NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 3: Das Wappen der Ahnen
Der Aufstieg der Büßer war kein Name, den sich ein Poet ausgedacht hatte, um einer Karte Dramatik zu verleihen. Es war eine präzise, technische Beschreibung dessen, was der Körper hier oben, jenseits der Wolkengrenze, ertragen musste.
Es war keine Treppe im herkömmlichen Sinne. Es war eine Abfolge von schmalen, vereisten Simsen, die in den schwarzen Basalt des Bergmassivs geschlagen waren – vor tausend Jahren, von Händen, die nicht wussten, was Müdigkeit war. Aber die Zeit und der ewige Wind, der hier oben mit der Wucht eines massiven Hammers gegen den Fels schlug, hatten die Stufen abgeschliffen. Was übrig geblieben war, war eine steile, rutschige Narbe, die sich die fast vertikale Wand hinaufwand, als hätte ein Gott mit einem gigantischen Messer versucht, den Berg zu häuten.
Elias ging voran. Er setzte seine Stiefel nicht; er rammte sie in den gefrorenen Schotter. Sein rechter Arm, der im Schwarzen Handschuh steckte, diente ihm als Haken, als Anker. Er krallte die ledernen Finger in Felsspalten, die so eng waren, dass ein normaler Mensch sie nicht einmal bemerkt hätte, und zog sich hoch.
Er spürte die Kälte des Steins durch das Leder, aber es war keine Temperatur, die er registrierte. Sein Körper war zu einem Instrument geworden, einem Werkzeug, dessen einziger Zweck es war, den Gipfel zu erreichen. Das Amulett an seiner Brust, das in der Ruinenstadt noch so hell geleuchtet hatte, war nun dunkel. Es hatte sich in einen Ruhezustand versetzt, ein tiefes, graues Glimmen, das kaum ausreichte, um den Weg vor seinen Füßen zu beleuchten. Es sparte Energie. Es wusste, dass der wahre Kampf noch bevorstand.
Hinter ihm keuchte Tarek.
Jeder Atemzug des Söldners war ein Kampf. Die Luft hier oben war so dünn, dass sie keinen Sauerstoff zu enthalten schien, nur Eiskristalle und Schmerz. Tarek zog sein linkes Bein nach wie einen toten Baumstamm. Die Magiebrand-Narbe an seiner Seite, jenes weiße, tote Mal, das Elias ihm im Dschungel zugefügt hatte, reagierte auf die Höhe. Sie pochte nicht wie eine normale Wunde; sie zog sich zusammen. Die Druckveränderung ließ das Narbengewebe spannen, als wollte es reißen.
„Noch... ein Stück“, presste Clara hervor. Sie war direkt hinter ihm, ihre Schulter unter seiner Achsel. Sie trug nicht nur ihr eigenes Gewicht und das ihrer Rüstung, die sie trotz der Kälte nicht abgelegt hatte. Sie trug ihn.
Tarek rutschte ab. Ein Stein unter seinem gesunden Fuß gab nach, kullerte in die Tiefe und verschwand lautlos im Nebel, der unter ihnen waberte. Er kippte nach hinten, über den Abgrund.
Clara schrie nicht. Sie handelte. Sie rammte ihren Ellbogen gegen den Fels, verankerte sich und griff mit beiden Händen in Tareks Wams. Sie riss ihn zurück gegen den Hang, mit einer Kraft, die in ihren schmalen Armen nicht stecken sollte.
Sie prallten gegen den Stein. Tarek stöhnte auf, ein langes, gutturales Geräusch, das vom Wind sofort zerrissen wurde.
„Lass mich“, knurrte er. Sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. In seinen Augen lag kein Kampfgeist mehr, nur eine stumpfe, graue Erschöpfung. Seine Lippen waren blau und rissig, Blutkrusten in den Mundwinkeln. „Ich zieh dich mit runter, Mädchen. Der Weg ist zu schmal für zwei.“
„Dann machen wir ihn breiter“, zischte Clara. Sie ließ ihn nicht los. Ihre Finger waren in den Stoff seiner Kleidung gekrallt, als wären es ihre eigenen Hautlappen. „Du hast mich durch die Wüste getragen, als ich aufgeben wollte. Du hast mich im Atrium beschützt. Glaubst du wirklich, ich lasse dich jetzt fallen, nur weil es ein bisschen steil ist?“
„Das ist nicht steil“, hustete Tarek. „Das ist Selbstmord.“
„Hört auf zu reden“, sagte Marcus von weiter unten. Er kauerte auf einem Felsvorsprung, an den Fels gepresst wie eine Flechte. Er hatte die Augen geschlossen, um den Schwindel zu bekämpfen. „Sauerstoff sparen. Jedes Wort kostet Kalorien. Jede Bewegung erhöht die metabolische Rate.“
Er öffnete ein Auge, blickte nach oben in die graue Suppe. „Außerdem... physikalisch gesehen hat Tarek recht. Der Schwerpunkt der Gruppe ist instabil. Wenn einer fällt... fallen alle. Dominostein-Theorie.“
„Niemand fällt“, sagte Elias. Er hatte angehalten, hing ein paar Meter über ihnen am Fels. Er blickte nicht hinab, aber er spürte ihre Panik. Er spürte sie durch das Amulett. Es war ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge.
Er streckte die linke Hand nach hinten aus. Ein schwacher, violetter Schimmer löste sich von seinen Fingern. Er bildete keine Plattform, keine Brücke. Das hätte zu viel Energie gekostet. Er bildete Reibung.
Das Eis unter Tareks und Claras Stiefeln wurde rau, griffig, wie Sandpapier.
„Geht weiter“, befahl Elias. „Es wird flacher. Da oben.“
Es war eine Lüge. Es wurde nicht flacher. Es wurde nur anders steil. Aber es gab ihnen ein Ziel.
Sie kletterten weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Eine Stunde. Die Zeit hatte hier oben keine Bedeutung. Es gab keinen Sonnenstand, an dem man sich orientieren konnte, nur das ewige, gleichbleibende Grau des Himmels, der so nah war, dass man meinte, man könnte ihn berühren.
Lyra bildete das Schlusslicht. Sie schob Kael vor sich her. Der Wassermagier war in eine Art Trance gefallen. Er bewegte seine Glieder mechanisch, setzte Fuß vor Fuß, Hand vor Hand, aber sein Geist war nicht hier.
„Das Wasser...“, murmelte er immer wieder. „Es ist gefroren. Es schläft. Warum weckt es niemand?“
„Wir wecken es“, flüsterte Lyra ihm zu, obwohl sie wusste, dass er sie nicht hörte. „Bald.“
Sie blickte auf ihre eigenen Hände. Sie waren rot gefroren, trotz der Handschuhe, die sie trug. Aber unter der Haut... dort brannte es. Das Reinigende Feuer. Es hielt sie warm. Zu warm. Sie schwitzte unter ihrer Kleidung, ein kalter, klebriger Schweiß. Sie hatte Angst, Kael zu berühren. Angst, dass sie ihn verbrennen würde, statt ihn zu stützen. Aber sie musste. Sie war sein Anker.
Ein Windstoß traf sie, härter als die anderen. Er kam nicht von oben, sondern von der Seite, aus einer Schlucht, die in die Flanke des Berges schnitt. Er trug Eiskristalle mit sich, die wie Nadeln in die Haut stachen.
Lyra kniff die Augen zusammen. Durch den Schneegries hindurch sah sie etwas.
„Elias!“, rief sie. Ihre Stimme war dünn, wurde fast sofort weggeweht. „Da drüben!“
Elias hielt inne. Er folgte ihrem ausgestreckten Arm.
Dort, wo die Felswand einen Knick machte und eine Art natürliche Terrasse bildete, stand etwas. Es war kein Fels. Es war zu regelmäßig. Zu glatt.
Es war ein Bauwerk.
Elias kletterte höher, zog sich über die letzte Kante des Simses. Er stand auf der Terrasse. Der Wind hier war mörderisch, er pfiff um die Ecke wie ein wahnsinniges Tier, aber Elias stand fest, verankert durch das Gewicht des Amuletts.
Er wartete, bis die anderen nachkamen. Clara zog Tarek über die Kante. Sie brachen beide zusammen, lagen keuchend im Schnee. Marcus kroch auf allen Vieren hinterher, gefolgt von Kael und Lyra.
Sie lagen auf einem Plateau, vielleicht fünfzig Schritte breit, bevor der Berg wieder steil anstieg. Aber am hinteren Ende dieses Plateaus, halb in den Fels gehauen, halb aus schwarzem Granit gemauert, war ein Eingang.
Es war kein Tor wie am Nexus. Es war kleiner, menschlicher. Ein Bogen, flankiert von zwei Säulen, die fast vollständig von Eis überzogen waren. Aber man konnte noch erkennen, dass sie bearbeitet waren.
„Eine Zuflucht?“, fragte Marcus hoffnungsvoll. Er richtete sich auf, wischte sich den Schnee von der Brille. „Ein Außenposten der Wache?“
„Nein“, sagte Elias. Er ging auf das Bauwerk zu. Der Schnee hier war tief, unberührt. Niemand war hier gewesen, seit Jahrhunderten nicht.
Er erreichte die Säulen. Er wischte das Eis von einer der Basen. Darunter kam Stein zum Vorschein. Dunkler, polierter Granit. Und Inschriften.
Keine Wegweiser. Keine Warnungen. Namen.
Hunderte von Namen, eingemeißelt in den Stein in einer Schrift, die so fein war, dass sie wie Spinnweben aussah.
„Das ist keine Zuflucht“, sagte Elias leise. „Das ist ein Grab.“
Clara kam näher. Sie stützte sich auf ihr Schwert. Sie blickte auf den Torbogen. Über dem Eingang war ein Symbol in den Stein gehauen. Es war verwittert, vom Eis fast unkenntlich gemacht, aber die Umrisse waren noch da.
Ein Schild. Und darauf ein Tier. Ein Raubtier.
Clara erstarrte. Ihr Atem stockte. Sie ließ das Schwert sinken, bis die Spitze den Boden berührte.
„Das Wappen“, flüsterte sie.
„Was für ein Wappen?“, fragte Tarek, der sich mühsam neben sie geschleppt hatte.
Clara ging auf das Tor zu, wie in Trance. Sie zog ihren Handschuh aus. Sie legte ihre nackte Hand auf das gefrorene Wappen. Die Kälte musste brennen, aber sie zuckte nicht zurück.
Sie fuhr die Linien nach. Den geschwungenen Rücken des Tieres. Die Mähne. Die Klauen.
„Ein Löwe“, sagte sie. „Ein steigender Löwe.“
Sie drehte sich zu der Gruppe um. Ihr Gesicht war so bleich wie der Schnee um sie herum, aber ihre Augen waren dunkel vor Schock.
„Das ist das Wappen von Arendelle“, sagte sie. „Das Wappen meiner Familie.“
Marcus trat heran. Er vergaß die Kälte, vergaß die Erschöpfung. „Arendelle? Hier? Das ist unmöglich. Die Chroniken besagen, dass das Haus Arendelle erst nach dem Großen Krieg gegründet wurde. Im Tal. Als Beschützer der Grenzen.“
„Die Chroniken lügen“, sagte Elias.
Er stand vor dem Eingang. Das Tor selbst war eine massive Platte aus Stein, versiegelt. Aber das Amulett reagierte. Es erkannte den Ort. Es summte.
Es war kein hungriges Summen. Es war ein trauriges Summen.
„Sie waren nicht immer im Tal“, sagte Elias. Er spürte das Wissen durch das Amulett sickern, Fragmente von Elions Erinnerungen, die wie Treibholz an die Oberfläche seines Bewusstseins gespült wurden. „Sie waren hier oben. Bevor das Eis kam.“
„Warum?“, fragte Clara. Ihre Stimme war brüchig. „Warum sollte meine Familie hier oben ein Grab haben? Wir sind... wir sind Verräter. Das sagt die Geschichte. Mein Urgroßvater hat die Tore von Seraphis geöffnet, als Arkan das erste Mal kam. Wir sind die, die weggelaufen sind.“
„Vielleicht seid ihr nicht weggelaufen“, sagte Tarek. Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Vielleicht wurdet ihr geschickt.“
Elias legte die Hand auf das Tor.
„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, sagte er.
Er drückte. Er nutzte keine Magie, um den Stein zu sprengen. Er nutzte Resonanz. Er ließ das Amulett die Frequenz des Steins finden.
Ein tiefes Grollen antwortete aus dem Inneren des Berges. Staub rieselte von dem Wappen herab.
Das Tor bewegte sich. Es schwang nicht auf. Es sank in den Boden, langsam, schwerfällig, mit dem Geräusch von Stein, der auf Stein mahlt.
Ein Luftzug wehte ihnen entgegen.
Er war nicht stickig oder faulig. Er war kalt, aber rein. Er roch nach Weihrauch, der vor tausend Jahren verbrannt war, und nach getrockneten Rosenblättern.
Und aus der Dunkelheit der Krypta drang ein schwaches, bläuliches Licht.
„Wir gehen rein“, sagte Elias.
Clara zögerte einen Moment. Sie starrte in die Dunkelheit, als würde sie erwarten, dass die Geister ihrer Ahnen herausstürmten, um sie für ihr Versagen zu verurteilen.
Dann straffte sie die Schultern. Sie hob ihr Schwert.
„Ja“, sagte sie. „Wir gehen rein.“
Sie traten über die Schwelle, weg vom Sturm, hinein in die Geschichte, die Clara ihr ganzes Leben lang gefürchtet hatte.
Der Schritt über die Schwelle war wie das Eintauchen in stehendes Wasser.
Draußen, auf dem Plateau, hatte der Wind an ihnen gezerrt wie ein Rudel hungriger Hunde, hatte Schnee und Eissplitter gegen ihre Haut gepeitscht und den Lärm des Sturms in ihren Ohren dröhnen lassen. Doch kaum hatten sie den Bogen des Tores passiert, wurde die Welt still.
Es war keine leere Stille. Es war eine bewahrte Stille.
Der Raum, in dem sie standen, war riesig, eine Kathedrale, die in den Bauch des Berges getrieben worden war. Die Decke verlor sich in der Dunkelheit, getragen von Säulen aus schwarzem Basalt, die so poliert waren, dass sie im Schein des Amuletts wie flüssiges Öl glänzten. Aber es war nicht dunkel.
Entlang der Wände, in regelmäßigen Abständen, waren Nischen in den Fels geschlagen. Und in jeder Nische stand ein Kristall. Es waren keine Lumen-Steine der Akademie, keine künstlichen Lichtquellen. Es waren rohe, ungebrochene Quarzadern, die direkt aus dem Berg wuchsen und ein schwaches, saphirblaues Glimmen abgaben. Es war nicht hell genug, um Farben zu erkennen, aber es reichte, um Konturen zu zeichnen.
Und was sie sahen, ließ ihnen den Atem stocken.
„Das ist kein Grab“, flüsterte Marcus. Seine Stimme hallte vielfach von den Wänden wider, ein Flüstern, das zu einem Chor wurde. „Das ist ein Thronsaal.“
Der Boden bestand aus Mosaik. Millionen kleiner Steine, schwarz, weiß und grau, bildeten Muster, die sich unter ihren Füßen zu bewegen schienen. Spiralen. Sterne. Und immer wieder das Wappen: Der steigende Löwe.
Elias ging langsam vorwärts. Seine Schritte machten kein Geräusch auf dem Stein, als würde der Boden den Schall absorbieren. Er spürte das Amulett an seiner Brust. Es war ruhig geworden, fast ehrfürchtig. Die Träne des Ozeans im Inneren des Kristalls resonierte mit diesem Ort – ein Gefühl von Tiefe, von Geschichte, von Dingen, die unter der Oberfläche lagen.
Clara blieb dicht hinter ihm. Sie hatte ihr Schwert nicht weggesteckt, aber die Spitze hing nach unten, schleifte fast über das Mosaik. Ihre Augen waren weit aufgerissen, wanderten von einer Säule zur nächsten, von einem Schatten zum anderen. Sie suchte nach Bedrohungen. Sie suchte nach Beweisen für den Verrat ihrer Familie. Nach Götzenbildern der Dunkelheit, nach Zeichen der Schande.
Aber sie fand nur Würde.
Links und rechts des Mittelgangs standen Statuen. Lebensgroß, gemeißelt aus grauem Granit. Männer und Frauen in Rüstungen, die denen der Akademie ähnelten, aber älter waren, funktionaler. Sie trugen keine Prunkhelme. Sie trugen Narben im Stein.
Jede Statue stand vor einem Sarkophag. Schlichte Steinkisten, ohne Gold, ohne Juwelen. Nur der Name war in den Deckel gemeißelt.
Clara trat an die erste Statue heran. Ein Mann mit einem Bart, die Hände auf den Knauf eines Zweihänders gestützt.
„Goran von Arendelle“, las sie leise die Inschrift am Sockel. Sie musste den Reif wegwischen, um die Buchstaben zu enthüllen. „Erster Schild des Nordens. Gefallen am Tag des Schattens.“
Sie ging weiter. Zur nächsten. Eine Frau, das Haar streng zurückgebunden, einen Schild an der Seite.
„Elara von Arendelle. Wächterin der Pforte. Sie hielt die Linie.“
Claras Hand zitterte, als sie den Stein berührte. Sie sah Tarek an, der sich mühsam neben sie geschleppt hatte. Der Söldner lehnte sich schwer auf seinen Streitkolben, sein Atem ging rasselnd in der kalten, klaren Luft der Krypta.
„Sie sind Krieger“, sagte Tarek. Sein Blick war voller Respekt, etwas, das er selten zeigte. „Keine Politiker. Keine Verräter. Sieh dir ihre Rüstungen an, Clara. Die Dellen. Die Risse. Das sind keine Paradeuniformen. Das sind Rüstungen, in denen gestorben wurde.“
„Aber die Geschichte...“, stammelte Clara. „Die Archive der Akademie... sie sagen, Haus Arendelle sei geflohen. Dass wir die Tore von Seraphis geöffnet haben, um uns freizukaufen.“
„Geschichte wird von den Überlebenden geschrieben“, sagte Elias. Er stand weiter vorne, in der Mitte des Ganges. Das blaue Licht der Kristalle spiegelte sich in seinen Augen. „Und manchmal schreiben die Überlebenden Lügen, um ihr eigenes Versagen zu vertuschen.“
Er blickte in die Tiefe der Halle. Am Ende des Ganges, dort, wo das Licht am hellsten war, erhob sich ein Podest.
„Wir müssen weiter“, sagte er. „Das Herz der Krypta ist dort vorne.“
Sie gingen tiefer hinein. Die Luft wurde kälter, aber es war eine trockene, konservierende Kälte. Es roch nach Weihrauch, der vor Jahrhunderten verbrannt war, und nach Eisen.
Marcus blieb immer wieder stehen. Er konnte nicht anders. Der Archivar in ihm kämpfte gegen die Erschöpfung und die Trauer um Zara an. Er zog sein Logbuch hervor, kritzelte hastig Notizen, zeichnete die Runen ab, die an den Säulenbasen eingraviert waren.
„Das sind keine Grabinschriften“, murmelte er, während er im Gehen schrieb. „Das sind Befehle. Einsatzprotokolle. ‚Haltet den Pass‘. ‚Sichert den Rückzug‘. ‚Opfert das Blut, um den Geist zu bewahren‘.“
Er sah auf.
„Clara, deine Vorfahren... sie waren keine Flüchtlinge. Sie waren die Nachhut.“
„Die Nachhut?“, fragte Clara.
„Sie sind hiergeblieben“, sagte Marcus. Er deutete auf die Reihen der Sarkophage, die sich in der Dunkelheit verloren. „Als Elion die Stadt versiegelte... als er die Menschen einfror... brauchte er jemanden, der Wache hält. Jemanden, der sicherstellt, dass niemand die Schlafenden stört.“
Er rückte seine kaputte Brille zurecht.
„Sie wurden nicht verbannt. Sie wurden postiert.“
Der Gedanke traf Clara wie ein Schlag. Sie blieb stehen, schwankte. Tarek griff nach ihrem Arm, hielt sie fest.
„Die Verräter... waren die Wächter?“, flüsterte sie.
„Es macht Sinn“, sagte Zara – nein, Zara war nicht da. Es war Lyra, die sprach. Die Heilerin ging neben Kael, stützte den schwachen Wassermagier. Ihre Stimme war leise, aber fest. „Warum sollte man Verräter hier oben begraben? An der heiligsten Stätte? Verräter verscharrt man im Tal. Helden begräbt man auf dem Gipfel.“
Sie erreichten das Ende der Halle.
Vor ihnen erhob sich eine Treppe aus schwarzem Marmor, die zu einer Plattform führte. Auf der Plattform stand kein Thron. Dort stand ein einzelner, massiver Sarkophag. Er war größer als die anderen, gefertigt aus einem einzigen Block weißen Quarzes, der im blauen Licht fast durchsichtig wirkte.
Darauf lag keine Statue. Darauf lag ein Schwert.
Es war kein Schwert aus Stein. Es war echtes Metall. Eine lange, schlanke Klinge, deren Stahl nicht grau war, sondern silbern schimmerte, als wäre er aus Mondlicht geschmiedet. Der Griff war mit blauem Leder umwickelt, der Knauf ein einfacher, ungeschliffener Kristall.
Es lag dort, offen, ungeschützt. Es gab keinen Staub darauf.
Clara starrte das Schwert an. Sie spürte ein Ziehen in ihrer Brust, ein physisches Verlangen, das nichts mit Gier zu tun hatte. Es war ein Erkennen.
„Das ist es“, sagte sie. Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Was?“, fragte Elias.
„Das Schwert des Ersten“, sagte Clara. „Aethelgard. Der Bewahrer.“ Sie schluckte schwer. „Die Legende sagt, mein Urgroßvater habe es in den Fluss geworfen, als er floh. Um seine Schande zu verbergen.“
„Es liegt nicht im Fluss“, sagte Tarek. „Es liegt hier.“
Elias trat zur Seite. Er machte den Weg frei.
„Geh“, sagte er zu Clara. „Es wartet auf dich.“
Clara zögerte. Sie blickte auf ihre Hände. Sie waren schmutzig, blutig, zerschunden. Sie trug die Rüstung einer Entehrten. Sie fühlte sich unwürdig.
„Ich kann nicht“, flüsterte sie. „Ich bin... ich bin gebrochen. Ich habe gezweifelt.“
„Zweifel schärft die Klinge“, sagte Tarek. Er ließ ihren Arm los. Er stand wackelig, aber er stand allein. „Geh schon. Hol dir dein Erbe.“
Clara atmete tief ein. Die kalte Luft brannte in ihrer Lunge. Sie setzte einen Fuß auf die Treppe. Dann den anderen.
Sie stieg empor.
Mit jedem Schritt fiel eine Last von ihr ab. Die Last der Scham, die sie seit ihrer Kindheit getragen hatte. Die Last der Blicke in der Akademie, das Flüstern hinter ihrem Rücken. Die Tochter des Verräters.
Sie erreichte die Plattform. Sie stand vor dem Sarkophag. Das Schwert lag auf Augenhöhe.
Es summte nicht. Es leuchtete nicht. Es war einfach nur eine Waffe. Ein Werkzeug. Aber es war perfekt.
Clara streckte die Hand aus. Ihre Finger zitterten. Sie berührte den Griff.
Das Leder war warm.
In dem Moment, als ihre Haut das Schwert berührte, geschah es.
Ein Lichtimpuls ging von der Klinge aus. Nicht hell, nicht blendend. Ein sanfter, blauer Ring, der sich ausbreitete, über den Sarkophag, über die Plattform, durch die ganze Halle.
Wo das Licht die Statuen der Ahnen berührte, begannen ihre Augen zu leuchten.
Hunderte von blauen Punkten flammten in der Dunkelheit auf.
„Sie sind wach“, rief Marcus panisch. „Aktivierungssequenz!“
Aber die Statuen bewegten sich nicht. Sie griffen nicht an.
Stimmen erfüllten die Halle. Ein Flüstern, tausendfach vervielfacht. Es war kein Gespensterheulen. Es war ein Chor.
„Wir wachen.“
„Wir halten.“
„Bis das Blut zurückkehrt.“
Clara umfasste den Griff. Sie hob das Schwert. Es war leicht. Leichter als ihr eigenes. Es lag in ihrer Hand, als wäre es ein Teil ihres Arms.
Sie zog es hoch. Die Klinge sang, als sie die Luft schnitt.
Und dann sprach eine Stimme. Lauter als das Flüstern. Eine Stimme, die direkt aus dem Sarkophag zu kommen schien.
„Wer bricht das Siegel?“
Clara wich nicht zurück. Sie hielt das Schwert fest. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber ihre Stimme war fest wie der Fels um sie herum.
„Ich“, sagte sie. „Clara von Arendelle. Tochter der Wächter. Ich bin zurückgekehrt.“
Das blaue Licht pulsierte einmal heftig. Dann zog es sich zurück, floss in die Klinge in Claras Hand. Der Stahl begann zu leuchten, ein kaltes, stetiges Licht, das die Schatten vertrieb.
„Erkannt“, sagte die Stimme. „Das Erbe ist angenommen.“
Ein Klicken war zu hören. Ein mechanisches Geräusch, tief im Inneren des Sarkophags.
Der Deckel aus weißem Quarz verschob sich.
„Vorsicht!“, rief Tarek und humpelte die Stufen hinauf, seinen Streitkolben erhoben.
Aber aus dem Sarkophag stieg kein Monster. Es stieg auch kein Untoter.
Er war leer.
Bis auf eine kleine, schwarze Schatulle, die auf dem Boden des Sarges lag. Und eine Inschrift, die auf der Innenseite des Deckels eingemeißelt war.
Marcus rannte die Stufen hinauf, seine Neugier stärker als seine Vorsicht. Er beugte sich über den Rand.
„Was steht da?“, fragte Elias von unten.
Marcus las. Seine Augen weiteten sich. Er blickte zu Clara, dann zu Elias.
„Es ist eine Nachricht“, flüsterte er. „Vom Ersten der Arendelle. An den Letzten.“
„Lies“, sagte Clara. Sie senkte das leuchtende Schwert.
Marcus räusperte sich. Seine Stimme hallte in der Stille.
„Wir gingen nicht aus Furcht. Wir gingen, weil er uns bat. Elion sah die Dunkelheit in seinem eigenen Herzen wachsen. Er wusste, dass er eines Tages brechen würde. Er schickte uns fort, um die Welt vor ihm zu schützen. Wir sind die Verräter, damit er der Held bleiben kann. Aber wenn du dies liest... dann ist der Held gefallen. Und die Verräter müssen zurückkehren, um ihren König zu töten.“
Stille.
Clara starrte auf die leere Steinkiste. Die Wahrheit traf sie härter als jeder Schwerthieb. Ihre Familie war nicht geflohen. Sie hatte das größte Opfer gebracht, das möglich war: Sie hatte ihre Ehre geopfert, um den Ruf ihres Freundes zu schützen. Um Elions Legende zu bewahren.
„Sie haben gelogen“, flüsterte sie. „Tausend Jahre lang. Um ihn zu schützen.“
„Und jetzt müssen wir das tun, wovor sie uns bewahrt haben“, sagte Elias. Er stieg die Stufen hinauf, stellte sich neben sie. Der Schwarze Handschuh ruhte auf dem kalten Stein des Sarkophags.
„Wir müssen ihn töten“, sagte Elias. „Oder ihn ersetzen.“
Zara – nein, Marcus blickte auf die Schatulle. „Da ist noch etwas.“
Er griff hinein. Er holte die Schatulle heraus. Sie war aus demselben schwarzen Metall wie die Rüstung der Schatten-Ritter, aber sie fühlte sich warm an.
„Öffne sie“, sagte Clara.
Marcus öffnete den Deckel.
Darin lag kein Gold. Darin lag ein Kristall. Ein Schlüsselstein. Er war rot, facettiert und pulsierte im Takt mit Elias’ Amulett.
„Der Zugang“, sagte Elias. Er spürte die Resonanz. „Das ist der Schlüssel zum Inneren Sanktum. Zu Elions Thronsaal.“
Er nahm den Stein. Er passte perfekt in seine linke Hand.
„Wir haben den Weg“, sagte er. „Und wir haben die Waffe.“ Er nickte zu Claras neuem Schwert.
„Und wir haben die Wahrheit“, sagte Clara. Sie wischte sich die Tränen ab. Ihr Gesicht war hart, entschlossen. „Mein Vater... er wusste es vielleicht nicht. Aber er hat das Blut weitergegeben. Und jetzt sind wir hier.“
Sie blickte Tarek an.
„Wir sind keine Verräter“, sagte sie. „Wir sind die letzte Verteidigungslinie.“
Tarek nickte. Er stützte sich schwer auf den Sarkophagrand.
„Dann lass uns verteidigen“, sagte er. „Bevor ich hier umkippe.“
Elias blickte zum Ausgang der Krypta. Der Sturm draußen hatte nachgelassen, aber die Kälte kroch herein.
„Wir müssen weiter“, sagte er. „Der Gipfel wartet.“
Sie verließen die Krypta. Sie ließen die Ahnen zurück, die nun nicht mehr im Dunkeln wachten, sondern im blauen Licht ihrer eigenen Ehre.
Clara ging voran, das leuchtende Schwert in der Hand. Sie war nicht mehr die entehrte Kadettin. Sie war der Schild von Arendelle.
Aber Elias, der als Letzter ging, spürte eine neue Kälte. Die Botschaft war klar gewesen: Um ihren König zu töten.
Er wusste, dass er dieser König sein würde. Wenn er Elion ersetzte... würde Clara dann eines Tages zurückkehren müssen, um ihn zu töten?
Er schloss das Tor der Krypta. Der Gedanke blieb.
Der Ausgang aus der Krypta war kein Schritt zurück in die Welt, die sie verlassen hatten. Er war ein Schritt in ein Inferno aus Weiß.
Solange sie im Schutz der Ahnenhalle gestanden hatten, umgeben von den stummen Zeugen der Vergangenheit und dem sanften blauen Glimmen der Kristalle, war der Sturm draußen nur ein fernes Grollen gewesen. Ein abstraktes Konzept von Gefahr. Doch in dem Moment, als Elias die schwere Steinplatte hinter sich zuschob und der Riegel mit einem dumpfen, endgültigen Knirschen einrastete, schlug die Realität zu.
Der Wind traf sie nicht; er überfiel sie.
Es war kein normaler Gebirgswind mehr. Es war ein Fallwind, beschleunigt durch die magische Geometrie der Gipfel, der mit der Wucht einer physischen Mauer gegen die Felswand prallte, in der sie standen. Er trug keine Schneeflocken. Er trug Eissplitter, rasiermesserscharfe Kristalle, die horizontal durch die Luft schossen und jede ungeschützte Hautstelle sofort aufrissen.
„Zusammenbleiben!“, brüllte Elias, aber der Sturm riss ihm die Worte vom Mund, bevor sie auch nur Clara erreichten, die keine zwei Meter neben ihm stand.
Das Heulen war ohrenbetäubend. Es klang nicht wie Luft, die um Stein strich. Es klang wie Tausende von Stimmen, die in einer Sprache schrien, die keine Zunge formen konnte – die Sprache von Phobos.
Tarek, der sich in der Krypta noch aufrecht gehalten hatte, getragen vom Adrenalin der Entdeckung und der Ehre des Ortes, brach zusammen, sobald die Kälte ihn traf. Es war, als hätte ihm jemand die Marionettenfäden durchschnitten. Seine Beine gaben einfach nach. Er fiel nicht in den Schnee; er wurde vom Wind umgeworfen, gegen die Felswand gedrückt wie ein nasses Blatt.
„Tarek!“, schrie Clara. Sie ließ das Schwert des Ersten nicht los, das in ihrer Hand immer noch in einem trotzigen, blassen Blau leuchtete, aber sie warf sich neben den Söldner. Sie versuchte, ihn hochzuziehen, aber ihre Stiefel fanden keinen Halt auf dem vereisten Plateau.
Der Söldner reagierte nicht. Seine Augen waren offen, aber sie waren glasig, fixiert auf einen Punkt im grauen Nichts. Seine Haut war grau, die Lippen violett. Die Magiebrand-Narbe an seiner Seite, die im Tal noch geruht hatte, glühte nun durch seine Kleidung. Sie pulsierte im Takt mit dem Sturm – ein krankes, weißes Licht, das anzeigte, dass die nekrotische Energie auf die Kälte des Berges reagierte. Die Umgebung saugte das letzte bisschen Wärme aus ihm heraus, gierig und effizient.
Marcus kauerte neben ihnen, den Rücken gegen den Wind gedreht, die Arme schützend über den Kopf gehalten. Er schrie etwas, aber Elias konnte nur Wortfetzen verstehen.
„...thermischer Schock... Systemkollaps... keine Variable für...“
Elias wusste, dass Marcus recht hatte. Das hier war kein Wetter. Das war ein Angriff. Der Berg wusste, dass sie den Schlüssel hatten. Er wusste, dass sie das Schwert hatten. Und er wollte nicht zulassen, dass sie den nächsten Grat erreichten.
Er will uns erfrieren lassen, dachte Elias. Die Erkenntnis war kalt und klar. Er will uns hier konservieren, genau wie die Menschen in der Stadt unten. Neue Statuen für seinen Garten.
Er griff an seine Brust. Das Amulett war heiß, brennend heiß unter den Schichten seiner Kleidung. Es kämpfte. Die drei Fragmente im Inneren rotierten wild, ein Chaos aus Energie, das gegen die äußere Kälte anbrannte.
Feuer, dachte Elias. Wir brauchen Feuer.
Er tastete nach dem Auge der Sonne. Er rief die Erinnerung an die Wüste Ashara wach, an den brennenden Sand, an die Luft, die flimmerte.
Er riss den rechten Arm hoch, die Handfläche offen gegen den Wind. Der Schwarze Handschuh glänzte nass vom geschmolzenen Schnee.
„BRENN!“, schrie er.
Er entlud einen Impuls. Keine gezielte Lanze, sondern eine Welle roher Hitze.
Ein Kreis aus rotem Licht explodierte um sie herum. Der Schnee in einem Radius von fünf Metern verdampfte instantan mit einem lauten Zischen. Eine Wolke aus warmem Dampf hüllte sie ein, schuf für den Bruchteil einer Sekunde eine Insel des Sommers im ewigen Winter.
Tarek keuchte auf, als die Wärme ihn traf. Er hustete, sein Körper krümmte sich. Clara atmete tief ein, ihre Lungen füllten sich mit der feuchten, heißen Luft.
Aber der Berg lachte.
Der Wind drehte. Er griff die Dampfwolke an, zerriss sie, wirbelte sie fort. Und in der Sekunde, in der der Dampf den schützenden Kreis des Amuletts verließ, gefrohr er wieder. Er wurde zu Eisstaub, feiner als Sand, der nun von allen Seiten auf sie niederprasselte.
Elias sank auf ein Knie. Der Aufwand hatte ihn Kraft gekostet. Das Amulett zog an seinen Reserven, fraß an seiner Substanz. Der Riss im Kristall pochte schmerzhaft.
„Es reicht nicht“, keuchte er. „Die Entropie... sie ist zu stark. Der Berg ist zu groß.“
Lyra kroch zu ihm. Sie hatte Kael losgelassen, der nun reglos im Schnee lag, nur noch ein Bündel aus Kleidung. Ihre weißen Haare wehten wild um ihr Gesicht, ihre Augen leuchteten in jenem unnatürlichen Neongrün, das ihre neue Magie kennzeichnete.
„Wir können hier nicht bleiben“, schrie sie ihm ins Ohr. „Kael stirbt. Tarek stirbt. Wir müssen in Bewegung bleiben. Reibung. Arbeit. Das ist die einzige Wärme, die uns bleibt.“
„Wohin?“, fragte Elias. Er deutete in die weiße Wand vor ihnen. „Wir sehen nichts. Wenn wir jetzt loslaufen, stürzen wir ab.“
„Nicht blind“, sagte Marcus. Er war herangekrochen, hielt Zaras Kompass in der Hand. Die Nadel zitterte nicht mehr. Sie leuchtete. Ein schwaches, goldenes Glimmen ging von ihr aus, das durch das Glas der Abdeckung drang. Sie zeigte stur nach oben. In die Steilwand hinein.
„Der Weg ist da“, schrie Marcus. „Der Kompass... er reagiert auf die Magie der Straße. Er zeigt den Pfad der Ahnen.“
Er deutete auf eine Felsformation, die kaum im Sturm zu erkennen war. Ein schmaler Sims, der sich spiralförmig um einen Felsnadel wand.
„Das ist kein Weg“, rief Clara entsetzt. „Das ist eine Todesfalle. Ein Fehltritt, und wir fallen tausend Meter.“
„Es ist der einzige Weg!“, brüllte Tarek. Er hatte sich aufgerappelt. Er stand wackelig, gestützt auf sein Schwert und auf Clara, aber er stand. Sein Gesicht war eine Maske aus Trotz. „Ich sterbe nicht hier unten im Dreck. Nicht vor der Türschwelle.“
Er machte einen Schritt. Dann noch einen. Er ging auf den Sims zu.
Elias sah ihn an. Er sah den Willen, der stärker war als der Körper.
„Formation!“, befahl Elias. Er zwang sich hoch. Er ging an die Spitze. „Ich breche den Wind. Clara, du nimmst Tarek. Lyra, Marcus – ihr nehmt Kael zwischen euch. Niemand bleibt zurück.“
Sie setzten sich in Bewegung.
Der Aufstieg über den Sims war die Hölle.
Der Pfad war kaum breiter als zwei Fuß. Links die nackte Felswand, rechts der Abgrund, der im weißen Nichts verschwand. Der Wind drückte sie gegen den Stein, versuchte, sie wie lästige Insekten von der Wand zu kratzen.
Elias ging voran. Er nutzte den Handschuh. Er rammte die Finger in den Fels, schuf Griffe, wo keine waren. Er schmolz das Eis unter seinen Stiefeln nur so weit an, dass es griffig wurde, nicht rutschig. Es war ein Tanz auf der Rasierklinge. Zu viel Hitze, und er würde abrutschen. Zu wenig, und er würde erfrieren.
Hinter ihm kämpften Clara und Tarek.
Es war kein Gehen mehr. Es war ein Schleifen. Clara hatte das Seil um ihre Hüfte gebunden und das andere Ende um Tareks Brustkorb. Sie zog ihn. Schritt für Schritt.
Tarek versuchte zu helfen, aber sein linkes Bein war nutzlos. Er zog es nach, die Stiefelspitze hinterließ eine Spur im Schnee, die sofort wieder verweht wurde. Er fluchte nicht mehr. Er sparte jeden Atemzug.
Aber in seinem Kopf war es laut.
Lass los, sagte die Stimme seines Vaters. Er sah ihn vor sich, im Schneegestöber. General Karim in seiner prunkvollen Rüstung, unberührt von der Kälte. Du bist ein Soldat. Du weißt, wann eine Schlacht verloren ist. Du bist nur Ballast. Du bringst das Mädchen um.
Tarek schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben. „Nein“, knurrte er.
Sie ist stark, flüsterte der Vater. Aber sie ist nicht stark genug für zwei. Schneid das Seil durch, Junge. Tu einmal das Richtige. Sei ein Held, indem du verschwindest.
Tarek blickte auf das Seil, das ihn mit Clara verband. Es war straff gespannt. Er sah, wie es in ihr Fleisch schnitt, wie sie zitterte unter seiner Last. Er griff nach seinem Dolch. Seine Finger waren steif, taub. Er umklammerte den Griff.
Ein Schnitt. Ein kurzer, sauberer Schnitt. Und er würde fallen. Er würde fallen, und sie wäre frei. Sie könnte laufen. Sie könnte leben.
Er setzte die Klinge an das Seil an.
„WAG ES NICHT!“, schrie Clara. Sie hatte sich nicht umgedreht. Sie hatte es gespürt.
Sie blieb stehen, rammte ihre Stiefel in den Schnee, stemmte sich gegen den Wind. Sie drehte den Kopf, nur so weit, dass sie ihn aus dem Augenwinkel sehen konnte. Ihre Augen waren wild, voller Tränen, die zu Eis gefroren waren.
„Wenn du schneidest, Tarek... dann springe ich hinterher. Ich schwöre es bei den Ahnen, die wir gerade gefunden haben. Ich springe.“
Tarek starrte sie an. Er sah die Wahrheit in ihrem Gesicht. Sie war eine Arendelle. Sie log nicht.
„Du bist dumm“, flüsterte er.
„Ich bin loyal“, sagte sie. „Und du bist es auch. Also steck das verdammte Messer weg und beweg deine Beine.“
Tarek ließ den Dolch sinken. Er steckte ihn weg. Er schloss die Augen, sammelte die letzten Reste seiner Kraft, die er irgendwo ganz tief unten, unter dem Schmerz und der Scham, versteckt hatte.
„Na gut“, sagte er. „Na gut.“
Er drückte sich ab. Er machte einen Schritt. Dann noch einen.
Weiter hinten kämpften Lyra und Marcus um Kael.
Der Wassermagier war bewusstlos. Er hing zwischen ihnen, die Arme über ihre Schultern gelegt. Seine Füße schleiften. Er war schwer, tote Masse.
Marcus keuchte. Seine Lungen brannten wie Feuer. Die dünne Luft machte ihm zu schaffen, sein Herz raste in einem ungesunden Stakkato. Er rechnete nicht mehr. Die Variablen waren zu komplex, das Ergebnis zu offensichtlich. Tod durch Erschöpfung.
„Wir schaffen das nicht“, wimmerte er. „Die Steigung... der Energieaufwand...“
„Halt den Mund, Marcus“, sagte Lyra. Ihre Stimme war hart. Kalt.
Sie ging auf der Außenseite, am Abgrund. Sie hatte keine Angst zu fallen. Sie hatte Angst, Kael zu verlieren.
Sie spürte seine Kälte durch ihre Kleidung. Er war ein Eisblock.
Sie konzentrierte sich auf ihre Hände, die seinen Körper hielten. Sie rief das Reinigende Feuer.
Normalerweise verbrannte es. Es zerstörte. Aber jetzt zwang sie es, zu dienen.
Wärme ihn, befahl sie. Verbrenne die Kälte in ihm, nicht seine Haut.
Es war ein Balanceakt. Ihre Hände glühten neongrün auf. Dampf stieg von Kaels Kleidung auf. Er zuckte im Schlaf, stöhnte.
„Es tut ihm weh“, sagte Marcus panisch.
„Besser Schmerz als Tod“, sagte Lyra. „Lauf weiter.“
Sie schleppten ihn um eine Felsnase. Und dann sahen sie es.
Der Sims endete.
Er führte nicht weiter nach oben. Er endete vor einer glatten, vertikalen Wand aus Eis, die zehn Meter hoch war. Oben war ein Plateau. Aber dazwischen war nichts als glasiges, unbezwingbares Eis.
Elias stand davor. Er hämmerte mit der Faust gegen das Eis.
„Sackgasse?“, fragte Clara, als sie ihn erreichte. Sie ließ Tarek sanft gegen die Felswand sinken.
„Nein“, sagte Elias. Er drehte sich um. Sein Gesicht war verzerrt vor Frustration. „Der Weg geht da hoch. Ich kann die Spuren sehen. Unter dem Eis. Alte Stufen.“
Er deutete auf Schatten im Eis.
„Phobos“, sagte er. „Er hat den Weg versiegelt. Er hat einen Gletscher über die Treppe gegossen.“
„Wir können das nicht klettern“, sagte Marcus, der Kael absetzte. „Nicht mit Tarek. Nicht mit Kael. Wir brauchen Eishacken. Steigeisen.“
„Wir brauchen Feuer“, sagte Elias. „Viel Feuer.“
Er trat zurück. Er blickte auf das Amulett.
„Ich muss es wegbrennen. Alles.“
„Du hast nicht genug Energie“, sagte Clara. „Du hast es im Sturm verbraucht. Wenn du jetzt so viel ziehst...“
„Dann bricht der Kristall“, beendete Elias den Satz. Er wusste es. Er spürte den Riss. Er war breiter geworden. Ein Haarriss mehr, und das Ding würde implodieren.
Aber was war die Alternative? Erfrieren?
„Es gibt noch eine Quelle“, sagte Tarek leise.
Alle sahen ihn an. Der Söldner saß im Schnee, das Gesicht grau. Er hatte seine Hand auf der Wunde an seiner Seite.
„Die Nekrose“, sagte er. „Der Magiebrand. Er ist reine Energie. Elias hat es gesagt. Er hat das Gift aus mir gesaugt.“
Er blickte Elias an.
„Nimm es zurück. Saug die Wunde leer. Nimm die Krankheit, die in mir ist, und benutz sie als Brennstoff.“
„Das tötet dich“, sagte Lyra entsetzt. „Das ist deine Lebenskraft, die dagegen kämpft. Wenn Elias das absaugt...“
„Dann bin ich den Schmerz los“, sagte Tarek. Er lächelte schwach. „Und wir kommen hier rauf.“
Er öffnete seinen Mantel, riss das blutige Hemd hoch. Die Wunde pulsierte violett und weiß.
„Mach schon, Junge. Bevor ich es mir anders überlege.“
Elias starrte auf die Wunde. Er sah die Energie darin. Wilde, chaotische Magie, die Tarek langsam auffraß.
Er könnte sie nutzen. Er könnte sie kanalisieren. Es war gefährlich. Für Tarek. Für das Amulett.
Aber es war ein Weg.
„Ich mache es“, sagte Elias.
Er trat zu Tarek. Er zog den Handschuh nicht aus. Er legte die schwarze Hand auf die offene Wunde.
„Schrei nicht“, flüsterte er.
„Mach ich nie“, sagte Tarek und biss die Zähne zusammen.
Elias öffnete das Ventil.
Die Berührung war kein Kontakt zwischen Haut und Leder. Es war ein Kurzschluss zwischen zwei Abgründen.
Als Elias seine behandschuhte Hand auf Tareks offene, pulsierende Wunde legte, erwartete er Hitze. Er erwartete das Fieber, das den Söldner seit Tagen verzehrte. Aber was er fand, war eine Kälte, die so tief und fremd war, dass sie ihm den Atem raubte. Die Nekrose, die Elias selbst in Tarek gepflanzt hatte, um das Gift der Hydra zu stoppen, war nicht nur totes Fleisch. Sie war ein Stück des Vakuums, das sich in einem lebenden Körper eingenistet hatte.
„Mach... schon“, presste Tarek hervor. Sein Kopf war gegen den Fels gelehnt, die Sehnen an seinem Hals traten hervor wie Drahtseile. Er schloss die Augen nicht. Er starrte Elias an, und in seinen grauen Augen lag keine Furcht, sondern eine wilde, fast wahnsinnige Erwartung. Er bot seinen Schmerz an wie eine Waffe.
Elias öffnete das Ventil des Amuletts. Nur einen Spaltbreit.
Er zog nicht. Er ließ zu.
Das Amulett an seiner Brust, das ausgehungert und rissig war, stürzte sich auf die Energiequelle. Es gab kein sanftes Fließen. Es war ein Riss. Elias spürte, wie die Energie aus Tareks Körper in seine Handfläche schoss, den Arm hinauf raste und in seine Brust krachte.
Es fühlte sich schmutzig an.
Die Energie war nicht rein wie das Sonnenlicht von Ashara oder tief wie das Meerwasser. Sie schmeckte nach altem Blut, nach Eiter, nach verbrannter Magie und nach dem sturen, unbrechbaren Willen des Söldners. Sie schmeckte nach Schmerz.
Tarek schrie.
Es war kein Schrei, den er unterdrücken konnte. Sein Körper bäumte sich auf, als würde er von unsichtbaren Haken in die Luft gerissen. Sein Rücken bog sich zu einem Bogen, seine Fersen trommelten auf das Eis.
„Tarek!“, schrie Clara. Sie wollte ihn festhalten, wollte Elias wegstoßen, aber sie konnte nicht. Eine Welle aus statischer Aufladung ging von den beiden Männern aus und drückte sie zurück. Sie konnte nur zusehen, wie das violette Licht unter Tareks Haut heller wurde, wie es wanderte, aus seiner Seite gesaugt wurde wie Gift aus einer Wunde.
Elias würgte. Die Energie überschwemmte ihn. Sie war zu wild, zu chaotisch. Der Riss im Amulett begann zu singen – ein hohes, gefährliches Klirren.
Nicht speichern, dachte Elias panisch. Nicht halten. Weiterleiten.
Er drehte sich halb um, ohne den Kontakt zu Tarek zu verlieren. Seine linke Hand, die freie Hand, streckte er gegen die Eiswand aus, die ihnen den Weg versperrte.
Er wurde zum Leiter. Ein menschliches Kabel, durch das der Schmerz eines Mannes floss, um einen Berg zu brechen.
„BRENN!“, brüllte Elias.
Er feuerte.
Ein Strahl brach aus seiner linken Hand. Aber es war kein Lichtstrahl. Es war ein Strahl aus violetter, zuckender Energie, durchzogen von schwarzen Adern. Er sah aus wie verflüssigter Blitzschlag.
Er traf das Eis.
Das Geräusch war ohrenbetäubend. Es war kein Schmelzen. Es war eine Sublimation. Das Eis verdampfte instantan. Eine Wolke aus superheißem Dampf explodierte nach außen, füllte den schmalen Sims.
Elias schrie vor Anstrengung. Er spürte, wie Tarek unter seiner Hand schwächer wurde. Das Pochen der Wunde ließ nach. Die Energie versiegte. Er saugte nicht mehr die Nekrose ab. Er saugte Tareks Leben ab.
Stopp, befahl er sich. Stopp, oder du tötest ihn.
Er riss seine Hand weg. Der Kontakt brach ab.
Elias wurde nach hinten geschleudert, prallte gegen die Felswand. Das Amulett glühte noch einen Moment nach, dann wurde es dunkel. Kalt. Leer.
Der Dampf legte sich.
Wo eben noch eine unüberwindbare Wand aus Gletschereis gestanden hatte, klaffte nun ein Loch. Ein Tunnel, geschmolzen in das Eis, die Ränder glatt und glasig, tropfend von heißem Wasser.
Dahinter lag das Plateau.
„Tarek“, wimmerte Clara. Sie war sofort bei ihm.
Der Söldner lag im Schnee. Er bewegte sich nicht. Seine Brust war still.
„Nein“, flüsterte Clara. Sie legte ihr Ohr an seinen Mund. „Atme. Du verdammter Sturkopf, atme.“
Lyra kroch heran. Sie schob Clara sanft beiseite. Sie legte ihre Hände auf Tareks Brust. Sie rief keine Magie. Sie hatte keine mehr für ihn. Sie drückte einfach. Einmal. Zweimal. Mechanische Wiederbelebung, die sie in der Triage gelernt hatte.
„Komm zurück“, sagte sie. „Komm zurück.“
Ein rasselnder Laut. Tarek sog Luft ein. Ein gieriger, verzweifelter Atemzug, der sich anhörte, als würde er ertrinken. Er hustete, spuckte blutigen Schleim in den Schnee.
Er öffnete die Augen. Sie waren trüb, unfokussiert.
„Ist...“, krächzte er. „Ist es... weg?“
Clara riss sein Hemd hoch. Sie starrte auf seine Seite.
Die weiße, tote Stelle war verschwunden. Das pulsierende, violette Licht war weg. Stattdessen war dort eine Narbe. Eine riesige, hässliche Narbe, die aussah wie ein verbrannter Stern. Die Haut war rot, roh, aber sie war lebendig. Sie blutete. Echtes, rotes Blut.
„Du blutest“, sagte Clara, und sie lachte und weinte gleichzeitig. „Du blutest, Tarek.“
„Gut“, murmelte er und ließ den Kopf zurücksinken. „Bluten... ist gut.“
Elias saß an der Felswand. Er starrte auf seine Hände. Beide zitterten. Er fühlte sich ausgehöhlt, vergewaltigt von der Energie, die durch ihn hindurchgegangen war. Er hatte den Geschmack von Tareks Schmerz auf der Zunge, bitter und metallisch.
Er blickte zu Clara. Er erwartete Dankbarkeit.
Aber als Clara aufsah, war in ihren Augen keine Dankbarkeit. Da war Entsetzen.
„Was hast du getan?“, flüsterte sie.
„Ich habe den Weg frei gemacht“, sagte Elias.
„Du hast ihn fast umgebracht“, sagte sie. Sie stand auf, trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich habe es gesehen, Elias. Du hast nicht aufgehört. Als das Gift weg war... hast du weitergezogen. Du wolltest mehr.“
„Ich musste durch das Eis“, verteidigte sich Elias schwach.
„Nein“, sagte Clara. „Du wolltest die Macht. Für eine Sekunde... war es dir egal, ob er stirbt. Hauptsache, die Wand fällt.“
Elias wollte widersprechen. Er wollte schreien, dass das nicht wahr sei. Aber das Amulett an seiner Brust war still, und in dieser Stille lag das Eingeständnis. Er hatte den Rausch gespürt. Die rohe Kraft von Tareks Lebenswillen. Es war süßer gewesen als das Sonnenlicht.
„Wir müssen weiter“, sagte Marcus. Er stand am Eingang des geschmolzenen Tunnels. Er hielt den Kompass in der Hand. Er vermied es, Elias anzusehen. „Der Dampf gefriert wieder. Der Tunnel wird sich schließen. In Minuten.“
„Wir tragen ihn“, sagte Clara. Sie wandte sich von Elias ab. Sie ging zu Tarek, hob seinen Arm über ihre Schulter. „Zara, hilf mir.“
Zara nickte stumm. Gemeinsam hievten sie den halb bewusstlosen Söldner hoch.
Sie gingen an Elias vorbei. Niemand reichte ihm die Hand. Niemand half ihm auf.
Elias stand alleine auf. Er klopfte sich den Schnee vom Mantel. Er richtete das Amulett. Er war der Träger. Er war der Schlüssel.
Aber er war nicht mehr Teil der Familie.
Er folgte ihnen in den Tunnel aus Eis.
Das Plateau, das sie erreichten, war anders als die Stadt der Toten unten. Es war keine Ebene. Es war eine Terrasse der Giganten.
Der Boden war aus demselben schwarzen Basalt wie der Rest des Berges, aber hier war er glatt poliert, fegte vom ewigen Wind sauber von Schnee. Riesige Säulenstümpfe säumten den Weg, Reste einer Kolonnade, die einst zum Gipfel geführt hatte.
Aber was sie sahen, ließ sie innehalten.
Mitten auf dem Plateau, unberührt von Zeit und Eis, stand ein Stein.
Er war nicht grau. Er war weiß. Reiner, weißer Marmor, der im Zwielicht leuchtete.
Er hatte die Form eines Schildes.
Clara blieb stehen. Tarek hing schwer in ihren Armen, aber sie spürte das Gewicht kaum. Sie starrte auf den Stein.
„Das Wappen“, flüsterte sie.
Es war dasselbe Wappen wie an der Krypta. Der steigende Löwe. Aber dieser hier war nicht verwittert. Er war perfekt. Und er war nicht leer.
In der Mitte des Schildes, dort wo das Herz des Löwen sein sollte, war eine Vertiefung.
Und in der Vertiefung steckte etwas.
Clara ließ Tarek vorsichtig zu Boden gleiten. Zara stützte ihn.
Clara ging auf den Stein zu. Ihre Schritte hallten laut auf dem Basalt. Sie zog ihren Handschuh aus.
In der Vertiefung steckte ein Ring.
Er war aus schwerem, dunklem Gold, besetzt mit einem blauen Stein, der aussah wie ein gefrorenes Stück Meer.
„Der Ring des Ersten“, sagte Clara. Ihre Stimme zitterte. „Das Siegel von Arendelle. Mein Vater... er hat immer gesagt, es sei verloren gegangen. Dass der letzte Wächter es mit ins Grab genommen hat.“
„Er hat es nicht mit ins Grab genommen“, sagte Elias. Er war herangekommen, stand hinter ihr. „Er hat es hier gelassen. Als Wegweiser.“
„Wofür?“, fragte Marcus.
„Für den, der nachfolgt“, sagte Elias.
Clara streckte die Hand aus. Sie berührte den Ring. Er war kalt, aber er brannte nicht. Er wartete.
Sie zog ihn heraus. Er passte perfekt auf ihren Finger.
In dem Moment, als sie ihn aufsteckte, geschah etwas.
Der Stein vor ihr begann zu leuchten. Nicht der Ring. Der Marmorblock.
Schriftzeichen erschienen auf der weißen Oberfläche, als würden sie von unsichtbarer Tinte geschrieben. Es war keine alte Sprache. Es war Elysisch. Die Sprache der Menschen.
Aber die Handschrift... Clara kannte sie.
Sie sank auf die Knie. Ein Schluchzen entwich ihr.
„Vater?“, flüsterte sie.
Es war nicht die Schrift eines Vorfahren vor tausend Jahren. Es war die Schrift ihres Vaters. Des Verräter-Generals.
Clara,
Wenn du das liest, habe ich versagt. Oder ich bin tot. Ich hoffe, du bist es nicht.
Ich habe die Tore nicht geöffnet, um mich zu retten. Ich habe sie geöffnet, um dich zu retten. Arkan wusste von der Blutlinie. Er wusste, dass ein Arendelle der Einzige ist, der den Weg zum Gipfel öffnen kann.
Ich musste fliehen, um ihn wegzulocken. Weg vom Berg. Weg vom Siegel. Ich habe meine Ehre verkauft, um die Welt zu kaufen.
Der Ring ist der Schlüssel zum letzten Tor. Aber er ist auch die Last. Wer ihn trägt, darf nicht zurückkehren. Er muss wachen.
Vergib mir, meine Tochter. Ich war kein Held. Ich war nur ein Vater.
Die Schrift verblasste. Der Stein wurde wieder weiß und leer.
Clara kniete im Schnee. Sie hielt die Hand mit dem Ring vor ihr Gesicht. Sie weinte. Aber es waren keine Tränen der Scham mehr. Es waren Tränen der Erlösung.
„Er war kein Verräter“, flüsterte sie. „Er war ein Ablenkungsmanöver.“
„Er war ein Wächter“, sagte Tarek. Er hatte sich aufgerichtet, lehnte an Zaras Schulter. „Genau wie du.“
Clara stand auf. Sie wischte sich die Tränen ab. Ihr Gesicht war verändert. Die Zweifel, die sie seit Seraphis gequält hatten, waren weg. Was blieb, war Stahl.
Sie drehte sich zu Elias um.
„Der Ring öffnet das Tor“, sagte sie. „Das letzte Tor.“
Sie deutete nach vorne.
Am Ende des Plateaus, dort wo der Berg in die Wolken stach, war eine Wand. Und in der Wand war ein Tor aus Obsidian, so hoch wie ein Turm.
„Dahinter liegt Nox Aeterna“, sagte Elias.
„Dann gehen wir“, sagte Clara. Sie zog ihr Schwert. Es leuchtete im Einklang mit dem Ring. Blau und hell.
Sie ging voran. Nicht mehr als Elias’ Leibwächterin. Als seine Partnerin.
Aber Elias blieb einen Moment stehen. Er sah ihr nach.
Sie hatte ihren Frieden gefunden. Sie hatte ihre Antwort bekommen.
Er blickte auf das Amulett. Es war leer. Rissig.
Und ich?, dachte er. Werde ich Frieden finden? Oder nur das Ende?
Er wusste die Antwort. Der Brief an seine Mutter brannte auf seiner Brust.
Er würde keinen Frieden finden. Er würde Frieden geben.
Er folgte ihr. Hinauf zum Tor. Hinauf in die Dunkelheit.
Der Sturm legte sich. Aber die Kälte blieb.
Der Weg zum Tor von Nox Aeterna war keine Straße mehr. Es war ein Grat, so schmal wie die Schneide eines Messers, der sich über den Wolken in die Schwärze des Gipfels bohrte.
Links und rechts fiel der Berg tausende Meter steil ab, verschluckt von einem Meer aus grauem Nebel, der träge rotierte, als würde er auf Beute warten. Der Wind hatte aufgehört zu brüllen. Er war zu einem leisen, konstanten Sog geworden, der nicht stieß, sondern zog. Er zog an den Kleidern, an den Haaren, an den Gedanken.
Clara ging voran.
Sie hielt das Schwert ihres Vorfahren in der rechten Hand. Die Klinge leuchtete nicht mehr hellblau wie in der Krypta; sie glomm nun in einem tiefen, ruhigen Indigo, das den schwarzen Stein unter ihren Füßen beleuchtete. An ihrer linken Hand, über dem groben Lederhandschuh, trug sie den Ring. Das Wappen von Arendelle – der steigende Löwe – war darauf eingraviert, und der Stein in der Mitte pulsierte synchron zu ihrem Herzschlag.
Sie spürte keine Kälte mehr. Die Wahrheit über ihren Vater, die sie in der Marmorplatte gelesen hatte, brannte in ihr wie ein zweites Herz. Er war kein Feigling gewesen. Er war ein Köder gewesen. Er hatte seine Ehre geopfert, damit sie heute hier stehen konnte.
„Wir sind fast da“, sagte sie. Ihre Stimme war fest, klarer als seit Wochen.
Hinter ihr schleppte sich der Rest der Gruppe.
Tarek ging gestützt auf Zara. Der Söldner war ein Schatten seiner selbst. Sein Gesicht war eingefallen, die Haut grau wie Asche, aber er setzte einen Fuß vor den anderen mit einer Sturheit, die dem Berg selbst Konkurrenz machte. Die Narbe an seiner Seite, die Elias ausgebrannt hatte, war ein roher, roter Stern auf seinem Körper, aber sie tötete ihn nicht mehr. Sie erinnerte ihn nur daran, dass er noch lebte.
Marcus ging neben Lyra, die Kael führte. Der Wassermagier war wach, aber sein Geist war fern. Er murmelte Worte in einer Sprache, die wie das Rauschen von Wellen klang. Hier oben, wo das Wasser nur als Eis existierte, war er ein Fisch auf dem Trockenen, am Leben gehalten nur durch Lyras Wärme und seinen eigenen Willen.
Elias bildete das Schlusslicht.
Er ging allein. Er hielt Abstand. Er sah auf seine Hände – die linke, menschliche, und die rechte, die im Schwarzen Handschuh steckte. Er spürte immer noch das Echo von Tareks Energie, die durch ihn hindurchgeschossen war. Es fühlte sich an wie ein schmutziger Film auf seiner Haut. Er hatte seinen Freund gerettet, ja. Aber er hatte es genossen. Er hatte die Macht genossen.
Und das machte ihm mehr Angst als der Abgrund zu seiner Linken.
Das Amulett an seiner Brust war schwer. Es war voll. Die drei Fragmente waren da, bereit. Aber der Riss... der Riss war ein offenes Auge, das nicht blinzelte.
Sie erreichten das Ende des Grats.
Vor ihnen ragte die Wand auf.
Es war keine Felswand. Es war eine Mauer aus reinem, schwarzem Obsidian, so glatt und nahtlos, als wäre sie aus einem einzigen, gigantischen Edelstein geschliffen worden. Sie reichte so hoch, dass ihre Krone in den Wolken verschwand.
Und in der Mitte der Wand war das Tor.
Zwei Flügel, jeder fünfzig Meter hoch, graviert mit Runen, die so alt waren, dass selbst Marcus sie nicht lesen konnte. Sie zeigten keine Wörter. Sie zeigten Konzepte. Schmerz. Opfer. Ewigkeit.
„Das ist es“, flüsterte Marcus. Er stand keuchend da, die Hände auf die Knie gestützt. „Der Eingang zur Festung. Nox Aeterna.“
Clara trat vor das Tor. Sie wirkte winzig vor der schwarzen Masse.
„Es ist verschlossen“, sagte Zara. Sie trat neben Clara, ließ ihre Dolche in die Scheiden gleiten. „Kein Schloss. Kein Riegel. Wie öffnen wir das? Klopfen?“
„Nein“, sagte Clara. Sie hob ihre linke Hand. Der Ring am Finger blitzte auf.
„Mein Vater sagte, der Ring ist der Schlüssel.“
Sie legte die Hand auf das kalte, schwarze Glas des Tores. Sie drückte den Ring in eine Vertiefung, die genau auf Augenhöhe in den Stein eingelassen war – eine Vertiefung in Form des Löwenwappens.
Es passte perfekt.
Elias spürte es zuerst. Ein Vibrieren im Boden, tief und basslastig. Das Amulett antwortete sofort, ein hohes Singen, das in seinen Ohren schmerzte.
Es öffnet sich nicht, dachte er. Es erwacht.
Das Tor bewegte sich nicht mechanisch. Es gab kein Knirschen von Stein auf Stein.
Die Schwärze des Obsidians veränderte sich. Sie wurde... flüssig. Die Mitte des Tores begann zu wirbeln, wie Tinte in Wasser. Ein Strudel aus Dunkelheit bildete sich, rotierte schneller und schneller, bis er zu einem Loch wurde. Einem Tunnel in die Nacht.
Aus dem Loch wehte ein Wind.
Aber es war kein kalter Wind. Es war ein Wind, der nach Vergessen roch. Nach alten Büchern, nach vertrockneten Blumen und nach dem Staub von Dingen, die lange tot waren.
„Der Weg ist offen“, sagte Clara. Sie zog ihre Hand zurück. Der Ring war jetzt dunkel, seine Energie verbraucht.
Sie drehte sich zur Gruppe um.
„Dahinter liegt der Gipfel. Dahinter liegt Elion.“
Tarek humpelte nach vorne. Er stellte sich neben sie. „Dann lass uns das Ding beenden, Mädchen. Bevor ich umfalle.“
Lyra und Kael traten heran. Marcus folgte, das Logbuch fest an die Brust gepresst.
Elias blieb stehen. Er starrte in den Wirbel. Er sah nicht nur Dunkelheit. Er sah Gesichter darin. Fratzen, die sich bildeten und auflösten.
Phobos, dachte er. Er wartet nicht mehr am Tor. Er ist das Tor.
Er trat zu den anderen.
„Hört mir zu“, sagte er. Seine Stimme war fest, aber leise. „Ab hier... ab hier gelten die Regeln der Welt nicht mehr. Der Berg wird versuchen, uns zu trennen. Nicht physisch. In unseren Köpfen.“
Er sah Marcus an. „Er wird dir zeigen, dass deine Logik versagt.“
Er sah Lyra an. „Er wird dir zeigen, dass du nicht heilen kannst.“
Er sah Tarek und Clara an. „Er wird euch zeigen, dass ihr versagt habt.“
Er holte tief Luft.
„Glaubt ihm nicht. Egal was ihr seht, egal was ihr hört... glaubt ihm nicht. Haltet euch aneinander fest. Das ist das Einzige, was hier oben echt ist.“
„Und du?“, fragte Clara. „Was wird er dir zeigen?“
Elias blickte auf den Schwarzen Handschuh. Er ballte die Faust.
„Er wird mir zeigen, was ich bin“, sagte er. „Ein Gefäß.“
Er ging an die Spitze. Er trat vor den Wirbel.
„Gehen wir.“
Er machte den ersten Schritt in die flüssige Dunkelheit.
Es fühlte sich an, als würde er durch eine Membran aus Eiskristallen brechen. Die Welt um ihn herum verschwamm. Der Wind hörte auf. Das Licht verschwand.
Sie waren drinnen.
Und dann begann der Schneesturm.
Aber es fielen keine Flocken. Es fielen Stimmen.