NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 25: Die Träne des Ozeans (AKT I)

Der Strand, an den sie gespült worden waren, war kein Ort der Rettung. Er war eine Arena.

Schwarzer, scharfkantiger Basalt durchschnitt das schäumende Wasser der Brandung. Die Luft war erfüllt von einem ohrenbetäubenden Lärm: Das Donnern der Wellen, die gegen die Felsnadeln peitschten, das Zischen von verdampfendem Meerwasser und das tiefe, rhythmische Wumm-Wumm-Wumm der Energiekanonen der Schattenflotte, die über der Lagune schwebte wie ein Schwarm stählerner Geier.

Elias lag auf dem Bauch im nassen Kies, den Geschmack von Salz und Blut im Mund. Er hustete, würgte Wasser hoch. Seine Hand krallte sich in die Steine, suchte Halt in einer Welt, die sich drehte.

Das Amulett an seiner Brust war heiß.

Es war nicht mehr die schneidende Kälte der Wüste oder das fiebrige Pochen des Dschungels. Es war eine neue Hitze. Eine nasse, schwere Hitze, wie Dampf unter Druck. Die drei Fragmente – das Auge der Sonne, das Herz des Waldes und die Träne des Ozeans – waren nun vereint im Kristall, aber sie waren noch nicht eins. Sie wirbelten im Inneren des Gefäßes, stießen sich ab, kollidierten, suchten nach einem Gleichgewicht, das Elias ihnen noch nicht geben konnte.

Der Riss im Metall leuchtete in einem wilden, chaotischen Rhythmus: Weiß, Grün, Blau. Weiß, Grün, Blau. Es war ein Leuchtfeuer, das jedem Feind im Umkreis von Meilen schrie: Hier bin ich.

„Hoch!“, brüllte Tarek.

Der Söldner war der Erste, der stand. Er wankte, sein linkes Bein knickte fast weg – die alte Wunde, aufgerissen vom Salzwasser und dem Sturz –, aber er rammte sein Krummschwert in den Boden und nutzte es als Krücke. Sein Gesicht war eine Maske aus Gischt und grimmiger Entschlossenheit.

„Sie kommen!“, schrie er gegen den Wind an.

Elias hob den Kopf. Er sah durch den Schleier seiner nassen Haare.

Das Führungsschiff der Flotte, der schwarze Koloss mit dem Totenschädel-Bug, hatte sich in den Kiesstrand gegraben, keine fünfzig Meter von ihnen entfernt. Die riesige Rampe hatte sich in den Boden gefressen.

Dampf zischte aus den hydraulischen Ventilen des Schiffes, eine Wolke aus grauem Nebel, die sich mit dem Rauch der Brände vermischte. Und aus diesem Nebel marschierten sie.

Nicht die schnellen, spinnenartigen Schattenkriecher. Nicht die einfachen Gardisten.

Es waren Schatten-Ritter.

Sie waren riesig, gehüllt in Plattenrüstungen aus mattem, lichtschluckendem Metall, das aussah wie der Panzer eines Käfers. Sie trugen keine Helme mit Sehschlitzen; ihre Köpfe waren glatte, schwarze Kuppeln ohne Gesicht. In ihren Händen hielten sie schwere Schilde und Waffen, die aus verdichteter Dunkelheit geformt schienen – Hämmer, Äxte, Großschwerter.

Und in ihrer Mitte, einen Kopf größer als alle anderen, schritt Thanatos.

Der Dritte Sucher.

Er trug keinen Helm. Sein Gesicht war ein bleicher Totenschädel, überzogen mit Haut so dünn wie altes Pergament. In seinen Augenhöhlen brannte violettes Feuer. Er ging langsam, fast lässig, das riesige Schwert – die Schattenklinge – locker in einer Hand, als wöge es nichts.

„Bewegung!“, schrie Clara. Sie zog Zara und Marcus auf die Beine. Marcus hatte seine Brille verloren; er blinzelte orientierungslos, klammerte sich an Zaras Arm. „Wir müssen in die Felsen! Dort können sie ihre Formation nicht nutzen!“

„Da sind keine Felsen“, keuchte Kael. Er lag noch im Wasser, gestützt von Lyra. Er deutete hinter sich.

Die Insel war klein. Ein nackter Felsrücken im Meer. Hinter ihnen war nur die tosende Brandung und der tiefe Ozean. Vor ihnen die Armee.

Sie saßen in der Falle.

„Wir können nicht zurück ins Wasser“, sagte Kael schwach. „Die Schiffe... ihre Gravitations-Runen... sie drücken das Wasser weg. Wenn wir tauchen, zerquetschen sie uns.“

Elias rappelte sich auf. Seine Beine zitterten, aber der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand summte. Er spürte die Nähe von Thanatos. Der Handschuh kannte diese Energie. Es war dieselbe Quelle.

„Wir kämpfen nicht gegen die Armee“, sagte Elias. Seine Stimme war leise, aber das Amulett verstärkte sie, trug sie über den Lärm des Sturms. „Wir müssen den Anführer töten. Wenn Thanatos fällt, fällt die Kontrolle.“

„Der ist drei Meter groß und besteht aus Tod“, sagte Zara trocken. Sie zog ihre Dolche, wischte sie an ihrer nassen Hose ab. „Aber ich habe schon Schlimmeres gesehen. Glaube ich.“

Die Ritter bildeten einen Halbkreis. Sie kamen näher. Schritt für Schritt. Der Boden bebte unter ihrem synchronen Marsch. Bumm. Bumm. Bumm.

Thanatos blieb stehen. Er war noch zwanzig Meter entfernt. Er hob die freie Hand. Die Ritter stoppten sofort.

„Der Träger“, grollte Thanatos. Seine Stimme war kein Schall, sie war eine Vibration im Schädelknochen. „Du hast etwas, das mir gehört.“

„Es gehört der Welt“, rief Elias zurück.

„Die Welt gehört dem Meister“, sagte Thanatos. „Das Licht ist eine Krankheit. Ich bin die Heilung.“

Er hob das Schwert.

„Bringt mir sein Herz. Den Rest... löscht aus.“

Die Ritter setzten sich wieder in Bewegung. Diesmal rannten sie.

„Formation!“, brüllte Tarek. „Clara, links! Ich nehme die Mitte! Zara, deck die Flanke! Marcus, Lyra, Kael – hinten bleiben!“

Es war eine Formation der Verzweiflung. Vier Kämpfer – zwei davon schwer verletzt – gegen eine Übermacht aus Stahl und Schatten.

Der erste Aufprall war brutal.

Ein Ritter stürmte auf Clara zu, schwang einen Hammer aus Schatten. Clara duckte sich weg, ihre Bewegung flüssig trotz der Erschöpfung. Sie stieß mit ihrem Schwert in die Lücke unter dem Arm des Ritters.

Der Stahl traf auf die schwarze Rüstung. Funken stoben. Die Klinge drang nicht ein.

„Sie sind gepanzert!“, rief sie. „Stahl bringt nichts!“

Tarek parierte einen Axthieb mit seinen gekreuzten Krummschwertern. Die Wucht drückte ihn in die Knie. Er knurrte, riss die Klingen hoch, trat dem Ritter gegen das Knie. Das Gelenk gab nicht nach.

„Magie!“, brüllte Tarek. „Wir brauchen Magie!“

Elias stand hinter der Linie. Er sah, wie seine Freunde zurückgedrängt wurden. Er sah, wie Zara einem Schwertstreich nur um Millimeter entging, wie Marcus versuchte, Lyra mit seinem Körper abzuschirmen.

Er musste handeln.

Er griff an seine Brust. Er umfasste das Amulett.

Hilf mir, dachte er.

Das Amulett antwortete. Aber es war keine einzelne Stimme mehr. Es war ein Chor.

Das Auge schrie nach Feuer. Verbrenn sie! Das Herz schrie nach Wachstum. Überwuchere sie! Die Träne schrie nach Tiefe. Ertränk sie!

Es war zu viel. Das Chaos in seinem Kopf war ohrenbetäubend. Wenn er das Ventil öffnete... was würde herauskommen?

Er wusste es nicht. Aber er hatte keine Wahl.

Er streckte den Handschuh aus. Er zielte auf die Gruppe von Rittern, die Clara bedrängten.

„WEG!“, schrie er.

Er ließ die Energie los.

Es war kein Strahl. Es war eine Eruption.

Ein Strom aus weißem Dampf, durchzogen von grünen Blitzen und roter Glut, schoss aus seiner Hand.

Er traf die Ritter.

Die Rüstungen glühten auf. Das Metall kreischte. Die Ritter wurden nicht zurückgeworfen. Sie wurden... verändert.

Moos wuchs rasend schnell auf dem heißen Metall, verbrannte sofort und hinterließ Asche. Wasser kondensierte in den Rüstungen, kochte, sprengte die Fugen.

Drei Ritter fielen, ihre Körper rauchend, zuckend.

Aber der Rückstoß traf Elias.

Er wurde von den Füßen gerissen, als hätte ihm jemand vor die Brust geschlagen. Er landete hart im Kies. Sein Arm brannte, als würde er in Säure baden.

Das Amulett glühte so hell, dass es durch seine Kleidung brannte.

„Elias!“, rief Lyra.

Aber Thanatos lachte.

Der Sucher schritt durch den Dampf, unbeeindruckt von der Magie. Er kam direkt auf die Lücke zu, die Elias geschaffen hatte.

Direkt auf die Gruppe zu, die am Boden lag.

„Unkontrolliert“, sagte Thanatos. „Ein Kind, das mit dem Feuer spielt.“

Er hob das Schwert. Er war jetzt nah. Zu nah.

Er fixierte Marcus.

Der Gelehrte kniete am Boden, versuchte, eine Phiole mit Säure vorzubereiten, aber seine Hände zitterten zu sehr. Er blickte auf. Er sah den Tod auf sich zukommen.

„Die Variable...“, flüsterte er.

Thanatos holte aus.

„Nein!“, schrie Zara.

Der Schlag von Thanatos fiel nicht wie ein Schwertstreich, sondern wie ein Fallbeil.

Die Schattenklinge, eine Waffe aus geschwärztem, seelenfressendem Glas, sauste auf Marcus herab. Der Gelehrte kauerte im nassen Kies, die Augen starr auf den Tod gerichtet, unfähig, sich zu bewegen. Die Logik seines Verstandes hatte abgeschaltet; es gab keine Variable mehr, die ihn retten konnte.

Aber es gab Zara.

Sie warf sich nicht in die Klinge – noch nicht. Sie war eine Diebin, keine Kriegerin. Sie kämpfte nicht mit Kraft, sondern mit Geschwindigkeit und schmutzigen Tricks.

In der Sekunde, bevor der Schlag traf, riss sie Marcus nicht zurück. Sie trat ihm gegen die Schulter. Hart. Brutal.

Marcus kippte zur Seite, rollte über den scharfen Fels, weg von der Aufschlagzone.

Gleichzeitig schleuderte Zara etwas. Es war keine Waffe. Es war eine Handvoll nasser Sand und Kiesel, die sie direkt in das leere, brennende Augenpaar des Totenschädels warf.

Es war eine lächerliche Geste gegen einen Sucher. Aber sie reichte für den Bruchteil einer Sekunde.

Thanatos zuckte nicht, aber sein Kopf drehte sich minimal. Die Klinge verfehlte Marcus’ ursprüngliche Position. Sie schlug in den Felsboden ein.

KRACH.

Der Stein explodierte. Splitter flogen wie Geschosse durch die Luft. Eine Druckwelle aus schwarzer Energie fegte Zara von den Füßen. Sie landete hart neben Marcus, keuchte, als ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde.

„Lauf!“, schrie sie, während sie sich aufrappelte und Marcus am Kragen packte. „Steh auf, verdammt noch mal!“

Thanatos zog das Schwert aus dem Fels. Der Stein um die Einschlagstelle herum war nicht gespalten, er war verfault, zu grauem Staub zerfallen. Der Sucher drehte sich langsam zu ihnen um. Er wirkte nicht wütend. Er wirkte geduldig. Wie eine Flut, die weiß, dass sie den Strand irgendwann verschlingen wird.

„Ihr rennt“, grollte er. Seine Stimme war das Geräusch von brechenden Masten im Sturm. „Aber es gibt keinen Ort mehr, an den ihr rennen könnt.“

Er hatte recht.

Die Insel war klein. Hinter ihnen lag der Ozean, über dem die Schattenflotte schwebte wie ein Schwarm Wespen. Vor ihnen stand die Armee der Ritter.

„Dort!“, rief Clara. Sie deutete auf eine Felsformation am Ende des Strandes, wo die Klippen steil aufragten. Ein Riss im Gestein, halb verdeckt von herabgestürzten Felsbrocken. „Eine Höhle!“

Es war keine Festung. Es war eine Mausefalle. Aber es war Deckung.

„Zieht euch zurück!“, brüllte Tarek. Er stützte sich auf sein Schwert, sein Gesicht war grau vor Schmerz, aber er stand noch. „Ich halte die Flanke!“

„Du hältst gar nichts!“, schrie Elias. Er rappelte sich auf. Sein ganzer Körper brannte von dem Rückstoß seiner eigenen Magie. Das Amulett an seiner Brust war dunkel, erschöpft von der Eruption, die er freigesetzt hatte. Er konnte nicht noch einmal feuern. Nicht jetzt.

„Alle in die Höhle!“, befahl Elias.

Sie rannten. Es war ein stolpernder, panischer Sprint über nassen, glitschigen Fels. Lyra und Kael unterstützten sich gegenseitig, Kael humpelte stark. Marcus zog Zara mit sich, die sich die Seite hielt, dort wo sie aufgeschlagen war.

Die Schatten-Ritter setzten sich in Bewegung. Sie rannten nicht. Sie schritten. Unaufhaltsam. Eine schwarze Wand, die den Strand säuberte.

Elias bildete das Schlusslicht. Er drehte sich immer wieder um, den Schwarzen Handschuh drohend erhoben, obwohl er leer war. Er bluffte. Und Thanatos wusste es.

Der Sucher folgte ihnen mit langsamen, großen Schritten. Er genoss die Jagd.

Sie erreichten den Spalt. Clara und Tarek zwängten sich zuerst hindurch, sicherten den Eingang. Dann die anderen. Elias warf sich als Letzter durch die Öffnung, schrammte sich die Schulter am rauen Stein auf.

„Blockiert es!“, rief er.

Tarek und Clara stemmten sich gegen einen losen Felsblock, wuchteten ihn vor den Eingang. Es würde die Ritter nicht aufhalten, aber es würde sie verlangsamen.

Sie waren drin.

Die Höhle war klein, feucht und roch nach altem Seetang und Verwesung. Das Meerwasser hatte hier bei Flut gestanden. Jetzt war es eine Sackgasse.

Marcus sank an der Rückwand zusammen. Er zitterte so stark, dass seine Zähne klapperten. Er tastete nach Zara.

„Bist du verletzt?“, fragte er. Seine Stimme war dünn, hysterisch. „Die Druckwelle... die inneren Organe...“

„Mir geht’s gut“, log Zara. Sie lehnte neben ihm, blass, Schweiß auf der Stirn. Sie hielt sich die Rippen. „Nur geprellt. Danke für den Tritt.“

Marcus starrte sie an. „Ich habe dich nicht getreten. Du hast mich getreten.“

„Jemand musste es ja tun“, sagte sie und versuchte zu grinsen, aber es verzog sich zu einer Grimasse.

Elias stand in der Mitte des engen Raumes. Das einzige Licht kam von Lyras Händen – ein schwaches, unruhiges Glimmen ihres Reinigenden Feuers, das sie nicht ganz unterdrücken konnte.

Er blickte auf das Amulett. Es war kalt. Tot.

„Es lädt nicht nach“, flüsterte er. „Ich habe es leergeschossen.“

„Wir sitzen fest“, sagte Clara. Sie spähte durch einen Spalt in der Barrikade nach draußen. „Sie kommen nicht rein. Sie warten.“

„Worauf?“, fragte Kael. Der Wassermagier saß am Boden, die Knie an die Brust gezogen. Er wirkte hier, fern vom Wasser, wieder zerbrechlich.

„Dass wir rauskommen“, sagte Tarek düster. „Oder dass wir hier drin verrotten.“

Draußen hörten sie Thanatos’ Stimme. Sie war nicht laut, aber sie drang durch den Stein, als wäre er Papier.

„Das Wasser steigt“, sagte der Sucher.

Elias blickte auf den Boden der Höhle. Er sah die Wasserlinie an den Wänden. Seetang, der hoch oben klebte.

„Die Flut“, sagte er.

„Er muss uns nicht töten“, stellte Marcus fest, und die Panik in seiner Stimme wich einer kalten, schrecklichen Erkenntnis. „Er muss nur warten. In einer Stunde steht das Wasser hier bis zur Decke. Wir werden ertrinken.“

Elias ballte die Faust. Der Handschuh knirschte.

Er hatte das Fragment. Er hatte die Träne. Er hatte die Balance. Aber er hatte keine Energie mehr, um sie zu nutzen. Er war eine Waffe ohne Munition.

„Wir müssen einen Ausweg finden“, sagte er. Er tastete die Rückwand der Höhle ab. Der Stein war massiv, glitschig. Kein Luftzug. Kein Ausgang.

„Es gibt keinen Ausweg“, sagte Lyra leise. Sie saß im Dunkeln, ihre leuchtenden Hände im Schoß. „Das ist das Ende.“

„Nein“, sagte Zara. Sie stand auf, mühsam. „Wir haben schon Schlimmeres überlebt.“

„Haben wir nicht“, sagte Tarek. Er saß am Eingang, das Schwert auf den Knien. Er blickte Elias an.

„Wenn sie reinkommen... oder wenn das Wasser kommt...“, sagte Tarek. „Dann musst du das Amulett schützen. Du darfst nicht zulassen, dass er es bekommt.“

„Wie?“, fragte Elias. „Indem ich sterbe?“

„Indem du es zerstörst“, sagte Clara.

Stille in der Höhle. Nur das Tropfen von Kondenswasser.

„Wenn ich es zerstöre“, sagte Elias, „dann zerreiße ich die Insel. Und uns alle.“

„Besser wir als die Welt“, sagte Clara.

Draußen begann es zu regnen. Ein schwerer, prasselnder Regen, der sich mit dem Tosen der Brandung vermischte. Und dazwischen das metallische Scharren der Rüstungen. Die Ritter rückten näher. Sie bauten eine Belagerung auf.

Thanatos hatte Zeit.

Aber Elias spürte etwas anderes. Er spürte den Riss im Amulett.

Er war leer, ja. Aber der Riss... der Riss war offen. Er war eine Wunde in der Realität.

Vielleicht brauchte er keine Energie, um zu kämpfen. Vielleicht brauchte er nur... ein Opfer.

Er blickte seine Freunde an. Marcus, der Zara hielt. Clara und Tarek, die Wache hielten. Lyra und Kael, die sich aneinander lehnten.

Er wusste, dass einer von ihnen heute nicht überleben würde. Er wusste es mit einer Sicherheit, die kälter war als das Meer.

Die Höhle, in die sie sich geflüchtet hatten, war kein Versteck. Sie war ein Grab, das sich langsam mit Wasser füllte.

Das Meerwasser der steigenden Flut leckte bereits an ihren Stiefelsohlen. Es war kalt, schwarz und roch nach dem Tod, der draußen in der Lagune tobte. Das Grollen der Schattenflotte, die über ihren Köpfen schwebte, übertrug sich durch den Fels auf ihre Körper – ein ständiges, mahlendes Vibrieren, das den Staub von der Decke rieseln ließ.

Elias lehnte an der hintersten Wand der Nische. Er war nass, zitternd, ausgebrannt. Das Amulett an seiner Brust war dunkel. Es hatte die Energie, die er gegen die Ritter entfesselt hatte, verbraucht. Jetzt war es nur noch ein schwerer Stein, der ihn nach unten zog. Aber der Riss... der Riss war wach. Er pulsierte schwach, ein rhythmisches Pochen, das Elias in seinen eigenen Zähnen spürte.

„Wie lange noch?“, fragte Marcus. Er kauerte neben Zara, hielt ihre Hand so fest, dass seine Knöchel weiß waren. Er blickte auf das Wasser, das unaufhaltsam höher stieg. „Die Gezeiten-Variable... in zwanzig Minuten steht das Wasser bis zur Decke.“

„Bis dahin sind sie durch“, sagte Tarek düster.

Der Söldner stand am Eingang der Höhle, hinter der Barrikade aus losen Felsbrocken, die sie hastig aufgetürmt hatten. Er spähte durch einen Spalt nach draußen.

Draußen stand Thanatos.

Der Dritte Sucher hatte keinen Angriff befohlen. Er stand einfach nur da, inmitten seiner Ritter, das riesige schwarze Schwert in den kiesigen Boden gerammt. Er wartete. Er wusste, dass Zeit seine Waffe war.

„Kommt heraus“, grollte seine Stimme. Sie drang durch den Stein, als wäre er Papier. „Gebt mir das Licht. Und ich schenke euch einen schnellen Tod.“

„Ein verlockendes Angebot“, murmelte Zara und versuchte zu grinsen, aber ihre Lippen zitterten. Sie hielt sich die Seite, dort wo sie beim Sturz aufgeprallt war. „Besser als Ertrinken.“

„Wir geben gar nichts“, sagte Clara. Sie schärfte ihr Schwert an einem Stein, ein kratzendes, nervtötendes Geräusch. „Wenn er das Amulett will, muss er es sich aus unseren kalten Fingern schneiden.“

„Das hat er vor“, sagte Kael leise.

Der Wassermagier saß im Wasser, das ihm schon bis zur Hüfte reichte. Er schien der Einzige zu sein, den die Kälte nicht störte. Aber er war schwach. Seine Haut war fast transparent.

„Die Schatten...“, flüsterte Kael. „Sie vergiften das Meer. Ich kann sie spüren. Sie töten die Korallen. Sie töten die Strömung.“ Er sah Elias an. „Du musst sie aufhalten, Elias. Du hast die Träne. Du bist jetzt ein Teil des Ozeans.“

„Ich kann nichts tun“, sagte Elias. Er hob seine rechte Hand. Der Schwarze Handschuh war matt, das Leder grau und rissig. „Ich bin leer. Wenn ich jetzt versuche, Macht zu ziehen... zerreiße ich uns alle.“

Ein schwerer Schlag traf den Felsblock vor dem Eingang. Staubwolken schossen in die Höhle.

Thanatos hatte die Geduld verloren.

„Genug“, dröhnte es von draußen. „Brecht die Wand.“

Ein zweiter Schlag. Diesmal splitterte der Fels. Ein Lichtstrahl – violett und kalt – fiel durch den Riss.

„Sie kommen rein!“, schrie Tarek. Er stemmte sich mit der Schulter gegen den Stein, versuchte verzweifelt, die Barrikade zu halten.

„Zurück!“, rief Clara. „Alle an die Rückwand!“

Elias sah sich um. Es gab keinen Ausweg. Sie saßen in der Falle, eingepfercht zwischen steigendem Wasser und einem unaufhaltsamen Feind. Er sah die Angst in den Augen seiner Freunde.

Er sah Lyra, die ihre Hände anstarrte, als wären es fremde Werkzeuge. Er sah Marcus, der Zara an sich drückte, als wäre sie das Einzige, was ihn in dieser Welt hielt.

Ich habe sie hierher geführt, dachte Elias. In dieses Grab.

Das Amulett flackerte auf. Ein schwacher Impuls. Es spürte seine Verzweiflung. Es bot ihm einen Ausweg an.

Öffne mich, flüsterte der Riss. Lass alles raus. Die ganze Macht. Sprenge die Insel.

Es war verlockend. Ein Ende mit Feuer. Ein letzter, gewaltiger Schlag, der Thanatos vernichten würde – und sie alle mit ihm.

Elias legte die Hand auf das Metall. Er spürte die drei Fragmente darin wirbeln. Feuer. Leben. Wasser.

Er konnte es tun. Er konnte den Riss aufreißen.

„Nein“, sagte eine Stimme neben ihm.

Zara.

Sie hatte sich von Marcus gelöst. Sie stand neben ihm, wackelig, aber aufrecht. Sie hatte ihre Dolche in der Hand.

„Kein Selbstmord, Goldjunge“, sagte sie leise. Sie sah ihn an, und in ihrem dreckigen, verschwitzten Gesicht lag eine seltsame Ruhe. „Wir kämpfen. Bis zum Schluss.“

Der Felsblock am Eingang explodierte.

Steine flogen durch die Höhle wie Kanonenkugeln. Tarek wurde zurückgeworfen, landete hart im Wasser. Clara schrie auf, als ein Splitter ihren Arm streifte.

Der Eingang war offen.

Im Staub und Rauch stand Thanatos. Er musste sich bücken, um in die Höhle zu passen. Seine Augen brannten. Sein Schwert zog eine Spur aus Schatten hinter sich her.

Hinter ihm drängten sich die Schatten-Ritter.

„Endstation“, sagte der Sucher.

Er hob das Schwert. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf die Gruppe. Auf die Schwächsten.

Elias schrie. Er warf sich nach vorne. Aber er war zu langsam. Er war zu weit weg.

Der Schlag kam.

Aber er traf nicht Elias.

Jemand anderes bewegte sich. Schneller als der Gedanke. Schneller als die Angst.

Ein Schatten löste sich aus der Gruppe. Klein. Flink.

Zara.

Sie sprang.