NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

KAPITEL 1: Die Grenze der Welt

Der Morgen kam nicht als Befreiung über die Vorberge der Silberkammberge, sondern als eine Entfärbung der Dunkelheit. Das Schwarz der Nacht wich einem schmutzigen, ausgemergelten Grau, das sich wie Schimmel über die schroffen Felsnadeln und die endlosen Geröllfelder legte. Es gab keine Sonne, die über den Horizont kletterte, keinen goldenen Rand, der Wärme versprach. Hier, im Schatten von Nox Aeterna, existierte die Sonne nur als eine blasse Erinnerung, ein weißer Fleck hinter einer Decke aus Wolken, die so dicht und schwer waren, dass sie aussahen, als bestünden sie aus gefrorenem Eisen.

Clara von Arendelle öffnete die Augen, und ihr erster Gedanke war kein Gedanke, sondern eine Bestandsaufnahme des Schmerzes. Er saß in ihren Gelenken, tief und pochend, als hätte die Kälte der Nacht den Knorpel zwischen ihren Knochen zu Glas verwandelt. Sie lag auf der Seite, den harten, unebenen Felsboden durch die dünne Schicht ihrer Lederkleidung spürend. Ihr Atem hatte sich im Schlaf im Kragen ihres Mantels verfangen und war dort zu einer Kruste aus Eiskristallen gefroren, die nun bei jeder Bewegung kratzte.

Sie rührte sich nicht sofort. Sie lauschte.

In der Wüste hatte der Wind geheult. Im Dschungel hatte das Leben geschrien. Auf dem Meer hatte das Wasser getost. Aber hier herrschte eine Stille, die so absolut war, dass sie in den Ohren dröhnte. Es war keine friedliche Ruhe. Es war die Stille eines angehaltenen Atems, kurz bevor der Schlag trifft. Es war die Stille eines Raumes, in dem etwas lauert, das nicht atmen muss.

Neben ihr regte sich Tarek. Der große Söldner schlief nicht ruhig. Sein Körper zuckte in unregelmäßigen Abständen, ein unbewusster Kampf gegen die Kälte oder gegen die Dämonen, die ihn in seine Träume verfolgten. Clara spürte die Hitze, die von ihm ausging – nicht die gesunde Wärme eines lebendigen Körpers, sondern die feuchte, ungesunde Hitze einer Entzündung, die nie ganz abheilen wollte. Die Magiebrand-Narbe an seiner Seite, jenes weiße Mal, das Elias ihm eingebrannt hatte, um sein Leben zu retten, war ein ständiger, schwelender Herd, der an seinen Reserven zehrte.

Clara setzte sich auf. Ihre Wirbelsäule knackte, laut wie ein Peitschenhieb in der dünnen Luft. Sie blickte sich um.

Das Lager war ein Bild des Elends. Marcus kauerte noch immer in seiner Fötushaltung, die Ledertasche mit den Karten und dem Kompass fest an die Brust gepresst, als könnte das Wissen der Shru h'las ihn wärmen. Seine Lippen waren blau, und auf seinen Wimpern lag Reif. Lyra und Kael bildeten ein Knäuel aus Gliedmaßen und Stoff, eng umschlungen, um nicht zu erfrieren. Kaels Haut, die im Meer noch perlmuttartig geschimmert hatte, war nun fahl und grau, ausgetrocknet von der aggressiven Luft der Höhe.

Und dann war da Elias.

Er saß am Rand des Lagers, dort, wo der schützende Felsüberhang endete und das offene Schneefeld begann. Er hatte sich nicht bewegt, seit Clara ihn im ersten Morgengrauen gesehen hatte. Er war eine Statue aus Dunkelheit, der Umhang schwer von Schnee, den er nicht abschüttelte. Er blickte nach Norden.

Clara stand auf. Ihre Beine waren steif, gehorchten ihr nur widerwillig. Sie griff nach ihrem Schwert, das neben ihr lag. Die Klinge war in ihrer Scheide festgefroren, das Leder hart wie Holz. Sie musste es nicht ziehen, aber die Berührung des Griffs gab ihr Halt. Es war das Einzige an ihr, das noch definierte, wer sie war – oder wer sie gewesen war.

Sie ging zu Elias. Der Schnee unter ihren Stiefeln knirschte nicht; er klang hohl, spröde.

„Wir müssen aufbrechen“, sagte sie. Ihre Stimme war rau, kaum mehr als ein Krächzen. Die Luft war so trocken, dass sie ihr sofort die Feuchtigkeit aus dem Hals sog.

Elias drehte den Kopf nicht. „Ich weiß“, sagte er. Seine Stimme war klar, ruhig, ohne das Zittern, das Clara in ihrer eigenen spürte. „Aber der Weg... er ändert sich.“

Clara trat neben ihn und folgte seinem Blick.

Vor ihnen lag ein Anstieg. Ein langes, steiles Feld aus Geröll und Schnee, das in den Nebel führte. Aber etwa hundert Meter entfernt veränderte sich der Boden.

Der graue Fels und der weiße Schnee endeten an einer scharfen, unnatürlichen Linie. Dahinter begann das Eis.

Aber es war kein gewöhnliches Eis. Es war schwarz. Tiefschwarz, als hätte jemand Tinte über den Berg gegossen und sie gefrieren lassen. Es reflektierte kein Licht. Es schluckte es. Die Felsen, die aus diesem Eis ragten, waren nicht mehr grau, sondern obsidianfarben, glänzend und scharfkantig wie zerbrochenes Glas.

„Was ist das?“, flüsterte Clara. Eine Gänsehaut, die nichts mit der Temperatur zu tun hatte, lief über ihren Rücken.

„Die Grenze“, sagte Elias. Er stand auf. Die Bewegung war fließend, kraftvoll. Er wirkte nicht steif. Das Amulett unter seinem Mantel pulsierte, ein rhythmisches Leuchten, das durch den Stoff drang – Rot, Grün, Blau, vereint zu einem unruhigen Grau. „Dahinter beginnt sein Reich.“

„Arkan?“, fragte Clara und griff fester nach ihrem Schwert.

„Nein“, sagte Elias. „Phobos. Der Wächter der Angst.“

Er drehte sich zum Lager um. „Weck sie auf. Wir dürfen nicht stehenbleiben. Wenn wir hier rasten, holt uns die Kälte. Aber wenn wir da reingehen...“ Er nickte zu dem schwarzen Eis. „...dann holt uns der Berg.“

Das Wecken der anderen war kein sanfter Vorgang. Es war ein brutales Zurückreißen in eine Wirklichkeit, die niemand wahrhaben wollte.

Tarek brauchte zwei Versuche, um aufzustehen. Er stützte sich auf sein Krummschwert, fluchte leise und biss sich auf die Lippen, bis sie bluteten, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Sein linkes Bein zog er nach, eine tote Last, die er mitschleifen musste.

„Ich bin bereit“, grollte er, obwohl der Schweiß auf seiner Stirn eine andere Sprache sprach.

Marcus erwachte mit einem Ruck, tastete panisch nach seiner Brille, deren eines Glas fehlte, und starrte dann verständnislos in den grauen Himmel. Es dauerte Sekunden, bis das Erkennen in seine Augen zurückkehrte – die Erinnerung an Zara, an den Verlust, an die Sinnlosigkeit. Er stand auf, ohne ein Wort zu sagen, klopfte sich mechanisch den Schnee von der Robe und reihte sich ein.

Lyra musste Kael fast tragen. Der Wassermagier war schwach, seine Knie gaben nach.

„Hier ist kein Wasser“, flüsterte er mit rissigen Lippen. „Die Luft... sie ist tot.“

„Wir finden Wasser“, log Lyra sanft, obwohl sie wusste, dass hier oben nur Eis existierte. Sie rieb seine Hände, hauchte in sie hinein, versuchte, ihm etwas von ihrer eigenen, aggressiven Hitze abzugeben – jenem Reinigenden Feuer, das nun in ihr brannte statt der sanften Heilkraft.

Sie sammelten ihre wenigen Habseligkeiten. Es gab kein Frühstück. Das letzte Trockenfleisch hatten sie vor zwei Tagen gegessen. Es gab nur den Hunger und den Willen.

Elias führte sie zur Linie.

Als sie davorstanden, spürte Clara es physisch. Es war, als stünden sie vor einer Wand aus Glas, die Kälte ausstrahlte. Die Luft jenseits der Grenze flimmerte leicht, obwohl keine Hitze da war.

„Das ist magisch“, stellte Marcus fest. Er holte Zaras Kompass hervor. Die Nadel drehte sich nicht wild, wie er erwartet hatte. Sie zeigte stur, unbeweglich nach vorne. In das Schwarz. „Das magnetische Feld ist invertiert. Oder neutralisiert. Das hier ist... eine Taschendimension. Oder eine Zone absoluter magischer Sättigung.“

„Es ist ein Revier“, sagte Tarek und zog die Nase hoch. „Es riecht nach... Metall. Und Ozon.“

Elias trat vor. Er hob den rechten Arm. Der Schwarze Handschuh reagierte auf die Nähe des schwarzen Eises. Die silbernen Adern, die sich nun bis zu seinem Hals hochzogen, glühten violett auf. Er streckte die Hand aus, als wollte er eine unsichtbare Tür aufstoßen.

„Bleibt dicht bei mir“, sagte er. „Das Amulett... es hält den Druck ab. Wenn ihr euch zu weit entfernt...“ Er beendete den Satz nicht. Er musste es nicht.

Er machte den ersten Schritt über die Linie.

Es gab kein Geräusch. Kein Zischen, kein Knacken. Aber die Welt veränderte sich schlagartig.

Clara, die direkt hinter ihm ging, keuchte auf. Die Luft wurde aus ihren Lungen gesaugt. Der Druck auf ihren Ohren stieg massiv an, als wären sie plötzlich hundert Meter unter Wasser getaucht.

Die Stille wurde absolut.

Vor der Linie hatte man noch den Wind gehört, das Scharren der Stiefel. Hier drinnen gab es keinen Schall. Ihre Schritte auf dem schwarzen Eis waren lautlos. Wenn Tarek stöhnte, sah sie seinen Mund sich bewegen, aber der Ton kam verzögert, gedämpft, als müsste er sich durch Watte kämpfen.

Und die Kälte...

Die Kälte vor der Grenze war ein Wetterphänomen gewesen. Diese Kälte hier war ein Angriff. Sie biss nicht in die Haut; sie ging hindurch. Sie griff nach dem Blut, nach dem Knochenmark. Clara spürte, wie ihre Muskeln sich zusammenzogen, hart und spröde wurden.

„Licht“, presste sie hervor. „Elias... Licht.“

Elias blieb nicht stehen. Er ging weiter, stur, rhythmisch. Aber das Amulett an seiner Brust antwortete. Es pulsierte heller. Ein Kreis aus grau-weißem Licht breitete sich von ihm aus, bildete eine Blase um die Gruppe.

Innerhalb dieses Lichtkreises ließ der Druck nach. Die Kälte wich einen Zentimeter zurück, wurde von „tödlich“ zu „erträglich“ herabgestuft.

„Bleibt im Licht!“, rief Marcus, dessen Stimme seltsam blechern klang. „Der thermische Gradient außerhalb des Radius ist fatal! Das ist keine Atmosphäre, das ist der Weltraum!“

Sie drängten sich zusammen. Lyra und Kael in der Mitte, Marcus und Clara an den Flanken, Tarek, der sich mühsam vorwärts schleppte, und Elias an der Spitze, der Wellenbrecher gegen die Dunkelheit.

Der Boden unter ihnen war tückisch. Das schwarze Eis war nicht glatt wie ein See. Es war gewachsen, in bizarren, scharfkantigen Formationen, die aussahen wie erstarrte Wellen oder Dornen. Es war rutschig, aber auch klebrig. Wenn man zu lange an einer Stelle stand, fror der Stiefel fest.

„Weiter“, trieb Elias sie an. „Nicht stehenbleiben.“

Sie marschierten. Minuten wurden zu Stunden. Es gab kein Zeitgefühl hier, da das Licht sich nicht änderte. Der Himmel blieb ein undurchdringliches, violettes Grau.

Clara beobachtete Elias. Er ging mechanisch. Sein rechter Arm hing schlaff herab, aber der Handschuh schien ein Eigenleben zu haben. Manchmal zuckten die Finger, als würden sie nach etwas Unsichtbarem greifen. Und manchmal, wenn der Wind – oder was auch immer hier als Wind durchging – besonders stark gegen sie drückte, glühte das Amulett auf, als würde es zornig zurückschlagen.

Er ist nicht mehr einer von uns , dachte Clara, und der Gedanke schmerzte mehr als die Kälte. Er ist das Ding, das uns am Leben hält. Aber er ist kein Mensch mehr.

Plötzlich blieb Elias stehen. Er hob die Hand.

Vor ihnen ragte ein Hindernis auf.

Es war keine Felswand. Es war eine Barriere aus Eis, aber sie war nicht natürlich gewachsen. Sie sah aus wie ein Wall aus riesigen, ineinander verkeilten Speeren, die aus dem Boden geschossen waren. Die Spitzen waren rasiermesserscharf, das Eis schwarz und undurchsichtig.

Der Weg war blockiert.

„Eine Sackgasse?“, fragte Tarek schwer atmend. Er lehnte sich auf sein Schwert, Schweiß gefrohr in seinem Bart.

„Nein“, sagte Marcus, der näher trat und die Eiswand mit zusammengekniffenen Augen untersuchte. „Das ist keine geologische Formation. Das ist eine Konstruktion. Eine Palisade. Jemand... oder etwas... hat das hier errichtet, um den Weg zu versperren.“

„Phobos“, sagte Elias. Er starrte die Eiswand an. Er spürte den Willen darin. Die Ablehnung. Kehr um, sagte das Eis. Du bist hier nicht willkommen.

„Wir müssen durch“, sagte Elias.

„Wir können nicht drüber klettern“, sagte Zara – nein, Zara war nicht mehr da. Die Lücke, die ihre Stimme hinterließ, war so laut wie ein Schrei.

Clara trat vor. „Wir schlagen uns durch.“

Sie hob ihr Schwert. Es war eine gute Klinge, geschmiedet aus Sternenstahl, ein Erbstück des Hauses Arendelle. Sie holte aus, schlug gegen den nächstgelegenen Eisdorn.

KLIRR.

Der Schlag prellte ihr bis in die Schulter. Das Schwert prallte ab. Auf dem schwarzen Eis war nicht einmal ein Kratzer zu sehen. Aber Claras Klinge hatte eine Scharte.

„Es ist härter als Stahl“, keuchte sie und rieb sich das schmerzende Handgelenk.

„Magisches Eis“, murmelte Marcus. „Verdichtete Materie. Wir brauchen mehr Energie.“

Elias trat vor die Wand. „Ich kann es schmelzen“, sagte er. Er griff nach dem Amulett. Er spürte das Sonnenfragment darin, die Hitze von Ashara. Er konnte es entfesseln. Er konnte ein Loch brennen.

„Nein“, sagte Tarek.

Der Söldner schob sich an Elias vorbei. Er humpelte, zog sein Bein nach, aber seine Augen brannten mit einem dunklen, sturen Feuer.

„Wenn du deine Magie benutzt, Elias... dann wissen sie genau, wo wir sind. Dann leuchten wir wie eine Fackel.“ Tarek spuckte auf den Boden. Der Speichel gefrohr sofort. „Außerdem... bist du schon halb leer. Spar es dir für den Gipfel.“

„Tarek, du kannst kaum stehen“, sagte Lyra besorgt.

„Ich brauche nicht stehen, um zu hacken“, grollte Tarek.

Er nahm sein Krummschwert nicht. Er griff an seinen Gürtel und holte etwas hervor, das er seit der Wüste mit sich herumtrug. Einen schweren Streitkolben, den er einem toten Schattenritter im Atrium abgenommen hatte. Eine Waffe aus schwarzem Eisen, grob und brutal.

„Eis bricht“, sagte Tarek. „Man muss nur wissen, wo.“

Er trat an die Wand. Er suchte nicht nach der dicksten Stelle. Er suchte nach den Fugen, dort wo die Eisspeere ineinander verkeilt waren. Er tastete das Eis mit seiner bloßen Hand ab, ignorierte die Kälteverbrennung.

„Hier“, sagte er.

Er holte aus. Es war kein eleganter Schwung. Es war ein Schlag aus der Hüfte, getrieben von Wut, Schmerz und der Weigerung, aufzugeben.

KRACH.

Der Streitkolben traf das Eis. Es splitterte nicht. Aber ein tiefer Riss erschien. Ein weißer Strich im Schwarz.

„Noch mal“, keuchte Tarek.

Er schlug wieder. KRACH. Der Riss vertiefte sich.

„Hilf ihm“, sagte Elias zu Clara.

Clara nickte. Sie nahm einen Stein vom Boden, so groß wie ein Kopf. Sie trat neben Tarek.

„Zusammen“, sagte sie.

Sie schlugen im Takt. Bumm. Bumm. Bumm.

Es war eine mühsame, brutale Arbeit. Tarek stöhnte bei jedem Schlag, seine Wunde riss auf, frisches Blut sickerte durch die Verbände und gefror auf seiner Kleidung. Aber er hörte nicht auf. Er kanalisierte seinen Schmerz in die Schläge. Er schlug nicht gegen das Eis. Er schlug gegen seinen Vater. Gegen sein Schicksal. Gegen die Schwäche.

Nach zehn Minuten gab das Eis nach. Ein großes Stück brach heraus, fiel klirrend zu Boden. Ein Loch öffnete sich. Groß genug für einen Menschen.

Tarek ließ den Streitkolben sinken. Er brach zusammen, fiel auf die Knie, keuchend, zitternd.

„Durch“, presste er hervor. „Wir sind... durch.“

Elias blickte auf das Loch. Dahinter lag der Pfad. Weiter nach oben.

Er blickte auf Tarek. Er sah das Blut.

„Gut gemacht“, sagte Elias leise. Er reichte Tarek die Hand – die linke. „Komm.“

Tarek griff zu. Er zog sich hoch.

Sie kletterten durch das Loch im Eis. Auf der anderen Seite war die Luft noch dünner, die Kälte noch schärfer.

Aber sie waren einen Schritt weiter.

Und vor ihnen, halb begraben im Schnee, sahen sie etwas, das nicht aus Eis war.

Eine Ruine. Eine Säule aus grauem Stein, bearbeitet von Händen, die seit tausend Jahren tot waren.

„Zivilisation“, flüsterte Marcus. „Wir haben sie gefunden.“

Die graue Steinsäule war kein einzelner Monolith, der zufällig aus dem Eis ragte. Sie war ein Fingerzeig.

Als die Gruppe sich durch den aufgebrochenen Spalt in der Eiswand zwängte, wurde das Ausmaß dessen, was vor ihnen lag, erst langsam sichtbar. Der Nebel hier oben war dünner, kristalliner. Er hing nicht wie Watte in der Luft, sondern trieb in feinen Schleiern über den Boden, als würde der Berg selbst ausatmen.

Marcus stolperte auf die Säule zu. Er vergaß für einen Moment die Kälte, die sich durch seine zerrissenen Stiefelsohlen fraß. Er zog seinen Handschuh aus – eine Handlung, die bei diesen Temperaturen Wahnsinn war – und legte seine nackte, blaugefrorene Hand auf den Stein.

„Granit“, flüsterte er. Seine Stimme zitterte, aber es war das Zittern der Erregung, nicht der Furcht. „Aber er ist nicht behauen. Er ist... geformt.“

Er fuhr die Kanten nach. Sie waren scharf, präzise, ohne die Spuren von Meißeln oder Werkzeugen.

„Magische Architektur“, stellte er fest. Er blickte zu Elias zurück, seine Augen hinter der schiefen Brille weit aufgerissen. „Das hier wurde nicht gebaut, Elias. Das wurde aus dem Fels gesungen. Das ist Hochkultur der Ersten Ära.“

„Ist mir egal, wer es gesungen hat“, grollte Tarek. Er lehnte schwer an der Eiswand, die sie gerade durchbrochen hatten, und versuchte, sein Gewicht von dem verletzten Bein zu nehmen. Sein Atem ging in kurzen, schmerzhaften Stößen. „Bietet es Schutz?“

„Es ist eine Säule, Tarek“, sagte Zara trocken, die neben ihm stand und den Horizont scannte. „Kein Gasthaus.“

Aber Elias spürte, dass Marcus recht hatte. Da war mehr.

Er trat an die Säule heran. Das Amulett an seiner Brust reagierte auf den Stein. Es war kein starkes Pochen, eher ein leises, resonantes Summen, wie eine Stimmgabel, die angeschlagen wurde. Der Stein war alt. Älter als Seraphis. Älter als die Akademie. Und er war durchdrungen von einer Magie, die Elias fremd war – eine Magie, die nicht nach Elementen schmeckte, sondern nach Stasis.

„Da hinten“, sagte Elias und hob den behandschuhten Arm. Er deutete in den Nebel, der sich langsam lichtete. „Da sind mehr.“

In der grauen Dämmerung zeichneten sich weitere Silhouetten ab. Gebrochene Bögen. Reste von Mauern, die wie Rippen aus dem schwarzen Eis ragten. Ein ganzes Feld aus Trümmern, die sich den Hang hinaufzogen.

„Eine Straße“, murmelte Marcus und humpelte vorwärts, die Kälte seiner Hand vergessend. „Wir stehen auf einer Prozessionsstraße.“

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Es war ein langsamer, quälender Marsch. Der Boden war hier tückisch – glatte Eisplatten wechselten sich mit tiefem Pulverschnee ab, der trügerisch fest aussah, aber unter dem Gewicht eines Menschen sofort nachgab.

Kael litt am meisten.

Der Wassermagier, der auf dem Meer noch wie ein König gewirkt hatte, war nun ein Schatten. Seine Haut war nicht mehr nur blass; sie war grau, rissig wie ausgetrockneter Lehm. Seine Lippen waren aufgeplatzt, und seine Augen, einst leuchtend blau, waren trüb und eingefallen. Er ging nicht mehr selbstständig. Lyra stützte ihn mit ihrer ganzen Kraft, ihren Arm fest um seine Taille geschlungen.

„Wasser...“, flüsterte Kael. Es war kaum mehr als ein Hauch. „Die Luft... sie ist trocken wie Sand.“

„Ich weiß“, sagte Lyra sanft. Sie griff in ihre Tasche, holte den letzten Wasserschlauch hervor. Er war leicht. Zu leicht. Sie schüttelte ihn. Ein schwaches Plätschern. „Hier. Trink.“

Sie hielt ihm den Schlauch an den Mund. Kael nahm einen winzigen Schluck. Er schluckte mühsam, als wäre seine Kehle zugeschwollen.

„Es reicht nicht“, sagte er leise. „Das Wasser hier... es ist tot. Es hat keine Erinnerung.“

Elias hörte ihn. Er ging ein paar Schritte voraus, aber er spürte Kaels Not wie einen physischen Schmerz. Die Träne des Ozeans, eines der drei Fragmente in seinem Amulett, reagierte auf den Magier. Sie wollte helfen. Sie wollte fluten.

Aber Elias hielt sie zurück. Er wusste, wenn er jetzt das Wasser rief, bei diesen Temperaturen, würde es sofort gefrieren. Er würde Kael nicht tränken, er würde ihn in eine Eisstatue verwandeln.

„Halt durch“, sagte Elias über die Schulter, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme klang hart, härter als er wollte. „Wir müssen höher. Über die Wolkenschicht. Vielleicht ist die Luft dort feuchter.“

„Physikalisch unwahrscheinlich“, murmelte Marcus, der wieder in seinen Analyse-Modus verfallen war, um die Panik zu verdrängen. „Der atmosphärische Druck sinkt. Die Sublimationsrate steigt. Je höher wir kommen, desto trockener wird es. Wir laufen in eine Wüste aus Eis.“

Clara blieb stehen. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, ihr Schwert halb erhoben.

„Fühlt ihr das?“, fragte sie.

„Die Kälte?“, fragte Zara und rieb sich die Arme. „Ja. Sie beißt.“

„Nein“, sagte Clara. „Nicht die Kälte. Den Blick.“

Sie starrte in die Felswände, die sie links und rechts flankierten. Schroffe, schwarze Klippen, die im Nebel verschwanden.

„Wir werden beobachtet.“

Elias spürte es auch. Es war kein Blick von Augen. Es war eine Aufmerksamkeit. Der Berg wusste, dass sie hier waren.

Phobos, dachte er.

Der Wächter der Angst zeigte sich nicht. Er schickte keine Schatten, keine Monster. Er schickte Paranoia.

Elias sah, wie Zara nervös an ihrem Dolchgriff spielte, ihre Augen huschten hektisch von einem Schatten zum anderen. Er sah, wie Tarek zusammenzuckte, als der Wind in einer Felsspalte heulte. Er sah, wie Marcus begann, leise vor sich hin zu wimmern, Zahlenreihen aufsagend wie ein Gebet gegen den Wahnsinn.

„Hört nicht hin“, sagte Elias laut. Seine Stimme durchschnitt die Stille. „Es ist nur der Wind. Es ist nur der Berg.“

„Der Berg hasst uns“, sagte Tarek.

„Der Berg ist Stein“, sagte Elias. „Stein hat keine Gefühle.“

Aber er wusste, dass er log. Das Amulett brannte auf seiner Haut. Es sagte ihm etwas anderes. Der Stein hier war nicht tot. Er war schlafend. Und er hatte schlechte Träume.

Sie erreichten das Ende des Geröllfeldes. Vor ihnen tat sich ein Plateau auf, eine weite, flache Ebene, die vom Wind glattgefegt war.

Und darauf standen sie.

Ruinen.

Es war keine einzelne Säule mehr. Es war eine Stadt. Oder das Skelett einer Stadt.

Häuser aus demselben grauen, nahtlosen Stein, manche eingestürzt, manche noch mit Dächern, die unter der Last von jahrhundertealtem Eis ächzten. Straßen, die sich geometrisch perfekt durch den Schnee zogen. Plätze, auf denen Statuen standen – oder das, was von ihnen übrig war.

Aber das Unheimlichste war nicht der Verfall. Es war die Erhaltung.

Es gab keinen Schutt. Keine Pflanzen, die die Mauern sprengten. Das Eis hatte alles konserviert, eingefroren im Moment des Untergangs. Es sah aus, als wären die Bewohner erst gestern gegangen.

„Die vergessenen Dörfer“, flüsterte Marcus. Er vergaß seine Angst, vergaß die Kälte. Der Archivar in ihm erwachte. Er ging auf das nächste Haus zu. Es hatte keine Fenster, nur schmale Schlitze. Die Tür fehlte.

„Das ist keine Wohnsiedlung“, sagte er. Er strich über den Türrahmen. „Das ist eine Kaserne. Oder ein Lager.“

Elias trat neben ihn. Er blickte in das Innere des Hauses. Es war dunkel, leer. Aber am Boden, in einer Ecke, lag etwas.

Ein Haufen aus Stoff. Oder Felle.

Elias trat ein. Der Boden war glatt, rutschig. Er ging zu dem Haufen. Er kniete nieder.

Es waren keine Felle.

Es waren Kleider.

Und in den Kleidern steckten Knochen.

Nein, keine Knochen.

Elias zog den Handschuh aus? Nein, er konnte nicht. Er berührte den Stoff mit seiner linken Hand. Er war steinhart gefroren. Er wischte den Reif von dem, was wie ein Gesicht aussah.

Er keuchte auf und wich zurück.

Es war kein Skelett. Es war ein Mensch.

Perfekt erhalten. Die Haut war blau, kristallin, aber intakt. Die Augen waren offen, starrten blind an die Decke. Der Ausdruck im Gesicht war nicht Angst. Es war... Ruhe.

„Sie sind nicht geflohen“, sagte Elias. Seine Stimme hallte in dem kleinen Raum.

Clara und Tarek traten hinter ihn. Clara schlug die Hand vor den Mund.

„Er ist... er sieht aus, als würde er schlafen“, flüsterte sie.

„Er schläft seit tausend Jahren“, sagte Marcus, der nun auch hereingekommen war. Er untersuchte den Körper, ohne ihn zu berühren. „Kryogenische Stasis. Das Eis kam nicht langsam. Es kam sofort. Ein Kälteschock, der die Moleküle instantan arretiert hat.“

Elias stand auf. Er ging wieder nach draußen. Er blickte über das Plateau. Überall lagen diese Hügel im Schnee.

„Das war kein Wetter“, sagte er. Er blickte nach oben, zum Gipfel, der unsichtbar über ihnen thronte.

„Das war Elion“, sagte er. „Er hat das hier getan.“

„Er hat sie alle getötet?“, fragte Zara, die am Eingang stehen geblieben war, den Dolch fest umklammert.

„Nein“, sagte Elias. Er spürte die Resonanz des Amuletts. Die Träne des Ozeans pulsierte – das Element des Bewahrens. „Er hat sie nicht getötet. Er hat sie... angehalten.“

Er ging weiter in die Stadt hinein. Die Stille war jetzt noch drückender, weil sie wussten, dass sie nicht allein waren. Tausende von schlafenden Toten lagen um sie herum, konserviert in ewigem Eis.

„Warum?“, fragte Lyra.

„Um sie zu schützen“, sagte Elias. Er wusste nicht, woher er das wusste. Vielleicht war es die Verbindung zu Elion, die in seinen Träumen gewachsen war. Vielleicht war es die Logik des Opfers, die er selbst gelernt hatte.

„Wovor?“, fragte Tarek.

Elias blieb stehen. Er blickte auf den Boden. Im Eis der Straße waren Spuren. Tiefe Kratzer. Als hätte etwas Großes, etwas Schweres versucht, sich in den Stein zu krallen.

„Vor dem, was da oben ist“, sagte Elias.

Ein Windstoß fegte durch die Ruinenstadt. Er heulte durch die leeren Fensterhöhlen wie ein Chor aus klagenden Geistern. Der Schnee wirbelte auf, bildete kleine Tornados, die über den Platz tanzten.

Und in dem Heulen hörten sie es.

Ein Geräusch.

Nicht der Wind.

Es klang wie das Schlagen von riesigen Flügeln. Oder das Atmen von etwas, das Lungen so groß wie Häuser hatte.

Wumm. Wumm. Wumm.

Kael sackte zusammen. Lyra fing ihn gerade noch auf.

„Es kommt“, flüsterte Kael. Seine Augen waren verdreht, nur das Weiße war zu sehen. „Der Schatten. Er kommt den Berg herunter.“

Elias griff an seine Brust. Das Amulett wurde heiß. Der Riss glühte.

„Formation!“, brüllte er. „In die Häuser! Weg von der offenen Fläche!“

Aber es war zu spät für Deckung.

Der Nebel am Ende des Plateaus, dort wo der Weg weiter nach oben führte, verdunkelte sich. Er wurde schwarz. Eine Wand aus Dunkelheit rollte auf sie zu, schneller als eine Lawine.

Und in der Dunkelheit brannten zwei violette Augen.

Die Wand aus Dunkelheit, die über das Plateau der gefrorenen Stadt auf sie zurollte, war kein Wetterphänomen. Sie war eine physikalische Gewalt. Sie verdrängte die Luft, schob sie vor sich her wie eine Druckwelle, die so kalt war, dass sie den Atem in der Lunge gefrieren ließ, bevor er die Lippen passierte.

„Rein!“, schrie Elias. Seine Stimme wurde vom Tosen des ansturmenden Schattens verschluckt, klang dünn und bedeutungslos gegen das Brüllen des Berges. Er packte Marcus am Kragen seines Mantels, riss den starren Gelehrten von der Straße und stieß ihn auf die offene Türöffnung der Kaserne zu, in der sie den gefrorenen Toten gefunden hatten.

„Nicht stehenbleiben!“, brüllte Tarek. Der Söldner hatte Clara gepackt, die ihr Schwert gezogen hatte, als könnte man den Wind erstechen. Er zerrte sie rückwärts, humpelnd, fluchend, während der erste Ausläufer des Sturms sie traf.

Es war kein Windstoß. Es war ein Schlag.

Eiskörner, hart wie Schrotkugeln, peitschten über den Platz. Sie schlugen gegen die Rüstungen, rissen an den Stoffen. Die Sichtweite sank augenblicklich auf null. Die Welt wurde reduziert auf ein tosendes Grau und Schwarz.

Elias wirbelte herum. Er sah Lyra und Kael. Sie waren zu langsam. Kael war zusammengesackt, seine Beine hatten unter dem psychischen Druck des herannahenden Schattens nachgegeben. Lyra versuchte, ihn zu ziehen, ihre Stiefel rutschten auf dem glatten Steinpflaster, ihre Hände umklammerten seinen Umhang.

Der Schatten war fast bei ihnen. Er sah nicht aus wie Rauch. Er sah aus wie eine Flutwelle aus Tinte, in der sich Gesichter formten und wieder auflösten – Münder, die stumm schrien, Augen, die vor Wahnsinn weit aufgerissen waren.

Phobos, dachte Elias. Er schickt uns nicht nur Kälte. Er schickt uns seine Alpträume.

Elias rannte. Er rannte nicht zur Tür. Er rannte zurück in den Sturm.

Er stürzte sich gegen den Wind, stemmte sich gegen den Druck, der ihn zurückwerfen wollte. Er erreichte Lyra und Kael. Er griff nach Kaels Arm – nicht mit der gesunden Hand, sondern mit der rechten, der behandschuhten.

In dem Moment, als das schwarze Leder des Handschuhs Kaels Arm berührte, gab es einen Kurzschluss. Der Handschuh, der aus der Haut eines Schattenkriechers gefertigt war, erkannte die Energie des Sturms. Er resonierte. Die silbernen Fäden glühten grell violett auf.

Elias spürte einen Ruck, der durch seine Schulter ging. Er zog nicht nur an Kael. Er zog an der Realität.

„Lauft!“, schrie er Lyra ins Gesicht.

Er hievte Kael hoch, warf sich den schlaffen Körper des Wassermagiers über die Schulter, als wöge er nichts. Der Handschuh gab ihm Kraft, eine unnatürliche, mechanische Stärke.

Sie stolperten zur Kaserne. Der Sturm war jetzt über ihnen. Es wurde stockfinster. Die Kälte biss durch die Kleidung, durch die Haut, direkt in die Knochen. Elias spürte, wie seine Wimpern zusammenfroren.

Tarek und Clara standen im Türrahmen, winkten, schrien Worte, die im Lärm untergingen. Hände griffen nach ihnen, zogen sie herein. Elias stolperte über die Schwelle, fiel auf den glatten Steinboden, Kael rutschte von seiner Schulter. Lyra fiel neben ihnen nieder.

„Tür!“, schrie Marcus. „Wir brauchen eine Tür!“

Aber da war keine Tür. Der Eingang war ein offener Bogen, durch den nun der schwarze Schnee und der Nebel hereingewirbelt wurden. Die Kälte folgte ihnen, gierig, suchend.

„Macht zu!“, rief Tarek. Er und Clara stemmten sich gegen den Wind, versuchten, ihre Körper als Barriere in die Öffnung zu stellen, aber es war sinnlos. Der Sturm drückte sie einfach weg.

Elias rappelte sich auf. Er kniete im Eingang. Er sah hinaus. Die Welt war verschwunden. Es gab nur noch wirbelnde Schwärze. Und in dieser Schwärze sah er Formen. Hände. Lange, rauchige Finger, die nach dem Eingang tasteten.

Er will herein, dachte Elias. Er will uns holen.

Er griff an seine Brust. Er riss das Amulett unter den Schichten seiner Kleidung hervor. Es leuchtete.

Das Auge der Sonne – das Fragment der Hitze – reagierte auf die tödliche Kälte. Es flackerte weiß-golden. Das Herz des Waldes pulsierte grün, ein wilder Überlebensinstinkt. Und die Träne des Ozeans wirbelte blau, tief und beständig.

Drei Farben. Ein Wille.

Elias hob das Amulett. Er presste es nicht gegen den Feind. Er presste es gegen den Steinrahmen der Tür.

„Versiegeln“, keuchte er.

Er leitete die Energie nicht nach außen. Er leitete sie in den Stein. Er nutzte die Kraft der Erde, die im Amulett gespeichert war.

Wachs, befahl er dem Stein.

Der Granit unter seiner Hand wurde warm. Er wurde weich. Und dann begann er zu fließen. Wie Wachs, das schmilzt und wieder erstarrt, wuchs der Stein von den Rändern des Türrahmens nach innen. Graue Materie dehnte sich aus, bildete eine Kruste, dann eine Wand.

Es war ein schmerzhafter Prozess. Elias spürte, wie das Amulett an seiner Substanz zehrte, wie es Kalorien und Wärme aus seinem Körper verbrannte, um die Materie zu manipulieren. Sein Kopf dröhnte. Blut lief ihm aus der Nase.

Aber der Stein gehorchte. Die Öffnung wurde kleiner. Der Wind heulte wütend auf, als der Zugang verweigert wurde. Eine letzte, schwarze Klaue griff durch den schwindenden Spalt, kratzte über den Boden, nur Zentimeter vor Elias’ Knien, bevor der Stein sich endgültig schloss.

Dunkelheit.

Absolute, vollkommene Dunkelheit.

Das Heulen des Windes war abgeschnitten, ersetzt durch ein dumpfes Grollen, das durch die Wände drang, als würde ein riesiges Tier versuchen, die Hütte zu verdauen.

Im Inneren der Kaserne hörte man nur das raue, panische Atmen von sechs Menschen.

„Licht“, flüsterte Marcus. Seine Stimme zitterte so stark, dass das Wort in Silben zerbrach. „Bitte. Licht.“

Ein Funke.

Lyra hatte ihren Feuerstein geschlagen. Ein kleiner, schwacher Funke, der auf ein Stück trockenes Moos fiel, das sie in ihrer Tasche hatte. Eine winzige Flamme züngelte auf, gelb und fragil.

Das Licht breitete sich aus, schob die Schatten in die Ecken zurück. Und enthüllte, wo sie waren.

Sie saßen nicht in einem leeren Raum.

Sie saßen in einem Schlafsaal der Toten.

Das Licht der kleinen Flamme fiel auf Reihen von Steinbänken, die an den Wänden entlangliefen. Und auf jeder Bank lag eine Gestalt.

Es waren Dutzende. Männer, Frauen. Eingehüllt in Felle und Stoffe, die von einer dünnen Schicht Reif überzogen waren, der im Feuerschein glitzerte wie Diamantstaub.

Sie sahen nicht tot aus. Sie sahen aus, als würden sie warten.

Ihre Gesichter waren blau, kristallin, aber friedlich. Keine Anzeichen von Kampf. Keine Angst. Sie hatten sich hingelegt, um zu schlafen, während der Zauber von Elion – oder der Fluch des Berges – sie in die Ewigkeit fror.

„Bei den Göttern“, hauchte Clara. Sie zog ihre Beine an, rutschte näher an Tarek heran, weg von den Gestalten auf den Bänken. „Wir sind in einer Gruft.“

„Nein“, sagte Marcus. Er kroch auf Knien zu der nächsten Bank. Er hielt seine Hand über das Gesicht einer Frau, ohne sie zu berühren. „Das ist keine Gruft. Das ist ein... Archiv.“

„Ein Archiv aus Leichen?“, fragte Zara angewidert. Sie hielt ihren Dolch fest umklammert, bereit, zuzustechen, falls einer der Schläfer aufwachen sollte.

„Sie sind konserviert“, sagte Marcus. Seine wissenschaftliche Neugier kämpfte sich durch die Schicht aus Angst. „Kryogenische Suspension durch magische Induktion. Elion hat sie nicht getötet. Er hat sie... pausiert.“

„Warum?“, fragte Tarek. Er saß mit dem Rücken an die neu geschaffene Steinwand gelehnt, die Hand auf seiner schmerzenden Seite.

Elias saß in der Mitte des Raumes, das Amulett immer noch in der Hand. Es war jetzt dunkel, aber es fühlte sich warm an.

„Weil er wusste, was kommt“, sagte Elias leise. Er blickte auf die Reihe der Schlafenden. „Er wusste, dass er den Kampf gegen die Dunkelheit verlieren könnte. Dass Anaxi ausbrechen könnte. Also hat er sein Volk versteckt. In der Zeit.“

„Er hat sie eingefroren, um sie zu retten“, ergänzte Lyra. Sie hatte Kael in eine der Decken gewickelt, die sie gefunden hatten – eine Decke, die sie einem der Toten abgenommen hatte. Sie hatte kurz gezögert, aber die Not war größer als die Pietät.

Kael rührte sich nicht. Er atmete flach, seine Haut war so kalt wie der Steinboden.

„Wir sitzen hier fest“, stellte Zara fest. Sie ging zur Rückwand, tastete den Stein ab. „Kein Hinterausgang. Nur die Tür, die Elias gerade zugemauert hat.“

„Draußen ist der Sturm“, sagte Clara. „Und Phobos.“

„Phobos ist nicht draußen“, sagte Elias. Er stand auf. Seine Knie waren weich, aber er zwang sie, ihn zu tragen. „Phobos ist hier.“

Er deutete auf die Schatten, die die kleine Flamme an die Wände warf. Sie bewegten sich nicht synchron zum Licht. Sie zuckten. Sie dehnten sich aus, wenn man nicht hinsah.

„Die Angst ist hier drin“, sagte Elias. „In unseren Köpfen. In diesem Raum.“

Er ging zu einer der Bänke. Er blickte auf das Gesicht eines Mannes, der vor tausend Jahren eingeschlafen war.

„Wir müssen warten“, sagte er. „Bis der Sturm sich legt. Bis der Berg aufhört zu schreien.“

„Und wenn er nicht aufhört?“, fragte Marcus.

„Dann graben wir uns aus“, sagte Tarek und klopfte auf den Griff seines Streitkolbens. „Oder wir werden Teil der Sammlung.“

Die Gruppe richtete sich ein. Es war ein bizarres Lager. Sie saßen auf dem Boden, zwischen den Reihen der eingefrorenen Ahnen, und teilten sich die wenigen Rationen, die sie noch hatten. Ein Stück hartes Brot. Ein Schluck geschmolzener Schnee.

Lyra kümmerte sich um Kael. Sie legte ihre Hände auf seine Brust, ließ das Reinigende Feuer ganz schwach glimmen, gerade genug, um Wärme zu spenden, ohne zu verbrennen.

Marcus saß bei einer der Statuen und begann, die Runen zu zeichnen, die in die Steinbänke graviert waren. Er brauchte die Ablenkung.

Elias lehnte sich an die Wand, die er geschaffen hatte. Er spürte die Kälte von draußen, die gegen den Stein drückte. Er spürte den Hass des Berges.

Und er spürte etwas anderes.

Eine Resonanz.

Tief unter ihnen, im Fundament der Stadt, pulsierte etwas. Es war dasselbe Pulsieren, das er im Amulett spürte.

Ein Rufen.

Komm tiefer, flüsterte es. Der Weg zum Gipfel führt durch die Tiefe.

Elias schloss die Augen. Er wusste, dass sie hier nicht sicher waren. Die Toten schliefen vielleicht. Aber der Berg war wach.

Und er hatte gerade erst angefangen, mit ihnen zu spielen.