NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

KAPITEL 4: Der Blizzard der Seelen

Der Schritt durch das Tor von Nox Aeterna war kein Schritt in eine Halle, sondern ein Schritt in ein Nichts.

Im ersten Moment glaubte Elias, er sei blind geworden. Das Schwarz, das ihn empfing, war so absolut, dass es sich anfühlte, als hätte jemand ein schweres Tuch aus Samt direkt über seine offenen Augen gelegt. Es gab keinen Horizont, keinen Boden, keine Decke. Das violette Glimmen der Adern im Gestein, das sie draußen noch geleitet hatte, war erloschen, als hätte die Dunkelheit es einfach verschluckt.

„Clara?“, rief er.

Seine Stimme hallte nicht. Sie verließ seinen Mund und starb sofort, erstickt von der Schwere der Luft. Es war eine trockene, staubige Luft, die nicht nach Eis roch, sondern nach alten Büchern, vertrockneten Blumen und dem Kupfergeruch von getrocknetem Blut. Der Geruch von Erinnerung.

Er tastete nach hinten. Er wollte nach Claras Arm greifen, den er eben noch gespürt hatte. Seine Hand, gehüllt in den Schwarzen Handschuh, griff ins Leere.

Er machte einen Schritt zurück. Wieder nichts.

„Tarek! Marcus!“

Keine Antwort.

Panik, kalt und scharf wie eine Nadel, stach in sein Herz. Er wirbelte herum. Er wusste, dass sie direkt hinter ihm gewesen waren. Sie waren zusammen durch das Tor gegangen, Schulter an Schulter. Sie konnten nicht weg sein.

Er griff an seine Brust. Das Amulett.

Er erwartete die vertraute Hitze, das Pochen der Fragmente, das vibrierende Leben des Herzens des Waldes oder die Tiefe der Träne. Aber als seine Finger das Metall berührten, fühlte es sich an wie ein Stein, den man aus einem gefrorenen Fluss gezogen hatte. Kalt. Tot.

Es leuchtete nicht. Der Riss im Kristall war dunkel.

„Es funktioniert hier nicht, Elias.“

Die Stimme kam von überall. Sie war leise, kaum mehr als ein Atemhauch an seinem Ohr, aber sie war überall gleichzeitig. Sie klang nicht wie Arkan, spöttisch und arrogant. Sie klang auch nicht wie Elion, müde und gebrochen.

Sie klang wie er selbst.

„Hier gibt es keine Magie. Hier gibt es nur dich.“

Elias drehte sich im Kreis. „Wer bist du?“

„Ich bin der Wächter“, flüsterte die Dunkelheit. „Ich bin Phobos. Und ich bin dein Schatten.“

Ein Wind kam auf. Aber es war kein Wind, der Kleidung bewegte oder Haare zerzauste. Es war ein psychischer Wind. Er blies durch Elias’ Gedanken, wirbelte Erinnerungen auf wie Laub in einem Herbststurm.

Und dann begann es zu schneien.

Die Flocken waren nicht weiß. Sie waren grau, aschfahl. Und sie schmolzen nicht, wenn sie Elias’ Haut berührten. Sie sickerten hindurch. Jede Flocke war ein Gedanke. Eine Angst. Ein Zweifel.

Elias sah seine Hand an. Sie begann zu verblassen. Er wurde transparent.

„Nein“, keuchte er. „Ich bin real. Ich bin hier.“

„Bist du das?“, fragte die Stimme. „Oder bist du nur die Summe deiner Fehler?“

Marcus stand im Nichts.

Er wusste, dass es physikalisch unmöglich war. Materie konnte nicht einfach verschwinden. Er hatte eben noch auf festem Fels gestanden. Die Gravitationskonstante musste noch gelten. Er spürte den Boden unter seinen Füßen, aber er konnte ihn nicht sehen.

Er hielt seine Ledertasche fest umklammert. Er drückte sie so fest an sich, dass das Leder knirschte.

„Zara?“, flüsterte er. „Tarek?“

Er hörte sein eigenes Herz schlagen. Bumm-bumm. Bumm-bumm. Es war viel zu laut. Zu schnell. Tachykardie. Stressreaktion.

Er versuchte, seine Brille zu putzen, eine nervöse Angewohnheit, die ihm Halt gab. Er nahm sie ab. Aber als er sie wieder aufsetzen wollte, waren seine Hände leer.

Die Brille war weg. Die Tasche war weg.

Er schrie auf. Er tastete wild um sich, fiel auf die Knie. „Meine Aufzeichnungen! Die Karte!“

„Du brauchst keine Karten mehr, Gelehrter“, sagte eine Stimme. Sie war sanft, vernünftig. Sie klang wie Meister Thaddeus, wenn er eine besonders schwierige Lektion erklärte.

Marcus blickte auf.

Der graue Nebel vor ihm lichtete sich. Formen tauchten auf. Rechteckige Schatten. Hohe, vertikale Linien.

Regale.

Er war nicht mehr in der Dunkelheit. Er war in einer Bibliothek.

Aber es war nicht die Bibliothek von Seraphis, die verbrannt war. Und es war nicht die perfekte, sterile Bibliothek aus seiner Vision im Tempel der Tiefe.

Es war eine Bibliothek im Winter.

Schnee lag auf den Tischen. Die Bücher waren mit Reif überzogen. Die Fenster waren zerbrochen, und ein kalter Wind wehte durch die Gänge.

„Das ist nicht logisch“, wimmerte Marcus. Er stand auf, rieb sich die Arme. Er trug keine Wüstenkleidung mehr. Er trug seine alte Adepten-Robe. Sie war sauber, gebügelt. „Wir sind auf einem Berg. Das hier ist eine Halluzination. Eine Projektion des Hippocampus.“

„Ist es?“, fragte die Stimme.

Am Ende des Ganges, dort wo das Licht einer einzelnen Kerze flackerte, saß jemand.

Eine Gestalt, über ein Buch gebeugt.

Marcus kannte diesen Rücken. Die Art, wie die Schultern hochgezogen waren. Das schwarze, struppige Haar.

„Zara?“, hauchte er.

Die Gestalt rührte sich nicht.

Marcus machte einen Schritt. Dann noch einen. Er wollte rennen, aber seine Beine waren schwer wie Blei.

„Zara!“, rief er lauter. „Du bist tot. Ich habe dich... ich habe dich dem Meer gegeben.“

Die Gestalt drehte sich langsam um.

Clara stand im Sturm.

Aber es war kein Schneesturm. Es war ein Sturm aus Asche.

Sie hustete, hielt sich den Arm vor das Gesicht. Ihre Augen tränten. Sie roch Feuer. Nicht das kalte magische Feuer von Lyra. Echtes, heißes, zerstörerisches Feuer. Das Feuer einer brennenden Stadt.

Sie trug ihre Rüstung. Sie war schwer, drückte auf ihre Schultern. Ihr Schwert war in ihrer Hand, aber es leuchtete nicht mehr blau. Es war stumpf, verrostet, bedeckt mit Scharten.

„Tarek!“, rief sie. „Elias!“

Sie war allein auf einem Schlachtfeld.

Um sie herum lagen Körper. Soldaten in den blauen Uniformen von Seraphis. Männer und Frauen, die sie kannte. Kadetten aus ihrem Jahrgang. Ihre Ausbilder.

Sie waren alle tot.

Und sie standen mit dem Rücken zu ihr.

„Dreht euch um!“, schrie Clara. „Helft mir!“

Einer der Toten drehte sich um. Es war ein Mann in der Rüstung eines Generals. Der Harnisch war eingedrückt, das Wappen von Arendelle mit Blut besudelt.

Ihr Vater.

Aber er sah sie nicht an. Er sah an ihr vorbei.

„Du hast die Linie nicht gehalten“, sagte er. Seine Stimme war trocken wie Staub. „Du bist weggelaufen. Genau wie ich.“

„Nein!“, schrie Clara. „Ich bin zurückgekommen! Ich habe das Schwert geholt! Ich habe das Tor geöffnet!“

„Du hast das Tor geöffnet“, sagte der Vater. Er hob einen Arm, der nur noch aus Knochen bestand. Er deutete hinter sie. „Aber hast du gesehen, was hindurchgekommen ist?“

Clara drehte sich langsam um.

Hinter ihr stand kein Tor. Hinter ihr stand Elias.

Aber es war nicht der Elias, der sie geführt hatte.

Es war der Elias aus ihrer Vision im Blizzard. Der Elias, der auf dem Thron saß. Seine Augen waren schwarz. Der Handschuh hatte seinen ganzen Körper umschlungen.

Und in seiner Hand hielt er Tareks Kopf.

„Du hast versagt, Schild“, sagte das Ding, das Elias war.

Clara schrie. Sie hob das rostige Schwert. Sie wollte zuschlagen. Aber ihre Arme waren gelähmt.

Der Ascheregen wurde dichter. Er begrub sie.

Lyra fror nicht.

Sie brannte.

Sie stand in der Dunkelheit, aber sie war die einzige Lichtquelle. Ihre Hände, ihre Arme, ihr ganzer Körper stand in Flammen.

Weißes, neongrünes Feuer loderte von ihrer Haut. Es tat nicht weh. Es fühlte sich an wie eine zweite Haut, die pulsierte und atmete.

„Kael?“, rief sie.

Sie sah sich um. Sie stand in einem Wald. Aber es war nicht der Smaragd-Dschungel. Es war ein Wald aus Kohle.

Die Bäume waren schwarz, verkohlt. Der Boden war Asche. Es gab kein Grün. Kein Wasser. Nur die Hitze, die von ihr ausging.

„Ich wollte das nicht“, flüsterte sie. Sie versuchte, die Flammen zu löschen, schlug mit den Händen auf ihre Oberschenkel, aber das Feuer sprang nur über, fraß sich in den Stoff ihrer Kleidung.

„Du bist die Reinigerin“, flüsterte der Wald. Die Stimme klang wie das Knistern von brennendem Holz. „Du hast den Samen verbrannt.“

Vor ihr, im Staub, lag etwas Kleines. Ein Bündel.

Lyra ging darauf zu. Das Feuer um sie herum wurde heller, gieriger.

Es war Jory.

Der Junge lag zusammengekrümmt da. Er sah friedlich aus. Aber als Lyra näher kam, sah sie, dass er nicht schlief.

Er war aus Asche.

Er war eine Statue aus grauem Staub, perfekt geformt, zerbrechlich.

„Nein“, wimmerte Lyra. „Ich habe dich gerettet. Ich habe dich in Canopy gelassen. Du warst sicher.“

„Sicher?“, fragte der Asche-Junge. Er öffnete die Augen. Sie waren leer. „Du hast mich verlassen. Du bist gegangen, um Macht zu suchen.“

Er streckte eine Hand aus.

„Fass mich an, Heilerin. Mach mich gesund.“

Lyra wich zurück. „Ich kann nicht. Ich verbrenne dich.“

„Du hast mich schon verbrannt“, sagte Jory. „Als du entschieden hast, dass deine Rache wichtiger ist als mein Leben.“

Lyras Feuer loderte auf. Es wurde heißer, blendender. Es wollte Jory fressen. Es wollte den Beweis ihres Versagens auslöschen.

„Nein!“, schrie Lyra. Sie presste die Arme an den Körper, versuchte, das Feuer in sich hineinzudrücken. „Geh weg! Geh weg!“

Aber der Wald rückte näher. Die verkohlten Bäume beugten sich zu ihr herab. Und alle hatten Jorys Gesicht.

Tarek stand im Schlamm.

Es war der zähe, blutige Schlamm eines Schlachtfeldes. Er kannte diesen Geruch. Eisen, Kot, Angst.

Er trug keine Rüstung. Er war nackt bis zur Hüfte. Seine Wunde an der Seite klaffte offen, ein riesiges, weißes Loch, aus dem kein Blut kam, sondern kalter Rauch.

Er stützte sich auf sein Schwert. Er war müde. So müde, dass er glaubte, seine Knochen würden zu Staub zerfallen.

„Aufstehen, Soldat“, sagte eine Stimme.

Tarek blickte auf.

Vor ihm stand kein Feind. Vor ihm stand er selbst.

Aber es war der Tarek, den er hätte sein können. Ein Tarek ohne Narben. Ein Tarek in der glänzenden Rüstung eines Generals der Eisernen Legion. Gesund. Stark. Arrogant.

„Sieh dich an“, sagte der General-Tarek. Er rümpfte die Nase. „Ein Krüppel. Ein Babysitter für Kinder und Träumer.“

„Ich bin loyal“, grollte der echte Tarek. Er versuchte, das Schwert zu heben, aber es war zu schwer.

„Loyal?“, lachte der General. „Du bist ein Hund, der seinem Herrn folgt, auch wenn der Herr ihn tritt. Elias hat dich verbrannt. Clara schleppt dich mit wie einen Sack Müll. Und du nennst das Loyalität?“

Der General trat näher. Er trat Tarek gegen das verletzte Bein.

Tarek brach zusammen. Er fiel in den Schlamm.

„Du bist schwach“, sagte der General. „Du warst immer schwach. Deshalb ist Vater gegangen. Er konnte es nicht ertragen, dich anzusehen.“

„Er war ein Verräter“, keuchte Tarek. Er versuchte, sich aufzurichten. „Er hat uns verkauft.“

„Er war klug“, sagte der General. „Er hat überlebt. Und du? Du wirst hier sterben. Im Eis. Für nichts.“

Der General zog sein Schwert. Es war aus Gold.

„Tu uns beiden einen Gefallen“, sagte er. „Bleib liegen. Lass los. Der Schmerz hört auf, wenn du aufhörst zu kämpfen.“

Tarek lag im Schlamm. Die Kälte der Wunde breitete sich aus, betäubte ihn. Es wäre so einfach. Einfach liegenbleiben. Einfach schlafen.

Er schloss die Augen.

„Tarek...“

Eine Stimme. Leise. Weit weg. Clara?

Nein. Die Stimme war in seinem Kopf. Aber sie klang nicht wie Clara.

Sie klang wie Zara.

„Steh auf, du Idiot“, flüsterte die tote Diebin.

Elias stand immer noch im Nichts.

Die Stimmen seiner Freunde hallten in seinem Kopf wider. Er hörte Marcus wimmern. Er hörte Clara schreien. Er hörte Lyras Panik.

Sie waren nah. Aber sie waren unerreichbar. Getrennt durch Wände aus Angst, die Phobos errichtet hatte.

Der Wächter lachte. Es war ein Geräusch wie Lawinen, die ins Tal donnern.

„Sie brechen“, sagte Phobos. „Einer nach dem anderen. Sie sehen ihre Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass sie allein sind.“

„Sie sind nicht allein“, sagte Elias.

Er schloss die Augen. Er suchte nach dem Amulett. Er konnte es nicht fühlen. Die Kälte der Dimension hatte es betäubt.

Aber er brauchte das Amulett nicht, um zu fühlen.

Er dachte an den Moment im Dschungel, als sie Tarek getragen hatten. Er dachte an das Boot im Sturm, als Kael das Wasser teilte. Er dachte an Zaras Hand in Marcus’ Hand.

Das war keine Magie. Das war Verbindung.

„Verbindung ist eine Illusion“, sagte Phobos. „Am Ende stirbt jeder für sich.“

„Nein“, sagte Elias.

Er streckte die Hand aus. Nicht die behandschuhte. Die Linke. Die menschliche Hand.

Er griff ins Dunkel.

„Marcus!“, rief er. Nicht mit der Stimme. Mit dem Willen. „Hör mir zu! Es ist nicht real! Die Bibliothek ist eine Lüge!“

Er wartete. Nichts passierte.

Dann... ein Hauch. Eine Berührung.

Kalt, zitternd, aber da.

Fingerspitzen streiften seine.

Marcus.

Elias griff zu. Er hielt fest.

Der Kontakt war wie ein Stromschlag. Die Dunkelheit zuckte.

„Clara!“, rief Elias. „Nimm meine Hand!“

Er spürte eine zweite Berührung. Rau, schwielig. Clara.

„Tarek! Lyra! Kael!“

Er wurde zum Anker. Er stand im Zentrum des Sturms und hielt sie fest. Er zog sie aus ihren Alpträumen, zog sie zurück in die Realität, allein durch die Kraft der Berührung.

Der Nebel um ihn herum begann zu wirbeln. Die grauen Flocken wurden schneller, hektischer. Phobos hatte Angst. Er verlor die Kontrolle.

„Lass los!“, kreischte der Berg. „Du ziehst sie mit in den Tod!“

„Ich ziehe sie mit nach Hause“, sagte Elias.

Die Hände seiner Freunde schlossen sich um seine. Ein Kreis bildete sich. Ein unsichtbarer, unzerbrechlicher Kreis.

Und in der Mitte dieses Kreises, genährt von ihrer Nähe, erwachte das Amulett.

Es flammte auf.

Ein Lichtstoß, so hell wie die Sonne von Ashara, so rein wie das Wasser der Inseln, so lebendig wie der Dschungel.

Der Blizzard der Seelen zersprang.

Die Hand, die Marcus’ Hand umschloss, war real.

Er spürte den Druck der Fingerknöchel, die Kälte der Haut, das leichte Zittern, das durch den Arm eines anderen Menschen in seinen eigenen floss. Es war ein Anker. Ein Datenpunkt in einem Meer aus Rauschen.

Aber Marcus’ Geist war nicht bereit, diesen Datenpunkt zu akzeptieren.

In seinem Kopf stand er nicht auf einem verschneiten Grat im Gebirge. Er stand in der Bibliothek der Ewigkeit.

Die Regale aus dunklem Mahagoni ragten unendlich hoch auf, verloren sich in einem goldenen Nebel weit über ihm. Es gab keinen Staub. Es gab keinen Verfall. Die Luft roch nach Vanille, altem Papier und der absoluten, sterilen Ordnung einer mathematischen Gleichung, die ohne Rest aufgeht.

Marcus stand vor einem Tisch. Darauf lag keine Karte. Darauf lag eine Gleichung.

Sie war in leuchtender Tinte auf das Holz geschrieben, komplexer als alles, was er in Seraphis je gelernt hatte. Es war die Formel für das Leben. Und er hatte sie fast gelöst.

„Du bist nah dran“, sagte eine Stimme neben ihm.

Marcus drehte sich um. Zara lehnte an einem Regal.

Sie trug nicht die blutige, zerrissene Kleidung der Unterstadt. Sie trug eine weiße Robe, sauber und makellos. Ihre Haut war heil. Die Narbe an ihrer Schulter – der Handabdruck von Lyra – war verschwunden. Sie lächelte, und es war jenes spöttische, liebevolle Lächeln, das er so vermisst hatte.

„Zara“, hauchte Marcus. Er wollte sie berühren, aber seine Hände waren mit Tinte befleckt. Er hatte Angst, sie schmutzig zu machen.

„Ich bin nicht tot, Marcus“, sagte sie. Sie trat näher. Ihre Schritte machten kein Geräusch. „Ich bin nur... eine Variable, die du noch nicht integriert hast.“

Sie deutete auf die Gleichung auf dem Tisch.

„Sieh hin. Du hast dich verrechnet. Der Tod ist kein Ende. Er ist nur ein Vorzeichenwechsel. Von Plus zu Minus. Wenn du die Gleichung korrigierst... kann ich bleiben.“

Marcus starrte auf die Zahlen. Es ergab Sinn. In dieser Welt, in diesem Licht, ergab alles Sinn. Wenn er nur die Zeitvariable umkehrte... wenn er die Entropie subtrahierte...

„Ich kann dich zurückholen“, flüsterte er. Sein Herz raste. Die Logik war bestechend. „Ich muss nur... ich muss nur hierbleiben. Und rechnen.“

„Ja“, sagte die Zara-Erscheinung. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie war warm. „Bleib hier. Draußen ist es kalt. Draußen gibt es Schmerz. Draußen gibt es Fehler, die man nicht korrigieren kann. Hier... hier ist alles perfekt.“

Marcus spürte eine Welle des Friedens. Er wollte bleiben. Er wollte nie wieder in den Schnee, nie wieder das Blut an seinen Händen sehen. Er wollte diese Perfektion.

Aber dann spürte er etwas anderes.

Einen Schmerz in seiner linken Hand.

Dort, wo Elias ihn in der realen Welt gepackt hatte. Der Griff war hart. Er tat weh. Es war kein angenehmer Druck. Es war ein fordernder Druck.

„Lass los“, flüsterte Zara. Ihr Lächeln wurde starr. „Das ist nur eine Störung. Ein Rauschen im Signal. Ignoriere es.“

Marcus blickte auf seine linke Hand. In der Vision war sie leer. Aber er fühlte den Druck. Er fühlte die Kälte, die nicht in diese warme Bibliothek passte.

„Eine Störung“, murmelte Marcus. Er rückte seine Brille zurecht – die Brille, die in dieser Welt nicht zerbrochen war. „Aber Störungen sind Daten. Man darf Daten nicht ignorieren.“

„Es ist unwichtig!“, sagte Zara schärfer. Ihre Finger krallten sich in seine Schulter. „Konzentrier dich auf mich, Marcus. Konzentrier dich auf uns. Wir können glücklich sein. Ist es nicht das, was du wolltest? Eine Lösung ohne Verlust?“

Marcus sah sie an. Er sah ihre Augen. Sie waren braun, warm, voller Leben.

Aber sie blinzelte nicht.

Er beobachtete sie fünf Sekunden lang. Zehn. Sie blinzelte nicht. Ihre Pupillen reagierten nicht auf die Lichtveränderung, als er sich bewegte.

„Die physiologische Frequenz des Lidschlags liegt bei etwa fünfzehn Mal pro Minute“, sagte Marcus leise.

Zara erstarrte. „Was redest du da?“

„Du blinzelst nicht“, sagte Marcus. Er trat einen Schritt zurück. „Und du atmest nicht. Dein Brustkorb bewegt sich nicht.“

„Ich brauche nicht zu atmen“, sagte sie. „Ich bin eine Idee. Ich bin deine Hoffnung.“

„Nein“, sagte Marcus. Seine Stimme zitterte, aber sein Verstand, geschärft durch Jahre der Analyse, begann, die Illusion zu zerlegen. „Hoffnung ist chaotisch. Hoffnung ist unlogisch. Du bist zu perfekt. Du bist... ein Algorithmus.“

Er blickte auf die Gleichung auf dem Tisch. Jetzt, wo er zweifelte, sah er die Fehler. Die Variablen ergaben keinen Sinn. Es war Unsinn. Hübscher, beruhigender Unsinn.

„Du bist nicht Zara“, sagte Marcus.

Das Gesicht der Frau verzerrte sich. Die Haut wurde grau. Die Augen wurden schwarz, füllten sich mit der Leere des Weltraums.

„Ich bin besser als Zara“, grollte die Stimme von Phobos aus ihrem Mund. „Ich bin der Frieden. Warum kämpfst du gegen den Frieden, kleiner Mann? Warum willst du leiden?“

„Weil das Leid beweist, dass ich existiere!“, schrie Marcus.

Er riss seine Hand los – nicht in der Vision, sondern in der Realität. Er drückte Elias’ Hand zurück. Er klammerte sich an den Schmerz, an die Kälte, an die Unvollkommenheit.

„Ich akzeptiere die Variable des Verlusts!“, brüllte er gegen die Bibliothek an. „Ich akzeptiere, dass sie tot ist! Aber ich akzeptiere nicht, dass ihr Tod eine Lüge war!“

Er griff nach dem Tisch und stieß ihn um.

Die Bibliothek explodierte.

Bücher verwandelten sich in Schneeflocken. Die Regale zerfielen zu Nebel. Das warme Licht wurde zu einem kalten, grauen Sturm.

Marcus fiel.

Er landete hart auf den Knien, im echten Schnee, auf dem echten Berg. Er keuchte, würgte. Die Luft war so dünn, dass ihm schwarz vor Augen wurde.

Aber er war wach.

Er spürte Elias’ Hand, die ihn immer noch hielt. Er sah Elias’ Gesicht, bleich, mit geschlossenen Augen, konzentriert darauf, die Verbindung zu halten.

„Ich bin... da“, keuchte Marcus.

Elias öffnete die Augen. Sie waren grau, müde. „Halt fest“, sagte Elias. „Wir müssen die anderen holen.“

Marcus nickte. Er zitterte am ganzen Leib, aber sein Kopf war klar. Er drehte sich zur anderen Seite.

Dort kniete Clara.

Sie war nicht bei Bewusstsein. Ihr Körper war starr, ihre Muskeln verkrampft. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen vor der Brust, so fest, dass ihre Lederhandschuhe knirschten. Ihre Augen waren offen, aber sie sahen nichts. Sie waren weit aufgerissen in purem Entsetzen.

Sie schrie nicht. Sie wimmerte. Ein leises, gebrochenes Geräusch, das Marcus mehr Angst machte als der Sturm.

„Clara!“, rief er. Er griff nach ihrer Schulter.

Sie reagierte nicht. Sie war gefangen.

Clara stand nicht im Schnee. Sie stand im Schlamm.

Es war ein Schlachtfeld, aber es war kein Ort, den sie kannte. Der Himmel war rot, blutrot, und es regnete Asche.

Vor ihr stand eine Armee. Tausende von Soldaten in den blauen Uniformen von Seraphis. Aber sie waren tot. Ihre Körper waren zerfetzt, ihre Gesichter waren Masken der Anklage.

Und an ihrer Spitze stand ihr Vater.

General Arendelle. Er sah nicht aus wie in der Krypta, friedlich und edel. Er sah aus wie in ihren Albträumen. Seine Rüstung war gebrochen, Blut lief aus seinem Mund.

„Bericht, Soldat“, sagte er. Seine Stimme war kein Schall, sie war ein Befehl, der direkt in ihr Rückenmark ging.

„Ich... ich habe die Linie gehalten“, stammelte Clara. Sie fühlte sich klein. Sie war wieder zwölf Jahre alt, stand im Hof der Akademie und versuchte, das schwere Übungsschwert zu heben.

„Du hast die Linie verlassen“, sagte der General. Er trat näher. Er war riesig. „Du bist weggelaufen. Du hast deine Pflicht vergessen.“

„Ich habe meine Freunde gerettet!“, schrie Clara. „Ich habe das Schwert geholt!“

„Das Schwert?“ Der General lachte. Er zog seine eigene Klinge. Sie war zerbrochen. „Stahl rettet niemanden, Clara. Stahl tötet nur. Sieh dich um. Sieh, was du getan hast.“

Er trat zur Seite.

Hinter ihm lag ein Haufen Leichen.

Clara sah Tarek. Er lag auf dem Rücken, die Augen starr, die Brust aufgerissen.

Sie sah Marcus, zerbrochen wie eine Puppe.

Sie sah Lyra, verbrannt von ihrem eigenen Feuer.

Und sie sah Elias. Er kniete im Schlamm, den Kopf gesenkt. Der Schwarze Handschuh hatte sich ausgebreitet, hatte seinen ganzen Körper umschlungen und ihn erstickt.

„Das ist dein Werk“, sagte der General. „Du hast sie geführt. Du warst der Schild. Aber ein Schild, der bricht, ist nutzlos. Du hast sie in den Tod geführt, weil du zu schwach warst, um allein zu sein.“

„Nein“, wimmerte Clara. „Das ist nicht wahr. Sie leben.“

„Leben sie?“, fragte der General. „Hörst du sie atmen? Spürst du ihre Wärme?“

Er packte sie am Nacken. Seine Hand war eiskalt. Er drückte ihr Gesicht nach unten, in den Schlamm, zu Tareks totem Gesicht.

„Sieh ihn an! Sieh ihm in die Augen und sag ihm, dass du ihn gerettet hast!“

Clara starrte in Tareks leere Augen. Die Schuld überrollte sie wie eine Lawine. Ja. Es war ihre Schuld. Sie war die Anführerin. Sie hatte die Entscheidungen getroffen.

Sie hatte versagt.

„Ich bin schwach“, flüsterte sie. „Ich bin keine Arendelle.“

Der General hob das Schwert. „Dann tu das Einzige, was einer Versagerin bleibt. Falle.“

Er holte aus.

Clara schloss die Augen. Sie wartete auf den Schlag. Sie wollte ihn. Sie wollte, dass es vorbei ist.

Aber der Schlag kam nicht.

Stattdessen spürte sie eine Berührung. An ihrer Schulter.

Nicht die kalte, harte Hand ihres Vaters. Eine zittrige, warme Hand. Eine Hand, die nach Tinte und Angst roch.

„Die Wahrscheinlichkeit...“, hörte sie eine Stimme. Weit weg. „Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier real ist, ist null.“

Marcus.

„Clara!“, rief die Stimme. „Das ist eine Simulation! Eine psychotrope Projektion! Tarek ist nicht tot! Er steht neben dir!“

Clara riss die Augen auf. Sie sah immer noch das Schlachtfeld. Aber es flackerte. Wie ein Bild in einer Pfütze, in die ein Stein geworfen wurde.

„Er lügt“, sagte der General. Er wirkte plötzlich weniger riesig. Seine Ränder verschwammen. „Er ist ein Narr.“

„Er ist mein Freund“, sagte Clara.

Sie spürte die Hand an ihrer Schulter fester werden. Sie spürte Elias auf der anderen Seite, der ihre Hand hielt. Und sie spürte Tarek.

Nicht tot. Lebendig. Sie spürte seine Wärme, die neben ihr im Schnee abstrahlte.

„Du bist nicht mein Vater“, sagte Clara. Sie richtete sich auf. Das Schwert in ihrer Hand wurde schwerer, realer.

„Mein Vater hat sich geopfert, um mich zu retten. Er würde mich niemals verurteilen.“

Sie hob das Schwert. Es begann blau zu leuchten – das Licht der Krypta, das Licht der Wahrheit.

„Und ich bin keine Versagerin“, sagte sie. „Ich bin der Schild.“

Sie stieß zu. Mitten in die Brust des Generals.

Es gab kein Blut. Der General explodierte in eine Wolke aus schwarzem Rauch.

Das Schlachtfeld löste sich auf. Der rote Himmel zerriss.

Clara keuchte auf. Sie war zurück.

Sie kniete im Schnee. Marcus hielt ihre Schulter. Elias hielt ihre Hand. Tarek kniete vor ihr, sein Gesicht voller Sorge.

„Clara?“, fragte Tarek. „Bist du da?“

Clara starrte ihn an. Sie hob die Hand, berührte seine Wange. Er war warm. Er war rau. Er war echt.

„Du lebst“, flüsterte sie.

„Noch“, brummte Tarek. „Aber wenn wir hier noch länger rumhocken und Geister sehen, ändert sich das.“

Clara nickte. Sie wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Sie zitterte immer noch, aber die Lähmung war weg.

„Phobos“, sagte sie. „Er kennt unsere Schwächen.“

„Er kennt unsere Ängste“, korrigierte Elias. „Aber er kennt nicht unsere Stärke.“

Er drehte sich um. Zu den letzten beiden.

Lyra und Kael.

Sie lagen etwas abseits. Lyra hatte ihre Arme um Kael geschlungen, als wollte sie ihn vor der Welt verstecken. Aber sie bewegte sich nicht. Ihre Augen waren offen, starrten ins Leere. Und sie weinte.

Stumme, unaufhörliche Tränen, die auf ihren Wangen gefroren.

Kael lag reglos in ihren Armen. Seine Haut war grau.

„Sie ist tief drin“, sagte Elias. „Tiefer als wir.“

„Warum?“, fragte Marcus.

„Weil sie mehr liebt“, sagte Elias. „Und weil sie mehr verloren hat.“

Er ging zu ihnen. Er kniete sich nieder. Er versuchte, Lyras Hand zu nehmen, aber sie war eiskalt. Kälter als das Eis um sie herum.

Sie war nicht nur in einer Vision. Sie war dabei, zu erfrieren. Phobos hatte einen Weg gefunden, ihre eigene Magie gegen sie zu wenden.

„Lyra“, sagte Elias. „Hör mir zu.“

Keine Reaktion.

„Wir müssen rein“, sagte Elias. „Wir müssen sie holen.“

„Wie?“, fragte Clara. „Wir können nicht in ihren Kopf.“

„Ich kann“, sagte Elias. Er blickte auf den Handschuh. „Das Amulett verbindet uns. Alle. Ich kann die Verbindung nutzen. Ich kann mich projizieren.“

„Das ist gefährlich“, warnte Marcus. „Wenn du dich in ihrer Psyche verlierst...“

„Dann holt ihr mich zurück“, sagte Elias.

Er legte seine behandschuhte Hand auf Lyras Stirn. Er schloss die Augen.

Er suchte nicht nach Wärme. Er suchte nach dem Reinigenden Feuer. Nach dem Funken, der Lyra war.

Er fand ihn. Aber er brannte nicht hell. Er flackerte in einer unendlichen Dunkelheit.

Ich komme, dachte Elias.

Und er ließ sich fallen. In Lyras Albtraum.

Der Übergang in Lyras Geist war kein Sturz in Dunkelheit, wie Elias es erwartet hatte. Es war ein Sturz in gleißendes, schmerzhaftes Licht.

Eben noch hatte er im heulenden Sturm auf dem Grat des Berges gekniet, die Hand auf Lyras eisiger Stirn, den Geruch von Schnee und Ozon in der Nase. Im nächsten Moment schlug ihm Hitze ins Gesicht. Eine trockene, stickige Hitze, die nach verbranntem Zucker und kochendem Harz roch.

Elias öffnete die Augen. Er stand nicht mehr auf dem Fels. Er stand in einem Wald.

Aber es war nicht der Smaragd-Dschungel, wie er ihn in Erinnerung hatte – feucht, laut und grün. Dies hier war ein Wald nach dem Brand. Die riesigen Bäume ragten wie schwarze Gerippe in einen Himmel, der keine Farbe hatte, nur ein blendendes, krankes Weiß. Der Boden war bedeckt mit grauer Asche, die bei jedem Schritt aufwirbelte und in der Kehle kratzte.

Es war totenstill. Kein Vogel, kein Insekt, kein Wind. Nur das leise, stetige Knistern von Glut, die unter der Asche schwelte.

„Lyra?“, rief Elias. Seine Stimme klang gedämpft, als würde die Asche den Schall absorbieren.

Er ging los. Er wusste nicht wohin, aber das Amulett an seiner Brust – das in dieser Traumwelt hell und sichtbar über seiner Kleidung hing – pulsierte. Es zog ihn. Nicht wie ein Magnet, sondern wie ein Kompass, der Norden sucht. Es suchte die Quelle der Energie.

Er schob verkohlte Lianen beiseite, die bei Berührung zu Staub zerfielen. Er stieg über Wurzeln, die aussahen wie versteinerte Schlangen.

Dann sah er sie.

Sie hockte auf einer Lichtung, in deren Mitte ein riesiger Baumstumpf stand. Es war der Thron der Kaiserin, aber er war verbrannt, gespalten, tot.

Lyra kniete davor. Sie trug ihre alte Robe, die grüne Heiler-Tracht der Akademie, aber der Stoff war versengt, die Ränder glimmten. Ihre weißen Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht. Sie wippte vor und zurück, die Hände fest vor die Augen gepresst.

Und um sie herum brannte die Welt.

Ein Kreis aus Neongrünem Feuer loderte um sie. Es war kein normales Feuer. Es konsumierte nicht nur Holz. Es fraß die Realität. Wo die Flammen den Boden berührten, verschwand er einfach, hinterließ Löcher ins Nichts.

„Lyra!“, rief Elias. Er wollte auf sie zulaufen, aber die Hitze schlug ihn zurück. Es war eine psychische Hitze, eine Welle aus purer Selbstablehnung und Panik.

Sie hörte ihn nicht. Sie sprach mit jemandem.

Elias trat näher, schirmte sein Gesicht mit dem Schwarzen Handschuh ab. Jetzt sah er es. Vor ihr, im Staub, lag etwas. Oder jemand.

Es war Jory.

Der Junge lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen, starr auf den weißen Himmel gerichtet. Aber er war nicht verletzt. Er war... leer. Seine Haut war grau, wie Stein. Und auf seiner Brust, dort wo sein Herz sein sollte, war ein Handabdruck. Ein eingebrannter, schwarzer Handabdruck.

„Steh auf“, wimmerte Lyra. Sie streckte die Hand nach ihm aus, zuckte aber sofort wieder zurück, als Funken von ihren Fingern sprühten. „Bitte, Jory. Steh auf. Ich wollte dich nur wärmen.“

„Du wärmst nicht“, sagte der tote Junge. Seine Lippen bewegten sich nicht, die Stimme kam aus der Asche. „Du verbrennst. Du bist kein Herdfeuer, Lyra. Du bist ein Waldbrand.“

„Ich kann es kontrollieren“, schluchzte sie.

„Kannst du? Sieh mich an. Sieh Tarek an. Sieh Zara an. Alles, was du berührst, wird zu Narbengewebe.“

Das grüne Feuer um sie herum loderte höher. Es reagierte auf ihre Schuld. Es wuchs mit ihrer Verzweiflung.

Elias wusste, dass er schnell handeln musste. In der realen Welt erfror Lyras Körper. Hier drinnen verbrannte ihr Geist. Wenn er sie nicht erreichte, würde sie in einem Koma aus Selbsthass gefangen bleiben.

Er trat in den Feuerkreis.

Die Flammen zischten, als sie auf ihn trafen. Sie versuchten, ihn zu verbrennen, aber das Amulett schützte ihn. Es absorbierte die Hitze, trank die magische Energie. Elias spürte, wie der Riss im Kristall pochte, aber er ignorierte es.

„Lyra!“, rief er. Er kniete sich neben sie. Er wagte es nicht, sie zu berühren. Sie glühte.

Sie nahm die Hände vom Gesicht. Ihre Augen waren keine Augen mehr. Sie waren zwei Löcher, gefüllt mit grünem Licht.

„Geh weg!“, schrie sie. „Ich bin giftig! Ich bin die Seuche!“

„Du bist keine Seuche“, sagte Elias ruhig. „Du bist eine Waffe.“

Lyra lachte. Ein irre, gebrochenes Lachen. „Eine Waffe? Ist es das, was du willst? Eine Waffe, die Kinder tötet?“ Sie deutete auf den aschgrauen Jungen. „Ich habe ihn nicht gerettet. Ich habe ihn zurückgelassen. Und jetzt... jetzt töte ich ihn in meinem Kopf, immer und immer wieder.“

„Jory lebt“, sagte Elias fest. „Er ist in Canopy. Bei Ayara. Er ist sicher.“

„Er ist sicher, weil ich nicht da bin!“, schrie sie. Die Flammen schlugen hoch, bildeten eine Kuppel über ihnen. „Das ist meine Wahrheit, Elias. Ich bin nur sicher, wenn ich allein bin. Wenn ich niemanden anfasse.“

Sie sah auf ihre Hände. Die Haut begann aufzuplatzen, Licht brach hervor. Sie war dabei, sich aufzulösen. Sich in reine Energie zu verwandeln.

„Ich muss gehen“, flüsterte sie. „Ich muss ausbrennen. Dann tut es nicht mehr weh.“

„Nein“, sagte Elias.

Er griff nach ihrer Hand.

Es war ein Risiko. Ein gewaltiges Risiko. Wenn ihre Magie stärker war als sein Vakuum, würde sie ihn mitreißen. Aber er dachte nicht an die Gefahr. Er dachte an den Moment im Boot, als sie Marcus getröstet hatte. Er dachte an ihre Hand auf seiner Schulter, als er am Boden lag.

Er packte ihre brennende Hand mit seinem Schwarzen Handschuh.

Das Leder zischte. Rauch stieg auf. Der Handschuh wurde heiß, so heiß, dass Elias dachte, seine Knochen würden schmelzen. Die silbernen Adern glühten weiß auf.

Er zog nicht. Er ließ nicht los. Er hielt.

Er stellte eine Verbindung her. Nicht, um sie leerzusaugen. Sondern um den Fluss umzukehren.

Sieh mich an, projizierte er durch die Verbindung. Er schickte ihr keine Worte. Er schickte ihr ein Bild.

Er zeigte ihr den Moment, als sie Tarek im Dschungel verarztet hatte. Nicht den Schmerz. Er zeigte ihr das Ergebnis. Tarek, der stand. Tarek, der kämpfte. Tarek, der lebte, weil sie das Gift ausgebrannt hatte.

Er zeigte ihr Zara. Die Narbe an ihrer Schulter. Ja, es war eine Narbe. Aber Zara hatte gelebt, lange genug, um Marcus zu retten.

„Du heilst nicht mehr, indem du streichelst“, sagte Elias, seine Stimme fest wie der Fels des Berges. „Du heilst, indem du kämpfst. Die Krankheit in dieser Welt... Arkan, die Schatten... sie lassen sich nicht wegstreicheln. Sie müssen herausgeschnitten werden.“

Lyra starrte auf ihre verbundenen Hände. Sie sah, wie der schwarze Handschuh das grüne Feuer trank, es bändigte, es in eine Form zwang.

„Es tut weh“, flüsterte sie.

„Ja“, sagte Elias. „Macht tut weh. Das ist der Preis. Aber der Schmerz bedeutet, dass du noch da bist.“

Er drückte ihre Hand fester.

„Wir brauchen dich, Lyra. Nicht die Heilerin aus der Bibliothek. Wir brauchen die Reinigerin. Wir brauchen das Feuer. Ich... ich brauche das Feuer.“

Er sah ihr in die leuchtenden Augen.

„Ich bin kalt, Lyra. Das Amulett... es macht mich zu Eis. Wenn du gehst... wenn du ausbrennst... dann erfriere ich. Du bist die Einzige, die warm genug ist, um neben mir zu stehen.“

Das grüne Licht in ihren Augen flackerte. Es zog sich zurück, wurde kleiner, dichter. Pupillen erschienen wieder. Die Iris wurde wieder braun, gesprenkelt mit Grün.

Die Flammen um sie herum sanken zusammen. Der Aschewald verblasste. Der tote Junge am Boden löste sich in Rauch auf.

Lyra atmete ein. Ein tiefer, rasselnder Atemzug, als würde sie zum ersten Mal seit Stunden Luft bekommen.

Sie sah Elias an. Sie sah den Schweiß auf seiner Stirn, die Anstrengung in seinem Gesicht.

„Du bist ein Idiot“, flüsterte sie. „Du hast deine Hand verbrannt.“

„Sie heilt“, sagte Elias. Er versuchte zu lächeln, aber es war eher ein Zähnefletschen.

„Komm zurück“, sagte er. „Kael wartet. Er friert.“

Bei dem Namen Kael zuckte Lyra zusammen. Der Beschützerinstinkt, stärker als jede Angst, erwachte.

„Kael“, sagte sie. „Er braucht mich.“

„Ja.“

Die Vision begann zu zerreißen. Risse bildeten sich im grauen Himmel. Dunkelheit sickerte herein – die echte, kalte Dunkelheit des Berges.

„Halt mich fest“, sagte Lyra. „Lass mich nicht fallen.“

„Niemals“, sagte Elias.

Die Welt implodierte.

Elias riss die Augen auf.

Der Wind schlug ihm ins Gesicht, kalt und brutal. Er lag im Schnee auf dem schmalen Sims. Seine Hand umklammerte Lyras Hand so fest, dass seine Fingerknöchel weiß waren.

Lyra keuchte auf. Sie riss die Augen auf, sog die dünne Bergluft ein, hustete.

Ihr Körper war nicht mehr starr. Sie zitterte heftig, unkontrolliert. Die Kälte der Realität traf sie nach der Hitze der Vision mit doppelter Härte.

„Sie ist zurück“, rief Marcus, der über ihnen kniete. Er hatte Tränen in den Augen, die hinter seiner schiefen Brille glänzten. „Die Pupillenreaktion ist normal. Der Puls stabilisiert sich.“

Elias ließ ihre Hand los. Er setzte sich auf, lehnte sich gegen die Felswand. Er war erschöpft. Der Ausflug in ihren Geist hatte ihn Kraft gekostet, die er eigentlich für den Aufstieg brauchte.

Lyra rappelte sich auf. Sie kroch sofort zu Kael.

Der Wassermagier lag immer noch regungslos da, aber seine Brust hob und senkte sich schwach.

Lyra legte ihre Hände auf seine Wangen. Sie zögerte nicht mehr. Sie hatte keine Angst mehr vor ihrem Feuer.

Sie rief es. Sanft. Kontrolliert.

Ein schwaches, grünes Glimmen umhüllte ihre Finger. Es war kein loderndes Inferno. Es war eine Glut. Eine stetige, wärmende Strahlung.

Kael seufzte im Schlaf. Ein Hauch von Farbe kehrte in sein graues Gesicht zurück.

Lyra blickte zu Elias auf. Ihre Augen waren müde, alt, gezeichnet von dem, was sie gesehen hatte. Aber sie waren klar.

„Danke“, sagte sie lautlos.

Clara half Tarek auf die Beine. Der Söldner war immer noch blass, aber er stand fester. Er blickte Elias an, dann Lyra. Er nickte kurz. Er verstand, dass ein Kampf stattgefunden hatte, den er nicht mit dem Schwert fechten konnte.

„Der Sturm lässt nach“, sagte Clara und blickte zum Himmel.

Tatsächlich riss die Wolkendecke auf. Das Schneetreiben wurde dünner.

Und über ihnen, hoch oben, sahen sie es.

Das Ende der Treppe.

Ein Plateau, das in den Sternenhimmel ragte. Und darauf die schwarzen Mauern von Nox Aeterna.

„Wir sind fast da“, sagte Marcus.

„Phobos hat uns getestet“, sagte Elias. Er stand auf, klopfte sich den Schnee ab. „Er hat versucht, uns von innen zu brechen. Er hat versagt.“

Er blickte zum Gipfel.

„Jetzt wird er versuchen, uns von außen zu brechen.“

Er ging wieder an die Spitze.

„Weiter“, sagte er. „Bevor er es sich anders überlegt.“

Sie nahmen den Marsch wieder auf. Der Sims wurde breiter, führte weg vom Abgrund, hinein in eine Schlucht, die direkt zum Tor der Festung führte.

Aber Elias wusste, dass es noch nicht vorbei war. Er spürte das Amulett.

Es war ruhig. Zu ruhig.

Und er spürte Elion.

Der Ruf des Prinzen war verstummt.

Das machte ihm mehr Angst als jeder Sturm.

Der Marsch aus dem Nebel heraus war kein Triumphzug. Er war ein Ausbruch aus einem Gefängnis, dessen Gitterstäbe aus den eigenen Gedanken bestanden hatten.

Elias ging voran, den Kopf gesenkt, den rechten Arm schützend vor sein Gesicht gehalten. Der Schwarze Handschuh glomm nur noch schwach, ein sterbender Funke in der grauen Suppe, die sie umgab. Aber der Nebel veränderte sich. Er war nicht mehr das undurchdringliche, violett durchzogene Nichts des Nexus. Er wurde dünner. Er wurde... körniger.

Es war, als würde die Realität langsam wieder fest werden. Die Schatten, die am Rande seines Sichtfelds getanzt hatten, erstarrten zu Felsbrocken. Das Flüstern, das ihm Versagensängste ins Ohr gesäuselt hatte, wurde zum profanen Pfeifen des Windes, der sich an scharfen Steinkanten brach.

„Spürt ihr das?“, krächzte Marcus hinter ihm. Seine Stimme klang rau, belegt von dem Schreien in seinem eigenen Kopf. „Der Druck... er lässt nach.“

„Nein“, sagte Tarek. Der Söldner humpelte schwer, stützte sich bei jedem Schritt auf Clara. „Der Druck im Kopf lässt nach. Aber der Druck auf der Brust... der wird schlimmer.“

Tarek hatte recht. Je weiter sie sich aus der Zone der Halluzinationen entfernten, desto brutaler schlug die physische Welt zu. Sie waren hoch oben. Tausende von Metern über dem Meeresspiegel, in einer Zone, in der das Leben nicht vorgesehen war.

Die Luft war hier so dünn, dass jeder Atemzug Arbeit war. Elias spürte, wie sein Herz raste, nicht vor Angst, sondern weil es verzweifelt versuchte, Sauerstoff durch seinen Körper zu pumpen, der nicht da war. Seine Lungen brannten bei jedem Einatmen, als würde er Glasstaub schlucken.

„Halt“, sagte Elias. Er blieb stehen und lehnte sich gegen eine Felswand, die aus dem dunstigen Grau auftauchte. Der Stein war echt. Er war kalt, nass und rau. Elias legte die Wange dagegen. Die Kälte tat gut. Sie war ehrlich.

Die anderen schlossen auf. Sie sahen aus wie Gespenster.

Clara war leichenblass, ihre Augen rot unterlaufen. Sie zitterte unkontrolliert, eine Nachwirkung des Adrenalins, das ihren Körper verlassen hatte. Sie hielt Tarek immer noch fest, aber es war schwer zu sagen, wer wen stützte. Tarek blutete wieder. Die Narbe an seiner Seite, die in der Vision aufgeplatzt war, sickerte auch in der Realität. Psychosomatische Wunden, die Fleisch wurden.

Marcus hatte sich übergeben. Sein Mantel war beschmutzt, seine Brille hing schief, und er umklammerte seine Tasche so fest, dass seine Fingerknöchel weiß waren. Er murmelte leise vor sich hin, wiederholte Formeln, Konstanten, Axiome – alles, was fest und unveränderlich war, um sich zu verankern.

Und Lyra... Lyra kniete im Schnee neben Kael. Der Wassermagier war wach, aber sein Blick war leer. Er starrte in den Himmel, als würde er dort das Meer suchen. Lyra rieb seine Hände, aber ihre Bewegungen waren langsam, träge. Das Reinigende Feuer, das in ihrem Geist so hell gebrannt hatte, war auf ein schwaches Glimmen reduziert.

„Wir sind noch nicht draußen“, flüsterte Zara. Die Diebin stand etwas abseits, den Dolch in der Hand. Sie drehte sich im Kreis, suchte nach Feinden. „Es ist zu still. Phobos lässt uns nicht einfach gehen.“

„Er hat uns nicht gehen lassen“, sagte Elias. Er stieß sich von der Wand ab. „Er hat uns ausgespuckt. Weil wir ihm nicht geschmeckt haben.“

Er griff an seine Brust. Das Amulett war schwer, träge. Die Farben im Inneren – Rot, Grün, Blau – bewegten sich kaum. Es war, als wäre auch das Artefakt erschöpft von dem Kampf gegen die Illusionen.

„Wir müssen weiter“, sagte Elias. „Wenn wir hier stehenbleiben, erfrieren wir. Oder wir ersticken.“

„Wohin?“, fragte Clara. „Ich sehe keinen Weg.“

Elias blickte nach vorne. Der Nebel riss auf. Und was sie sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren.

Vor ihnen lag kein Pass. Vor ihnen lag eine Wand.

Die Barriere.

Es war der eigentliche Aufstieg zu den Gipfeln der Silberkammberge. Eine fast senkrechte Wand aus schwarzem Basalt und blauem Gletschereis, die hunderte Meter in die Höhe ragte und in den Wolken verschwand. Es gab keinen Pfad. Es gab nur Risse, Vorsprünge und das ewige Eis.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Marcus. Er ließ den Kopf hängen. „Physisch unmöglich. In diesem Zustand... ohne Ausrüstung... mit einem Verletzten...“

„Es ist der einzige Weg“, sagte Elias. Er spürte den Zug. Das Amulett wollte da hoch. Elion war da oben.

Er ging auf die Wand zu. Der Boden unter seinen Füßen änderte sich. Der lose Schotter wich festem, gefrorenem Boden.

Hier, am Fuß der Wand, lagen Dinge.

Elias bückte sich. Er hob etwas auf. Es war ein Helm. Alt, verrostet, aus einer Zeit vor der Akademie. Der Stahl war brüchig, zerfiel fast in seinen Händen.

Daneben lag ein Schwertgriff. Ein Stück Stoff, das vielleicht einmal ein Banner war.

„Andere waren hier“, sagte Tarek. Er war herangehumpelt. Er betrachtete den Helm in Elias’ Hand. „Krieger. Pilger.“

„Sie sind nicht weit gekommen“, sagte Zara und deutete auf einen Schneehaufen, unter dem ein bleicher Knochen hervorlugte.

„Sie hatten keinen Grund, weiterzugehen“, sagte Elias. Er ließ den Helm fallen. Er klirrte auf dem Stein. „Sie suchten Ruhm. Oder Gold. Wir suchen das Ende.“

Er trat an die Felswand. Er legte die behandschuhte Hand auf das Eis.

„Kael“, rief er.

Der Wassermagier reagierte langsam. Lyra half ihm hoch. Sie führten ihn zur Wand.

„Das Eis“, sagte Elias. „Kannst du es fühlen?“

Kael legte seine Hand neben Elias’ Hand. Er schloss die Augen. Ein Zittern ging durch seinen Körper.

„Es schläft“, flüsterte Kael. „Es ist uralt. Es träumt von der Zeit, als es noch Wasser war.“

„Kannst du es wecken?“, fragte Elias. „Kannst du uns einen Weg formen?“

Kael schüttelte den Kopf. „Ich bin leer, Elias. Der Sturm... er hat mich ausgetrocknet.“

„Du bist nicht leer“, sagte Lyra. Sie trat hinter ihn, legte ihre Hände auf seinen Rücken. Sie glühten schwach. „Ich gebe dir Wärme. Nimm sie. Nimm das Feuer und mach Wasser daraus.“

Es war riskant. Feuer und Wasser vertrugen sich nicht. Aber in ihrem Zustand, in dieser Höhe, galten die normalen Regeln der Magie nicht mehr. Es ging nur noch um Willen.

Kael atmete tief ein. Er zog die Wärme aus Lyras Händen. Er leitete sie in das Eis.

Es gab kein Schmelzen. Es gab ein Verformen.

Das Eis vor ihnen begann sich zu bewegen. Es knackte, knirschte. Stufen bildeten sich. Grobe, unebene Tritte, die aus der glatten Wand herauswuchsen wie Zähne.

„Es reicht nur für ein paar Meter“, keuchte Kael. „Dann muss ich ruhen.“

„Das reicht“, sagte Elias. „Wir nehmen es Stück für Stück.“

Er blickte die anderen an.

„Bindet euch zusammen“, befahl er. „Wenn einer fällt, fallen wir alle. Aber wenn einer klettert, zieht er die anderen mit.“

Sie holten das Seil hervor. Es war steif gefroren, schwer zu knoten. Clara band es um Tareks Brust, dann um ihre eigene Hüfte. Marcus band sich an Zara. Lyra und Kael bildeten das Ende.

Elias nahm die Spitze. Er band sich nicht an. Er musste frei sein, um den Weg zu suchen. Um die Gefahren zu spüren.

„Bereit?“, fragte er.

Niemand antwortete. Es gab kein „Ja“. Es gab nur das stumme Nicken von Menschen, die wussten, dass der Rückweg versperrt war.

Elias setzte den ersten Fuß auf die Eisstufe. Sie hielt.

Er zog sich hoch. Der Schwarze Handschuh krallte sich in den Fels.

Sie begannen den Aufstieg.

Hinter ihnen, im Nebel, löste sich die Illusion der Bibliothek, des Schlachtfeldes und des Waldes endgültig auf. Was blieb, war die Todeszone. Eine Welt aus Grau und Weiß, in der jeder Fehler der letzte war.

Und hoch über ihnen, unsichtbar im Sturm, wartete das Tor von Nox Aeterna.

Der Aufstieg war kein Akt des Willens mehr; er war eine mechanische Abfolge von Schmerz und Kälte.

Elias setzte seinen Stiefel auf die Stufe, die Kael sekunden zuvor aus dem Eis geformt hatte. Das Material war spröde, milchig weiß und knirschte bedrohlich unter seinem Gewicht. Er drückte sich hoch, rammte die Finger des Schwarzen Handschuhs in eine Felsspalte, zog seinen Körper nach oben und machte Platz für den Nächsten.

Unter ihm hing Tarek im Seil. Der Söldner kletterte nicht mehr; er wurde gehievt. Clara, die vor ihm war, und Elias, der über ihm war, zogen ihn wie einen Sack nassen Zements. Tareks Gesicht war gegen den Fels gepresst, sein Atem ging in stoßweisen, wimmernden Lauten, die im Wind verwehten. Die Narbe an seiner Seite, die in der Vision aufgeplatzt war, hatte aufgehört zu bluten – die Kälte hatte das Blut gefroren und die Wunde versiegelt, aber Elias wusste, dass das kein Heilungsprozess war. Es war Konservierung.

„Noch... zehn Meter“, rief Elias nach unten. Seine Stimme klang fremd, hohl, als gehörte sie dem Berg und nicht ihm.

Marcus kletterte mit einer Verbissenheit, die man ihm nicht zugetraut hätte. Er hatte die Augen fest geschlossen, tastete blind nach den Tritten. Er murmelte Zahlen. Keine Berechnungen mehr. Er zählte einfach. Eins. Zwei. Drei. Ein Rhythmus, um den Wahnsinn der Bibliothek aus seinem Kopf zu vertreiben.

Ganz unten bildeten Lyra und Kael eine Einheit. Lyra hatte ihre Hände auf Kaels Rücken gelegt, ihre Handflächen glühten schwach grün durch den Stoff ihres Mantels. Sie pumpte Wärme in ihn, rohe, unraffinierte Energie, und Kael wandelte sie um. Er starrte auf die Eiswand vor sich, seine Augen waren zwei blaue Löcher im grauen Gesicht. Er formte die Stufen nicht mit Gesten, sondern mit Blicken. Das Eis gehorchte ihm, aber es nahm sich seinen Preis. Mit jeder Stufe, die aus der Wand wuchs, wurde Kael dünner, transparenter, als würde er selbst zu Eis werden.

„Er verblasst“, keuchte Lyra nach oben. „Elias, er verblasst!“

„Haltet durch!“, brüllte Elias. Er sah die Kante.

Dort oben, wo die vertikale Wand endete, gab es einen Vorsprung. Eine schmale Galerie, in den Fels gehauen, vielleicht ein alter Wachposten der Ahnen.

Elias griff nach der Kante. Er zog sich hoch. Er rollte sich auf den flachen Stein. Der Wind hier oben war mörderisch, ungebremst, aber der Boden war fest.

Er drehte sich um, grub seine Fersen in eine Spalte und griff nach dem Seil.

„Zieht!“, schrie er.

Gemeinsam mit Clara zogen sie Tarek über die Kante. Der Söldner blieb liegen, wo er fiel, ein lebloser Haufen aus Rüstung und gefrorenem Fleisch. Dann halfen sie Marcus. Der Gelehrte kroch auf allen Vieren vom Abgrund weg, bis er gegen die Felswand stieß und sich dort zusammenkauerte.

Zuletzt kamen Lyra und Kael. Als Kael den festen Boden erreichte, brach der Zauber. Die Stufen unter ihnen, die sie gerade noch getragen hatten, zerfielen klirrend zu Eisstaub und stürzten in die Tiefe.

Sie waren oben. Aber der Weg zurück war verschwunden.

Sie lagen auf einer Felsnase, kaum drei Meter tief und zehn Meter lang, geschützt von einem Überhang, der wie ein steinerner Kiefer über ihnen hing.

Draußen, jenseits des Überhangs, riss der Himmel auf. Der Nebel, der sie im Blizzard der Seelen gefangen gehalten hatte, sank nach unten, als wäre er schwerer als Luft. Er legte sich in die Täler, ein graues Meer, aus dem nur die schwarzen Spitzen der Felsnadeln ragten wie Inseln.

Über ihnen funkelten die Sterne. Kalt, klar und unbarmherzig.

Elias setzte sich auf einen Stein. Er zitterte nicht mehr. Das Amulett hatte sich stabilisiert. Die drei Fragmente rotierten ruhig in seinem Inneren, ein perfektes Gleichgewicht aus Feuer, Leben und Wasser. Aber er fühlte sich nicht friedlich. Er fühlte sich leer.

Er sah seine Freunde an.

Sie lebten, aber sie waren verändert. Die Visionen von Phobos hatten Spuren hinterlassen, die tiefer gingen als die Kälte.

Clara saß bei Tarek. Sie hatte seinen Kopf in ihren Schoß gelegt und rieb seine Schläfen. Aber sie sah ihn nicht an. Sie starrte ins Leere, und in ihren Augen spiegelte sich immer noch das Bild ihres Vaters, der sie als Versagerin bezeichnet hatte.

„Er hatte recht“, flüsterte sie.

Elias horchte auf. „Wer?“

„Der General“, sagte Clara tonlos. „In der Vision. Er sagte, ich sei kein Schild. Ich sei nur... Metall, das darauf wartet, gebrochen zu werden.“ Sie strich über ihr Schwert, das neben ihr lag. „Ich habe euch nicht beschützt, Elias. Im Nebel... ich habe gegen Geister gekämpft, während ihr fast erfroren seid.“

„Du hast uns hierher gebracht“, sagte Elias.

„Ich bin nur gelaufen“, sagte sie.

Marcus saß abseits. Er hatte seine Tasche geöffnet, aber er holte keine Karte heraus. Er holte Zaras Buch hervor. Das Kinderbuch. Er blätterte darin, seine Finger strichen über die bunten Bilder von Drachen und Rittern, die nun von Feuchtigkeit gewellt waren.

„Die Logik ist fehlerhaft“, murmelte er. Er blickte zu Elias auf. Seine Brille war nun endgültig zerbrochen, er hatte sie abgenommen und in die Tasche gesteckt. Seine Augen waren nackt und müde.

„In der Vision... in der Bibliothek... da war alles perfekt. Die Gleichungen gingen auf. Zara war da.“ Er schluckte schwer. „Ich wollte bleiben, Elias. Ich wollte dort bleiben. Ich habe die Realität gehasst, weil sie unlogisch ist. Weil sie weh tut.“

„Aber du bist zurückgekommen“, sagte Elias.

„Weil die Perfektion eine Lüge war“, sagte Marcus. „Eine Welt ohne Schmerz ist eine Welt ohne Bedeutung. Das habe ich berechnet.“ Er lachte kurz, ein bitteres Geräusch. „Zumindest rede ich mir das ein.“

Lyra lehnte an der Felswand, Kael schlief mit dem Kopf auf ihrer Schulter. Die Heilerin betrachtete ihre Hände. Sie leuchteten nicht mehr neongrün. Sie waren blass, blau vor Kälte, und die Fingerspitzen waren schwarz von Ruß und Dreck.

„Ich habe Jory gesehen“, sagte sie leise. „Ich habe ihn verbrannt. Immer und immer wieder.“

Sie blickte Elias an.

„Du hast gesagt, ich bin eine Waffe. Aber Waffen haben keine Träume, Elias. Waffen weinen nicht.“

Elias stand auf. Er ging zum Rand des Vorsprungs. Er blickte nach Norden.

Die Wand, an der sie klebten, führte noch weiter hinauf. Aber dort oben, vielleicht noch hundert Höhenmeter entfernt, endete der Fels.

Dort begann das Plateau von Nox Aeterna.

Er sah keine Mauern. Er sah keine Türme. Er sah nur Schwärze, die sich gegen die Sterne abzeichnete. Ein Schatten, der fester war als die Nacht.

„Wir sind fast da“, sagte er.

„Und dann?“, fragte Tarek. Der Söldner hatte die Augen geöffnet. Er war wach. Seine Stimme war schwach, aber der alte Spott war zurück, wenn auch leiser, brüchiger. „Klopfen wir an? Und bitten den Schattenprinzen um Tee?“

„Wir gehen rein“, sagte Elias. Er drehte sich zu ihnen um.

„Hört mir zu. Phobos hat uns gezeigt, wer wir sind. Er hat uns unsere Schwächen gezeigt. Unsere Ängste.“

Er hob den Schwarzen Handschuh.

„Er wollte uns brechen. Er wollte, dass wir aufgeben, dass wir uns in die Lügen flüchten. Aber wir sind noch hier.“

Er ging zu Clara. Er kniete sich vor sie hin.

„Du bist kein Metall, Clara. Metall fühlt nichts. Du fühlst. Das macht dich stark.“

Er ging zu Marcus.

„Deine Logik ist nicht kalt, Marcus. Sie ist der einzige Grund, warum wir den Weg gefunden haben.“

Er ging zu Lyra.

„Du bist keine Waffe, Lyra. Du bist das Feuer, das uns wärmt. Ohne dich wäre Kael tot. Und wir auch.“

Er stand wieder auf.

„Wir sind keine Helden. Wir sind ein Haufen Gebrochener. Aber wir sind die Einzigen, die noch übrig sind.“

Er griff unter seinen Mantel, zog den Brief hervor, den er an seine Mutter geschrieben hatte. Er war zerknittert, aber das Siegel aus Asche hielt noch.

„Ich weiß nicht, was da oben passiert“, sagte Elias. „Ich weiß nicht, ob wir zurückkommen.“

Er sah sie alle an.

„Aber wenn wir gehen... dann gehen wir als das, was wir sind. Nicht als das, was wir fürchten zu sein.“

Tarek setzte sich mühsam auf. Er griff nach Claras Hand, damit sie ihm hochhalf.

„Schöne Rede, Junge“, brummte er. „Aber mir ist kalt. Und ich habe Hunger. Also lass uns das verdammte Ding beenden, damit ich endlich sterben oder essen kann.“

Marcus stand auf, packte das Buch weg. „Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs ist immer noch minimal“, sagte er. „Aber sie ist größer als Null.“

Lyra weckte Kael. Der Wassermagier blinzelte, sah Elias an.

„Das Eis wartet“, flüsterte er.

Elias nickte. Er ging zum Ende des Vorsprungs. Dort führte eine Rampe weiter nach oben. Der letzte Anstieg.

Er spürte keine Angst mehr. Der Blizzard in seinem Kopf hatte sich gelegt. Was blieb, war eine kalte, klare Entschlossenheit.

Er war der Träger. Und er würde die Last bis zur Schwelle tragen.

„Vorwärts“, sagte er.

Sie verließen den Schutz des Überhangs. Sie traten wieder hinaus in den Wind. Aber diesmal duckten sie sich nicht. Sie gingen aufrecht.

Über ihnen, dunkel und schweigend, wartete die Festung.