen. Sie schnupperte.

„Blut und Eisen“, murmelte sie. „Und Verrat. Du trägst den Schatten deines Vaters, Söldner.“

Tarek zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. „Woher...“

Sie ging weiter. Zu Zara. „Gold und Staub. Du nimmst, was du nicht halten kannst.“

Zu Marcus. „Tinte und Asche. Du verbrennst, was du liebst, um zu verstehen, wie es funktioniert.“

Marcus wurde bleich. Er wich zurück, stolperte fast.

Dann stand sie vor Elias. Sie streckte eine knochige Hand aus. Ihre Finger waren lang, die Nägel gelb und gebogen. Sie berührte nicht ihn. Sie berührte die Luft vor seiner Brust, dort wo das Amulett hing.

„Und du“, flüsterte sie. „Du bist gar nicht hier. Du bist nur ein Loch, in das die Welt hineinfällt.“

Sie zog die Hand zurück.

„Der Weg ist offen“, sagte sie. „Aber der Weg ist nicht umsonst. Das ist das Gesetz der Toten Zone. Wer hindurch will, muss etwas zurücklassen.“

„Wir haben kein Gold“, sagte Clara hart. „Wir haben keine Vorräte.“

„Ich will kein Gold“, spie die Hexe aus. „Gold ist schwer. Und Essen verrottet.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Ich will etwas, das bleibt. Ich will eine Erinnerung.“

Stille legte sich über die Gruppe, schwerer als der Fels über ihren Köpfen. Das Glimmen des milchigen Lichts am Ende des Tunnels schien zu flackern, als würde die Dunkelheit den Atem anhalten.

„Eine Erinnerung?“, wiederholte Elias. Seine Stimme war rau, belegt vom Salzstaub der Toten Zone. Er starrte die Hexe an, die auf ihrem Thron aus Schädeln hockte wie ein Aasgeier, der auf das letzte Zucken seiner Beute wartet.

„Nicht irgendeine“, zischelte die Hexe. Sie lehnte sich vor, und ihre Gelenke knackten im Einklang mit den Knochen unter ihr. „Eine glückliche. Eine, die wärmt. In dieser Wüste wird es nachts sehr kalt, junger Träger. Ich brauche Brennstoff. Gib mir einen Moment der Freude. Ein Lachen. Einen Kuss. Einen Sieg.“

Sie grinste, und ihre wenigen Zähne waren schwarz wie Obsidian.

„Gib es mir. Und du darfst vergessen, dass du es je hattest. Ich nehme die Last der Freude von dir.“

„Das ist kein Handel“, sagte Lyra entsetzt. Sie trat einen Schritt vor, schob sich instinktiv zwischen Elias und die Kreatur. Ihre Hände, nutzlos für Heilung, ballten sich zu Fäusten. „Das ist Diebstahl. Ein Amputation der Seele. Wenn du eine Erinnerung nimmst... ist sie für immer weg?“

„Für immer“, bestätigte die Hexe genüsslich. „Du wirst wissen, dass es passiert ist, kleines Mädchen. Aber du wirst es nicht mehr fühlen. Es wird wie eine Geschichte sein, die du in einem fremden Buch gelesen hast. Trocken. Tot. Daten ohne Herz.“

Sie lehnte sich zurück, verschmolz fast mit den Rippenbögen ihres Thrones.

„Ein Zoll für alle. Einer zahlt. Alle gehen. Entscheidet euch. Aber entscheidet schnell. Der Hunger ist ein ungeduldiger Gast.“

Sie warteten. Der Wind pfiff durch die Rippenbögen der riesigen Bestie, in der sie standen. Die Kälte der Nacht kroch durch die Risse im Gestein, biss in ihre Kleidung, suchte nach Wärme, genau wie die Hexe.

Tarek trat vor. Er humpelte, sein Bein zog eine Spur im Lehmboden, aber sein Kopf war hoch erhoben. Der Söldner hatte seinen Stolz nicht im Atrium gelassen.

„Nimm mich“, grollte er. Er breitete die Arme aus, bot sich an wie auf einem Sklavenmarkt. „Ich habe genug Erinnerungen, die ich nicht brauche. Nimm den Tag, an dem ich mein erstes Schwert bekam. Oder den Tag, an dem ich meinen ersten Sold versoffen habe.“

Die Hexe schnupperte in seine Richtung. Sie rümpfte die Nase. „Glückliche?“, fragte sie spöttisch. „Ich rieche nur Schmerz an dir, Söldner. Und Pflicht. Deine Freude ist sauer, vergiftet vom Schatten deines Vaters. Ich will süßen Wein, keinen Essig.“

Clara schob sich neben ihn. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Augen brannten. „Dann nimm meine. Den Tag, an dem ich in die Akademie aufgenommen wurde. Den Stolz meines Vaters.“

„Stolz ist kalt“, sagte die Hexe und winkte ab. „Stolz wärmt nicht. Und dein Vater... sein Stolz war eine Mauer, keine Decke.“

Sie schüttelte den Kopf, und der Staub rieselte aus ihrem dünnen Haar.

Elias sah seine Freunde an. Er sah Marcus, der sich an seine Tasche klammerte, als enthielte sie sein Leben, und dessen Augen panisch zwischen der Hexe und dem Ausgang hin und her huschten. Er sah Zara, die trotzig schaute, aber deren Hand am Dolchgriff zitterte. Er sah Jory, der nichts hatte außer der Hoffnung, dass die Großen ihn beschützen würden.

Er wusste, was er tun musste. Er war der Träger. Er trug die Last. Und er trug den Handschuh, der ihn lehrte, dass Macht immer einen Preis hatte.

„Ich zahle“, sagte Elias.

Die Hexe wandte ihren blinden Kopf ihm zu. Ein Lächeln spaltete ihr Gesicht, widerlich und triumphierend. „Ah. Der Junge mit dem Loch.“

„Elias, nein“, flüsterte Lyra. „Das kannst du nicht tun. Deine Erinnerungen... sie sind das Einzige, was dich noch... dich macht.“

„Ich habe nicht viel“, sagte Elias leise. Er trat vor, bis er direkt vor der Hexe stand. Er spürte die Kälte, die von ihr ausging. Es war nicht die physikalische Kälte des Amuletts. Es war die Kälte der absoluten Einsamkeit.

„Was gibst du?“, fragte die Hexe.

Elias schloss die Augen. Er suchte in seinem Kopf. Es war schwer. Die letzten Wochen waren überlagert von Schichten aus Dunkelheit, Feuer und Tod. Die Zeit davor war grau, ein Leben in Armut und Arbeit in Aetherholm. Die Angst vor dem Amulett hatte fast alles überdeckt.

Aber da war etwas. Ganz tief unten. Vergraben unter der Asche seines Hauses. Ein Fundament, auf dem sein Leben gebaut war, bevor es einstürzte.

Er sah ein Bild vor seinem inneren Auge. Ein kleiner Junge, kaum fünf Jahre alt. Er saß auf den Schultern eines Mannes. Der Mann war groß, stark, seine Hände waren riesig und rau, aber sie hielten die kleinen Knöchel des Jungen mit einer Zärtlichkeit, die sicher war wie ein Fels.

Der Mann roch nach Eisen und Holzrauch. Nach Arbeit und Abendbrot. Er lief über eine Wiese am Waldrand, und der Junge lachte, weil die Welt von da oben so groß aussah und ihm gehörte.

Und dann lachte der Mann auch.

Es war ein tiefes, warmes Grollen, das in seiner Brust vibrierte und sich auf den Jungen übertrug. Es war ein Lachen ohne Sorge. Ein Lachen, das sagte: Ich bin hier. Dir passiert nichts. Ich halte dich.

Sein Vater. Bevor er ging. Bevor das Amulett ihn holte. Bevor er zum Schatten wurde, den Elias im Eis gesehen hatte.

Es war der einzige Moment reiner, ungetrübter Sicherheit, den Elias besaß. Es war der Beweis, dass er geliebt wurde.

„Das Lachen meines Vaters“, flüsterte Elias.

Die Hexe sog die Luft ein, ein zischendes Geräusch wie Wasser auf heißem Stein. „Ja“, hauchte sie. „Das ist gut. Das ist... rein. Das ist warm.“

Sie streckte die Hand aus. Sie legte ihre knochigen Finger an Elias’ Schläfe. Ihre Haut fühlte sich an wie trockenes Papier, spröde und staubig.

„Bist du sicher, Träger?“, fragte sie, und in ihrer Stimme lag fast so etwas wie Mitleid – oder der Hohn eines Wesens, das wusste, was Verlust bedeutete. „Wenn ich es nehme... wirst du nie wieder wissen, wie sich Sicherheit anfühlt. Du wirst allein sein, selbst wenn du unter Freunden bist.“

Elias öffnete die Augen. Er sah Clara an. Er sah Tarek. Er sah Lyra. Er sah ihre Angst um ihn. Aber er spürte sie nicht mehr so stark wie früher. Der Handschuh an seiner rechten Hand pulsierte.

Tu es, flüsterte der dunkle Teil in ihm. Gefühle machen schwach. Wir brauchen keine Sicherheit. Wir brauchen einen Weg.

„Ich brauche keine Sicherheit“, sagte er. Seine Stimme war fest, aber sein Herz hämmerte. „Ich brauche das Fragment.“

„Dann sei es so.“

Die Hexe drückte zu.

Es war kein Schmerz. Schmerz wäre etwas gewesen, woran Elias sich hätte festhalten können, eine Grenze, gegen die er hätte ankämpfen können. Das, was geschah, war schlimmer. Es war eine Auflösung.

Er spürte, wie die Erinnerung an die Oberfläche gezogen wurde, physisch extrahiert, wie ein Faden aus einem Teppich gezogen wird. Das Bild seines Vaters wurde scharf, übernatürlich klar. Er hörte das Lachen, laut, dröhnend, warm. Er roch den Rauch. Er fühlte die rauen Hände an seinen Knöcheln. Es war da. Es war jetzt.

Dann trank die Hexe.

Das Bild verblasste nicht. Es wurde kalt. Die Wärme wurde herausgesaugt. Die Farben liefen aus dem Gesicht des Vaters, als würde Säure über ein Gemälde laufen. Das Braun der Augen wurde grau. Das Lachen... das Lachen wurde dünn, metallisch, bis es nur noch ein Geräusch war. Eine Frequenz. Daten.

Das Gefühl der Geborgenheit, das untrennbar mit diesem Bild verbunden war, riss ab. Es hinterließ ein Loch. Ein physisches Vakuum in seinem Kopf, das sofort mit der kalten Gleichgültigkeit des Amuletts geflutet wurde.

Elias versuchte, das Gefühl festzuhalten. Er griff danach, geistig, panisch. Lach doch, dachte er. Bitte, lach noch einmal. Lass mich fühlen.

Aber der Mann in seiner Erinnerung war nur noch eine Statue. Er öffnete den Mund, aber er war stumm. Er war ein Fremder. Ein Faktum in Elias' Biografie: Vater. Lachte an einem Dienstag. Mehr nicht.

Die Hand der Hexe löste sich von seiner Schläfe. Elias wankte. Er fiel nicht, aber er fühlte sich leichter. Als hätte er Ballast abgeworfen. Wichtigen Ballast.

„Köstlich“, flüsterte die Hexe.

Ein schwaches, goldenes Glimmen huschte über ihr graues Gesicht, ließ ihre Haut für eine Sekunde fast lebendig wirken. Sie leckte sich über die Lippen, als hätte sie Honig gegessen.

„Es war ein gutes Opfer, Träger. Rein. Unschuldig.“ Sie kicherte. „Du bist jetzt leerer, nicht wahr? Die Liebe wiegt so schwer.“

Elias starrte sie an. Seine Augen waren trocken. Er fühlte keinen Hass auf sie. Er fühlte... nichts. Er griff an seine Brust, suchte instinktiv nach dem Trost, den die Erinnerung ihm in kalten Nächten gegeben hatte. Aber da war nur das Amulett. Kalt, hart, pragmatisch.

„Ist der Weg frei?“, fragte er. Seine Stimme war vollkommen emotionslos. Es war die Stimme eines Mannes, der einen Handel abgeschlossen hatte.

Clara schauderte. Sie sah ihn an und erkannte ihn nicht wieder. Das Licht in seinen Augen war gedimmt. Er wirkte effizienter. Tödlicher.

„Der Weg ist frei“, sagte die Hexe satt. Sie winkte mit ihrer knochigen Hand in die Dunkelheit hinter dem Thron. „Geht. Der Canyon wartet. Aber seid gewarnt... ihr habt den Zoll für den Körper bezahlt. Der Geist... der Geist muss noch geprüft werden. Die Hitze der Wahrheit verbrennt alles, was nicht echt ist.“

Elias nickte kurz. Er drehte sich um. „Wir gehen.“

Er wartete nicht auf die anderen. Er schritt an der Hexe vorbei, in die Dunkelheit hinein. Er ging voran, allein, geführt von der Kälte, die nun den einzigen Platz in seinem Herzen einnahm, wo früher ein Lachen war.

Sie ließen die Sandhexe auf ihrem Thron aus Schädeln zurück, eine kleine, graue Spinne im Netz der Vergangenheit, die sich zufrieden in die Schatten ihrer Knochenhöhle zurückzog. Niemand blickte zurück. Der Anblick der Kreatur, die sich an einem gestohlenen Lachen nährte, war schlimmer als jeder Kampf, den sie bisher ausgefochten hatten.

Der Weg führte weiter in die Tiefe. Der Tunnel, der zuvor noch aus gestapelten Gebeinen bestand, wandelte sich. Die Wände wurden felsig, roher, roter Sandstein, der im Licht von Marcus’ phiolengrüner Laterne wie verkrustetes Blut glänzte. Der Boden fiel steil ab, ein rutschiger Pfad aus Lehm und Staub, der in den Bauch der Erde führte.

Elias ging voran. Er setzte seine Füße mechanisch, einen nach dem anderen. Er lauschte in sich hinein. Er suchte nach dem Schmerz, den er erwartet hatte. Nach der Trauer. Aber da war nichts.

Es war, als würde man mit der Zunge nach einem gezogenen Zahn tasten. Man weiß, dass er dort war. Man erinnert sich an den Schmerz der Wurzel. Aber wenn man die Stelle berührt, ist da nur eine glatte, fremde Lücke.

Er versuchte, das Gesicht seines Vaters zu rekonstruieren. Er wusste, dass er Bartstoppeln gehabt hatte. Er wusste, dass er breite Schultern hatte. Aber das Bild war flach. Ein Gemälde an einer Wand, das man betrachtet, aber nicht betreten kann. Das warme Gefühl der Sicherheit, das früher mit dem Gedanken an seinen Vater einherging – das Gefühl, gehalten zu werden – war restlos getilgt.

Sein Herz schlug ruhig. Zu ruhig.

Lyra schloss zu ihm auf. Der Gang war hier breit genug für zwei. Sie wagte es nicht, ihn zu berühren, aber ihre Präsenz war eine warme Welle an seiner Seite.

„Elias“, flüsterte sie. Ihre Stimme hallte leise von den Felswänden wider. „Du bist... still.“

„Ich denke nach“, sagte Elias. Seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren fremd. Nüchtern.

„Worüber?“

„Über den Weg“, log er. Er dachte nicht über den Weg nach. Er dachte darüber nach, wie einfach es gewesen war. Ein kurzer Moment des Drucks, und die Last war weg.

Er blickte auf seine rechte Hand. Der Schwarze Handschuh war ruhig. Die silbernen Fäden waren dunkel. Aber Elias spürte eine neue Klarheit in der Verbindung. Ohne die störenden Emotionen der Vergangenheit, ohne die Sehnsucht nach Sicherheit, war der Kanal zum Amulett reiner.

Effizienz, flüsterte der dunkle Teil seines Verstandes. Gefühle sind Reibungsverlust.

„Wir haben einen Preis bezahlt“, sagte Clara von hinten. Sie stützte Tarek, der schwer atmete, aber sich aufrecht hielt. „Ich hoffe, die Ware ist es wert.“

„Das werden wir gleich sehen“, sagte Zara.

Der Tunnel öffnete sich. Ein Luftzug wehte ihnen entgegen. Er roch nicht mehr nach Moder und Knochen. Er roch nach Ozon, nach heißem Stein und einer trockenen, elektrischen Ladung, die auf der Haut prickelte.

Sie traten hinaus.

Sie standen auf einem Felsvorsprung, hoch über dem Boden eines gewaltigen Canyons. Die Wände der Schlucht fielen hunderte Meter tief ab, geschichtet in Bändern aus Ocker, Rot und Violett, die im Sternenlicht unwirklich leuchteten.

Aber es war nicht die Schlucht, die ihnen den Atem raubte. Es war das, was am Ende des Tals lag.

Eingebettet zwischen den steilen Felswänden, am Ende eines langen Pfades aus weißem, glitzerndem Sand, stand der Tempel der Sonne.

Es war kein Bauwerk aus Stein. Es war eine Pyramide aus makellosem, spiegelndem Material – Glas oder poliertes Metall –, das selbst das schwache Licht der Sterne einfing und tausendfach verstärkte. Die Struktur glühte in einem sanften, goldenen Pulsieren, als würde sie atmen.

Sie war wunderschön. Und sie war furchteinflößend.

„Das Auge“, hauchte Marcus. Er kramte hastig seine Karte hervor, verglich die Konturen mit zitternden Fingern. „Die Geometrie... sie ist perfekt. Keine Fugen. Keine Erosion. Das ist Vorkriegs-Tech. Das ist Shru h'las-Architektur.“

„Es ist eine Falle“, sagte Tarek. Er ließ Claras Arm los und stand alleine, schwankend, die Hand am Schwertgriff. „Seht euch den Weg an. Er ist offen. Kein Tor. Keine Wachen.“

Tatsächlich führte der weiße Sandpfad direkt auf einen schmalen, vertikalen Spalt in der glatten Front der Pyramide zu. Es sah aus wie ein Riss in einem Spiegel.

„Die Hexe sagte, der Weg ist frei“, erinnerte Elias. Er trat an den Rand des Vorsprungs. Der Wind zerrte an seinem Umhang. Er spürte das Amulett.

Es schrie nicht mehr. Es summte. Ein tiefes, resonantes Vibrieren, das durch seinen Brustkorb ging. Der Riss im Kristall reagierte auf die Nähe des Fragments. Er leuchtete schwach rötlich auf.

„Das Fragment ist da drin“, sagte Elias. „Ich kann es spüren. Es ist... heiß.“

„Die Hexe warnte vor der Hitze“, sagte Lyra. „Die Hitze der Wahrheit.“

„Was soll das bedeuten?“, fragte Zara nervös. Sie spielte mit ihrem Dolch, ließ ihn durch die Finger gleiten. „Wird es warm? Oder verbrennen wir?“

„Es bedeutet, dass wir dort drin nichts verstecken können“, sagte Marcus leise. Er blickte auf seine Hände, dann zu Zara. „Vielleicht... vielleicht ist das gefährlicher als Feuer.“

Elias drehte sich zu ihnen um. Er sah ihre Gesichter. Er sah die Angst, die Erschöpfung, die Zweifel. Er sah die Geheimnisse, die sie trugen. Marcus’ Schuld. Claras Angst vor der Schwäche. Tareks Scham über seinen Vater.

Und er sah seine eigene Leere.

„Wir gehen runter“, sagte er. Seine Stimme war fest, emotionslos. „Wir haben den Zoll bezahlt. Jetzt holen wir uns, was uns gehört.“

Er begann den Abstieg in den Canyon. Der Pfad war steil, der Schotter rutschig. Aber Elias ging sicher. Er hatte keinen Ballast mehr, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Er hatte keine Angst mehr, zu fallen. Denn er wusste nicht mehr, wie es sich anfühlte, aufgefangen zu werden.

Hinter ihm folgten die anderen. Sie stiegen hinab in den Schatten der spiegelnden Pyramide, die vor ihnen aufragte wie ein göttliches Urteil.

Der Wind heulte durch die Schlucht, und es klang nicht mehr wie Stimmen. Es klang wie das Schleifen von Klingen.

Das letzte Tor lag hinter ihnen. Vor ihnen lag der Spiegel, der keine Lügen duldete. Und Elias, der Junge ohne Lachen, ging voran, bereit, in sein eigenes, zerbrochenes Gesicht zu blicken.