NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 8: Das Auge der Sonne
Der Raum atmete nicht. Er vibrierte.
Als Elias den ersten Schritt auf den Boden des Sanktums setzte, fühlte er sich, als würde er in eine Welt eintreten, in der die Schwerkraft ihre Gültigkeit verloren hatte. Der Boden unter seinen Stiefeln bestand aus schwarzem, spiegelglattem Obsidian, der so perfekt poliert war, dass er wie ein bodenloser See wirkte, in den man jederzeit stürzen könnte.
Über ihm wölbte sich eine Kuppel, deren Höhe im gleißenden Licht nicht abzuschätzen war. Es gab keine Fenster, keine Fackeln, keine Runen an den Wänden. Es gab nur das Zentrum.
Dort, etwa fünfzig Meter entfernt, schwebte eine Plattform. Sie war nicht verankert, hing an keinen Ketten. Sie ruhte auf einer Säule aus flimmernder Luft, die durch die Hitze verzerrt wurde. Und über dieser Plattform hing das Fragment.
Das Auge der Sonne.
Marcus hatte es einen Stern genannt, aber aus der Nähe war es mehr als das. Es war ein Riss im Gewebe der Welt, durch den eine Realität aus purem, unverdünntem Feuer sickerte. Das Licht war weiß, aber an den Rändern brach es sich in ein Spektrum von Farben, die Elias noch nie gesehen hatte – Töne jenseits von Violett und Gold, die in den Augen stachen wie Nadeln.
„Der Druck“, keuchte Tarek hinter ihm. Der Söldner war auf die Knie gesunken, nicht vor Ehrfurcht, sondern weil die Luft hier drinnen so schwer war wie Wasser. „Es... es drückt mich zu Boden.“
„Das ist keine Schwerkraft“, flüsterte Marcus. Er stand neben Elias, die Hände krampfhaft in seine Robe gekrallt, die Augen weit aufgerissen hinter der zerbrochenen Brille. „Das ist ätherische Dichte. Die Konzentration von Energie an diesem Punkt ist so hoch, dass sie die Materie verdrängt. Wir stehen im Auge eines Sturms.“
Elias hörte ihn kaum. Sein ganzes Sein war auf das Licht fokussiert. Das Amulett an seiner Brust war nicht mehr nur heiß; es war in Resonanz getreten. Es summte einen Ton, der so tief war, dass er Elias’ Knochen zum Schwingen brachte. Es war kein warnendes Summen. Es war ein Betteln.
Das Leere Gefäß hatte Hunger. Es hatte seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, auf diesen Moment gewartet. Es erkannte seinen Bruder. Es wollte sich vereinigen.
Nimm es, flüsterte die Stimme in Elias’ Kopf. Es war nicht Arkan. Es war nicht sein Vater. Es war der Riss in seiner eigenen Seele, den er im Spiegel gesehen hatte. Du hast gesagt, du bist eine Waffe. Eine Waffe braucht Munition.
Elias machte einen Schritt. Dann noch einen. Er ging auf die schwebende Plattform zu. Er spürte die Hitze nicht als Schmerz, sondern als Versprechen. Mit jedem Meter, den er näher kam, wurde der Schwarze Handschuh an seiner Hand wärmer, die silbernen Fäden begannen, in einem aggressiven Rhythmus zu pulsieren.
„Elias, warte“, rief Clara. Ihre Stimme klang dünn, verschluckt von der akustischen Dichte des Raumes. Sie versuchte, ihm zu folgen, aber sie bewegte sich, als würde sie gegen einen Orkan anlaufen. „Es ist... zu offen. Es ist zu einfach.“
„Es ist nicht einfach“, sagte Elias, ohne sich umzudrehen. Er spürte den Widerstand der Luft. Es fühlte sich an, als würde er durch Sirup waten. „Es wehrt sich.“
Er erreichte den Rand der Obsidian-Plattform. Das Fragment hing direkt vor ihm, auf Augenhöhe. Es war so groß wie eine Faust, aber es warf ein Licht, das eine Stadt erleuchten könnte.
Er hob die behandschuhte Hand.
Ein Geräusch durchschnitt die vibrierende Stille. Es war kein Knall, kein Schrei. Es war das Geräusch von reißendem Stoff – nur dass der Stoff die Realität war.
Marcus schrie auf. „Anomalie!“, brüllte er und deutete auf den Schatten des Altars. „Dort! Die Lichtbrechung stimmt nicht!“
In einem Raum, der aus Licht bestand, hätte es keine Schatten geben dürfen. Aber hinter dem Fragment, im toten Winkel des gleißenden Feuers, begann sich die Dunkelheit zu verdichten. Sie floss nicht über den Boden. Sie wuchs aus dem Nichts.
Ein Fleck aus absoluter Schwärze, der das Licht nicht reflektierte, sondern fraß. Er dehnte sich aus, wurde höher, breiter. Er nahm Gestalt an.
Es war eine humanoide Form, aber sie war riesig, über zwei Meter groß. Sie trug eine Rüstung, die aussah, als wäre sie aus dem Nachthimmel geschmiedet worden – schwarz, matt, übersät mit winzigen, kalten Punkten, die wie sterbende Sterne ahmten.
Der Kopf war ein Helm ohne Visier. Dort, wo das Gesicht sein sollte, war nur eine wirbelnde, violette Leere.
Erebus. Der Erste Sucher.
Er trat aus dem Schatten, als wäre er schon immer da gewesen. In seiner Hand materialisierte sich eine Waffe – keine Klinge aus Stahl, sondern eine Axt aus kristallisierter Dunkelheit, deren Schneide rauchte.
„Gefunden“, sagte eine Stimme, die nicht aus einem Mund kam, sondern direkt in ihren Köpfen explodierte. Sie klang wie das Mahlen von Gletschereis. „Das Licht gehört dem Meister.“
„Zurück!“, schrie Zara und warf einen ihrer Dolche. Die Klinge flog präzise, zielte auf die Brust der Kreatur.
Sie traf. Aber es gab kein Klirren. Der Dolch drang in die schwarze Rüstung ein – und verschwand. Er wurde absorbiert, lautlos, spurlos. Erebus zuckte nicht einmal.
Er ignorierte Zara. Er ignorierte Tarek, der sich brüllend auf die Beine zwang. Er hatte nur Augen – oder das, was als Augen diente – für Elias. Und für das Fragment.
„Unwürdig“, grollte der Sucher.
Er holte aus. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf das Fragment. Er wollte es zerschlagen. Oder stehlen. Die Axt aus Schatten sauste herab, eine schwarze Sichel, die das Licht durchschnitt.
Elias’ Zeitgefühl setzte aus. Er sah die Axt fallen. Er sah das weiße Feuer des Auges.
Er spürte keine Angst. Er spürte Besitzanspruch.
Meins, dachte er. Das ist meins. Ich habe dafür bezahlt.
Er riss die rechte Hand hoch. Nicht um sich zu schützen. Sondern um schneller zu sein.
Er griff direkt in das Auge der Sonne.
Der Moment, in dem Elias’ Hand sich um das Fragment schloss, war das Ende der Stille.
Es gab keinen Knall, keinen Donner. Es gab ein Geräusch, als würde die Luft selbst einatmen – ein plötzliches, gewaltsames Vakuum, das den Sauerstoff aus dem Sanktum sog. Das Auge der Sonne war heißer als alles, was Elias je berührt hatte. Es war keine irdische Hitze, die Haut verbrannte; es war eine absolute Energie, die Moleküle trennte.
Der Schwarze Handschuh kreischte. Das Leder zischte, als es mit der konzentrierten Essenz eines Sterns in Kontakt kam. Die silbernen Fäden, die Arkans Magie gewoben hatte, glühten sofort weiß auf, überlastet von der schieren Menge an Kraft, die sie leiten mussten. Rauch stieg von Elias’ Hand auf, schwarz und beißend, aber er ließ nicht los. Er drückte zu.
Er riss das Fragment an sich, zog es aus seiner schwebenden Verankerung und rammte es gegen seine Brust.
Das Amulett empfing es. Es war kein mechanisches Einrasten. Es war eine Verschmelzung. Das graue, tote Metall des Artefakts wurde für den Bruchteil einer Sekunde transparent, als das weiße Feuer des Fragments in den Kristall einschlug. Der Riss, der das Amulett seit Seraphis zeichnete, leuchtete blutig rot auf.
Dann traf die Axt von Erebus.
Die Klinge aus kristallisierter Dunkelheit traf Elias nicht. Sie traf eine Aura. Eine Schockwelle aus Licht explodierte von Elias’ Körper nach außen, prallte gegen die Schattenwaffe und zerschmetterte sie.
Schwarze Splitter flogen durch den Raum, lösten sich auf, bevor sie den Boden berührten. Erebus taumelte zurück. Seine riesige, gepanzerte Gestalt wankte, als hätte ihn ein Rammbock getroffen. Das violette Leuchten in seinem leeren Helm flackerte.
Elias stand da. Er schwebte nicht, aber er berührte den Boden nur noch leicht, gehalten von dem Auftrieb purer Energie. Seine Augen waren keine Augen mehr. Sie waren zwei Scheinwerfer aus weißem Feuer.
Er spürte keinen Schmerz. Er spürte keine Angst. Er spürte nur... Vollkommenheit.
Das Amulett war nicht mehr leer. Es war voll. Übervoll. Es pumpte Macht in seine Adern, schneller als sein Herz schlagen konnte. Es war berauschend. Es war wie das Atmen von flüssigem Sauerstoff. Er sah die Welt nicht mehr, wie sie war. Er sah sie als Strukturen aus Energie. Er sah die Gitterlinien der Magie, die den Tempel hielten. Er sah die dunkle, faulige Leere, aus der Erebus bestand.
Und er wusste, was er tun musste.
Zerstöre ihn, flüsterte das Amulett. Es war nicht mehr Arkans Stimme. Es war seine eigene, verstärkt durch die Macht eines Gottes. Brenne ihn aus der Existenz.
Erebus erholte sich. Der Sucher brüllte – ein Geräusch wie berstender Fels. Er streckte beide Hände aus. Schatten schossen aus seinen Fingern, formten sich zu Lanzen, zu Ketten, die nach Elias griffen.
„Du kannst das Licht nicht halten, Sterblicher!“, grollte er. „Es wird dich verbrennen!“
„Ich bin das Feuer“, antwortete Elias. Seine Stimme war ein Chor, vielstimmig, hallend.
Er hob die rechte Hand. Der Handschuh war jetzt kaum noch sichtbar unter dem gleißenden Licht, das aus ihm hervorbrach. Er zielte nicht. Er deutete einfach.
Er wollte Erebus nicht abwehren. Er wollte ihn nicht vertreiben. Er wollte ihn auslöschen.
Er öffnete die Schleusen.
Ein Strahl brach aus seiner Handfläche. Es war kein Feuerball. Es war ein Laser aus konzentriertem, kohärentem Licht. Ein Speer aus Helligkeit, so intensiv, dass er die Luft ionisierte und eine Spur aus blauem Plasma hinterließ.
Der Strahl traf Erebus mitten auf den Brustpanzer.
Es gab keinen Aufprall. Die Rüstung aus Schattenmagie, die Jahrtausende überdauert hatte, leistete keinen Widerstand. Sie verdampfte.
Erebus schrie nicht. Der Ton wurde ihm aus der Kehle gebrannt.
Der Lichtstrahl bohrte sich durch die Dunkelheit, fraß sich durch die Essenz des Suchers. Wo das Licht traf, hörte die Existenz auf. Es war die ultimative Reinigung.
Elias lachte. Es war ein kurzes, hartes Lachen, das in dem tosenden Lärm des Energiestrahls fast unterging. Er fühlte sich fantastisch. Er fühlte sich gerechtfertigt. All der Schmerz, all die Flucht, all die Demütigung – in diesem Moment zahlte er es zurück.
Er drehte das Handgelenk leicht. Der Strahl wanderte. Er schnitt durch Erebus’ Schulter, trennte den Arm ab, der sich sofort in Rauch auflöste.
„Siehst du mich?“, schrie Elias. „Siehst du mich jetzt?“
Die Gruppe am Rand des Sanktums starrte ihn an. Clara hatte die Hand vor die Augen geschlagen, geblendet von der Helligkeit. Marcus kauerte am Boden, den Kopf zwischen den Knien, und wimmerte, während er versuchte, die Unmöglichkeit dessen zu berechnen, was er sah.
Aber Lyra sah hin. Sie sah nicht das Licht. Sie sah den Schatten, den es warf. Sie sah Elias’ Gesicht, verzerrt zu einer Maske der Grausamkeit. Sie sah den Machtrausch, der ihn verzehrte.
„Er tötet ihn nicht“, flüsterte sie entsetzt. „Er foltert ihn.“
Erebus war nur noch ein Rumpf. Der Sucher versuchte zu fliehen, versuchte, sich in die Schatten zurückzuziehen, aber es gab keine Schatten mehr. Das Auge der Sonne hatte jeden Winkel des Raumes ausgeleuchtet.
Elias machte einen Schritt vorwärts. Er senkte die Hand nicht. Er erhöhte die Intensität.
Das Amulett an seiner Brust wurde heißer. Zu heiß. Der Riss im Kristall begann zu singen – ein hohes, klirrendes Geräusch, das Warnung hätte sein sollen. Aber Elias hörte es nicht. Er hörte nur das Rauschen seines eigenen Blutes.
Er richtete den Strahl auf den Kopf des Suchers. Auf die violetten Lichter in der Leere.
„Verschwinde“, sagte Elias.
Er drückte ab. Ein letzter, gewaltiger Puls.
Erebus’ Kopf explodierte nicht. Er implodierte. Das Licht fraß die Dunkelheit restlos auf. Die Rüstung fiel in sich zusammen, klapperte zu Boden – leere Hüllen aus Metall, aus denen Rauch aufstieg.
Der Erste Sucher war vernichtet.
Stille.
Der Lichtstrahl erlosch. Elias stand da, die Hand immer noch ausgestreckt, der Handschuh rauchend. Er atmete schwer. Er wartete auf das Gefühl des Sieges. Aber es kam nicht.
Stattdessen kam der Schmerz.
Es begann an seiner Brust. Ein scharfes Knacken, laut wie ein Peitschenhieb in der Stille des Tempels.
Elias blickte an sich herab. Das Amulett glühte immer noch, rot und weiß pulsierend. Aber der Riss... der Riss war gewachsen. Er zog sich nun quer über den gesamten Kristall. Und aus dem Riss sickerte Licht. Unkontrolliertes, wildes Licht, das seine Haut versengte.
„Elias!“, rief Tarek.
Elias wankte. Die Energie, die er gerufen hatte, war nicht fort. Sie war noch in ihm. Und sie fand keinen Ausgang mehr. Sein Körper war ein überladener Kondensator.
Er fiel auf die Knie. Er schrie auf, als die Resonanz des Tempels auf ihn zurückschlug. Die Wände begannen zu vibrieren. Der Boden unter ihm bekam Risse.
„Der Tempel!“, schrie Marcus. Er sprang auf, zeigte auf die Decke. „Die Struktur! Die harmonische Integrität ist gebrochen! Er stürzt ein!“
Goldene Platten lösten sich von der Kuppel und stürzten herab. Der Obsidian-Altar, über dem das Fragment geschwebt hatte, zerbrach in zwei Hälften.
Elias sah es nicht. Er sah nur seine Hände. Sie leuchteten. Unter der Haut.
„Ich kann es nicht stoppen“, keuchte er. „Es brennt.“
Clara rannte los. Sie rannte durch den Hagel aus fallenden Steinen, direkt auf Elias zu.
„Weg da!“, schrie Elias. „Ich explodiere!“
„Halt die Klappe!“, schrie Clara zurück. Sie erreichte ihn, packte ihn am Kragen seiner Tunika und riss ihn hoch. Sie verbrannte sich die Hände an dem heißen Stoff, aber sie ließ nicht los.
„Lauf!“, brüllte sie ihm ins Gesicht.
Elias stolperte. Er ließ sich führen. Er war blind vor Schmerz und Restlicht. Er hörte nur das Tosen des einstürzenden Tempels hinter sich. Das Heiligtum, das Jahrtausende überdauert hatte, fiel, zerstört von dem Jungen, der gekommen war, um es zu nutzen.
Der Rückzug aus dem Sanktum war kein Lauf, es war ein Stolpern durch eine sterbende Welt.
Das Auge der Sonne war fort, verschlungen von dem grauen Metall an Elias’ Brust, aber seine Energie war noch im Raum. Sie war entfesselt, führungslos und wütend. Die Wände aus Goldglas, die Jahrtausende lang das Licht gebündelt hatten, verloren ihre Kohärenz. Sie schmolzen nicht; sie zerrissen.
Risse, hell wie Blitze, schossen durch die Kuppel. Platten so groß wie Mühlsteine lösten sich und stürzten herab, zerschellten auf dem Obsidianboden und explodierten in Wolken aus glühendem Splitterregen.
Clara hatte Elias’ Kragen gepackt. Sie zerrte ihn rückwärts, weg vom Zentrum der Zerstörung. Elias’ Füße schleiften über den Boden. Er war schwer, nicht nur durch sein körperliches Gewicht, sondern durch die Dichte der Energie, die in ihm tobte. Er war ein Anker, der sich weigerte, bewegt zu werden.
„Lauf, verdammt noch mal!“, schrie sie, aber ihre Stimme ging im Tosen der einstürzenden Architektur unter.
Elias hörte sie nicht. Er hörte nur das Singen in seinem Blut. Es war ein hoher, reiner Ton, der jeden anderen Gedanken auslöschte. Er sah die Trümmer fallen, aber er hatte keine Angst. Er hatte das Gefühl, er könnte die Hand heben und sie in der Luft stoppen. Er könnte sie verdampfen, so wie er Erebus verdampft hatte.
Tu es, flüsterte der Rausch. Zeig ihnen, was du bist.
Er hob die behandschuhte Hand. Sie glühte weiß.
„Nein!“, brüllte Tarek. Der Söldner war an ihrer Seite aufgetaucht, Jory wie ein Bündel unter den Arm geklemmt. Er sah, was Elias vorhatte. Er sah den Wahnsinn in den leuchtenden Augen.
Tarek rammte seine Schulter gegen Elias’ Brust. Der Aufprall war hart. Elias keuchte, die Konzentration brach. Das weiße Glühen an seiner Hand flackerte und erlosch. Er stolperte, fiel gegen Clara.
„Bewegt euch!“, kommandierte Tarek. „Der Ausgang! Der Spiegelgang!“
Sie rannten zum Riss in der Wand, durch den sie gekommen waren. Zara und Marcus waren schon dort. Marcus hielt die Hände schützend über den Kopf, während Zara mit ihrem Dolch wild gestikulierend den Weg wies.
„Die Decke kommt runter!“, schrie Zara.
Sie hechteten durch den Durchgang, hinein in das Spiegellabyrinth.
Aber das Labyrinth war nicht mehr der Ort der stillen Prüfung. Es war ein Korridor aus Schrapnellen.
Die Spiegelwände, die zuvor ihre Ängste und Sünden reflektiert hatten, hielten dem Druck der implodierenden Magie nicht stand. Sie barsten. Millionen von Spiegelscherben explodierten in den Gang hinein.
„Augen zu!“, schrie Lyra. Sie riss ihren Umhang hoch, schirmte ihr Gesicht ab.
Es war ein Hagel aus Glas. Scharfkantige Splitter, die durch die Luft pfiffen wie Pfeile. Clara stieß einen Schmerzensschrei aus, als eine Scherbe ihren Oberarm traf und das Leder ihres Wamses durchtrennte. Blut spritzte.
Elias, der von Clara mitgezogen wurde, spürte die Scherben nicht. Sie prallten an ihm ab. Eine unsichtbare Aura aus Hitze, die von dem überladenen Amulett ausging, verdampfte das Glas, bevor es seine Haut berühren konnte. Er war das Zentrum des Sturms, unberührbar, aber tödlich für jeden in seiner Nähe.
„Weg von ihm!“, rief Marcus panisch. Er sah den Dampf, der von Elias aufstieg. „Die thermische Abstrahlung! Er ist radioaktiv!“
Aber Clara ließ nicht los. Sie biss die Zähne zusammen, ignorierte die Hitze, die durch ihren Handschuh drang und ihre Handfläche verbrannte. Sie wusste, wenn sie losließ, würde Elias stehenbleiben. Er würde sich umdrehen und in das Feuer starren, fasziniert von seiner eigenen Zerstörungskraft.
Sie erreichten die Stelle, wo Marcus seine Wahrheit gestanden hatte. Der Boden war hier aufgerissen, ein tiefer Spalt klaffte im Metall.
„Springen!“, rief Zara. Sie nahm Anlauf, setzte über den Riss. Sie landete sicher, drehte sich um, streckte die Hände aus.
Marcus sprang. Er landete ungeschickt, rutschte, aber Zara hielt ihn.
Tarek, mit Jory auf dem Rücken, grunzte vor Anstrengung. Er nahm keinen Anlauf. Er stieß sich einfach ab, mit der rohen Kraft seiner Oberschenkel. Er landete schwer, stöhnte auf, als seine alte Wunde protestierte, aber er stand.
Dann kamen Clara und Elias.
Clara zerrte an Elias. „Spring!“, schrie sie ihm ins Gesicht.
Elias blinzelte. Er sah den Spalt. Er sah die Dunkelheit unten.
Warum springen?, dachte er träge. Ich kann fliegen.
Er wollte schweben, so wie im Sanktum. Er wollte sich von der Energie tragen lassen. Er trat ins Leere.
Aber die Energie trug ihn nicht. Außerhalb des Fokuspunktes des Sanktums war die Levitation schwach, unkontrollierbar. Er fiel.
„Elias!“ Clara warf sich nach vorne. Sie bekam seinen Umhang zu fassen. Der Stoff riss, aber sie bekam auch seinen Gürtel.
Sie knallte auf den Boden, rutschte bis zur Kante. Der Ruck riss ihr fast die Schulter aus dem Gelenk. Sie schrie vor Schmerz, hielt ihn aber fest.
Elias hing über dem Abgrund. Unter ihm gähnte die Schwärze des Fundaments. Er blickte nach oben. Er sah Claras verzerrtes Gesicht, rot vor Anstrengung und Hitze. Er sah Blut von ihrer Stirn tropfen.
Der Schmerz in ihrem Gesicht durchbrach seinen Rausch. Ein Riss in der Betäubung.
Clara, dachte er. Sie stirbt wegen mir.
Die Wut verflog. Panik setzte ein. Echte, menschliche Panik.
„Zieh mich!“, keuchte er. Er griff mit der behandschuhten Hand nach oben, krallte sich in den Rand des Spalts. Der Handschuh bohrte sich in das Metall wie in weichen Lehm.
Tarek und Zara waren da. Sie griffen nach Claras Beinen, zogen sie zurück. Gemeinsam hievten sie Elias über die Kante.
Er lag auf dem Boden, keuchend, zitternd. Das weiße Glühen in seinen Augen verblasste, wich dem vertrauten Grau. Aber das Amulett brannte weiter.
„Der Ausgang!“, trieb Zara sie an. „Das ganze Ding kommt runter!“
Hinter ihnen stürzte die Decke des Ganges ein. Staubwolken jagten sie.
Sie rannten die letzten Meter. Sie sahen den vertikalen Riss, durch den sie gekommen waren. Das Stückchen Sternenhimmel dahinter wirkte wie ein Gemälde, unwirklich und friedlich.
Sie stürzten ins Freie.
Sie fielen in den roten Sand des Canyons, rutschten den Abhang hinunter, überschlugen sich, husteten Staub.
Hinter ihnen gab der Tempel der Sonne einen Laut von sich, der klang wie ein sterbendes Tier. Ein tiefes, metallisches Ächzen.
Dann implodierte er.
Er explodierte nicht nach außen. Er fiel in sich zusammen. Die spiegelnden Wände falteten sich, knickten ein, wurden in den Boden gesaugt, als hätte die Erde unter ihnen den Mund geöffnet.
Eine Wolke aus goldenem Staub schoss in den Himmel, hoch wie ein Turm, und verhüllte die Sterne.
Elias lag auf dem Rücken im Sand. Er sah zu, wie der Staubpilz aufstieg. Er fühlte sich ausgekotzt. Leer und doch vollgestopft mit etwas Giftigem.
Er versuchte, sich aufzusetzen, aber sein Körper gehorchte nicht. Sein rechter Arm brannte. Ein Schmerz, so scharf, dass er ihm Tränen in die Augen trieb.
Er blickte auf seine Hand.
Der Schwarze Handschuh war nicht mehr glatt. Das Leder war rissig, aufgeplatzt wie verbrannte Haut. Und darunter... darunter leuchtete es.
Nicht das Fleisch. Die Adern.
Silberne Linien zogen sich seinen Arm hinauf, unter der Haut, pulsierend, glühend. Sie reichten jetzt bis zur Schulter. Das Netzwerk des Handschuhs hatte sich ausgebreitet. Es hatte sich mit seinem Nervensystem verbunden, tiefer als zuvor.
Und auf seiner Brust...
Er riss die Tunika auf.
Lyra, die neben ihm im Sand lag, stieß einen entsetzten Schrei aus.
Das Amulett lag auf seiner Haut. Es war nicht mehr grau. Es war schwarz, verbrannt von der Energie, die hindurchgeschossen war.
Aber das Schlimmste war der Kristall.
Der feine Haarriss, den Marcus im Lager gesehen hatte, war nicht mehr fein. Er klaffte. Er zog sich quer über den Stein, gezackt und hässlich. Und aus dem Riss blutete Licht.
Ein unregelmäßiges, krankes, rotes Glimmen, das im Takt seines Herzens pochte.
Bumm. Bumm. Bumm.
Jeder Schlag sandte eine Welle von Hitze durch seinen Körper, gefolgt von einer Welle absoluter Kälte.
„Es ist gebrochen“, flüsterte Marcus. Er kroch heran, starrte auf das Artefakt. „Die strukturelle Integrität... sie ist bei unter zehn Prozent. Elias... du bist eine laufende Bombe.“
Elias ließ den Kopf in den Sand sinken. Er schloss die Augen. Er hörte das schwere Atmen seiner Freunde. Er hörte Jorys Wimmern.
Er hatte gesiegt. Er hatte Erebus vernichtet. Er hatte das Fragment.
Aber er hatte den Preis noch nicht bezahlt. Der Preis war in ihm. Und er wuchs.
„Hilf mir“, flüsterte er.
Er wusste nicht, wen er meinte. Lyra? Clara? Oder die Stimme in seinem Kopf, die jetzt, in der Stille nach dem Sturm, wieder zu kichern begann.
Der Staub der Implosion legte sich nicht wie normaler Sand. Er war schwer, golden und glitzernd, als hätte jemand den Himmel zermahlen und über den Canyon gestreut. Er klebte auf ihrer Haut, in ihren Haaren, in ihren Wunden, ein wunderschönes, tödliches Puder, das noch immer schwach leuchtete.
Elias lag auf dem Rücken. Sein Brustkorb hob und senkte sich in abgehackten, schmerzhaften Stößen. Er starrte in den Nachthimmel hinauf, wo die Sterne durch den Dunst hindurchschimmerten, kalt und unbeeindruckt von der Zerstörung, die er gerade angerichtet hatte.
Er versuchte, seinen rechten Arm zu bewegen. Es ging nicht. Der Arm lag schwer neben ihm im Sand, ein totes Gewicht, das pochte wie ein zweites Herz. Er hob den Kopf, zwang sich hinzusehen.
Der Ärmel seiner Tunika war weggebrannt. Der Schwarze Handschuh endete nicht mehr am Handgelenk. Das schwarze, rissige Leder schien geschmolzen und wieder erstarrt zu sein, es zog sich nun in ausgefransten Ranken seinen Unterarm hinauf, fast bis zum Ellbogen. Und darunter, tief im Fleisch vergraben, leuchteten die silbernen Adern. Sie waren nicht mehr nur Magiekanäle; sie waren Teil seiner Anatomie geworden.
Aber das war nicht das Schlimmste.
Das Schlimmste war die Hitze auf seiner Brust.
„Nicht anfassen“, sagte eine Stimme neben ihm. Marcus.
Der Gelehrte kniete im Sand, seine Hände schwebten zitternd über Elias’ Brust, ohne sie zu berühren. Sein Gesicht war eine Maske aus Ruß und Entsetzen.
„Die Strahlung ist... chaotisch“, flüsterte Marcus. Er deutete auf das Amulett.
Das graue Metall war schwarz angelaufen. Der Kristall in der Mitte, der einst milchig trüb war, war nun von innen heraus erleuchtet – nicht von einem sanften Glanz, sondern von einem wütenden, instabilen Rot, das in dem tiefen, gezackten Riss pulsierte.
Aus dem Riss sickerte Licht. Es war wie flüssiges Feuer, das in winzigen Tropfen auf Elias’ Haut fiel und dort zischte. Aber es verbrannte ihn nicht nur. Es fraß ihn an. Kleine Stellen seiner Haut um das Amulett herum waren grau geworden, nekrotisch, erfroren in der extremen Hitze – das Paradoxon des Vakuums, das gleichzeitig überladen und leer war.
„Wir müssen es kühlen“, sagte Lyra. Sie kroch heran, ihre Knie blutig vom Sturz. Sie hielt ihre Hände über das Amulett, wollte ihre Magie rufen, um den Schmerz zu lindern.
„Nein!“, krächzte Elias. Er rollte sich zur Seite, weg von ihr. „Keine Magie. Es... es frisst sie.“
Er spürte den Sog. Das Amulett war satt vom Auge der Sonne, aber der Riss machte es undicht. Es verlor Energie und versuchte panisch, sie sofort wieder aufzufüllen. Wenn Lyra ihre Heilkraft benutzte, würde das Amulett sie ihr aus den Adern reißen.
„Hilf mir hoch“, sagte Elias. Er streckte die linke Hand aus.
Clara war da. Sie packte seinen Arm, zog ihn hoch. Sie verzog das Gesicht, als die Hitze, die von ihm abstrahlte, sie traf, aber sie ließ nicht los.
„Wir müssen hier weg“, sagte sie. „Der Canyon ist instabil. Nachbeben.“
„Wo ist Tarek?“, fragte Elias. Sein Kopf schwamm. Die Welt drehte sich.
„Hier“, grollte eine Stimme.
Tarek saß an einen Felsbrocken gelehnt, ein paar Meter entfernt. Er hatte Jory immer noch im Arm, der Junge wimmerte leise im Schlaf. Tarek wirkte ruhig. Zu ruhig.
„Wir können gehen“, sagte der Söldner. Er versuchte aufzustehen. Er schaffte es bis zur Hälfte. Dann knickten seine Beine ein. Er fiel nicht, er rutschte einfach an dem Felsen herunter, langsam, schwer.
„Tarek!“, schrie Zara.
Sie waren sofort bei ihm. Clara riss seinen Umhang beiseite. Sie keuchte auf.
Tareks Rüstung war auf der linken Seite geschmolzen. Das Metall war mit dem Lederwams verschweißt. Aber es war keine normale Brandwunde.
Die Haut darunter war weiß. Blendend weiß, wie gebleichter Knochen. Risse zogen sich durch das Fleisch, aus denen kein Blut kam, sondern ein feiner, leuchtender Rauch aufstieg.
„Magiebrand“, flüsterte Marcus. „Er muss... er muss im Tempel getroffen worden sein. Als die Decke runterkam. Ein Splitter des Spiegels? Oder die Strahlung von Elias?“
Tarek lachte leise, ein nasses Geräusch. „Habe... den Jungen abgeschirmt. Dachte... es wäre nur ein Streifschuss.“
Er blickte auf seine Seite. „Sieht übel aus, was?“
„Es brennt nicht“, sagte Lyra panisch. Sie legte ihre Hand darüber, zuckte aber zurück, als Kälte – beißende Kälte – von der Wunde ausging. „Es ist kalt. Es ist... wie Elias.“
Elias starrte auf die Wunde. Er erkannte die Signatur. Es war die Energie des Fragments, die wild um sich geschlagen hatte. Tarek hatte die Strahlung abbekommen, die Elias freigesetzt hatte.
„Ich war das“, flüsterte Elias.
„Halt die Klappe“, knurrte Tarek. Seine Augenlider flatterten. „Du hast das verdammte Ding getötet. Das zählt.“
„Er kann nicht laufen“, sagte Clara. Sie versuchte, ihre Stimme fest zu halten, aber Elias hörte die Panik darin. „Wir müssen ihn tragen.“
„Wir sind zu schwach“, sagte Zara. Sie sah sich um. Die Wände des Canyons ragten steil auf. Der Weg zurück war verschüttet. Der einzige Weg führte tiefer in die Schlucht, weg von den Ruinen. „Wir schaffen es keine Meile.“
„Wir müssen“, sagte Elias.
Er trat zu Tarek. Die Hitze, die von seinem eigenen Körper ausging, und die Kälte von Tareks Wunde stießen sich ab, bildeten ein flimmerndes Feld zwischen ihnen.
„Marcus, nimm Jory. Zara, hilf ihm. Clara... du nimmst Tareks linke Seite. Ich nehme die rechte.“
„Du kannst deinen Arm nicht benutzen“, sagte Clara.
„Ich brauche meinen Arm nicht“, sagte Elias. „Ich brauche meine Schulter.“
Sie hoben den Hünen an. Tarek stöhnte, ein Laut, der ihm gegen seinen Willen entrissen wurde, als die Bewegung die verbrannte Haut dehnte. Er war schwer, ein Berg aus Muskeln und toter Ausrüstung.
Elias biss die Zähne zusammen. Der Schmerz in seinem eigenen Arm war ein ständiges Kreischen, aber er nutzte ihn. Er fokussierte sich darauf. Schmerz war besser als Taubheit. Schmerz bedeutete Leben.
Sie schleppten sich vorwärts. Schritt für Schritt. Weg von dem Grab des Sonnentempels, weg von der Stelle, an der Elias seine Menschlichkeit gegen Macht getauscht hatte.
Der Boden des Canyons war übersät mit goldenem Staub. Bei jedem Schritt wirbelte er auf, glitzerte im Sternenlicht.
„Wir haben es“, flüsterte Marcus, der hinter ihnen ging, Jory auf dem Rücken. „Wir haben das Fragment. Das Auge der Sonne.“
„Zu welchem Preis?“, fragte Zara leise.
Elias antwortete nicht. Er spürte das Pochen des Amuletts gegen seine verbrannte Haut. Er spürte das Pochen von Tareks Herz gegen seine Schulter.
Der Preis war noch nicht bezahlt. Das wusste er. Das hier war nur die Anzahlung.
Sie marschierten in die Nacht, eine Prozession von Krüppeln, die das Licht der Welt trugen, während ihre eigene Welt langsam dunkler wurde. Vor ihnen lag der Ausgang der Wüste. Und dahinter... dahinter lag die Ungewissheit.
*** Marcus Tagebuch – TAG 34 ***
Erstes Fragment geborgen. Erebus ist geflohen – oder tot. Können diese Dinge sterben?
Der Riss im Amulett ist jetzt sichtbar. Wie eine Narbe. Wie eine Warnung.
Zara hat heute Nacht mit mir geredet. Sie hat gefragt, warum ich Jory gerettet habe. Ich sagte: "Um zu beweisen, dass ich kein Monster bin."
Sie lächelte. Sie sagte: "Du bist kein Monster, Marcus. Du versuchst es nur besser zu machen."
Ich glaube, ich liebe sie.