NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

PROLOG: Das kalte Kalkül des Ratsherrn

Der Geruch der Ordnung

Die Luft in der zerbombten Akademie von Seraphis roch nach verbranntem Messing und kaltem, nassem Gestein. Es war ein Geruch, den Ratsherr Arkan als rein empfand. Der süßliche, faule Dunst der Angst und die scharfe Note des Ozon-Schocks, der von der Explosion des Schutzschildes herrührte, waren verflogen. Was blieb, war die Asche der alten Ordnung.

Arkan stand inmitten des Thronsaals, der nun ein unüberdachter Krater war. Der Mond, der kalt und fremd am Himmel hing, war sein einziges Licht. Die gewaltige Statue des Gründers, einst das Herz der Halle, lag zerbrochen am Boden, der Kopf fehlte. Arkan trat vorsichtig auf einen Brocken aus marmoriertem Stein – einen der zerbrochenen, leuchtenden Gedächtniskristalle, die einst die Weisheit der Akademie enthielten. Es knirschte leise unter seinem polierten, schwarzen Stiefel.

Er trug seine uniformierten Roben, die nun, obwohl sie mit feinem Staub bedeckt waren, einen makellosen Eindruck machten. Er war nicht geschwitzt. Er war ruhig.

Arkan hob seine rechte Hand. Dort, wo sein Fleisch enden sollte, begann der Schwarze Handschuh. Er war nicht aus Leder oder Metall. Er war eine glatte, sich windende Masse aus verfestigter Schattenmagie, die jeden Lichtimpuls absorbierte und ihn in eine dunkle Kälte umwandelte. Es war die Umarmung der Kontrolle.

Er ballte die Hand zur Faust. Der Schmerz war immer da, ein stiller, tief sitzender Brand in seinem Knochenmark, aber Arkan hatte gelernt, ihn nicht zu fühlen. Er benutzte den Schmerz. Er war ein Katalysator. Er war der Preis, den er gerne zahlte, um die Illusion der Freiheit endgültig zu beenden.

"Ich weiß, dass Ihr dort seid", sagte Arkan, seine Stimme war weder laut noch befehlend. Sie war faktisch.

Aus dem Schatten eines kolossalen Pfeilers, der nur noch zur Hälfte stand, trat eine Gestalt. Es war kein Mensch der Schatten-Garde, sondern ein Sucher. Eine Kreatur, deren Rüstung aus geschwärztem, glänzendem Stahl bestand und deren Kopf keine Augen besaß, nur eine tiefe, unendliche Leere.

Der Sucher neigte den Kopf, eine Geste, die seltsam höflich wirkte.

II. Die Konsequenz der Toleranz

"Der Konvoi ist am Tor aufgebrochen. Ich habe nur die unwichtigen Spuren beseitigen lassen", sagte Arkan. Er drehte sich nicht um. Er sah auf das, was vom Thron des Rats übrig war – eine Masse aus geschmolzenem Glas und Stein.

Der Sucher antwortete mit einem zischenden Geräusch, das mehr nach Reibung als nach Sprache klang. Sie fragen, warum Ihr die Jagd so schnell beendet habt, Ratsherr.

Arkan atmete langsam ein, eine Handlung, die in dieser Szene fast sakrilegisch wirkte. "Der Knabe, Elias. Er war der Schlüssel. Er ist es immer noch. Er ist nicht nur ein Träger. Er ist ein Bote."

Er erklärte es nicht dem Sucher, sondern sich selbst.

"Das Leere Gefäß zieht seine Energie an sich, stimmt's? Es ist ein Vakuum. Es will ganz sein. Und was es will, das fordert es. Er hält die Fragmente nicht in der Hand. Er wird zu ihnen gezogen."

Arkan blickte auf den Handschuh. Sein Handschuh. Er spürte, wie die Schattenmagie in Elias’ rechtem Arm durch das Band mit ihm verwachsen war. Es war keine Kontrolle. Es war eine Leine. Eine kalte, unsichtbare Leine.

"Wären wir ihnen gefolgt", fuhr Arkan fort, seine Stimme klar und logisch, "hätte der Knabe seine Wut entfesselt. Die chemische Reaktion hätte ihn gebrochen, ja, aber die Fragmente wären in alle Winde zerstreut worden. Sie wären für uns unauffindbar."

Er machte eine Pause, seine Augen verengt.

"Wir mussten ihm die Illusion der Freiheit geben. Er muss glauben, dass er gewählt hat. Er muss glauben, dass er die Welt retten will. Denn diese emotionale Motivation ist der Treibstoff, der das Amulett in die Wüste Ashara treibt. Er wird sie für uns einsammeln."

Der Sucher schwankte, eine Art stummes Einverständnis.

III. Die wahre Geißel

Arkan drehte sich nun langsam um. Sein Blick traf die Stelle, wo der Sucher seine Augen hätte haben sollen. "Ihr habt nur einen Fehler gemacht. Ihr habt Angst vor Elion. Ihr seht in ihm den Prinz des Schattens."

"Aber ich", Arkans Blick wurde schärfer, "ich sehe in Elion den Gefangenen. Er hält das Ur-Chaos (Anaxi) seit Äonen im Berg fest. Er ist kein König. Er ist ein Märtyrer. Und jeder Tag, den er diese Last trägt, schwächelt er mehr."

Arkan streckte den Schwarzen Handschuh aus. Er schien das Licht aus dem Mondlicht über ihnen zu trinken.

"Die wahre Geißel ist nicht das Chaos, das er hält. Es ist die Ordnung, die wir zerstören. Wir sind die Heilmittel. Wir müssen das Amulett stabilisieren und zum Berg bringen. Elias wird ihm die Fragmente liefern. Dann werden wir Elion befreien – oder besser gesagt, ihn ersetzen."

Der Sucher zischte erneut, aber es war ein Geräusch der Unterwerfung.

IV. Der Riss und das Echo

Arkan schloss die Augen. Er fühlte die Resonanz des Schwarzen Handschuhs in seinem Arm, die Leine, die sich bis in Elias’ Hand spannte. Durch diese Verbindung konnte er Elias’ Zustand fühlen.

Er fühlt die Kälte des Amuletts. Er glaubt, sie sei seine Rettung. Er wird süchtig.

Arkan lächelte, ein winziges, fast unsichtbares Zucken um seine Lippen. Das Lächeln drang nicht bis zu seinen Augen durch.

"Der Riss im Amulett", sagte Arkan leise. "Er ist mein größter Verbündeter."

Er hob seine linke, unversehrte Hand und berührte sanft das Dunkel des Handschuhs.

"Jedes Mal, wenn er die Fragmente nutzt, wird der Riss wachsen. Die Entropie des Amuletts wird sich verstärken. Er wird süchtig nach der Kälte in der Wüste. Er wird zu einem lebenden Vakuum, unfähig, Wärme zu empfangen oder zu geben. Er wird seine Freunde anlügen. Er wird die Wahrheit verstecken."

Der Riss zieht nicht nur Energie an. Er zieht Konsequenzen an.

Arkan drehte sich langsam um und blickte auf die brennenden, rauchenden Ruinen der Stadt Seraphis. Er sah nicht das Chaos. Er sah das Fundament für etwas Neues.

"Er wird die Fragmente zu uns bringen. Und wenn er hier ankommt", Arkans Stimme wurde zu einem Versprechen, "wird er leerer sein als das Gefäß selbst. Er wird keine Kraft mehr haben, uns aufzuhalten. Der Bote wird seinen Preis bezahlt haben."

Der Sucher sank in die Knie. Arkan nickte kurz.

Arkan hob seine rechte Hand. Der Schwarze Handschuh glühte schwach. Er spürte die Verbindung. Den dünnen Faden aus Schattenmagie, der sich durch hunderte Kilometer Wüste spannte, direkt zu Elias' rechtem Arm.

Er konnte ihn nicht sehen. Nicht direkt. Aber er konnte ihn fühlen. Jedes Mal, wenn Elias das Amulett benutzte, pulsierte die Leine. Ein Echo. Ein Herzschlag.

Und durch diesen Herzschlag konnte Arkan flüstern.

Keine Befehle. Keine Kontrolle. Die Leine war zu dünn dafür. Aber er konnte Gedanken einfließen lassen. Zweifel. Ängste. Seine Stimme, gemischt mit Elias' eigener.

Du bist ein Monster. Du tötest, wo du gehst. Sie fürchten dich.

Es waren keine Lügen. Es waren Wahrheiten, die Elias bereits kannte. Arkan verstärkte sie nur. Psychologische Zermürbung. Das war die wahre Macht der Leine.

Nicht Kontrolle. Verzweiflung.

Der Ratsherr drehte sich um und ging. Die Schatten in der Halle schienen ihm folgen. Sie waren ihm treu. Er war die Ordnung in der Dunkelheit. Er war das kalte Kalkül.

Er verschwand in den Trümmern, nur das leise Kratzen seiner polierten Stiefel auf dem zerbrochenen Marmor zeugte von seiner Anwesenheit. Zurück blieb nur die Stille, die nun eine drohende Leere war.