NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 11: Die Tränen des Ozeans
Der Schmerz war kein einzelnes Ereignis. Er war eine Landschaft.
Elias kam zu sich, nicht mit einem Ruck, sondern mit einem langsamen, qualvollen Hineingleiten in einen Körper, der sich anfühlte, als sei er aus zerbrochenem Glas zusammengesetzt. Sein erster Atemzug war ein Keuchen, das wie ein Schmirgelpapier durch seine Lunge zog. Die Luft hier unten, tief im Bauch des Kraters von Nox Aeterna, war so kalt, dass sie nicht mehr als Gas, sondern als feste Materie erschien, die man schlucken musste, um nicht zu ersticken.
Er öffnete die Augen.
Die Welt war grau und violett. Er lag auf dem kalten Stein des Felsvorsprungs, auf den Kaels Wassernetz sie geschleudert hatte. Über ihm wölbte sich die Finsternis des Schachtes, durch den sie gefallen waren – eine endlose Röhre aus schwarzem Eis und Fels, die so weit nach oben reichte, dass der Himmel nur noch eine vage Erinnerung war.
Elias versuchte, sich aufzurichten. Sein rechter Arm, der im Schwarzen Handschuh steckte, reagierte sofort, zog sich krampfhaft zusammen, als wollte er den Fels unter sich zerquetschen. Die silbernen Adern, die sich nun tief in Elias’ Schulter und Hals gefressen hatten, pulsierten in einem alarmierenden, hektischen Rhythmus. Sie pumpten keine Kraft mehr. Sie pumpten Panik.
„Clara?“, krächzte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, verschluckt von der erdrückenden Stille des Abgrunds.
Neben ihm regte sich etwas. Ein Haufen aus Stoff und Rüstungsteilen. Clara.
Sie lag auf der Seite, ihr Gesicht in den Staub gedrückt. Sie bewegte sich langsam, wie ein Insekt, das zertreten wurde, aber sich weigert zu sterben. Sie stützte sich auf ihre Hände, hustete trocken und drehte den Kopf zu ihm.
Ihr Gesicht war eine Karte der Zerstörung. Eine Platzwunde über dem linken Auge blutete stark, das Blut lief ihr über die Wange und tropfte auf den schwarzen Stein, wo es sofort gefror. Aber ihre Augen... ihre grauen Augen waren wach. Schrecklich wach.
„Wir... leben“, flüsterte sie. Es klang nicht wie Erleichterung. Es klang wie ein Vorwurf an das Schicksal.
„Wo sind die anderen?“, fragte Elias. Er zwang sich auf die Knie. Der Schwindel drehte die Welt um neunzig Grad, aber er biss die Zähne zusammen, bis der Schmerz ihn fokussierte.
Er sah Tarek. Der Söldner lag einige Meter entfernt, den Rücken an die Felswand gepresst. Er hatte die Augen geschlossen, sein Brustkorb hob und senkte sich in flachen, schnellen Stößen. Sein Schwert lag neben ihm, die Klinge gesprungen. Die Magiebrand-Wunde an seiner Seite glühte durch den Stoff seines Hemdes – ein fahles, krankes Licht, das zeigte, dass die Barriere, die Kael errichtet hatte, gebrochen war.
Marcus saß zusammengekauert in einer Nische, die Knie an die Stirn gepresst, die Hände über den Ohren, als wollte er einen Lärm aussperren, den nur er hören konnte. Er wippte vor und zurück, ein stummes Metronom des Traumas.
Und Lyra...
Elias’ Herz setzte einen Schlag aus.
Lyra kniete am äußersten Rand des Vorsprungs. Sie hatte den Rücken zu ihnen gekehrt. Sie war starr, unbeweglich wie eine Statue aus Salz. Ihr weißes Haar hing ihr strähnig in den Rücken, schwer von der Feuchtigkeit und dem Schweiß des Kampfes.
Sie blickte nach unten.
Elias kroch zu ihr. Jeder Zentimeter war ein Kampf gegen seinen eigenen Körper, der schreien und liegenbleiben wollte. Aber der Instinkt, der ihn seit Aetherholm getrieben hatte, war stärker. Der Instinkt zu wissen, dass das Schlimmste noch nicht vorbei war.
Er erreichte Lyra. Er legte seine linke, menschliche Hand auf ihre Schulter. Sie war eiskalt.
„Lyra“, sagte er.
Sie reagierte nicht. Sie blinzelte nicht. Sie starrte einfach weiter in die Tiefe.
Elias folgte ihrem Blick.
Der Vorsprung, auf dem sie gelandet waren, ragte etwa fünfzig Meter über dem Grund des Kraters aus der Wand. Unter ihnen lag der See.
Es war jener schwarze, ölige Spiegel, den sie schon von oben gesehen hatten. Die Ur-Substanz. Anaxi in ihrer flüssigen Form. Sie war ruhig, glatt wie Glas, aber sie strahlte eine Kälte aus, die physikalisch unmöglich war. Es war eine Kälte, die Licht fraß.
Und am Ufer dieses Sees, auf einem schmalen Streifen aus schwarzem Sand, lag Kael.
Er sah winzig aus von hier oben. Ein kleiner, blauer Fleck in einer Welt aus Schwarz und Grau.
Er lag auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, als wäre er gekreuzigt worden. Sein Körper, der im Fall zu reinem Wasser geworden war, um sie zu retten, hatte versucht, sich wieder zusammenzusetzen. Aber es war misslungen.
Er war zerrissen.
Elias sah es selbst aus dieser Entfernung. Kaels Beine waren nicht mehr solide. Sie waren Pfützen, die versuchten, Form zu halten, aber immer wieder zerflossen. Sein Torso war durchsichtig, man konnte den schwarzen Sand durch ihn hindurchsehen. Nur sein Kopf und seine Brust schienen noch eine gewisse Festigkeit zu haben.
Er bewegte sich nicht.
„Er ist tot“, flüsterte Elias. Die Worte schmeckten nach Asche.
„Nein“, sagte Lyra. Ihre Stimme war vollkommen tonlos. „Er ist nicht tot. Wasser stirbt nicht.“
Sie hob die Hand und deutete nach unten.
„Sieh hin. Er fließt.“
Elias kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Da war Bewegung.
Kaels „Körper“ pulsierte. Ein schwaches, rhythmisches Wellenschlagen ging durch seine wässrige Form. Er versuchte, sich zu sammeln. Er versuchte, das Wasser, das er war, gegen die trockene, saugende Leere des Ufers zu behaupten.
Aber er war nicht allein dort unten.
Die Schatten, die den See umgaben – jene violetten Nebel, die aus der schwarzen Flüssigkeit aufstiegen –, begannen sich zu verändern. Sie wurden dichter. Sie wurden gierig.
Sie krochen auf Kael zu.
Es waren keine Kriecher. Es waren Tentakel aus reinem Nichts. Sie tasteten nach dem blauen Licht, das in Kael noch glimmte. Sie wollten es löschen.
„Wir müssen runter“, sagte Clara. Sie war neben Elias gekrochen. Sie hielt sich die Seite, ihr Gesicht war schmerzverzerrt, aber ihre Augen fixierten den Freund dort unten. „Wir müssen ihn holen.“
„Wie?“, fragte Elias. Er blickte die senkrechte Felswand hinab. „Es gibt keinen Weg. Wir sind abgestürzt. Wir haben keine Seile mehr. Keine Magie.“
„Wir können ihn nicht dort liegen lassen!“, schrie Lyra plötzlich. Die Starre fiel von ihr ab, ersetzt durch eine wilde, hysterische Panik. Sie sprang auf, wäre fast über den Rand getaumelt, wenn Elias sie nicht am Gürtel gepackt hätte. „Er wird gefressen! Siehst du das nicht? Sie fressen ihn!“
„Ich sehe es“, sagte Elias hart und zog sie zurück. „Aber wenn du jetzt springst, bist du vor ihm tot.“
„Das ist mir egal!“, schrie sie und schlug nach Elias. Ihre Fäuste trommelten gegen seine Brust, gegen das Amulett. „Lass mich los! Er ist allein! Er friert!“
Elias hielt sie fest. Er spürte ihre Verzweiflung, die durch das Amulett in ihn hineinströmte wie giftiger Rauch. Das Leere Gefäß wollte diese Emotion nehmen, wollte sie in Kälte verwandeln, aber Elias blockierte es. Er brauchte Lyras Schmerz nicht. Er hatte seinen eigenen.
„Marcus!“, rief Elias über die Schulter, ohne Lyra loszulassen. „Gibt es einen Weg? Irgendeinen?“
Marcus hob den Kopf. Er sah aus wie ein Mann, der gerade aus einem Albtraum erwacht ist und feststellt, dass die Realität noch schlimmer ist. Er kroch näher. Er blickte in die Tiefe.
„Die Wand...“, stammelte er. „Der Neigungswinkel ist negativ. Reibungskoeffizient null. Klettern ist... statistisch unmöglich.“
„Denk nicht an Statistik!“, brüllte Clara. „Denk an Physik! Wie kommen wir da runter?“
Marcus starrte auf den schwarzen See. Er sah die violetten Blitze, die unter der Oberfläche zuckten.
„Wir kommen nicht runter“, flüsterte er. „Nicht lebend. Die Atmosphäre da unten... die Dichte der dunklen Energie... sie ist toxisch. Kael überlebt nur, weil er... weil er kein organisches Gewebe mehr ist. Er ist elementar. Aber wir... wir würden ersticken, bevor wir den Boden erreichen.“
„Also sehen wir zu?“, fragte Tarek. Der Söldner hatte sich an die Wand gelehnt, das Schwert als Stütze. Er blutete aus einer Wunde an der Stirn. „Wir sehen zu, wie sie ihn holen?“
Elias blickte wieder nach unten.
Die Schatten waren näher gekommen. Ein Tentakel hatte Kaels Bein – oder das, was davon übrig war – berührt.
Kael zuckte.
Es war ein gewaltiges, flüssiges Zucken. Wasser spritzte auf.
Und dann geschah es.
Der See bewegte sich.
Nicht wegen des Windes. Es gab hier keinen Wind.
Die Oberfläche des schwarzen Öls wölbte sich. Eine Blase, so groß wie ein Haus, erhob sich aus der Mitte des Kraters. Sie pulsierte. Sie glänzte violett.
Und dann brach sie auf.
Etwas stieg aus der Tiefe empor.
Es war Phobos.
Der Wächter war nicht tot. Er war nicht vernichtet. Er war nach Hause gekommen.
Er erhob sich aus der Masse aus Anaxi, als würde er ein Bad nehmen. Die schwarze Flüssigkeit lief an seiner Rüstung herab wie Teer. Aber er war verändert.
Er war größer. Seine Rüstung war nicht mehr matt, sie glänzte nass. Und das Auge... das violette Auge in seinem Helm brannte nicht mehr nur. Es strahlte. Es warf einen Kegel aus krankem Licht, der durch die Höhle schnitt wie ein Suchscheinwerfer.
Phobos lachte.
Es war kein Geräusch. Es war eine Erschütterung, die den Felsvorsprung, auf dem sie standen, zum Wackeln brachte. Staub rieselte von der Decke.
„Ihr dachtet, der Fall würde mich töten?“, dröhnte die Stimme in ihren Schädeln. „Ich bin der Fall. Ich bin der Aufprall.“
Er watete durch den schwarzen See, auf das Ufer zu. Auf Kael zu.
Die Wellen, die er verursachte, schwappten über den schwarzen Sand, leckten an Kaels Körper.
„Er holt ihn“, sagte Clara. Sie hob ihr Schwert, ihre Hand zitterte. „Er wird ihn töten.“
„Nein“, sagte Elias. Er starrte auf den Riesen. Er spürte eine Kälte in sich aufsteigen, die nichts mit dem Amulett zu tun hatte. Es war die Kälte der absoluten Klarheit.
„Er wird ihn nicht töten“, sagte Elias. „Er wird ihn benutzen.“
Phobos erreichte das Ufer. Er beugte sich über den hilflosen, flüssigen Körper von Kael. Er streckte eine Hand aus, groß genug, um einen Menschen zu zerquetschen.
Aber er schlug nicht zu. Er öffnete die Handfläche.
Dunkelheit strömte aus seinen Fingern. Sie vermischte sich mit dem Wasser, aus dem Kael bestand.
„Wasser“, sagte Phobos. „Das Element der Veränderung. Du hast versucht, mich wegzuspülen, kleiner Tropfen? Jetzt wirst du Teil der Flut.“
Kael schrie.
Es war ein gurgelndes, nasses Schreien, das durch die ganze Höhle hallte. Sein blauer Körper begann sich zu verfärben. Violette Schlieren zogen sich durch das klare Wasser. Er wurde kontaminiert.
„KAEL!“, schrie Lyra. Sie riss sich von Elias los. Sie wollte springen. Sie wollte in den Tod springen, nur um bei ihm zu sein.
Elias packte sie wieder, diesmal härter. Er drückte sie auf den Boden.
„Sieh hin!“, befahl er ihr, obwohl es ihm selbst das Herz zerriss. „Sieh hin, was er tut!“
Phobos infizierte Kael. Er verwandelte das Wasser in... etwas anderes. In Schattenwasser.
Kael bäumte sich auf. Seine Form wurde stachlig, aggressiv. Das Wasser gefrohr zu schwarzen Eisdornen, schmolz wieder, wurde zu Dampf, dann wieder zu Wasser. Er kämpfte. Er kämpfte um seine Reinheit.
Und dann, inmitten dieses Kampfes, drehte Kael den Kopf.
Er blickte nach oben.
Trotz der Entfernung, trotz der Dunkelheit, trafen sich ihre Blicke. Elias sah in die blauen Augen, die jetzt von violetten Adern durchzogen waren.
Und er hörte Kaels Stimme. Nicht in seinen Ohren. In seinem Amulett. In der Träne des Ozeans, die er trug.
Träger, sagte Kael. Die Stimme war schwach, aber ruhig. Es ist Zeit.
Elias erstarrte. „Zeit wofür?“
Das Wasser muss dorthin gehen, wo es tief ist, sagte Kael. Ich kann ihn nicht besiegen, Elias. Nicht hier. Nicht an der Oberfläche.
Phobos griff nach Kael, hob ihn hoch. Der Wassermagier hing in der Faust des Riesen wie eine zerbrochene Puppe.
„Du gehörst mir“, sagte Phobos.
Nein, antwortete Kael. Und Elias hörte es.
Kael blickte zu Elias. Er lächelte. Ein trauriges, nasses Lächeln.
Lass mich fallen, sagte er zu Elias.
„Was?“, flüsterte Elias.
Ich halte ihn fest, sagte Kael. Aber du musst den Stein werfen. Du musst das Amulett nutzen. Gib mir das Gewicht.
Elias verstand. Er blickte auf den schwarzen See. Die Unendlichkeit. Kael wollte nicht gerettet werden. Er wollte Phobos mit sich nehmen. In die Tiefe, aus der kein Licht entkommen konnte.
„Ich kann das nicht“, flüsterte Elias. „Ich kann dich nicht töten.“
Du tötest mich nicht, sagte Kael. Du gibst mich frei.
Phobos drückte zu. Kael schrie auf, sein Körper begann zu verdampfen.
„Tu es!“, schrie Marcus neben ihm. Der Gelehrte hatte es auch verstanden. Er hatte die Logik gesehen. „Elias, tu es! Es ist die einzige Variable!“
Elias sah Lyra an. Sie lag am Boden, wimmernd, die Hände im Staub vergraben. Sie wusste es nicht. Sie hörte die Stimme nicht.
Wenn er das tat... würde sie ihm nie verzeihen.
Aber Kael wartete.
Elias stand auf. Er trat an den Rand des Abgrunds.
Er hob den Schwarzen Handschuh. Er griff an seine Brust. Er umfasste das Amulett.
Er rief nicht das Feuer. Er rief nicht das Leben.
Er rief die Schwere.
Er verband sich mit der Träne des Ozeans. Er spürte das Gewicht aller Ozeane der Welt. Tonnen von Wasser. Druck. Tiefe.
Er bündelte dieses Gewicht.
Und er warf es.
Er warf es nicht physisch. Er projizierte es. Er projizierte die Schwere des Ozeans direkt in Kaels Körper.
Kael, der in Phobos’ Faust hing, wurde plötzlich schwer.
Unendlich schwer.
Phobos’ Arm sackte nach unten. Der Riese taumelte. Er versuchte, Kael loszulassen, das Ding wegzuwerfen, das plötzlich so viel wog wie ein Berg.
Aber Kael ließ nicht los.
Das Wasser floss über Phobos’ Hand. Es wurde hart. Es wurde zu Eis. Es fesselte den Riesen an seine Beute.
„Jetzt“, hörte Elias Kaels Stimme.
Der Boden unter Phobos gab nach. Nicht der Stein. Das Ufer selbst brach ab unter dem plötzlichen, unmöglichen Gewicht.
Phobos kippte.
Er fiel rückwärts. In den schwarzen See.
Mit Kael an seiner Hand.
Die Dunkelheit spritzte auf. Violettes Licht explodierte.
Und dann verschwanden sie beide. Unter der Oberfläche.
„KAEL!“, schrie Lyra.
Sie wollte springen. Clara und Tarek hielten sie zurück. Sie kämpfte wie eine Wahnsinnige, trat, biss, schrie.
Aber der See war wieder glatt.
Schwarz. Still.
Nur kleine Blasen stiegen auf. Und sie waren blau.
Die Stille, die dem Eintauchen folgte, war schlimmer als jeder Schrei.
Elias kniete am Rand des Felsvorsprungs, die Hände so fest in den schwarzen Stein gekrallt, dass seine Fingernägel splitterten. Er starrte hinab in den Kratersee. Die Oberfläche der schwarzen Masse – jener Substanz, die Elion Anaxi genannt hatte – war wieder glatt. Die Wellen, die der Sturz des Riesen und des Wassermagiers geworfen hatte, waren verebbt, geschluckt von der gierigen Trägheit der Leere. Es gab keine Blasen mehr. Kein Aufbäumen. Nur den perfekten, schwarzen Spiegel, der nichts reflektierte außer der Finsternis darüber.
„Er kommt nicht hoch“, flüsterte Lyra.
Sie lag neben Elias, flach auf dem Bauch, den Kopf über den Abgrund gestreckt. Ihr Gesicht war totenbleich, umrahmt von den nassen, weißen Strähnen ihres Haares. Sie streckte eine Hand aus, als könnte sie durch die fünfzig Meter leeren Raum hindurchgreifen und Kael am Kragen packen, ihn herausziehen aus dem Nichts. Ihre Finger zitterten unkontrolliert.
„Er muss hochkommen“, sagte sie, und ihre Stimme brach. „Er ist Wasser. Wasser schwimmt oben. Das ist Physik.“
„Das da unten ist kein Wasser“, sagte Marcus.
Der Gelehrte kauerte an der Felswand, die Knie an die Brust gezogen, und zitterte am ganzen Leib. Seine Augen waren weit aufgerissen, fixiert auf den schwarzen See.
„Das ist Anti-Materie“, murmelte er, und seine Stimme war dünn vor Horror. „Entropische Flüssigkeit. Sie hat keine Dichte im herkömmlichen Sinn. Sie hat nur... Hunger. Sie löst die Bindungen zwischen den Atomen auf. Wenn Kael da unten ist...“ Er würgte, presste die Hand vor den Mund. „Dann ist er nicht mehr Kael. Er ist nur noch Energie, die diffundiert.“
„Halt dein Maul, Marcus!“, fuhr Clara ihn an. Sie stand breitbeinig da, das Schwert in der Hand, obwohl es keinen Feind gab, den sie schneiden konnte. Aber Elias sah, wie ihr die Tränen über das rußverschmierte Gesicht liefen. „Er kämpft. Ich weiß, dass er kämpft.“
Elias hörte sie kaum. Sein Bewusstsein war nicht auf dem Sims. Es war in seiner Brust.
Das Amulett schrie.
Es war kein Geräusch. Es war ein psionischer Impuls, der durch seinen Körper raste wie ein Stromschlag. Das blaue Fragment – die Träne des Ozeans – glühte so intensiv, dass es durch seine Haut brannte. Es pulsierte wild, unregelmäßig, synchronisiert mit einem Herzschlag, der nicht der seine war.
Elias riss die Augen auf. Die Welt um ihn herum wurde grau. Er sah nicht mehr den Krater. Er sah... Blau.
Er war verbunden. Der Pakt, den Kael geschlossen hatte, war nicht einseitig gewesen. Das Amulett war der Anker. Und Kael hing daran.
„Elias...“
Die Stimme war in seinem Kopf. Aber sie klang nicht wie gesprochene Worte. Sie klang wie das Gurgeln von Wasser unter hohem Druck, verzerrt, metallisch, weit weg.
„Es ist... so kalt.“
Elias keuchte. Er griff sich an die Brust, krallte seine Finger in die Tunika.
„Ich höre ihn!“, presste er hervor. „Er ist da! Er ist noch da!“
Er schloss die Augen. Er blendete Lyras Schluchzen aus, blendete den Wind aus. Er folgte der Stimme. Er tauchte in das Amulett.
Und plötzlich war er unten.
Er war nicht physisch dort, aber sein Geist ritt auf der Verbindung. Er sah, was Kael sah. Er fühlte, was Kael fühlte.
Und was er fühlte, war die Hölle.
Kael war nicht im Wasser. Er war in Säure.
Die schwarze Masse von Anaxi umschloss ihn von allen Seiten. Sie drückte nicht nur auf ihn; sie fraß an ihm. Jedes Molekül seines Wasserkörpers wurde attackiert. Die Dunkelheit versuchte, die Bindung zu lösen, das Wasser in Nichts zu verwandeln. Es war ein Schmerz, der jenseits von Nervenbahnen existierte. Es war der Schmerz der Auflösung.
Aber Kael war nicht allein.
Phobos war bei ihm.
Der Wächter war nicht ertrunken. Er war in seinem Element. Hier unten, in der Ur-Suppe der Angst, war er kein fester Riese mehr. Er war eine Strömung aus Hass. Ein Wirbel aus violetten Blitzen und Schatten, der sich um Kael wand, ihn würgte, ihn tiefer zog.
„Du Narr“, dröhnte Phobos’ Stimme durch das Medium. Sie war hier unten lauter, mächtiger. „Du dachtest, du könntest den Ozean nutzen? Hier gibt es keinen Ozean. Hier gibt es nur das Ende.“
Elias sah durch Kaels Augen (oder das, was davon übrig war), wie Phobos seine Form veränderte. Er wurde zu einem Maul. Ein riesiger, zahnloser Schlund aus Finsternis, der sich über Kael stülpte.
Kael wehrte sich. Er machte sich hart. Er fror das Wasser, aus dem er bestand, zu Eis. Er wurde zu einem Block, einem Diamanten aus Kälte, um nicht zerquetscht zu werden.
Aber das Eis bekam Risse.
„Ich halte ihn nicht“, dachte Kael. Der Gedanke war panisch, flackernd. „Er ist zu groß. Er ist überall. Elias... ich löse mich auf.“
Oben auf dem Sims schrie Elias auf. Er spürte den Druck auf seinem eigenen Brustkorb. Er fiel auf die Seite, krümmte sich zusammen.
„Elias! Was ist los?“, rief Tarek und humpelte zu ihm.
„Er stirbt!“, keuchte Elias. „Er kann ihn nicht halten! Die Dunkelheit... sie trinkt ihn!“
Lyra robbte zu Elias. Sie packte seinen Arm, den Schwarzen Handschuh. Sie hatte keine Angst mehr vor der Kälte.
„Hilf ihm!“, flehte sie. „Du hast die Verbindung! Gib ihm Kraft! Gib ihm alles!“
Elias starrte sie an. Er sah ihre Augen, grün und verzweifelt. Er sah die Liebe, die sie für den Mann im Wasser empfand. Eine Liebe, die so stark war, dass sie bereit war, selbst zu verbrennen, nur um ihn eine Sekunde länger zu halten.
„Ich... ich weiß nicht wie“, stammelte Elias. „Ich kann nur nehmen. Ich bin ein Vakuum.“
„Dann nimm!“, schrie Clara. Sie kniete sich neben ihn. „Nimm den Druck von ihm! Saug die Dunkelheit ab! Mach, dass er atmen kann!“
Elias verstand.
Er konnte Kael keine Energie geben. Aber er konnte dem Feind Energie stehlen.
Er rollte sich auf den Bauch. Er robbte an den Rand des Abgrunds. Er streckte den rechten Arm aus, den Arm mit dem Handschuh, und ließ ihn über den Rand hängen, die Handfläche nach unten gerichtet, auf den schwarzen See.
Er schloss die Augen. Er visualisierte Kael. Den blauen Funken in der Schwärze.
Und er visualisierte das Ding, das ihn fraß. Phobos.
„Du hast Hunger?“, flüsterte Elias zum Amulett. Der Riss auf seiner Brust pulsierte wild. „Dann friss.“
Er öffnete das Ventil.
Er zog nicht wahllos. Er zielte. Er nutzte die Verbindung zu Kael als Leitsystem. Er zielte auf den Schatten, der Kael umschlang.
SAUG.
Der Effekt war nicht sichtbar, aber er war spürbar. Ein Ruck ging durch den Berg.
Unten in der Tiefe, in der schwarzen Suppe, heulte Phobos auf.
Der Wächter spürte plötzlich einen Zug an seiner Essenz. Es war, als hätte sich ein Haken in seinen Rücken gebohrt. Energie – reine, negative Energie – wurde aus ihm herausgerissen, nach oben, durch den Äther, direkt in Elias’ Hand.
Der Griff um Kael lockerte sich.
„Was...?“, grollte Phobos. „Der Träger...“
Kael spürte die Erleichterung. Der Druck ließ nach. Er hatte eine Sekunde Luft.
Jetzt, dachte Kael. Er ist abgelenkt.
Kael nutzte den Moment. Er war immer noch Eis, hart und spröde. Aber er erinnerte sich an das, was er im Dschungel getan hatte. Er erinnerte sich an das, was er auf dem Meer getan hatte.
Wasser ist nicht nur Eis. Wasser ist Dampf. Wasser ist Druck.
Er explodierte.
Er wechselte seinen Aggregatzustand. Von fest zu gasförmig. In einer Millisekunde.
PFFFUMM.
Eine Blase aus superkomprimiertem Dampf entstand mitten in der Umarmung des Wächters. Die Ausdehnung war gewaltig.
Sie sprengte die Schattenarme von Phobos auseinander. Der Riese wurde zurückgeworfen, durch die schwarze Flüssigkeit geschleudert.
Kael schoss nach oben. Als Dampfblase raste er zur Oberfläche.
„Da!“, rief Marcus.
Die Oberfläche des schwarzen Sees brodelte. Eine weiße Säule aus Dampf brach hervor, schoss fünfzig Meter in die Höhe, zischend und pfeifend.
Sie kondensierte in der kalten Luft des Kraters. Regen fiel herab. Blauer, leuchtender Regen.
Und aus dem Regen formte sich eine Gestalt.
Kael landete auf dem schmalen Uferstreifen, weit unten am Fuß der Felswand, direkt unter dem Sims, auf dem die Freunde kauerten.
Er fiel auf die Knie. Er bestand wieder aus Wasser, aber er war dunkel. Schmutzig. Schwarze Schlieren zogen sich durch seinen blauen Körper. Er würgte, spuckte schwarzen Schlamm aus.
„Er ist raus!“, schrie Lyra. Sie weinte und lachte gleichzeitig. „Er hat es geschafft!“
Aber Elias jubelte nicht. Er hielt immer noch den Arm über den Abgrund, den Handschuh auf die Tiefe gerichtet. Er spürte, dass es nicht vorbei war.
Das Amulett war noch nicht satt. Und Phobos war noch nicht tot.
Der See begann zu kochen.
Es war kein Dampf mehr. Es war Wut.
Ein Strudel bildete sich in der Mitte des schwarzen Öls. Er rotierte schneller und schneller.
Und aus dem Zentrum des Strudels erhob sich der Wächter.
Er war verändert.
Der Sturz und Kaels Angriff hatten ihn nicht geschwächt. Sie hatten ihn konzentriert.
Er war nicht mehr der riesige, plumpe Gigant, der auf der Brücke gestanden hatte. Er war kleiner geworden. Kompakter. Seine Rüstung war weg.
Er bestand jetzt nur noch aus Muskeln aus flüssigem Obsidian und violettem Feuer. Er hatte vier Arme, die in langen Klingen endeten. Und sein Kopf... sein Kopf war ein einziger, offener Schrei.
„Du läufst weg“, sagte Phobos. Seine Stimme war jetzt leise, schneidend. „Du denkst, du kannst dem Wasser entkommen? Aber ich bin nicht mehr der Fels. Ich bin der Sturm.“
Er trat auf das Ufer.
Er ignorierte Elias oben auf dem Sims. Er ignorierte das Amulett. Er hatte nur ein Ziel.
Kael.
Der Wassermagier versuchte aufzustehen, rutschte aber im schwarzen Sand aus. Er war zu langsam. Er war kontaminiert.
Phobos schoss vorwärts. Er war entsetzlich schnell.
„Nein!“, schrie Elias. Er wollte feuern, wollte den Wächter verbrennen, aber der Winkel war falsch. Wenn er jetzt schoss, würde er Kael treffen.
Phobos erreichte Kael. Er hob eine seiner vier Klingen-Hände.
Er wollte ihn nicht fangen. Er wollte ihn zerteilen.
Lyra sah es.
Und in diesem Moment zerbrach etwas in ihr.
Die Angst, die sie seit dem Dschungel gelähmt hatte, die Angst vor ihren eigenen Händen, vor dem Feuer, das sie trug – sie verschwand. Sie wurde verbrannt von einer einzigen, klaren Emotion: Nicht er.
Sie dachte nicht nach. Sie handelte.
Sie sprang nicht in die Tiefe. Das wäre Selbstmord gewesen.
Sie nutzte die Verbindung, die sie seit Tagen mühsam unterdrückt hatte.
Sie riss ihre Hände hoch. Sie richtete sie auf Kael.
„Brenn!“, schrie sie.
Aber sie meinte nicht Kael.
Sie rief das Reinigende Feuer. Das weiße, neongrüne Feuer der Kaiserin.
Sie projizierte es. Nicht als Strahl. Als Aura.
Sie schickte ihre eigene Lebenskraft, ihre ganze Liebe, ihre ganze Wut durch die Luft, über die fünfzig Meter Distanz, direkt in Kaels Körper.
Kaels Wasserform flammte auf.
Es war unmöglich. Wasser kann nicht brennen.
Aber dieses Wasser brannte.
Kael wurde von einem Halo aus grünem Feuer umhüllt. Das Wasser in ihm begann zu sieden, zu leuchten. Er wurde zu einem Reaktor aus Dampf und Licht.
Phobos schlug zu. Seine Klinge traf Kael.
Aber sie schnitt nicht durch Wasser. Sie traf auf eine Explosion aus superheißem Dampf.
ZISCH.
Die Schattenklinge verdampfte bei Kontakt. Phobos schrie auf, als die Hitze seine Hand traf. Er wich zurück, starrte auf seine geschmolzene Klaue.
Kael stand auf. Er war nicht mehr nur blau. Er war Türkis, durchzogen von Adern aus weißem Feuer. Er war ein Elementar aus kochendem Wasser.
Er blickte nach oben, zu Lyra.
Er spürte sie. Er spürte ihr Feuer in sich. Es tat nicht weh. Es machte ihn stark.
Danke, sandte er ihr.
Dann drehte er sich zu Phobos um.
„Du wolltest den Sturm?“, grollte Kael, und seine Stimme klang wie ein Geysir, der ausbricht. „Hier ist der Sturm.“
Er hob beide Hände. Das Wasser des schwarzen Sees hinter Phobos erhob sich. Aber es war nicht mehr schwarz. Es wurde von Kaels neuem Licht durchflutet. Es kochte.
Eine Wand aus kochendem Wasser stürzte auf den Wächter herab.
Die Welle, die Kael gerufen hatte, war kein Wasser mehr. Sie war eine Abrissbirne aus kochendem Dampf und Licht.
Als sie auf Phobos traf, gab es kein Klatschen, kein Spritzen. Es gab eine Detonation.
Der Aufprall erschütterte das Fundament des Berges so heftig, dass oben auf dem Sims Clara und Tarek zu Boden geworfen wurden. Steine lösten sich von der Decke des riesigen Kraters und regneten wie Meteoriten in den Abgrund, aber niemand achtete darauf. Alle Augen waren auf das Inferno in der Tiefe gerichtet.
Der schwarze See aus Anaxi – jener Ur-Substanz, die das Licht fraß – schrie auf, als das heilige, von Lyras Lebenskraft entzündete Wasser ihn berührte. Es war ein chemischer Krieg auf molekularer Ebene. Wo das leuchtende Türkis von Kaels Flut auf das ölige Schwarz der Leere traf, zischte es nicht nur; die Realität selbst schien Blasen zu werfen.
Dampfsäulen, so dick wie Festungstürme, schossen hunderte Meter in die Höhe, vorbei an dem Felsvorsprung, auf dem die Gefährten kauerten. Der Dampf war heiß, feucht und roch nach Ozon und verbranntem Salz.
„Er hat ihn erwischt!“, schrie Marcus. Er drückte sich gegen die Felswand, die Hände schützend vor das Gesicht gehalten, während die Hitze an ihnen vorbeiwaberte. „Die thermodynamische Reaktion... das hält keine Struktur aus! Phobos muss pulverisiert sein!“
„Sieh genauer hin“, sagte Elias.
Er stand am Rand, unbeeindruckt von der Hitze, die seinen Mantel flattern ließ. Seine Augen, grau und starr, fixierten den Punkt des Aufpralls. Das Amulett an seiner Brust vibrierte nicht mehr; es summte einen tiefen, warnenden Ton, wie eine gespannte Saite kurz vor dem Reißen.
Unten im Nebel bewegte sich etwas.
Der Dampf teilte sich. Nicht durch Wind, sondern durch Willen.
Aus dem kochenden Chaos erhob sich eine Form. Sie war zerfetzt, Teile ihrer Rüstung fehlten, und der linke Arm bestand nur noch aus rauchigen Fetzen. Aber sie stand.
Phobos.
Der Wächter der Angst war nicht zerstört. Er war verletzt. Und das machte ihn rasend.
„Schmerz“, grollte die Stimme. Sie klang anders jetzt. Nicht mehr gelangweilt oder überlegen. Sie klang überrascht. Und hasserfüllt. „Ihr wagt es, dem Nichts Schmerz zu bringen?“
Phobos hob seinen verbliebenen Arm. Die schwarze Flüssigkeit des Sees gehorchte ihm. Sie schoss empor, bildete Tentakel, Speere, Klauen aus reiner Dunkelheit. Sie peitschten durch den Dampf, suchten nach dem Angreifer.
Kael war überall und nirgends.
Er hatte keine feste Gestalt mehr. Er war der Nebel, der Phobos umgab. Er war der kochende Regen, der auf die schwarze Rüstung prasselte. Er war das Zischen in der Luft.
Aber Lyras Feuer in ihm zwang ihn zur Form. Das Reinigende Feuer verlangte nach einem Fokus.
Mitten im See, zwanzig Meter vor dem Wächter, kondensierte der Dampf. Das Wasser zog sich zusammen, wirbelte, verdichtete sich.
Kael materialisierte sich.
Er sah aus wie ein Gott aus Glas und Licht. Sein Körper war riesig geworden, geformt aus tausend Tonnen Wasser, durchzogen von Adern aus neongrünem Feuer, das in seinem Inneren brannte wie das Herz eines Reaktors. Er hatte kein Gesicht mehr, nur zwei blendend weiße Augen, die Phobos anstarrten.
Er hob eine Hand, die groß genug war, um einen Wagen zu zerdrücken. In ihr formte sich eine Lanze aus Eis – aber es war Eis, das von innen glühte.
„Ich bringe dir keinen Schmerz“, sprach Kael. Seine Stimme war das Tosen eines Wasserfalls, verstärkt durch das Echo des Kraters. „Ich bringe dir die Reinigung.“
Er warf die Lanze.
Sie flog schneller als ein Pfeil. Sie zog einen Schweif aus Dampf hinter sich her.
Phobos versuchte, sie mit einer Wand aus Schatten abzuwehren, aber das glühende Eis durchschlug die Dunkelheit, als wäre sie Rauch.
Die Lanze traf Phobos in die Brust.
Das Eis zersplitterte im Körper des Riesen. Und das Feuer darin wurde freigesetzt.
Phobos brüllte. Ein Laut, der die Felswände erzittern ließ. Violettes Licht brach aus den Rissen in seiner Rüstung. Er taumelte zurück, fiel auf ein Knie. Das schwarze Öl des Sees kochte um ihn herum, versuchte vergeblich, die Wunde zu kühlen, die das Licht geschlagen hatte.
„Ja!“, schrie Lyra oben auf dem Sims. Sie weinte, Tränen liefen über ihr rußverschmiertes Gesicht, aber sie lachte auch, ein hysterisches, gebrochenes Lachen. „Gib es ihm, Kael! Brenn ihn aus!“
Sie spürte jeden Schlag. Die Verbindung war noch da. Jedes Mal, wenn Kael das Feuer nutzte, spürte sie ein Ziehen in ihrer eigenen Brust, als würde er direkt aus ihrem Herzen schöpfen. Es schwächte sie, ließ ihre Knie weich werden, aber es war ihr egal. Sie gab ihm alles.
Aber Phobos war alt. Älter als das Wasser. Älter als das Feuer.
Der Riese griff in seine eigene Brust. Er riss die Splitter der Eis-Lanze heraus. Er ignorierte das Brennen.
Er blickte auf Kael. Und das violette Auge in seinem Helm verengte sich.
„Du brennst hell, kleiner Tropfen“, zischte Phobos. „Aber Feuer braucht Nahrung. Und du verbrauchst dich selbst.“
Phobos schlug mit der Faust auf den See.
Diesmal war es kein physischer Angriff. Es war eine Infektion.
Eine Schockwelle aus violetter Tinte breitete sich von ihm aus. Sie raste über die Oberfläche des Wassers, direkt auf Kael zu.
Kael versuchte auszuweichen, sich aufzulösen, wieder zu Dampf zu werden. Aber er war zu langsam. Das Feuer in ihm machte ihn schwer, band ihn an die Form.
Die violette Welle traf ihn.
Sie schlug nicht ein. Sie durchdrang ihn.
Oben auf dem Sims schrie Lyra auf. Sie krümmte sich zusammen, presste die Hände auf den Magen.
„Lyra!“, rief Clara und stützte sie.
„Es ist kalt!“, wimmerte Lyra. „Er vergiftet ihn! Er vergiftet das Wasser!“
Unten im Krater veränderte sich Kael. Das strahlende Blau seines Wasserkörpers wurde trüb. Dunkle Schlieren zogen sich durch seine Substanz wie Öl in einem klaren Bach. Das neongrüne Feuer in seinem Inneren flackerte, wurde gedimmt, erstickt von der einringenden Dunkelheit.
Kael wankte. Seine riesige Form verlor die Kohärenz. Wasser platschte von seinen Schultern, fiel zurück in den See, aber es war kein sauberes Wasser mehr. Es war grau. Tot.
Phobos stand auf. Er war verletzt, seine Rüstung rauchte, aber er war ungebrochen. Er ging auf den wankenden Elementar zu.
„Du hast dich mit dem Feuer verbündet“, sagte Phobos. Er streckte die Hand aus. Schattenranken schossen aus seinen Fingern, wickelten sich um Kaels Hals, um seine Arme. „Aber Feuer und Wasser können nicht ewig tanzen. Am Ende bleibt nur Asche und Schlamm.“
Er zog die Schlinge zu.
Kael würgte. Dampf entwich seinem Körper, zischend, als würde er auslaufen. Er versuchte, die Fesseln zu gefrieren, aber das Eis war brüchig, schwarz durchzogen von der Fäulnis des Wächters.
„Elias!“, schrie Marcus. „Wir müssen etwas tun! Er verliert die Integrität!“
Elias stand am Rand. Er sah Kael sterben. Er sah, wie das Licht in dem Freund erlosch, wie die Dunkelheit ihn fraß.
Er hatte keine Energie mehr im Amulett, um einen Strahl zu feuern. Aber er hatte noch etwas anderes.
Er hatte die Träne. Das Fragment des Ozeans, das tief in seinem Amulett ruhte. Es war der Anker, der Kaels Existenz überhaupt erst ermöglichte.
Elias riss die Hand hoch.
„Kael!“, brüllte er in den Abgrund. Seine Stimme wurde vom Amulett verstärkt, hallte wie Donner. „Lass das Feuer los! Es tötet dich!“
Unten hob der gequälte Riese aus Wasser den Kopf. Die weißen Augen suchten Elias.
Ich kann nicht, sendete Kael. Der Gedanke war schwach, verzerrt. Ohne das Feuer... bin ich nur Wasser. Und Wasser ist schwach gegen ihn.
„Wasser ist nicht schwach!“, schrie Elias. „Wasser ist schwer! Sei schwer, Kael! Sei der Ozean!“
Er griff mental nach der Träne in seiner Brust. Er öffnete den Kanal. Er schickte keine Energie. Er schickte Masse. Er schickte die Erinnerung an den Druck der Tiefsee, an das Gewicht von tausend Meilen Wasser über dem Kopf.
Kael spürte es.
Er spürte das Gewicht, das Elias ihm anbot. Es war keine heiße, verbrennende Kraft wie Lyras Feuer. Es war eine kalte, erdrückende Last.
Phobos zog ihn näher, bereit, ihn zu zerreißen.
„Stirb“, flüsterte der Wächter.
Kael blickte den Schatten an.
Er ließ das Feuer los.
Das neongrüne Leuchten in seinem Inneren erlosch schlagartig. Lyra oben auf dem Fels stieß einen Laut der Erleichterung und des Verlustes zugleich aus, als die Verbindung abbrach.
Kael wurde dunkel. Er wurde dunkelblau, fast schwarz. Aber er zerfiel nicht. Er wurde dicht.
Er schrumpfte. Von der Größe eines Riesen auf die Größe eines Menschen. Aber seine Masse blieb gleich. Er komprimierte sich.
Phobos’ Schattenranken, die eben noch einen Riesen hielten, rutschten ab, fanden keinen Halt an der unglaublich dichten, harten Oberfläche des neuen Kael.
Kael fiel.
Er fiel aus den Fesseln des Schattens, direkt in den schwarzen See vor Phobos’ Füßen.
Aber er tauchte nicht ein. Er schlug ein wie ein Meteorit aus massivem Blei.
Die Schockwelle im Wasser war so gewaltig, dass sie den See teilte.
Das schwarze Öl wurde zur Seite gedrückt, bis auf den Grund des Kraters. Fels wurde sichtbar.
Phobos verlor den Halt. Der Boden unter ihm wurde weggerissen von der Wucht des verdrängten Wassers. Er stürzte.
Und Kael war da.
Er war kein Krieger mehr. Er war eine Flutwelle, komprimiert auf die Größe eines Mannes. Er schoss auf den gefallenen Wächter zu. Er umhüllte ihn.
Er wurde zu einem Sarg aus Wasser. Einem Gefängnis aus Druck, der Stahl zerquetschen könnte.
„Ich halte ihn“, hörte Elias Kaels Stimme. Sie war klar, kalt, ohne Emotion. „Aber ich kann nicht zurück. Ich bin zu schwer.“
Elias sah hinab. Er sah den blauen, pulsierenden Kokon am Grund des leeren Sees, in dem Phobos gefangen war, wild um sich schlagend, aber unfähig, den Druck zu brechen.
Und er sah, wie der schwarze See zurückschwappte. Die Wände aus Anaxi, die verdrängt worden waren, stürzten zurück in die Mitte. Sie würden Kael und Phobos begraben. Unter Tonnen von Leere.
„Komm rauf!“, schrie Elias. „Lass ihn los und komm rauf!“
Das ist der Weg des Wassers, antwortete Kael. Es fließt nach unten. Lebt wohl.
Die schwarzen Wellen schlugen über dem blauen Licht zusammen.
Das Leuchten flackerte. Einmal. Zweimal.
Dann war es weg.
Der See war wieder glatt. Still. Schwarz.
Oben auf dem Sims herrschte Totenstille.
Lyra rührte sich nicht. Sie starrte auf die Stelle, wo das Licht verschwunden war. Ihre Hände waren leer. Kalt.
„Er ist weg“, sagte sie. Es war keine Frage.
Marcus nahm seine Brille ab. Er wischte sie ab, obwohl sie nicht schmutzig war. Seine Hände zitterten.
„Die Dichte...“, murmelte er. „Er hat seine eigene molekulare Struktur kollabieren lassen, um die notwendige Masse zu erreichen. Eine Singularität. Er ist... er ist ein Teil des Fundaments geworden.“
Tarek schlug mit der Faust gegen den Fels. „Verdammt!“, brüllte er. „Verdammt!“
Elias stand noch immer am Rand. Er spürte das Amulett. Die Träne pulsierte. Sie war nicht leer. Sie war verbunden.
Er spürte Kael. Irgendwo da unten. In der ewigen Kälte und Dunkelheit. Er hielt den Wächter fest. Er war das Schloss geworden, das Phobos band.
„Er ist nicht tot“, sagte Elias leise. „Er ist... der Anker.“
Er drehte sich zu den anderen um.
„Der Weg ist frei.“
Er deutete auf die andere Seite des Kraters.
Dort, wo Phobos gestanden hatte, wo er den Weg blockiert hatte... dort war nun nichts mehr. Die Brücke war zerstört, aber der Weg durch den Grund des Sees – jetzt, da Phobos gebunden war und die Schatten verwirrt waren – war theoretisch möglich. Wenn sie schnell waren.
Oder sie konnten versuchen, über die Reste der Brücke zu klettern.
„Wir müssen weiter“, sagte Elias. „Kael hat uns Zeit erkauft. Aber nicht viel. Anaxi wird versuchen, ihn zu verdauen.“
Er ging zu Lyra. Er kniete sich vor sie.
„Lyra“, sagte er. „Wir müssen gehen.“
Sie sah ihn an. Ihre Augen waren trocken. Das Feuer war aus ihr gewichen. Sie war wieder das Mädchen aus dem Wald, aber etwas fehlte.
„Er hat mich verlassen“, sagte sie.
„Er wartet auf uns“, sagte Elias. „Am Ende.“
Er half ihr auf. Sie war leicht, wie eine leere Hülle.
„Zum Thronsaal“, sagte Elias.
Sie wandten sich dem Dunkel zu. Ein Freund weniger. Eine Narbe mehr.
Und das Herz der Festung schlug lauter denn je, als würde es sich auf ihre Ankunft freuen.
Der Krater von Nox Aeterna war kein Ort des Lärms mehr. Nach dem gigantischen Aufprall, nach dem Bersten des Eises und dem Tosen der Flut, die Kael gerufen hatte, war eine Stille eingekehrt, die so dicht und schwer war, dass sie auf den Trommelfellen lastete wie der Druck der Tiefsee.
Auf dem schmalen Felsvorsprung, fünfzig Meter über dem Grund, rührte sich niemand.
Elias lag auf der Seite, das Gesicht gegen den kalten, rauen Stein gepresst. Sein Atem ging stoßweise, jeder Zug ein rasseln in seiner gequetschten Brust. Er spürte das Amulett unter seiner Tunika. Es war warm. Es pulsierte in einem langsamen, satten Rhythmus. Es hatte sich genährt. Nicht von Phobos, sondern von dem Ausbruch der elementaren Gewalt, die Kael freigesetzt hatte.
Elias hasste es. Er hasste die Wärme. Er hasste das Gefühl der Vollständigkeit, das das Amulett ausstrahlte, während unten im Abgrund ein Freund gestorben war.
„Er ist nicht tot“, flüsterte eine Stimme.
Es war Lyra.
Sie kniete immer noch am Rand des Abgrunds, dort, wo das Wassernetz sie abgesetzt hatte. Sie hatte sich nicht bewegt. Ihre Hände krallten sich in den Fels, so fest, dass ihre Fingernägel brachen und Blutspuren auf dem schwarzen Stein hinterließen. Ihr Gesicht war eine Maske aus Schock, bleich wie Mondlicht, die Augen weit aufgerissen und fixiert auf die Tiefe.
„Er ist nicht tot“, wiederholte sie, lauter diesmal, fast aggressiv. „Ich kann ihn spüren.“
Clara rappelte sich mühsam auf. Sie hielt sich die Seite, ihre Rüstung war verbeult, ihr Gesicht schmutzig und blutig. Sie humpelte zu Lyra, legte vorsichtig eine Hand auf deren Schulter.
„Lyra...“, begann sie sanft. „Das Wasser ist... weg. Er hat sich aufgelöst.“
„Nein!“, schrie Lyra und schlug Claras Hand weg. Sie drehte sich nicht um. Sie starrte weiter nach unten. „Sieh doch hin! Sieh hin, verdammt noch mal!“
Elias zwang sich, aufzustehen. Seine Glieder waren bleischwer, der Schwarze Handschuh zog an seinem Arm wie ein Anker. Er kroch zum Rand. Er sah hinab.
Und ihm stockte der Atem.
Der See aus schwarzem Anaxi-Öl, der den Grund des Kraters gefüllt hatte, war verschwunden. Oder besser gesagt: Er war begraben.
Über der Dunkelheit lag eine Schicht aus Eis.
Aber es war kein gewöhnliches Eis. Es war tiefblau, leuchtend, durchzogen von Adern aus reinem, weißem Licht. Es war eine gigantische, gefrorene Linse, die den gesamten Boden des Kraters bedeckte. Sie war nicht glatt. Sie war wellig, erstarrt in dem Moment der höchsten Turbulenz, als wäre ein stürmischer Ozean in einer Millisekunde zu Stein geworden.
Und in der Mitte dieses gefrorenen Ozeans, dort wo Phobos eingeschlagen war, erhob sich ein Berg aus Eis. Ein Gefängnis. Man konnte die Umrisse des Riesen darin sehen – eine dunkle, verzerrte Silhouette, gefangen im Herzen des Gletschers, die Arme erhoben in einer Geste ewiger Abwehr.
„Das ist Kael“, flüsterte Marcus. Er war herangekrochen, hielt seine Brille mit einer Hand fest, während er mit der anderen auf das Eis deutete. „Er hat sich nicht aufgelöst. Er hat seinen Aggregatzustand gewechselt. Er hat die kinetische Energie des Aufpralls genutzt, um eine endotherme Reaktion auszulösen. Er hat... er hat sich selbst gefroren, um das Monster zu halten.“
„Er lebt“, sagte Lyra. Tränen liefen über ihr Gesicht, tropften in den Abgrund. „Ich höre ihn. Er singt nicht mehr. Er... er wartet.“
Tarek lehnte an der Felswand. Er hatte sein Schwert als Stütze unter die Achsel geklemmt. Sein Gesicht war eine Grimasse des Schmerzes, aber er blickte mit einem Ausdruck von grimmigem Respekt in die Tiefe.
„Er ist jetzt der Boden“, sagte Tarek rau. „Der verdammte Narr ist das Fundament geworden.“
Elias starrte auf das blaue Eis. Er spürte die Resonanz. Die Träne des Ozeans in seinem Amulett vibrierte im Einklang mit dem Gletscher dort unten. Es war eine Verbindung, stark und unzerbrechlich. Kael war nicht fort. Er war nur... verändert. Er war Teil der Architektur von Nox Aeterna geworden.
„Wir müssen weiter“, sagte Elias. Seine Stimme klang hohl, mechanisch. Er wollte weinen, er wollte schreien, aber das Amulett ließ es nicht zu. Es nahm den Schmerz und machte daraus Kälte. „Der Weg ist frei.“
„Frei?“, fuhr Clara ihn an. Sie deutete in den Abgrund. „Die Brücke ist weg, Elias! Wir stehen auf einem Sims, fünfzig Meter über dem Boden. Wie sollen wir da runterkommen? Springen?“
Elias blickte auf das Eis. Auf Kaels Körper.
„Wir müssen nicht springen“, sagte er. „Wir können gehen.“
Er hob den rechten Arm. Der Handschuh reagierte. Die silbernen Fäden glühten auf. Er richtete die Handfläche auf die Felswand neben ihnen.
„Marcus“, sagte er. „Wie ist die Struktur des Eises da unten?“
Marcus blinzelte, riss sich aus seiner Starre. „Die Dichte... sie müsste enorm sein. Härteskala weit über Diamant. Es ist magisch verdichtet.“
„Also trägt es uns“, sagte Elias.
Er konzentrierte sich. Er rief nicht das Feuer. Er rief das Eis. Er nutzte die Verbindung zu Kael.
Hilf uns, dachte er. Noch ein letztes Mal.
Das Eis unten im Krater knackte.
Eine Säule wuchs aus der gefrorenen Fläche empor. Sie schoss nach oben, direkt auf ihren Sims zu. Es war keine Säule, es war eine Rampe. Eine geschwungene, elegante Bahn aus blauem Eis, die sich an die Felswand schmiegte.
Sie erreichte den Vorsprung. Sie dockte an.
„Eine Rutsche“, sagte Tarek trocken. „Der Junge hat Humor.“
„Es ist ein Weg“, sagte Elias. Er trat an die Eiskante. Er blickte Clara an. „Wir müssen da runter. Und wir müssen über ihn drüberlaufen. Um zum Tor zu kommen.“
Er deutete auf die andere Seite des Kraters. Dort, hinter dem gefrorenen See, lag der Eingang zum Thronsaal. Das Tor, das Phobos bewacht hatte. Es stand offen.
Clara schluckte. Sie sah auf das Eis, das Kael war. „Wir sollen auf ihm laufen?“
„Er will es so“, sagte Lyra. Sie stand auf. Sie wischte sich die Tränen ab. Ihr Gesicht war hart geworden, so hart wie das Eis unten. „Er hat sich breit gemacht, damit wir nicht fallen. Das hat er immer getan.“
Sie ging an Elias vorbei. Sie zögerte nicht. Sie setzte sich auf den Rand der Eisrampe.
„Ich gehe zu ihm“, sagte sie.
Und sie rutschte los.
Sie glitt die steile Bahn hinab, lautlos, schnell. Sie landete unten auf der Eisfläche, rutschte aus, fiel auf die Knie. Aber sie stand sofort wieder auf. Sie legte die Hände auf den Boden.
„Kommt!“, rief sie nach oben. Ihre Stimme hallte im Krater.
Elias sah die anderen an.
„Nach ihr“, sagte er.
Marcus folgte. Er klammerte sich an seine Tasche, schloss die Augen und ließ sich rutschen. Tarek und Clara rutschten gemeinsam, Clara hielt den Söldner fest, damit er nicht umkippte.
Elias war der Letzte.
Er stand allein auf dem Sims. Er blickte ein letztes Mal zurück, den Schacht hinauf, durch den sie gefallen waren. Er dachte an die Sonne von Ashara. An den Dschungel. An alles, was sie hinter sich gelassen hatten.
Dann ließ er sich fallen.
Die Fahrt war kurz, kalt und atemberaubend. Er landete auf dem Eissee. Er rutschte über die glatte Oberfläche, bis er in der Mitte zum Halten kam.
Er stand direkt vor dem Berg, in dem Phobos gefangen war.
Das Eis war hier so klar, dass er den Riesen sehen konnte. Phobos war erstarrt mitten im Schrei. Sein violettes Auge war offen, starrte blind in das blaue Gefängnis. Die Dunkelheit, aus der er bestand, war eingefroren, schwarze Schlieren im Blau.
Aber Elias spürte keine Angst mehr vor dem Wächter. Er spürte nur die Kälte unter seinen Füßen.
Er kniete sich nieder. Er legte die behandschuhte Hand auf das Eis.
„Danke, Kael“, flüsterte er.
Das Eis unter seiner Hand wurde warm. Nur für eine Sekunde. Ein letzter Gruß.
Die Gruppe versammelte sich um ihn. Sie standen auf dem gefrorenen Ozean, winzige Punkte in einer Kathedrale aus Eis und Fels.
„Wir müssen weiter“, sagte Clara. Ihre Stimme war rau. Sie vermied es, auf den Boden zu schauen. Sie starrte stur auf das Tor am anderen Ende. „Zum Thronsaal.“
„Ja“, sagte Elias. Er stand auf.
Er ging voran. Jeder Schritt auf dem Eis verursachte ein helles, klingendes Geräusch. Es klang nicht wie Schritte auf Stein. Es klang wie Schritte auf Glas.
Oder auf Tränen.
Sie überquerten den See. Sie gingen über das Grab ihres Freundes, um den Mann zu retten, der ihn getötet hatte.
Der Widerspruch brannte in Elias’ Herz, heißer als das Amulett. Aber er ging weiter. Denn stehenzubleiben hieß, dass Kael umsonst gestorben war.
Sie erreichten das andere Ufer. Das Eis endete an einer Treppe aus Obsidian, die zum Tor führte.
Elias betrat die erste Stufe. Er drehte sich nicht um.
„Das Innere Sanktum“, sagte er.
Vor ihnen lag Dunkelheit. Aber diesmal war es keine feindliche Dunkelheit. Es war eine wartende Dunkelheit.
Elias griff an seine Brust.
„Ich bin bereit“, sagte er.
Er trat durch das Tor.
Der Schritt über die Schwelle des letzten Tores war kein Eintreten in einen Raum; es war ein Austreten aus der Zeit.
Elias spürte es sofort. Die Luft hier drinnen bewegte sich nicht. Sie zirkulierte nicht. Sie stand, schwer und gesättigt mit einer Stille, die seit tausend Jahren nicht gebrochen worden war. Das Tosen des Kampfes draußen, das Bersten des Eises, Kaels Opfer – all das wurde abgeschnitten, als hätte jemand eine dicke Samtdecke über die Welt geworfen.
Er setzte einen Fuß auf den Boden des Thronsaals. Es war kein Obsidian mehr, wie in den Gängen davor. Es war ein Material, das aussah wie erstarrter Rauch, dunkelgrau, halbtransparent, und unter der Oberfläche pulsierten Adern aus violettem Licht, die im Rhythmus eines extrem langsamen, qualvollen Herzschlags glühten.
Bumm... ... ... Bumm...
Elias blieb stehen. Er musste sich zwingen, zu atmen. Der Druck auf seiner Brust war enorm, nicht physisch, sondern atmosphärisch. Das Amulett reagierte darauf mit einer heftigen, fast panischen Vibration. Die drei Fragmente in seinem Inneren wirbelten schneller, bildeten einen Schild aus Energie um sein Herz, als wüssten sie, dass sie jetzt im Magen des Ungeheuers waren.
„Ist das... der Himmel?“, flüsterte Clara hinter ihm.
Elias blickte nach oben.
Der Thronsaal hatte keine Decke. Oder wenn er eine hatte, war sie so hoch und dunkel, dass sie unsichtbar war. Stattdessen wölbte sich über ihnen ein Panorama, das dem Nachthimmel ähnelte, aber falsch war. Die Sterne dort oben bewegten sich nicht. Sie flackerten nicht. Sie waren starre, weiße Nadelstiche in einer undurchdringlichen Schwärze. Und sie waren zu nah. Man hatte das Gefühl, man müsste nur die Hand ausstrecken, um sich an ihren Kanten zu schneiden.
„Das ist kein Himmel“, sagte Marcus. Seine Stimme war dünn, zittrig, beraubt von jeder wissenschaftlichen Arroganz. Er drückte seine Tasche an sich, als wäre sie ein Rettungsring. „Das ist eine Projektion. Oder eine Membran. Wir sind im Zentrum der Singularität. Die Realität hier... sie ist dünn wie Papier.“
„Dort“, sagte Tarek.
Der Söldner humpelte an Elias vorbei. Er stützte sich auf sein Schwert, das über den Boden kratzte und ein Geräusch erzeugte, das in der Weite des Raumes seltsam gedämpft klang. Er deutete mit der freien Hand in die Mitte der Halle.
Der Saal war leer, eine weite Ebene aus grauem Nebelstein. Aber in der Mitte, vielleicht hundert Schritt entfernt, erhob sich ein Podest.
Es war kein prunkvolles Gebilde. Es war ein rauer, schwarzer Felsblock, der aus dem Boden gewachsen zu sein schien. Darauf stand ein Stuhl. Einfach. Kantig.
Und auf dem Stuhl saß eine Gestalt.
„Elion“, hauchte Elias.
Er setzte sich in Bewegung. Seine Schritte waren schwer, als würde er durch Wasser gehen. Die anderen folgten ihm, dicht gedrängt, eine kleine Insel aus Leben in einem Ozean aus Stagnation.
Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde das Bild. Und desto grauenhafter.
Der Mann auf dem Thron war kein stolzer Prinz, wie er in den Hallen der Erinnerung dargestellt worden war. Er war ein Wrack.
Sein Körper war abgemagert, fast skelettartig. Seine Haut war so dünn, dass sie wie Pergament über den Knochen spannte, grau und durchscheinend. Sein weißes Haar hing in strähnigen, verfilzten Matten herab und bedeckte sein Gesicht wie ein Schleier. Er trug die Reste einer Rüstung, die einmal silbern gewesen sein mochte, jetzt aber schwarz angelaufen und vom Rost zerfressen war, als hätte die Zeit selbst sie angegriffen.
Aber das Schlimmste waren die Verbindungen.
Elion saß nicht nur auf dem Thron. Er war mit ihm verwachsen.
Dicke, schwarze Ranken aus Schattenmaterie schossen aus der Rücklehne des Stuhls, bohrten sich in seine Schultern, in seine Arme, in seinen Nacken. Sie sahen aus wie die Wurzeln eines parasitären Baumes, die sich von ihrem Wirt ernährten. Sie pulsierten. Mit jedem Bumm des Herzschlags, den sie spürten, pumpten die Ranken etwas in ihn hinein – oder zogen etwas aus ihm heraus.
„Er lebt noch“, sagte Lyra. Sie war stehengeblieben, die Hände vor den Mund geschlagen. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber sie machte kein Geräusch. „Wie kann er noch leben?“
„Er darf nicht sterben“, sagte Elias. Er spürte die Wahrheit durch das Amulett. „Wenn er stirbt... bricht der Damm.“
Er trat an den Fuß des Podests. Er war jetzt so nah, dass er den Geruch riechen konnte, der von dem Thron ausging. Es roch nach Ozon, nach altem Staub und nach einer metallischen Kälte, die im Hals kratzte.
„Elion“, sagte Elias.
Die Gestalt auf dem Thron rührte sich nicht.
„Elion!“, rief Elias lauter. Er verstärkte seine Stimme mit einem Impuls aus dem Amulett. Eine Welle aus goldenem Licht schwappte über das Podest.
Der Kopf des Prinzen zuckte. Ein trockenes, knackendes Geräusch, wie Holz, das bricht. Langsam, quälend langsam, hob er den Kopf. Die weißen Haare fielen zurück.
Das Gesicht, das zum Vorschein kam, war eine Landkarte des Leidens. Die Augen waren eingefallen, umrandet von schwarzen Schatten. Die Lippen waren rissig, blutig gebissen.
Aber als er die Augen öffnete, sah Elias kein Monster.
Er sah Silber.
Die Augen des Prinzen waren hell, klar und von einer schrecklichen, unendlichen Traurigkeit. Sie waren Fenster in eine Seele, die tausend Jahre lang nichts gesehen hatte als Dunkelheit.
Elion blinzelte. Er fokussierte sich auf Elias. Auf das Licht des Amuletts.
Ein Laut entwich seiner Kehle. Ein Krächzen. Er versuchte zu sprechen, aber seine Stimmbänder waren atrophiert. Er hustete, ein trockenes, rasselndes Geräusch.
„Licht“, formten seine Lippen tonlos.
Dann, mit einer Anstrengung, die seinen ganzen Körper beben ließ, sprach er. Seine Stimme war leise, wie das Rascheln von toten Blättern, aber in der Akustik des Saales war sie überall.
„Du... bist... spät.“
Elias schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. „Ich bin hier“, sagte er. „Ich habe den Weg freigemacht.“
Elion versuchte zu nicken, aber die Ranken an seinem Hals hielten ihn fest. Ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht.
„Der Weg... ist nie frei“, flüsterte er. „Er ist nur... offen.“
Sein Blick wanderte von Elias zu den anderen. Zu Clara. Zu Tarek. Zu Marcus und Lyra. Er verweilte auf jedem von ihnen, als würde er versuchen, sich zu erinnern, was Menschen waren.
„So viele“, murmelte er. „Warum... so viele? Einer reicht. Einer reicht für das Grab.“
„Wir sind keine Leichenbestatter“, sagte Clara. Sie trat vor, stellte sich neben Elias. Sie hielt ihr Schwert gesenkt, aber ihr Kopf war erhoben. „Wir sind hier, um dich zu holen. Um das Siegel zu brechen.“
Elion lachte. Es war ein furchtbares Geräusch. Ein trockenes Glucksen, das in einem Husten endete. Schwarzer Schleim lief aus seinem Mundwinkel.
„Das Siegel brechen?“, flüsterte er. „Kind... sieh mich an. Ich bin das Siegel.“
Er versuchte, seine Hand zu heben. Die Schattenranken spannten sich, zerrten an seinem Fleisch, aber er kämpfte dagegen an. Er hob den Arm wenige Zentimeter. Er deutete auf seine Brust.
Dort, wo sein Herz sein sollte, war ein Loch.
Keine Wunde. Ein wirkliches Loch in seinem Körper, gefüllt mit wirbelnder, absoluter Schwärze. Es war dasselbe Material wie der See draußen, wie die Klinge von Thanatos. Anaxi.
Die Dunkelheit saß in ihm. Sie fraß ihn von innen auf. Aber die Ranken des Throns hielten ihn zusammen, zzwangen seinen Körper, nicht zu zerfallen, damit er weiter als Käfig dienen konnte.
„Sie ist wach“, sagte Elion. Er blickte auf seine Brust. „Sie schläft nicht mehr. Sie kratzt. Sie beißt. Sie will raus.“
Er sah Elias an.
„Du trägst das Gefäß“, sagte er. Sein Blick fixierte das Amulett. „Es ist voll. Ich kann es spüren. Die Sonne. Der Wald. Das Meer. Du hast sie alle.“
„Ja“, sagte Elias. Er legte die Hand auf das Metall. „Ich habe sie, um dich zu heilen.“
„Heilen?“, fragte Elion. Ein Hauch von Mitleid trat in seine Augen. „Du kannst einen Damm nicht heilen, wenn das Wasser überläuft. Du kannst nur einen neuen Damm bauen.“
Er lehnte sich zurück, erschöpft von der kurzen Unterhaltung.
„Ich habe gewartet“, flüsterte er. „Jeden Tag. Jede Nacht. Ich habe gehofft, dass niemand kommt. Dass die Welt mich vergisst. Aber ich wusste... ich wusste, dass ich nicht ewig halte.“
Ein Beben ging durch den Thronsaal. Es kam nicht vom Boden. Es kam von ihm.
Der schwarze Wirbel in seiner Brust dehnte sich aus. Schattennebel quoll aus seinem Mund, aus seinen Augen.
Elion schrie auf. Er krampfte. Die Ranken zogen sich enger, schnitten in sein Fleisch.
„Sie kommt!“, keuchte er. „Sie spürt das Licht! Sie will es!“
Hinter dem Thron, im Schatten, den das Podest warf, begann sich etwas zu bewegen.
Die Schatten dort waren nicht statisch. Sie flossen. Sie erhoben sich. Eine Wand aus Dunkelheit wuchs hinter Elion empor, riesig, formlos, bedrohlich.
Anaxi. Die Präsenz, die er zurückhielt.
Sie hatte kein Gesicht, keine Augen, aber Elias spürte ihren Blick. Es war ein Hunger, so alt wie die Zeit.
„Träger“, flüsterte eine Stimme, die nicht Elions war. Sie klang wie das Rauschen zwischen den Sternen. „Du hast mir den Schlüssel gebracht.“
„Zurück!“, schrie Tarek und riss seinen Schild hoch.
„Es ist keine physische Manifestation!“, rief Marcus. Er starrte auf die Wand aus Dunkelheit. „Das ist reine entropische Energie! Wenn sie den Wirt verlässt... löst sie alles im Raum auf!“
„Elias!“, schrie Elion. Er kämpfte gegen den Anfall, gegen die Besessenheit. Seine Stimme war panisch. „Tu es! Jetzt! Bevor sie mich übernimmt!“
„Was soll ich tun?“, schrie Elias.
„Nimm meinen Platz!“, brüllte Elion. „Setz dich! Verbinde das Amulett mit dem Thron! Nur das Gefäß kann sie halten! Mein Körper ist am Ende!“
Elias starrte auf den Thron. Auf die blutigen Ranken. Auf den sterbenden Mann.
Das war es. Das war das Ziel.
Er sollte sich dort hinsetzen. Er sollte sich fesseln lassen. Er sollte sich aufessen lassen, tausend Jahre lang, so wie Elion.
Er sah zu Clara. Sie schüttelte den Kopf, stumm, entsetzt.
Er sah zu Tarek. Der Söldner hielt den Blick, sein Gesicht eine Maske aus Schmerz und Respekt.
Er sah zu Lyra. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben.
Und er sah den leeren Platz, wo Zara hätte stehen sollen. Und den Abgrund, wo Kael lag.
Einer muss zahlen, dachte Elias.
Er machte einen Schritt auf die Treppe zu.
„Nein!“, schrie Clara. Sie rannte los. Sie packte ihn am Arm. „Nein, Elias! Das tust du nicht!“
„Ich muss“, sagte Elias. Er sah sie an. Seine Augen waren trocken. „Sieh ihn dir an. Er hält es keine Minute mehr.“
„Wir finden einen anderen Weg!“, schrie sie. „Marcus! Sag ihm, dass es einen anderen Weg gibt!“
Marcus stand da, zitternd, bleich. Er blickte auf das Amulett. Auf den Riss. Auf die Dunkelheit hinter dem Thron.
Er öffnete den Mund. Aber er sagte nichts. Er wusste, dass es keine Variable gab. Die Rechnung war einfach. Ein Leben für die Welt.
Elias löste sich sanft aus Claras Griff.
„Lass mich gehen, Clara“, sagte er. „Bitte.“
Er stieg die erste Stufe hinauf.
Elion sah ihn kommen. Er weinte vor Erleichterung.
„Komm, Bruder“, flüsterte er. „Lass mich schlafen.“
Elias erreichte den Thron. Die Kälte, die von dem Sitz ausging, war unbeschreiblich. Sie war absolut.
Er hob die Hand. Er wollte Elion berühren. Er wollte die Übergabe beginnen.
Aber in diesem Moment geschah etwas, das nicht in der Rechnung stand.
Der Riss in Elias’ Amulett – der Riss, der durch die Überladung entstanden war – öffnete sich.
Nicht ein bisschen. Er riss auf.
Ein Strahl aus reinem, unkontrolliertem Licht schoss aus Elias’ Brust. Er traf nicht Elion. Er traf die Dunkelheit hinter ihm.
Anaxi schrie.
Und der Thron zerbrach.
Das Geräusch, das den Thronsaal erfüllte, als der Obsidian unter der Wucht von Elias’ unkontrolliertem Lichtstoß zerbarst, war nicht das Knacken von Stein. Es war das Schreien eines sterbenden Gottes.
Der Thron, der tausend Jahre lang als Anker für die Dunkelheit gedient hatte, explodierte nicht in Splitter. Er zerfiel zu Staub. Feiner, schwarzer Sand regnete herab, und mit ihm fielen die Ketten, die Elion gehalten hatten.
Aber es war keine Befreiung. Es war ein Dammbruch.
Elias wurde rückwärts geschleudert. Der Rückstoß seiner eigenen Macht traf ihn wie ein physischer Hammer vor die Brust. Er flog durch die Luft, schlug hart auf dem Boden auf und rutschte meterweit über den glatten Stein, bis er gegen eine der wenigen noch stehenden Säulen prallte.
Er rang nach Luft. Seine Sicht war verschwommen, gefüllt mit tanzenden weißen Flecken – den Nachbildern der Explosion. Seine Brust brannte. Das Amulett lag auf seiner Haut wie ein Stück glühende Kohle. Der Riss im Kristall, der sich geweitet hatte, pulsierte nun nicht mehr. Er blutete. Ein stetiger Strom aus weißem, flüssigem Licht sickerte aus dem Metall, tropfte auf den Boden und fraß sich zischend in den Stein.
„Elias!“, hörte er Clara schreien. Ihre Stimme klang dünn, verzerrt, als käme sie aus einer anderen Dimension.
Elias zwang sich, den Kopf zu heben.
Was er sah, ließ sein Blut gefrieren.
Dort, wo der Thron gestanden hatte, war jetzt ein Loch in der Welt.
Die Dunkelheit, die Elion in sich getragen hatte – Anaxi – war nicht mehr an eine Form gebunden. Sie quoll aus dem Boden, aus dem Staub des Throns, aus Elions liegendem Körper. Sie war riesig. Eine Wolke aus violettem Rauch und absoluter Schwärze, die sich ausdehnte, wuchs, den Raum füllte. Sie hatte keine Augen, keinen Mund, aber sie hatte Hunger.
Elion lag vor diesem wachsenden Albtraum. Er war winzig. Ein zerbrochenes Bündel aus Knochen und grauer Haut. Er versuchte zu kriechen, wegzukommen von dem Ding, das er so lange in sich getragen hatte, aber er war zu schwach.
Die Dunkelheit griff nach ihm. Tentakel aus Rauch schossen hervor, wickelten sich um seine Beine.
„Nein!“, brüllte Tarek.
Der Söldner, der eben noch am Rande des Zusammenbruchs gestanden hatte, fand irgendwo in seiner geschundenen Seele eine letzte Reserve. Er rannte los. Er humpelte, stolperte, aber er war schnell. Er warf sich zwischen den gefallenen Prinzen und die Dunkelheit.
Er hatte keine magische Waffe. Sein Schild war zerbrochen. Er hatte nur das stumpfe, schartige Schwert, das er aus der Unterstadt mitgebracht hatte. Er hieb auf den Schatten ein.
Die Klinge ging durch den Rauch hindurch, ohne Widerstand. Aber der Wille dahinter – die pure, menschliche Sturheit – schien den Schatten für eine Sekunde zu irritieren. Die Tentakel zuckten zurück.
„Hol ihn da raus!“, schrie Tarek über seine Schulter zu Clara. „Ich kann das nicht lange halten!“
Clara rannte zu Elion. Sie packte den alten Mann an den Schultern, zerrte ihn über den Boden, weg von dem wachsenden Wirbelsturm der Leere. Elion wimmerte. Sein Körper war leicht wie trockenes Holz.
„Lass mich“, flüsterte er. „Es ist zu spät. Sie ist frei.“
„Nichts ist zu spät, solange wir atmen“, keuchte Clara. Sie zog ihn hinter einen Trümmerhaufen aus Obsidian, in relative Sicherheit.
Elias versuchte aufzustehen. Seine Beine gehorchten ihm nicht. Das Licht, das aus dem Amulett sickerte, schwächte ihn. Es war, als würde sein eigenes Leben auslaufen.
„Ich muss... es schließen“, murmelte er. Er griff nach dem Amulett, versuchte, den Riss mit seiner behandschuhten Hand zuzudrücken.
Der Schwarze Handschuh zischte. Das Licht war zu heiß, selbst für das magische Leder. Silberne Funken sprühten.
„Es schließt sich nicht“, sagte Marcus.
Der Gelehrte war neben Elias aufgetaucht. Er kauerte am Boden, die Augen starr auf die wachsende Dunkelheit in der Mitte des Saales gerichtet. Er hielt immer noch Zaras Kompass in der einen und die alte Schriftrolle der Shru h'las in der anderen Hand. Er zitterte nicht mehr. Seine Haltung war seltsam ruhig. Unnatürlich ruhig.
„Die strukturelle Integrität des Gefäßes ist bei null“, analysierte Marcus leise, als würde er einen Vortrag halten. „Der Innendruck der vereinten Fragmente hat die Hülle gesprengt. Du kannst es nicht schließen, Elias. Es ist kein Riss mehr. Es ist ein Bruch.“
„Dann...“, keuchte Elias, „dann muss ich es entladen. Ich muss die Energie gegen sie richten.“
„Das wird nicht funktionieren“, sagte Marcus. Er sah Elias an. Hinter der kaputten Brille waren seine Augen klar und traurig. „Du hast es versucht. Du hast geschossen. Und du hast den Thron zerstört. Anaxi ist keine Materie, die man verbrennen kann. Sie ist ein Zustand. Entropie.“
Er blickte zu der schwarzen Wolke, die nun fast die Decke erreichte. Blitze zuckten darin. Die Wände des Saales begannen sich aufzulösen, wurden zu Staub, der in den Wirbel gesaugt wurde.
„Sie frisst den Raum“, sagte Marcus. „In zehn Minuten wird dieser Saal nicht mehr existieren. In einer Stunde wird der Gipfel weg sein. In einem Tag...“
„Gibt es eine Lösung?“, schrie Clara von ihrem Versteck aus. Sie hielt Elion im Arm, der das Bewusstsein verloren hatte. „Marcus! Du bist der Verstand! Denk dir was aus!“
Marcus blickte auf die Schriftrolle in seiner Hand. Er hatte sie tausendmal gelesen. Er kannte die Runen auswendig.
Um die unendliche Leere wieder zu versiegeln, bedarf es einer Füllung, die unendlich ist.
Er dachte an Zara. Er dachte an den Moment, als sie sprang. Er dachte an ihr Lächeln, als sie starb.
„Ich laufe nicht weg“, hatte er ihr versprochen.
Er stand auf.
„Es gibt eine Variable“, sagte er. Seine Stimme war fest. Sie trug durch den Lärm des Chaos.
„Was?“, fragte Elias. Er sah zu Marcus hoch. Er sah etwas im Gesicht des Freundes, das er noch nie gesehen hatte. Eine endgültige, furchteinflößende Autorität.
„Variable C“, sagte Marcus. „Die Konstante.“
Er ging auf Elias zu. Er kniete sich nieder. Er legte seine Hand auf Elias’ Brust, direkt neben das blutende Amulett. Er zuckte nicht zusammen, als die Hitze seine Hand verbrannte.
„Hör mir zu, Elias“, sagte Marcus eindringlich. „Das Amulett ist kaputt. Du kannst die Energie nicht mehr fokussieren. Du bist nur noch eine Bombe, die darauf wartet, hochzugehen.“
„Ich weiß“, flüsterte Elias.
„Aber die Energie... die Fragmente... sie sind noch da. Sie sind rein. Sie brauchen nur ein neues Gefäß.“
Marcus blickte sich um. Er sah die Wände aus Obsidian. Den Berg.
„Der Berg“, sagte er. „Nox Aeterna. Die ganze Festung ist aus speicherfähigem Kristall gebaut. Elion hat sie erschaffen, um die Erinnerung zu halten. Aber sie kann mehr halten.“
„Du willst die Energie in die Wände leiten?“, fragte Elias.
„Ich will den Berg zum Gefäß machen“, sagte Marcus. „Ich will Anaxi nicht in einen Körper sperren. Ich will sie in den Stein sperren. Für immer.“
„Wie?“, fragte Lyra, die herangekrochen war. „Wie verbindest du das Licht mit dem Stein?“
Marcus lächelte. Es war ein trauriges, kleines Lächeln. Er tippte sich auf die Brust.
„Mit einem Katalysator. Einer Seele. Jemand muss die Brücke sein. Jemand muss die Energie aus dem Amulett nehmen, sie filtern und in das Fundament des Berges leiten. Jemand, der die Sprache der Steine spricht. Die Sprache der Magie.“
Er stand auf. Er klopfte sich den Staub von der Robe.
„Ich“, sagte er.
Stille.
Elias starrte ihn an. „Nein“, sagte er. „Marcus, nein. Das überlebst du nicht. Die Energie... sie wird dich verdampfen.“
„Statistisch gesehen“, sagte Marcus und rückte seine Brille zurecht, „ist die Wahrscheinlichkeit meines Überlebens null. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt überlebt, steigt auf fast hundert Prozent.“
„Ich lasse das nicht zu“, sagte Clara. Sie stand auf, ließ Elion liegen. Sie kam auf Marcus zu, packte ihn am Kragen. „Du opferst dich nicht. Wir finden einen anderen Weg.“
„Es gibt keinen anderen Weg, Clara!“, schrie Marcus sie an. Zum ersten Mal verlor er die Fassung. Tränen schossen ihm in die Augen. „Sieh dich doch um! Wir sind am Ende! Kael ist weg! Zara ist tot! Elias brennt aus! Wir haben keine Zeit mehr für Hoffnung! Wir brauchen Logik!“
Er riss sich los.
„Zara ist für mich gestorben“, sagte er leise. „Sie hat mir mein Leben geschenkt. Und ich habe jeden Tag damit verbracht, zu berechnen, wie ich es wert sein kann.“
Er blickte auf den Kompass in seiner Hand. Er öffnete ihn. Die Nadel zeigte immer noch stur auf den Boden.
„Ich bin es wert“, sagte Marcus. „Ich bin bereit.“
Er drehte sich zu Elias um.
„Gib es mir, Elias. Gib mir das Amulett.“
Elias wich zurück. Er drückte die Hände auf seine Brust. „Ich kann nicht. Es ist meins. Meine Last.“
„Du bist der Träger“, sagte Marcus. „Aber du bist nicht der Maurer. Du hast es hierher gebracht. Das war deine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, die Mauer zu bauen.“
Die Dunkelheit hinter ihnen brüllte auf. Anaxi hatte sich formiert. Ein riesiges Gesicht aus Schatten bildete sich in der Wolke. Es öffnete einen Mund, so groß wie das Tor.
Der Sog wurde stärker. Tarek, der immer noch versuchte, den Schatten mit seinem Schwert zu bekämpfen, wurde von den Füßen gerissen. Er rutschte über den Boden, direkt in den Schlund.
„Tarek!“, schrie Clara. Sie warf ihm ein Seil zu – nein, sie hatte kein Seil mehr. Sie warf ihm ihren Mantel zu. Er bekam einen Zipfel zu fassen. Sie hielt ihn, stemmte die Fersen in den Boden.
„Gib es mir!“, schrie Marcus Elias an. „Jetzt! Oder Tarek stirbt! Wir alle sterben!“
Elias sah Tarek rutschen. Er sah die Dunkelheit. Er sah Marcus’ ausgestreckte Hand.
Er wusste, dass Marcus recht hatte.
Mit zitternden Fingern griff er nach der Kette. Er öffnete den Verschluss.
In dem Moment, als das Amulett seinen Hals verließ, schrie Elias auf. Es war, als würde er einen Teil seiner Seele herausreißen. Die Kälte, die ihn so lange begleitet hatte, wich einer plötzlichen, schockierenden Leere.
Er legte das Amulett in Marcus’ Hand.
Es war heiß. Es zischte auf Marcus’ Haut. Aber der Gelehrte zuckte nicht. Er schloss die Finger darum.
„Danke“, flüsterte Marcus.
Er drehte sich um. Er ging auf die Dunkelheit zu.
Er ging nicht wie ein Krieger. Er ging nicht wie ein Held. Er ging wie ein Bibliothekar, der ein Buch zurück ins Regal stellt.
Er blieb genau in der Mitte des Raumes stehen, zwischen der Gruppe und dem wirbelnden Chaos von Anaxi.
Er hob das Amulett hoch über seinen Kopf.
„Hey!“, rief er der Dunkelheit zu. Seine Stimme war klar, fest, akademisch. „Du bist ein Fehler in der Gleichung. Und ich bin die Korrektur.“
Er begann zu rezitieren.
Es waren keine Zaubersprüche der Akademie. Es waren die Runen der Shru h'las, die er in der Schriftrolle gelernt hatte. Die Sprache des Fundaments.
„Thran... Dua... Kemet...“
Der Boden unter Marcus begann zu leuchten. Runen erschienen im schwarzen Stein, breiteten sich aus wie Feuer in trockenem Gras. Sie bildeten einen Kreis um ihn.
Das Amulett antwortete.
Das Licht, das aus dem Riss sickerte, veränderte sich. Es war nicht mehr unkontrolliert. Es folgte Marcus’ Willen. Es floss aus dem Metall, die Arme des Gelehrten hinab, in seinen Körper, in seine Füße, in den Stein.
Marcus begann zu leuchten.
Er wurde transparent. Man konnte seine Knochen sehen, sein Herz, das wie wild schlug.
„Er leitet es um“, flüsterte Lyra ehrfürchtig. „Er wird eins mit dem Stein.“
Die Dunkelheit spürte die Gefahr. Anaxi kreischte. Die Schattenwolke stürzte sich auf Marcus. Tentakel schossen vor, wollten ihn zerreißen, ihn verschlingen.
Aber sie prallten ab.
Eine Barriere aus goldenem Licht und geometrischen Formen hatte sich um Marcus gebildet. Die Logik selbst schützte ihn.
Marcus schrie.
Es war ein Schrei der puren Anstrengung. Er kanalisierte die Energie von drei göttlichen Fragmenten durch seinen sterblichen Körper.
Seine Haut bekam Risse. Licht brach hervor. Er verbrannte von innen.
Aber er hörte nicht auf zu sprechen.
„Bindung... Stein... Ewigkeit...“
Er blickte ein letztes Mal zurück. Über seine Schulter.
Er sah Elias. Er sah Clara. Er sah Lyra.
Und er lächelte.
„Variable gelöst“, flüsterte er.
Dann rammte er das Amulett in den Boden.
Nicht einfach hinlegen. Er schlug es in den Stein, als wäre seine Faust ein Hammer.
KRA-KOOM.
Es gab keinen Blitz. Es gab eine Verfestigung.
Die Welt wurde hart.
Die Luft im Raum erstarrte. Der Rauch von Anaxi stoppte mitten in der Bewegung. Die Tentakel froren ein, wurden zu grauem Stein.
Der Wirbelsturm stoppte.
Die Versteinerung breitete sich aus. Von Marcus ausgehend.
Seine Füße wurden zu Obsidian. Seine Beine. Sein Torso.
Er wurde zur Statue.
Aber die Welle stoppte nicht bei ihm. Sie raste weiter. Sie traf die Dunkelheit.
Wo die Welle Anaxi berührte, wurde die Leere zu Materie. Der Schatten wurde zu Fels. Die Dunkelheit wurde eingemauert, Schicht für Schicht, in einem Gefängnis aus neuem, unzerstörbarem Gestein.
Der Berg wuchs nach innen.
Elias musste sich die Augen zuhalten. Das Licht war zu hell. Der Druck war zu stark.
Als er die Augen wieder öffnete, war es still.
Der Thronsaal war verschwunden.
An seiner Stelle war eine massive Wand aus schwarzem, glänzendem Obsidian, die sich bis zur Decke zog. Sie hatte die Form einer Welle, die im Brechen erstarrt war.
Und in der Mitte dieser Wand, halb versunken im Stein, aber noch erkennbar, war eine Figur.
Marcus.
Er war Teil der Wand geworden. Seine Hand hielt immer noch das Amulett, das nun ebenfalls versteinert war. Sein Gesicht war friedlich, die Augen geschlossen. Er sah aus, als würde er schlafen.
Er hatte die Tür zugemacht. Und er war das Schloss geworden.
Die Dunkelheit war fort. Versiegelt im Herzen des Berges.
Clara ließ Tarek los. Sie sackte auf die Knie.
„Marcus“, weinte sie.
Elias stand auf wackeligen Beinen. Er ging zur Wand. Er berührte Marcus’ steinerne Hand. Sie war warm.
„Er hat nicht weggesehen“, sagte Elias. „Bis zum Schluss.“
Er blickte sich um. Elion lag immer noch hinter dem Trümmerhaufen, bewusstlos, aber lebendig. Er war frei. Die Schattenketten waren zu Staub zerfallen.
Sie hatten gewonnen.
Aber der Thronsaal war leer. Kael war weg. Zara war weg. Marcus war weg.
Nur drei waren übrig.
Und Elias fühlte sich so leer wie das Amulett, das nun für immer im Stein ruhte.
Der Stein war warm.
Das war das Erste, was Elias wahrnahm, als er die Hand von der obsidianenen Oberfläche nahm, in die Marcus verschmolzen war. In einer Welt aus Eis und Kälte, in einem Berg, der aus dem gefrorenen Atem eines toten Gottes bestand, strahlte die Statue, die einst sein Freund gewesen war, eine sanfte, beständige Wärme aus.
Es war nicht die Hitze des Feuers und nicht das Fieber der Magie. Es war die Wärme eines Lebens, das nicht erloschen, sondern übersetzt worden war.
Elias trat einen Schritt zurück. Seine Beine zitterten so heftig, dass er fast das Gleichgewicht verlor. Er starrte auf die Wand.
Marcus war perfekt.
Der Berg hatte ihn nicht verschlungen; er hatte ihn aufgenommen. Die Konturen seines Gesichts, die Falten seiner Robe, die verkrampfte Haltung seiner Hand, die das versteinerte Amulett umklammerte – alles war in dem schwarzen Glas konserviert, eingefroren im Moment des ultimativen Triumphs. Er sah nicht tot aus. Er sah aus, als würde er nachdenken. Als würde er gleich die Augen öffnen, seine Brille zurechtrücken und sagen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich zu Stein werde, war statistisch vernachlässigbar, aber faszinierend.“
Aber er würde es nicht sagen. Nie wieder.
„Er ist weg“, sagte Clara.
Ihre Stimme war kein Schluchzen. Es war ein dünnes, hohes Geräusch, wie ein Draht, der im Wind singt, kurz bevor er reißt.
Sie kniete immer noch im Staub, die Hände in den Schoß gefallen, das Schwert Aethelgard vergessen neben ihr. Sie starrte auf die Statue. Sie hatte Tarek losgelassen, hatte vergessen, dass sie die Anführerin war, der Schild, die Starke. In diesem Moment war sie nur ein Mädchen, das dabei zugesehen hatte, wie der klügste Mensch, den sie kannte, sich selbst auslöschte.
„Er ist nicht weg“, sagte Tarek rau.
Der Söldner lehnte schwer an einem Trümmerstück des alten Throns. Sein Gesicht war grau, schweißnass, gezeichnet von Schmerz und Blutverlust, aber er stand aufrecht. Er humpelte auf die Wand zu. Er legte seine große, schwielige Hand auf Marcus’ steinerne Schulter.
„Er hält die Wand“, sagte Tarek leise. „Hörst du das? Er hält sie.“
Und tatsächlich. Wenn man den Atem anhielt, konnte man es hören. Ein tiefes, resonantes Summen, das aus dem Inneren des Obsidians kam. Thran... Dua... Kemet... Die Worte des Rituals, gefangen in einer ewigen Schleife. Marcus rechnete immer noch. Er hielt die Variable C konstant, für alle Ewigkeit.
Lyra stand auf. Sie wirkte wie ein Geist, ihre weißen Haare und ihre blasse Haut leuchteten fahl im violetten Restlicht des Raumes. Sie ging zu der Wand. Sie berührte sie nicht. Sie hatte Angst, dass ihre Berührung, ihr Reinigendes Feuer, das Wunder zerstören könnte.
„Er hat es für Zara getan“, flüsterte sie. „Er wollte nicht ohne sie leben. Also ist er... zu ihr gegangen.“
„Er ist nicht zu ihr gegangen“, sagte Elias. Seine Stimme war tot. „Er ist hiergeblieben. Damit wir gehen können.“
Er drehte sich um.
Hinter ihnen, im Schatten der zerstörten Halle, regte sich etwas.
Elion.
Der Schattenprinz. Der Mann, der tausend Jahre lang das Gefäß gewesen war.
Er lag im Staub, dort wo Clara ihn hingezerrt hatte. Die schwarzen Ranken, die ihn mit dem Thron verbunden hatten, waren zerfallen, zu Asche zerbröselt. Er war frei.
Elias ging zu ihm. Er fühlte sich leicht, schrecklich leicht. Das Amulett war weg. Das Gewicht auf seiner Brust, das ihn seit Aetherholm begleitet hatte, war verschwunden. Aber an seiner Stelle war ein Loch, so groß wie die Welt. Er griff unbewusst an seine Tunika, suchte nach dem Metall, fand aber nur Stoff und Narbengewebe.
Er kniete sich neben Elion.
Der alte Mann blinzelte. Seine Augen, die so lange blind gewesen waren, suchten nach einem Fokus. Sie fanden Elias.
„Du...“, krächzte Elion. Seine Stimme war ein Rauschen von trockenem Laub. „Du lebst.“
„Ja“, sagte Elias. „Wir leben.“
Elion versuchte, sich aufzurichten, aber seine Muskeln waren zu schwach. Er sank zurück. Sein Blick wanderte an Elias vorbei, zur Wand aus Obsidian, zu der Statue von Marcus.
Er starrte sie lange an. Er verstand, was er sah. Er kannte die Magie. Er kannte den Preis.
„Ein neuer Wächter“, flüsterte Elion. Tränen stiegen in seine Augen, silberne Tränen, die über sein verfallenes Gesicht liefen. „Er hat... er hat die Tür zugemacht.“
„Er ist die Tür“, sagte Elias.
„Vergib mir“, weinte Elion. Er griff nach Elias’ Hand. Seine Finger waren kalt, knochig wie Vogelkrallen. „Ich habe euch hergerufen. Ich habe euch in den Tod gerufen. Ich war... ich war schwach.“
„Du hast uns gerufen, um die Welt zu retten“, sagte Elias. Er drückte die Hand des alten Mannes. Er spürte keinen Zorn mehr. Nur noch Müdigkeit. „Und das haben wir getan.“
Er blickte zu den anderen.
„Wir müssen gehen“, sagte er. „Der Berg... er verändert sich. Marcus hat die Dunkelheit gebunden, aber die Struktur ist instabil. Die ganze Festung richtet sich neu aus.“
„Wohin sollen wir gehen?“, fragte Clara. Sie hatte sich nicht bewegt. Sie starrte immer noch Marcus an. „Wir können ihn nicht hier lassen. Allein im Dunkeln.“
„Er ist nicht allein“, sagte Tarek. Er klopfte sanft auf den Stein, als würde er einem Kameraden auf die Schulter schlagen. „Er hat das Buch. Er hat den Kompass. Und er hat seinen verdammten Frieden.“
Tarek drehte sich um. Er ging zu Clara, zog sie hoch. Sie wehrte sich nicht. Sie war leer.
„Komm, Soldat“, sagte Tarek sanft. „Der Krieg ist vorbei. Zeit für den Rückzug.“
Clara ließ sich hochziehen. Sie nahm ihr Schwert, steckte es in die Scheide. Das Klick des Metalls klang wie ein Schlusswort.
„Wir brauchen einen Weg nach draußen“, sagte Lyra. Sie blickte sich um. Der Eingang, durch den sie gekommen waren, war verschüttet, blockiert durch die Wand, die Marcus erschaffen hatte.
„Dort“, sagte Elion. Er hob einen zitternden Finger und deutete in den Schatten hinter dem ehemaligen Thronpodest. „Der... der Pfad der Ahnen. Ein Notausgang. Er führt zur Ostflanke.“
Elias nickte. Er bückte sich, schob seine Arme unter Elion. Der Prinz wog fast nichts. Er war nur Haut und Knochen und tausend Jahre Leid.
„Ich trage dich“, sagte Elias.
„Lass mich liegen“, flüsterte Elion. „Ich gehöre hierher. Ich bin Staub.“
„Nein“, sagte Elias fest. „Du hast genug gelegen. Du wirst den Himmel sehen. Das habe ich mir geschworen.“
Er hob ihn hoch. Es war mühsam, nicht wegen des Gewichts, sondern wegen seiner eigenen Erschöpfung. Aber der Schwarze Handschuh – der immer noch an seiner Hand war, obwohl das Amulett fort war – summte leise. Er gab ihm Kraft. Ein letztes Geschenk von Arkan? Oder einfach nur ein Relikt der Macht, die nun keinen Meister mehr hatte?
„Gehen wir“, sagte Elias.
Sie verließen den Thronsaal.
Sie gingen an Marcus vorbei. Keiner sagte ein Wort des Abschieds. Es gab keine Worte, die groß genug waren. Sie berührten nur kurz den Stein, jeder auf seine Weise.
Lyra legte ihre Stirn an das kalte Glas.
Tarek salutierte, eine kurze, scharfe Bewegung an die Stirn.
Clara legte ihre Hand auf die Stelle, wo Marcus’ Herz schlug – oder geschlagen hatte.
Elias ging als Letzter. Er trug Elion. Er blieb stehen. Er sah Marcus an.
„Du hattest recht“, flüsterte Elias. „Die Variable war Liebe.“
Dann folgte er den anderen in den Schatten des Ganges.
Der Weg nach draußen war lang und still.
Sie gingen durch Korridore, die nicht mehr bedrohlich wirkten, sondern nur noch alt und leer. Die Hallen des Leidens, die sie auf dem Hinweg passiert hatten, waren verändert. Das Eis an den Wänden war geschmolzen. Die Gesichter der Toten waren fort, erlöst durch das Brechen des alten Siegels. Wasser tropfte von der Decke, bildete Pfützen auf dem Boden, in denen sich das violette Licht der Adern spiegelte.
Es gab keine Feinde mehr. Keine Schattenkriecher. Keine Wächter.
Der Berg war tot. Oder er schlief.
Elias trug Elion wie ein Kind. Der alte Mann hatte die Augen geschlossen, sein Kopf ruhte an Elias’ Schulter. Er atmete flach, rasselnd.
„Die Sterne...“, murmelte er im Fiebertraum. „Sind sie noch da? Oder hat sie sie gefressen?“
„Sie sind da“, sagte Elias. „Sie warten.“
Nach einer Ewigkeit spürten sie einen Luftzug. Kalt. Frisch. Er roch nach Schnee und Freiheit.
Sie bogen um eine Ecke und sahen Licht.
Es war kein violettes Glimmen. Es war graues, fahles Tageslicht, das durch einen Spalt im Fels fiel.
Sie traten hinaus.
Sie standen auf einer kleinen Plattform an der Ostflanke des Berges, hoch über den Wolken. Der Wind hier war schneidend, aber er fühlte sich gut an. Er reinigte.
Unter ihnen erstreckte sich die Welt. Die Silberkammberge fielen steil ab in ein Meer aus Nebel. In der Ferne sah man das Glitzern von Flüssen, das Grün von Wäldern.
Sie setzten Elion ab. Er lehnte sich an den Fels, blinzelte in das Licht. Er schirmte die Augen mit der Hand ab, als würde es brennen.
„Es ist... hell“, flüsterte er.
„Es ist Tag“, sagte Lyra. Sie setzte sich neben ihn, begann, seinen Puls zu fühlen. „Du bist draußen.“
Elion lachte. Ein leises, glückliches Weinen. Er streckte die Hand aus, fing eine Schneeflocke. Er starrte sie an, als wäre sie das größte Wunder des Universums.
„Eis“, sagte er. „Echtes Eis. Nicht aus Magie. Aus Wasser.“
Tarek ließ sich schwer auf den Boden sinken. Er legte sein Schwert ab. Er sah Clara an.
„Wir haben es geschafft“, sagte er. Er klang überrascht.
„Wir haben überlebt“, korrigierte Clara. Sie setzte sich neben ihn, lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie war zu müde, um stark zu sein. „Aber wir sind weniger.“
Sie blickten zurück in den Tunnel. In die Dunkelheit.
„Vier sind gegangen“, sagte Tarek. „Zara. Kael. Marcus.“ Er zählte an den Fingern ab. „Und der Junge, Elias... der Junge, der er war.“
Elias stand am Rand der Plattform. Er blickte nicht zurück. Er blickte in die Weite.
Er hatte das Amulett abgegeben. Er war kein Träger mehr.
Aber er fühlte sich nicht frei.
Er fühlte sich, als hätte er seinen Zweck verloren.
„Ich wache“, hatte er sich geschworen, in der Vision.
Aber jetzt wachte Marcus. Marcus war der Stein.
Was blieb für ihn?
Er sah auf seine rechte Hand. Der Handschuh war noch da. Er war Teil seiner Haut. Ein Mal, das ihn für immer zeichnen würde.
Er war kein Träger mehr. Aber er war auch kein Mensch mehr. Er war etwas dazwischen. Ein Relikt eines Krieges, den niemand gesehen hatte.
„Was jetzt?“, fragte Lyra in die Stille hinein.
Alle sahen Elias an. Sie warteten auf einen Befehl. Auf eine Richtung.
Aber Elias hatte keine Richtung mehr.
Er ging zu Elion. Er kniete sich nieder.
„Kannst du laufen?“, fragte er.
Elion schüttelte den Kopf. „Meine Beine... sie erinnern sich nicht, wie man steht.“
„Dann tragen wir dich“, sagte Elias. „Wir bringen dich runter. Ins Tal.“
„Nein“, sagte Elion.
Er griff nach Elias’ Hand. Sein Griff war überraschend fest.
„Ich gehe nicht runter“, sagte der Prinz. „Meine Zeit ist vorbei, Elias. Ich gehöre nicht in die Welt da unten. Ich bin ein Geist aus einer anderen Zeit.“
Er blickte auf die schneebedeckten Gipfel.
„Ich bleibe hier“, sagte er. „Hier ist die Luft klar. Hier bin ich nah bei ihm.“ Er nickte in Richtung des Berges, in Richtung Marcus. „Ich werde ihm Gesellschaft leisten. Ein Wächter braucht einen Zeugen.“
„Du wirst hier oben sterben“, sagte Clara.
„Ich bin schon lange tot, Kind“, lächelte Elion. „Jetzt darf ich endlich ruhen.“
Er sah Elias an.
„Aber du... du musst gehen.“
Elias schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann.“
„Du hast die Welt“, sagte Elion. „Die Welt, die du gerettet hast. Geh und sieh sie dir an. Leb in ihr.“
Er drückte Elias’ Hand.
„Das ist der schwerste Teil, Bruder. Nicht das Sterben. Das Leben danach.“
Elias stand auf. Er sah seine Freunde an. Tarek, Clara, Lyra. Sie waren gezeichnet, vernarbt, gebrochen. Aber sie waren zusammen.
Sie würden zurückgehen. Sie würden heilen. Sie würden leben.
Und er?
Er wusste es nicht.
Aber er wusste, dass er den ersten Schritt tun musste.
„Wir gehen“, sagte Elias.
Er half Tarek auf. Er nahm Lyras Hand.
Sie ließen Elion zurück, sitzend im Schnee, den Blick auf die Sonne gerichtet, ein Lächeln auf den Lippen.
Sie begannen den Abstieg.
Schritt für Schritt entfernten sie sich von Nox Aeterna.
Hinter ihnen schloss sich der Berg. Der Nebel verhüllte den Eingang, als hätte es ihn nie gegeben.
Marcus hielt Wache. Kael hielt das Fundament. Zara hielt das Meer.
Und sie... sie hielten die Erinnerung.
Das Tosen des Wassers, das den Krater sekundenlang in einen Mahlstrom verwandelt hatte, starb so plötzlich, wie es begonnen hatte.
Elias lag auf dem Felsvorsprung, das Gesicht gegen den nassen Stein gepresst. Er wartete auf das nächste Geräusch – auf das Brüllen von Phobos, auf das Bersten von Fels, auf Kaels Stimme. Aber da war nichts.
Die Stille, die dem Absturz folgte, war schlimmer als der Lärm. Sie war absolut. Es war die Stille eines Grabes, nachdem der letzte Spatenstich getan ist.
Elias hob den Kopf. Seine Bewegungen waren ruckartig, mechanisch. Er schob sich auf die Knie und kroch an den Rand des Abgrunds.
Er blickte hinab.
Der Krater war leer.
Der schwarze See aus Anaxi war fort. Die gewaltige Wassermasse, zu der Kael geworden war, hatte die Dunkelheit nicht nur verdrängt; sie hatte sich mit ihr verbunden, sie umschlungen und in die tiefsten Risse des Bergfundaments gepresst. Dort unten, in der undurchdringlichen Schwärze, ruhte nun ein Gefängnis aus Eis und Schatten, versiegelt durch das Opfer eines Elementars.
Es gab keinen Phobos mehr. Es gab keinen Kael mehr.
„Kael?“, flüsterte Lyra.
Sie kniete neben Elias. Sie streckte die Hand aus, griff in die leere Luft über dem Abgrund. Ihre Finger zitterten nicht. Sie waren starr, verkrampft zu einer Klaue.
„Er kommt wieder hoch“, sagte sie. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, die keinen Widerspruch duldete. „Wasser kommt immer wieder hoch. Er ist nur... abgetaucht.“
Marcus robbte heran. Er hatte seine Brille verloren, seine Augen waren rot und geschwollen, aber er sah genug. Er sah die Leere.
„Die Masse...“, begann er, seine Stimme brach, fing sich wieder. „Die verdrängte Masse war äquivalent zur Dichte des Schattens. Sie haben sich... neutralisiert. Es ist eine physikalische Konstante. Wenn zwei absolute Kräfte aufeinanderprallen...“
„Halt den Mund“, sagte Clara. Sie stand hinter ihnen, gestützt auf ihr Schwert. Tränen liefen über ihr rußverschmiertes Gesicht und hinterließen helle Bahnen auf ihrer Haut. „Keine Physik, Marcus. Nicht jetzt.“
Tarek saß an der Felswand, den Kopf in den Nacken gelegt. Er starrte zur Decke des Kraters, wo immer noch violette Blitze zuckten, Reste der Energieentladung.
„Er hat ihn mitgenommen“, sagte Tarek rau. „Der verdammte Narr hat den Riesen mitgenommen.“
Elias starrte in die Tiefe. Er spürte das Amulett. Die Träne des Ozeans – das blaue Fragment – pulsierte langsam, schwach. Es war ein Abschiedsgruß. Eine letzte Resonanz.
Lebt wohl, hatte Kael gesagt.
Elias ballte die Faust. Der Schwarze Handschuh knirschte.
„Der Weg ist frei“, sagte er. Seine Stimme klang tot.
Er blickte hinüber zur anderen Seite des Kraters. Die Brücke war zerstört, aber der Weg durch den Grund des Kraters, der nun trocken und leer war, lag offen. Eine breite, schwarze Narbe im Fels führte direkt zu der Felsnadel, auf der das Tor zum Inneren Sanktum stand.
Das Tor war unbewacht. Phobos war fort.
Aber der Preis dafür lag schwer in Elias' Magen.
Lyra stand auf. Sie wankte nicht. Sie stand kerzengerade am Abgrund. Der Wind zerrte an ihrer nassen Kleidung, an ihren weißen Haaren.
Sie blickte nicht zu Elias. Sie blickte nicht zu den anderen. Sie blickte nur auf das leere Tor auf der anderen Seite.
In ihren Augen lag etwas, das Elias Angst machte. Es war keine Trauer mehr. Es war eine Kälte, die tiefer ging als das Eis des Gletschers.
„Wir gehen“, sagte sie.
Es war kein Vorschlag.
Sie drehte sich um, hob ihren Rucksack auf, schulterte ihn. Sie wartete nicht auf die anderen. Sie begann den Abstieg über die Trümmer der Felswand, hinab in den leeren Krater.
Elias sah ihr nach. Er sah, wie sie ging – mechanisch, effizient, ohne einen Blick zurück.
„Sie hat recht“, sagte Clara leise. Sie wischte sich die Tränen mit dem Handrücken weg. „Wir können hier nicht bleiben. Wir schulden ihm das Ende.“
Sie half Tarek hoch. Marcus stand auf, klammerte seine Tasche an sich.
Elias blieb noch einen Moment am Rand stehen. Er legte die Hand auf sein Herz.
„Ich werde es nicht vergessen“, flüsterte er in den Abgrund.
Dann folgte er ihnen.
Sie stiegen hinab in die Stille, die Kael hinterlassen hatte. Der Weg zum Thronsaal war offen. Aber sie gingen ihn nicht als Sieger. Sie gingen ihn als Hinterbliebene.