NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 9: Narben der Wahrheit
Der Marsch weg von den Ruinen des Sonnentempels war kein Rückzug; es war eine Prozession der Gebrochenen.
Die Nacht über Ashara war hereingebrochen, aber es war keine Dunkelheit, die Frieden brachte. Es war eine Dunkelheit, die schwer auf den Schultern lastete, kalt und unerbittlich. Der Himmel, der noch vor Stunden von dem goldenen Staub der Implosion verhüllt war, hatte sich geklärt und entblößte ein sternenklares Gewölbe, das so weit und gleichgültig war, dass es den Atem in der Lunge gefrieren ließ.
Elias ging nicht an der Spitze. Er ging an der Flanke, wie ein ausgestoßener Wolf, der sein Rudel bewacht, aber sich nicht traut, es zu berühren. Sein rechter Arm, der im Schwarzen Handschuh steckte und nun bis zum Ellbogen von silbernen Adern durchzogen war, hing schlaff an seiner Seite. Er spürte ihn nicht mehr. Das Fleisch war taub, als wäre es abgestorben, aber das Metall und das Leder pulsierten in einem heißen, fiebrigen Rhythmus, der nicht sein eigener war.
Jeder Schritt, den er in den roten Sand setzte, war ein Kampf gegen die Schwerkraft. Aber schwerer als sein eigener Körper wog das Amulett auf seiner Brust. Es war nicht mehr das leere Gefäß, das ihn ausgesaugt hatte. Es war voll. Es war zu voll.
Der Riss im Kristall, der durch den Kampf mit Erebus entstanden war, glühte durch den Stoff seiner zerrissenen Tunika. Es war kein stetiges Licht. Es war ein zuckendes, unregelmäßiges Flackern, wie das Herz eines sterbenden Tieres. Bei jedem Aufblitzen schoss eine Welle aus Übelkeit durch Elias’ Körper, begleitet von einer Hitze, die so intensiv war, dass sie sich anfühlte wie Kälte. Er fror und schwitzte gleichzeitig, gefangen in einem thermischen Paradoxon.
Aber Elias achtete nicht auf sich. Sein Blick war starr auf die Gruppe gerichtet, die sich wenige Meter neben ihm durch den tiefen Sand kämpfte.
Clara und er trugen Tarek. Oder besser gesagt: Clara trug ihn, und Elias fungierte als lebende Krücke, die verhinderte, dass der Hüne in den Sand kippte.
Tarek war schwer. Er war ein Berg aus Muskeln, Knochen und Rüstung, aber jetzt wirkte er seltsam substanzlos, als hätte der Magiebrand nicht nur sein Fleisch, sondern auch seine Dichte verzehrt. Sein Kopf hing tief, das Kinn auf der Brust, und bei jedem Schritt entwich ihm ein gepresstes Stöhnen, das er verzweifelt versuchte, hinter zusammengebissenen Zähnen zu halten.
Der Geruch, der von ihm ausging, war das Schlimmste.
Es roch nicht nach verbranntem Fleisch, wie man es von Feuer kannte. Es roch nach Ozon, nach saurer Milch und nach etwas Süßlichem, Krankem, das an verrottende Lilien erinnerte. Es war der Geruch von Magie, die biologisches Gewebe zersetzt, statt es zu verbrennen.
„Noch ein Stück“, keuchte Clara. Ihre Stimme war rau, gebrochen von Staub und Erschöpfung. Sie hatte ihren linken Arm um Tareks Taille geschlungen, ihre Schulter unter seine Achsel gepresst. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, weiß vor Anstrengung. „Da vorne... die Felsen. Windschutz.“
„Lass mich... runter“, murmelte Tarek. Die Worte waren verwaschen, undeutlich. „Ich kann... laufen.“
„Du kannst nicht mal stehen, du sturer Esel“, zischte Clara, aber in ihrer Stimme lag keine Schärfe, nur panische Sorge. „Spar dir die Luft.“
Sie erreichten eine Gruppe von verwitterten Sandsteinfelsen, die wie die Finger einer vergrabenen Hand aus der Wüste ragten. Hier, im Windschatten der Steine, war der Sand fester, kühler.
„Hier“, sagte Marcus. Er war vorausgelaufen, Jory immer noch auf dem Rücken festgebunden. Er ließ sich auf die Knie fallen, löste hastig die Riemen, um den Jungen abzulegen. Seine Hände zitterten so stark, dass er zweimal ansetzen musste. „Der Boden ist eben. Wir können ihn lagern.“
Elias und Clara ließen Tarek vorsichtig herabgleiten. Der Söldner versuchte, den Aufprall abzufedern, aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Er sackte zusammen, landete hart auf der Seite. Ein Schrei – kurz, scharf, sofort abgewürgt – entwich ihm.
„Licht“, kommandierte Clara sofort. „Ich muss es sehen.“
Lyra war da. Sie hatte geschwiegen, den ganzen Weg über. Sie wirkte wie ein Geist, blass, die Augen groß und dunkel. Sie kramte in ihrer Tasche, holte einen kleinen Feuerstein hervor. Ihre Bewegungen waren mechanisch, effizient, aber ohne Seele. Sie entzündete ein kleines Bündel aus trockenem Wüstengras, das Zara gesammelt hatte.
Die Flamme flackerte auf, warf tanzende Schatten an die Felswand. Das gelbe Licht fiel auf Tarek.
Elias musste sich abwenden. Er konnte es nicht ansehen. Aber er zwang sich dazu. Er musste es sehen. Das war sein Werk.
Tareks linke Seite war zerstört.
Die Rüstung aus gehärtetem Leder, die ihn vor Schwertern und Pfeilen geschützt hatte, war mit seinem Körper verschmolzen. Das Metall der Schnallen war nicht geschmolzen, es war zerflossen, wie Wachs, und in die Haut eingedrungen.
Aber das Fleisch darunter...
Es war weiß. Blendend, kalkiges Weiß, durchzogen von Rissen, die aussahen wie Sprünge in Porzellan. Aus diesen Rissen sickerte kein Blut. Es stieg Rauch auf. Ein feiner, leuchtender Nebel, der im Feuerschein glitzerte.
„Bei den Göttern“, flüsterte Marcus. Er hielt sich die Hand vor den Mund, würgte. „Das ist... das ist Entropie-Nekrose. Die Zellen... sie sind nicht tot. Sie sind angehalten. In der Zeit eingefroren, während der Rest des Körpers weiterlebt.“
Tarek blickte an sich herab. Er sah die Wunde. Er sah den Rauch. Er versuchte zu lachen, aber es wurde ein Husten, der seinen ganzen Körper schüttelte.
„Sieht aus... als wäre ich... halbgar“, presste er hervor. Schweiß stand auf seiner Stirn, kalt und ölig. „Tut nicht mal weh. Ist nur... kalt.“
„Es ist kalt, weil deine Nerven tot sind“, sagte Marcus, die Stimme brüchig vor Horror. Er rutschte näher, fasziniert und abgestoßen zugleich. „Die magische Strahlung hat die Nervenenden kauterisiert. Aber die Kälte... sie breitet sich aus. Wenn sie das Herz erreicht...“
„Halt den Mund, Marcus!“, fuhr Clara ihn an. Sie riss ihren eigenen Umhang in Streifen, ihre Hände arbeiteten fieberhaft. „Wir brauchen keine Diagnose. Wir brauchen eine Lösung.“
Sie drehte sich zu Lyra um. „Lyra. Tu es.“
Lyra kniete am Kopfende von Tarek. Sie starrte auf die weiße Wunde. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, verkrampft zu Fäusten.
„Ich... ich weiß nicht, ob ich kann“, flüsterte sie.
„Du bist eine Heilerin!“, schrie Clara fast. Die Panik brach aus ihr heraus. „Du hast Jory gerettet! Du hast Tarek schon einmal gerettet!“
„Das war anders“, sagte Lyra. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Das war Gift. Das war Krankheit. Das hier... das hier ist rohe Magie. Das ist Elias’ Macht.“
Sie blickte zu Elias. Ihr Blick war keine Anklage. Er war eine Bitte um Vergebung für das, was sie nicht tun konnte.
„Es fühlt sich... falsch an“, sagte sie. „Meine Gabe... seit dem Wald... seit ich sie geopfert habe... sie ist nicht mehr sanft. Sie will nicht heilen. Sie will reinigen.“
„Dann reinige es!“, sagte Zara. Die Diebin stand am Rand des Lichtkreises, den Rücken zur Wüste, den Dolch in der Hand. Sie hielt Wache, aber ihre Ohren waren auf das Gespräch gerichtet. „Brenn es aus, wenn du musst. Aber lass ihn nicht sterben.“
Tarek griff nach Lyras Hand. Seine Finger waren eiskalt.
„Tu es, Mädchen“, flüsterte er. „Egal was. Besser Schmerz als... dieses Nichts.“
Lyra schluckte. Sie atmete tief ein. Sie schloss die Augen. Sie sammelte sich. Sie rief nach dem, was von ihrer Gabe übrig war.
„Haltet ihn fest“, sagte sie leise.
Clara drückte Tareks Schultern auf den Boden. Elias trat an seine Beine. Er legte seine gesunde Hand auf Tareks Schienbeine. Er wagte es nicht, den Handschuh zu benutzen.
Lyra hob die Hände. Sie begannen zu glühen. Aber es war nicht das sanfte, smaragdgrüne Licht des Waldes, das sie früher gerufen hatte.
Es war ein helles, stechendes Neongrün, durchzogen von roten Adern. Es sah aus wie radioaktives Moos. Es knisterte.
Sie senkte die Hände auf die weiße Wunde.
In dem Moment, als das Licht das Fleisch berührte, geschah zwei Dinge gleichzeitig.
Das magische Weiß der Wunde zischte, als würde man Wasser in heißes Fett gießen.
Und Tarek schrie.
Es war kein menschlicher Schrei. Es war ein Urlaut, ein Tier, das in einer Falle stirbt. Sein Körper bäumte sich auf, warf Clara fast ab. Seine Muskeln verkrampften sich so stark, dass man das Reißen der Sehnen hören konnte.
„Es brennt!“, brüllte er. „ES BRENNT!“
Lyra riss die Augen auf. Sie wollte die Hände wegziehen, aber die Magie klebte an ihr. Das grüne Licht fraß sich in die weiße Wunde, kämpfte gegen die Entropie. Aber es heilte nicht. Es war ein Krieg auf zellulärer Ebene.
„Stopp!“, schrie Elias. „Lyra, hör auf! Du tötest ihn!“
„Ich kann nicht!“, schrie Lyra panisch. „Es... es saugt mich leer! Es will verbrennen!“
Rauch stieg auf, dichter, schwarzer Rauch. Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die kleine Nische.
Elias wusste, dass er handeln musste. Er konnte keine Magie benutzen, aber er konnte physisch eingreifen. Er ließ Tareks Beine los, hechtete nach vorne und rammte seine Schulter gegen Lyra.
Der Stoß warf sie zur Seite. Die Verbindung riss ab. Das grüne Licht erlosch schlagartig.
Tarek fiel zurück in den Sand. Er wimmerte, leise, abgehackt. Sein Körper zuckte nach.
Alle starrten auf die Wunde.
Sie war nicht kleiner geworden. Sie war röter. Die Ränder waren entzündet, wütend. Das unnatürliche Weiß in der Mitte war geblieben, aber drumherum war das Fleisch roh und blutig.
Lyra lag im Sand, dort wo Elias sie hingestoßen hatte. Sie starrte auf ihre Hände. Sie zitterten so stark, dass sie aussahen wie Flügel eines Kolibris.
„Ich habe ihm wehgetan“, flüsterte sie. „Ich sollte heilen... und ich habe ihm nur Schmerzen gebracht.“
„Du hast versucht, Feuer mit Feuer zu bekämpfen“, sagte Marcus leise. Er war blass, ihm war übel vom Geruch. „Aber das hier... das ist kein Feuer. Das ist Kälte. Absolute Kälte.“
„Wir brauchen Wasser“, sagte Clara. Sie strich Tarek über die Stirn, versuchte ihn zu beruhigen. Er war wieder ins Delirium gefallen. „Wir müssen die Wunde kühlen. Physisch kühlen. Sonst verbrennt er am Fieber.“
„Wir haben kein Wasser“, sagte Zara. Sie drehte den letzten Schlauch um. Ein einziger Tropfen fiel in den Staub und war sofort weg. „Nicht genug.“
Elias stand auf. Er fühlte sich hilflos. Er hatte die Macht eines Gottes in seiner Brust, aber er konnte seinen Freund nicht retten. Er war der Grund für das Leiden. Er war die Krankheit.
„Ich...“, begann er. „Vielleicht kann ich...“
„Nein“, sagte Clara scharf. Sie sah ihn an. „Keine Experimente mehr, Elias. Nicht an ihm.“
Stille. Nur das schwere Atmen von Tarek und das Heulen des Windes.
Dann bewegte sich jemand im Schatten.
Kael.
Der Wassermagier hatte die ganze Zeit abseits gesessen, eingehüllt in die viel zu große Robe, die er aus der Stadt mitgebracht hatte. Er hatte geschwiegen, beobachtet. Er war ein Fremder in dieser Gruppe, ein Passagier.
Aber jetzt stand er auf.
Er trat in den Lichtkreis des kleinen Feuers. Seine Füße waren nackt und blutig vom Marsch. Er sah erschöpft aus, ausgezehrt von der jahrelangen Gefangenschaft im Tank. Aber seine Augen... seine blauen Augen waren klar.
„Wasser“, sagte er. Seine Stimme war heiser, ungeübt.
Er trat an Tarek heran. Er sah die Wunde. Er verzog keine Miene. Er kannte Schmerz.
„Was tust du?“, fragte Clara misstrauisch. Sie legte die Hand schützend über Tareks Brust.
„Platz machen“, sagte Kael. Es war kein Befehl, es war eine Bitte.
Clara zögerte. Sie sah Elias an. Elias nickte.
Clara wich zurück.
Kael kniete sich neben den Söldner. Er berührte ihn nicht. Er hob die Hände. Seine Finger waren lang, dünn, elegant. Er schloss die Augen. Er atmete tief ein, als würde er den Duft eines fernen Ozeans riechen.
Und dann veränderte sich die Luft.
Die Luft um Kael veränderte sich. Es war keine plötzliche Verschiebung wie bei Elias’ Entropie, die alles Leben in einem Wimpernschlag erstickte. Es war ein sanftes, fast zögerliches Sammeln. Die trockene Wüstenluft, die normalerweise nach Staub und alten Steinen schmeckte, bekam eine neue Note. Eine feuchte, metallische Süße, die an den Moment kurz vor einem Sommergewitter erinnerte.
Kael kniete im Sand, die Augen geschlossen, die Hände über Tareks Brust schwebend. Er zitterte leicht. Seine Haut war noch immer blass von der Gefangenschaft, durchscheinend wie Pergament im Mondlicht. Er war schwach. Die Jahre im Tank hatten seine Muskeln verkümmern lassen, aber sein Geist, der so lange im Wasser geschwommen war, hatte eine Klarheit bewahrt, die schärfer war als jedes Schwert.
Er atmete ein. Tief, rasseln. Er zog nicht Luft in seine Lungen. Er zog Feuchtigkeit.
Er zog sie aus den Poren der Felsen, aus den tiefen Wurzeln der wenigen Dornbüsche, aus dem Tau, der sich in den Schatten der Nacht bildete. Es war ein mühsamer Prozess in der Wüste Ashara, wo Wasser kostbarer war als Blut.
Elias beobachtete ihn. Er spürte das Amulett. Es reagierte auf Kaels Magie. Aber es war kein aggressiver Hunger. Es war eine Art... Neugier. Das Vakuum kannte Hitze. Es kannte Kälte. Aber das hier – das Leben, das Fließen – war ihm fremd. Der Riss im Kristall pulsierte schwach, synchron zu Kaels Atemzügen.
Zwischen Kaels Fingern begann sich etwas zu formen. Ein Nebel. Fein wie Spinnweben, silbrig glänzend. Er verdichtete sich. Tropfen bildeten sich, schwebten schwerelos in der Luft, zogen sich an, verschmolzen.
Eine Kugel aus Wasser entstand. Sie war nicht größer als eine Faust, aber sie war perfekt. Klar, kühl, rotierend.
„Haltet ihn“, flüsterte Kael. Seine Stimme war angespannt, Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Das wird... zischen.“
Clara nickte. Sie legte ihre Hände auf Tareks Schultern, drückte ihn sanft, aber bestimmt in den Sand. Sie spürte die Hitze, die von seinem Körper abstrahlte, die fiebrige Glut, die ihn von innen verzehrte. Sie sah in sein Gesicht. Seine Augen waren halb geöffnet, rollten wild, sahen Dinge, die nicht da waren.
„Gleich vorbei“, flüsterte sie ihm zu. „Gleich vorbei, großer Mann.“
Kael senkte die Hände. Die Wasserkugel folgte seiner Bewegung. Sie berührte die weiße Wunde.
Es gab kein Zischen von Dampf. Es gab ein Singen.
Das Wasser verdampfte nicht, als es auf die magische Nekrose traf. Es hüllte sie ein. Es legte sich wie eine zweite, kühle Haut über das zerstörte Gewebe. Das unnatürliche, blendende Weiß der Wunde wurde gedämpft, gebrochen durch das Prisma der Flüssigkeit.
Tarek bäumte sich auf. Ein Stöhnen, tief und guttural, entwand sich seiner Kehle. Sein Rücken bog sich durch, Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen.
„Haltet ihn!“, rief Kael, dessen Hände nun direkt über der Wunde tanzten, das Wasser formten, es in die Risse des Fleisches drückten.
Elias warf sich auf Tareks Beine. Er benutzte seinen gesunden Arm, drückte mit seinem ganzen Gewicht. Er spürte das Zucken der Sehnen unter seinen Händen. Tarek kämpfte. Nicht gegen sie. Gegen den Schmerz, der nun nicht mehr betäubend heiß, sondern schockierend kalt war.
„Es kühlt“, sagte Marcus fasziniert. Er war näher gerutscht, die Augen hinter der kaputten Brille auf den Prozess fixiert. „Er nutzt das Wasser als thermischen Leiter. Er zieht die Hitze der Entropie heraus.“
Der Rauch, der von der Wunde aufgestiegen war, veränderte seine Farbe. Er wurde grau, dann weiß. Der süßliche Verwesungsgeruch wurde schwächer, überlagert von dem sauberen Duft von Regen.
Kael arbeitete weiter. Seine Finger waren verkrampft. Er zog mehr Feuchtigkeit, webte sie in den Verband aus Wasser, den er geschaffen hatte. Er heilte nicht das Fleisch – das Fleisch war tot, verbrannt von Elias’ Licht –, aber er stoppte den Brand. Er löschte das Feuer, das in den Zellen wütete.
Minuten vergingen. Ewigkeiten in der Stille der Wüste.
Schließlich sank Tarek zurück in den Sand. Sein Atem ging immer noch schwer, aber das Rasseln war weniger geworden. Die rote Farbe in seinem Gesicht verblasste, wich einer gesunden Blässe der Erschöpfung.
Kael ließ die Hände sinken. Die Wasserkugel blieb bestehen, ein gelartiger Film über der Wunde, gehalten von einem letzten Rest seiner Magie.
Kael kippte zur Seite. Er fiel nicht hart. Er sackte einfach zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten wurden. Lyra fing ihn auf, bevor sein Kopf den Fels traf.
„Er ist ohnmächtig“, sagte sie, nachdem sie seinen Puls gefühlt hatte. „Erschöpfung. Er hat... er hat alles gegeben.“
Sie bettete seinen Kopf auf ihren Schoß, strich ihm die nassen, schwarzen Haare aus der Stirn. Ihre Berührung war zärtlich, voller Dankbarkeit – und voller Scham.
Sie blickte auf ihre eigenen Hände.
Sie waren sauber. Unverletzt. Aber für Lyra sahen sie aus, als wären sie in Blut getaucht. Sie hatte versucht zu helfen. Und sie hatte Tarek nur Schmerzen bereitet. Sie hatte versucht, das Leben zu rufen, und hatte stattdessen Säure und Feuer gerufen.
„Ich bin kaputt“, flüsterte sie. Die Worte waren kaum hörbar, aber in der Stille des Lagers wogen sie schwerer als Felsbrocken.
Elias saß immer noch auf Tareks Beinen. Er ließ langsam los. Er starrte auf die Wunde. Das Weiß war verschwunden, bedeckt von Kaels Wasser. Aber er wusste, was darunter lag. Eine Narbe, die nie heilen würde. Eine Erinnerung an seine Macht.
Er sah zu Lyra. Er sah die Tränen, die über ihr staubiges Gesicht liefen. Er sah, wie sie ihre Hände an ihrer Tunika rieb, immer wieder, als wollte sie etwas abwaschen, das nicht da war.
„Du bist nicht kaputt“, sagte Elias. Seine Stimme war rau. „Du bist... verändert.“
„Verändert?“, schluchzte Lyra auf, ein hässliches, bitteres Geräusch. „Ich habe ihn verbrannt, Elias! Ich wollte die Wunde schließen, und stattdessen habe ich sie aufgefressen. Meine Magie... sie ist nicht mehr grün. Sie ist... neon. Giftig.“
Sie ballte die Fäuste und hielt sie hoch, als würde sie erwarten, dass sie jeden Moment in Flammen aufgingen.
„Ich bin keine Heilerin mehr. Ich bin eine Gefahr. Genau wie du.“
Der Vergleich traf Elias wie ein Schlag. Aber er zuckte nicht zurück. Er nickte langsam.
„Ja“, sagte er. „Vielleicht bist du das. Vielleicht sind wir das alle.“
Er stand auf. Sein rechter Arm, im Schwarzen Handschuh, pochte. Er ging zu Lyra. Er kniete sich neben sie. Er streckte die Hand aus – die linke, die menschliche.
„Aber Kael hat ihn gerettet“, sagte er. „Weil wir ihn befreit haben. Weil wir zusammen waren.“
Lyra sah ihn an. In ihren Augen lag eine Tiefe von Traurigkeit, die Elias fast nicht ertragen konnte. Sie hatte ihre Unschuld verloren, genau wie er. Sie hatte ihre Gabe geopfert im Wald, und jetzt zahlte sie den Preis.
„Was nützt es, zusammen zu sein“, flüsterte sie, „wenn wir uns gegenseitig verletzen, sobald wir versuchen zu helfen?“
Zara, die am Rand des Felskreises Wache hielt, drehte sich um. Ihr Gesicht war im Schatten verborgen, aber ihre Stimme war klar und kalt.
„Es nützt, dass wir noch atmen, Heilerin. Tarek lebt. Jory lebt. Kael lebt. Das ist die Bilanz. Wie wir dahin gekommen sind... ob mit sauberer Magie oder mit dreckigem Wasser... das interessiert den Tod nicht.“
Sie spuckte in den Sand.
„Wir sind hier draußen nicht, um Preise für Schönheit zu gewinnen. Wir sind hier, um zu überleben. Und wenn deine Magie jetzt brennt... dann lernst du eben, Feuer zu legen.“
Marcus saß bei Tarek und untersuchte die Wunde durch das Wasser hindurch. Er hatte sein Logbuch hervorgeholt und machte Notizen, die Feder kratzte laut auf dem Papier.
„Die energetische Signatur hat sich stabilisiert“, murmelte er, halb zu sich selbst, halb zur Gruppe. „Die Nekrose ist eingedämmt. Aber das Gewebe... es ist tot. Es wird nicht nachwachsen. Es wird vernarben. Massive Vernarbung.“
Er blickte auf. Seine Augen hinter der kaputten Brille waren ernst.
„Er wird nie wieder so kämpfen können wie früher. Die Muskulatur an der linken Flanke ist... weg.“
Clara, die Tareks Kopf in ihrem Schoß hielt, strich ihm über die Stirn. Ihr Gesicht war verhärtet, eine Maske aus Schmerz und Wut.
„Er muss nicht kämpfen“, sagte sie leise. „Dafür bin ich da.“
Sie blickte zu Elias auf. Ihr Blick war eine Anklage. Nicht laut, nicht schreiend. Sondern still und schwer.
Du hast das getan, sagte ihr Blick. Du und dein Licht.
Elias hielt ihrem Blick stand. Er konnte sich nicht entschuldigen. Entschuldigungen änderten nichts. Entschuldigungen heilten kein Fleisch.
„Wir brauchen Schlaf“, sagte er. Er ging zurück zu seinem Platz am Rand des Lagers, weg von der Wärme der Gruppe, weg von den anklagenden Blicken. „Morgen müssen wir weiter. Die Wüste wartet nicht.“
Er legte sich in den Sand. Er zog den Umhang über sich. Er legte die Hand auf das Amulett.
Der Riss war heiß. Er pulsierte gegen seine Handfläche.
Gut gemacht, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Arkan. Leise, fast liebevoll. Du lernst. Schmerz ist ein Lehrer. Sie werden dich hassen, Elias. Aber sie werden dir folgen. Weil sie Angst haben.
„Halt den Mund“, dachte Elias.
Sie haben Angst vor dir, fuhr die Stimme fort. Sieh sie an. Lyra hat Angst vor ihrer eigenen Hand. Clara hat Angst vor deiner. Marcus versteckt sich hinter Zahlen. Nur Zara... Zara versteht es. Gewalt ist eine Sprache. Und du sprichst sie jetzt fließend.
Elias drehte sich auf die Seite. Er blickte zu Tarek hinüber. Der Söldner schlief, sein Atem ging ruhig unter der Wasserdecke.
Elias hatte ihn verletzt. Aber er hatte auch das Monster getötet, das sie alle vernichtet hätte.
War das die Balance, von der Thaddeus gesprochen hatte? Leben gegen Leben? Schmerz gegen Überleben?
Er schloss die Augen. Er sah das weiße Feuer des Fragments. Er sah Erebus zerfallen.
Er fühlte sich nicht schuldig. Das war das Schlimmste. Er fühlte sich gerechtfertigt.
Und tief in seinem Herzen, dort wo die Kälte des Amuletts wohnte, wusste er, dass er es wieder tun würde.
Die Nacht über dem Canyon von Ashara vertiefte sich, bis der Himmel nicht mehr wie eine Kuppel wirkte, sondern wie ein schwerer, schwarzer Deckel aus Samt, der die Hitze des Tages erstickte und durch eine klirrende Kälte ersetzte. Die Temperatur stürzte ab, ein physikalisches Gesetz der Wüste, das so unerbittlich war wie die Schwerkraft.
Das kleine Lager, das sie im Windschatten der Felsnadeln aufgeschlagen hatten, war nun eine Insel der Stille, nur unterbrochen vom pfeifenden Atmen Tareks und dem leisen, stetigen Plätschern des Wassers, das Kael beschworen hatte und das noch immer wie eine gelartige Membran über der Wunde des Söldners lag.
Elias saß am äußersten Rand des Kreises. Er hatte die Knie angezogen, den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in die Sterne. Sie waren hier draußen heller, schärfer, fast aggressiv in ihrer Klarheit. Aber er sah keine Sternbilder. Er sah nur Distanz.
Sein rechter Arm ruhte auf seinem Knie. Der Schwarze Handschuh war nun, in der Kälte der Nacht, ruhig. Die silbernen Fäden, die sich wie ein Wurzelgeflecht seinen Unterarm hinaufgezogen hatten, glommen nur noch schwach, ein blasses, kränkliches Licht, das im Rhythmus seines Pulses atmete. Aber der Schmerz war nicht weg. Er war tiefer gewandert.
Es fühlte sich an, als hätten sich die Lederfasern des Handschuhs durch seine Poren gebohrt und sich mit den Nervenbahnen verflochten. Jedes Mal, wenn er die Finger bewegte, spürte er ein Ziehen, das bis in seine Schulter reichte, als würde er an seinen eigenen Sehnen reißen.
Es wächst, dachte Elias. Es ist kein Kleidungsstück. Es ist ein Parasit.
Er blickte hinüber zu Lyra. Die Heilerin saß neben dem bewusstlosen Kael. Sie hatte ihre Hände in den Stoff ihrer Tunika gewickelt, als wären sie ansteckend. Sie starrte nicht auf Kael, sondern auf Tarek. Auf das Werk ihrer „Hilfe“.
Elias wollte zu ihr gehen. Er wollte ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld war. Dass die Magie in diesem verdammten Land kaputt war, genau wie sie alle. Aber er blieb sitzen. Er wusste, dass seine Nähe keinen Trost spendete. Seine Nähe brachte nur Kälte und die Erinnerung an Zerstörung.
Clara bewegte sich. Sie hatte die letzte Stunde damit verbracht, Tareks Stirn mit einem Fetzen Stoff abzutupfen, den sie immer wieder in Kaels magisches Wasser tauchte – vorsichtig, um den stabilisierenden Film auf der Wunde nicht zu brechen.
Jetzt stand sie auf. Ihre Rüstung klirrte leise, ein Geräusch, das in der Stille wie ein Alarm wirkte. Sie ging zu Marcus, der im Schneidersitz neben seiner Tasche hockte und im Schein der letzten Glut des Feuers versuchte, die Karte der Fragmente zu lesen.
„Wie weit noch?“, fragte Clara. Ihre Stimme war rau, brüchig wie altes Glas.
Marcus blickte nicht auf. Er fuhr mit einem zitternden Finger eine Linie auf dem Pergament nach. „Geographisch? Vielleicht zwanzig Meilen bis zum Rand des Canyons. Aber topographisch...“ Er seufzte, rückte seine zerbrochene Brille zurecht. „Das Gelände steigt an. Wir müssen aus der Senke heraus. Mit Tarek... und Jory... erhöht sich die Reisezeit um den Faktor drei.“
„Wir haben keine Zeit“, sagte Clara. Sie blickte zurück zu Tarek. „Das Wasser kühlt ihn, aber es heilt ihn nicht. Die... die weiße Stelle... sie pulsiert.“
Marcus blickte auf. Seine Augen waren groß, dunkel vor Angst und Übermüdung. „Es ist Nekrose, Clara. Aber keine biologische. Es ist magische Entropie. Die Zellen vergessen, wie man lebt. Sie hören einfach auf. Wenn wir keine Lösung finden... wird sich das Ausbreiten. Wie ein Gefrierbrand, der sich durch das Fleisch frisst.“
„Lösungen“, spuckte Clara aus. „Du und deine Lösungen. Wir brauchen keine Theorie, Marcus. Wir brauchen ein Wunder.“
„Wunder sind statistische Anomalien“, murmelte Marcus, aber er griff nach seinem Logbuch. „Ich... ich habe überlegt. Die Shru h'las. Sie kannten diese Wüste. Sie haben hier gelebt, bevor die Sonne brannte. Vielleicht gibt es in den Texten...“
„Die Texte sind Asche“, sagte Zara aus der Dunkelheit. Sie lehnte an einem Felsblock, nur eine Silhouette gegen den Sternenhimmel. Sie hatte Wache gehalten, unermüdlich, wie eine Katze, die auf eine Maus wartet. „Genau wie die Bibliothek. Wir haben nur das, was wir tragen.“
Sie trat in den Lichtkreis. Ihr Gesicht war von Ruß und Staub verschmiert, aber ihre Augen blitzten. Sie ging zu Tarek, kniete sich neben ihn, betrachtete die Wunde mit einer klinischen Kühle, die Elias erschaudern ließ.
„Es riecht nicht mehr nach Verwesung“, stellte sie fest. „Es riecht nach... Ozon. Nach Gewitter.“ Sie blickte zu Elias. „Das ist deine Handschrift, Goldjunge.“
Elias zuckte zusammen. „Ich weiß.“
„Du hast ihn getroffen“, sagte Zara. Es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung. „Als der Tempel einstürzte. Du warst eine Bombe, und er war der Splitterschutz.“
„Ich wollte das nicht“, flüsterte Elias.
„Absicht ist egal“, sagte Zara hart. „Das Ergebnis zählt. Und das Ergebnis ist: Unser bester Kämpfer ist ein halbes Wrack. Unsere Heilerin hat Angst vor ihren eigenen Händen. Und unser Anführer...“ Sie sah Elias lange an. „Unser Anführer friert, obwohl er in der Wüste steht.“
Elias senkte den Blick. Er spürte den Riss im Amulett. Er brannte. Ein ständiges, heißes Jucken auf seiner Brusthaut, als würde Säure aus dem Metall sickern. Er wusste, dass Zara recht hatte. Er war gefährlich.
„Was sollen wir tun?“, fragte Lyra leise. Sie hatte sich nicht bewegt, aber sie hörte zu.
„Wir müssen weiter“, sagte Clara. „Sobald die Sonne aufgeht. Wir können hier nicht bleiben. Arkan weiß, wo wir sind. Er hat den Einsturz gespürt.“
„Er muss uns nicht suchen“, sagte Elias. Er stand auf. Seine Beine waren steif. Er ging zum Feuer, starrte in die Glut. „Er wartet. Er weiß, dass wir das Fragment haben. Er weiß, dass wir zum nächsten müssen.“
„Das nächste?“, fragte Marcus hysterisch. „Wir haben gerade erst das erste überlebt! Wir sind fast gestorben! Und Tarek...“
„Tarek würde gehen“, sagte eine Stimme vom Boden.
Sie fuhren herum. Tarek hatte die Augen geöffnet. Sie waren glasig, fiebrig, aber er war wach. Er versuchte zu lächeln, aber es war eher ein Zähnefletschen vor Schmerz.
„Ich... würde gehen“, wiederholte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Röcheln, nass und schwach. „Wenn ich... aufstehen könnte.“
Clara war sofort bei ihm. Sie drückte ihn sanft zurück auf die Decken. „Bleib liegen. Du reißt alles auf.“
„Es ist schon offen“, keuchte Tarek. Er blickte an sich herab, auf die schimmernde Wasserblase, die seine Seite bedeckte. „Sieht aus... wie ein Aquarium.“ Er lachte, ein trockenes Husten. „Kael... guter Junge. Hat Talent.“
Dann wandte er den Kopf und suchte Elias. Sein Blick wurde ernst.
„Komm her, Junge.“
Elias zögerte. Er wollte nicht näher. Er hatte Angst, dass seine bloße Anwesenheit die Wunde wieder aufreißen würde, dass die Kälte des Amuletts das Wasser gefrieren ließe.
„Komm her“, befahl Tarek, etwas fester.
Elias trat in den Kreis. Er kniete sich neben den Söldner, hielt aber Abstand.
„Es tut mir leid“, sagte Elias.
Tarek schüttelte den Kopf, eine winzige Bewegung. „Spar dir das. Im Krieg... gibt es freundliches Feuer. Passiert.“ Er griff nach Elias’ Hand. Nicht der behandschuhten. Der Linken. Tareks Hand war heiß, fiebrig. Elias’ Hand war kalt.
„Hör mir zu“, flüsterte Tarek. Er zog Elias näher, bis ihr Gesicht nur Zentimeter voneinander entfernt war. Elias roch das Blut, den Schweiß, den süßlichen Ozon-Geruch der Wunde. „Du hast das Ding getötet. Den Sucher. Erebus.“
„Ja.“
„Gut“, sagte Tarek. „Das war es wert.“ Er drückte Elias’ Hand, so fest er konnte, was nicht sehr fest war. „Aber du veränderst dich, Elias. Ich sehe es in deinen Augen. Sie sind... grau geworden. Wie Stein.“
„Ich muss stark sein“, sagte Elias. „Für euch.“
„Stark ist gut“, sagte Tarek. „Aber Stein bricht, wenn man draufschlägt. Eisen biegt sich. Sei Eisen, Junge. Nicht Stein.“
Er ließ Elias los und sank zurück. Die Anstrengung hatte ihn den letzten Rest Kraft gekostet. Seine Augen fielen zu.
„Wasser“, murmelte er. „Es ist... so trocken.“
Kael, der immer noch halb bewusstlos neben Lyra lag, rührte sich. Im Schlaf hob er eine Hand. Die Wasserblase auf Tareks Wunde pulsierte, gab Feuchtigkeit ab, kühlte die Haut. Selbst im Schlaf hielt er den Zauber aufrecht.
„Er hält ihn am Leben“, sagte Marcus fasziniert. „Eine symbiotische magische Erhaltung. Aber wie lange kann er das durchhalten? Kaels Reserven sind nicht unendlich. Und hier draußen... gibt es keine Feuchtigkeit zum Nachfüllen.“
„Bis wir den Dschungel erreichen“, sagte Zara. „Dort gibt es Wasser genug.“
„Der Dschungel ist Wochen entfernt“, sagte Clara verzweifelt. „Wir brauchen eine Lösung für jetzt.“
Elias stand auf. Er ging weg vom Feuer, weg von den anderen, hinaus in die Dunkelheit des Canyons. Er brauchte Luft. Er brauchte Abstand.
Er lehnte sich gegen eine Felswand. Der Stein war kalt. Er legte seine Stirn dagegen.
Das Amulett brannte. Der Riss war ein ständiger Schmerz.
Benutz es, flüsterte die Stimme. Arkans Stimme. Sie war zurück. Leiser als im Sturm, aber präsent. Du kannst ihn heilen, Elias. Du kannst alles heilen. Du musst nur... umkehren.
„Was meinst du?“, dachte Elias. Er sprach nicht laut. Er wollte nicht, dass die anderen ihn für verrückt hielten.
Entropie ist nur eine Richtung, säuselte die Stimme. Energie fließt von heiß zu kalt. Aber du... du bist der Herr des Flusses. Du hast die Energie des Tempels aufgenommen. Du hast Erebus gefressen. Du bist voll.
Elias blickte auf den Handschuh. Die silbernen Fäden leuchteten im Dunkeln.
Gib es zurück, sagte Arkan. Du hast Tarek das Leben genommen? Gib ihm Leben zurück. Füttere ihn mit der Energie, die du gestohlen hast.
„Ich kann nicht heilen“, dachte Elias. „Lyra ist die Heilerin. Und sie hat ihn verbrannt.“
Lyra ist schwach. Sie versteht das Prinzip nicht. Sie will wachsen lassen. Aber du... du kannst einfach Energie übertragen. Wie eine Batterie. Nimm die Kraft aus dem Amulett. Und drück sie in ihn rein.
Elias stieß sich von der Wand ab. Es klang logisch. Verführerisch logisch. Er hatte so viel Macht in sich, dass er fast platzte. Warum konnte er sie nicht nutzen, um zu reparieren?
Er blickte zu Tarek hinüber. Der Mann starb. Langsam, aber sicher.
Elias hob die behandschuhte Hand. Er sah die Energie, die darin pulsierte. Violett. Dunkel.
War das Leben? Oder war das nur eine andere Art von Tod?
„Nein“, sagte er laut. „Ich traue dir nicht.“
Dann stirbt er, sagte die Stimme gleichgültig. Und es wird deine Schuld sein. Wieder.
Elias schlug mit der Faust gegen den Fels. Einmal. Zweimal. Bis der Schmerz in seinen Knöcheln den Schmerz in seiner Seele übertönte.
„Ich finde einen anderen Weg“, zischte er. „Ohne dich.“
Er ging zurück zum Lager. Die anderen saßen schweigend da. Die Hoffnungslosigkeit war greifbar.
„Wir brechen bei Dämmerung auf“, sagte Elias. Seine Stimme war hart, kompromisslos. Er setzte sich seine Maske wieder auf. Der Anführer. Der Starke. „Wir bauen eine Trage für Tarek. Wir tragen ihn.“
„Und wohin?“, fragte Marcus müde.
„Nach Süden“, sagte Elias. Er deutete in die Dunkelheit, dorthin, wo die Wüste endete und das grüne Meer beginnen sollte. „Zur Steppe. Kael hat vom Meer gesprochen. Von Wasser. Dort wird er stärker sein. Dort kann er Tarek besser helfen.“
„Das ist ein langer Weg“, sagte Clara.
„Dann sollten wir anfangen zu gehen“, sagte Elias.
Er setzte sich nicht. Er blieb stehen, hielt Wache, während die anderen versuchten, ein paar Stunden unruhigen Schlaf zu finden. Er beobachtete die Sterne, die über den Rand des Canyons wanderten.
Er dachte an Tareks Worte. Sei Eisen. Nicht Stein.
Aber Elias fühlte sich weder wie Eisen noch wie Stein. Er fühlte sich wie Glas. Hart, scharf – und kurz davor, in tausend Stücke zu zerspringen.
Die Stunden zwischen der tiefsten Nacht und dem ersten Grauen des Morgens waren keine Zeit, sondern ein Zustand. Ein Zustand des Wartens, in dem sich die Realität auf das Wesentliche reduzierte: Atemzüge. Herzschläge. Das Tropfen von Wasser.
Das Lager im Canyon war in eine bleierne Stille gefallen. Kael schlief immer noch, ein tiefer, komatöser Schlaf, in den er gefallen war, nachdem er seine Magie bis auf den letzten Tropfen für Tarek ausgewrungen hatte. Aber selbst im Schlaf hielt sein Unterbewusstsein die Verbindung aufrecht. Die Wasserblase auf Tareks Seite schimmerte im Sternenlicht, pulsierte schwach, ein fremdartiges Organ, das den Söldner am Leben hielt.
Marcus saß im Schneidersitz neben den beiden, die Knie so fest an die Brust gezogen, dass seine Gelenke knackten. Er hatte sein Logbuch auf den Knien, aber er schrieb nicht. Er starrte auf Lyras Hände.
Lyra schlief nicht. Sie saß da, die Hände weit von ihrem Körper weggestreckt, als gehörten sie nicht zu ihr. Sie betrachtete ihre Handflächen, die im fahlen Licht unschuldig aussahen, sauber, weich. Aber Marcus wusste, was sie sah. Sie sah das neongrüne Feuer, das Fleisch verbrannte, statt es zu stricken.
„Es ist eine energetische Inversion“, flüsterte Marcus plötzlich. Seine Stimme war rau, kaum mehr als ein Kratzen im Hals, aber in der Stille klang sie laut.
Lyra zuckte zusammen. Sie sah ihn an, ihre Augen groß und dunkel. „Was?“
„Deine Magie“, sagte Marcus. Er rückte seine zerbrochene Brille zurecht, eine Geste der Normalität in einer Welt, die verrückt geworden war. „Ich habe darüber nachgedacht. Die Variablen. Warum es... passiert ist.“
„Weil ich kaputt bin“, sagte Lyra tonlos.
„Nein“, widersprach Marcus heftig. „Nichts in der Natur geht einfach ‚kaputt‘. Es transformiert sich. Energie geht nicht verloren, sie ändert ihren Zustand.“ Er deutete auf ihre Hände. „Du hast deine Gabe im Wald der Kaiserin geopfert. Du hast die Intention des Heilens aufgegeben, um das Fragment zu bekommen. Aber die Kraft... die Kraft ist noch da. Nur die Polung hat sich geändert.“
„Die Polung?“, fragte Zara, die im Schatten lehnte und scheinbar gedöst hatte.
„Positiv zu Negativ“, erklärte Marcus, und seine Hände begannen, unsichtbare Diagramme in die Luft zu zeichnen. „Heilung ist Aufbau. Zellregeneration. Verbindung. Das Gegenteil davon ist nicht Nichts. Das Gegenteil ist Abbau. Trennung. Reinigung durch Zerfall.“
Lyra starrte auf ihre Hände. „Ich bin eine Zerstörerin“, flüsterte sie.
„Du bist eine Reinigerin“, korrigierte Marcus. „Du hast versucht, Tareks Wunde zu heilen, indem du das Gewebe wieder zusammenfügst. Aber deine Magie hat versucht, die Wunde zu entfernen. Sie hat das kranke Gewebe angegriffen. Aggressiv.“
„Es hilft ihm nicht“, sagte Clara leise. Sie saß am Kopfende von Tarek, strich ihm immer wieder über das schweißnasse Haar. „Ob du es Reinigung nennst oder Mord... er stirbt daran.“
„Noch nicht“, sagte Elias.
Er stand am Rand des Lagers, eine dunkle Silhouette gegen die Felswand. Der Schwarze Handschuh war nun fast unsichtbar in der Dunkelheit, aber Elias spürte ihn pochen, synchron zum Riss im Amulett.
„Wir müssen eine Trage bauen“, sagte er. „Wir können nicht warten, bis er aufwacht. Er wird nicht aufwachen. Nicht stark genug zum Laufen.“
„Woraus?“, fragte Zara. „Wir haben kein Holz. Wir sind in einem Canyon aus Stein.“
„Aus dem, was wir haben“, sagte Elias. Er ging zu dem Bündel aus Speeren und zerbrochenen Schildern, die sie von den Schatten-Gardisten im Atrium erbeutet oder auf dem Weg gefunden hatten. „Die Schäfte der Speere. Unsere Umhänge. Seile.“
Es war eine mühsame, stille Arbeit. Unter dem kalten Blick der Sterne banden sie die schwarzen Metallspeere zusammen, polsterten sie mit den Resten ihrer Akademie-Roben und den gestohlenen Wüstenmänteln. Es war keine gute Trage. Sie war schwer, unhandlich und würde Tarek bei jedem Schritt durchschütteln. Aber es war das Einzige, was sie hatten.
Als der Himmel im Osten von Schwarz zu einem schmutzigen Grau wechselte, waren sie fertig.
„Wir müssen ihn bewegen“, sagte Clara. Sie blickte auf Kael. Der Wassermagier rührte sich nicht. „Was ist mit ihm? Wenn wir ihn wecken... bricht der Zauber?“
„Vielleicht“, sagte Marcus. „Aber wir können Kael nicht tragen. Er muss laufen. Und Tarek muss auf die Trage.“
Elias trat an Kael heran. Er kniete sich nieder. Er berührte den Magier nicht mit der behandschuhten Hand. Er nahm Kaels Schulter mit der linken Hand.
„Kael“, sagte er leise. „Wach auf. Wir müssen gehen.“
Kael stöhnte. Seine Augen flackerten. Er kam langsam zu sich, wie ein Taucher, der zu schnell an die Oberfläche gezogen wird. Er blinzelte, sah Elias an, dann seine Hand, die immer noch über Tarek schwebte.
„Das Wasser...“, murmelte er.
„Es muss halten“, sagte Elias. „Kannst du es... binden? Ohne deine Hand?“
Kael schluckte trocken. Er richtete sich mühsam auf, seine Glieder zitterten vor Erschöpfung. „Ich kann versuchen... es zu versiegeln. Die Oberflächenspannung erhöhen. Aber es wird verdunsten. Die Wüste... sie hat Durst.“
„Mach es so fest du kannst“, sagte Clara.
Kael konzentrierte sich. Er formte mit den Fingern eine Geste, als würde er einen Knoten ziehen. Die Wasserblase auf Tareks Seite zog sich zusammen, wurde fester, glänzender. Sie sah jetzt aus wie Glas, aber sie pulsierte noch.
„Fertig“, keuchte Kael und sank in Lyras Arme. „Mehr... geht nicht.“
„Das reicht“, sagte Elias.
Das Umlagern war der schlimmste Teil. Tarek war schwer, ein toter Ballast aus Muskeln und Knochen. Als sie ihn anhoben, stöhnte er, ein langer, gezogener Laut aus dem Unterbewusstsein, der von Schmerz erzählte, den er im Wachzustand nie zugegeben hätte.
Sie legten ihn auf die Trage. Clara und Elias nahmen die vorderen Holme, Marcus und Zara die hinteren. Lyra stützte Kael und führte Jory an der Hand, der stumm und humpelnd nebenher ging.
„Auf drei“, sagte Elias. „Eins. Zwei. Drei.“
Sie hoben an. Das Gewicht schnitt in ihre Schultern. Elias biss die Zähne zusammen. Sein rechter Arm protestierte, der Handschuh schien sich enger um sein Fleisch zu ziehen, als wollte er ihn bestrafen. Aber er hielt.
Sie setzten sich in Bewegung.
Der Weg aus dem Canyon war lang. Der Boden war uneben, übersät mit Geröll, das unter ihren Füßen wegrutschte. Jeder Schritt musste geprüft werden, um die Trage nicht zu kippen.
Die Sonne ging auf.
Es war kein triumphaler Sonnenaufgang. Es war ein langsames, unaufhaltsames Enthüllen der Verwüstung. Das Licht kroch die Felswände hinab, färbte den roten Stein in die Farbe von getrocknetem Blut.
Die Hitze kehrte zurück. Zuerst schleichend, dann mit voller Wucht.
Elias spürte, wie das Amulett reagierte. Es wachte auf. Der Riss begann wieder zu pochen. Er saugte die Wärme der Sonne auf, aber er behielt sie nicht ganz. Er leckte. Kleine Wellen von Hitze und Kälte strahlten von Elias’ Brust aus, trafen Clara, die neben ihm ging.
Sie zuckte nicht zurück, aber er sah, wie sie den Kiefer mahlte.
„Es tut mir leid“, flüsterte Elias.
„Spar dir den Atem“, sagte Clara, den Blick stur nach vorn gerichtet. „Lauf einfach.“
Sie marschierten Stunden. Der Canyon weitete sich. Die steilen Wände wurden flacher, wichen zurück.
Und dann änderte sich der Boden.
Der rote Sand und der Fels wurden weniger. Braune Erde mischte sich darunter. Zähes, gelbes Gras tauchte auf, erst in kleinen Büscheln, dann in Teppichen.
Der Wind drehte. Er roch nicht mehr nach Staub und Ozon. Er roch nach... Regen. Fernem, altem Regen.
„Die Steppe“, krächzte Marcus von hinten. Er klang erschöpft, aber in seiner Stimme schwang Hoffnung mit. „Wir haben den Rand von Ashara erreicht. Das Übergangsland.“
Sie schleppten sich über eine letzte Anhöhe. Und da lag sie vor ihnen.
Keine Wüste mehr. Eine weite, wellige Ebene aus hohem Gras, das im Wind wogte wie ein Meer. Es war nicht grün, eher ein blasses Gelb und Braun, aber es war Leben.
„Schatten“, sagte Zara und deutete auf eine Gruppe von knorrigen Akazienbäumen, die einige hundert Meter entfernt standen. „Echter Schatten.“
Sie mobilisierten ihre letzten Reserven. Sie erreichten die Bäume. Sie ließen die Trage sanft in das Gras gleiten.
Tarek atmete noch. Das Wasser auf seiner Wunde war dünner geworden, aber es war noch da.
Sie ließen sich fallen. Clara lehnte sich gegen einen Baumstamm, schloss die Augen. Zara rollte sich im Gras zusammen. Marcus legte sich flach auf den Rücken, die Arme ausgebreitet.
Nur Elias blieb stehen.
Er stand am Rand der Baumgruppe und blickte zurück. Zurück in den Canyon. Zurück in die Wüste.
Dort, in der Ferne, sah er die Ruinen des Sonnentempels nicht mehr. Aber er wusste, dass sie da waren. Ein Grabmal für seine Unschuld. Ein Denkmal für seine Macht.
Er griff an seine Brust. Das Amulett war ruhig, aber schwer. Der Riss war da, fühlbar unter dem Stoff. Eine Narbe, die nicht heilen würde.
„Wir sind draußen“, sagte Lyra. Sie war neben ihn getreten. Sie hielt Kael im Arm, der im Schatten schlief.
„Wir sind weiter“, korrigierte Elias. Er blickte auf seine rechte Hand. Im Schatten der Bäume wirkte der Handschuh noch schwärzer. Er ballte die Faust. Er spürte die Kraft darin. Und die Gefahr.
„Wohin jetzt?“, fragte Lyra.
Elias drehte sich um. Er blickte nach Süden. Über das Grasmeer hinweg. Dort, am Horizont, war eine dunkle Linie zu sehen. Ein Wald. Selva Magna.
„Dorthin“, sagte Elias. „Zum Herz des Waldes. Zum zweiten Fragment.“
„Und Tarek?“, fragte Lyra. „Er wird den Marsch nicht überleben. Nicht so.“
Elias sah den schlafenden Söldner an. Er sah die Wasserblase, die ihn schützte.
„Kael wird ihn halten“, sagte Elias. „Und wir werden ihn tragen. Schritt für Schritt.“
Er sah Lyra an. „Wir haben Narben, Lyra. Wir alle. Aber Narben sind nur Haut, die härter geworden ist.“
Er ging zu den anderen, setzte sich in den Schatten, aber er hielt Abstand. Er war der Wächter. Er war die Waffe. Und Waffen ruhten nie wirklich.
Der Wind strich durch das Gras, ein sanftes Rascheln, das klang wie ein Flüstern.
Komm, sagte der Wind. Komm tiefer.
Und Elias wusste, dass er gehen würde. Bis zum Ende.