NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

PROLOG: Der letzte Frieden

Die Kälte hier war nicht einfach nur die Abwesenheit von Wärme. Sie war eine Präsenz.

Sie saß neben Elias im Schnee wie ein unsichtbarer Wächter, der darauf wartete, dass das Feuer in seiner Brust erlosch. Sie drückte gegen seine Schläfen, kroch unter die Schichten aus Wolle und Leder, die er trug, und suchte nach dem schwachen, rhythmischen Pochen seines menschlichen Herzens. Aber sie fand es nicht. Oder besser gesagt: Sie fand etwas Lauteres.

Elias saß auf einem flachen Felsblock, der aus dem gefrorenen Boden ragte wie der Rücken eines begrabenen Riesen. Über ihm wölbte sich der Himmel, eine Kuppel aus absolutem, erdrückendem Schwarz, in der die Sterne nicht funkelten, sondern starrten. Sie wirkten hier oben, am äußersten Rand der Welt, näher und kälter als irgendwo sonst. Man hätte meinen können, man müsse nur die Hand ausstrecken, um sich an ihren scharfen Kanten zu schneiden.

Er streckte die Hand aus. Die Rechte.

Das schwarze Leder des Handschuhs glänzte im fahlen Licht des abnehmenden Mondes. Es war kein Leder mehr, das man ausziehen konnte. Es war eine zweite Haut geworden, untrennbar mit seinem Fleisch verschmolzen, durchzogen von jenen feinen, silbernen Adern, die nun bis zu seinem Ellbogen reichten und im Dunkeln schwach pulsierten. Er bewegte die Finger. Das Leder knirschte nicht. Es bewegte sich lautlos, geschmeidig, mit einer mechanischen Präzision, die nichts mehr mit der zitternden Hand eines Bauernjungen aus Aetherholm zu tun hatte.

Elias ließ die Hand sinken und blickte auf das Pergament, das auf seinen Knien lag. Es war ein Bogen aus dickem, grobem Papier, den Marcus ihm gegeben hatte, bevor der Gelehrte sich in seinen eigenen Schlaf aus Erschöpfung und Trauer geflüchtet hatte.

Das Papier wellte sich bereits von der Feuchtigkeit der Luft. Elias hielt eine Feder in der linken Hand, der menschlichen Hand. Seine Finger waren steif, die Knöchel rot und rissig von der trockenen Bergluft. Er tunkte die Spitze in das kleine Tintenfass, das er im Schutz seines Mantels balancierte.

Die Tinte war zäh. Sie begann bereits zu gefrieren.

Elias seufzte. Sein Atem bildete eine Wolke aus weißem Dampf, die sofort vom Wind zerrissen wurde. Der Wind hier unten, am Fuß der Silberkammberge, heulte nicht. Er flüsterte. Es war ein stetiges, trockenes Geräusch, wie Sand, der über Glas rieselt. Es trug keine Botschaften, keine Gerüche von Leben, kein Harz, keine Erde. Es roch nur nach Ozon, nach altem Eis und nach einer metallischen Leere, die Elias seltsam vertraut vorkam.

Er legte seine behandschuhte rechte Hand sanft um das Tintenfass. Er brauchte keinen Zauberspruch. Er brauchte keinen Willensakt. Er musste nur... zulassen.

Das Amulett an seiner Brust reagierte sofort. Es war schwer geworden. Seit er die Fragmente vereint hatte – das sengende Auge der Sonne, das wuchernde Herz des Waldes und die tiefe Träne des Ozeans –, war das Artefakt kein hungerndes Vakuum mehr. Es war ein Reaktor. Ein in sich geschlossener Kreislauf aus gewaltigen Energien, die permanent umeinander rotierten, sich gegenseitig in Schach hielten und einen Ton erzeugten, den nur Elias hören konnte. Ein tiefes, resonantes Bumm-Bumm-Bumm, das durch seine Rippen vibrierte und ihm das Gefühl gab, er trage einen zweiten Planeten in seinem Brustkorb.

Er ließ einen winzigen Funken der Hitze, die das Sonnenfragment speicherte, durch seinen Arm fließen. Nicht genug, um zu verbrennen.

Nur genug, um zu wärmen.

Die silbernen Fäden auf dem Handschuh glommen kurz rötlich auf. Das Glas des Tintenfasses wurde warm unter seinen Fingern. Die schwarze Flüssigkeit darin verflüssigte sich wieder.

Es war eine beiläufige Demonstration von Macht, so klein und doch so ungeheuerlich. Vor wenigen Wochen hätte dieser Akt ihn fast umgebracht, hätte ihn ausgesaugt bis auf die Knochen. Jetzt war es so einfach wie Atmen. Und genau das machte ihm Angst.

Er setzte die Feder auf das Papier.

*** Liebe Mutter, Die Tinte war schwarz wie die Nacht um ihn herum. Die Buchstaben waren ungelenk. Seine Hand zitterte, aber nicht vor Kälte.

Er hielt inne. Er blickte auf.

Einige Meter von ihm entfernt, im Windschatten einer Felsnadel, lag das Lager. Es war kein richtiges Lager, nur eine Ansammlung von Körpern, die Schutz suchten. Es gab kein Feuer. Ein Feuer wäre hier oben, im Reich von Phobos, wie eine Einladung gewesen. Ein Leuchtfeuer für Dinge, die im Eis schliefen.

Er sah die Umrisse seiner Freunde. Sie waren nur noch Bündel aus Decken und Fellen, eingeschneit von dem feinen, trockenen Griesel, der vom Himmel fiel.

Er sah Tarek. Der große Söldner schlief unruhig. Selbst im Schlaf lag seine Hand auf dem Griff seines Schwertes. Er hatte sich im Dschungel und in der Wüste fast zu Tode gekämpft, sein Körper war eine Landkarte aus Narben, und die magische Wunde an seiner Seite pulsierte wahrscheinlich immer noch mit einem dumpfen Phantomschmerz. Aber er war hier. Er war nicht umgekehrt. Er war dem Mann gefolgt, der ihm diese Wunden zugefügt hatte.

Daneben lag Clara. Sie hatte sich eng an Tarek gerollt, um Wärme zu teilen. Die einstige Kadettin der Akademie, die stolze Erbin von Arendelle, schlief im Dreck am Ende der Welt. Ihr Schwert lag griffbereit neben ihrem Kopf. Sie hatte aufgehört, Befehle zu geben. Sie folgte jetzt nur noch einem: Überleben.

Und Marcus. Der Gelehrte kauerte etwas abseits, zusammengerollt wie ein Igel. Er hielt seine Ledertasche fest an die Brust gedrückt, nicht wegen der Karten darin, sondern wegen des Kompasses. Zaras Kompass. Er schlief nicht wirklich, das wusste Elias. Marcus rechnete. Er berechnete Wahrscheinlichkeiten, die alle bei Null endeten, und trotzdem stand er jeden Morgen auf und ging weiter.

Lyra und Kael lagen zusammen. Die Heilerin, deren Haare so weiß waren wie der Schnee um sie herum, hielt den Wassermagier im Arm. Kael war blass, seine Haut fast durchscheinend. Hier, so fern vom Meer, war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er vertrocknete langsam, aber er wich nicht von Lyras Seite. Und Lyra... sie hatte ihre Hände in den Ärmeln versteckt, als hätte sie Angst, dass sie im Schlaf jemanden verbrennen würde.

Sie waren gebrochen.

Alle.

Elias spürte einen Kloß im Hals, hart und bitter. Er hatte sie hierhergeführt. Er hatte sie aus ihren Leben gerissen, hatte sie durch Feuer und Wasser geschleift, hatte zugesehen, wie sie bluteten, wie sie weinten, wie sie Teile von sich selbst verloren. Er hatte Zara sterben sehen.

Und wofür?

„Für das Ende“, flüsterte der Wind. Oder war es die Stimme in seinem Kopf? Es war schwer zu sagen, wo Elias aufhörte und der Berg begann.

Er blickte wieder auf das Papier. Ein Tropfen Tinte war von der Feder gefallen und bildete einen schwarzen Fleck, der sich langsam in die Fasern fraß.

Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, schrieb er weiter. Ich weiß nicht, ob es dort, wo du bist, Licht gibt. Aber ich hoffe es. Ich hoffe, es ist warm. Wärmer als hier.

Er setzte ab. Er strich mit dem Daumen über die Kante des Papiers. Es fühlte sich rau an, real. Es war der einzige Beweis, dass er noch existierte, dass er nicht nur ein Gefäß für fremde Mächte war.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verabschieden muss. Wirklich verabschieden. Nicht so, wie ich es an dem Abend tat, als ich weglief. Damals dachte ich, ich könnte zurückkommen. Ich dachte, ich könnte das Amulett nach Seraphis bringen, es abgeben und wieder der Junge sein, der Holz hackt.

Ein trockenes Lachen entwich ihm, ein Laut, der in der Stille wie das Brechen eines Zweiges klang.

Dieser Junge ist tot, Mutter. Er ist im Wald gestorben, als er den Wolf tötete. Er ist in der Stadt gestorben, als er das Feuer rief. Er ist im Meer ertrunken.

Elias hob den Kopf und blickte nach Norden.

Dort, hinter dem Schleier aus Schneetreiben und Nacht, ragte die Wand auf. Die Silberkammberge. Sie waren keine Berge im herkömmlichen Sinne. Sie waren eine Barriere. Ein Wall aus schwarzem Fels und ewigem Eis, der den Himmel zu zerschneiden schien.

Und ganz oben, unsichtbar in den Wolken, aber spürbar wie ein Gewicht auf seiner Seele, lag der Gipfel. Nox Aeterna. Die ewige Nacht.

Dort wartete Elion.

Elias griff an seine Brust, unter den Mantel. Seine Finger berührten das kühle Metall des Amuletts. Es reagierte auf seinen Blick. Die Farben im Inneren des Kristalls – das Rot, das Grün, das Blau – wirbelten schneller, mischten sich zu einem unruhigen Grau.

Er spürte die Verbindung. Sie war wie ein Seil, das an seinem Nabel zog. Elion rief ihn. Nicht mit Worten, sondern mit Leere. Er spürte die Einsamkeit des Prinzen, dort oben auf seinem Thron aus Eis. Er spürte die Ketten aus Schatten, die ihn hielten. Und er spürte das Ding, das Elion gefangen hielt. Anaxi. Die Ur-Dunkelheit.

Ich gehe jetzt hoch, schrieb Elias. Die Feder kratzte laut auf dem Papier. Ich gehe zu ihm. Zu dem Mann, der das alles begonnen hat. Ich dachte lange, er wäre der Feind. Arkan hat es gesagt. Alle haben es gesagt. Aber sie haben gelogen.

Er hielt inne. Eine Schneeflocke landete auf dem Papier, direkt neben dem Wort „gelogen“. Sie schmolz nicht. Sie blieb liegen, ein winziger, perfekter Kristallstern.

Er ist kein Feind, Mutter. Er ist ein Gefangener. Er sitzt dort seit tausend Jahren und hält die Dunkelheit fest, damit sie uns nicht verschlingt. Er ist allein. So wie ich.

Elias schluckte. Der Gedanke an die Ewigkeit, die vor ihm lag, war schwerer zu ertragen als die Kälte.

Er hat mich gerufen, um ihn abzulösen. Ich weiß das jetzt. Das Amulett... es war nie dazu gedacht, ihn zu töten. Es ist der Schlüssel zu seinem Käfig. Und der Riegel zu meinem.

Er blickte zu seinen Freunden hinüber. Clara drehte sich im Schlaf um, murmelte etwas Unverständliches. Tarek stöhnte leise, ein Laut des Schmerzes, der selbst im Traum nicht nachließ.

Sie glauben, wir gehen dort hoch, um zu gewinnen. Um Arkan zu besiegen und die Welt zu reparieren. Sie glauben, wir kommen alle zusammen wieder runter, setzen uns an ein Feuer und erzählen Geschichten.

Elias spürte, wie eine Träne über seine Wange lief. Sie war heiß, brennend heiß im Vergleich zur Luft. Sie erreichte sein Kinn und gefror.

Aber das wird nicht passieren. Ich werde nicht zurückkehren. Wenn ich das tue, was ich tun muss... wenn ich mich auf diesen Thron setze... dann endet Elias. Dann werde ich der Wächter.

Er schrieb schneller jetzt, als wollte er die Worte aus sich herausreißen, bevor sie ihn erstickten.

Es ist in Ordnung. Ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben. Ich habe nur Angst davor, zu vergessen. Ich habe Angst, dass ich irgendwann, in hundert oder tausend Jahren, vergessen werde, wie deine Stimme klang. Oder wie Zaras Lachen war. Oder wie sich die Sonne auf der Haut anfühlt.

Der Wind frischte auf. Er fuhr durch die Felsspalten und erzeugte ein Geräusch, das wie ein tiefes, klagendes Horn klang. Das Signal zum Aufbruch. Nicht jetzt. Aber bald.

Elias wischte sich über die Augen. Der Handschuh hinterließ einen feuchten Streifen auf seiner Stirn.

Ich mache das für sie. Für Clara, damit sie nicht mehr kämpfen muss. Für Marcus, damit er keine Angst mehr haben muss. Für Lyra, damit sie wieder heilen kann. Für Tarek, damit er Ruhe findet. Und für Kael, damit er zum Meer zurückkehren kann.

Er atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach Abschied.

Und ich mache es für dich. Damit das, was du getan hast – mich zu beschützen, mich zu verstecken – einen Sinn hatte. Ich bin nicht der Held, den du wolltest. Ich bin nur der Einzige, der übrig geblieben ist.

Er setzte den Punkt. Er starrte auf den Brief. Es war nur ein Stück Papier. Es würde verrotten. Der Schnee würde es begraben. Niemand würde es je lesen.

Aber das war egal. Es war ausgesprochen.

Er faltete das Pergament. Einmal. Zweimal. Er hatte kein Siegelwachs. Aber er hatte das Amulett.

Er drückte den gefalteten Brief gegen den Kristall auf seiner Brust. Er ließ einen winzigen Impuls Hitze fließen. Das Papier sengte leicht an, verschmolz an den Rändern. Ein Siegel aus Asche.

„Leb wohl“, flüsterte er.

Er steckte den Brief in die Innentasche seines Mantels, direkt über sein Herz, unter das Amulett. Dort würde er bleiben. Bis zum Ende.

Elias stand auf. Seine Knie knackten. Er war steif, durchfroren, aber sein Geist war klar wie das Eis um ihn herum.

Er drehte sich zum Gipfel. Die Wolken oben rissen für einen Moment auf. Und dort, in unermesslicher Höhe, sah er es. Ein violettes Glimmen. Ein einsames Licht in der Dunkelheit.

Das Auge von Nox Aeterna.

Es blinzelte ihm zu.

Elias trat einen Schritt vor, weg vom Lager, weg von der Wärme der Körper, hinein in den tiefen Schnee, der den Beginn des Aufstiegs markierte. Er hob den Kopf.

„Ich komme“, sagte er in den Wind. Und diesmal antwortete der Wind nicht mit Heulen. Er antwortete mit Stille. Einer erwartungsvollen, ehrfürchtigen Stille.

Der Weg war frei.

Elias blieb stehen. Er ging nicht weiter. Noch nicht.

Der Schritt in den tiefen Schnee war keine Flucht, sondern eine Grenzziehung. Er stand nun am äußersten Rand des kleinen, windgeschützten Kessels, in dem seine Freunde schliefen, und bildete mit seinem Körper eine Barriere zwischen ihnen und der aufsteigenden Schwärze der Berge.

Er drehte sich nicht um, aber er spürte sie in seinem Rücken. Er spürte ihre Wärme, nicht mit der Haut, sondern mit dem Amulett. Es war ein schwaches, pulsierendes Glimmen am Rande seiner Wahrnehmung, wie die Glut eines heruntergebrannten Feuers, das man in einer Winternacht nur ungern verlässt.

Der letzte Frieden, dachte er. Der Name des Kapitels in seinem eigenen Leben, das nun endete.

Er setzte sich in den Schnee. Nicht in einer kauernden, frierenden Haltung, sondern im Schneidersitz, den Rücken kerzengerade, die Hände locker auf den Knien. Der Schwarze Handschuh lag offen auf seinem Oberschenkel, die Handfläche nach oben, als würde er Schneeflocken fangen wollen.

Und sie fielen.

Kleine, harte Kristalle, die nicht tanzten, sondern wie Staub aus Blei herabrieselten. Sie landeten auf seiner schwarzen Lederhaut und blieben dort liegen, ohne zu schmelzen. Elias betrachtete sie. Er war so kalt geworden, dass selbst der Schnee ihn für Stein hielt.

Die Stille hier draußen war anders als die im Tal. Sie war nicht leer. Sie war gespannt.

Der Berg atmete.

Es war ein Infraschall, tief unter der Hörschwelle, ein Vibrieren, das durch den gefrorenen Boden in seine Sitzknochen kroch und sich die Wirbelsäule hinaufzog. Es war der Herzschlag von Nox Aeterna. Und darin, verwoben wie ein dunkler Faden in einem grauen Teppich, war die Stimme.

Nicht Elion diesmal. Phobos.

Der Wächter der Angst war noch nicht sichtbar, noch nicht manifestiert, aber sein Einfluss lag wie ein öliger Film auf der Luft. Elias spürte ihn. Es war ein subtiles Kratzen an den Rändern seines Geistes, ein Versuch, alte Türen aufzustoßen.

Sie werden erfrieren, flüsterte der Wind, der um Elias’ Ohren strich. Schau sie an. Sie sind weich. Sie sind Fleisch. Du hast sie hierhergeführt, damit sie zu Eis werden.

Elias schloss die Augen. Er sah das Bild von Tarek vor sich, wie er im Dschungel gefallen war. Er sah Zara, wie sie im Boot lag.

Das ist deine Schuld, säuselte die Stimme, leise und intim wie ein Liebhaber. Jeder Schritt nach oben ist ein weiterer Nagel in ihren Sarg. Kehr um. Lass sie schlafen. Lass sie hier sterben, im Traum, bevor der Berg sie bricht.

Elias atmete tief ein. Die Luft war so kalt, dass sie in der Nase stach, aber in seinen Lungen fühlte sie sich rein an. Er griff nicht nach der Angst. Er ließ sie durch sich hindurchfließen.

Das Amulett rotierte langsam. Ein Zyklus. Feuer verbrannte die Angst. Wasser wusch die Asche fort. Leben wuchs auf dem neuen Boden.

„Ich höre dich“, sagte Elias laut in die Nacht. Seine Stimme war ruhig, ohne Zittern. „Aber ich glaube dir nicht mehr.“

Er öffnete die Augen. Der Berg vor ihm schien sich bewegt zu haben, Schatten, die näher gerückt waren, aber nun, unter seinem direkten Blick, wieder zu bloßem Fels erstarrten. Phobos wich zurück. Nicht weit. Nur einen Schritt. Er wartete. Er wusste, dass der Aufstieg erst begann.

Elias drehte den Kopf leicht zur Seite, zurück zum Lager.

Marcus hatte sich im Schlaf bewegt. Der Gelehrte hatte sich auf die andere Seite gedreht, den Rücken nun schutzlos dem Wind zugewandt. Seine Tasche war ihm entglitten, lag halb im Schnee.

Elias hob die Hand. Ein winziger Impuls. Keine große Magie, nur ein Hauch von Telekinese, verstärkt durch den Handschuh. Die Tasche rutschte sanft zurück an Marcus’ Seite. Der Stoff seines Mantels bewegte sich, legte sich dichter um seinen Hals.

Marcus seufzte im Schlaf, entspannte sich.

Elias lächelte. Es war ein kleines, trauriges Lächeln, das niemand sah.

Das war seine Aufgabe. Nicht der Held zu sein, der das Schwert schwingt und im Sonnenlicht glänzt. Sondern der Wächter, der im Schatten sitzt und die Decken richtet, während die anderen träumen. Derjenige, der die Kälte abfängt, bevor sie die Haut derer berührt, die er liebt.

Er blickte auf seine eigene Brust. Unter dem Mantel, unter der Tunika, direkt auf seiner Haut, lag der Brief. Er spürte das Papier. Es war ein physisches Gewicht, schwerer als das Amulett selbst.

Ein Vermächtnis, dachte er. Das ist alles, was ich bin. Ein Brief und ein Schlüssel.

Die Stunden vergingen. Die Sterne wanderten über den schmalen Ausschnitt des Himmels, den die Felswände freigaben. Elias rührte sich nicht. Er wurde eins mit dem Stein, eins mit dem Eis. Er meditierte nicht. Er wartete.

Er wartete darauf, dass die Welt aufholte. Dass die Zeit der Ruhe ablief.

Und dann, ganz langsam, begann sich das Schwarz in Grau zu verwandeln.

Es war kein Sonnenaufgang. Hier, im Schatten der Silberkammberge, ging die Sonne nicht auf. Das Licht sickerte einfach nur in die Welt, fahl, farblos und ohne jede Wärme. Es enthüllte die schroffen Kanten der Felsen, die endlose Weite des Schneefeldes, das vor ihnen lag, und die monströse Höhe der Wand, die sie erklimmen mussten.

Der letzte Frieden neigte sich dem Ende zu.

Im Lager regte sich etwas. Clara.

Die Kriegerin setzte sich abrupt auf, die Hand sofort am Schwertgriff, die Augen weit aufgerissen, als hätte sie ein Geräusch gehört. Sie blinzelte, orientierte sich. Ihr Blick huschte über die schlafenden Gestalten ihrer Freunde, prüfte, zählte.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf.

Dann suchte sie den Sechsten.

Sie fand ihn.

Elias saß immer noch dort, am Rand des Lagers, eine dunkle Silhouette gegen das fahle Grau des Morgens. Er hatte sich nicht bewegt. Der Schnee hatte eine dünne Schicht auf seinen Schultern und seiner Kapuze gebildet, sodass er aussah wie ein Teil des Gebirges.

Clara starrte ihn an. Sie rief nicht seinen Namen. Sie sah die Art, wie er saß. Die absolute Stille, die von ihm ausging. Und in diesem Moment, in der kalten Klarheit des Erwachens, verstand sie etwas, das sie vielleicht schon lange geahnt hatte.

Er hatte nicht geschlafen. Er hatte gewacht. Und er war nicht mehr der Junge, den sie in Seraphis getroffen hatte.

Elias spürte ihren Blick. Er drehte den Kopf. Ihre Augen trafen sich. Grau in Grau.

Er nickte ihr zu. Ein kurzes, knappes Nicken. Ich bin hier. Wir sind bereit.

Clara atmete langsam aus. Sie nahm die Hand vom Schwert. Sie nickte zurück.

Dann weckte sie Tarek.