NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 1: Der Schatten des Turms
Der Himmel über dem Grenzland war kein Gewölbe aus Luft und Weite; er war ein Deckel aus heißem, weißem Blei, der sich langsam auf die Welt herabsenkte, um alles Leben darunter zu erdrücken. Es gab keine Wolken, die Schatten spendeten, keinen Wind, der vom Meer herüberwehte und Linderung versprach. Es gab nur die Sonne. Sie stand im Zenit, ein stechendes, blendendes Auge, das die Farben aus der Landschaft bleichte, bis der rote Fels und das graue Dorngestrüpp in einem flimmernden Dunst aus staubigem Weiß verschwammen.
Elias setzte einen Stiefel vor den anderen. Der Boden war hart, eine Kruste aus gebackenem Lehm und scharfkantigem Kies, die bei jedem Tritt knirschte. Das Geräusch war laut in der Stille, ein rhythmisches Mahlen, das sich in seinen Kopf bohrte. Knirsch. Schritt. Knirsch. Schritt. Er zählte nicht mehr. Er ging einfach.
Sein Körper war eine Karte aus Schmerz und Erschöpfung, ein Relikt der Flucht aus Seraphis, das nur noch durch Willenskraft zusammengehalten wurde. Aber in dieser Hölle aus Hitze spürte er etwas anderes. Er spürte Kälte.
Sie ging von seiner Brust aus, dort, wo das Leere Gefäß unter den Stofflagen seiner zerschlissenen Tunika auf seinem Brustbein lag. Es war keine angenehme Kühle, wie der Schatten eines Baumes oder ein Schluck Wasser. Es war eine aggressive, chemische Kälte, die sich wie Efeu in seine Rippen fraß. Das Amulett war aktiv. Es schlief nicht. Es trank.
Es sog die unbarmherzige thermische Energie der Wüste gierig in sich hinein, ein schwarzes Loch, das physikalische Gesetze ignorierte. Elias spürte, wie der Schweiß auf seiner Stirn gefror, bevor er verdunsten konnte. Seine Haut fühlte sich taub an, prickelnd, als würde das Blut in seinen Adern kristallisieren. Es war ein Kühlschrank-Effekt, pervers und lebensrettend zugleich. Während seine Freunde hinter ihm unter der Last der Hitze keuchten und wankten, ging Elias in einer privaten Blase aus Winter. Er hätte zittern müssen, aber er tat es nicht. Die Kälte war zu einer Droge geworden. Sie betäubte nicht nur seine Haut; sie betäubte seine Angst. Sie flüsterte ihm zu, dass er sicher sei, solange er das Gefäß fütterte. Dass er überlegen sei.
Er hob seine rechte Hand. Der schwarze Handschuh, das Geschenk Arkans, glänzte ölig im gleißenden Licht. Das Leder war heiß, wenn er es mit der anderen Hand berührte, aber im Inneren herrschte absolute Null. Die silbernen Fäden, die in das Material gewoben waren, pulsierten schwach, synchron zu seinem verlangsamten Herzschlag. Er war eine Maschine geworden. Ein Konverter für Entropie.
Hinter ihm stolperte jemand. Das Geräusch von rutschendem Geröll, gefolgt von einem unterdrückten Fluchen. Elias blieb nicht stehen, aber er verlangsamte seinen Schritt, bis das knirschende Geräusch der anderen wieder aufschloss. Er drehte den Kopf leicht zur Seite, ohne den Blick vom flimmernden Horizont zu nehmen.
Tarek war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Söldner, dessen breite Schultern einst das Gewicht einer ganzen Frontlinie hätten tragen können, war eingefallen. Sein Gesicht war grau unter der Schicht aus rotem Staub, die in seinen Bartstoppeln klebte. Die Narbe an seiner Wange leuchtete wütend rot, ein Kontrast zu der fahlen Haut. Er trug Jory auf dem Rücken.
Der Junge hing schlaff in den provisorischen Riemen, die sie aus den Resten ihrer Umhänge geknotet hatten. Sein geschientes Bein baumelte bei jedem Schritt, und obwohl er bewusstlos war – oder vielleicht gerade deshalb –, war er schwer. Totes Gewicht. Die Last der Unschuld in einer Welt, die keine Unschuld mehr duldete.
Tarek humpelte. Die Wunde an seiner Seite, jene, aus der Elias das Schattengift gesaugt hatte, war zwar geschlossen, aber der Körper erinnerte sich an das Trauma. Jeder Schritt, den Tarek mit dem linken Bein machte, sandte eine Welle von Schmerz durch seinen Körper, die so heftig war, dass Elias sie fast körperlich spüren konnte. Tarek atmete rasselnd, ein nasses, ungesundes Geräusch, aber er blieb nicht stehen. Er setzte einen Fuß vor den anderen, stur, trotzig, getrieben von einer Pflicht, die er niemandem erklärt hatte.
"Wir müssen... rasten", krächzte Lyra von weiter hinten. Ihre Stimme war dünn, kaum mehr als ein Hauch, der sofort von der trockenen Luft verschluckt wurde.
Elias drehte sich nun ganz um. Er sah Lyra. Die Heilerin wirkte zerbrechlich, als würde der Wind sie fortwehen, wenn er nur stark genug bliese. Ihre Haut war verbrannt von der Sonne, ihre Lippen aufgesprungen und blutig. Sie hatte ihre Hände in den Ärmeln ihrer Tunika verborgen – eine Schutzgeste, oder Scham über ihre verlorene Gabe. Sie stützte Marcus, der neben ihr ging wie ein Blinder.
Marcus hatte die Orientierung verloren, lange bevor sie das Ödland verlassen hatten. Ohne seine Brille, deren eines Glas zerbrochen war, war die Welt für ihn ein verschwommener Albtraum aus Licht und Schatten. Er klammerte sich an seine Ledertasche, in der die Karte und das Logbuch steckten, als wären sie sein Sauerstoff. Er murmelte vor sich hin, endlose Reihen von Zahlen, Berechnungen über Wasserverlust und Wegstrecke, die keinen Sinn mehr ergaben, weil die Variablen – Hitze, Erschöpfung, Verzweiflung – nicht messbar waren.
"Keine Rast", sagte Clara. Sie ging als Letzte, den Blick stur nach hinten gerichtet, dorthin, wo sie hergekommen waren, als würde sie erwarten, dass Arkan persönlich aus dem Boden wächst. Sie hatte ihr Langschwert gezogen, obwohl es keinen Feind gab, nur Steine und Licht. Sie nutzte es als Gehstock, stützte sich schwer auf den Knauf. "Wenn wir uns hinsetzen... stehen wir nicht mehr auf."
Ihre Stimme war hart, aber Elias hörte die Angst darin. Clara war die Klinge, aber selbst Stahl wird weich, wenn man ihn lange genug ins Feuer hält. Sie schob sich an Tarek heran, legte eine Hand an seinen Ellbogen, um ihn zu stützen, ohne ihm die Würde zu nehmen, allein zu gehen.
"Wasser", wimmerte Jory auf Tareks Rücken. Es war ein leises, delirierendes Wort, aber es traf sie alle wie ein Peitschenhieb.
Tarek blieb stehen. Er schwankte. Er versuchte, seinen Kopf zu heben, um Elias anzusehen, aber sein Nacken schien das Gewicht nicht mehr tragen zu können. Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, grub helle Furchen in den Staub.
"Der Junge...", begann Tarek, musste aber abbrechen, um zu husten. Es war ein trockenes, bellendes Husten. "Er braucht..."
"Wir haben nichts mehr", sagte Zara. Die Diebin kauerte im Schatten eines kleinen Felsvorsprungs, den sie im Vorbeigehen gefunden hatte. Sie war die Einzige, die noch halbwegs wach wirkte, ihre Augen scannten permanent den Horizont, suchten nach Bewegung, nach Gefahr, nach Möglichkeiten. Aber selbst sie wirkte geschrumpft, ihre Bewegungen waren sparsamer, langsamer. Sie schüttelte den letzten Wasserschlauch. Er gab keinen Laut von sich. Leer.
Elias blickte auf die Gruppe. Sechs Menschen. Ein halber Liter Wasser. Und eine unendliche Wüste vor ihnen. Er spürte keine Panik. Das Amulett hatte die Panik gefressen. Er spürte nur eine kalte, klare Logik.
"Wir gehen weiter", sagte er. Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren, tief und resonanzlos, als käme sie aus einem Brunnen. "Dort vorne..." Er deutete vage nach Osten, wo die Hitzewellen die Luft zu flüssigem Glas verzerrten. "...dort ändert sich das Gelände. Felsen. Schatten."
"Du siehst Dinge, die nicht da sind, Elias", flüsterte Marcus und rieb sich die tränenden Augen. "Fata Morgana. Lichtbrechung in thermischen Schichten."
"Ich sehe den Weg", log Elias. Er sah keinen Weg. Er spürte nur den Zug. Das Amulett wollte nach Osten. Es zog ihn wie ein Haken im Fleisch. Und er wusste, dass er folgen musste, oder das Ding an seiner Brust würde ihn verzehren, um seinen Hunger zu stillen.
Er trat auf Tarek zu. Die Kälte, die von ihm ausstrahlte, traf den Söldner. Tarek zuckte zusammen, wich aber nicht zurück. Er sah Elias in die Augen. Er sah die Veränderung. Die grauen Augen des Jungen waren zu hell, zu starr.
"Gib mir den Jungen", sagte Elias.
Tarek schüttelte den Kopf, eine winzige, sture Bewegung. "Nein. Du... du führst. Ich trage."
"Du brichst gleich zusammen, Tarek. Und wenn du fällst, fällt Jory." Elias streckte die Hände aus. Die behandschuhte Rechte und die linke, auf der sich bereits feine Frostblumen bildeten.
"Fass ihn nicht an", sagte Clara scharf. Sie war herangekommen. Sie stand zwischen Elias und Tarek, das Schwert nun halb erhoben. "Nicht mit... diesem Ding." Sie blickte auf den schwarzen Handschuh. "Er ist schon krank genug. Er braucht keine Kälte."
Elias ließ die Hände sinken. "Ich will nur helfen."
"Dann finde Wasser", sagte Clara. "Finde einen Ausweg. Aber fass uns nicht an."
Der Vorwurf hing in der heißen Luft, schwerer als die Sonne. Elias sah in ihre Gesichter. Er sah Angst. Nicht vor der Wüste. Vor ihm. Vor dem, was er wurde. Er war ihr Anführer, aber er war auch ihr Monster.
Er nickte langsam. "Gut. Dann gehen wir weiter."
Er drehte sich um und marschierte los. Er wartete nicht. Er wusste, dass sie folgen würden. Sie hatten keine andere Wahl. Er hörte das Schlurfen ihrer Schritte hinter sich, das Keuchen, das Knirschen. Er konzentrierte sich auf das Amulett. Zieh mich, dachte er. Zieh mich irgendwohin, wo wir nicht sterben.
Und das Amulett antwortete. Es pulsierte. Einmal. Zweimal. Ein Herzschlag aus Eis gegen seine Rippen. Und mit dem Puls kam ein Bild in seinen Kopf, kurz und scharf wie ein Blitzschlag.
Ein Turm. Schwarz und zerbrochen. Und Schatten, die sich in seinem Fuß sammelten.
Elias blinzelte. Das Bild verschwand. Vor ihm lag nur die flimmernde Ebene. Aber er wusste, dass es keine Halluzination war. Es war ein Ziel.
"Weiter", flüsterte er in den Stoff vor seinem Mund. "Wir sind noch nicht tot."
Der Nachmittag kroch über das Grenzland wie eine sterbende Bestie, langsam und qualvoll. Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten, aber die Hitze ließ nicht nach; sie veränderte nur ihre Qualität. War sie am Mittag ein stechender, weißer Schmerz gewesen, so legte sie sich nun wie eine schwere, erstickende Decke aus Blei auf ihre Schultern. Die Schatten der Felsen wurden länger, verzerrten sich zu grotesken Klauen, die über den rissigen Boden griffen, aber sie spendeten keine Kühle. Der Stein selbst hatte die Hitze des Tages gespeichert und strahlte sie nun ab, sodass die Luft von unten genauso brannte wie von oben.
Elias ging immer noch voran, aber sein Schritt hatte etwas von der mechanischen Präzision eines Uhrwerks verloren. Er stolperte nicht vor Erschöpfung, sondern vor Entrückung. Die Kälte des Amuletts hatte sich ausgebreitet. Sie saß nicht mehr nur in seiner Brust oder in dem toten Fleisch seines rechten Arms. Sie war in seinen Kopf gekrochen. Es fühlte sich an, als hätte jemand Eiswasser in seine Ohren gegossen, das die Geräusche der Außenwelt dämpfte. Das Keuchen von Tarek, das Schleifen von Zaras Stiefeln im Sand, das Wimmern von Jory – all das klang weit entfernt, wie Geräusche vom anderen Ufer eines breiten Flusses.
In Elias’ Wahrnehmung gab es nur noch das Pochen des Kristalls. Es war ein rhythmisches, sedierendes Wummern, das seinen eigenen Herzschlag überlagerte. Kalt. Sicher. Stark. Die Worte waren keine Gedanken, sie waren Impulse, die das Amulett direkt in sein Nervensystem speiste. Er ertappte sich dabei, wie er die Augen schloss, während er ging, und sich vollkommen der Sensation hingab. Es war verlockend, einfach stehenzubleiben. Sich hinzulegen. Sich in dieser privaten Arktis zusammenzurollen und zu schlafen, während die Welt um ihn herum verbrannte.
"Elias!"
Der Ruf war scharf, riss ihn zurück an die Oberfläche. Er blinzelte, drehte sich schwerfällig um. Clara stand zehn Schritt hinter ihm. Sie hatte ihr Tuch vom Mund gezogen, ihre Lippen waren rissig und bluteten leicht. Sie deutete auf den Boden.
"Du verlierst den Weg", sagte sie. Ihre Stimme war heiser, aber der Vorwurf darin war klar wie Glas. "Du läufst im Kreis."
Elias blickte nach unten. Tatsächlich. Seine Spuren im weißen Staub bildeten einen leichten Bogen, der sie langsam, aber sicher von ihrer östlichen Route abbrach. Er hatte es nicht bemerkt. Er war dem Zug des Amuletts gefolgt, aber das Amulett kümmerte sich nicht um Geografie. Es kümmerte sich nur um Nahrung.
"Die Hitzeflimmern...", murmelte er als Ausrede, aber er wusste, dass sie ihm nicht glaubte.
"Wir müssen rasten", sagte Zara, die neben Marcus ging. Sie stützte den Gelehrten, der nun fast gänzlich sein Gewicht an sie abgegeben hatte. Marcus’ Gesicht war rot, fleckig, seine Augen hinter der kaputten Brille starrten ins Leere. Er murmelte Formeln, die keinen Sinn ergaben, berechnete den Winkel von Schatten, die nicht existierten. "Der Gelehrte kippt gleich um. Und Tarek..."
Sie ließ den Satz offen, aber der Blick auf den Söldner sagte alles. Tarek war auf ein Knie gesunken. Er hielt Jory immer noch mit einer Hand auf seinem Rücken fest, die andere stützte sich auf den Boden, die Finger tief in den heißen Sand gegraben. Sein Kopf hing tief. Tropfen von Schweiß fielen von seiner Nase und zischten leise, als sie den Stein trafen.
"Nur fünf Minuten", presste Tarek hervor, ohne aufzusehen. "Nur... Luft holen."
Elias nickte. Er spürte eine Welle der Erleichterung, die nichts mit Mitleid zu tun hatte, sondern mit dem egoistischen Bedürfnis, sich wieder in die Kälte fallen zu lassen. "Dort", sagte er und deutete auf eine Gruppe von mannshohen Felsnadeln, die wie versteinerte Finger aus dem Boden ragten. "Schatten."
Sie schleppten sich in den spärlichen Schutz der Felsen. Es war kein echter Schatten; die Luft stand hier genauso heiß wie draußen, aber das direkte Brennen der Sonne war weg. Tarek ließ Jory vorsichtig von seinem Rücken gleiten. Der Junge wimmerte, als sein geschientes Bein den Boden berührte, wachte aber nicht auf. Lyra war sofort bei ihm, benetzte seine Lippen mit einem Tropfen Wasser aus dem fast leeren Schlauch. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Tropfen fast verschüttet hätte.
Elias setzte sich etwas abseits von der Gruppe. Er lehnte sich gegen einen Felsen. Der Stein war heiß, brannte durch seine Tunika, aber das Amulett reagierte sofort. Es sog die Hitze aus dem Fels, aus der Luft, aus Elias’ Rücken. Innerhalb von Sekunden war der Stein hinter ihm eiskalt. Elias seufzte. Es war ein Geräusch purer, körperlicher Befriedigung, fast obszön in der Agonie der anderen.
Er zog die Knie an die Brust, schlang die Arme darum. Der schwarze Handschuh an seiner rechten Hand lag auf seinem linken Unterarm. Er spürte die Kälte durch das Leder. Es fühlte sich an wie Zuhause. Wie der Winter in Aetherholm, bevor die Schatten kamen. Sicher, flüsterte das Amulett. Hier kann dir nichts passieren.
Er schloss die Augen und driftete ab. Er merkte nicht, wie sich die Umgebung veränderte.
Um ihn herum, dort wo sein Körper den Boden berührte und wo seine Aura die Luft kühlte, begann die Wüste zu sterben – oder vielmehr, das wenige Leben, das sie noch besaß, aufzugeben. Ein Büschel zähes Wüstengras, das in einer Felsspalte neben seinem Ellbogen wuchs, verlor schlagartig seine Farbe. Das blasse Grün wurde grau, dann schwarz. Es verdorrte nicht langsam; es zerfiel, als wäre ihm jede Sekunde an Zeit und jede Unze an Energie in einem Herzschlag entzogen worden. Der Sand unter Elias’ Stiefeln veränderte sich ebenfalls. Die weißen Quarz-Kristalle wurden stumpf, dunkel, als würde das Licht selbst aus ihnen herausgesaugt.
Ein kleiner Käfer, gepanzert gegen die Sonne, krabbelte über Elias’ Stiefelspitze. In dem Moment, als er in den Radius des Amuletts geriet, erstarrte er. Er fiel auf die Seite, die Beine angezogen. Tot. Erfroren in der Hitze.
Elias bemerkte nichts davon. Er war in seiner Trance.
Aber Clara bemerkte es.
Die Kriegerin saß gegenüber, an Tarek gelehnt, und kaute auf einem Stück trockenem Leder, um den Speichelfluss anzuregen. Ihre Augen ruhten auf Elias. Sie sah das Gras sterben. Sie sah den schwarzen Fleck, der sich wie ein Ölfleck um ihren Freund ausbreitete. Ihre Hand wanderte langsam, fast instinktiv, zum Griff ihres Schwertes.
Es war keine Drohung. Es war Angst. Sie hatte gesehen, was im Atrium passiert war. Sie hatte gesehen, wie Elias Arkan die Macht entzogen hatte. Und jetzt sah sie, wie er der Wüste das Leben entzog, nur um sich wohlzufühlen. Er war ein Parasit geworden, dachte sie, und schämte sich sofort für den Gedanken. Er war ihr Bruder. Er trug die Last für sie alle. Aber der Schatten, den er warf, wurde mit jedem Tag dunkler.
Sie sagte nichts. Sie beobachtete nur. Die stille Sorge fraß an ihr, schlimmer als der Durst.
"Wasser", flüsterte Marcus. Er lag auf dem Rücken, den Arm über die Augen gelegt. "Die Verdunstungsrate... wir müssen den Verlust ausgleichen. Die kognitive Funktion sinkt unter dreißig Prozent."
"Halt die Klappe, Marcus", sagte Zara, aber ihre Stimme war weich, ohne ihren üblichen Biss. Sie saß neben ihm und versuchte, mit einem Stück Stoff Schatten auf sein Gesicht zu wedeln. "Spar dir den Atem."
Tarek richtete sich mühsam auf. Er blickte zu Jory. Der Junge atmete flach, seine Haut war trocken und heiß wie Pergament.
"Er schafft es nicht bis zum Abend", sagte Tarek leise. Es war keine Klage, nur eine soldatische Einschätzung der Lage.
Lyra blickte auf, Tränen standen in ihren Augen, die nicht fallen wollten, weil sie keine Flüssigkeit mehr hatte. "Sag das nicht. Wir finden Wasser. Elias hat gesagt..."
"Elias ist high", knurrte Tarek leise, sodass nur die Gruppe es hören konnte, nicht der Junge da drüben im Kälteschlaf. Er nickte zu Elias hinüber. "Sieh ihn dir an. Er friert nicht. Er schwitzt nicht. Er ist nicht hier."
Tarek griff nach seiner Feldflasche. Er schüttelte sie. Ein klägliches Plätschern. Ein halber Schluck. Vielleicht zwei. Er kroch zu Jory. Er hob den Kopf des Jungen an.
"Trink", flüsterte er.
"Nein", murmelte Jory im Schlaf. "Für dich... Tarek... du blutest."
Tarek lächelte, und das verkrustete Blut auf seiner Lippe riss auf. "Ich blute nicht mehr, Kleiner. Mir geht's gut. Ich habe getrunken, als du geschlafen hast."
"Du lügst", hauchte Jory, die Augenlider flatterten.
"Ja", sagte Tarek und drückte die Flasche an Jorys Lippen. "Aber es ist eine gute Lüge."
Er zwang den Jungen, den letzten Rest zu trinken. Clara sah zu. Sie sah, wie Tarek selbst trocken schluckte, wie sein Hals sich krampfhaft bewegte. Sie sah das Opfer. Und sie sah den Unterschied zwischen dem Mann, der sein letztes Wasser gab, und dem Jungen, der die Kälte nahm.
Ein Windstoß fegte durch die Felsnadeln. Er brachte keine Kühlung, nur Staub. Roter, feiner Staub, der in den Augen brannte. Aber er brachte auch ein Geräusch.
Elias riss die Augen auf. Die Trance brach. Die Kälte wich einen Zentimeter zurück, und die Hitze schlug wieder über ihm zusammen. Er atmete scharf ein.
"Habt ihr das gehört?", fragte er.
"Ich höre nur mein eigenes Blut rauschen", stöhnte Marcus.
"Nein", sagte Zara. Sie war aufgesprungen, lauschte in den Wind. "Da ist noch was."
Es war ein tiefes, vibrierendes Grollen. Nicht wie Donner. Eher wie das Mahlen von riesigen Steinen tief unter der Erde. Oder wie tausend Hufe, die im Gleichklang aufschlagen.
Elias stand auf. Die Bewegung war ruckartig. Er sah den schwarzen Kreis aus totem Gras um seine Füße und trat schnell heraus, verwischte die Spuren mit dem Stiefel, als wollte er eine Schandtat verbergen. Er kletterte auf den Felsen, an dem er gelehnt hatte, ignorierte die Hitze des Steins, die durch seine Handschuhe drang.
Er blickte nach Westen. Zurück.
Dort, am Horizont, wo die Flimmerhitze den Himmel mit dem Boden verschweißte, war etwas. Eine Wolke. Aber es war keine normale Staubwolke. Sie war zu dunkel, zu kompakt. Sie sah aus wie ein blauer Fleck auf der Haut der Wüste.
Und sie bewegte sich. Schnell. Viel zu schnell für den Wind.
"Was siehst du?", rief Clara von unten.
Elias kniff die Augen zusammen. Das Amulett an seiner Brust zuckte. Ein nervöser Stich. Es erkannte etwas in dieser Wolke. Eine Signatur.
"Staub", sagte Elias. "Aber er ist nicht natürlich."
Die Wolke am Horizont wuchs nicht wie ein Wetterphänomen; sie wuchs wie ein Geschwür. Sie quoll über den Rand der Welt, fraß das Blau des Himmels und ersetzte es durch ein schmutziges, vibrierendes Violett, das in den Augen schmerzte. Es war kein Sandsturm, wie Tarek ihn aus den Geschichten der Nomaden kannte – eine Wand aus reinigendem Grit. Dies hier war eine Wand aus Dunkelheit, durchzogen von Blitzen, die keinen Donner erzeugten, sondern ein statisches Knistern, das die feinen Härchen auf den Armen aufstellte und einen metallischen Geschmack auf die Zunge legte.
"Schattenreiter", flüsterte Clara. Sie hatte ihr Schwert gezogen, aber die Klinge zitterte in ihrer Hand. Gegen Feinde aus Fleisch und Blut wusste sie sich zu wehren, aber wie kämpfte man gegen eine Naturgewalt, die von einem toten Willen gesteuert wurde?
Elias starrte in die herannahende Finsternis. Er spürte keine Angst vor dem Sturm. Er spürte eine perverse Verwandtschaft. Das Amulett an seiner Brust vibrierte im gleichen Rhythmus wie die violetten Blitze dort draußen. Es war, als würden zwei Magneten einander suchen. Aber dann änderte sich das Gefühl. Die angenehme Kälte, die ihn den ganzen Tag betäubt hatte, wurde plötzlich scharf. Aggressiv.
Und dann hörte er ihn.
Ich sehe dich, Elias.
Die Stimme kam nicht durch den Wind. Sie kam nicht durch seine Ohren. Sie kroch direkt aus dem Knochenmark seines rechten Arms, pulsierte durch die schwarzen Lederfasern des Handschuhs und bohrte sich in seinen Verstand. Es war Arkans Stimme – kultiviert, ruhig, väterlich und absolut terrifizierend.
Elias schrie auf. Er griff mit seiner linken Hand nach seinem rechten Arm, krallte die Finger in das Fleisch oberhalb des Handschuhs, als wollte er das Glied vom Körper reißen, um die Stimme zum Schweigen zu bringen.
"Raus!", brüllte er in die Stille der Wüste, die nun vom Heulen des aufkommenden Windes zerrissen wurde. "RAUS AUS MEINEM KOPF!"
Clara wich zurück, die Augen weit aufgerissen. Sie sah niemanden. Sie sah nur Elias, der mit sich selbst kämpfte, als würde ein unsichtbarer Dämon auf seinen Schultern sitzen.
"Elias?", rief sie, ihre Stimme dünn gegen das Grollen der Wolke. "Was ist los?"
Du kannst nicht weglaufen, flüsterte der Handschuh, und Elias spürte, wie sich die silbernen Fäden im Leder zusammenzogen, wie sie seine Hand zu einer Faust ballten, ohne dass er es wollte. Du trägst mich bei dir. Jeder Schritt, den du tust, ist ein Schritt zu mir. Jedes Mal, wenn du die Kälte nutzt, öffnest du mir die Tür ein Stück weiter.
"Nein!", keuchte Elias. Er fiel auf die Knie, rammte die behandschuhte Faust in den harten Sand, schlug wieder und wieder auf den Boden ein, bis der Fels unter dem magisch verstärkten Leder splitterte. "Ich bin nicht dein Werkzeug! Ich bin... ich bin..."
Du bist leer, antwortete Arkan sanft. Und ich bin das Einzige, was dich füllen kann.
"Er halluziniert", stellte Marcus fest. Er stand hinter Clara, die Hände krampfhaft um seine Tasche geklammert. Er versuchte, das Phänomen zu analysieren, Abstand zu gewinnen durch Diagnose. "Hitzeschlag. Dehydration. Oder... psychotrope Resonanz durch das Artefakt."
"Es ist mir egal, was es ist!", rief Zara. Sie deutete auf die Wolke, die nun bedrohlich nah war. Die ersten Ausläufer des Sturms peitschten über den Boden, wirbelten Sand auf, der nicht weich war, sondern scharf. "Das da ist echt. Und es wird uns häuten, wenn wir hier stehenbleiben."
Tarek hatte sich aufgerichtet. Er schwankte, aber sein Blick war klar. Er sah den Sturm. Er sah die Art, wie der Sand in der Luft glitzerte.
"Glas", sagte er rau. "Das ist kein Sandsturm. Das ist ein Glas-Sturm."
Die Wüste Ashara war uralt. Und in den Kriegen der Vorzeit war der Sand hier so heiß geworden, dass er geschmolzen und wieder kristallisiert war. Der Wind trug keine runden Körner. Er trug mikroskopisch kleine Splitter. Rasiermesser aus Silizium.
"Wenn das uns trifft", sagte Tarek und blickte auf ihre zerschlissene Kleidung, auf die ungeschützte Haut von Jorys Gesicht, "schneidet es uns das Fleisch von den Knochen."
Elias hörte auf, auf den Boden zu schlagen. Der Schmerz in seiner Hand, der psychische Druck von Arkan, all das trat in den Hintergrund vor der unmittelbaren physischen Bedrohung. Er sah auf. Er sah seine Freunde. Er sah die Angst in ihren Augen – nicht vor Arkan, sondern vor dem Tod, der als Wand auf sie zukam.
Er musste aufstehen. Er musste der Anführer sein, den sie brauchten, auch wenn er sich innerlich wie ein Verräter fühlte. Er drückte die Stimme Arkans in einen mentalen Käfig, schloss die Tür zu, verriegelte sie mit Wut.
"Wir müssen uns verbinden", sagte er. Seine Stimme war heiser, aber fest. Er stand auf, wischte sich den Sand von den Knien. "Die Sicht wird gleich null sein. Wenn wir uns verlieren, finden wir uns nie wieder."
Marcus nickte hektisch. Er verstand die Logik. Er kramte in seinem Rucksack, seine Finger zitterten so stark, dass er den Knoten kaum aufbekam. Er zog das Seil hervor, das sie am Flussufer von dem Wrack gerettet hatten. Es war alt, ausgefranst, roch nach Teer und Salzwasser, aber es war fest.
"Zusammenbinden", kommandierte Tarek. Er übernahm die Führung, der alte Söldnerinstinkt brach durch die Schicht aus Schmerz und Fieber. "Schlinge um die Taille. Doppelter Knoten. Zwei Meter Abstand."
Sie arbeiteten hastig, ihre Bewegungen unkoordiniert durch die Panik, die wie elektrische Ladung in der Luft lag. Zara half Marcus, dessen Hände zu ungeschickt waren. Clara band Jory an Tarek fest, wickelte ihn zusätzlich in die letzten Reste der Decken, um sein Gesicht zu schützen. Lyra stand zitternd da, während Elias das Seil um ihre Taille knotete.
Er vermied es, sie anzusehen. Er spürte ihre Angst, die von ihr abstrahlte wie Hitze. Und er spürte den Hunger des Amuletts, das diese Angst trinken wollte. Er zog den Knoten fest, vielleicht zu fest.
"Elias", flüsterte sie. "Deine Augen... sie leuchten."
"Das ist nur das Licht", log er. Er band sich selbst ans Ende der Kette. Er war der Anker. Oder das Gewicht.
Der Sturm traf sie nicht allmählich. Er traf sie wie ein physischer Schlag.
In einer Sekunde war da noch der rote Abendhimmel. In der nächsten war die Welt ein brüllendes, kreischendes Chaos aus Weiß und Violett. Der Wind war so laut, dass Elias seinen eigenen Schrei nicht hören konnte. Und der Sand... Tarek hatte recht gehabt. Es war Glas.
Millionen winziger Nadelstiche trafen ihn gleichzeitig. Er riss den Arm hoch, schützte sein Gesicht mit dem behandschuhten Unterarm. Er spürte, wie der Stoff seiner Tunika zerriss, wie die Splitter seine Haut aufrauhten. Es brannte wie Feuer.
Aber das Amulett reagierte. Es bildete keine Kuppel, keinen Schild wie im Atrium. Es tat etwas Subtileres. Es verstärkte die Kälte. Es ließ eine hauchdünne Schicht aus Reif auf Elias’ Haut wachsen, eine Rüstung aus Eis, die die Glassplitter abfing, bevor sie tief eindringen konnten. Er war geschützt. Aber nur er.
Vor ihm, am anderen Ende des Seils, sah er die Schemen seiner Freunde. Sie krümmten sich. Sie stolperten. Das Seil spannte sich, zerrte an seiner Taille.
"Weiter!", brüllte er, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören konnten. Er zog am Seil. Ein Ruck, um ihnen die Richtung zu geben.
Sie mussten weiter. Sie konnten hier draußen nicht bleiben. Aber wohin?
Elias kniff die Augen zusammen, blinzelte durch den Spalt zwischen Handschuh und Kapuze. Die Welt war ausgelöscht. Es gab keinen Horizont mehr, keinen Boden, keinen Himmel. Nur wirbelndes, schneidendes Weiß.
Magie. Er brauchte Magie, um zu sehen. Aber Marcus hatte gesagt, die magischen Ströme seien hier chaotisch. Wenn er das Amulett öffnete... würde er dann ein Leuchtfeuer für Arkan sein?
Ich sehe dich sowieso, flüsterte die Stimme in seinem Kopf, amüsiert, leise, unbeeindruckt vom Sturm.
"Dann sieh her", knurrte Elias.
Er griff an seine Brust. Er umklammerte das Amulett durch den Stoff. Er zog keine Energie ab. Er tat das Gegenteil. Er suchte. Er sandte einen Impuls aus, wie eine Fledermaus, die Schallwellen aussendet. Er suchte nach Dichte. Nach Masse, die den Wind brach.
Das Feedback war schmerzhaft. Ein statisches Rauschen in seinem Kopf, Bilder, die wild flackerten. Aber da war etwas. Ein Schatten im Sturm. Groß. Massiv. Gebogen.
"Dort!", schrie er, auch wenn es sinnlos war. Er stemmte sich gegen den Wind, zog das Seil straff. Er zerrte Lyra mit sich, die wiederum Marcus zog. Die Kette bewegte sich. Langsam, qualvoll.
Jeder Schritt war ein Kampf. Der Boden war rutschig von dem feinen Glasstaub. Elias sah, wie Clara vor ihm stürzte. Sie fiel auf die Knie, wurde sofort vom Sand halb begraben. Tarek, der hinter ihr ging, stolperte über sie, fiel ebenfalls, riss Jory fast mit sich.
Das Seil spannte sich bis zum Zerreißen. Elias wurde nach vorne gerissen, verlor das Gleichgewicht. Er landete im Sand. Glassplitter bohrten sich in seine Wange, knapp unter dem Auge. Blut lief heiß über sein Gesicht und vermischte sich sofort mit dem Staub zu einer krustigen Paste.
Er wollte liegenbleiben. Es war so laut. So schwer. Die Kälte des Amuletts versprach Ruhe. Schlaf, sagte es. Lass los. Das Eis tut nicht weh.
Aber dann spürte er einen Zug am Seil. Nicht von hinten. Von vorne. Jemand zog ihn.
Er blickte auf. Zara.
Die Diebin war irgendwie an die Spitze der Gruppe gelangt, oder das Seil hatte sich verheddert. Sie kauerte am Boden, klein, fast unsichtbar in ihren Lumpen. Aber sie stand wieder auf. Sie hatte sich ein Tuch so fest um den Kopf gewickelt, dass sie keine Luft mehr bekommen dürfte. Sie zog an dem Seil, das sie mit Marcus verband. Sie zog ihn hoch. Und Marcus zog Clara.
Es war eine Kette aus Willen. Wenn einer aufgab, gaben alle auf. Und Zara gab nicht auf.
Elias spuckte Blut und Sand. Er stemmte sich hoch. Die Wut, die er den ganzen Tag unterdrückt hatte, flammte auf. Wut auf den Sturm. Wut auf Arkan. Wut auf seine eigene Schwäche.
Er kanalisierte die Wut nicht in das Amulett. Er kanalisierte sie in seine Beine. Er stand auf. Er ging weiter.
Der Schatten im Sturm kam näher. Es war kein Felsen. Es war organischer. Weiße, riesige Bögen, die aus dem Sand ragten und sich im Wind bogen, aber nicht brachen. Rippen.
Es war ein Skelett. Das Gerippe eines gigantischen Sandwurms, eines Leviathans der Wüste, der hier vor Äonen verendet war. Seine Knochen waren zu Stein geworden, poliert vom ewigen Sandstrahl der Wüste, aber sie standen noch.
"Schutz!", schrie Elias, und diesmal hörten sie ihn vielleicht, oder sie sahen das Hindernis selbst.
Sie taumelten auf das Skelett zu. Der Wind heulte durch die Rippenbögen wie durch die Pfeifen einer gigantischen, verstimmten Orgel. Aber zwischen den Knochen, im Inneren des riesigen Brustkorbs, war der Wind gebrochen.
Elias erreichte den ersten Knochenbogen. Er war glatt, kalt und hart wie Marmor. Er zog sich daran vorbei, in den Windschatten. Die Erleichterung war so abrupt, dass ihm schwindelig wurde. Das ständige Peitschen des Sandes hörte auf. Es war immer noch laut, immer noch staubig, aber sie wurden nicht mehr gehäutet.
Er zog am Seil. Holte sie rein wie Fische aus einem stürmischen Meer. Lyra stolperte an ihm vorbei, fiel in den Sand, hustete trocken. Marcus kroch auf allen Vieren. Clara und Tarek, die Jory zwischen sich trugen, brachen fast zusammen, als sie die relative Sicherheit erreichten.
Zara kam als Letzte. Sie ließ sich fallen, lehnte sich an einen Wirbelknochen, der so groß war wie ein Tisch. Sie zog das Tuch vom Gesicht. Ihre Haut war rot, zerkratzt, blutig. Aber sie grinste. Ein wildes, irre Grinsen.
"Hübsches Grab", krächzte sie.
Sie waren im Bauch des Biests. Über ihnen wölbten sich die versteinerten Rippen und bildeten ein Gitter gegen den tobenden Himmel. Der Sand wehte herein, bildete kleine Dünen an den Seiten, aber das Zentrum war frei.
Elias lehnte sich gegen die Wand der Wirbelsäule. Er rutschte hinunter, bis er saß. Er zitterte nun doch. Nicht vor Kälte, sondern vor dem Nachlassen der Anspannung. Er tastete nach dem Amulett. Es war heiß. Es hatte im Sturm gearbeitet, hatte ihn geschützt, ohne dass er es bewusst befohlen hatte.
Er blickte in die Runde. Sie lebten. Zerschunden, blutend, am Ende ihrer Kräfte. Aber sie waren noch sechs.
Marcus begann, das Seil von seiner Taille zu lösen. Seine Finger waren blutig, die Nägel eingerissen. "Die Wahrscheinlichkeit...", murmelte er, brach dann ab. Er schüttelte den Kopf. "Egal."
Tarek legte Jory ab. Der Junge war still. Zu still. Clara kniete sofort bei ihm, fühlte seinen Puls. Sie sah Tarek an und nickte kurz. Er lebt noch.
Draußen tobte der Sturm weiter. Die Welt war nur noch ein Heulen. Aber hier drinnen, zwischen den Knochen eines toten Monsters, herrschte eine seltsame, sakrale Ruhe.
Elias schloss die Augen. Er hörte Arkans Stimme nicht mehr. Der Lärm des Sturms übertönte sogar das Flüstern im Handschuh. Oder vielleicht war der Sturm selbst die Botschaft.
Ich sehe dich.
"Dann sieh gut zu", flüsterte Elias in die Dunkelheit des Skeletts. "Denn wir sterben heute nicht."
Die Stunden, die folgten, waren keine Zeit, die man in Minuten oder Sekunden messen konnte; sie wurden gemessen in Atemzügen, die man gegen den staubigen Lärm der Außenwelt verteidigte. Der Glas-Sturm tobte über ihnen hinweg, hämmerte gegen die versteinerten Rippenbögen des Sandwurms, als wollte er das tote Biest ein zweites Mal töten. Das Geräusch war ein konstantes, mahlendes Kreischen, wie Metall auf Schleifstein, unterbrochen vom hohlen Heulen des Windes, der sich in den Hohlräumen der Wirbelsäule fing und dort sang wie eine wahnsinnige Flöte.
Im Inneren des Brustkorbs herrschte ein trübes Zwielicht. Der Sand, der durch die Lücken in den Knochen hineinwehte, bildete feine Dünen, die langsam an ihren Beinen emporwuchsen, als wollte die Wüste sie lebendig begraben.
Marcus kauerte an der Wand eines massiven Wirbels, die Knie an die Brust gezogen, und starrte auf die geologischen Schichten des versteinerten Knochens, ohne sie wirklich zu sehen. Seine Hände umklammerten die Ledertasche mit der Karte so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er versuchte, die Angst durch Kategorisierung zu bewältigen. 'Kalkstein-Sedimentierung', murmelte er tonlos, kaum hörbar im Tosen des Sturms. 'Strukturelle Integrität bei Windgeschwindigkeiten über hundert Knoten... fragwürdig. Variable der Erosion... unbekannt.'
Zara, die neben ihm saß und ihr Tuch wieder vor Mund und Nase gezogen hatte, stieß ihn sanft mit dem Ellbogen an. Es war keine grobe Geste, eher eine Erinnerung daran, dass er noch Körperwärme neben sich hatte. "Er hält schon seit tausend Jahren, Gelehrter", sagte sie gedämpft durch den Stoff. "Er wird auch heute Nacht nicht zusammenbrechen. Das Ding ist zu stur zum Sterben. Genau wie wir."
Marcus blickte sie an. Durch das verbliebene Glas seiner Brille sah er ihre Augen – dunkel, wachsam, pragmatisch. In ihnen lag keine Panik, nur die kalte Berechnung des Überlebens. Sie hatte recht. Die Logik des Überlebensinstinkts war stärker als die Logik der Statik. Er nickte langsam und lehnte seinen Kopf zurück gegen den kühlen Stein.
Weiter vorne, im Schutz der größten Rippe, lag Tarek. Das Fieber, das in den letzten Stunden wieder aufgeflammt war, ließ ihn zittern, trotz der stickigen Hitze, die sich im Kadaver staute. Clara saß bei ihm, hielt seine Hand fest in ihrer. Sie hatte ihren eigenen Umhang ausgebreitet, um Jory und Tarek vor dem herabrieselnden Glasstaub zu schützen.
Clara beobachtete Elias. Er saß etwas abseits, dort, wo der Windzug am stärksten war. Er hatte den Kopf gesenkt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sein rechter Arm, der im Schwarzen Handschuh steckte, ruhte regungslos auf seinem Knie. Er wirkte wie eine Statue, gemeißelt aus demselben Stein wie das Grab um sie herum.
Sie sah, wie sich Reif auf seinen Schultern bildete – nicht vom Sturm, sondern von innen heraus. Das Amulett arbeitete. Es bildete eine unsichtbare Kälteblase, die den schlimmsten Hitzestau im Inneren des Skeletts neutralisierte, aber Clara fragte sich, was es Elias kostete. Er bewegte sich nicht. Er aß nicht. Er trank nicht. Er existierte nur noch als Anker für das Artefakt.
Er entfernt sich, dachte Clara bitter. Jeden Schritt, den wir näher zum Ziel kommen, geht er einen Schritt weiter weg von uns.
Die Nacht verging nicht, sie blutete aus. Irgendwann veränderte sich der Ton des Windes. Das Kreischen wurde zu einem Pfeifen, dann zu einem Seufzen. Das Trommeln des Sandes gegen den Knochen ließ nach.
Als das erste Licht des neuen Morgens durch die Spalten der Rippen fiel, war es kein gleißendes Weiß mehr, sondern ein staubiges, diffuses Grau. Der Sturm war vorüber.
Elias hob den Kopf. Seine Augen waren rot gerändert, aber wach. Zu wach. Er hatte nicht geschlafen. Er hatte gewacht, gelauscht auf die Stimme von Arkan, die immer noch wie ein Tinnitus in seinem Hinterkopf summte, leiser jetzt, aber präsent. Ich warte, hatte die Stimme gesagt. Komm zu mir.
Er stand auf. Seine Glieder waren steif, eingefroren in der Haltung der Nacht. Die Kälte des Amuletts zog sich einen Zentimeter zurück, gerade genug, um ihm zu erlauben, seinen Körper wieder zu spüren. Er trat an die Öffnung zwischen zwei Rippen und blickte hinaus.
Die Welt hatte sich verändert.
Die Ebene, die sie gestern durchquert hatten, war neu geformt worden. Alte Dünen waren verschwunden, neue waren entstanden, scharfkantig und makellos wie Wellen aus gefrorenem Blut. Der rote Sand war bedeckt mit einer Schicht aus glitzerndem Staub – das zermahlene Glas des Sturms.
"Es ist vorbei", sagte Elias. Seine Stimme war rau, kaum mehr als ein Krächzen.
Die anderen regten sich. Ein Stöhnen von Tarek, das Rascheln von Stoff. Sie krochen aus ihren Verstecken, blinzelten in das Licht, klopften sich den Staub von den Kleidern. Sie sahen aus wie Geister, grau und ausgezehrt, wiedergeboren aus dem Bauch eines Monsters.
"Wasser", flüsterte Jory. Der Junge war wach. Seine Augen waren fiebrig glänzend, aber er war da.
Lyra schüttelte den letzten Schlauch. Er war leer. "Wir haben nichts mehr", sagte sie leise, Tränen der Frustration in den Augen. "Nicht einen Tropfen."
"Wir brauchen keinen Tropfen", sagte Elias. Er kletterte aus dem Skelett hinaus, trat auf den Kamm einer neu geformten Düne. Er streckte den Arm aus, deutete nach Osten. "Wir brauchen das dort."
Die anderen kletterten ihm nach, stolpernd, rutschend. Als sie neben ihm standen, sahen sie es.
Der Sturm hatte den Vorhang weggerissen. Die Luft war so klar, wie sie nur nach einem solchen Chaos sein konnte. Und dort, am Horizont, eingebettet in eine Senke zwischen zwei gewaltigen Sandsteinmassiven, lag sie.
Zar'Athon.
Es war kein Dorf. Es war keine Ruine. Es war ein Juwel, das jemand achtlos in den Staub geworfen hatte. Eine riesige Kuppel aus poliertem Gold dominierte die Stadt, sie fing das Morgenlicht ein und brannte wie eine zweite Sonne. Darunter erstreckten sich Terrassen aus weißem Marmor, Säulengänge und Türme, die so filigran waren, dass sie eigentlich unter der Wüstenhitze hätten zerbrechen müssen.
Aber das Unglaublichste war nicht das Gold oder der Marmor. Es war das Grün. Und das Blau.
Üppige Gärten hingen von den Terrassen herab, Palmen wiegten sich im Wind, und Wasserfälle – echte, verschwenderische Wasserfälle – stürzten von den oberen Ebenen in Becken, die so blau waren wie der Himmel.
Es war ein Anblick von solch obszöner Schönheit und Verschwendung inmitten der toten Wüste, dass Marcus laut auflachte. Ein hysterisches, ungläubiges Lachen.
"Wasser", keuchte er. "Sie verschütten es. Sie werfen es einfach weg."
"Eine Oase", flüsterte Lyra. "Ein Paradies."
"Eine Lüge", sagte Zara scharf. Sie kniff die Augen zusammen. "Seht genau hin. Vor den Toren."
Elias folgte ihrem Blick. Die Stadt war von einer hohen Mauer umgeben. Aber davor, im Schatten der goldenen Pracht, lag etwas Dunkles. Ein Gürtel aus Zelten, Lumpen und Elend. Tausende von Menschen lagerten dort, kleine schwarze Punkte im Sand, ausgesperrt vom Paradies. Die Flüchtlinge. Die, die nicht reingelassen wurden.
"Es ist wie Seraphis", sagte Clara bitter. "Licht drinnen, Dunkelheit draußen."
"Es ist unser Ziel", sagte Elias. Das Amulett an seiner Brust pochte heftig. Es reagierte nicht auf das Gold oder das Wasser. Es reagierte auf etwas im Inneren der Stadt. Auf eine Energiequelle, die stärker war als alles, was sie bisher gespürt hatten.
Fragment 1. Das Auge. Es war dort.
"Wir gehen rein", sagte Elias. Er begann den Abstieg von der Düne, rutschte im weichen Sand.
"Wie?", fragte Tarek, der sich schwer auf Clara stützte. "Wir sehen aus wie Bettler. Sie werden uns zu den anderen vor die Mauer werfen."
Zara holte den kaputten Kompass hervor, den sie in der Unterstadt gestohlen hatte, und grinste ihr schiefes, gefährliches Grinsen.
"Wir gehen nicht als Bettler", sagte sie. "Wir gehen als das, was wir sind. Überlebende. Und Überlebende finden immer eine Hintertür."
Sie folgten Elias in den Schatten der Düne, hinab in Richtung der goldenen Kuppel, die so hell strahlte, dass sie blendete, und doch keinen Funken Wärme in Elias' gefrorenes Herz bringen konnte.
Der Marsch nach Zar'Athon hatte begonnen. Und der Schatten des Turms lag nun hinter ihnen.