NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 5: Der Markt der Schatten
Der Lärm der Unterstadt von Zar’Athon war kein Geräusch; er war eine physische Gewalt. Er drückte gegen die Schläfen, kroch in die Ohren und vibrierte im Brustkorb. Es war ein kakophonisches Gemisch aus feilschenden Stimmen in einem Dutzend Dialekten, dem Hämmern von Kupferschmieden, dem Blöken von eingepferchten Ziegen und dem schrillen Pfeifen von Dampfventilen, die den Druck der darüberliegenden Stadt abließen.
Über ihnen spannten sich Tausende von Stoffbahnen – Tücher in verblichenem Rot, Ocker und Indigoblau, die kreuz und quer zwischen den baufälligen Gebäuden gespannt waren und den Himmel vollständig verdeckten. Das Tageslicht drang nur gefiltert hierher, ein schummriges, staubiges Dämmerlicht, das die Konturen verwischte und Gesichter zu Grimassen verzerrte. Hier unten gab es keine Sonne, nur den Schatten. Und im Schatten blühte der Handel.
Zara atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach gebratenem Knoblauch, Schweiß, altem Leder und dem metallischen Beigeschmack von gestohlenem Gold. Für Elias mochte es nach Chaos riechen. Für Zara roch es nach Möglichkeiten.
„Wir können nicht alle gehen“, sagte sie und drückte sich in eine Nische zwischen zwei Stapeln von Teppichen, um einem Karren auszuweichen, der von einem schwitzenden Oger gezogen wurde. „Wir fallen auf wie bunte Hunde. Elias mit dem Handschuh. Kael, der aussieht wie eine Wasserleiche. Und Jory, der kaum stehen kann.“
Elias lehnte schwer an der Wand. Er hatte seinen rechten Arm tief unter dem Fetzen seines Umhangs verborgen, aber er spürte die Blicke der Vorbeigehenden. Hier unten, wo jedes Geheimnis eine Währung war, war er ein wandelnder Tresor.
„Wir brauchen ein Versteck“, stimmte er zu. „Und wir brauchen Ausrüstung. Wir können nicht in die Wüste zurück, so wie wir sind.“
„Dort“, sagte Tarek. Er deutete auf einen verschlagenen Eingang hinter einer Reihe von Amphoren. Es sah aus wie der Zugang zu einem alten Lagerkeller, halb verfallen, markiert mit einem Symbol, das aussah wie ein gebrochenes Rad. „Das ist ein toter Winkel. Die Gilde nutzt solche Orte als Abwurfstellen, aber dieser hier sieht unbenutzt aus. Der Staub auf dem Riegel ist fingerdick.“
Sie brachen das Schloss nicht auf; Zara öffnete es mit einer Haarnadel und einem Fluchen in weniger als zehn Sekunden. Der Raum dahinter war klein, trocken und roch nach Mäusekot, aber er war leer und blickdicht.
„Bleibt hier“, kommandierte Zara, während sie Jory hineinhob und Lyra nachwinkte. „Kael, Elias – bewegt euch nicht. Atmet nicht laut. Wenn jemand klopft, macht ihr nicht auf. Ihr tötet ihn.“
Kael, der immer noch in Lyras nasser Tunika zitterte, nickte stumm. Er wirkte in dieser Umgebung noch fremder als im Palast. Ein Wesen der Tiefe, gestrandet im Staub.
„Ich brauche Träger“, sagte Zara und blickte Tarek an. „Und jemanden, der rechnen kann, ohne dass man ihn übers Ohr haut.“ Ihr Blick wanderte zu Marcus.
„Ich?“, fragte Marcus und rückte seine zerbrochene Brille zurecht. Er sah sich nervös um. Ein Mann mit einem Käfig voller Singvögel rempelte ihn an, und Marcus zuckte zusammen, als wäre es ein Attentäter. „Ich bin kein Dieb, Zara. Ich bin Akademiker. Meine Expertise liegt in der Theorie.“
„Heute ist Praxis-Tag, Gelehrter“, sagte Zara und grinste ihr schiefes Grinsen. „Du brauchst eine neue Brille. Tarek braucht Bandagen. Und wir alle brauchen Wüstenmäntel, die nicht aussehen, als hätten wir sie einer Leiche geklaut – auch wenn wir das wahrscheinlich tun werden. Komm schon. Ich zeige dir, wie man einkauft, ohne zu bezahlen.“
Sie traten zurück in den Strom der Menge. Tarek ging hinter ihnen, ein massiver Schatten, der die Ellbogen ausfuhr und Platz schuf. Marcus hielt sich dicht an Zara, seine Hand krampfhaft um den Riemen seiner Tasche geklammert.
Der Markt war ein Labyrinth. Es gab keine Straßen, nur Gassen, die sich wanden und drehten, gesäumt von Ständen, die alles verkauften, was man sich vorstellen konnte – und vieles, was man sich nicht vorstellen wollte.
Ein Stand bot Licht-Wasser an, billige Abwässer aus dem Palast, die noch schwach glühten. Ein anderer verkaufte Prothesen aus Holz und Messing. Zara steuerte zielsicher auf den Bereich der Textilhändler zu.
„Die Regel ist einfach“, flüsterte sie Marcus zu, während sie sich durch eine Gruppe von Söldnern schlängelten. „Schau nie direkt auf das, was du willst. Schau auf das daneben. Tu so, als wärst du gelangweilt. Als hättest du Besseres zu tun.“
„Ich habe Besseres zu tun“, murmelte Marcus. „Ich sollte Berechnungen für die Route anstellen.“
„Das hier ist die Route“, sagte Zara. Sie blieb vor einem Stand stehen, der über und über mit Stoffen behangen war. Schwere Wollumhänge, Leinenwickel, Kopfbedeckungen der Tuareg. Der Händler, ein Mann mit nur einem Ohr und einer Haut wie altes Pergament, war in ein Streitgespräch mit einer Kundin vertieft.
„Perfekt“, sagte Zara. „Schau dir die Seide an, Marcus. Frag nach dem Preis.“
„Wir brauchen keine Seide“, flüsterte Marcus verwirrt.
„Tu es einfach!“, zischte sie.
Marcus trat an den Stand. Er räusperte sich. Er nahm ein Tuch aus blauer Seide in die Hand. Es fühlte sich kühl und glatt an. „Äh... Verzeihung? Wie hoch ist der monetäre Gegenwert für dieses... Textil?“
Der Händler drehte sich genervt um. „Zwei Luma. Und fass es nicht an, wenn deine Hände schwitzen.“
Während Marcus stammelte und versuchte, den Preis theoretisch zu diskutieren, glitt Zara in den Schatten der hängenden Waren. Ihre Bewegungen waren fließend, fast tänzerisch. Sie griff nicht hastig zu. Sie lehnte sich lässig gegen einen Stapel schwerer Wüstenumhänge – grauer, robuster Stoff, der Sandstürme überstehen konnte.
Mit einer einzigen, unsichtbaren Bewegung ihres Messers schnitt sie die Sicherungsbänder durch. Ein Bündel von drei Umhängen rutschte herab, direkt in ihre offene Umhängetasche. Im selben Moment ließ sie eine kleine Kupfermünze fallen. Das Kling auf dem Boden lenkte den Händler für den Bruchteil einer Sekunde ab.
„Zu teuer“, sagte Zara laut und trat neben Marcus. „Komm, Schatz. Der da drüben hat bessere Ware.“
Sie zog den verdutzten Marcus weg, bevor der Händler auch nur blinzeln konnte.
„Du hast sie gestohlen“, flüsterte Marcus, als sie um die Ecke waren. Er klang nicht empört. Er klang fasziniert.
„Ich habe sie befreit“, korrigierte Zara. Sie drückte ihm das Bündel in die Arme. „Hier. Trag das. Und hör auf zu gucken, als hättest du einen Geist gesehen. Du bist jetzt ein Komplize.“
Marcus drückte den rauen Stoff an sich. Er roch nach Staub und Wolle. Er sah Zara an. In dem diffusen Licht des Marktes wirkte sie nicht wie die dreckige Straßendiebin aus der Rost-Ader. Ihre Augen leuchteten vor Adrenalin. Sie lachte leise, ein raues, echtes Lachen.
„Für einen Gelehrten bist du überraschend... ablenkend“, sagte sie. „Das ist ein Talent.“
Marcus spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Es war nicht die Hitze des Marktes. Es war die Art, wie sie ihn ansah. Nicht wie Ballast. Sondern wie einen Partner.
„Ich lerne von den Besten“, sagte er, und seine Stimme war fester, als er erwartet hatte.
Tarek, der hinter ihnen ging und den Rückraum sicherte, beobachtete die beiden. Er sah das leichte Rot auf Marcus’ Wangen, das Grinsen seiner Schwester. Ein seltenes, warmes Lächeln huschte über sein vernarbtes Gesicht.
Er wusste, dass diese Welt keine Happy Ends hatte. Aber für einen Moment, hier im Dreck und Lärm, sah er etwas, das dem nahekam. Er wandte sich ab und scannte die Menge, seine Hand locker am Dolch. Sein Job war es nicht, zu lächeln. Sein Job war es, dafür zu sorgen, dass sie lange genug lebten, um diesen Moment zu genießen.
„Weiter“, sagte Zara. „Wir brauchen Wasserbehälter. Und Dietriche. Meine sind im Palast geblieben.“
Sie tauchten tiefer in den Markt ein. Die Gassen wurden enger, dunkler. Hier wurden keine Stoffe mehr verkauft. Hier wurden Dinge gehandelt, die man nicht im Licht zeigte. Gifte. Informationen. Und Magie.
Marcus blieb vor einem kleinen Stand stehen, der kaum mehr als eine Kiste auf zwei Böcken war. Darauf lagen seltsame Instrumente aus Messing und Glas, verbeult, oxidiert.
„Ein Astrolabium“, flüsterte er und nahm ein Gerät hoch. „Aus der Dritten Dynastie. Aber die Linse fehlt.“
Er wühlte weiter. Seine Finger streiften über einen Gegenstand, der aussah wie eine alte Taschenuhr, aber das Zifferblatt war leer. Keine Zahlen. Nur eine einzige Nadel aus schwarzem Eisen, die wild rotierte.
„Kaputt“, sagte der Händler, ein Mann ohne Zähne, der an einer Wasserpfeife sog. „Ein Luma.“
„Es ist nicht kaputt“, sagte Zara leise. Sie trat neben Marcus. Sie legte ihre Hand über seine, die den Kompass hielt. Marcus erstarrte bei der Berührung.
„Sieh hin“, sagte sie.
Die Nadel beruhigte sich. Sie zeigte nicht nach Norden. Sie zeigte stur in eine Richtung – nach Osten. Direkt durch Marcus’ Brust hindurch.
„Er zeigt nicht nach Norden“, flüsterte Zara. „Er zeigt zum Ziel.“
„Ein Wunsch-Kompass?“, fragte Marcus ungläubig. „Das ist ein Märchen. Magische Resonanz, die auf die Intention des Trägers reagiert... das ist theoretisch möglich, aber die Herstellung ist seit Jahrhunderten verloren.“
„Vielleicht will er einfach nur nach Hause“, sagte Zara. „Oder vielleicht weiß er, was wir suchen.“ Sie warf dem Händler eine Münze zu – eine echte, die sie dem Seneschall im Palast aus der Tasche gezogen hatte, als er sie "gefangen" nahm.
„Wir nehmen ihn.“
Marcus steckte den Kompass ein. Er fühlte sich warm an in seiner Tasche. Wie ein Herzschlag.
„Wir haben alles“, sagte Tarek, der nervös wurde. „Die Luft hier... sie verändert sich. Es wird stiller.“
Er hatte recht. Der Lärm des Marktes, eben noch ohrenbetäubend, war gedämpft, als hätte jemand eine Decke darüber geworfen. Die Menschen in der Gasse wichen zur Seite, drückten sich an die Wände.
„Wachen?“, zischte Zara.
„Nein“, sagte Tarek. Er schnupperte. „Öl. Schweres, schwarzes Öl.“
Am Ende der Gasse, dort wo sie in einen größeren Platz mündete, bewegten sich Schatten. Aber es waren keine natürlichen Schatten. Sie waren massiv.
Riesige Gestalten, verhüllt in graue und schwarze Roben, die sie fast drei Meter groß erscheinen ließen. Sie trugen Masken aus Silber.
Hygrandier.
Sie standen um einen Karren herum, der mit Fässern beladen war. Fässer aus schwarzem Glas, in denen eine violette Flüssigkeit schwappte.
Marcus sog scharf die Luft ein. „Schatten-Öl“, hauchte er. „Mitten in der Stadt.“
„Sie handeln“, flüsterte Zara.
Ein Mann in der feinen Robe eines Palast-Beamten stand vor den Riesen. Er übergab ihnen keine Münzen. Er übergab ihnen Phiolen mit klarem, reinem Wasser. Das Wasser der Palastgärten.
„Sie tauschen Wasser gegen Dunkelheit“, sagte Elias’ Stimme in Marcus’ Kopf, eine Erinnerung an das Atrium.
„Das ist der Beweis“, sagte Tarek leise. Seine Hand umklammerte den Dolch so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. „Arkan ist nicht nur in Seraphis. Seine Arme reichen bis hierher. Er kauft den Krieg.“
Die Hygrandier luden das Wasser auf ihren Karren. Einer von ihnen drehte den Kopf. Die silberne Maske reflektierte das schwache Licht der Laternen. Er schien direkt in die Gasse zu blicken, in der sie standen.
„Zurück“, zischte Zara. „Langsam. Kein Geräusch.“
Sie wichen zurück in den Schatten. Aber Marcus stolperte. Seine Tasche stieß gegen einen Stapel Blechdosen.
Schepper.
Das Geräusch war nicht laut, aber in der plötzlichen Stille klang es wie ein Donnerhall.
Die Maske des Hygrandier fixierte sie. Der Riese hob eine Hand. Er zeigte auf sie.
Ein tiefes, grollendes Horn erklang.
„Lauf!“, brüllte Tarek.
Der Schrei des Söldners war das Signal, das die brüchige Ordnung des Marktes endgültig zerschlug. Tarek wartete nicht darauf, dass Marcus oder Zara reagierten. Er handelte. Mit einer flüssigen Bewegung, die seinen Verletzungen spottete, packte er den Rand des nächstgelegenen Verkaufsstandes – ein wackeliges Konstrukt aus Latten, auf dem Berge von billigem Blechgeschirr gestapelt waren – und riss ihn um.
Das Scheppern war ohrenbetäubend. Töpfe, Pfannen und Kannen ergossen sich wie ein metallischer Wasserfall in die Gasse, rollten über das Kopfsteinpflaster und bildeten eine Barriere aus Lärm und Hindernissen zwischen ihnen und den Hygrandiern.
„Bewegung!“, brüllte Tarek und schob Marcus vor sich her.
Marcus stolperte, klammerte sich an das Bündel gestohlener Umhänge, als wäre es sein Leben. Er wagte einen Blick zurück. Durch den Staub und das Chaos sah er die Hygrandier. Sie rannten nicht. Sie schritten. Ihre riesigen, verhüllten Gestalten pflügten durch die Menge wie Eisbrecher durch dünnes Eis. Menschen wurden zur Seite gestoßen, Stände kippten um. Der Riese mit der silbernen Maske hob die Hand, und Marcus sah, wie sich Schatten um seine Finger wanden – nicht natürlich, sondern ölig und schwer.
Ein Strahl aus dunkler Energie zischte durch die Luft, traf die Wand über Marcus’ Kopf. Der Stein zersprang nicht; er verfaulte. Putz rieselte als schwarzer Sand herab.
„Nicht stehenbleiben!“, zischte Zara. Sie griff nach Marcus’ Ärmel und zerrte ihn in eine schmale Seitengasse, die so eng war, dass Tarek die Schultern einziehen musste.
Der Markt war nun ein Tollhaus. Das Hornsignal der Hygrandier hatte nicht nur ihre Verfolger alarmiert, sondern eine Panikwelle ausgelöst. Händler rafften ihre Waren zusammen, Diebe nutzten das Chaos, Käufer flohen. Der Strom aus Leibern war eine Flut, gegen die sie anschwimmen mussten.
Zara führte sie. Sie dachte nicht nach, sie las den Fluss der Menge. Sie duckte sich unter einem Karren hindurch, sprang über eine Kiste mit kreischenden Hühnern, zog Marcus mit sich.
„Links!“, kommandierte sie. „In den Gerber-Distrikt! Der Gestank deckt uns!“
Sie bogen ab. Der Geruch von Gewürzen und gebratenem Fleisch wich schlagartig einem beißenden Gestank nach Urin, Lauge und rohem Fleisch. Die Luft brannte in den Augen. Große Bottiche mit Färbemittel standen auf der Straße, Tücher hingen von Leinen, tropften rote und blaue Flüssigkeit auf den Boden, die im Zwielicht wie Blut aussah.
Tarek hielt das Ende der Gruppe. Er lief rückwärts, den Dolch in der Hand, die Augen auf die Mündung der Gasse gerichtet. Er sah keine Hygrandier mehr, aber er spürte sie. Der Boden vibrierte unter ihren Schritten.
„Sie sind zu schwer für die engen Gassen“, keuchte er. „Aber sie werden die Ausgänge blockieren.“
„Wir gehen nicht zum Ausgang“, sagte Zara. Sie blieb vor einem niedrigen Durchgang stehen, der mit einem verfilzten Teppich verhängt war. „Wir gehen durch.“
Sie riss den Teppich beiseite. Dahinter lag eine Werkstatt. Männer mit nackten Oberkörpern, die bis zu den Ellbogen in Bottichen steckten, starrten sie an.
„Durchgang!“, rief Zara und warf eine Handvoll der Kupfermünzen, die sie noch hatte, in die Luft. Die Münzen klirrten auf den Boden. Die Arbeiter stürzten sich darauf, vergaßen die Eindringlinge.
Sie rannten durch die Werkstatt, sprangen über Felle, rutschten auf glitschigem Boden aus. Marcus fiel, landete hart auf der Seite, direkt in einer Pfütze aus gelber Beize. Er schrie auf, rappelte sich hoch. Seine Robe war nun nicht mehr nur zerrissen, sondern stank bestialisch.
„Weiter!“, trieb Tarek ihn an. „Schmerz spürst du später!“
Sie brachen durch die Hintertür, landeten in einem Hinterhof voller Abfall. Ratten huschten weg. Zara orientierte sich kurz.
„Dort“, sagte sie und deutete auf eine Reihe von Dächern, die niedrig genug waren, um sie zu erreichen. „Über die Dächer kommen wir zurück zum Versteck. Der Boden ist verbrannt.“
Das Klettern war eine Qual. Tarek, dessen Wunde wieder aufgebrochen war, biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer knackte. Marcus, beladen mit den Umhängen und seiner Tasche, war ungelenk, rutschte immer wieder ab. Aber Zara war überall. Sie zog, sie schob, sie flüsterte Anweisungen.
„Fuß da rein. Gewicht nach vorne. Nicht nach unten schauen.“
Sie erreichten das Flachdach eines Lagerhauses. Von hier aus hatten sie einen Überblick über den Markt.
Es war ein Bild des Aufruhrs. Fackeln bewegten sich hektisch durch die Hauptadern des Basars. Die massiven Gestalten der Hygrandier ragten wie Türme aus der Menge, unbewegt, unaufhaltsam. Sie suchten. Und sie hatten Hilfe.
Schwarze Reiter – nicht die Geister aus der Wüste, sondern menschliche Söldner in den Farben der Eisernen Legion – riegelten die Kreuzungen ab.
„Arkan hat die ganze Stadt gekauft“, flüsterte Tarek. Er lag flach auf dem Bauch, spähte über die Dachkante. „Das sind keine Händler mehr. Das ist eine Besatzungsmacht.“
„Wir müssen zu Elias“, sagte Marcus. Er drückte den Kompass in seiner Tasche, als würde er ihm Mut geben. „Wir haben, was wir brauchen. Wir müssen verschwinden.“
Der Weg zurück zum Versteck war ein Schattenspiel. Sie sprangen von Dach zu Dach, balancierten über Mauern, krochen durch Dachluken. Zara kannte Wege, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Sie nutzte Wäscheleinen als Brücken, Zisternen als Tunnel.
Endlich erreichten sie den verschlagenen Eingang hinter den Amphoren. Er sah unberührt aus. Der Staub auf dem Riegel war noch da – oder wieder da.
Zara klopfte. Ein unrhythmisches Muster: Tock. Pause. Tock-Tock.
Stille. Dann das Geräusch eines Riegels, der zurückgezogen wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ein Auge, grau und wachsam, erschien. Elias.
„Rein“, zischte er.
Sie stolperten in die Dunkelheit des Kellers. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, der Riegel wurde vorgeschoben.
Die Stille im Raum war fast so erdrückend wie der Lärm draußen. Die einzige Lichtquelle war Marcus’ letzte Lumen-Phiole, die in der Mitte des Raumes stand und ein schwaches, grünes Glimmen warf.
Lyra saß bei Jory, der immer noch schlief. Kael kauerte in einer Ecke, die Knie angezogen, und starrte auf seine Hände. Clara stand mit gezogenem Schwert an der Wand, bereit, jeden anzugreifen, der durch die Tür kam.
Als sie Tarek sahen, der blutend und schwer atmend hereinkam, und Marcus, der stank wie eine Gerberei, entspannten sie sich minimal.
„Ihr lebt“, atmete Lyra auf.
„Gerade so“, sagte Tarek und ließ sich an der Wand heruntergleiten. Er verzog das Gesicht. „Wir haben Ärger mitgebracht. Oder besser gesagt: Wir haben ihn gefunden.“
Elias trat vor. Er trug immer noch den schwarzen Handschuh, aber er hatte seinen Arm mit einem Stück Stoff umwickelt, um das Leuchten der Silberfäden zu dämpfen. Sein Gesicht war hager, die Augen lagen tief in den Höhlen. Der Hunger des Amuletts zehrte an ihm, auch wenn er es nicht benutzte.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Hygrandier“, sagte Zara. Sie warf das Bündel mit den gestohlenen Umhängen in die Mitte des Raumes. „Mitten auf dem Markt. Sie verkaufen Schatten-Öl. Und sie kaufen Wasser.“
„Wasser gegen Dunkelheit“, murmelte Kael aus seiner Ecke. Er blickte auf. „Sulimans Handel. Er verkauft seine Seele für grüne Gärten.“
„Es ist schlimmer“, sagte Marcus. Er setzte sich, legte seine Tasche ab und begann, mit zitternden Fingern den Inhalt zu sortieren. Er holte den Kompass hervor. Das Glas war trüb, das Metall verbeult, aber die Nadel – die schwarze Eisennadel – stand still. Sie zeigte stur in eine Richtung. Durch die Wand. Nach Osten.
„Arkan zieht das Netz zu“, fuhr Marcus fort. „Die Hygrandier sind hier, um die Logistik zu sichern. Die Söldner riegeln die Viertel ab. Wenn wir nicht bald verschwinden, sitzen wir in der Falle.“
Elias blickte auf den Kompass. Er spürte einen Zug in seiner Brust, synchron zur Nadel. „Es funktioniert?“, fragte er.
„Er zeigt nicht nach Norden“, sagte Marcus leise. „Er zeigt zum Ziel. Zara hatte recht. Es ist ein Resonanz-Artefakt.“
„Und wir haben Kleidung“, sagte Zara und trat gegen das Stoffbündel. „Hässlich, kratzig, aber unauffällig. Wir sehen aus wie Pilger oder Bettler. Genau das, was wir brauchen.“
Clara steckte ihr Schwert weg. „Dann gehen wir. Jetzt. Bevor sie Hausdurchsuchungen machen.“
„Wir können nicht einfach rausspazieren“, wandte Tarek ein. „Die Straßen sind dicht. Und Jory...“ Er blickte auf den Jungen. „Er kann nicht laufen. Wir können ihn nicht durch die Dächer schleppen.“
„Wir brauchen einen Wagen“, sagte Lyra. „Oder ein Boot.“
„Kein Wasser mehr“, sagte Kael plötzlich. Seine Stimme war fest. „Die Kanäle... sie werden überwacht. Suliman hat Wasserspürer. Wenn ich das Wasser bewege, wissen sie es.“
Elias ging im kleinen Raum auf und ab. Drei Schritte hin, drei zurück. Er fühlte sich wie ein Tier im Käfig. Die Wände schienen näher zu kommen. Die Kälte in seinem Arm pochte.
Nutze es, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Brich aus. Ein Gedanke, und die Wände sind Staub.
Er schüttelte den Kopf, um Arkan zu vertreiben. „Wir brauchen keinen Wagen“, sagte er. „Wir brauchen eine Ablenkung.“
Er blieb stehen und sah Zara an. „Du sagtest, sie verkaufen Schatten-Öl. Wo lagern sie es?“
Zara runzelte die Stirn. „Auf dem Karren. Fässer voll davon. Warum?“
„Weil Schatten-Öl brennt“, sagte Elias. Ein gefährliches Licht trat in seine Augen. „Marcus hat es bewiesen. Wenn wir es mit Quecksilber mischen... oder mit purer Energie...“
„Du willst es sprengen?“, fragte Clara entsetzt. „Mitten in der Stadt?“
„Nicht wir“, sagte Elias. „Ich.“ Er hob die behandschuhte Hand. „Ich kann es zünden. Aus der Ferne. Ich brauche nur eine Sichtlinie.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte Marcus. „Die Kollateralschäden... die zivile Infrastruktur...“
„Es ist Chaos“, sagte Elias. „Und Chaos ist das Einzige, was uns deckt. Wenn der Markt brennt, achten die Wachen auf das Feuer, nicht auf sechs Bettler, die zum Tor schleichen.“
„Welches Tor?“, fragte Tarek. „Das Haupttor ist verriegelt.“
„Nicht das Haupttor“, sagte Zara. Sie verstand. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Das Schatten-Tor. Der Zugang zur Toten Zone. Dort, wo sie den Müll rausbringen. Und die Leichen.“
„Die Salzwüste“, sagte Marcus und wurde blass. „Die Zone ohne Leben.“
„Genau dort“, sagte Elias. „Dort sucht uns niemand. Weil niemand dort hingeht.“
Er sah in die Runde. „Es ist riskant. Aber wir haben keine Zeit. Arkan weiß, dass wir hier sind. Die Hygrandier haben uns gesehen. Jede Minute, die wir warten, zieht sich die Schlinge enger.“
Clara sah ihn an. Sie sah die Härte in seinem Gesicht, die dort früher nicht war. Sie sah den Anführer, der bereit war, Opfer zu bringen.
„Na gut“, sagte sie. „Wir machen es. Aber wie kommen wir zum Tor?“
„Durch den Untergrund“, sagte Zara. „Die alten Kloaken. Sie stinken, aber sie führen unter dem Markt durch.“
„Und ich?“, fragte Elias.
„Du gehst aufs Dach“, sagte Tarek. „Du gibst uns das Signal. Und dann... dann lässt du es krachen.“
Elias nickte. Er griff nach einem der grauen Umhänge, warf ihn sich über. Er verbarg den Handschuh, verbarg das Amulett.
„Macht euch bereit“, sagte er. „In zehn Minuten brennt Zar’Athon.“
Er ging zur Tür. Bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um. Er sah Marcus an, der den Kompass hielt wie einen Schatz. Er sah Zara, die ihre Messer prüfte. Er sah Lyra, die Kael stützte.
„Wir sehen uns am Tor“, sagte er. „Lasst euch nicht schnappen.“
Dann schlüpfte er hinaus in die Nacht, allein mit dem Schatten und dem Feuer, das er entfachen würde.
Elias kletterte. Er nutzte nicht die Leitern oder Treppen, die für Menschen gemacht waren. Er nutzte die Architektur des Schattens. Er zog sich an verrotteten Dachbalken hoch, sprang über schmale Gassen, balancierte auf Mauerkronen, die bröckelig und rutschig vom Wüstensand waren.
Der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand war dabei kein Hindernis, sondern ein Anker. Wenn Elias abzurutschen drohte, krallte er die behandschuhten Finger in den Stein, und es fühlte sich an, als würde das Leder mit dem Fels verschmelzen, eine unnatürliche Haftung, die der Schwerkraft trotzte.
Er erreichte den höchsten Punkt des Marktviertels – die Kuppel einer alten, entweihten Moschee, deren Minarette längst abgebrochen waren. Von hier aus hatte er den perfekten Blick auf den Platz, auf dem die Hygrandier ihren Handel trieben.
Unten sah es aus wie in einem Ameisenhaufen, in den jemand hineingetreten hatte. Fackeln bewegten sich hektisch. Die riesigen Gestalten der Hygrandier standen wie Felsen in der Brandung, unbeeindruckt von dem Chaos um sie herum. Sie luden Fässer auf ihre Wagen – schwarze, glänzende Fässer voller Schatten-Öl.
Elias kauerte sich hinter den Rand der Kuppel. Er atmete flach. Der Wind hier oben war heiß und trug den Gestank von Schwefel und Angst herauf. Er spürte das Amulett. Es war leer, ausgehungert nach dem Marsch durch die Wüste. Aber der Riss im Kristall pulsierte in Vorfreude. Es wusste, was gleich passieren würde.
Zerstörung, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Es war nicht mehr nur Arkans Stimme. Es war seine eigene, verzerrt durch die Macht. Du bist gut darin.
„Ich tue es, um sie zu retten“, murmelte Elias. Er redete sich ein, dass es notwendig war. Dass es keine Wahl gab. Aber tief in ihm, dort wo die Kälte saß, regte sich ein Funke von Lust. Die Lust, denjenigen wehzutun, die die Welt vergifteten.
Er streckte die rechte Hand aus. Er zielte nicht mit dem Finger. Er zielte mit dem Willen.
Er fokussierte sich auf den größten Wagen, auf dem sich die Fässer stapelten. Er sah die violette Flüssigkeit im Inneren, spürte ihre chemische Instabilität. Marcus hatte gesagt, es brauche nur einen Funken. Oder eine Dissonanz.
Elias öffnete die Schleusen des Handschuhs. Er ließ keine Energie hinein. Er stieß einen Impuls aus – einen konzentrierten Stoß aus reiner, vibrierender Ablehnung.
Der Impuls schoss unsichtbar durch die Luft. Er traf das mittlere Fass.
Es gab keinen Knall. Zuerst nicht. Das Fass blähte sich auf. Das schwarze Glas bekam Risse, aus denen gleißendes, violettes Licht brach. Die Hygrandier drehten sich um, zu spät.
Dann zerriss die Realität.
WHUMM.
Eine Säule aus violettem Feuer schoss in den Himmel. Sie war lautlos im ersten Moment, eine Blase aus reinem Druck, die den Markt verschluckte. Dann kam der Donner. Er war so laut, dass Elias die Ohren klingelten. Die Druckwelle fegte über die Dächer, riss Ziegel und Markisen mit sich.
Unten auf dem Platz brach die Hölle los. Das Feuer fraß sich durch die anderen Fässer. Eine Kettenreaktion. Wagen explodierten. Brennendes Öl regnete auf die Stände, auf die Gassen, auf die fliehenden Menschen.
Die Hygrandier brüllten – tiefe, grollende Laute, die wie Erdbeben klangen. Einer von ihnen stand in Flammen, sein Mantel brannte in unnatürlichen Farben, aber er fiel nicht. Er wankte nur, schlug wild um sich.
Elias starrte in das Inferno. Das violette Licht spiegelte sich in seinen Augen. Er spürte, wie das Amulett die Energie der Explosion trank, selbst aus dieser Entfernung. Es füllte ihn mit einer kalten, berauschenden Kraft. Er fühlte sich mächtig. Unbesiegbar.
Mehr, flüsterte der Handschuh. Brenne alles nieder.
Elias schüttelte den Kopf, riss sich los von dem Anblick. „Nein“, keuchte er. „Genug.“
Er drehte sich um und rannte. Er rannte über die Dächer, sprang über Abgründe, die er vorher nicht gewagt hätte. Er war schnell. Schneller als ein Mensch sein sollte. Der Schatten trug ihn.
Er musste zum Schatten-Tor.
Während oben die Welt brannte, krochen seine Freunde durch die Eingeweide der Stadt.
Der alte Abwasserkanal, den Zara gefunden hatte, war eng, glitschig und stank nach Jahrhunderten des Verfalls. Marcus ging voran, die Lumen-Phiole hochhaltend, deren Licht kaum drei Meter weit reichte. Er zitterte bei jedem Schritt, nicht vor Kälte, sondern vor dem Donnern, das durch den Boden drang.
„Er hat es getan“, flüsterte Marcus. Staub rieselte von der Decke. „Die seismischen Wellen... das war keine kleine Ladung. Er hat den ganzen Block gesprengt.“
„Gut“, sagte Tarek von hinten. Er trug Jory, der bei der Explosion kurz aufgewacht war und nun leise wimmerte. „Dann guckt keiner auf die Hintertür.“
Clara ging als Letzte, das Schwert gezogen, immer wieder zurückblickend in die Dunkelheit. Sie machte sich Sorgen um Elias. Nicht, ob er entkommen würde. Sondern wie er entkommen würde. Sie hatte den Blick in seinen Augen gesehen, bevor er ging. Es war der Blick eines Mannes, der am Abgrund steht und überlegt zu springen.
„Hier“, sagte Zara. Sie blieben vor einem Gitter stehen, durch das graues, staubiges Licht fiel. Es roch nicht mehr nach Stadt. Es roch nach Salz und Tod.
„Das Schatten-Tor“, sagte Zara. „Dahinter liegt die Salzwüste. Die Müllhalde von Zar’Athon.“
Sie drückten gegen das Gitter. Es war offen – wahrscheinlich von den Leichensammlern nicht richtig verschlossen worden. Sie traten hinaus.
Sie standen am Rand eines riesigen Talkessels, abgewandt von der Stadt. Der Himmel hier war nicht violett vom Feuer, sondern fahl und grau. Vor ihnen erstreckte sich eine Ebene aus weißem Salz und verwitterten Knochen, die bis zum Horizont reichte. Die Tote Zone.
„Wo ist er?“, fragte Lyra sofort. Sie suchte die Schatten der Stadtmauer ab, die hoch über ihnen aufragte.
„Er kommt“, sagte Tarek. Er deutete nach oben.
Eine Gestalt löste sich von der Mauer. Sie kletterte nicht, sie rutschte fast, sprang von Vorsprung zu Vorsprung mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit. Sie landete im weichen Sand, rollte sich ab und kam vor ihnen zum Stehen.
Es war Elias.
Er sah furchtbar aus. Sein Umhang war versengt, sein Gesicht rußgeschwärzt. Aber er atmete nicht schwer. Er stand kerzengerade, die Augen weit aufgerissen, die Pupillen geweitet. Der Schwarze Handschuh an seiner Hand dampfte leicht.
„Wir müssen weg“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. „Das Feuer breitet sich aus. Sie werden bald merken, dass es Ablenkung war.“
Clara trat auf ihn zu. Sie wollte ihn berühren, prüfen, ob er verletzt war, aber sie zögerte, als sie die Kälte spürte, die von ihm ausging. „Was hast du getan, Elias?“
„Ich habe uns Zeit erkauft“, sagte er. Er blickte nicht zurück zur brennenden Stadt. Er blickte nach vorne, in die weiße Wüste. „Gehen wir.“
Sie folgten ihm. Sie ließen Zar’Athon hinter sich, die Stadt der Sonne, die nun im Norden brannte wie eine Fackel. Sie traten in das Reich der Sandhexe.
Der Boden unter ihren Füßen knirschte. Es waren keine Steine. Es waren Knochen. Kleine Knochen von Tieren, große Knochen von Menschen, die hier draußen verendet waren oder entsorgt wurden.
Marcus blickte auf seinen Kompass. Die Nadel drehte sich nicht mehr wild. Sie zeigte stur geradeaus. In das Herz der Salzwüste.
„Dort“, sagte er leise. „Das Fragment. Es ruft.“
Elias ging voran. Er spürte das Rufen auch. Aber er spürte noch etwas anderes. Den Riss in seinem Inneren. Er war größer geworden. Und er hatte Hunger.
Die Schatten des Turms und die Feuer des Marktes lagen hinter ihnen. Aber vor ihnen lag etwas viel Schlimmeres. Die Wahrheit, die einen Preis forderte, den man nicht mit Gold oder Blut bezahlen konnte.
Sondern mit Erinnerung.