NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 24: Die Flotte der Dunkelheit
Der Untergang des Tempels der Tiefe war kein leiser Verfall, sondern eine Hinrichtung.
Das erste Anzeichen war nicht das Wasser, sondern der Klang. Ein tiefes, grollendes Ächzen, das durch die Säulen aus versteinerten Korallen lief, als würde das Skelett der Welt unter einer untragbaren Last zerbrechen. Dann kamen die Risse.
Elias stand in der Mitte der Halle, die Hände immer noch an seine Brust gepresst, wo das Amulett nun in einem ruhigen, mächtigen Rhythmus aus Rot, Grün und Blau pulsierte. Er spürte die Balance. Die Hitze des Feuers und die Wucherung des Waldes wurden von der kühlen, unendlichen Tiefe der Träne gehalten. Er fühlte sich stabil.
Aber die Welt um ihn herum war es nicht.
Ein gewaltiger Schlag erschütterte die Kuppel über ihnen. Ein violetter Blitz – eine magische Tiefenladung der Schattenflotte – explodierte direkt auf dem Glasdach.
Das Material, das Jahrtausende dem Druck des Ozeans standgehalten hatte, gab nach.
Es splitterte nicht. Es schrie. Ein hohes, klirrendes Kreischen zerriss die Luft, gefolgt vom Donnern herabstürzender Wassermassen.
„Atem-Perlen!“, brüllte Kael. Seine Stimme war kaum zu hören über dem Tosen. Er wirbelte herum, seine Hände formten hastig Symbole in die Luft. „Nehmt sie! Sofort!“
Kleine, schimmernde Kugeln lösten sich von seinen Fingerspitzen und schossen auf die Gefährten zu. Marcus fing eine, presste sie sich auf den Mund, seine Augen weit aufgerissen vor Panik hinter der zerbrochenen Brille. Zara fing ihre im Flug. Tarek drückte eine auf Claras Lippen, bevor er seine eigene nahm.
Lyra stand erstarrt da, den Blick nach oben gerichtet, wo das schwarze Wasser wie ein fallender Himmel auf sie zukam. Kael war bei ihr. Er drückte ihr die Perle nicht in die Hand. Er küsste sie ihr auf die Lippen.
Dann traf die Flut.
Elias wurde von den Beinen gerissen. Es war kein Schwimmen mehr. Es war ein Kampf in einer Waschmaschine aus Trümmern, Strömung und Dunkelheit.
Das Wasser war eiskalt. Es schlug ihm die Luft aus den Lungen, aber die Atem-Perle reagierte sofort, pumpte künstlichen Sauerstoff in sein Blut. Er wirbelte durch das Chaos. Er sah Säulen stürzen. Er sah, wie der Boden aus Perlmutt unter dem Druck zerbarst.
Er suchte nach Halt. Seine rechte Hand, im Schwarzen Handschuh, krallte sich in etwas Festes. Ein Stück Mauerwerk.
Er zog sich heran, versuchte, sich zu orientieren. Das biolumineszente Licht der Algen war erloschen, begraben unter der Schwärze der einbrechenden Lagune. Aber es war nicht dunkel.
Überall um ihn herum zuckten violette Blitze.
Schatten.
Sie kamen durch das zerbrochene Dach. Schatten-Taucher. Dutzende von ihnen. Sie sahen aus wie Kreuzungen aus Menschen und Rochen, ihre Körper lang und stromlinienförmig, verschmolzen mit einer Rüstung aus schwarzem Chitin. Ihre Augen waren leuchtende Schlitze. In ihren Händen hielten sie Harpunen, deren Spitzen aus dunkler Energie bestanden.
Sie schwammen nicht ziellos. Sie schwärmten aus. Sie suchten.
Elias sah, wie einer von ihnen auf Marcus zuschoss. Der Gelehrte trieb hilflos im Wasser, versuchte, gegen die Strömung anzukämpfen, seine Robe blähte sich auf wie eine Qualle.
Der Taucher hob die Harpune.
Elias wollte schreien, aber im Wasser gab es keinen Laut. Er stieß sich ab. Er wollte helfen.
Aber Zara war schneller.
Die Diebin schoss aus dem Dunkel hervor. Sie bewegte sich unter Wasser fast so flink wie an Land. Sie hatte ihren Dolch in der Hand. Sie rammte ihn dem Taucher in die Seite, dort, wo die Rüstung Gelenke hatte.
Der Taucher zuckte, schwarzes Blut – oder Öl – wolkte ins Wasser. Er wirbelte herum, schlug nach Zara, aber sie war schon weg, hatte Marcus am Kragen gepackt und zog ihn in den Schutz einer umgestürzten Säule.
Elias spürte eine Erleichterung, die sofort von neuer Angst verdrängt wurde.
Das Amulett pulsierte. Es warnte ihn.
Hinter dir.
Elias drehte sich im Wasser. Zwei Taucher kamen direkt auf ihn zu. Sie hatten ihn erkannt. Den Träger. Den Preis.
Sie feuerten keine Harpunen ab. Sie streckten die Hände aus. Schattenfäden schossen aus ihren Fingern, Netze aus Dunkelheit, die ihn fangen sollten.
Elias hob die rechte Hand.
Er dachte nicht nach. Er fühlte. Er fühlte das Wasser um sich herum. Kalt. Schwer. Unendlich.
Er hatte das Fragment der Tiefe in sich. Er war nicht mehr nur ein Besucher.
Weiche, befahl er.
Er aktivierte das Amulett nicht für Feuer. Er aktivierte es für Druck.
Er stieß die Handfläche nach vorne.
Eine Schockwelle breitete sich von seiner Hand aus. Das Wasser vor ihm komprimierte sich, wurde hart wie Beton, und schoss als unsichtbare Ramme auf die Taucher zu.
Es traf sie mit der Wucht einer Kanonenkugel. Ihre Rüstungen barsten. Sie wurden zurückgeschleudert, wirbelten durch das Wasser, bewusstlos oder tot.
Elias starrte auf seine Hand. Er hatte das Wasser nicht erhitzt. Er hatte es bewegt. Das Gleichgewicht der Fragmente gab ihm Zugriff auf neue Formen der Gewalt.
„Hoch!“, signalisierte er. Er zeigte nach oben, zur Oberfläche.
Dort, weit über ihnen, sah man das flackernde Licht von Explosionen. Die Wasseroberfläche war eine Decke aus Feuer und Trümmern.
Der Aufstieg war ein Spießrutenlauf.
Trümmer der Kuppel sanken ihnen entgegen – riesige Glasscherben, Steinblöcke. Leichen von Meerleuten, die den ersten Angriff nicht überlebt hatten.
Tarek und Clara kämpften Rücken an Rücken, während sie aufstiegen. Tarek war langsam, behindert durch seine Wunde, aber im Wasser wog seine Rüstung weniger. Er nutzte sein Schwert wie eine Flosse, parierte Angriffe. Clara zog ihn mit sich, ihr Gesicht eine Maske der Entschlossenheit hinter den aufsteigenden Luftblasen.
Kael war der Schnellste. Er trug Lyra. Er schwamm nicht, er wurde vom Wasser getragen. Strömungen bildeten sich um ihn, schoben ihn nach oben, drückten Feinde zur Seite. Aber Elias sah, dass Kael blutete. Eine Wunde an der Schulter zog eine rote Fahne hinter ihm her.
Sie durchbrachen die Oberfläche.
Es war kein Auftauchen in die Freiheit. Es war ein Auftauchen in die Hölle.
Elias schnappte nach Luft, als die Atem-Perle ihre Wirkung verlor. Der Geschmack von Rauch und verbranntem Öl füllte sofort seinen Mund.
Er wischte sich das Salzwasser aus den Augen.
Die Lagune der Nebel-Inseln existierte nicht mehr. Die stillen Felsnadeln, die im Nebel geschwebt hatten, waren zu Stümpfen zerschossen. Der Nebel selbst war weggebrannt.
Stattdessen war der Himmel erfüllt von schwarzen Schiffen.
Die Schattenflotte.
Sie schwammen nicht. Sie schwebten.
Dutzende von eisernen Rümpfen hingen wenige Meter über der Wasseroberfläche, gehalten von pulsierenden violetten Gravitations-Runen. Sie bildeten einen Kreis um die Stelle, wo der Tempel gewesen war.
Kanonenmündungen starrten auf das Wasser herab.
„An Land!“, brüllte Tarek, der neben Elias auftauchte. Er spuckte Wasser. „Wir sind hier Zielscheiben!“
„Welches Land?“, schrie Zara zurück. „Alles ist zerstört!“
„Dort!“, rief Clara.
Sie deutete auf eine flache Felsinsel, etwa hundert Meter entfernt. Sie war kahl, schwarz, vulkanisch. Aber sie war fest. Und sie lag im toten Winkel des größten Schiffes.
Sie schwammen. Es war ein verzweifeltes Kraulen durch Wasser, das dick war von Öl und Trümmern.
Ein Strahl aus violetter Energie schlug zehn Meter neben ihnen ein. Wasser dampfte auf, kochte sofort.
„Schneller!“, trieb Elias sie an.
Er schwamm am Ende der Gruppe. Er machte sich zum Ziel. Er ließ das Amulett glühen, ein Leuchtfeuer unter Wasser, um das Feuer auf sich zu ziehen.
Kommt schon, dachte er. Seht mich an. Nicht sie.
Ein zweiter Schuss. Näher. Die Druckwelle hob ihn aus dem Wasser. Er landete hart, schluckte Salzwasser.
Aber sie erreichten den Fels.
Sie zogen sich aus der Brandung. Tarek brach zusammen, kaum dass er festen Boden unter den Füßen hatte. Seine Wunde war durch das Salzwasser wieder aufgebrochen. Blut mischte sich mit dem Meerwasser auf den schwarzen Steinen.
Marcus und Zara fielen neben ihm nieder, keuchend, würgend. Lyra kümmerte sich sofort um Kael, der bleich und zitternd am Ufer lag.
Elias stand auf. Er wankte. Er fühlte sich schwer. Das Amulett war ruhig, aber es war eine bedrohliche Ruhe.
Er blickte hoch zu dem Führungsschiff.
Es war gigantisch. Ein fliegender Berg aus Stahl und Knochen. Der Bug war geformt wie ein Totenschädel.
Es senkte sich herab. Langsam. Majestätisch. Es landete nicht im Wasser. Es landete auf dem Kiesstrand der Insel, nur fünfzig Meter von ihnen entfernt, mit einem knirschenden Geräusch, das durch Mark und Bein ging.
Die Rampe fiel herunter. Dampf zischte.
Schatten quollen heraus wie Rauch.
Und aus dem Schatten trat eine Gestalt.
Er war größer als Arkan. Breiter. Er trug eine Rüstung, die aussah, als wäre sie aus den Rippen eines Leviathans geschmiedet worden. Er trug keinen Helm.
Sein Gesicht war ein Totenschädel, überzogen mit bleicher, pergamentartiger Haut. Seine Augen waren leere Höhlen, in denen violettes Feuer brannte.
In seiner Hand hielt er eine Schattenklinge, ein Schwert, das so dunkel war, dass es das Licht der Explosionen um sich herum zu trinken schien.
Thanatos. Der Dritte Sucher.
Er hob das Schwert. Er zeigte auf die Gruppe, die nass und zitternd am Strand kauerte.
„Das Licht“, grollte er. Seine Stimme war das Geräusch von Erde, die auf einen Sarg fällt. „Gib es mir. Oder sieh zu, wie sie sterben.“
Elias trat vor. Er stellte sich vor seine Freunde. Er legte die behandschuhte Hand auf das Amulett.
Er war müde. Er war verletzt. Aber er war nicht mehr allein. Er hatte das Wasser. Er hatte das Feuer. Er hatte das Leben.
„Komm und hol es dir“, sagte er.
Der Kies knirschte unter den Stiefeln von Thanatos, als er auf sie zukam. Es war ein langsames, rhythmisches Geräusch, so unausweichlich wie die Gezeiten selbst.
Der Dritte Sucher war eine Monstrosität aus Knochen und Stahl. Seine Rüstung, geschmiedet aus den Rippen toter Leviathane, war nicht poliert; sie war stumpf, grau wie altes Treibholz, und absorbierte das wenige Licht, das die brennenden Schiffe der Meerleute noch warfen. Sein Totenschädel-Gesicht war keine Maske. Es war sein wahres Gesicht, überzogen mit einer dünnen, pergamentartigen Haut, die sich straff über den Knochen spannte. In seinen Augenhöhlen brannte kein Leben, sondern kaltes, violettes Feuer.
Hinter ihm, auf der Rampe des schwarzen Landungsschiffes, standen Dutzende von Schatten-Gardisten. Sie rührten sich nicht. Sie warteten. Thanatos brauchte keine Armee. Er war die Armee.
Elias stand allein vor seiner Gruppe. Er zitterte, aber nicht vor Kälte. Die Energie in seiner Brust war gewaltig. Das Amulett, nun gefüllt mit allen drei Fragmenten, summte in einer Harmonie, die fast schmerzhaft war. Es fühlte sich an, als würde er einen Stern in seinem Brustkorb tragen.
„Du bist kleiner, als ich dachte“, grollte Thanatos. Seine Stimme klang nass, gurgelnd, als käme sie aus einer Lunge voller Wasser. Er hob seine Schattenklinge. Das Schwert war riesig, eine zweihändige Waffe aus schwarzem Glas, die Rauchfäden in die Luft malte. „Und zerbrechlicher.“
„Ich bin nicht allein“, sagte Elias. Er hob den rechten Arm. Der Schwarze Handschuh glühte weiß, rot und blau zugleich, pulsierend im Takt der Elemente.
„Doch“, sagte Thanatos. „Im Tod sind wir alle allein.“
Er schlug zu.
Es war kein einfacher Hieb. Er schwang das Schwert horizontal, und eine Welle aus schwarzer Energie löste sich von der Klinge. Sie raste auf Elias zu, eine Sichel aus Dunkelheit, die den Boden aufriss.
Elias reagierte instinktiv. Er dachte nicht. Das Amulett dachte für ihn.
Schild, befahl es.
Elias stieß die Handfläche nach vorne. Die drei Farben in seiner Brust wirbelten zusammen. Wasser kühlte das Feuer, Leben gab dem Wasser Form.
Eine Wand aus kristallinem Licht entstand vor ihm. Sie sah aus wie Eis, leuchtete aber wie die Sonne.
Die Schattenwelle traf den Schild.
KRACH.
Der Aufprall war ohrenbetäubend. Elias wurde nach hinten geschoben, seine Stiefel pflügten Furchen in den Kies. Er spürte den Druck in seinen Gelenken, in seinen Zähnen. Der Schild hielt, aber er bekam Risse.
„Er ist stark!“, schrie er über seine Schulter. „Geht zurück!“
„Wir haben keinen Rückzugsort!“, schrie Clara. Sie stand bei Tarek, das Schwert in der Hand, bereit, sich auf jeden zu stürzen, der an Elias vorbeikam. Aber sie wusste, dass es sinnlos war. Tarek konnte kaum stehen. Seine Wunde blutete wieder, das Salzwasser hatte den Schorf weggewaschen. Er stützte sich auf sie, bleich wie der Tod.
Marcus und Zara kauerten hinter einem Felsbrocken. Marcus hielt seine Tasche vor die Brust, als könnte Leder ihn vor Schattenmagie schützen. Zara hatte ihre Dolche gezogen, aber ihre Hände zitterten. Sie sah die Größe des Gegners. Sie sah die Hoffnungslosigkeit.
Thanatos lachte. Es war ein trockenes, rasseln. Er machte einen weiteren Schritt.
„Dein Licht ist jung“, sagte er. „Mein Schatten ist alt. Älter als dein Atem. Älter als dein Stein.“
Er hob die freie Hand. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf das Wasser hinter ihnen.
Die Lagune begann zu kochen. Aber nicht vor Hitze. Schwarze Blasen stiegen auf. Das Wasser verfärbte sich, wurde dickflüssig wie Teer.
Aus der Tiefe erhoben sich Formen. Skelette von Meerleuten, die im ersten Angriff gefallen waren. Fische, deren Fleisch von den Gräten hing. Sie wurden von violetten Fäden hochgezogen, Marionetten des Todes.
„Nekromantie“, flüsterte Lyra. Sie hielt Kael im Arm, der am Boden lag, bewusstlos vor Erschöpfung. Sie sah die toten Dinge, die aus dem Wasser krochen.
Sie spürte das Reinigende Feuer in ihren Händen brennen. Es wollte raus. Es wollte die Unnatürlichkeit verbrennen. Aber sie hatte Angst. Wenn sie losließ... würde sie wieder verletzen?
„Kümmert euch um die Toten!“, rief Elias. „Ich nehme den Sucher!“
Er löste den Schild auf und ging in den Angriff über. Er durfte Thanatos nicht die Initiative lassen. Er musste ihn beschäftigen.
Elias rannte los. Er war schnell, verstärkt durch die Magie. Er feuerte Impulse aus dem Handschuh ab – kleine, konzentrierte Kugeln aus Feuer und Licht.
Pamm. Pamm. Pamm.
Sie trafen Thanatos’ Rüstung. Sie hinterließen glühende Krater im Knochenmaterial, aber sie stoppten ihn nicht. Der Sucher ging einfach weiter, als wären es Regentropfen.
Er schwang sein Schwert. Elias duckte sich, spürte den Windhauch der Klinge über seinem Haar. Er rollte sich ab, kam wieder auf die Beine, feuerte einen Wasserstrahl – hart wie Stahl – auf Thanatos’ Knie.
Das Bein des Suchers knickte ein. Er strauchelte.
„Jetzt!“, dachte Elias. Er sammelte Energie. Er wollte einen finalen Schlag setzen.
Aber Thanatos war nicht langsam. Er war nur schwerfällig.
Der Sucher drehte sich, schneller als ein Wesen seiner Größe sollte. Er schlug mit der Rückhand zu. Seine gepanzerte Faust traf Elias mitten in die Brust.
Elias flog.
Er spürte, wie Rippen brachen. Er schlug hart auf dem felsigen Boden auf, rutschte meterweit, bis er gegen den Felsbrocken prallte, hinter dem Marcus und Zara kauerten.
Er rang nach Luft. Sein Sichtfeld flackerte. Das Amulett pochte wild, versuchte, seinen Körper zu stabilisieren, den Schock zu absorbieren.
„Elias!“, schrie Zara. Sie wollte zu ihm, aber ein untoter Meerman versperrte ihr den Weg, stieß mit einem rostigen Speer nach ihr. Zara parierte mit dem Dolch, trat das Ding zurück in die Brandung.
Thanatos kam näher. Er humpelte leicht, aber er kam.
„Du kämpfst wie ein Kind“, grollte er. „Du verschwendest deine Kraft.“
Er stand jetzt nur noch zehn Meter entfernt. Er hob das Schwert für den Todesstoß. Nicht für Elias. Für die Gruppe.
Er wollte sie alle mit einem Schlag auslöschen. Eine Welle aus Dunkelheit sammelte sich in seiner Klinge.
„Nein“, keuchte Elias. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine versagten.
Clara löste sich von Tarek. „Bleib hier“, befahl sie dem Söldner.
„Clara, nicht!“, rief Tarek, griff nach ihr, aber seine Finger glitten ab.
Clara rannte. Sie rannte nicht auf Thanatos zu. Sie rannte zu Elias. Sie stellte sich vor ihn. Sie hob ihr Schwert. Es war nur Stahl. Gewöhnlicher Stahl gegen uralte Magie.
„Du kommst nicht an mir vorbei“, schrie sie. Ihre Stimme war fest, aber in ihren Augen standen Tränen. Sie wusste, dass sie sterben würde.
Thanatos hielt inne. Er neigte den Kopf. „Mut“, sagte er. „Nutzlos. Aber hübsch.“
Er ließ das Schwert sausen.
Der Schlag kam nicht an.
Ein Schatten schoss an Clara vorbei. Kleiner. Schneller.
Zara.
Die Diebin hatte Marcus losgelassen. Sie hatte nicht nachgedacht. Sie hatte nicht gerechnet. Sie hatte gesehen, wie das Schwert fiel. Sie hatte gesehen, dass Clara zu langsam war, um zu blocken.
Und sie hatte gesehen, dass Marcus direkt hinter Elias kauerte, ungeschützt, in der Linie des Angriffs.
Zara warf sich.
Sie sprang nicht auf den Feind. Sie sprang in die Bahn der Klinge.
Es gab kein Klirren von Stahl auf Stahl.
Es gab ein dumpfes, nasses Geräusch.
Die Schattenklinge traf Zara in der Seite. Sie schnitt durch Leder, durch Fleisch, durch Knochen. Sie trat auf der anderen Seite wieder aus.
Zara wurde aus der Luft gerissen. Sie prallte gegen Clara, riss die Kriegerin mit zu Boden.
Stille.
Plötzlich war der Lärm der Schlacht weg. Das Tosen der Wellen, das Schreien der Untoten – alles war gedämpft, als wäre die Welt in Watte gepackt.
Marcus sah es. Er sah Zara fallen. Er sah das Blut. Es war zu viel Blut.
„ZARA!“, schrie er.
Es war ein Schrei, der nicht wie Marcus klang. Kein logischer Schrei. Ein Tierlaut.
Er kroch zu ihr. Er ignorierte Thanatos, der über ihnen aufragte, überrascht von dem Opfer. Er ignorierte Elias, der sich mühsam aufrichtete.
Er erreichte Zara. Er zog sie in seinen Schoß.
Ihr Gesicht war weiß. Ihre Augen waren weit offen, starrten in den Himmel. Ihre Lippen bewegten sich, aber kein Ton kam heraus.
„Nein, nein, nein“, wimmerte Marcus. Er presste seine Hände auf die Wunde, versuchte, das Blut zu stoppen. Aber es floss durch seine Finger. Es war schwarz von der Magie der Klinge. „Nicht du. Nicht du. Die Variable... das war nicht die Variable!“
Zara blinzelte. Ihr Blick fand sein Gesicht. Sie lächelte. Ein kleines, blutiges Lächeln.
„Idiot“, flüsterte sie. „Ich habe dir doch gesagt... ich passe auf dich auf.“
„Bleib hier“, flehte Marcus. „Bitte, Zara. Bleib hier. Ich... ich habe die Formel noch nicht fertig.“
„Zu spät für Mathe“, hauchte sie. Ihre Hand suchte seine Wange, hinterließ einen blutigen Abdruck. „Lauf nicht weg, Marcus. Versprich es.“
„Ich laufe nicht weg“, schluchzte er. „Ich bin hier.“
Ihre Hand fiel herab. Ihr Atem stockte. Ein letztes Ausatmen. Dann nichts mehr.
Zaras Augen wurden starr.
Marcus starrte sie an. Er schüttelte sie. „Zara? Zara!“
Sie antwortete nicht.
Die Diebin war fort.
Thanatos lachte. Es war ein tiefes, befriedigtes Grollen. Er zog sein Schwert aus ihrem Körper. Das Blut zischte auf der schwarzen Klinge.
„Ein Opfer“, sagte er. „Wie rührend. Aber sinnlos.“
Er hob das Schwert erneut. „Jetzt der Rest.“
Elias sah alles. Er sah Zaras leblosen Körper. Er sah Marcus, der über ihr zusammenbrach, gebrochen, zerstört.
Er sah Clara, die weinte. Tarek, der im Hintergrund brüllte, vor Wut und Ohnmacht.
Und er spürte das Amulett.
Es war nicht mehr ruhig. Es war nicht mehr im Gleichgewicht.
Die Trauer, die Elias empfand – heiß, kalt, erdrückend – floss in den Stein. Und der Stein antwortete.
Die drei Farben – Rot, Grün, Blau – begannen zu wirbeln. Sie wurden schneller. Heller. Sie verschmolzen.
Zu Weiß.
Einem blendenden, absoluten Weiß.
Elias stand auf. Er spürte seinen Körper nicht mehr. Er spürte nur noch das Licht.
Er sah Thanatos an.
„Du hast sie getötet“, sagte Elias. Seine Stimme war kein menschlicher Laut mehr. Es war das Geräusch von brennender Luft.
Thanatos wich einen Schritt zurück. Er spürte es. Die Änderung in der Luft. Die Gefahr.
„Was bist du?“, zischte der Sucher.
Elias hob die Hand. Der Handschuh löste sich auf, verbrannte im Licht, das aus seiner Haut brach.
„Ich bin das Ende“, sagte Elias.
Der Aufprall von Licht und Dunkelheit war lautlos.
Als Elias die Hand hob und das weiße Feuer des Amuletts entfesselte, und Thanatos seine Schattenklinge niedersausen ließ, gab es keinen Knall. Es gab einen Riss in der Wahrnehmung. Die Welt verlor für einen Moment ihre Farbe, wurde zu einem Negativbild aus grellem Weiß und absolutem Schwarz.
Dann kam die Druckwelle.
Sie fegte über den felsigen Strand der Insel und riss alles mit sich, was nicht im Basalt verwurzelt war. Marcus und Zara wurden hinter ihren Felsbrocken zu Boden gedrückt. Tarek, der Clara festzuhalten versuchte, wurde mit ihr zusammen meterweit über den nassen Kies geschleudert.
Elias stand im Zentrum des Sturms. Er spürte den Boden unter seinen Stiefeln vibrieren, spürte, wie der Stein Risse bekam. Seine Hand, die den Energiestrahl leitete, zitterte nicht. Der Schwarze Handschuh war heiß, weißglühend, aber die Träne des Ozeans im Amulett kühlte ihn, hielt das Gleichgewicht, verhinderte, dass sein Arm zu Asche verbrannte.
Er sah Thanatos. Der Dritte Sucher wankte. Seine Rüstung aus Knochen und Stahl dampfte, dort wo das Licht sie traf. Schattenfetzen lösten sich von ihm, wirbelten wie schwarzer Schnee durch die Luft. Aber er fiel nicht. Er stemmte sich gegen den Strahl, Schritt für Schritt, mit einer Kraft, die Berge versetzen konnte.
„Du bist stark, Träger“, grollte Thanatos. Seine Stimme war ein Mahlen im Kopf, kein Schall in der Luft. „Aber deine Kraft ist geborgt. Meine ist ewig.“
Er hob die freie Hand. Er griff nicht nach Elias. Er griff nach dem Schiff über ihnen.
Das riesige, schwarze Kriegsschiff der Schattenflotte, das wie ein Damoklesschwert über der Insel schwebte, reagierte. Seine violetten Gravitations-Runen flammten auf. Die Kanonen an der Unterseite richteten sich aus. Nicht auf den Tempel. Auf Elias.
„Lauf!“, schrie Kael von der Seite. Er lag immer noch am Boden, Lyra über ihm, aber er hatte den Kopf gehoben. Seine Augen leuchteten blau. „Das Wasser... es weicht zurück!“
Elias spürte es. Der Meeresspiegel um die Insel herum sank rapide. Das Wasser wurde von den Gravitations-Antrieben des Schiffes verdrängt, weggedrückt, um Platz für den Beschuss zu machen.
„Deckung!“, brüllte Elias. Er brach den Strahl ab. Er riss die Hände hoch, formte eine Kuppel aus Energie über sich und seinen Freunden.
Der Himmel wurde violett.
Ein Regen aus Energiegeschossen prasselte auf die Insel nieder. Der Fels explodierte. Splitter, scharf wie Rasiermesser, flogen durch die Luft. Die Kuppel, die Elias hielt, flackerte, ächzte unter den Einschlägen. Jeder Treffer war ein Hammerschlag gegen seinen Geist.
„Ich kann es nicht halten!“, schrie er. Blut lief ihm aus der Nase. „Es ist zu viel!“
Thanatos lachte. Er stand ungeschützt im Bombardement. Die violetten Blitze machten ihm nichts aus; sie stärkten ihn. Er absorbierte die Energie. Er wuchs.
„Es gibt keine Deckung“, sagte der Sucher. Er ging auf die flimmernde Kuppel zu. Er hob sein Schwert. „Es gibt nur das Ende.“
Er schlug gegen den Schild. Einmal. Zweimal.
Risse bildeten sich in Elias’ Barriere.
„Wir sterben hier“, wimmerte Marcus. Er drückte sein Gesicht in den Kies.
„Nein“, sagte Zara. Sie lag neben ihm. Sie griff nach seiner Hand. Sie zitterte, aber ihr Blick war fest auf Elias gerichtet. „Nicht heute. Noch nicht.“
Elias sah den Riss im Schild. Er sah Thanatos, der zum dritten Schlag ausholte. Er wusste, dass der Schild brechen würde. Und dann waren sie Asche.
Er brauchte einen Ausweg. Er brauchte... Ablenkung.
Er blickte auf das Amulett. Die drei Farben wirbelten darin. Rot. Grün. Blau. Er hatte das Feuer benutzt. Er hatte das Wasser benutzt.
Er hatte das Leben noch nicht benutzt.
Das Herz des Waldes.
Hier, auf einem nackten Felsen im Meer, gab es kein Leben. Keine Pflanzen. Keine Wurzeln.
Aber es gab Algen.
Der Fels war bedeckt mit einem Teppich aus glitschigem, grünem Seetang, der sich an den Stein klammerte.
Wachst, dachte Elias. Er schrie es in Gedanken. Wachst und fresst!
Er leitete die grüne Energie des Fragments in den Boden. Durch seine Stiefel. In den Fels.
Die Reaktion war explosiv.
Der dünne Algenfilm mutierte. Er schwoll an. Fasern wurden zu Tauen. Blätter zu Schilden. In Sekundenbruchteilen schossen gigantische Ranken aus Seetang und Kelp aus dem Boden. Sie waren nass, schleimig, dick wie Bäume.
Sie griffen nicht nach Elias. Sie griffen nach Thanatos.
Der Sucher wurde überrascht. Eine Ranke schlang sich um sein Bein, riss ihn von den Füßen. Eine andere wickelte sich um seinen Schwertarm. Er brüllte auf, hackte wild um sich, schnitt durch das Pflanzenfleisch, aber es wuchs sofort nach, wucherte über ihn, begrub ihn unter einem Berg aus nasser, grüner Biomasse.
„Jetzt!“, schrie Elias. Er ließ den Schild fallen. „Ins Wasser! Alle!“
„In das Wasser?“, schrie Clara. „Da ist die Flotte!“
„Unter das Schiff!“, befahl Elias. „In seinen toten Winkel! Taucht!“
Sie rannten. Sie rutschten über den glitschigen Fels, sprangen in die brandende See, die nun zurückflutete.
Das Wasser war kalt, aber es war Schutz. Elias tauchte unter. Er sah die Rümpfe der Schatten-Schiffe über sich, schwarze Silhouetten gegen das violette Feuer der Oberfläche.
Er griff nach Marcus, der wild strampelte. Er zog ihn tiefer.
Oben, auf der Insel, befreite sich Thanatos. Er brach aus dem Gefängnis aus Kelp aus, sein Schwert glühend vor Zorn. Er sah, dass die Beute weg war.
Er brüllte einen Befehl zum Schiff hinauf.
Die Kanonen drehten sich. Sie zielten nicht mehr auf die Insel. Sie zielten auf das Wasser.
„Tiefer!“, signalisierte Kael. Er war bei ihnen. Er hatte sich erholt. Im Wasser war er Herrscher. Er bildete eine Strömung, einen schnellen Unterwasser-Fluss, der sie ergriff und wegriß, weg von der Insel, weg von den Schiffen, hinein in das Labyrinth der zerborstenen Felsnadeln.
Hinter ihnen kochte das Meer auf, als die Salven einschlugen. Aber sie waren weg.
Sie trieben in der Dunkelheit, atmeten durch die letzten Reste der Perlen, getragen von Kaels Magie und Elias’ Willen.
Sie hatten überlebt. Aber sie waren nicht entkommen. Sie waren jetzt Jagdwild im eigenen Element des Feindes.
Und Elias wusste, dass dies erst das erste Gefecht gewesen war. Der Krieg um die Fragmente hatte gerade erst begonnen.