NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 13: Canopy, die Baumkronenstadt
Der Boden unter ihren Füßen war nicht fest. Er atmete.
Die Plattformen von Canopy, auf denen sie nach dem brutalen Aufstieg zusammengebrochen waren, bestanden nicht aus toten Brettern, sondern aus einem Geflecht lebender Äste, die mit gehärtetem Harz und Fasern versiegelt waren. Jeder Schritt sendete eine feine Vibration durch das Holz, ein Zittern, das sich durch die riesigen Stämme der Urwaldriesen bis tief in die Wurzeln fortsetzte.
Der Wind hier oben war stetig und trug den Duft von Harz und Rauch. Es war ein sauberer Rauch, nicht der beißende Gestank von verbranntem Stein wie in Seraphis, sondern das Aroma von Kräutern, die in kleinen Schalen verglühten, um die Insekten fernzuhalten.
Elias stand am äußersten Rand der Plattform, die Hände fest in das Geländer aus gewundenen Lianen gekrallt. Er blickte nicht nach unten. Er wusste, was dort lauerte: Ein Abgrund aus Grün, hundert Meter tief, in dem der Tod wartete. Er blickte auf die Stadt.
Canopy war kein Ort, der nach einem Plan gebaut worden war. Es war ein Organismus. Hunderte von kugelförmigen Behausungen klebten an den Stämmen und Ästen wie die Nester riesiger Wespen. Verbunden waren sie durch ein spinnwebenartiges Netzwerk aus Hängebrücken, die im Wind schwankten und bei jeder Böe leise ächzten.
Überall flackerten Lichter – biolumineszente Pilze in Glaskugeln, die ein sanftes, geisterhaftes Blau ausstrahlten. Es war friedlich. Zu friedlich für jemanden, der den Krieg in den Knochen trug.
„Mir wird schlecht“, murmelte Clara hinter ihm.
Elias drehte sich um. Die Kriegerin, die sich furchtlos Schattenreitern und Golems gestellt hatte, kauerte in der Mitte der Plattform. Sie hatte die Augen zusammengekniffen, ihre Gesichtsfarbe war aschfahl. Ihre Hände krallten sich in die Planken, als würde sie erwarten, dass der Baum sich jeden Moment schütteln und sie abwerfen würde.
„Höhenangst?“, fragte Elias leise.
„Gleichgewichtsstörung“, korrigierte Clara gepresst. „Boden sollte sich nicht bewegen. Das ist... unnatürlich.“
„Es ist sicherer als unten“, sagte Zara, die auf dem Geländer balancierte, als wäre sie hier geboren. Sie kaute auf einem Stück getrockneter Wurzel, das sie einem der Wächter abgenommen hatte. „Unten fressen dich die Pflanzen. Hier oben fällst du höchstens runter.“
„Das beruhigt mich ungemein“, presste Clara hervor.
Die Aufmerksamkeit der Gruppe lag jedoch nicht auf der Aussicht. Sie lag auf der großen Hütte in der Mitte der Plattform, aus der grüner Rauch und leises Murmeln drangen.
Dort drinnen lag Jory. Und Tarek.
Die Heilerinnen von Canopy hatten sie sofort hineingebracht, aber sie hatten den Fremden den Zutritt verwehrt. Besonders Elias. Als er versucht hatte, zu folgen, hatten sich die Wächter mit ihren Holzwaffen in den Weg gestellt und auf seinen Schwarzen Handschuh gedeutet.
Der Winter bleibt draußen, hatten sie gesagt.
Nun warteten sie. Marcus ging nervös auf und ab, zählte seine Schritte, prüfte immer wieder den Sitz seiner Tasche. Lyra saß im Schneidersitz vor dem Eingang, den Blick stur auf den Vorhang aus Perlen gerichtet, der die Tür verdeckte. Kael lehnte neben ihr an der Wand, schwach, aber wach.
„Es dauert zu lange“, sagte Lyra. Ihre Stimme zitterte. „Das Gift der Smaragd-Wespe arbeitet schnell. Wenn sie das Gegengift nicht haben...“
„Sie haben es“, sagte Kael beruhigend. Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Sie leben hier. Sie kennen den Wald besser als wir.“
Der Perlenvorhang raschelte. Die Stimmen verstummten.
Eine Gestalt trat heraus. Es war die alte Frau, die sie empfangen hatte. Sie war klein, gebeugt, ihre Haut erinnerte an rissige Borke. Ihr Haar war ein Geflecht aus grauem Moos und Federn, und um ihren Hals hingen Ketten aus kleinen Knochen und getrockneten Beeren.
Sie stützte sich auf einen Stab, der oben in einer lebenden Blüte endete. Ihre Augen waren hellbraun, wach und scharf wie die eines Raubvogels.
Ayara. Die Schamanin.
Sie blickte in die Runde. Ihr Blick blieb an jedem hängen, prüfend, wägend. Als sie Elias sah, verengten sich ihre Augen. Sie roch die Entropie, die er ausdünstete, wie einen fauligen Geruch.
„Kommt“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie trockenes Laub, das über Stein kratzt. „Aber lasst eure Waffen draußen. Und lasst eure Wut draußen. Dies ist ein Ort des Lebens.“
Clara zögerte, dann schnallte sie ihren Schwertgurt ab und legte ihn auf den Boden. Zara warf ihre Dolche daneben. Elias tat nichts. Er konnte seine Waffe nicht ablegen. Sie war mit ihm verwachsen.
„Du“, sagte Ayara und zeigte mit dem Stab auf ihn. „Du bleibst an der Tür. Dein Schatten ist zu lang für mein Haus.“
Elias nickte. Er hatte nichts anderes erwartet.
Sie traten ein. Das Innere der Hütte war warm und stickig. Es roch intensiv nach Menthol, Eukalyptus und verbranntem Salbei. In der Mitte brannte ein kleines Feuer in einer Schale aus Ton, darüber hingen Bündel von Kräutern, die im Rauch trockneten.
Auf Matten aus geflochtenem Gras lagen ihre Patienten.
Tarek war wach. Er war blass, aber seine Augen waren klarer als zuvor. Die Heilerinnen hatten die Wasserblase entfernt und die Wunde mit einer Paste aus grünem Schlamm bedeckt, die langsam pulsierte.
„Sie haben es gestoppt“, sagte Tarek, als er Clara sah. Seine Stimme war schwach, aber fest. „Der Brand breitet sich nicht mehr aus. Das Zeug brennt wie Säure, aber es wirkt.“
„Und Jory?“, fragte Lyra. Sie stürzte zu der kleineren Matte.
Jory lag still da. Zu still. Sein Gesicht war nicht mehr gerötet, sondern wachsbleich. Die schwarzen Adern, die sich von dem Stich an seinem Hals ausgebreitet hatten, waren verblasst, aber nicht verschwunden. Sie zeichneten sich nun als graue Linien unter seiner Haut ab, wie ein feines Netz aus Tinte.
Er atmete. Aber es war ein flaches, mühsames Atmen.
„Er lebt“, sagte Ayara, die sich neben das Feuer setzte und ein paar Blätter hineinwarf. „Wir haben das Gift aus seinem Blut gewaschen. Die Krämpfe sind vorbei.“
„Dann wird er gesund?“, fragte Marcus hoffnungsvoll.
Ayara schüttelte den Kopf. „Er wird überleben. Das ist nicht dasselbe wie gesund werden.“
Sie blickte Lyra an. „Das Gift der Smaragd-Wespe tötet den Körper nicht, wenn man es rechtzeitig behandelt. Aber es frisst an den Nerven. Es nimmt die Kraft aus den Muskeln. Der Junge... seine Beine werden das Gewicht nicht mehr tragen. Vielleicht für Monate. Vielleicht für immer.“
Lyra schlug die Hand vor den Mund. Sie starrte auf Jory, auf den Jungen, den sie beschützen wollte. Den sie nicht hatte heilen können, weil ihre Magie zu Feuer geworden war.
„Er kann nicht laufen“, stellte Clara fest. Es war keine Frage. Es war ein taktisches Urteil.
„Nein“, sagte Ayara. „Und ihr könnt ihn nicht tragen. Nicht dorthin, wo ihr hingeht.“
Sie wusste es. Sie wusste, wohin sie wollten.
„Wir gehen nach unten“, sagte Elias von der Tür aus. Er stand im Schatten, eine dunkle Silhouette gegen das Licht von draußen. „Zum Waldboden.“
„In die Unterwelt“, korrigierte Ayara. „Der Sumpf. Die Wurzeln. Die Dunkelheit.“ Sie schnaubte. „Dort unten überlebt nichts, was nicht kämpfen kann. Der Junge wäre Ballast. Und Ballast tötet.“
Stille im Raum. Nur das Knistern des Feuers.
Marcus trat vor. Seine Hände zitterten. Er blickte auf Jory, den Jungen, den er aus den Trümmern der Bibliothek gezogen hatte. Den er durch die Kanalisation geschleppt hatte. Den er im Sandsturm nicht losgelassen hatte. Um sich selbst zu beweisen, dass seine Vergangenheit Ihn nicht zu einem Monster hat werden lassen.
„Wir können ihn nicht zurücklassen“, sagte Marcus. Seine Stimme war brüchig. „Er ist... er ist ein Teil von uns.“
„Er ist ein Kind“, sagte Ayara hart. „Und ihr zieht in einen Krieg gegen den Wald selbst.“
Sie stand auf, ging zu Jory und legte ihm eine Hand auf die Stirn. Der Junge seufzte im Schlaf.
„Lasst ihn hier“, sagte sie. Es war ein Angebot. „Canopy ist sicher. Wir haben Nahrung. Wir haben Schutz. Er kann hier heilen. Er kann lernen, mit den Bäumen zu leben.“
„Warum solltet ihr das tun?“, fragte Zara misstrauisch. „Wir sind Eindringlinge. Wir haben den Wald verletzt.“
„Weil er unschuldig ist“, sagte Ayara. Sie blickte zu Elias. „Anders als ihr. Er trägt keinen Schatten in sich. Er ist nur ein Opfer eures Weges.“
Marcus sank auf die Knie neben Jory. Er nahm die kleine, schlaffe Hand des Jungen. Er erinnerte sich an das Versprechen, das er Zara gegeben hatte. Ich renne nicht mehr weg. Aber war das hier Wegrennen? Oder war es das Gegenteil?
„Wenn wir ihn mitnehmen“, sagte Marcus leise, „stirbt er.“
„Ja“, sagte Tarek von seiner Matte aus. „Das tut er.“
Lyra weinte. Sie weinte lautlos, Tränen liefen über ihre Wangen. Sie kniete sich neben Marcus.
„Wir müssen es tun“, flüsterte sie. „Es ist die einzige Chance, die er hat.“
Marcus nickte. Er beugte sich über Jory. Er strich ihm die Haare aus der Stirn.
„Du wirst hierbleiben, Kleiner“, flüsterte er. „Hier ist es sicher. Hier gibt es kein Feuer.“
Er griff in seine Tasche. Er holte etwas heraus. Es war nicht die Karte. Es war das kleine Kinderbuch, das er aus der Bibliothek gerettet hatte, zusammen mit den verbotenen Schriftrollen. Ein Buch mit Bildern von Sternen und Tieren.
Er legte es neben Jory auf die Matte.
„Damit du nicht vergisst, wie man liest“, sagte er, und seine Stimme versagte.
„Wir kommen zurück“, sagte Lyra. Sie küsste Jory auf die Stirn. „Ich verspreche es. Wir kommen zurück und holen dich.“
Ayara beobachtete sie. Ihr Gesicht war unbewegt, aber ihre Augen waren weicher geworden.
„Versprechen sind wie Wind im Laub“, sagte sie. „Leicht gemacht, schwer gehalten. Aber ich werde auf ihn achten. Er wird ein Kind des Waldes sein.“
Clara ging zu Tarek. „Und du?“, fragte sie. „Bleibst du auch?“
Tarek lachte, ein schmerzhaftes, rasselndes Geräusch. Er setzte sich auf, trotz der Schmerzen. „Mich werdet ihr nicht so leicht los. Ich bleibe, bis der Job erledigt ist. Oder bis ich tot bin.“
Er blickte Ayara an. „Kannst du mich flicken? So, dass ich ein Schwert halten kann?“
„Ich kann den Schmerz betäuben“, sagte Ayara. „Aber der Körper braucht Zeit. Zeit, die ihr nicht habt.“ Sie ging zu einem Regal, holte eine kleine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit. „Das hier ist Harz-Trank. Er wird deine Kraft borgen. Von morgen für heute. Wenn die Wirkung nachlässt, wirst du doppelt zahlen.“
„Ich zahle“, sagte Tarek. Er nahm die Flasche und trank sie in einem Zug leer.
Elias stand immer noch an der Tür. Er hatte nicht gesprochen. Er hatte zugesehen, wie sie sich entschieden. Wie sie ein Stück ihrer Menschlichkeit zurückließen, um ihre Mission zu retten.
Er spürte keine Trauer. Er spürte nur die Logik. Ballast abwerfen, dachte er. Schneller werden.
Aber dann sah er Marcus. Er sah, wie der Gelehrte aufstand, sich abwandte und zur Tür ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er sah, wie Marcus’ Schultern bebten.
Und Elias wusste, dass dies der Moment war, in dem Marcus endgültig aufhörte, ein Archivar zu sein. Er war jetzt ein Mann, der Opfer brachte.
„Wir gehen“, sagte Elias. „Zum Boden.“
Ayara trat an ihn heran. Sie hielt Abstand zu dem Handschuh.
„Der Boden ist dunkel“, sagte sie. „Dort unten herrscht nicht die Sonne. Dort unten herrscht die Gier. Die Pflanzen dort... sie trinken kein Licht. Sie trinken Fleisch.“
„Wir wissen es“, sagte Elias.
„Und da ist noch etwas“, sagte die Schamanin. Sie senkte die Stimme. „Die Kaiserin. Sie schläft nicht. Sie ist wach. Und sie weiß, dass ihr kommt.“
„Wo ist sie?“, fragte Elias.
„Im Herzen“, sagte Ayara. „Folgt den Wurzeln, die bluten. Aber seid gewarnt: Wer das Herz betritt, muss etwas zurücklassen, das mehr wert ist als eine Erinnerung.“
Sie blickte Lyra an.
„Viel Glück, Kinder des Feuers. Ihr werdet es brauchen.“
Sie verließen die Hütte. Sie ließen Jory zurück, schlafend, sicher, aber allein.
Der Weg führte nun nicht mehr nach oben. Er führte nach unten. In den Schatten unter den Bäumen. In die lebende Hölle.
Der Weg von Ayaras Hütte zurück zum Rand der Plattform war der längste, den sie je gegangen waren. Er war nicht weit, kaum hundert Schritte über die schwankenden Planken von Canopy, aber jeder Schritt fühlte sich an wie ein Verrat.
Marcus ging als Letzter. Er hatte sich nicht mehr umgedreht, seit er die Hütte verlassen hatte, aber sein Rücken war gekrümmt, als trüge er eine unsichtbare Last, die schwerer war als seine Tasche voller Bücher und Karten. Seine Hände waren leer. Die Hand, die Jory geführt, gehalten und beschützt hatte, hing schlaff an seiner Seite und griff immer wieder ins Leere, ein physisches Echo einer Berührung, die nicht mehr da war.
„Er wird leben“, sagte Zara, die neben ihm ging. Ihre Stimme war leise, ungewohnt sanft. Sie spielte nicht mit ihrem Dolch. „Ayara weiß, was sie tut. Der Junge ist zäh. Er hat den Marsch überlebt. Er überlebt auch das hier.“
„Ich habe es versprochen“, murmelte Marcus. Er starrte auf die Holzmaserung unter seinen Füßen. „Im Keller der Akademie. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn nicht zurücklasse. Dass wir zusammen rauskommen.“
„Wir sind rausgekommen“, sagte Zara. „Er ist sicher. Wir sind es nicht. Das ist der beste Deal, den du in diesem Krieg kriegen kannst, Gelehrter. Eine statistische Anomalie zu seinen Gunsten.“
Marcus blieb stehen. Er rückte seine zerbrochene Brille zurecht, drückte sie so fest auf die Nase, dass es wehtat.
„Es ist keine Statistik“, sagte er, und seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Es ist ein Kind. Und ich habe ihn gegen einen taktischen Vorteil eingetauscht. Geschwindigkeit gegen Gewissen.“
Er blickte zu Elias, der an der Spitze der Gruppe stand und auf den Abstieg wartete. Der Träger stand im Schatten eines dicken Astes, unbeweglich, kalt.
„Er hat recht“, flüsterte Marcus. „Wir müssen Ballast abwerfen. Aber ich wusste nicht, dass das Herz so schwer wiegt, wenn man es zurücklässt.“
Vorne, am Rand des Abgrunds, testete Tarek seine neuen Grenzen. Der Harz-Trank, den Ayara ihm gegeben hatte, wirkte. Die graue Fahlheit war aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch eine unnatürliche, fiebrige Röte auf den Wangen. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen geweitet, schwarz wie Löcher. Er bewegte seinen Arm, kreiste die Schulter.
„Kein Schmerz“, sagte er. Es klang nicht erleichtert. Es klang überrascht. Misstrauisch. „Es ist einfach... weg. Wie betäubt.“
„Übertreib es nicht“, warnte Clara. Sie beobachtete ihn genau. „Das ist geliehene Zeit, Tarek. Dein Körper ist immer noch kaputt. Du spürst es nur nicht.“
„Das reicht“, knurrte Tarek. Er zog eines seiner Krummschwerter. Die Bewegung war schnell, flüssig, fast zu schnell. „Solange ich das Schwert halten kann, bin ich kein Ballast.“ Er blickte Clara an. „Und du musst mich nicht mehr tragen.“
Clara sah die Veränderung in ihm. Die Droge machte ihn stark, aber sie machte ihn auch fremd. Es war eine künstliche Vitalität, die ihn von innen verzehrte.
„Ich trage dich, wenn du fällst“, sagte sie fest. „Egal, was du nimmst.“
Elias trat an den Rand. Vor ihnen gähnte der Wurzel-Schacht.
Es war kein offener Abgrund wie bei den Brücken. Es war ein hohler Baumstamm, ein gigantischer Kamin, der senkrecht in die Tiefe führte. Innen war er ausgekleidet mit einem Geflecht aus Wurzeln und Lianen, die eine natürliche Leiter bildeten. Aus der Tiefe drang keine frische Luft herauf. Es wehte ein warmer, fauliger Hauch herauf, der nach Methan und Sumpf roch.
„Die Unterwelt“, sagte Elias. Er blickte in das schwarze Loch. Das Amulett an seiner Brust reagierte sofort. Ein warnendes Pulsieren. Der Riss im Kristall wurde heiß. Da unten war etwas. Etwas Großes. Etwas Altes.
„Ayara sagte, die Wurzeln bluten“, erinnerte sich Lyra. Sie stand neben Kael. Der Wassermagier war immer noch blass, aber er stand aufrecht. Er blickte nicht in den Schacht. Er blickte in die Baumkronen, als wollte er sich das Licht merken.
„Sie bluten nicht“, sagte Elias, der seine behandschuhte Hand auf den Rand des Schachtes legte. Das Holz unter dem Leder verfärbte sich grau. „Sie fressen.“
Er schwang sich über die Kante.
„Ich gehe vor. Tarek, du machst den Schluss. Clara, bei Marcus. Zara, Lyra, Kael – in die Mitte.“
Der Abstieg begann.
Es war anders als das Klettern in der Wüste oder im Gebirge. Dort war der Fels tot, stabil. Hier war alles lebendig. Die Wurzeln, an denen sie sich festhielten, waren feucht, schleimig von Moos und Pilzen. Manche zuckten zurück, wenn man sie griff. Andere schienen sich fester um die Stiefel zu schlingen, als wollten sie einen festhalten.
Das Licht von Canopy verschwand schnell. Die biolumineszenten Laternen der Stadt wurden zu Sternen über ihnen, dann zu einem schwachen Glimmen, dann zu Nichts.
Sie stiegen in absolute Dunkelheit.
Marcus entzündete seine Lumen-Phiole. Das grüne Licht war schwach, warf groteske, tanzende Schatten an die Wände des hohlen Baumes. Überall krabbelte es. Hundertfüßer, lang wie Unterarme. Spinnen mit leuchtenden Augen. Käfer, deren Panzer wie Juwelen glänzten.
„Nicht anfassen“, flüsterte Zara. „Alles hier beißt.“
Die Luft wurde dicker, schwerer. Der Druck auf den Ohren nahm zu. Es fühlte sich an, als würden sie auf den Grund eines Ozeans tauchen, aber es war ein Ozean aus Luft und Sporen.
„Mir ist schlecht“, sagte Lyra.
„Das ist der Sauerstoff“, sagte Marcus keuchend. „Die Konzentration hier unten ist höher. Und die Gase... Fäulnisgase.“ Er hielt sich ein Tuch vor den Mund. „Atmet flach.“
Nach einer Ewigkeit des Kletterns veränderte sich der Boden unter ihnen. Er wurde nicht fest. Er wurde weich.
Elias sprang die letzten Meter. Er landete nicht mit einem Klong, sondern mit einem Schmatzen. Seine Stiefel sanken sofort bis zu den Knöcheln ein.
Der Waldboden.
Es war eine andere Welt als oben. Oben gab es Wind und Licht. Hier gab es nur Stille und Biolumineszenz.
Pilze, groß wie Tische, leuchteten in giftigem Blau und Violett. Flechten an den Baumstämmen pulsierten rot. Es war hell genug, um zu sehen, aber es war ein krankes, fiebriges Licht, das keine Farben zeigte, nur Kontraste.
„Wir sind unten“, sagte Elias. Er zog sein Bein aus dem Schlamm. Es gab ein widerliches, saugendes Geräusch.
Die anderen landeten um ihn herum. Tarek sprang schwer ab, landete sicher, dank des Tranks, aber Clara sah, wie er kurz das Gesicht verzog. Der Schmerz war da, nur versteckt.
„Welcher Weg?“, fragte Zara. Sie zog ihre Machete. Die Klinge wirkte winzig gegen die riesigen Farne, die sie umringten.
Marcus holte die Karte hervor. Im Pilzlicht waren die Linien kaum zu erkennen.
„Der Ader-Pfad“, murmelte er. „Er soll dem Wasserlauf folgen. Aber hier...“ Er blickte sich um. „Hier ist alles Wasser.“
Der Boden war ein einziger Sumpf. Wasserlöcher, Tümpel, Rinnsale. Alles floss, alles sickerte.
„Kael“, sagte Elias.
Der Wassermagier trat vor. Er kniete sich nicht hin. Er wollte den Boden nicht berühren. Er streckte die Hand aus.
„Das Wasser hier...“, sagte er leise. Er zögerte. „Es schmeckt bitter. Es ist voller... Leben. Zu viel Leben.“
Er schloss die Augen. Konzentrierte sich.
„Dort“, sagte er und deutete nach Süden, in eine Richtung, wo die Bäume so dicht standen, dass sie eine Wand bildeten. „Dort fließt es schneller. Eine Strömung unter dem Schlamm. Sie führt zum Herzen.“
„Dann gehen wir“, sagte Elias.
Er machte den ersten Schritt. Eine Wurzelbarriere versperrte den Weg. Er hob den Arm, wollte sie mit dem Schwert durchtrennen.
Aber dann hielt er inne. Er spürte das Amulett. Es vibrierte.
Nicht vor Warnung. Vor Erwartung.
Und im Gebüsch vor ihnen, im dichten, leuchtenden Unterholz, öffneten sich Augen. Nicht zwei. Dutzende.
Kleine, rote Punkte, die im Dunkeln glühten.
Und dann hörten sie es. Ein Zischen. Wie Dampf, der aus einem Ventil entweicht. Aber es war organisch.
„Was ist das?“, flüsterte Lyra.
„Waffen raus“, sagte Tarek ruhig. Er trat neben Elias. Das Krummschwert in seiner Hand war ruhig. „Wir haben Gesellschaft.“
Aus dem Schatten schälten sich Formen. Keine Wurzler. Etwas Schnelleres. Etwas Hungrigeres.
Die Pflanzen-Hydra erwachte.
Die Unterwelt des Selva Magna war kein Ort, der für Menschen gemacht war. Sie war eine Verdauungskammer.
Während oben in Canopy der Wind durch die Äste wehte und die Laternen ein Gefühl von Zivilisation vermittelten, herrschte hier unten eine stickige, drückende Stagnation. Die Luft bewegte sich nicht; sie lag schwer auf der Haut wie ein nasses Tuch, gesättigt mit Gasen, die aus dem sumpfigen Boden aufstiegen. Es roch nach Methan, nach gärendem Schlamm und nach einer süßlichen Note, die Marcus an Formaldehyd erinnerte – der Geruch von konserviertem Tod.
Elias stand knöcheltief im Morast. Seine Stiefel machten bei jeder kleinsten Gewichtsverlagerung ein widerliches, schmatzendes Geräusch. Er spürte, wie das Amulett an seiner Brust auf die Umgebung reagierte. Es war kein wildes Pochen mehr, sondern ein konstantes, hohes Surren. Der Kristall vibrierte in einer Frequenz, die Elias in den Zähnen spürte. Hier unten war die Lebensenergie so dicht, so komprimiert, dass sie fast toxisch wirkte.
Aber Elias fühlte sich nicht lebendig. Er fühlte sich leerer denn je.
Er blickte zu Marcus. Der Gelehrte stand ein paar Schritte entfernt, die Lumen-Phiole hoch erhoben. Das grüne Licht warf lange, verzerrte Schatten, die aussahen wie greifende Hände. Marcus starrte nach oben, dorthin, wo der Schacht im Dunkeln verschwand.
„Er ist weg“, flüsterte Marcus. Er sprach nicht von dem Licht. Er sprach von Jory.
Die Abwesenheit des Jungen war physisch spürbar. Tagelang war Jory der Mittelpunkt ihrer Formation gewesen, die Last, die sie getragen hatten, der Grund, warum sie langsam waren. Jetzt war diese Last weg. Marcus’ Rücken war gerade, seine Hände waren frei. Aber er sah aus, als hätte man ihm ein Stück seines Herzens herausgeschnitten.
„Wir haben ihn gerettet“, sagte Lyra sanft. Sie trat neben Marcus, ihre Füße sanken in den weichen Boden ein. „Er ist bei Ayara. Er ist sicher.“
„Sicher ist ein relatives Konzept“, murmelte Marcus, ohne den Blick vom Schacht abzuwenden. „Wir haben ihn in einer Stadt aus brennbarem Harz zurückgelassen, während wir den Zorn eines Waldes auf uns ziehen.“ Er schluckte schwer. „Ich habe seine Hand losgelassen, Lyra. Ich habe versprochen, ihn nicht loszulassen.“
„Du hast ihn losgelassen, damit er leben kann“, sagte Zara scharf aus der Dunkelheit. Sie stand am Rand des Lichtkreises, den Dolch in der Hand, den Körper angespannt wie eine Bogensehne. „Hör auf zu jammern, Gelehrter. Wenn wir hier unten sterben, dann war sein Überleben umsonst. Also reiß dich zusammen.“
Tarek bewegte sich. Der Harz-Trank hielt ihn auf den Beinen, pumpte künstliche Energie in seine Muskeln, aber seine Bewegungen waren ruckartig, unnatürlich schnell. Er drehte den Kopf von links nach rechts, scannte die Dunkelheit.
„Da ist was“, grollte er. „Nicht nur die Augen. Ich höre es.“
Elias hörte es auch. Es war ein Geräusch, das nicht hierher gehörte. Kein Rascheln von Blättern. Kein Plätschern von Wasser. Es war ein Gleiten. Das Geräusch von nasser Haut auf nassem Holz.
Und das Zischen.
Es kam von überall. Aus dem Sumpf vor ihnen. Von den Baumwurzeln hinter ihnen. Aus dem schwarzen Wasser der Tümpel.
Die roten Punkte, die sie gesehen hatten, bewegten sich. Sie kamen näher. Sie blinzelten nicht. Es waren keine Augen von Tieren. Es waren Biolumineszenz-Knoten auf etwas viel Größerem.
„Formation!“, befahl Tarek. Seine Stimme schnitt durch die stickige Luft. „Rücken an Rücken! Kael, in die Mitte!“
Sie zogen sich zusammen. Kael, schwach und zitternd, ließ sich in die Mitte fallen. Er legte die Hände auf den nassen Boden. „Das Wasser hier...“, flüsterte er panisch. „Es ist nicht rein. Es ist... hungrig. Es ist voller Wurzeln.“
Elias trat an die Front, neben Clara. Er hob den Schwarzen Handschuh. Die silbernen Fäden glühten violett auf, reagierten auf die Bedrohung.
„Was ist das?“, fragte Clara. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen, die Spitze auf die Dunkelheit gerichtet.
Aus dem Schatten schälte sich ein Körper.
Es war kein Tier. Es war eine Pflanze, die beschlossen hatte, Fleisch zu werden.
Ein massiver, gewundener Stamm, dick wie ein Fass, schob sich aus dem Sumpf. Er war bedeckt mit dicken, fleischigen Blättern und Dornen, die lang waren wie Dolche. Aber der Stamm endete nicht in einer Krone. Er teilte sich.
Drei... vier... fünf Köpfe.
Es waren keine Köpfe im menschlichen Sinne. Es waren riesige, geschwollene Knospen, die sich öffneten wie blutige Münder. In ihrem Inneren reihten sich Zähne aus weißem Holz, und eine zähe, ätzende Flüssigkeit tropfte von ihnen herab.
Die Pflanzen-Hydra.
„Bei den Sternen“, hauchte Marcus. „Hydra Botanica. Ich dachte, sie wären ausgestorben. Sie sind... sie sind das Immunsystem des Waldes.“
„Sie sieht nicht aus, als wolle sie uns gesund pflegen“, sagte Zara trocken.
Die Hydra richtete sich auf. Sie war riesig, überragte sie um Meter. Die leuchtenden roten Punkte saßen an den Hälsen der Köpfe, pulsierend im Takt einer fremdartigen Atmung.
Einer der Köpfe schoss vor.
Er war schnell, schneller als eine Schlange. Er zielte auf Lyra.
„Runter!“, schrie Elias.
Er wartete nicht. Er dachte nicht nach. Er handelte. Er riss die rechte Hand hoch. Er öffnete das Amulett.
Ein Stoß aus schwarzer Kälte schoss aus seiner Handfläche. Er traf den Hals des angreifenden Kopfes.
Die Wirkung war verheerend. Die Pflanze gefrohr nicht; sie verrottete in Zeitraffer. Das Grün wurde Grau, dann Schwarz. Die Zellen platzten. Der Kopf erschlaffte, fiel zu Boden, zerfiel zu Staub, bevor er den Schlamm berührte.
„Ha!“, rief Tarek triumphierend.
Aber der Triumph währte nur eine Sekunde.
Der Stumpf des Halses zuckte. Grüner Saft spritzte heraus. Und dann begann er zu wachsen.
Das Gewebe blähte sich auf, teilte sich. Aus dem einen Stumpf wuchsen zwei neue Köpfe hervor, frisch, nass und wütend.
„Schneidet sie nicht ab!“, schrie Marcus hysterisch. „Sie regeneriert! Trauma beschleunigt das Wachstum! Das ist eine proliferative Reaktion!“
„Und was sollen wir dann tun?“, brüllte Clara, die einen zweiten Kopf mit ihrem Schwert abwehrte. Der Stahl klirrte gegen das harte Holz der Zähne.
„Das Herz!“, rief Marcus. Er deutete auf den massiven Stamm, der im Sumpf steckte. „Der zentrale Knoten! Wir müssen die Wurzel treffen!“
Aber der Stamm war geschützt. Die Hälse der Hydra bildeten einen Wall aus zuckendem, beißendem Fleisch um das Zentrum.
Elias stand da, den Handschuh erhoben. Er hatte einen Kopf getötet, und dafür zwei bekommen. Er spürte, wie das Amulett pulsierte. Es war verwirrt. Es kannte nur Entzug. Aber dieses Ding... dieses Ding nutzte den Tod als Dünger.
„Wir kommen nicht an den Stamm“, sagte Tarek. Er stand neben Clara, wehrte einen Angriff mit seinem Krummschwert ab. Seine Bewegungen waren schnell, zu schnell, getrieben von der Droge. „Wir müssen durch sie durch.“
„Das ist Selbstmord“, sagte Zara.
Die Hydra holte aus. Diesmal mit allen Köpfen gleichzeitig. Sie kreischte, ein Geräusch wie reißendes Holz.
Elias sah die Wand aus Mäulern auf sie zukommen. Er sah Clara, die ihr Schwert hob. Er sah Tarek, der wankte.
Er wusste, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnten. Nicht hier. Nicht so.
Aber sie mussten es versuchen.
„Zusammen!“, schrie Elias. „Auf den mittleren Hals! Brecht durch!“
Er rannte los. Er stürzte sich in den Schlamm, in die Dunkelheit, in die lebende Hölle.
Und der Wald schloss sich um sie.