NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 12: Das Grüne Meer

Der Begriff "Wald" war eine Lüge. Was sie betreten hatten, war kein Wald im Sinne von Bäumen und Lichtungen. Es war ein Ozean.

Der Selva Magna war eine grüne, wogende Masse, die keine Grenzen kannte. Sobald sie die Zone der Wurzler verlassen hatten, schloss sich die Welt um sie herum. Es gab keinen Himmel mehr. Über ihnen spannte sich ein Dach aus Blättern, so dicht verwoben, dass selbst der Mittag wie eine schummrige Dämmerung wirkte. Lianen, dick wie Schiffsmaste, hingen herab und verknüpften den Boden mit den Kronen in einem vertikalen Labyrinth.

Die Luft war nicht atembar; sie war trinkbar. Sie war so gesättigt mit Feuchtigkeit, dass jeder Atemzug die Lungen mit warmem Wasser füllte. Der Schweiß brach ihnen schon nach wenigen Minuten aus allen Poren, aber er verdunstete nicht. Er legte sich wie ein zweiter, öliger Film auf die Haut, vermischte sich mit dem Kondenswasser der Pflanzen und dem feinen, allgegenwärtigen Sporenstaub.

Elias ging voran. Er hatte den Schwarzen Handschuh nicht verdeckt. Hier, in diesem Übermaß an Leben, pulsierte das Artefakt an seiner Brust in einem konstanten, aggressiven Rhythmus. Es war kein freudiges Pochen wie in der Wüste, wo es die Sonne trank. Es war ein Abwehrreflex.

Das Amulett hasste diesen Ort. Es hasste die Verschwendung von Energie, das sinnlose Wuchern, das Sterben und Wiedergebären in jeder Sekunde.

Elias musste sich keinen Weg bahnen. Der Weg entstand, indem er ihn ging.

Es war ein groteskes Schauspiel. Wo Elias seinen Stiefel hinsetzte, zischte der morastige Boden. Farne, die ihm bis zur Hüfte reichten, wichen nicht mechanisch zurück; sie rollten sich ein. Sie verfärbten sich von saftigem Grün zu einem kranken Grau und zerfielen dann zu Staub, bevor er sie überhaupt berührt hatte.

Der Vakuum-Effekt war hier stärker als je zuvor. Elias zog eine Spur der Entropie durch das Grüne Meer. Hinter ihm blieb eine Schneise aus toter Materie, ein schwarzer Pfad, der aussah, als wäre ein Feuer hindurchgewalzt – aber ohne Hitze, nur mit Kälte.

„Es ist... widerlich“, keuchte Clara hinter ihm. Sie trug den vorderen Teil der Trage, auf der Tarek lag. Ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar klebte ihr nass im Nacken. Sie starrte auf die verwelkenden Pflanzen. „Du tötest alles, Elias. Du musst sie nicht mal berühren.“

„Besser die Pflanzen als wir“, sagte Elias, ohne sich umzudrehen. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn, aber der Stoff war durchnässt. „Der Dschungel will uns fressen, Clara. Ich nehme ihm nur den Appetit.“

Er log nicht. Der Wald war feindselig. Dornenranken schossen aus dem Unterholz, tasteten nach ihren Beinen. Aber wenn sie Elias’ Aura spürten, zogen sie sich zuckend zurück, als hätten sie in Säure gegriffen.

Ganz anders war es bei Lyra.

Sie ging neben der Trage, um Kael zu stützen, der immer noch schwach war. Aber Lyra wirkte nicht erschöpft. Sie wirkte... berauscht.

Wo Elias den Tod brachte, brachte sie eine Überdosis Leben.

Wenn ihr Saum eine Blüte streifte, öffnete diese sich explosionsartig, verströmte eine Wolke aus Pollen. Wurzeln, die im Schlamm verborgen lagen, gruben sich aus der Erde und wanden sich sanft um ihre Knöchel, nicht um sie zu fangen, sondern um sie zu berühren. Schmetterlinge mit Flügeln so groß wie Teller landeten auf ihren Schultern.

„Es kribbelt“, flüsterte sie. Sie streckte die Hand aus. Eine Orchidee, die von einem Ast hing, neigte sich ihr entgegen, legte ihre Blütenblätter in ihre Handfläche wie ein Tier, das gestreichelt werden wollte.

„Pass auf“, warnte Zara von hinten. Sie schlug mit ihrer Machete nach einem Insekt, das so groß war wie eine Faust. „Hübsch heißt hier meistens giftig. Und kuschelig heißt fleischfressend.“

„Nein“, sagte Lyra verträumt. „Sie wollen mir nicht wehtun. Sie... sie kennen mich. Es fühlt sich an, als würde der Wald mit mir sprechen.“

Kael sah sie besorgt an. „Vielleicht sollte er das nicht“, sagte er leise. „Zu viel Leben kann einen genauso ertränken wie zu viel Wasser.“

Der Lärm war ohrenbetäubend. Es gab keine Stille im Selva Magna. Ein ständiges Zirpen, Kreischen, Brüllen und Rascheln umgab sie. Es war der Klang von Millionen Kreaturen, die fressen, paaren und sterben.

Marcus ging am Ende der Gruppe, Jory an der Hand. Der Gelehrte war am Rande des Wahnsinns. Er hielt sich die freie Hand ans Ohr, als könnte er den Lärm aussperren.

„Die Biodiversität ist statistisch unmöglich“, murmelte er panisch. „Auf einem Quadratmeter gibt es mehr Arten als in ganz Seraphis. Das ist kein Ökosystem. Das ist ein biologischer Krieg.“

Er blickte auf den Boden. Überall krabbelte es. Ameisen so groß wie Finger. Käfer mit Chitinpanzern, die wie Juwelen glänzten.

„Nicht stehenbleiben, Jory“, sagte Marcus und zog den Jungen weiter. „Wenn du stehenbleibst, klettern sie an dir hoch.“

Jory wimmerte. Er war tapfer gewesen in der Wüste, aber der Dschungel machte ihm Angst. Die Enge, die Dunkelheit, die Gerüche.

„Es stinkt“, sagte er und drückte sich seinen Ärmel vor die Nase.

„Das ist der Geruch von Verwesung und Blüte“, erklärte Marcus trocken. „Hier stirbt nichts, ohne dass etwas anderes daraus wächst. Sofort.“

Sie erreichten eine Stelle, an der der Boden besonders sumpfig war. Elias’ schwarze Spur verwandelte den Schlamm in trockenen, grauen Staub, der eine feste Brücke bildete.

Tarek stöhnte auf der Trage. Die Schaukelei war Folter für seine Wunde.

„Pause“, keuchte Clara. „Wir brauchen fünf Minuten. Meine Arme fallen ab.“

Sie setzten die Trage auf Elias’ totem Pfad ab. Es war der einzige sichere Ort. Links und rechts wucherten fleischfressende Kannenpflanzen, die groß genug waren, um einen Arm zu verschlucken.

Elias blieb stehen und blickte in den Wald. Er spürte Blicke.

Bernsteinfarbene Lichter in der Dunkelheit zwischen den Baumstämmen.

Die Wurzler.

Sie griffen nicht an. Sie folgten ihnen. Sie beobachteten den "Träger des Feuers", wie sie ihn genannt hatten.

„Sie sind da“, sagte Elias leise.

Zara zog ihre Dolche. „Sollen sie kommen. In diesem Dickicht bin ich schneller als jeder Baum.“

„Sie warten“, sagte Kael. Er saß auf einem Stein, atmete schwer. Die Hitze machte ihm zu schaffen, aber die Feuchtigkeit stärkte ihn auch. „Sie warten darauf, dass wir einen Fehler machen.“

Elias griff nach seiner Wasserflasche. Er trank. Das Wasser war warm und schmeckte nach Leder, aber er brauchte es. Er blickte auf Lyra.

Die Heilerin stand am Rand der toten Zone. Sie starrte in den Dschungel. Eine Liane hatte sich von einem Baum gelöst und hing nun direkt vor ihrem Gesicht. An ihrem Ende blühte eine Blume, purpurrot und pulsierend.

„Lyra, weg da“, sagte Elias warnend.

„Sie ist wunderschön“, flüsterte Lyra. Sie hob die Hand.

„Fass sie nicht an!“, rief Clara.

Aber es war nicht Lyra, die angegriffen wurde.

Es war Jory.

Der Junge hatte sich etwas abseits gesetzt, um seinen Schuh zu richten. Er saß im hohen Gras, knapp außerhalb von Elias’ Schutzzone.

Er schrie auf. Ein kurzer, heller Laut, der sofort in Weinen umschlug. Er schlug wild auf seinen Nacken.

„Jory!“, rief Marcus und war sofort bei ihm.

Etwas summte davon. Ein Insekt, schillernd blau, mit einem Stachel so lang wie eine Nadel.

Marcus riss Jorys Hände weg. Am Hals des Jungen war ein roter Punkt. Er schwoll bereits an, wurde violett.

„Gestochen“, sagte Marcus. Seine Stimme war alarmiert. „Das war eine Smaragd-Wespe. Ihr Gift ist... neurotoxisch.“

Jory begann zu zittern. Seine Augen rollten nach oben. Schaum trat vor seinen Mund.

„Lyra!“, brüllte Clara.

Lyra riss sich von der Blume los. Sie rannte zu Jory. Sie sah den Stich. Sie sah das Gift, das sich als schwarze Ader unter der Haut ausbreitete.

Sie hob die Hände. Sie wollte helfen. Aber dann erstarrte sie.

Sie sah ihre eigenen Hände an. Sie sah das unsichtbare, neongrüne Feuer, das in ihnen schlummerte.

„Ich kann nicht“, wimmerte sie. „Wenn ich ihn anfasse... verbrenne ich ihn.“

„Du musst!“, schrie Marcus. „Er krampft!“

„Nein!“, schrie Lyra. Sie wich zurück. „Ich töte ihn! Kael! Hilf ihm!“

Kael versuchte aufzustehen, aber er war zu langsam. Jory bäumte sich auf. Sein Körper glühte vor Hitze. Das Fieber kam nicht langsam. Es kam wie eine Explosion.

„Wir brauchen ein Gegenmittel“, sagte Zara, die Jorys Taschen durchwühlte, aber nichts fand. „Kräuter. Irgendwas.“

„Hier wächst alles“, sagte Elias. Er trat an Jory heran. Er sah den Jungen an, den Marcus gerettet hatte. Der jetzt wegen einer Sekunde Unachtsamkeit sterben könnte.

Elias spürte das Amulett. Es bot ihm an, das Gift zu saugen. Aber er wusste, was das bedeutete. Er müsste Jory berühren. Mit dem Handschuh. Oder mit dem Riss. Das Risiko war zu groß. Er könnte dem Jungen das Leben aussaugen, zusammen mit dem Gift.

„Wir können ihn nicht hier behandeln“, sagte Tarek von der Trage. Seine Stimme war schwach, aber klar. „Wir brauchen jemanden, der den Wald versteht.“

Er blickte nach oben.

„Da“, sagte er und deutete mit zitternder Hand in die Baumkronen.

Sie folgten seinem Blick.

Weit über ihnen, im Dämmerlicht des Blätterdachs, bewegte sich etwas. Es waren keine Tiere.

Es waren Brücken. Hängebrücken aus geflochtenen Lianen, die sich zwischen den gigantischen Ästen spannten. Und Plattformen. Hütten, die wie Nester an den Stämmen klebten.

Eine Stadt in den Bäumen.

„Canopy“, flüsterte Marcus, der sich an die Karte erinnerte. „Die Baumkronenstadt.“

„Sie beobachten uns“, sagte Tarek. „Sie wissen, dass wir hier sind.“

Jory schrie erneut, ein heiseres Röcheln.

„Wir müssen da hoch“, sagte Elias. „Sofort.“

„Wie?“, fragte Clara. „Es gibt keine Leiter.“

„Dort“, sagte Zara. Sie deutete auf einen massiven Baumstamm, in den Stufen geschlagen waren. Eine Wendeltreppe, die sich hundert Meter in die Höhe schraubte.

„Klettern“, sagte Elias. Er nahm Jory auf den Arm. Der Junge war glühend heiß. Elias’ Amulett reagierte auf die Hitze, kühlte ihn ein wenig, aber es heilte nicht.

„Ich nehme ihn“, sagte Elias. „Zara, Marcus – ihr helft Tarek. Wir lassen die Trage hier. Wir müssen klettern.“

Es war ein verzweifelter Plan. Tarek konnte kaum laufen, geschweige denn klettern. Aber der Boden war der Tod. Oben war Hoffnung.

„Los“, sagte Elias.

Er rannte zum Baum. Er begann den Aufstieg. Jede Stufe war ein Kampf gegen die Schwerkraft und die Angst.

Und aus dem Schatten des Unterholzes traten die Wurzler hervor. Sie griffen nicht an. Sie sahen zu, wie die Eindringlinge in den Himmel flohen.

Der Wald hatte sein erstes Opfer gefordert.

Der Aufstieg in die Wipfel des Selva Magna war kein Klettern. Es war eine vertikale Flucht durch ein Ökosystem, das die Schwerkraft verhöhnte.

Der Baum, den sie erklommen, war ein Titan. Sein Stamm war so breit, dass man zehn Minuten gebraucht hätte, um ihn zu umrunden. Die Stufen, die in seine Rinde geschlagen waren – grobe, unregelmäßige Kerben, überwuchert von glitschigem Moos und fingerdicken Pilzen –, schraubten sich in einer endlosen Spirale nach oben, bis sie im nebligen Dämmerlicht der Kronenschicht verschwanden.

Elias ging voran. Er hatte Jory vor seine Brust gebunden, mit denselben Riemen, die sie für die Trage benutzt hatten. Der Junge glühte. Die Hitze seines Fiebers, entfacht durch das Neurotoxin der Smaragd-Wespe, drang durch Elias’ Tunika. Es war, als würde er glühende Kohlen tragen.

Aber das Amulett liebte es.

Der Kristall an Elias’ Brust, der nach dem Marsch durch die tote Zone der Wurzler wieder in einen hungrigen Schlaf gefallen war, erwachte. Er spürte die pathologische Hitze in Jorys kleinem Körper. Er begann zu ziehen.

Elias spürte, wie die Kälte von seiner Brust ausging, in den Körper des Jungen kroch. Jory wimmerte, zuckte im Delirium, aber sein Röcheln wurde ruhiger. Die Kälte des Vakuums wirkte wie ein Eisbad. Sie bekämpfte nicht das Gift, aber sie verhinderte, dass das Fieber sein Gehirn kochte.

„Nicht zu viel“, flüsterte Elias zu sich selbst. Er musste die Balance halten. Wenn er zu viel zog, würde er Jorys Lebenskraft zusammen mit der Hitze trinken. Er musste ein Filter sein. Ein Damm, der nur das Überlaufen zuließ, aber den Fluss nicht stoppte.

Seine Beine brannten. Jeder Schritt auf den glitschigen Stufen war ein Risiko. Ein Ausrutscher, und sie würden fünfzig Meter tief in den fleischfressenden Unterwuchs fallen. Seine rechte Hand, im Schwarzen Handschuh, krallte sich in die Rinde des Baumes, um Halt zu finden.

Und der Baum litt.

Wo Elias’ Hand das Holz berührte, starb es. Ein schwarzer Handabdruck brannte sich in den Stamm, das Moos verdorrte instantan zu Staub, die Rinde platzte auf und blutete harziges, bernsteinfarbenes Sekret. Elias hinterließ eine Spur aus faulenden Wunden am Körper des Riesen.

„Es tut mir leid“, keuchte er. „Ich muss.“

Unter ihm war der Kampf ein anderer.

Zara, Clara und Marcus hievten Tarek nach oben. Der Söldner konnte seine Beine bewegen, aber sie trugen ihn nicht. Er hing zwischen Clara und Zara, die seine Arme über ihre Schultern gelegt hatten. Marcus schob von hinten, drückte mit der Schulter gegen Tareks Gesäß, stemmte sich bei jedem Schritt gegen das Gewicht des Mannes.

„Noch eine Stufe“, keuchte Clara. Ihr Gesicht war rot vor Anstrengung, Schweiß lief ihr in die Augen. „Komm schon, Tarek. Hilf mit.“

Tarek grunzte. Er war bei Bewusstsein, aber sein Blick war verschwommen. Er versuchte, seine Füße zu setzen, rutschte ab, trat Marcus gegen das Schienbein.

„Verdammt“, fluchte Marcus, ließ aber nicht los. „Die Statik dieser Konstruktion... sie ist nicht für Lastentransport ausgelegt. Der Schwerpunkt ist falsch.“

„Halt die Klappe und schieb!“, zischte Zara. Sie hatte die Zähne zusammengebissen, die Sehnen an ihrem Hals traten hervor. Sie war klein, aber sie war zäh wie Leder. „Wir sind fast bei der ersten Plattform.“

Lyra und Kael bildeten den Schluss. Kael kletterte aus eigener Kraft, aber er war langsam. Er musste oft anhalten, sich an die Rinde lehnen, atmen. Die feuchte Luft des Dschungels stärkte ihn, gab ihm Wasser zurück, aber die physische Anstrengung war zu viel für seine atrophierten Muskeln.

Lyra wich nicht von seiner Seite. Sie stützte ihn nicht physisch – sie war zu schwach –, aber sie trieb ihn an.

„Weiter, Kael. Nicht stehenbleiben. Wenn du fällst, kann ich dich nicht fangen.“

„Ich falle nicht“, keuchte Kael. Er blickte nach oben, in das Gewirr aus Ästen und Blättern. „Ich höre Wasser. Oben.“

Sie erreichten die erste Plattform nach einer Ewigkeit, die vielleicht zwanzig Minuten dauerte. Es war ein breiter Sims, der natürlich aus dem Baumstamm gewachsen war, verstärkt mit geflochtenen Lianen und Planken aus dunklem Holz.

Sie brachen zusammen. Tarek rutschte aus den Armen der Frauen, landete schwer auf den Planken. Marcus ließ sich daneben fallen, rang nach Luft wie ein Fisch an Land.

Elias setzte Jory nicht ab. Er lehnte sich an den Stamm, hielt den Jungen fest an sich gedrückt. Er spürte, wie das Fieber gegen seine Kälte ankämpfte. Der Junge war ein Ofen.

„Wie geht es ihm?“, fragte Clara, die zu ihm kroch.

„Er brennt“, sagte Elias. „Das Gift... es arbeitet schnell.“ Er zog den Stoff von Jorys Hals.

Die Einstichstelle war nicht mehr rot. Sie war schwarz. Und von dem Punkt aus zogen sich dunkle Linien unter der Haut nach oben, in Richtung Kopf, und nach unten, zum Herzen. Die Adern traten hervor, geschwollen, dunkelviolett.

„Das Neurotoxin“, sagte Marcus, der sich aufgerappelt hatte. Er betrachtete den Hals. „Es greift das Nervensystem an. Die Krämpfe werden schlimmer werden. Dann... Atemlähmung.“

„Wir brauchen ein Gegengift“, sagte Zara. „Und zwar gestern.“

Elias blickte nach oben. Durch eine Lücke im Blätterdach sah er Konstruktionen. Hängebrücken, die wie Spinnennetze zwischen den Bäumen hingen. Hütten, die aussahen wie riesige Wespennester, geklebt an die Äste. Lichter flackerten dort oben. Canopy.

„Wir müssen weiter“, sagte er. „Das war erst das erste Drittel.“

„Ich kann ihn nicht mehr tragen“, sagte Clara leise. Sie blickte auf ihre zitternden Arme. „Meine Muskeln versagen.“

„Dann trage ich ihn“, sagte Tarek.

Er versuchte sich aufzusetzen. Er schaffte es auf die Knie. Dann kippte er zur Seite, stützte sich mit der Hand ab, kotzte Galle auf das Holz.

„Vergiss es, Großer“, sagte Zara. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du bist Ballast. Akzeptier es.“

„Wir binden ihn“, sagte Elias. Er sah sich um. Er sah eine Seilwinde, die an einem dicken Ast über der Plattform befestigt war. Ein Lastenaufzug der Baumbewohner. Der Korb fehlte, aber das Seil hing herab, dick wie ein Arm.

„Wir binden ihn an das Seil. Zara, du kletterst vor. Du ziehst von oben. Wir schieben von unten.“

Es war ein brutaler Plan. Aber er funktionierte.

Die nächste Etappe war eine Tortur. Zara kletterte voraus, flink wie ein Affe, das Seil um ihre Taille geschlungen, das andere Ende um Tareks Brustkorb. Sie nutzte ihr Körpergewicht, um ihn zu unterstützen, während Clara und Marcus ihn von unten die Stufen hochdrückten.

Elias trug Jory weiter. Sein linker Arm war taub vor Anstrengung, sein Rücken schrie. Aber der Handschuh half. Die magische Verstärkung gab ihm Kraft, auch wenn sie ihn innerlich aushöhlte.

Die Umgebung veränderte sich.

Je höher sie kamen, desto lichter wurde der Wald. Das drückende Dunkel des Bodens wich einem diffusen, smaragdgrünen Licht. Der Nebel wurde dünner. Die Luft wurde frischer, windiger.

Aber auch das Leben veränderte sich.

Die Insekten wurden kleiner, aber zahlreicher. Schwärme von glitzernden Libellen umschwirrten sie. Vögel mit Gefieder so bunt wie Edelsteine schossen durch die Äste und schrien Warnungen.

Und dann waren da die Pflanzen.

Auf dieser Höhe wuchsen keine Farne mehr. Hier wuchsen Epiphyten. Orchideen so groß wie Eimer, die einen süßen, fast betäubenden Duft verströmten. Schlingpflanzen mit Dornen, die aussahen wie Glasdolche.

Elias musste höllisch aufpassen. Jede Berührung seines Handschuhs tötete. Er streifte eine Blüte – sie verging zu schwarzem Staub. Er berührte ein Moosbündel – es verdorrte.

Er war der Tod, der in den Himmel stieg.

„Halt“, keuchte Zara von oben.

Sie hatten eine weitere Plattform erreicht. Diese war größer. Und sie war nicht leer.

Drei Gestalten standen dort und blockierten den Weg zur nächsten Treppe.

Sie waren klein, drahtig, gekleidet in Leder und Felle, die mit Federn und Knochen geschmückt waren. Ihre Haut war braun-grün, als hätten sie sich mit Pflanzensaft eingerieben. Sie hielten Bögen, gespannt, die Pfeile auf Zara gerichtet.

Baumwächter von Canopy.

„Keinen Schritt weiter“, sagte einer von ihnen. Seine Stimme war hoch, pfeifend. Er sprach das Elysisch mit einem starken Akzent, der klang wie Vogelgezwitscher.

„Wir suchen Hilfe“, rief Zara, die Hände erhoben. „Wir haben Verletzte.“

„Wir sehen den Tod an euch“, sagte der Wächter. Er deutete nach unten, auf die Spur der verwelkten Pflanzen, die Elias hinterlassen hatte. „Ihr bringt Fäulnis.“

Elias erreichte die Plattform. Er hievte sich hoch, Jory immer noch vor der Brust. Die Wächter richteten ihre Bögen sofort auf ihn. Auf den Jungen.

„Er stirbt“, sagte Elias. Er zeigte Jorys Gesicht. Es war grau, die Lippen blau, Schaum vor dem Mund. „Smaragd-Wespe.“

Die Wächter zuckten zusammen. Sie kannten das Gift.

„Er ist schon tot“, sagte der Wächter kalt. „Wer von der Wespe geküsst wird, gehört dem Wald.“

„Nein“, sagte Elias. Das Amulett an seiner Brust pochte heftig. Es spürte die Lebenskraft der Wächter. Es spürte ihre Magie. Nimm sie, flüsterte der Riss. Nimm ihre Kraft und gib sie dem Jungen.

Elias trat einen Schritt vor. Die Bogensehnen spannten sich bis zum Zerreißen.

„Wir gehen nicht zurück“, sagte Elias. Seine Stimme war ruhig, aber die Luft um ihn herum wurde kälter. Reif bildete sich auf den Planken zu seinen Füßen. „Wir brauchen eine Heilerin. Wir brauchen Ayara.“

Der Name der Schamanin ließ die Wächter innehalten.

„Wer nennt die Mutter?“, fragte der Anführer misstrauisch.

„Jemand, der den Wald brennen sah“, sagte Lyra. Sie kletterte als Letzte auf die Plattform, stützte Kael.

Die Wächter sahen sie an. Sie sahen nicht den Schmutz. Sie sahen... etwas anderes. Vielleicht die Reste ihrer Aura. Oder die Art, wie sie sich bewegte, im Einklang mit dem Holz, nicht dagegen.

„Sie riecht nach Erde“, flüsterte einer der Wächter.

„Lasst uns passieren“, sagte Lyra. „Oder das Kind stirbt.“

Der Anführer senkte den Bogen langsam. Er blickte auf Elias, auf den schwarzen Handschuh, auf die toten Pflanzen.

„Du trägst den Winter“, sagte er zu Elias. „Wenn du Canopy betrittst, wird der Baum weinen.“

„Dann soll er weinen“, sagte Elias. „Solange der Junge lebt.“

Der Wächter trat zur Seite. „Geht. Aber wisset: Wer hoch steigt, kann tief fallen.“

Sie gingen an den Wachen vorbei. Die letzte Etappe begann. Es waren keine Stufen mehr. Es waren Hängebrücken.

Schwankende Konstruktionen aus geflochtenen Lianen, die über den Abgrund gespannt waren. Unter ihnen gähnte der grüne Schlund des Dschungels, hundert Meter tief.

Der Wind pfiff hier oben.

Elias betrat die Brücke. Sie schwankte unter seinem Gewicht. Er hielt Jory fest. Er blickte nicht nach unten. Er blickte nach vorne.

Dort, in der Krone des gigantischen Weltenbaums, lag die Stadt. Lichter, Musik, Rauch.

Und Hoffnung. Oder das Ende.

Die Brücke in den Himmel war kein Bauwerk aus Stein oder Stahl, das Sicherheit versprach. Sie war ein gewebtes Band aus lebenden Lianen, kaum breiter als zwei Fuß, das sich über den Abgrund spannte und im thermischen Aufwind des Dschungels wie ein Grashalm im Sturm tanzte.

Elias setzte den ersten Fuß auf das Geflecht. Er spürte sofort, wie die Pflanzen unter seiner Sohle zuckten. Die Entropie des Amuletts sickerte durch das Leder seiner Stiefel, ließ die grünen Fasern grau werden.

„Lauf“, keuchte Zara hinter ihm, die das Seil um ihre Hüfte gespannt hatte, an dem Tarek hing. „Lauf, bevor die Brücke unter deinen Füßen verrottet.“

Elias rannte nicht. Er glitt. Er fixierte den Blick auf die Plattform am anderen Ende, eine Insel aus Holz im Meer aus Grün. In seinen Armen brannte Jorys Körper vor Fieber. Der Junge krampfte, sein Kopf schlug gegen Elias’ Brustpanzer aus Leder und Stoff.

Unter ihnen gähnte der Selva Magna. Aus dieser Höhe sah der Dschungel nicht mehr aus wie Bäume. Er sah aus wie ein grüner Ozean, dessen Wellen aus Blättern bestanden. Vögel flogen tief unter ihnen, winzige Farbtupfer in der Tiefe. Der Wind pfiff hier oben, trug den Geruch von Ozon und einer fremdartigen Süße – dem Harz der Baumkronenstadt.

Die Brücke schwankte heftig, als Clara und Marcus Tarek von hinten nachschoben. Ein Knacken ertönte. Eine der Halte-Lianen an Elias’ rechter Seite verfärbte sich schwarz, wo seine Schulter sie gestreift hatte. Sie riss. Das Geländer peitschte weg.

Elias schwankte. Er trat ins Leere, fand im letzten Moment Halt auf dem Mittelsteg.

„Nicht anfassen!“, schrie er sich selbst an. Er zog die Ellbogen ein, machte sich schmal. Er war ein wandelndes Gift in einer Welt aus Biologie.

Sie erreichten die andere Seite. Hände griffen nach ihnen – nicht die Hände von Feinden, sondern von Heilern. Die Wächter hatten Wort gehalten. Sie zogen Elias auf die Plattform, wichen aber sofort zurück, als sie die Kälte spürten, die von ihm ausging.

Sie waren in Canopy.

Es war eine Stadt, die nicht gebaut, sondern gewachsen war. Die Hütten waren keine Häuser, sondern riesige, hohle Auswüchse an den Stämmen der Urwaldriesen, verstärkt mit Harz und geflochtenen Wänden. Es gab keine Straßen, nur ein Netzwerk aus Stegen und Seilen, die sich in schwindelerregender Höhe zwischen den Ästen spannten. Überall leuchteten kleine Laternen, gefüllt mit biolumineszentem Schleim, und tauchten die Szenerie in ein geisterhaftes, blau-grünes Licht.

Menschen – oder das, was hier als Menschen galt – starrten sie an. Sie waren kleiner als die Städter aus Seraphis, ihre Haut hatte die Farbe von Rinde oder dunklem Moos. Kinder mit großen, schwarzen Augen lugten hinter den Beinen ihrer Mütter hervor und deuteten auf Elias’ schwarzen Handschuh.

„Der Winter“, flüsterten sie. „Der Mann, der den Tod bringt.“

„Wo ist sie?“, rief Lyra. Sie stolperte von der Brücke, Kael schwer an ihrer Seite. „Wo ist Ayara?“

Eine Gruppe von Frauen trat vor. Sie trugen keine Waffen, sondern Schalen mit rauchenden Kräutern. Eine von ihnen, eine alte Frau mit Haaren wie graues Flechtenmoos, hob die Hand.

„Bringt das Kind“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie das Rascheln von trockenem Laub. „Das Gift der Wespe wartet nicht.“

Elias legte Jory auf eine Matte, die sie bereitgehalten hatten. Der Junge war jetzt still. Zu still. Die schwarzen Adern an seinem Hals hatten sein Gesicht erreicht, zogen sich wie ein Spinnennetz über seine Wange.

Die Heilerinnen umringten ihn sofort. Sie trugen Pasten auf, murmelten Gesänge, die den Rhythmus des Waldes imitierten.

Tarek brach daneben zusammen. Clara und Zara ließen ihn auf die Planken sinken. Der Söldner atmete schwer, seine Augen waren geschlossen. Die Wasserblase an seiner Seite war fast verschwunden, verdunstet in der Anstrengung des Aufstiegs.

„Er braucht auch Hilfe“, sagte Clara fordernd. Sie stand breitbeinig da, die Hand am Schwert, bereit, jeden niederzumachen, der ihnen Hilfe verweigerte.

„Ein Leben nach dem anderen“, sagte die alte Frau, ohne aufzusehen. „Der Wald hat seinen eigenen Takt.“

Elias wich zurück. Er stand am Geländer der Plattform, so weit weg von den Lebenden wie möglich. Er sah auf seine Hände. Der Schwarze Handschuh pulsierte ruhig, gesättigt von der latenten Energie des Ortes. Er hatte Pflanzen getötet, nur indem er an ihnen vorbeigegangen war. Er hatte eine Brücke fast zum Einsturz gebracht.

Er war eine Gefahr. Hier oben, in dieser Stadt aus lebendem Holz, war er ein Funke in einem Pulverfass.

Marcus trat neben ihn. Der Gelehrte zitterte, seine Höhenangst kämpfte mit seiner Neugier. Er blickte auf die architektonischen Wunder von Canopy.

„Die Statik ist unmöglich“, murmelte er. „Das Harz... es muss magisch verstärkt sein. Sie leben in Symbiose.“ Er blickte Elias an. „Ganz anders als wir.“

„Wir sind keine Symbionten“, sagte Elias bitter. „Wir sind Parasiten. Wir kommen, wir nehmen, wir zerstören.“

„Wir überleben“, korrigierte Marcus. Er rückte seine Brille zurecht. „Jory lebt noch. Tarek lebt noch. Das ist die einzige Variable, die zählt.“

Elias blickte zu Jory hinüber. Die Heilerinnen arbeiteten fieberhaft. Grüner Rauch stieg von der Matte auf. Lyra kniete daneben, ihre Hände nutzlos im Schoß, Tränen in den Augen. Sie konnte nicht helfen. Ihre Magie war Feuer, und Jory brauchte Kühlung.

„Wir sind noch nicht fertig“, sagte Elias. Er blickte nach Süden, dorthin, wo der Dschungel noch dichter, noch dunkler wurde. „Das Herz des Waldes. Es ist dort draußen.“

„Erst müssen wir die Nacht überstehen“, sagte Zara, die sich neben Tarek gesetzt hatte und ihm Wasser einflößte. „Und hoffen, dass die Grüne Kaiserin Gnade walten lässt.“

Die Nacht senkte sich über Canopy. Die Lichter der Stadt flackerten wie Glühwürmchen in der Dunkelheit. Aber für Elias gab es kein Licht. Er spürte nur die Kälte in seiner Brust und die Gewissheit, dass der Preis für diesen Aufstieg noch nicht bezahlt war.