NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 10: Zwischen Welten
Der Übergang war nicht abrupt, wie der Sturz in den Canyon oder der Eintritt in den Tempel. Er war schleichend, leise und von einer melancholischen Weite, die das Herz genauso schwer machte wie die Beine.
Hinter ihnen verblasste das Rot von Ashara. Die schroffen Felsnadeln und die endlosen Dünen sanken in den Boden zurück, wurden flacher, verloren ihre Schärfe und verschwammen in einem dunstigen Hitzeschleier am Horizont. Vor ihnen öffnete sich die Welt.
Es war kein grünes Paradies, das sie empfing. Es war die Steppe. Ein Ozean aus hüfthohem, gelbem Gras, das trocken war wie Stroh und im stetigen Südwind raschelte – ein Geräusch, das klang, als würden Millionen von Insekten ihre Flügel reiben.
Der Boden unter ihren Stiefeln war nicht mehr der unnachgiebige Fels oder der tückische Sand. Er war weich, federnd, durchzogen von Wurzelwerk und trockener Erde. Jeder Schritt wirbelte kleine Wolken aus Pollen und Staub auf, die im schrägen Licht der Nachmittagssonne tanzten.
Elias ging voran, aber er führte nicht mehr mit der aggressiven Energie, die ihn im Tempel getrieben hatte. Er ging mechanisch. Sein rechter Arm, der im Schwarzen Handschuh steckte, ruhte in einer Schlinge aus Stoff, die er sich improvisiert hatte, um das Gewicht zu stützen. Die Verschmelzung von Leder und Fleisch war zur Ruhe gekommen, aber der Arm fühlte sich fremd an, ein Werkzeug, das man nach Gebrauch beiseitegelegt hatte, das aber immer noch summte.
Das Amulett an seiner Brust schwieg. Der Riss war dunkel, verkrustet mit getrocknetem Licht, aber Elias spürte die Leere dahinter. Sie war nicht mehr der reißende Hunger der Wüste. Sie war eine abwartende Stille. Das Amulett wusste, dass sich die Umgebung änderte. Es schmeckte die Feuchtigkeit in der Luft, die noch Meilen entfernt war, aber unaufhaltsam näher kam.
Leben, dachte Elias. Es wartet auf Leben.
Er blieb stehen und wartete, bis die anderen aufschlossen. Sie waren eine traurige Prozession.
Clara und Zara trugen die Trage. Die Speerschäfte bogen sich unter Tareks Gewicht. Der Söldner war wach, aber er sprach nicht. Er starrte in den Himmel, die Zähne zusammengebissen, während sein Körper bei jedem Schritt geschaukelt wurde. Die Wasserblase an seiner Seite war dünner geworden, trüber, aber sie hielt.
Marcus ging neben der Trage, die Hand an der Schulter von Jory. Der Junge humpelte tapfer, stützte sich auf einen Stock aus Treibholz, den er noch vom Flussufer hatte. Er jammerte nicht, aber sein Gesicht war blass und schweißnass.
Und ganz hinten ging Kael.
Der Wassermagier sah aus, als würde er schlafwandeln. Seine Füße waren blutig, die gestohlene Robe hing in Fetzen an ihm. Er hatte die Augen halb geschlossen, seine linke Hand war ausgestreckt, die Finger gespreizt, als würde er unsichtbare Fäden in der Luft halten. Er hielt den Zauber aufrecht. Seit Stunden. Seit Tagen. Er speiste Tareks Wunde mit der wenigen Feuchtigkeit, die er aus der trockenen Steppenluft kondensieren konnte.
Lyra wich nicht von seiner Seite. Sie stützte ihn nicht, denn er ließ sich nicht anfassen – jede Berührung brach seine Konzentration –, aber sie war sein Schatten. Sie hielt ihm die Wasserflasche an die Lippen, wenn er wankte. Sie wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Sie war seine Wächterin.
„Pause“, sagte Elias. Seine Stimme war rau vom Staub. „Die Sonne steht tief. Wir lagern hier.“
„Hier ist kein Schutz“, sagte Clara und setzte die Trage ab. Sie rieb sich die schmerzende Schulter. Sie blickte sich um. Das Grasmeer erstreckte sich in alle Richtungen, endlos, monoton. „Keine Felsen. Keine Höhlen. Wir sitzen auf dem Präsentierteller.“
„Niemand ist hier“, sagte Zara. Sie ließ sich ins Gras fallen und streckte die Glieder. „Keine Reiter. Keine Kriecher. Das hier ist das Niemandsland. Zu trocken für den Dschungel, zu lebendig für die Wüste. Selbst die Monster machen hier einen Bogen drum.“
„Das hoffe ich“, murmelte Marcus. Er setzte sich und begann sofort, seine Füße zu massieren. „Statistisch gesehen sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Verfolgung mit jeder Meile, die wir uns von der Stadt entfernen. Aber die Wahrscheinlichkeit des Versagens durch Erschöpfung steigt exponentiell.“
Sie richteten sich ein. Es gab nicht viel zu tun. Sie traten das Gras nieder, um eine Fläche zu schaffen. Sie legten Tarek in die Mitte. Sie teilten die letzten Reste des Trockenfleischs, kauten langsam, schweigend.
Die Sonne berührte den Horizont. Und in diesem Moment veränderte sich die Steppe.
Das gelbe Gras begann zu glühen. Es fing das rote Licht der Abendsonne ein und brannte wie ein Feuer, das nicht verzehrte. Der Wind frischte auf, und das Rascheln wurde zu einem Rauschen, das klang wie die Brandung eines fernen Meeres.
Der Geruch veränderte sich. Die staubige Trockenheit wich einem neuen Duft. Süßlich. Schwer. Erdig.
„Regen“, sagte Kael plötzlich.
Es war das erste Wort, das er seit Stunden gesprochen hatte. Er saß im Schneidersitz neben Tarek, die Hände immer noch auf die Wunde gerichtet. Er hob den Kopf, schnupperte. Seine Nasenflügel blähten sich.
„Ich rieche ihn“, flüsterte er. Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht, ließ ihn jünger wirken, weniger wie ein Gefangener. „Weit im Süden. Aber er ist da.“
„Der Dschungel“, sagte Elias. Er stand am Rand des Lagers, den Rücken zu den anderen. Er blickte nach Süden. Er konnte nichts sehen außer Gras und Himmel, aber er spürte es auch. Eine Schwere in der Luft. Eine Feuchtigkeit, die das Amulett unruhig machte.
„Wie weit noch?“, fragte Clara.
„Zwei Tage“, schätzte Marcus. „Vielleicht drei. Wenn wir dieses Tempo halten.“
„Wir müssen schneller werden“, sagte Elias. Er drehte sich nicht um. „Tarek wird schwächer. Ich kann es riechen. Das Wasser... es wird trüb.“
„Kael wird schwächer“, korrigierte Lyra leise. Sie saß neben dem Magier, beobachtete seine zitternden Hände. „Er gibt seine eigene Lebenskraft, um das Wasser zu binden. Er trocknet aus, Elias.“
Elias blickte auf seine eigene Hand. Den Handschuh. Er könnte helfen. Er könnte Energie geben. Aber er hatte Angst. Angst, dass er wieder zu viel geben würde. Dass er Tarek verbrennen würde, so wie er den Tempel verbrannt hatte.
„Wir gehen bei Dämmerung“, sagte er nur.
Die Nacht legte sich über die Steppe. Es war keine schwarze Nacht wie in der Wüste. Der Himmel war tiefblau, voller Sterne, und der Mond war riesig, eine silberne Scheibe, die das Gras in ein geisterhaftes Feld aus Grau und Silber verwandelte.
Die Gruppe schlief. Die Erschöpfung war ein mächtigerer Feind als die Angst. Marcus schlief tief und traumlos, den Kopf auf seiner Tasche. Clara hielt im Schlaf Zaras Hand fest, ein unbewusster Griff nach Halt. Jory hatte sich an Tarek gekuschelt, suchte Wärme bei dem Mann, der ihn getragen hatte.
Nur Kael und Lyra waren wach. Und Elias, der Wächter, der am Rand saß und nicht schlafen konnte, weil die Träume schlimmer waren als die Wachheit.
Elias beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Er sah, wie Lyra eine Schale mit Wasser füllte – kostbares Wasser, das sie rationiert hatten. Sie hielt sie Kael hin.
„Trink“, flüsterte sie.
Kael öffnete die Augen. Sie waren trüb, aber als er das Wasser sah, klärten sie sich.
„Für ihn“, sagte er und nickte zu Tarek.
„Nein“, sagte Lyra fest. „Für dich. Du bist der Brunnen, Kael. Wenn der Brunnen austrocknet, stirbt der Garten.“
Kael sah sie an. Er sah die Sorge in ihrem Gesicht, die gleiche Sorge, die sie für den Klaxuna-Jungen gehabt hatte. Aber diesmal hatte sie keine Angst vor ihren Händen. Sie hatte Angst um ihn.
Er nahm die Schale. Seine Finger berührten ihre. Es war eine flüchtige Berührung, aber Elias sah, wie beide innehielten.
Kael trank. Er trank langsam, ehrfürchtig. Als er fertig war, setzte er die Schale ab. Er atmete tief durch. Die Wasserblase auf Tareks Seite wurde klarer, fester.
„Danke“, sagte er.
„Erzähl mir von zu Hause“, bat Lyra. Sie zog ihre Knie an die Brust, wickelte sich in ihren zerfetzten Umhang. „Vom Meer.“
Kael lächelte. Es war ein trauriges Lächeln, voller Sehnsucht. Er hob die Hand. Ein kleiner Tropfen Wasser löste sich aus der Schale, schwebte in die Luft. Er tanzte zwischen seinen Fingern, fing das Mondlicht ein, wurde zu einer winzigen, perfekten Perle.
„Es ist... laut“, sagte Kael leise. „Nicht wie hier. Hier ist das Rauschen trocken. Das Meer... das Meer atmet. Es schlägt. Es ist wie ein riesiges Herz, das niemals aufhört.“
Er ließ den Tropfen um Lyras Hand kreisen.
„Das Wasser dort ist nicht tot. Es ist voll von Licht. In der Nacht... wenn man schwimmt... leuchtet alles. Jeder Bewegung zieht eine Spur aus Sternenstaub nach sich.“
Lyra beobachtete den Tropfen. Sie streckte den Finger aus, berührte ihn sanft. Er zerplatzte nicht. Er schmiegte sich um ihre Fingerkuppe wie ein Ring.
„Ich habe es nie gesehen“, sagte sie. „Ich kenne nur den Wald. Und die Stadt.“
„Wir bringen dich dorthin“, sagte Kael. Sein Blick wurde ernst. „Wir bringen dich zu den Nebel-Inseln. Dort berührt der Himmel das Wasser.“
„Wenn wir es schaffen“, sagte Lyra. Ihr Blick wanderte zu ihren Händen. „Ich habe Angst, Kael. Nicht vor dem Weg. Vor mir.“
Kael ließ den Wassertropfen zurück in die Schale fallen. „Warum?“
„Weil ich mich verändere“, flüsterte sie. „Meine Magie... sie war immer Leben. Wachstum. Heilung. Aber jetzt... jetzt fühlt sie sich an wie Feuer. Wie Säure. Wenn ich versuche zu helfen, zerstöre ich.“
Sie ballte die Fäuste.
„Ich bin keine Heilerin mehr. Ich bin... etwas anderes.“
Kael sah sie an. Er griff nach ihrer Hand. Er öffnete ihre Faust, Finger für Finger. Er legte seine Handfläche auf ihre. Seine Haut war kühl, ihre war warm.
„Das Meer zerstört auch“, sagte er sanft. „Es schleift Felsen zu Sand. Es ertränkt Stürme. Es nimmt.“ Er blickte ihr in die Augen. „Aber es reinigt auch. Es wäscht die Wunden aus. Es spült den Dreck weg. Vielleicht... vielleicht bist du nicht kaputt, Lyra. Vielleicht bist du nur... wilder geworden. Wie das Meer im Sturm.“
Lyra starrte ihn an. Eine Träne lief über ihre Wange. „Ich will nicht wild sein. Ich will nur, dass es aufhört, wehzutun.“
„Es hört nie auf“, sagte Kael. Er drückte ihre Hand. „Aber man lernt, darin zu schwimmen.“
Elias, der im Schatten saß, wandte den Blick ab. Er fühlte sich wie ein Eindringling. Er sah die Intimität zwischen ihnen, die Verbindung, die nicht auf Macht oder Abhängigkeit basierte, sondern auf Verständnis.
Er griff an seine Brust. Das Amulett war kalt. Der Handschuh war eine fremde Haut. Er hatte niemanden, der seine Hand hielt. Er hatte nur die Stimme. Und die Aufgabe.
Er stand lautlos auf und ging tiefer in das hohe Gras, weg von dem kleinen, fragilen Frieden, den Kael und Lyra gefunden hatten. Er musste Wache halten. Denn er wusste, dass der Frieden nicht halten würde.
Der Dschungel wartete. Und im Dschungel gab es keine Stille.
Der Morgen kam nicht mit der brutalen Härte der Wüstensonne, sondern mit einer feuchten, klammen Schwere. Tau lag auf dem hohen Steppengras, Millionen winziger Prismen, die das erste Licht brachen. Für jeden anderen wäre es ein Anblick von Schönheit gewesen, ein Versprechen von Leben nach der Dürre. Aber für die Gruppe fühlte es sich an wie Schweiß auf einer fiebrigen Stirn.
Elias stand bereits, als die anderen sich regten. Er hatte nicht geschlafen. Er hatte den Horizont beobachtet, dort wo die Sterne langsam verblassten und einer Wand aus dunklem Grün Platz machten, die sich wie eine Gewitterfront erhob.
Sein rechter Arm pochte. Der Schwarze Handschuh reagierte auf die Feuchtigkeit. Das Leder schien aufzuquellen, weicher zu werden, fast organisch, und die silbernen Fäden pulsierten schneller, als würden sie den beschleunigten Herzschlag der Natur um sie herum imitieren. Das Amulett hingegen war ruhig, aber es war eine gespannte Ruhe. Es zog sich zusammen, kalt und fest, ein Fremdkörper in dieser Welt des Wachstums.
„Aufstehen“, sagte Elias leise. Seine Stimme trug weit in der feuchten Luft. „Wir müssen die Kühle nutzen.“
Tarek stöhnte. Das Geräusch kam tief aus seiner Brust, ein nasses Gurgeln. Die Nacht hatte ihm keine Erholung gebracht. Die Wasserblase an seiner Seite war trüb geworden, milchig weiß, als hätte sie Giftstoffe aus seinem Körper gezogen.
Clara war sofort bei ihm. Sie wischte ihm den Tau vom Gesicht. „Kannst du reden?“
„Ich kann... fluchen“, presste Tarek hervor und versuchte zu grinsen, aber es verzerrte sich zu einer Grimasse. „Das muss reichen.“
Kael richtete sich auf. Er sah furchtbar aus. Seine Haut war grau, seine Augen lagen tief in dunklen Höhlen. Er hatte die ganze Nacht Energie in den Zauber gepumpt, seine eigene Lebenskraft als Brennstoff genutzt, um das Wasser stabil zu halten. Er schwankte, als er aufstand, musste sich an Lyras Schulter festhalten.
„Es hält“, flüsterte er, den Blick auf die Wunde gerichtet. „Aber das Wasser... es wird müde. Wie ich.“
„Wir tragen ihn“, sagte Elias. Er trat an die Trage. „Clara, Zara. Vorne. Marcus, du nimmst Jory. Lyra, du stützt Kael. Ich nehme das Ende.“
„Mit deinem Arm?“, fragte Clara skeptisch. Sie blickte auf den schwarzen Handschuh.
„Der Arm ist stark“, sagte Elias tonlos. „Stärker als der andere.“ Er griff nach den Holmen der Trage. Das Holz knirschte unter dem Griff des Leders. Er spürte das Gewicht nicht als Last, sondern nur als Widerstand, den es zu überwinden galt.
Sie setzten sich in Bewegung.
Der Marsch durch die Steppe war anders als der durch die Wüste. Der Boden war weich, federnd, durchzogen von einem dichten Geflecht aus Wurzeln, das bei jedem Schritt nachgab. Es war anstrengender als der harte Fels, es saugte an den Waden, zwang sie dazu, die Knie höher zu heben.
Die Luft wurde mit jeder Meile dicker. Es roch nach Erde, nach faulendem Gras und nach einer süßlichen Schwere, die sich im Hals festsetzte. Insekten schwirrten um ihre Köpfe, kleine, beißende Fliegen, die nicht von der Hand zu verscheuchen waren.
Marcus ging neben Zara, die Karte offen in der Hand, obwohl es keinen Weg gab, dem man hätte folgen können. Er orientierte sich an Landmarken – einem einsamen Baum, einem Felsbrocken, dem Stand der Sonne.
„Die Vegetation“, keuchte er und wischte sich ein Insekt von der Wange. „Die Dichte nimmt exponentiell zu. Wir verlassen die aride Zone. Wir betreten den Einflussbereich von Selva Magna.“
„Der Wald“, sagte Zara. Sie trug ihren Teil der Last ohne Klagen, obwohl der Schweiß ihr in die Augen lief. „Sieht von hier aus eher aus wie eine Mauer.“
Sie hatte recht. Am Horizont erhob sich der Dschungel. Es war kein sanfter Übergang. Es war eine Klippe aus Bäumen. Gigantische Urwaldriesen, deren Kronen in den Wolken verschwanden, bildeten eine undurchdringliche Front. Lianen hingen herab wie Vorhänge, und darunter lag ein Schatten, der so tief war, dass er fast schwarz wirkte.
Elias starrte auf die grüne Wand. Er spürte eine seltsame Abneigung. Die Wüste war ehrlich gewesen. Brutal, leer, tot. Sie hatte zu ihm gepasst. Aber dieser Wald... er war zu voll. Zu lebendig. Zu chaotisch.
Das Amulett reagierte darauf. Es sandte kleine Impulse aus, kalte Stiche, wann immer Elias einen Grashalm streifte. Er sah nach unten. Wo sein Mantel den Boden berührte, verfärbte sich das gelbe Gras grau. Es welkte. Nicht sofort, aber sichtbar. Er zog eine Spur des kleinen Todes durch das Meer des Lebens.
Du passt hier nicht her, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Arkan war still geworden, aber Elias wusste nicht, ob das gut war. Vielleicht brauchte er Arkan gar nicht mehr, um diese Gedanken zu haben.
„Halt“, sagte Kael plötzlich. Er blieb stehen, zwang die ganze Gruppe zum Halt.
Er löste sich von Lyra, trat zwei Schritte zur Seite. Er sank auf die Knie, legte die Hände flach auf den Boden. Er schloss die Augen.
„Was ist?“, fragte Clara alarmiert, die Hand am Schwert. „Feinde?“
„Wasser“, sagte Kael. Ein Lächeln breitete sich auf seinem erschöpften Gesicht aus. „Unter uns. Eine Ader. Tief, aber... stark.“
Er drückte die Hände in die Erde. „Komm hoch“, flüsterte er.
Der Boden wurde feucht. Dunkle Flecken breiteten sich um seine Finger aus. Dann sprudelte es. Ein kleiner, klarer Quell brach durch die Grasnarbe, wusch den Staub von Kaels Händen.
„Frisches Wasser“, sagte er. „Nicht aus der Luft. Aus der Erde.“
Sie tranken. Es war das köstlichste Wasser, das sie je geschmeckt hatten. Es schmeckte nach Mineralien und Wurzeln, kühl und erdend. Sie füllten die Schläuche, wuschen sich den Staub aus den Gesichtern.
Kael füllte eine Schale und ging zu Tarek. Er träufelte Wasser auf die Blase an der Seite des Söldners. Die magische Hülle absorbierte es, wurde wieder klarer, fester.
„Es hilft“, sagte Lyra, die Tarek den Kopf hielt, damit er trinken konnte. „Sein Puls ist stärker.“
„Der Wald hilft“, sagte Kael. Er blickte auf die grüne Wand im Süden. „Er gibt. Die Wüste hat nur genommen. Aber der Wald gibt.“
„Er nimmt auch“, sagte Elias scharf. Er stand abseits, hatte nicht getrunken. Er traute sich nicht, das Wasser zu berühren, aus Angst, er würde die Quelle vergiften. „Zu viel Leben ist genauso tödlich wie zu wenig. Marcus hat es gesagt. Pflanzen, die in Sekunden wachsen. Parasiten. Gift.“
Er blickte Kael an. „Verwechsel das hier nicht mit deinem Ozean, Kael. Das hier ist ein Käfig aus Wurzeln.“
Kael sah ihn an, ruhig, unbeeindruckt von Elias’ Härte. „Jeder Ort ist ein Käfig, wenn man Angst hat, Elias.“
Der Satz traf Elias. Er wandte sich ab. „Wir gehen weiter. Wir müssen den Waldrand vor Einbruch der Nacht erreichen.“
Der Nachmittag war schwül. Die Wolken, die über dem Dschungel hingen, schoben sich über die Steppe, verdeckten die Sonne. Das Licht wurde fahl, grünlich.
Marcus ging neben Zara. Er hatte sein Logbuch herausgeholt, aber er schrieb nicht. Er betrachtete Zara von der Seite. Sie hatte ihr Tuch abgenommen, ihr Gesicht war schmutzig, ihr Haar verklebt, aber sie wirkte... lebendig. Sie summte leise vor sich hin, eine Melodie aus der Unterstadt, rau und trotzig.
„Du hast keine Angst“, stellte Marcus fest. Es war halb Frage, halb Bewunderung.
„Ich habe immer Angst, Gelehrter“, sagte Zara, ohne den Rhythmus ihres Schrittes zu ändern. „Aber Angst ist wie ein Rucksack. Man trägt ihn, aber man lässt sich nicht von ihm niederdrücken. Sonst kommt man nicht vorwärts.“
Sie stieß ihn sanft mit der Schulter an. „Und du? Hast du deine Variablen sortiert?“
Marcus rückte seine Brille zurecht. „Die Variablen sind chaotisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Fragment finden, ohne gefressen oder vergiftet zu werden, liegt im einstelligen Bereich.“
„Also eine Chance“, sagte Zara und grinste.
„Ja“, sagte Marcus. Und zum ersten Mal seit langem lächelte er zurück. Ein echtes, schüchternes Lächeln. „Eine Chance.“
Sie erreichten den Waldrand, als die Dämmerung einsetzte.
Es war überwältigend. Die Bäume waren so hoch, dass man den Himmel nicht mehr sah, wenn man direkt davorstand. Die Stämme waren dick wie Türme, bedeckt mit Moos, Farnen und schillernden Käfern. Aus dem Inneren drang ein Lärm – ein Zirpen, Kreischen, Brüllen –, der lauter war als der Markt von Zar’Athon.
Und der Geruch. Es roch nach Moschus, nach süßer Fäulnis und explodierendem Wachstum.
„Selva Magna“, flüsterte Marcus. „Der Große Wald.“
Elias trat an den ersten Baum heran. Er legte die behandschuhte Hand auf die Rinde. Er wollte spüren, was ihn erwartete.
Der Baum reagierte.
Die Rinde unter seiner Hand wurde schwarz. Das Moos verdorrte, zerfiel zu Staub. Ein Zittern ging durch den Stamm, als würde der Baum vor Schmerz zurückschrecken. Blätter regneten von oben herab, braun und tot.
Elias zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Er starrte auf den schwarzen Abdruck seiner Hand im Holz.
„Er mag mich nicht“, sagte er leise.
„Er hat Angst vor dir“, sagte Lyra. Sie stand hinter ihm. Sie berührte den Baum nicht. Sie hatte ihre Hände immer noch in den Ärmeln versteckt. Aber sie spürte es auch. Eine Welle der Ablehnung, die aus dem Wald schwappte.
„Wir sind Eindringlinge“, sagte Tarek von der Trage. Er hatte sich aufgesetzt, stützte sich auf seinen Ellbogen. Sein Gesicht war schweißnass, aber seine Augen waren wach. „Das hier ist kein Niemandsland. Das ist ein Königreich. Und wir haben keine Einladung.“
„Wir brauchen keine Einladung“, sagte Elias. Er ballte die Faust. Der Handschuh knirschte. „Wir haben eine Mission.“
Er zog sein Schwert – nicht das Amulett, sondern den Stahl. Es fühlte sich nutzlos an gegen diese grüne Übermacht, aber es gab ihm etwas, woran er sich festhalten konnte.
„Wir gehen rein“, sagte er. „Macheten raus. Wir schlagen uns einen Weg.“
Er trat über die Wurzeln, hinein in den Schatten der Bäume. Das Licht der Steppe blieb zurück. Die grüne Dämmerung verschluckte sie.
Sie waren nicht mehr zwischen den Welten. Sie waren in der Welt der Grünen Kaiserin. Und sie wussten nicht, ob sie Gäste waren – oder Futter.
Der Dschungel nahm sie nicht auf wie ein Gastgeber; er verschluckte sie.
Kaum hatten sie die ersten Baumreihen hinter sich gelassen, schloss sich das Blätterdach über ihnen wie eine Luke. Das fahle Licht der Dämmerung wurde ausgeknipst, ersetzt durch eine undurchdringliche Finsternis, die nur hie und da von phosphoreszierenden Pilzen am Boden oder leuchtenden Insektenaugen im Geäst durchbrochen wurde.
Die Luft veränderte sich augenblicklich. War sie in der Steppe noch trocken und windig gewesen, so stand sie hier still. Sie war schwer, gesättigt mit Feuchtigkeit, die sofort auf der Haut kondensierte und sich mit dem Staub der Reise zu einem klebrigen Schmierfilm vermischte. Jeder Atemzug war Arbeit. Es roch nach Moder, nach gärendem Obst und nach dem scharfen Moschus von Tieren, die man nicht sah, aber roch.
Elias blieb stehen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, aber es half nichts. Die Feuchtigkeit war allgegenwärtig.
„Wir sehen nichts“, sagte er. Seine Stimme klang gedämpft, geschluckt vom dichten Bewuchs.
Marcus kramte hektisch nach seiner Lumen-Phiole. Als er sie hob, warf das grüne Licht groteske Schatten an die massiven Baumstämme. Lianen hingen herab wie die Schlangenhaare einer Gorgone, dick wie Arme, pulsierend vor Saft.
„Wir müssen den Weg freischlagen“, sagte Clara. Sie zog ihr Schwert. Zara zog ihre Machete, die sie einem toten Schmuggler abgenommen hatte.
Sie begannen zu hacken. Es war mühsam. Das Pflanzenwerk war zäh, faserig. Es schien sich zu wehren, federte zurück, wickelte sich um die Klingen.
„Lass mich“, sagte Elias.
Er trat vor. Er steckte sein Schwert nicht weg, aber er benutzte es nicht. Er hob den rechten Arm. Der Schwarze Handschuh war in der feuchten Dunkelheit kaum zu sehen, aber die silbernen Fäden glühten schwach.
Er fasste eine dicke Liane, die den Weg versperrte. Er riss nicht daran. Er ließ das Amulett atmen.
Nimm es, dachte er.
Die Reaktion war sofortig. Die Liane unter seiner Hand verfärbte sich schwarz. Die Farbe schoss den Stamm hinauf wie Tinte in Wasser. Das Grün wich einem toten Grau. Die Pflanze erschlaffte, verlor ihre Spannung, zerfiel zu Staub und trockenen Fasern, die zu Boden rieselten.
Elias machte einen Schritt vorwärts. Er berührte einen Farnwedel. Er zerfiel. Er berührte einen Busch. Er verdorrte.
Er schnitt keinen Weg. Er tötete einen Weg.
Hinter ihm herrschte Stille. Nur das Schmatzen der Stiefel im morastigen Boden war zu hören.
„Das ist... effizient“, murmelte Zara, aber sie hielt Abstand zu ihm.
Lyra sagte nichts. Sie ging neben Kael, stützte ihn. Sie sah die Spur des Todes, die Elias durch den Wald zog. Pflanzen, die eben noch vor Leben strotzten, waren nun Asche.
„Er hat Angst“, flüsterte Kael. Er blickte auf die schwarzen Pflanzenreste. „Der Wald. Er weicht zurück.“
„Vor Elias?“, fragte Lyra.
„Vor der Leere“, sagte Kael. „Wasser fließt. Leben wächst. Aber das da... das ist das Ende von allem.“
Sie kamen nur langsam voran. Der Boden war tückisch, ein Geflecht aus rutschigen Wurzeln und tiefen Schlammlöchern, die unter einer Decke aus verrottendem Laub verborgen lagen. Tarek auf der Trage stöhnte bei jedem Ruck.
„Wir müssen einen Lagerplatz finden“, sagte Clara. „Wir können Tarek nicht durch diesen Sumpf schleppen, ohne ihn umzubringen.“
„Hier ist alles Sumpf“, sagte Marcus verzweifelt. Er schlug nach einem Insekt, das so groß war wie seine Hand. „Die Feuchtigkeit beträgt hundert Prozent. Wir werden bei lebendigem Leib verrotten. Pilzinfektionen. Fußfäule.“
„Dort“, sagte Elias plötzlich.
Er deutete in die Dunkelheit. Das Amulett hatte reagiert. Nicht mit Hunger, sondern mit... Resonanz. Es hatte Metall gespürt. Altes Metall.
Er führte sie durch eine Wand aus Farnen. Dahinter erhob sich ein Hügel aus dem Sumpf. Er war nicht natürlich.
Es war eine Ruine.
Überwuchert von Moos und Würgefeigen, ragten Steinblöcke aus dem Boden. Sie waren aus einem grauen, glatten Material, das Elias an den Tempel in der Wüste erinnerte. Vorkriegs-Architektur.
„Ein Außenposten“, flüsterte Marcus. Er vergaß die Insekten. Er humpelte zu einer Mauer, kratzte das Moos weg. Darunter kamen Runen zum Vorschein. Thran'dua.
„Das ist ein Wegweiser“, sagte er, seine Stimme zitterte vor Aufregung. „Ein Marker der Shru h'las. Wir sind auf dem richtigen Weg.“
„Es ist trocken“, stellte Zara fest. Sie kletterte über die Mauerreste. „Der Boden hier ist gepflastert. Kein Schlamm.“
Sie hievten die Trage über die Steine. Im Schutz der alten Mauern, die ein Dach aus dicht verflochtenen Ästen und Lianen bildeten, war es tatsächlich trockener.
„Hier bleiben wir“, entschied Elias.
Sie legten Tarek ab. Der Söldner war wach, aber seine Augen waren trüb. Die Wasserblase an seiner Seite war dünn geworden, fast unsichtbar.
„Kael“, sagte Lyra.
Der Wassermagier nickte. Er setzte sich neben Tarek. Er legte seine Hand auf die Wunde. Er schloss die Augen. Er zog Feuchtigkeit aus der Luft – hier war es leicht, viel leichter als in der Steppe. Das Wasser kondensierte sofort, stärkte den Verband.
Aber Kael sah schlecht aus. Seine Haut war grau, seine Lippen blau.
„Du frierst“, sagte Lyra.
„Es ist kalt hier“, sagte Kael und zitterte.
„Es sind dreißig Grad“, sagte Zara, die sich den Schweiß von der Stirn wischte. „Wir kochen.“
„Nicht er“, sagte Elias. Er stand am Eingang der Ruine, blickte hinaus in den Dschungel. „Er hat zu viel gegeben. Seine innere Temperatur sinkt.“
Elias trat zurück in den Kreis. Er zog den Handschuh nicht aus. Er konnte es nicht. Aber er legte seine linke Hand auf Kaels Schulter.
„Ich kann dir keine Wärme geben“, sagte Elias. „Ich habe keine.“
Kael blickte auf. „Du hast Schutz gegeben“, sagte er leise. „Das reicht.“
Die Nacht im Dschungel war laut. Ein ständiges Zirpen, Schreien und Rascheln umgab sie. Es klang, als würde der Wald sie beobachten, ihre Position an hunderte von hungrigen Mündern weitergeben.
Marcus saß an der Mauer, das Logbuch auf den Knien, und versuchte im Licht der Phiole die Runen zu entziffern.
„Das hier...“, murmelte er. „Das ist kein normaler Wegweiser. Das ist ein Warnhinweis. Betretet nicht das Herz, wenn ihr nicht bereit seid zu wachsen.“
„Was soll das heißen?“, fragte Clara, die ihr Schwert reinigte. Der Stahl begann bereits zu rosten in der Feuchtigkeit.
„Dass der Wald verändert“, sagte Marcus. „Er passt sich nicht an. Er passt dich an.“
Lyra saß bei Jory. Der Junge schlief ruhig. Seine Haut war kühler. Das Fieber war gewichen.
„Er wird gesund“, sagte sie leise. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ganz ohne Magie.“
„Weil du dich gekümmert hast“, sagte Zara. Sie lag auf dem Rücken auf einem Steinblock, den Dolch auf der Brust. „Das ist auch eine Art von Magie, Heilerin. Die harte Tour.“
Elias stand Wache. Er lehnte an einem Pfeiler, der von einer Würgefeige fast zerdrückt wurde. Er spürte den Wald. Er spürte die Lebenskraft, die gegen seine Kälte drückte. Es war ein ständiger Kampf. Sein Amulett wollte fressen. Der Wald wollte wuchern.
Er blickte in die Dunkelheit.
Und dort, zwischen den Stämmen, sah er etwas.
Es waren keine Augen. Es war ein Leuchten. Bernsteinfarben. Tief. Uralt.
Es bewegte sich nicht. Es blinzelte nicht. Es stand einfach da. Eine Gestalt, grob humanoid, aber Teil des Waldes. Rinde statt Haut. Moos statt Haar.
Ein Wurzler.
Elias griff nach dem Amulett. Der Riss pulsierte.
Das Wesen hob einen Arm. Es war keine Drohung. Es war ein Zeigen. Es deutete tiefer in den Wald. Nach Süden.
Du bringst den Tod, schien es zu sagen. Komm. Wir warten auf den Dünger.
Dann verschmolz es wieder mit den Bäumen.
„Elias?“, fragte Clara. „Was ist?“
„Nichts“, sagte Elias. Er drehte sich um. „Wir werden beobachtet. Aber sie greifen noch nicht an.“
Er setzte sich zu den anderen. Er war müde. Aber er wusste, dass die Ruhe trügerisch war.
Sie waren im Smaragd-Dschungel. Sie hatten das erste Fragment. Aber um das zweite zu bekommen, mussten sie durch eine Hölle gehen, die nicht aus Feuer bestand, sondern aus Leben, das keine Grenzen kannte.
Die Grüne Kaiserin wartete.
Und Elias wusste, dass sein Amulett hungrig war. Hungrig auf den Wald.