NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 14: Die lebende Hölle
Der Angriff war kein geordnetes Manöver. Es war ein Sturz in den Wahnsinn.
Elias rannte voran, seine Stiefel versanken bei jedem Schritt tief im schmatzenden Morast des Waldbodens, aber er spürte den Widerstand kaum. Die Angst und das Adrenalin peitschten ihn vorwärts, direkt in den Schatten der Pflanzen-Hydra.
Über ihm ragten die Hälse der Kreatur auf, dicke, muskulöse Stränge aus gewundenen Fasern und Dornen, die im biolumineszenten Licht der Pilze feucht glänzten. Die Köpfe – riesige, blutrote Knospen, die sich wie Mäuler öffneten – zischten. Es war ein Geräusch wie entweichender Dampf, gemischt mit dem Knacken von brechendem Holz.
„Brecht durch!“, schrie Elias.
Er hob den Schwarzen Handschuh. Er zielte nicht auf einen Kopf. Er zielte auf die Masse, auf den Wall aus Fleisch und Pflanze, der ihnen den Weg versperrte. Er riss das Ventil des Amuletts auf.
Ein Kegel aus schwarzer Kälte schoss aus seiner Hand. Er traf den vordersten Hals der Hydra.
Die Wirkung war entsetzlich. Das pflanzliche Gewebe gefrohr nicht; es verging. Die grüne Farbe wurde aus den Fasern gesaugt, hinterließ graue Asche, die im feuchten Wind des Schlages zerstäubte. Der Kopf der Hydra welkte, fiel schlaff zur Seite, starb in Sekundenbruchteilen.
„Vorwärts!“, brüllte Tarek.
Der Söldner war an Elias’ Seite. Der Harz-Trank, den er in Canopy getrunken hatte, hatte seine Augen in schwarze Löcher verwandelt. Er bewegte sich nicht wie ein Verletzter. Er bewegte sich wie eine Maschine, die kurz vor der Explosion stand. Er schwang sein Krummschwert mit einer Geschwindigkeit, die die Luft zerschnitt.
Er hackte auf die Ranken ein, die nach ihnen griffen. Grüner Saft spritzte, dickflüssig und ätzend, fraß Löcher in ihre Kleidung.
Aber der Wald kämpfte nicht fair. Er kämpfte mit Überfluss.
Dort, wo Elias einen Kopf getötet hatte, blähte sich der Stumpf auf. Das Gewebe pulsierte, wucherte, teilte sich. Aus dem toten Ende brachen zwei neue Köpfe hervor, frisch, schleimig und wütend.
„Sie wachsen nach!“, schrie Marcus panisch. Er stolperte hinter Zara, die ihm mit ihren Dolchen den Rücken freihielt. „Die Regenerationsrate ist zu hoch! Wir können sie nicht töten! Wir müssen das Zentrum treffen!“
„Wo ist das verdammte Zentrum?“, rief Clara.
Sie stand links von Elias, ihr Langschwert war eine Barriere aus Stahl. Sie parierte den Schlag eines dornenbesetzten Tentakels, der dick war wie ein Baumstamm. Der Aufprall ließ ihre Zähne klappern. Funken stoben, als Metall auf steinhartes Holz traf.
Die Hydra war überall. Sie war kein einzelnes Wesen; sie war der Sumpf selbst, der sich erhoben hatte. Dutzende von kleineren Ranken schossen aus dem Boden, wickelten sich um ihre Knöchel, versuchten, sie in den Morast zu ziehen.
„Kael!“, rief Lyra. „Hilf uns!“
Kael stand in der Mitte ihrer Formation, geschützt von den anderen. Er war bleich, zitterte. Das Wasser hier unten war giftig für ihn, voller Fäulnis. Aber er hob die Hände.
„Das Wasser...“, keuchte er. „Es ist dick. Wie Blut.“
Er riss die Hände nach oben. Der Schlamm um die Hydra herum explodierte. Fontänen aus schwarzem Brackwasser schossen in die Höhe, trafen die Köpfe der Bestie. Das Wasser war nicht scharf, aber es hatte Wucht. Es drückte die Köpfe zurück, verschaffte ihnen Sekunden.
„Lauf!“, kommandierte Elias.
Er stürmte in die Lücke, die Kael geschaffen hatte. Er trat auf Wurzeln, die unter seinen Stiefeln zerbröselten. Er rammte seine Schulter gegen eine Wand aus Blättern, die bei seiner Berührung zu Staub zerfielen.
Er war der Eisbrecher. Aber das Eis wuchs hinter ihm sofort wieder zu.
Sie kämpften sich Meter für Meter voran. Der Gestank war unerträglich – Methan und der süßliche Duft von verrottenden Orchideen. Die Luft war so heiß und feucht, dass sie kaum atmen konnten.
Plötzlich schoss ein Tentakel aus dem Dunkel. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf Zara.
Die Diebin war schnell, aber der Schlamm hielt sie fest. Sie versuchte auszuweichen, rutschte aus. Der Tentakel traf sie an der Schulter, schleuderte sie gegen einen Baumstamm. Sie schrie auf, ließ einen ihrer Dolche fallen.
„Zara!“, schrie Marcus. Er vergaß seine Angst. Er rannte zu ihr, zog sie hoch, bevor der nächste Schlag kam.
„Mir geht’s gut“, zischte sie, obwohl sie das Gesicht vor Schmerz verzog. „Weiter!“
Aber die Formation war gebrochen. Die Hydra nutzte den Moment.
Der zentrale Stamm der Pflanze, ein massiver, pulsierender Knoten aus Holz und Fleisch, öffnete sich. Ein Maul, so groß wie ein Tor, entblößte Reihen von weißen Dornenzähnen.
Und aus diesem Maul schoss kein Kopf. Es schoss eine Zunge. Ein langer, klebriger Strang, der direkt auf Clara zusteuerte.
Clara sah es kommen. Sie hob das Schwert. Aber sie stand schlecht. Ihr Fuß steckte in einer Wurzel fest. Sie konnte nicht ausweichen. Sie konnte nur blocken.
Der Schlag würde sie zerschmettern.
„CLARA!“
Der Schrei kam von Tarek.
Der Söldner war auf der anderen Seite der Gruppe. Er sah die Gefahr. Er sah, dass Clara den Schlag nicht überleben würde.
Und er dachte nicht nach.
Die Droge in seinem Blut, der Harz-Trank, schaltete jeden Selbsterhaltungstrieb aus. Er sah nur eines: Die Frau, die ihn nicht hatte liegenlassen. Die ihn getragen hatte.
Tarek stieß sich ab. Er sprang.
Es war ein Sprung, der physikalisch unmöglich schien für einen Mann mit seinen Verletzungen. Er flog über den Schlamm, über die Wurzeln.
Er warf sich nicht gegen die Zunge. Er warf sich davor.
Er landete vor Clara, rammte seine Stiefel in den Boden, kreuzte seine Krummschwerter vor der Brust. Ein lebender Schild.
Die Zunge der Hydra traf ihn.
KRACH.
Das Geräusch war widerlich. Es war das Brechen von Metall und Knochen.
Tarek wurde nicht weggeschleudert. Er fing den Schlag ab. Aber die Wucht drückte ihn nach hinten, gegen Clara. Beide fielen in den Schlamm.
Aber die Zunge war nicht nur stumpf. Sie war mit Dornen besetzt.
Tarek schrie nicht. Er stieß nur ein gurgelndes Keuchen aus.
Drei dicke, weiße Dornen hatten seinen Körper durchbohrt. Einer in der Schulter. Einer im Oberschenkel. Und einer direkt durch die Seite, dort, wo die alte Wunde war.
Die Hydra zog die Zunge zurück, bereit für den nächsten Schlag. Blut spritzte. Tareks Blut. Dunkelrot und heiß.
„NEIN!“, schrie Clara.
Sie lag unter ihm. Sein Blut lief über ihre Rüstung, in ihr Gesicht. Sie spürte sein Gewicht, schwer und leblos.
„Tarek!“, schrie sie. Sie rüttelte an ihm. „Steh auf! Bitte, steh auf!“
Tarek öffnete die Augen. Sie waren glasig, der Pupillenrand ausgefranst von der Droge und dem Schock. Er blickte sie an. Er lächelte. Es war ein blutiges, schiefes Lächeln.
„Hab dich...“, flüsterte er. „...gefangen.“
Dann kippte sein Kopf zur Seite.
Elias sah es. Er sah Tarek fallen. Er sah das Blut.
Und etwas in ihm riss.
Es war nicht der Riss im Amulett. Es war der letzte Faden seiner Zurückhaltung.
Er hatte versucht, kontrolliert zu sein. Er hatte versucht, nur den Weg freizumachen. Aber der Wald wollte Krieg. Der Wald wollte seine Freunde fressen.
Na gut, dachte Elias. Und der Gedanke war kalt wie der Weltraum. Dann kriegst du Krieg.
Er drehte sich zur Hydra um. Er sah die Köpfe, die sich wieder aufrichteten, triumphierend zischend. Er sah das riesige Maul im Stamm.
Er riss den Schwarzen Handschuh hoch. Er umklammerte das Amulett nicht. Er schlug damit auf seine eigene Brust, direkt auf den Riss.
„BRENN!“, schrie er.
Er öffnete das Vakuum. Ganz.
Er zog nicht nur die Wärme aus der Luft. Er zog das Leben.
Er riss an der Essenz der Hydra. Er saugte nicht an den Köpfen. Er saugte an der Wurzel.
Der Effekt war katastrophal.
Die Luft um Elias herum wurde schwarz. Ein Wirbelsturm aus Asche und Staub bildete sich. Die Temperatur stürzte ab, bis der Schlamm zu steinhartem Eis gefror.
Die Hydra kreischte. Ein Ton, der so hoch war, dass er in den Ohren stach.
Der massive Stamm begann zu welken. Die grüne Farbe wurde grau. Die Blätter fielen ab, zerfielen noch in der Luft. Die Köpfe erschlafften, hingen herab wie tote Schlangen.
Elias ließ nicht los. Er trank. Er trank die Hydra leer. Er trank den Sumpf leer.
Er spürte, wie die fremde Lebenskraft in ihn strömte, wild, chaotisch, schreiend. Es tat weh. Es fühlte sich an, als würde sein Blut kochen. Aber er hörte nicht auf.
Er hörte erst auf, als die Hydra nur noch ein Gerippe aus trockenem, grauem Holz war, das im Wind knackte.
Dann fiel er auf die Knie.
Stille kehrte zurück. Eine tote, absolute Stille.
Clara schob Tarek von sich. Sie war voller Blut. Sie zitterte. Sie kroch zu seinem Kopf.
„Tarek?“, flüsterte sie.
Sie legte ihr Ohr an seine Brust.
Er atmete. Schwach. Rasselnd. Aber er atmete. Der Harz-Trank hielt sein Herz am Schlagen, auch wenn sein Körper zerstört war.
„Er lebt“, sagte sie. Sie blickte auf. Ihre Augen trafen Elias’.
In ihrem Blick lag keine Erleichterung. Nur nacktes Entsetzen über das, was Elias gerade getan hatte. Und über den Preis, den Tarek gezahlt hatte.
„Wir müssen weiter“, sagte Elias. Seine Stimme war tot. „Zum Herz. Bevor er verblutet.“
Er stand auf. Er bot keine Hilfe an. Er ging voran, durch den Staub der toten Hydra.
Der Weg zum Herzen des Waldes war nun frei. Aber er war mit Blut gepflastert.
Die Stille, die dem Tod der Pflanzen-Hydra folgte, war schwerer als der Kampf selbst.
Der riesige Kadaver der Bestie lag wie ein gefallenes Monument aus grauem, sprödem Holz im Sumpf. Wo Elias’ Macht gewütet hatte, war keine Feuchtigkeit mehr. Der Boden war zu einer harten, rissigen Kruste ausgetrocknet, die bei jeder Bewegung unter den Stiefeln der Überlebenden knirschte. Es roch nicht mehr nach dem süßlichen Parfum der Orchideen oder dem Methan des Sumpfes. Es roch nach Asche und absoluter Kälte.
Clara kniete immer noch im Schlamm, halb unter dem Gewicht von Tarek begraben. Ihr Gesicht war eine Maske aus Schock, verschmiert mit dem Blut des Söldners und dem grünen Saft der Pflanze. Sie starrte auf die drei Wunden in seinem Körper. Die Dornen der Zunge hatten ihn durchbohrt wie Speere.
„Wir müssen sie rausziehen“, sagte Zara. Die Diebin stand über ihnen, ihr Dolch hing locker in ihrer Hand, Blut tropfte von der Klinge. Ihre Stimme war pragmatisch, aber Elias hörte das feine Zittern darin. „Wenn wir ihn bewegen, reißen sie ihn sonst von innen auf.“
„Wenn wir sie rausziehen, verblutet er“, flüsterte Clara. Sie legte ihre Hände um den dicksten Dorn, der aus Tareks Schulter ragte. Sie zitterte. „Es sind Widerhaken. Ich habe es gesehen.“
„Er verblutet sowieso, wenn wir hier bleiben“, sagte Elias.
Er stand einige Meter entfernt, den Rücken zu ihnen gekehrt. Er betrachtete seine rechte Hand. Der Schwarze Handschuh dampfte leicht in der feuchten Dschungelluft. Die silbernen Fäden, die sich nun bis zu seinem Ellbogen hochzogen, pulsierten in einem satten, zufriedenen Violett. Er fühlte sich... voll.
Die Lebenskraft der Hydra strömte durch ihn hindurch, eine wilde, chaotische Energie, die nichts mit der sauberen Kälte der Wüste oder der Hitze des Tempels zu tun hatte. Es war eine schmutzige Kraft, klebrig und schwer. Sie machte ihn stark. Aber sie machte ihn auch taub für das Leid hinter ihm.
Sie sind schwach, flüsterte die Stimme in seinem Kopf – oder war es das Amulett? Sie weinen um das Fleisch. Du hast das Fleisch besiegt.
Elias schüttelte den Kopf, eine kurze, ruckartige Bewegung, um den Gedanken abzuschütteln. Er drehte sich um. Er sah das Blut. Er sah seine Freunde.
„Wir müssen die Wunden kauterisieren“, sagte er. Seine Stimme klang fremd, mechanisch.
Lyra, die neben Kael kauerte, blickte auf. Ihre Augen waren weit und dunkel vor Angst. „Mit was? Feuer?“ Sie blickte auf Elias’ Hände. „Mit deinem Feuer?“
„Nein“, sagte Elias. Er wusste, was passieren würde, wenn er jetzt Magie anwendete. Er würde Tarek nicht heilen. Er würde ihn austrocknen, so wie er die Hydra ausgetrocknet hatte. „Mit Stahl.“
Er ging zu Marcus. „Deine Phiole. Die mit dem Lumen-Rest.“
Marcus, der immer noch zitternd seine Tasche umklammerte, starrte ihn an. „Das ist Licht. Kaltes Licht. Das brennt nicht.“
„Alles brennt, wenn man es richtig mischt“, sagte Zara. Sie verstand sofort. Sie ging zu Marcus, nahm ihm die Phiole aus der Hand. Dann riss sie einen Streifen von ihrem öligen Wüstenumhang ab. „Wir brauchen einen Docht. Und wir brauchen Hitze.“
Sie blickten Elias an.
„Ich kann keine Hitze machen“, sagte Elias leise. „Ich kann nur Kälte.“
„Aber du kannst Reibung erzeugen“, sagte Clara. Sie hatte Tareks Kopf in ihren Schoß gelegt. Der Söldner atmete flach, rasselnd. Der Harz-Trank hielt sein Herz am Schlagen, aber das Leben sickerte aus ihm heraus. „Der Schlag gegen den Stein... im Tempel. Du hast Funken geschlagen.“
Elias nickte. Er verstand. Er kniete sich neben Tarek, hielt aber Abstand zu der offenen Wunde. Zara träufelte das leuchtende Öl auf den Stofffetzen, wickelte ihn um die Klinge von Claras Dolch.
„Bereit?“, fragte Zara.
Elias nahm einen Stein vom Boden. Er war grau und spröde, ein Überrest der versteinerten Hydra. Er legte seine behandschuhte Hand darauf. Er leitete keine Magie ein. Er nutzte die physische Härte des Handschuhs, die unnatürliche Dichte des Materials. Er schlug mit der Faust gegen den Stein, schnell, hart.
Ein violetter Funke sprang über. Er traf den ölgetränkten Stoff. Eine Flamme fauchte auf, grünlich und heiß.
„Jetzt“, sagte Elias. Er stand auf und drehte sich weg. Er konnte nicht zusehen.
Hinter ihm hörte er das Geräusch von reißendem Fleisch, als Zara und Clara die Dornen zogen. Er hörte das Zischen des heißen Stahls auf der Wunde. Und er hörte Tarek schreien.
Es war kein Schrei eines Kriegers. Es war der Schrei eines Mannes, dessen Seele für einen Moment den Körper verlassen wollte.
Dann war es still.
„Er ist ohnmächtig“, sagte Lyra, ihre Stimme dünn. „Aber die Blutung steht.“
Elias atmete aus. Er blickte in den Wald. Die Bäume um die Lichtung herum standen still. Kein Blatt bewegte sich. Die Insekten schwiegen. Der Tod der Hydra hatte eine Schockwelle durch das Netzwerk des Waldes geschickt. Sie wurden beobachtet. Aber diesmal nicht mit Aggression. Sondern mit Furcht.
„Wir müssen weiter“, sagte Elias. „Der Geruch von Blut... er wird Aasfresser anlocken. Dinge, die schlimmer sind als Pflanzen.“
„Wir können ihn nicht tragen“, sagte Marcus. Er stand auf, wischte sich Schlamm von der Hose. „Nicht so. Die Trage ist zerbrochen.“
„Dann tragen wir ihn auf den Schultern“, sagte Elias. „Kael, kannst du laufen?“
Der Wassermagier nickte schwach. Er sah besser aus als zuvor. Die Feuchtigkeit des Sumpfes, so faulig sie auch war, hatte ihn genährt. „Ich laufe“, sagte er. „Aber ich kann nicht helfen.“
Elias ging zu Tarek. Er packte den rechten Arm des Söldners. Clara nahm den linken. Sie zogen ihn hoch. Tarek hing zwischen ihnen wie ein geschlachtetes Tier, schwer und leblos.
„Los“, sagte Elias.
Der Marsch durch die „Lebende Hölle“ ging weiter. Aber der Charakter des Weges hatte sich verändert.
Der Boden wurde fester. Der Sumpf wich einem Geflecht aus gigantischen Wurzeln, die wie versteinerte Schlangen über den Boden krochen. Sie waren so breit wie Straßen, bedeckt mit rutschigem Moos.
Die Vegetation wurde dichter, aber auch geordneter. Es war kein chaotisches Wuchern mehr. Die Bäume standen in Reihen, als wären sie gepflanzt worden – vor Jahrtausenden, von Gärtnern, die Berge versetzen konnten.
Und da war das Geräusch.
Zuerst war es nur ein Vibrieren in den Fußsohlen. Dann wurde es zu einem tiefen Wummern, das die Luft erzittern ließ.
Bumm-Bumm. Bumm-Bumm.
„Was ist das?“, flüsterte Lyra. Sie ging dicht hinter Kael, die Hand an seinem Rücken. „Trommeln?“
„Nein“, sagte Marcus. Er blieb stehen, legte die Hand an einen Baumstamm. Er schloss die Augen. „Das ist... hydraulisch. Flüssigkeit, die unter hohem Druck gepumpt wird.“
„Ein Herzschlag“, sagte Elias.
Das Amulett an seiner Brust antwortete. Es pulsierte im exakt gleichen Rhythmus. Es zog ihn. Es war kein zerrendes Ziehen mehr wie in der Wüste. Es war ein Rufen. Wie ein Echo, das zu seiner Quelle zurückkehren wollte.
„Wir sind nah“, sagte Elias. „Das Herz des Waldes. Es ist nicht weit.“
„Ayara sagte, wir sollen den Wurzeln folgen, die bluten“, erinnerte sich Zara.
Sie blickte auf den Boden. Im Schein der Lumen-Phiole sahen die Wurzeln schwarz aus. Aber als Zara niederkniete und mit dem Finger über das Holz strich, kam ihre Hand rot zurück.
„Harz“, sagte sie. „Rotes Harz.“
„Blut“, korrigierte Kael leise. „Der Wald blutet. Er speist das Herz mit seiner eigenen Essenz.“
Sie folgten der Spur. Die roten Adern im Holz wurden dicker, leuchteten schwach im Dunkeln. Der Geruch veränderte sich erneut. Der Gestank von Verwesung wich einem schweren, metallischen Aroma, gemischt mit dem Duft von Ozon und Elektrizität – derselbe Geruch, der im Sonnentempel geherrscht hatte.
Die Energie der Fragmente war verwandt.
Der Weg führte steil nach unten, in eine Senke, die von den Wurzeln der Urwaldriesen überwölbt wurde wie eine Kathedrale. Die Luft wurde wärmer, pulsierend.
Tarek stöhnte. Er kam zu sich. Seine Füße schleiften über den Boden, aber er versuchte, sie zu heben.
„Clara...“, murmelte er.
„Ich bin hier“, sagte sie. Sie biss die Zähne zusammen. Das Gewicht zerrte an ihren Schultern, aber sie ließ nicht locker.
„Lass mich... runter. Ich muss... gehen.“
„Du kannst nicht gehen“, sagte Elias hart. „Spar dir die Kraft.“
„Ich... bin kein... Sack Mehl“, presste Tarek hervor. Er drückte sich hoch, zwang seine Beine, sein Gewicht zu tragen. Er schwankte, lehnte sich schwer gegen Clara, aber er ging.
„Sturer Hund“, sagte Zara, aber in ihrer Stimme schwang Bewunderung mit.
Vor ihnen lichtete sich der Wald. Die Wurzeln bildeten einen Torbogen, riesig und organisch. Dahinter lag ein rotes Leuchten.
„Da“, sagte Elias.
Sie traten durch das Tor.
Und blieben stehen.
Sie waren nicht mehr im Wald. Sie waren in einem Organ.
Der Raum vor ihnen war gigantisch, eine kugelförmige Höhle, gebildet aus den verflochtenen Wurzeln von tausend Bäumen. Die Wände pulsierten. Rotes Harz floss durch durchsichtige Adern in den Wänden, dickflüssig und leuchtend.
In der Mitte der Höhle, aufgehängt an Arterien aus Holz, hing es.
Nicht das Fragment.
Sondern die Kaiserin.
Es war keine Frau. Es war ein Wesen, das zur Hälfte Baum, zur Hälfte Fleisch war. Ihr Körper war riesig, verwachsen mit dem Holz des Throns, auf dem sie saß – oder aus dem sie wuchs. Ihre Haut war Rinde, aber sie atmete. Ihre Haare waren Lianen, die sich wie Schlangen bewegten.
Aber ihr Gesicht... ihr Gesicht war menschlich. Alt. Unendlich alt. Und die Augen, die sie öffnete, als die Gruppe eintrat, waren grün wie der tiefste Sumpf.
Sie hielt etwas in ihren hölzernen Händen, die auf ihrem Schoß ruhten. Ein Licht. Ein grünes, pulsierendes Licht, das so intensiv war, dass es Schatten warf, die aussahen wie lebende Dinge.
Das Herz des Waldes.
Elias spürte, wie das Amulett an seiner Brust heiß wurde. So heiß, dass es ihn verbrannte. Der Riss im Kristall schrie auf.
Die Kaiserin blickte auf sie herab. Ihre Stimme war kein Schall. Sie war der Wind in den Blättern, das Knarren der Äste, das Rauschen des Wassers.
„I H R . K O M M T . M I T . T O D .“
Die Worte drückten sie zu Boden. Marcus fiel auf die Knie, die Hände über den Ohren. Lyra wimmerte.
Nur Elias blieb stehen. Er konnte nicht knien. Der Handschuh hielt ihn aufrecht. Er war ein Leiter für die Energie, die hier im Raum wogte.
„Wir kommen für das Licht“, sagte Elias. Seine Stimme klang dünn gegen die Macht der Kaiserin.
„D A S . L I C H T . I S T . L E B E N“, grollte die Kaiserin. „I H R . S E I D . L E E R .“
Sie hob eine Hand. Wurzeln schossen aus dem Boden. Sie griffen nicht nach Elias. Sie griffen nach Tarek.
Sie wickelten sich um seine Beine, um seinen Körper, hoben ihn hoch.
„Nein!“, schrie Clara. Sie zog ihr Schwert, wollte zuschlagen.
„H A L T“, befahl die Kaiserin.
Clara erstarrte. Nicht vor Angst. Vor Macht. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Der Wald hielt sie fest.
Die Wurzeln zogen Tarek näher an den Thron. Die Kaiserin beugte sich vor. Sie betrachtete die Wunde an seiner Seite. Die verbrannte, nekrotische Wunde.
„V E R G I F T E T . V O N . D E M . W A S . N I C H T . I S T .“
Sie blickte Elias an.
„D U . H A S T . I H N . G E Z E I C H N E T . T R Ä G E R .“
Elias schluckte. „Ich habe ihn gerettet. Vor dem Gift.“
„D U . H A S T . I H N . G E L E E R T .“
Die Kaiserin legte einen Finger – einen langen, hölzernen Zweig – auf Tareks Stirn.
„E R . T R Ä G T . D E I N E N . S C H A T T E N .“
Plötzlich erzitterte der Raum. Das rote Licht in den Wänden flackerte.
Die Kaiserin riss den Kopf hoch. Sie blickte nicht auf Elias. Sie blickte hinter ihn. Zum Eingang der Höhle.
„E I N D R I N G L I N G E“, zischte sie.
Und diesmal meinte sie nicht Elias.
Aus dem Tunnel hinter ihnen drang Lärm. Metall auf Holz. Schreie. Und der Geruch von Rauch. Aber nicht von Kräutern. Von Öl.
Venomkrieger. Arkans Elite im Dschungel. Sie waren ihnen gefolgt. Durch die Spur der Verwüstung, die Elias gelegt hatte.
„Sie sind hier“, sagte Zara. Sie zog ihre Dolche.
Elias drehte sich um. Er sah den Schein von Fackeln im Tunnel.
Er hatte sie direkt zum Herzen geführt.
Der Angriff der Venomkrieger war kein ungestümes Vorstürmen. Es war eine chirurgische Infektion.
Aus dem Tunnel, durch den Elias und seine Gefährten gekommen waren, rollten keine Krieger, sondern Kanister. Kleine, schwarze Metallkugeln, die über den wurzelbedeckten Boden hüpften und zischend zum Halten kamen. Bevor Zara warnen konnte, platzten sie auf.
Kein Feuer brach hervor. Es war ein gelblicher, schwerer Nebel, der sofort zu Boden sank und sich wie eine Säurepfütze ausbreitete. Wo er das Holz der Wurzelhöhle berührte, begann das lebende Gewebe zu schäumen und schwarz zu werden.
„Sie vergiften den Raum“, keuchte Marcus, der sich sein Tuch vor den Mund presste. „Herbizide. Alchemistische Entlaubungsmittel.“
Die Kaiserin schrie auf. Es war ein Geräusch, das nicht in Ohren, sondern im Mark der Knochen wehtat – das Brechen eines uralten Stammes im Sturm. Die Wurzeln, die Tarek hielten, zuckten, zogen sich zusammen. Tarek stöhnte, als der Druck auf seine Rippen zunahm.
Dann kamen die Krieger.
Sie trugen Rüstungen, die eng anlagen, gefertigt aus behandeltem Chitin und Leder, versiegelt gegen die Gifte, die sie versprühten. Ihre Gesichter waren verborgen hinter Atemmasken, die wie Insektenköpfe aussahen, mit grünen Glasaugen. Sie trugen keine Schwerter. Sie trugen Armbrüste und Sprühwerfer, die an ihren Unterarmen montiert waren.
„Arkan schickt seine Gärtner“, sagte Elias. Er stand zwischen der Kaiserin und dem Eingang. Der Nebel kroch auf ihn zu.
Er spürte, wie das Amulett reagierte. Es erkannte das Gift. Es war chemische Energie, Zersetzung, Tod. Es war Nahrung.
Lass mich, forderte der Handschuh. Ich kann es trinken.
Elias blickte zurück zur Kaiserin. Das riesige Baumwesen war in Agonie. Das Gift griff ihre Wurzeln an, ihr Fundament. Das grüne Licht des Herzens des Waldes, das sie hielt, flackerte, wurde dunkler.
„Ich mache es weg“, sagte Elias. Es war kein Versprechen an seine Freunde. Es war ein Angebot an den Wald.
Er hob den rechten Arm. Er richtete die Handfläche auf den gelben Nebel, der sich wie eine Flutwelle auf den Thron zubewegte.
„Saug es auf“, befahl er.
Er öffnete das Ventil des Amuletts. Der Sog setzte ein. Ein pfeifendes Geräusch entstand, als die Luft in das Vakuum gerissen wurde.
Der gelbe Nebel stoppte. Er wirbelte herum, bildete einen Strudel, dessen Zentrum Elias’ Hand war. Das Gift wurde aus der Luft gesaugt, in den Schwarzen Handschuh gezogen.
Elias schrie auf. Das Gift brannte. Es war nicht wie die Hitze der Wüste oder die Kälte des Eises. Es war ätzend. Er spürte, wie es durch die silbernen Adern in seinem Arm schoss, wie es versuchte, sein Fleisch zu zersetzen. Aber der Handschuh hielt. Er wandelte die chemische Aggression in rohe Energie um.
Die silbernen Fäden auf dem Leder verfärbten sich in ein krankes, pulsierendes Gelb.
Die Venomkrieger hielten inne. Sie sahen, wie ihr Gas verschwand.
„Er frisst es“, sagte einer von ihnen, die Stimme dumpf unter der Maske. „Ziel wechseln. Tötet den Träger.“
Drei Bolzen zischten durch die Luft.
„Clara!“, rief Tarek von oben, wo er in den Wurzeln hing.
Clara war schon in Bewegung. Sie warf sich vor Elias, riss ihr Schwert hoch. Kling. Kling. Zwei Bolzen prallten am Stahl ab. Der dritte streifte ihre Schulterplatte, funkensprühend.
„Zara! Flanke!“, kommandierte Clara.
Zara verschwand im Schatten der Wurzeln. Sie tauchte hinter dem ersten Krieger auf, rammte ihren Dolch in die Verbindung zwischen Helm und Rüstung. Der Mann sackte zusammen.
Aber es waren zu viele. Ein halbes Dutzend drängte in die Höhle. Sie hoben ihre Sprühwerfer. Flüssiges Feuer – Schatten-Napalm – tropfte von den Düsen.
„Sie verbrennen das Herz“, schrie Lyra.
Elias sah die Düsen. Er sah die Kaiserin, die sich vor Schmerz wand, unfähig, sich gegen das Gift zu wehren, das bereits in ihren Adern war.
Er war voll. Voll mit dem Giftgas, das er aufgesaugt hatte.
Gib es zurück, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Zeig ihnen, wie es schmeckt.
Elias richtete die Hand auf die Gruppe der Krieger im Tunneleingang.
„Raus“, sagte er.
Er entlud die Energie. Er stieß das Gift wieder aus, aber nicht als Nebel. Als konzentrierten Strahl aus ätzender Kraft, verstärkt durch die Kälte des Vakuums.
Ein Strahl aus gelb-schwarzem Licht schoss aus seiner Hand. Er traf die Venomkrieger.
Es war kein Kampf. Es war eine Löschung.
Die Rüstungen der Krieger hielten dem Angriff nicht stand. Sie korrodierten in Sekundenbruchteilen. Metall wurde zu Rost, Leder zu Staub, Fleisch zu Flüssigkeit.
Schreie gellten auf, kurz und schrecklich, dann erstickt von der eigenen Auflösung.
Die Wucht des Strahls fegte den Tunnel leer. Er fraß sich durch die Angreifer, durch den Fels, durch die Wurzeln des Eingangs, bis nichts mehr da war außer einer rauchenden, schwarzen Höhle.
Elias ließ die Hand sinken. Rauch stieg von seinen Fingern auf. Er zitterte. Ihm war übel. Er hatte den Geschmack von Gift im Mund.
Er drehte sich um.
Die Höhle war still. Clara starrte ihn an, das Schwert gesenkt. Marcus hielt sich die Hand vor den Mund.
Und die Kaiserin... die Kaiserin blickte auf ihn herab.
Das bernsteinfarbene Licht in ihren Augen war gedimmt. Die Wurzeln, die Tarek hielten, lockerten sich. Der Söldner fiel zu Boden, wurde von Lyra und Kael aufgefangen.
Die Kaiserin beugte sich vor. Ihr hölzernes Gesicht war nur Zentimeter von Elias entfernt. Sie roch nach verbranntem Wald.
„D U . H A S T . D A S . G I F T . G E T R U N K E N“, sagte sie. Ihre Stimme war leise, wie raschelndes Laub.
„Um euch zu schützen“, sagte Elias. Er fühlte sich schwach. Das Amulett war wieder leer, aber der Riss schmerzte mehr denn je.
„N E I N“, sagte die Kaiserin. „U M . Z U . F R E S S E N .“
Sie richtete sich auf. Das grüne Licht des Herzens in ihren Händen pulsierte unruhig.
„A B E R . D E R . F E I N D . I S T . F O R T . F Ü R . J E T Z T .“
Sie deutete auf Tarek, der am Boden lag und schwer atmete.
„D E I N . F R E U N D . T R Ä G T . D A S . M A L .“
„Welches Mal?“, fragte Clara und kniete neben Tarek.
„D A S . M A L . D E S . V E R R Ä T E R S“, grollte die Kaiserin.
Die Wurzeln um den Thron bewegten sich. Sie bildeten Stufen, die zu ihr hinaufführten.
„K O M M T“, befahl sie. „D I E . W A H R H E I T . W A R T E T . U N D . D E R . P R E I S . M U S S . B E Z A H L T . W E R D E N .“
Elias blickte seine Freunde an. Sie waren am Ende. Tarek war verletzt. Sie waren tief im Feindesland, umgeben von einem Wald, der sie hasste, und gejagt von einer Armee, die sie vernichten wollte.
Und jetzt forderte der Wald seinen Zoll.
„Wir gehen“, sagte Elias.
Sie trugen Tarek die Stufen hinauf, vor den Thron der Grünen Kaiserin.
Das Kapitel der lebenden Hölle war vorbei. Aber das Kapitel der Wahrheit hatte gerade erst begonnen.