NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

KAPITEL 10: Der Wächter der Angst

Die Brücke über den Abgrund war kein Ort mehr. Sie war ein Zustand.

Elias stand nur zehn Schritt von dem Wesen entfernt, das sich Phobos nannte, aber diese Distanz fühlte sich an wie eine Wüste. Der schmale Grat aus schwarzem Eis und verwittertem Gestein, der die beiden Seiten des Kraters verband, vibrierte unter den Füßen der Gruppe – nicht durch den Wind, sondern durch die schiere Masse der Dunkelheit, die sich vor dem Tor von Nox Aeterna manifestiert hatte.

Der Wächter war riesig.

Aus der Ferne, vom Plateau aus, hatte er wie eine Statue gewirkt. Aber jetzt, aus der Nähe, sah Elias, dass nichts an ihm statisch war. Die Rüstung des Riesen, geschmiedet aus Platten, die das Licht der Sterne verschluckten, bewegte sich. Sie atmete. Zwischen den Fugen der schwarzen Panzerung quoll violetter Nebel hervor, der roch wie Ozon kurz vor einem Blitzschlag, gemischt mit dem süßlichen Duft von altem Blut.

Sein Kopf, dieser gesichtslose Helm mit dem einzelnen, senkrechten Augenschlitz, neigte sich langsam herab. Das violette Feuer darin flackerte nicht; es brannte mit einer kalten, stetigen Intensität, die Elias bis in die Knochen spürte.

„Er lässt uns nicht vorbei“, sagte Clara. Ihre Stimme war leise, gepresst, als würde eine unsichtbare Hand ihre Kehle zudrücken. Sie stand rechts von Elias, Aethelgard in beiden Händen, die Spitze auf den Boden gerichtet. Ihre Knöchel waren weiß.

„Nein“, sagte Elias. Er spürte das Amulett an seiner Brust. Es war schwer. Es war heiß. Aber es war eine ängstliche Hitze. Das Leere Gefäß, das sonst gierig nach jeder Energiequelle schnappte, zog sich zusammen. Es erkannte ein Raubtier, das größer war als es selbst. „Er ist das Tor.“

„Das Tor ist offen“, grollte die Stimme des Wächters. Sie kam nicht aus dem Helm. Sie entstand direkt in ihren Köpfen, ein invasiver Gedanke, der ihre eigenen Überlegungen überschrie. „Aber nur für den, der leer ist. Ihr... ihr seid voll. Voll von Hoffnung. Voll von Leben. Das ist Ballast.“

Phobos hob seinen Hammer.

Die Waffe war ein Monolith an einem Stiel. Der Kopf des Hammers bestand aus einem einzigen Block Obsidian, so groß wie ein Amboss, und in seine Seiten waren Gesichter gemeißelt, die schrien. Elias erkannte keines der Gesichter, und doch kamen sie ihm vertraut vor. Es waren die Gesichter der Angst.

„Formation“, befahl Tarek.

Der Befehl kam automatisch, ein Reflex aus Jahren des Drills, aber die Stimme des Söldners brach. Tarek stand links von Elias. Er stützte sich schwer auf sein linkes Bein, um das rechte, verletzte zu entlasten. Sein Gesicht war grau, der Schweiß auf seiner Stirn gefroren. Er hob seinen Schild, aber der Arm zitterte. Die Wunde an seiner Seite, die Magiebrand-Narbe, pochte sichtbar unter seiner Rüstung.

„Tarek, du kannst nicht...“, begann Lyra von hinten.

„Formation!“, brüllte Tarek, und diesmal war es ein Schrei gegen den Schmerz, gegen die Angst, gegen die Unmöglichkeit der Situation. „Schildwall! Clara, Elias – Mitte! Ich nehme die Flanke! Marcus, Lyra – zurück!“

Sie bewegten sich. Es war langsam, zähflüssig, als würden sie durch Wasser waten. Die Aura von Phobos verlangsamte nicht nur ihre Körper, sondern auch ihren Willen. Jeder Schritt nach vorne erforderte eine bewusste Entscheidung gegen den Instinkt, der Flucht schrie.

Marcus kauerte sich hinter einen Felsblock am Anfang der Brücke. Er hatte Zaras Kompass in der Hand, aber er sah nicht darauf. Er starrte auf den Riesen. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Er zählte. Er berechnete Masse, Reichweite, Geschwindigkeit.

„Die kinetische Energie...“, wimmerte er. „Ein Schlag... nur ein Schlag reicht aus, um die Brücke zu pulverisieren. Wir stehen auf Glas.“

„Dann dürfen wir uns nicht treffen lassen“, sagte Zara. Die Diebin stand neben ihm, ihre Dolche gezogen. Sie wirkte winzig gegen den Riesen. Aber sie grinste. Es war ein krankes, verzweifeltes Grinsen. „Hey, Gelehrter. Zumindest ist Jory in Sicherheit.“

Die Worte hingen kurz in der Luft. Jory. Der Junge, den sie im Dschungel zurückgelassen hatten.

Marcus blinzelte. Er sah Zara an. Er sah die Absurdität in ihren Augen. Und für einen Moment, einen winzigen, verrückten Moment, verdrängte die Ironie die Panik.

„Ja“, sagte Marcus, und ein hysterisches Kichern entwich ihm. „Statistisch gesehen ist seine Überlebenschance gerade auf 100 Prozent gestiegen, während unsere gegen Null tendiert.“

Zara lachte. Es war ein kurzes, bellendes Geräusch. „Siehst du? Gute Nachrichten.“

Das Lachen war der Funke.

Es war nicht viel. Aber es durchbrach die Lähmung. Tarek hörte es. Clara hörte es. Elias hörte es.

Wir sind noch hier , dachte Elias. Wir haben gelacht im Angesicht des Todes.

Er hob den Schwarzen Handschuh. Er ballte die Faust. Die silbernen Adern glühten auf.

„Angriff!“, schrie er.

Er wartete nicht darauf, dass Phobos den ersten Zug machte. Er griff an.

Elias rannte los. Er sprintete über das glatte Eis der Brücke, direkt auf den Riesen zu. Er lud das Amulett auf. Er rief nicht das Feuer. Er rief den Impuls.

Er streckte die Hand aus. Eine Druckwelle aus reiner, konzentrierter Macht schoss aus seiner Handfläche. Sie traf Phobos vor die Brust.

Es hätte einen Mann zerrissen. Es hätte eine Mauer eingerissen.

Phobos wankte nicht einmal.

Die Energie traf auf seine Rüstung und zerfloss wie Wasser auf einem Stein. Der violette Nebel absorbierte den Stoß.

„Ist das alles, Träger?“, fragte die Stimme. „Ist das dein Zorn? Er ist kalt.“

Phobos schwang den Hammer.

Es war eine Bewegung, die viel zu schnell war für etwas so Großes. Der Hammerkopf durchschnitt die Luft mit einem Geräusch, das klang wie ein reißendes Segel.

„Ausweichen!“, schrie Clara.

Elias warf sich zu Boden. Er rutschte auf dem Eis. Der Hammerkopf segelte Zentimeter über seinen Kopf hinweg. Der Windstoß drückte ihn flach auf den Boden.

Aber der Hammer traf nicht nichts. Er traf die Brücke.

KRACH.

Der Aufprall erschütterte den gesamten Gipfel. Eis splitterte. Risse schossen von der Einschlagstelle aus, rasten auf die Gruppe zu wie Schlangen.

Tarek verlor das Gleichgewicht. Er fiel hart auf die Seite, schrie auf, als seine Wunde aufriss. Clara stolperte, fing sich mit dem Schwert ab.

Phobos hob den Hammer für den nächsten Schlag.

„Er zielt nicht auf uns!“, schrie Marcus von hinten. „Er zielt auf die Struktur! Er will uns den Boden unter den Füßen wegnehmen!“

„Ablenkung!“, rief Clara. „Wir müssen ihn beschäftigen!“

Sie stürmte vor. Sie nutzte Elias’ Position am Boden als Sprungbrett, stieß sich ab und sprang. Sie zielte auf das Knie des Riesen.

Aethelgard, das Schwert der Ahnen, leuchtete in einem blendenden Blau. Es war eine Waffe, geschmiedet, um Schatten zu schneiden.

Clara schlug zu.

Die Klinge traf das Gelenk der schwarzen Rüstung. Funken sprühten.

KLING.

Das Geräusch war hell, schmerzhaft. Claras Arme vibrierten bis in die Schultern. Das Schwert prallte ab. Es hinterließ nicht einmal einen Kratzer.

Phobos blickte auf sie herab. Das violette Auge verengte sich.

„Arendelle“, sagte er. „Das Blut der Verräter. Dein Stahl ist so stumpf wie dein Mut.“

Er trat zu.

Es war kein Tritt. Es war, als würde eine Wand sich bewegen. Sein Stiefel traf Clara in der Seite.

Man hörte das Knacken von Rippen.

Clara flog. Sie wurde über die Brücke geschleudert, rutschte über das Eis, drehte sich, schlitterte auf den Abgrund zu.

„Clara!“, brüllte Tarek.

Er rappelte sich auf, ignorierte den Schmerz, ignorierte die Schwerkraft. Er warf sich nach vorne, warf seinen Körper auf ihren.

Er stoppte ihr Rutschen, einen Meter vor dem Abgrund.

Clara keuchte, spuckte Blut auf das schwarze Eis. „Er ist... er ist hart wie der Berg selbst.“

Elias lag noch immer vor Phobos. Er sah, wie der Riese sich langsam zu ihm umdrehte. Er sah den Hammer, der wieder hochging.

„Magie“, flüsterte Elias. „Physischer Schaden funktioniert nicht.“

Er musste mehr geben. Er musste das Ventil ganz öffnen.

Er griff mit beiden Händen an das Amulett. Er riss es von der Brust weg, hielt es dem Riesen entgegen wie ein heiliges Symbol.

„Brenn!“, schrie er.

Er rief das Auge der Sonne. Er rief die Wüste.

Ein Strahl aus weißem Feuer brach aus dem Kristall. Er war heißer als alles, was Elias je gerufen hatte. Er schmolz das Eis unter seinen Füßen.

Der Strahl traf Phobos ins Gesicht. Direkt in das violette Auge.

Der Riese heulte auf. Es war ein Geräusch, das wie brechende Gletscher klang. Er wich einen Schritt zurück, hob die Hand vor das Gesicht.

„Es wirkt!“, schrie Lyra.

Aber dann lachte Phobos.

Er senkte die Hand. Sein Helm dampfte, aber er war unversehrt. Das violette Auge brannte heller als zuvor.

„Licht“, grollte er. „Du bringst Licht in die ewige Nacht? Du fütterst mich nur.“

Er öffnete den Mund – oder den Spalt in seinem Helm. Und er atmete ein.

Er saugte das weiße Feuer ein. Er trank es.

Elias spürte, wie ihm die Kraft aus dem Körper gerissen wurde. Das Amulett wurde heiß, unerträglich heiß, aber die Energie verließ ihn, floss in den Feind.

Phobos wuchs. Die Schatten um ihn herum wurden dichter, größer.

„Er absorbiert es!“, schrie Marcus. „Hör auf, Elias! Du lädst ihn auf!“

Elias brach den Strahl ab. Er fiel zurück, keuchend, seine Hände verbrannt von der Hitze des Amuletts.

Er starrte zu dem Riesen hoch. Feuer funktionierte nicht. Stahl funktionierte nicht.

Phobos machte einen Schritt auf ihn zu. Der Boden bebte.

„Du hast nichts, Träger“, sagte der Wächter. „Du hast nur Angst. Und die gehört mir.“

Er hob den Hammer für den finalen Schlag.

Der Hammer von Phobos fiel nicht wie eine Waffe, sondern wie ein Urteil.

Elias, der immer noch am Boden lag, geschwächt von dem misslungenen Versuch, den Riesen mit Licht zu verbrennen, rollte sich zur Seite. Es war keine bewusste Bewegung, sondern ein Reflex seines Körpers, der den Tod kommen spürte.

KRACH.

Der Obsidiankopf des Hammers traf genau dort auf das Eis der Brücke, wo Elias eine Sekunde zuvor gelegen hatte. Der Aufprall war so gewaltig, dass er nicht nur Splitter, sondern ganze Schollen aus dem Grat riss. Die Brücke ächzte. Ein Riss, breit wie ein Arm, schoss zwischen Elias und dem Rest der Gruppe hindurch, trennte ihn von Clara und Tarek.

Der Riese zog die Waffe nicht zurück. Er ließ sie im Eis stecken. Violette Energie pulsierte vom Hammerkopf aus in den Boden, fraß sich wie Säure durch das gefrorene Material.

„Du bist schnell, kleiner Funke“, dröhnte die Stimme. Phobos drehte den klobigen Helm in Elias’ Richtung. „Aber Angst ist schneller. Angst ist immer schon da, bevor du ankommst.“

„Elias!“, schrie Clara von der anderen Seite des Risses. Sie wollte zu ihm springen, aber der Spalt wurde breiter, der Boden unter ihren Füßen neigte sich gefährlich zum Abgrund hin.

„Bleib dort!“, rief Elias zurück. Er rappelte sich auf. Seine Knie waren weich, seine Hände verbrannt. „Das Amulett... er frisst die Energie! Ich kann ihn nicht mit Feuer bekämpfen!“

„Dann bekämpfen wir ihn mit Stahl!“, brüllte Tarek.

Der Söldner hatte seinen Schmerz vergessen. Oder er hatte ihn in Wut verwandelt. Er humpelte nicht mehr; er stürmte. Er nutzte die Neigung der zerbrochenen Brücke als Rampe, beschleunigte seinen massigen Körper und warf sich gegen das Bein des Riesen.

Er schlug nicht mit der Schneide zu. Er wusste, dass das sinnlos war. Er rammte den Dorn seines Schildes in die Fuge der Kniekehle, dort wo die Panzerplatten sich überlappten.

Es war ein perfekter Stoß.

Aber Phobos hatte kein Fleisch.

Der Dorn drang ein, traf aber auf keinen Widerstand. Er versank in schwarzem Nebel. Tarek verlor das Gleichgewicht, stolperte in den Riesen hinein.

Phobos ignorierte den Angriff nicht einmal. Er bewegte nur leicht sein Bein. Die massive Panzerplatte am Oberschenkel traf Tarek an der Schulter wie ein Rammbock.

Tarek flog. Er wurde meterweit zurückgeschleudert, schlitterte über das Eis, bis er hart gegen den Felsbrocken prallte, hinter dem Marcus kauerte. Er blieb liegen, hustete Blut.

„Die Physik greift nicht!“, schrie Marcus hysterisch. Er klammerte sich an den Fels, starrte auf den Riesen. „Er hat Masse, aber keine Dichte! Er ist eine Anomalie! Wir können ihn nicht verletzen, weil es nichts zu verletzen gibt!“

Phobos zog den Hammer aus dem Eis. Er wandte sich nun der Gruppe zu. Elias war isoliert auf der anderen Seite des Risses. Der Weg zum Tor war blockiert.

„Ihr sucht nach Schwachstellen“, sagte Phobos. Er hob die freie Hand. Schattenfäden schossen aus seinen Fingern, tasteten nach Clara, nach Zara, nach Lyra. „Aber ich bin keine Festung, die man einnehmen kann. Ich bin der Gedanke, dass ihr versagen werdet.“

Die Fäden berührten Clara. Sie zuckte nicht zurück. Sie schlug danach. Ihr Schwert, Aethelgard, leuchtete blau auf. Es schnitt durch den Schattenfaden.

Ein Zischen. Der Faden riss.

„Magische Waffen!“, rief Clara. „Er blutet Magie!“

„Es ist nicht genug!“, rief Zara. Die Diebin warf einen ihrer Dolche. Er traf den Brustpanzer des Riesen, blieb stecken, vibrierte – und wurde dann schwarz, als die Dunkelheit das Metall korrodierte. Der Dolch zerfiel zu Staub.

Elias stand allein auf seiner Eisscholle. Er sah seine Freunde kämpfen. Er sah, wie sie verloren.

Er griff an seine Brust. Das Licht hatte versagt. Das Auge der Sonne hatte den Feind nur gefüttert.

Aber er hatte noch zwei Fragmente.

Er spürte das Herz des Waldes. Das grüne, pulsierende Leben, das er der Kaiserin abgerungen hatte.

Leben gegen Tod , dachte er. Vielleicht kann man Schatten nicht verbrennen. Aber vielleicht kann man sie überwuchern.

Er riss den Schwarzen Handschuh hoch. Er konzentrierte sich auf das grüne Licht im Inneren des Kristalls.

„Wachse!“, schrie er.

Er zielte auf die Brücke zu Phobos’ Füßen.

Ein Strahl aus smaragdgrüner Energie schoss aus seiner Hand. Er traf das schwarze Eis.

Die Reaktion war explosiv.

Aus dem toten Eis brachen Ranken hervor. Aber es waren keine Pflanzen aus dem Dschungel. Es waren monströse, kristalline Gewächse, halb Eis, halb Dornen. Sie schossen in die Höhe, wickelten sich um die Beine des Riesen, wucherten an seiner Rüstung hoch wie Efeu im Zeitraffer.

Phobos hielt inne. Er sah an sich herab. Die Ranken zogen sich fest, versuchten, ihn zu binden, ihn zu erdrücken.

„Es funktioniert!“, rief Lyra hoffnungsvoll.

Phobos lachte nicht. Er seufzte. Es war ein Geräusch wie der Wind in einer Ruine.

„Leben?“, fragte er. „Du bringst Leben an den Ort des ewigen Sterbens? Das ist grausam, Träger.“

Er bewegte sich nicht, um die Ranken abzureißen. Er berührte sie einfach.

Die violette Aura um ihn herum flammte auf.

Die grünen, kristallinen Ranken verfärbten sich. Sie wurden grau. Dann schwarz. Sie begannen zu faulen. Aber nicht langsam. Rasend schnell.

Fäulnis breitete sich von Phobos aus, schoss die Ranken hinunter, zurück zum Ursprung – zu Elias.

„Lass los!“, schrie Marcus. „Er invertiert die Matrix! Er schickt den Tod zurück!“

Elias wollte den Strahl abbrechen, aber er konnte nicht. Die Verbindung stand. Er spürte, wie die Fäulnis seinen Arm erreichte. Der Handschuh wurde kalt, so kalt, dass es brannte. Die silbernen Adern verfärbten sich schwarz. Er spürte, wie seine Kraft ausgesaugt wurde, wie seine Haut welkte.

Er war gefangen in seinem eigenen Angriff.

„Schneid es ab!“, brüllte Tarek. Er hatte sich aufgerappelt, stützte sich auf Clara. „Clara! Trenn die Verbindung!“

Clara zögerte nicht. Sie rannte los. Sie konnte den Riss in der Brücke nicht überspringen, aber sie konnte werfen.

Sie holte aus und schleuderte Aethelgard.

Das Schwert rotierte durch die Luft, eine Scheibe aus blauem Licht. Es traf genau den Strahl aus grüner Energie, der Elias mit dem Riesen verband.

KLIRR.

Der Zauber brach.

Elias wurde nach hinten geworfen, als das Gummiband riss. Er landete hart auf dem Rücken. Er keuchte. Sein rechter Arm fühlte sich an wie abgestorbenes Holz.

Das Schwert fiel klirrend in den Abgrund.

„Mein Schwert!“, schrie Clara.

„Es ist weg“, sagte Tarek und hielt sie fest, bevor sie hinterherspringen konnte. „Aber er lebt.“

Phobos schüttelte die verrotteten Ranken von sich ab wie Staub. Er wirkte jetzt größer. Dunkler. Er hatte nicht nur das Licht gefressen. Er hatte das Leben gefressen.

Er machte einen Schritt auf den Riss zu, der ihn von Elias trennte.

„Ihr habt keine Waffen mehr“, sagte er. „Ihr habt kein Licht. Ihr habt kein Leben. Was bleibt euch?“

Er hob den Hammer. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf den Teil der Brücke, auf dem die anderen standen.

„Er bringt sie zum Einsturz!“, schrie Marcus. „Wir stürzen ab!“

Die Gruppe wich zurück, drängte sich an den Fels. Es gab keinen Ausweg. Vor ihnen der Riese, hinter ihnen der lange Weg zurück, unter ihnen der Abgrund.

Elias lag auf dem Eis. Er sah den Hammer. Er sah seine Freunde.

Er hatte versagt. Er hatte alles eingesetzt, was er hatte, und es hatte den Feind nur stärker gemacht.

Er blickte zu Kael.

Der Wassermagier lag immer noch bei Lyra. Er war nicht aufgestanden. Er hatte nicht gekämpft. Er hatte nur zugesehen.

Aber jetzt blickte er Elias an. Seine Augen waren zwei Pools aus stillem, tiefem Wasser. Er wirkte nicht ängstlich. Er wirkte... bereit.

Elias erinnerte sich an das dritte Fragment. Die Träne. Das Wasser.

Er hatte es noch nicht benutzt.

Aber Phobos ließ ihm keine Zeit. Der Hammer sauste herab.

Der Hammer fiel, und mit ihm fiel die Welt.

Es war kein sauberer Schlag. Phobos, der Wächter der Angst, drosch nicht mit der Präzision eines Kriegers auf sie ein, sondern mit der gnadenlosen Wucht einer Naturgewalt, die beschlossen hatte, eine Landschaft umzuformen. Der Kopf der Obsidianwaffe traf das Eis der Brücke nicht in der Mitte, sondern seitlich, riss eine ganze Sektion des Geländers weg und schickte eine Schockwelle durch den schmalen Grat, die Elias für einen Moment die Schwerkraft vergessen ließ.

Er wurde hochgeschleudert. Unter ihm zerbarst der Boden. Wo eben noch festes, schwarzes Eis gewesen war, gähnte nun ein Riss, breit wie ein Fluss, aus dem der violette Nebel des Abgrunds wie giftiger Rauch emporquoll.

„Festhalten!“, hörte er Tarek brüllen, aber die Stimme klang weit entfernt, gedämpft durch das Tosen von fallendem Gestein.

Elias prallte hart auf. Seine Schulter schlug gegen eine Eiskante, Schmerz explodierte in seinem Arm, aber seine Finger krallten sich instinktiv in den gefrorenen Boden. Er rutschte. Das Eis unter seinem Bauch war schief, geneigt in einem Winkel, der keinen Halt bot. Er blickte nach unten. Seine Stiefel hingen bereits im Leeren. Unter ihm wirbelte der Nebel, und tief, tief unten sah er das schwache, pulsierende Leuchten, das den Grund des Kraters markierte – oder den Schlund von Anaxi.

„Ich rutsche!“, keuchte er. Er versuchte, den Schwarzen Handschuh in das Eis zu rammen, aber das magische Leder fand keinen Griff auf der spiegelglatten Fläche. Das Amulett an seiner Brust schlug schmerzhaft gegen den Fels, ein metallisches Klong, das wie eine Totenglocke klang.

„Elias!“

Eine Hand griff nach seinem Umhang. Nicht stark genug, um ihn zu ziehen, aber fest genug, um ihn zu stoppen. Er drehte den Kopf.

Marcus.

Der Gelehrte lag flach auf dem Bauch auf einem sichereren Teilstück der zerbrochenen Brücke. Sein Gesicht war kalkweiß, die Augen hinter der schiefen Brille weit aufgerissen vor purer Panik, aber seine Hand hatte sich in den Stoff von Elias’ Mantel verkrallt, als wäre es die letzte logische Variable in einem Universum, das den Verstand verloren hatte.

„Die Reibung...“, keuchte Marcus, während er verzweifelt versuchte, sich mit den Füßen irgendwo abzustützen. „Der Reibungskoeffizient ist unzureichend! Ich kann die Masse nicht halten!“

„Lass nicht los!“, schrie Elias.

„Das ist physikalisch unmöglich!“, schrie Marcus zurück, aber er ließ nicht los.

Ein Schatten fiel über sie.

Phobos hatte den Schlag beendet. Er richtete sich wieder zu seiner vollen, monströsen Größe auf. Er stand auf dem stabilen Teil der Brücke, unbeeindruckt von dem Chaos, das er angerichtet hatte. Sein Helm neigte sich herab. Das violette Auge fixierte die beiden winzigen Gestalten, die am Rand des Abgrunds hingen wie Insekten.

„Wie vorhersehbar“, dröhnte die Stimme in ihren Köpfen. Sie war ruhig, fast gelangweilt. „Ihr klammert euch aneinander, als würde das Gewicht des anderen euch retten. Aber ihr zieht euch nur gegenseitig in die Tiefe.“

Er hob den Stiefel. Er musste nicht zutreten. Er musste nur das Eis erschüttern, auf dem Marcus lag.

„Er wird stampfen!“, rief Clara von der anderen Seite des Risses. Sie und Tarek waren abgeschnitten, isoliert auf einer Felsnadel, die noch stand. „Marcus, beweg dich!“

„Ich kann ihn nicht hochziehen!“, schrie Marcus. Er sah zu dem riesigen Stiefel, der sich über ihm hob. Er sah zu Elias hinab.

In diesem Moment, in dem der Tod nicht mehr eine Wahrscheinlichkeit, sondern eine Gewissheit war, geschah etwas Seltsames mit Marcus. Die Panik, die ihn seit Wochen wie ein zweiter Schatten begleitet hatte, erreichte einen Sättigungspunkt und kippte um.

Er lachte.

Es war ein kurzes, hysterisches Glucksen, das so absurd klang, dass sogar Phobos für den Bruchteil einer Sekunde in seiner Bewegung innehielt.

„Was?“, fragte Elias, der den Tod vor Augen hatte.

„Jory“, keuchte Marcus, während Tränen der Anstrengung über sein Gesicht liefen. „Zumindest ist Jory in Sicherheit. In einem Baumhaus. Mit einer verrückten Hexe.“

Elias starrte ihn an. „Das ist dein letzter Gedanke?“

„Statistisch gesehen“, keuchte Marcus und grinste – ein wildes, irre Grinsen –, „ist das die beste Nachricht des Tages. Wir sterben hier wie Ratten auf dem Eis, aber der Junge kriegt wahrscheinlich gerade Kekse.“

Das Lachen breitete sich aus. Es war ansteckend. Nicht weil es lustig war. Sondern weil es das Einzige war, was sie dem Riesen entgegenzusetzen hatten. Elias spürte, wie ein trockenes Lachen in seiner eigenen Kehle aufstieg. Tarek, auf der anderen Seite, stimmte mit einem rauen Bellen ein.

„Kekse“, brüllte Tarek und schlug mit dem Schwert gegen seinen Schild. „Hörst du das, du hässlicher Berg aus Nebel? Wir haben den Jungen gerettet! Du hast versagt!“

Phobos erstarrte. Das violette Auge flackerte. Angst verstand er. Verzweiflung verstand er. Aber Hohn? Hohn war eine Waffe, die er nicht kannte.

„Ihr lacht?“, grollte er. „Ihr lacht im Angesicht des Nichts?“

„Wir lachen, weil du lächerlich bist!“, rief Clara. Sie nutzte die Verwirrung. Sie rannte an den Rand des Risses, holte aus und warf einen Stein – einen einfachen, losen Brocken Eis – gegen den Helm des Riesen.

Es war eine sinnlose Geste. Der Stein zerplatzte harmlos an der schwarzen Rüstung. Aber es war eine Geste.

„Wir haben keine Angst mehr!“, log sie.

Phobos brüllte. Es war ein Geräusch, das die Luft zerriss. Er stampfte auf.

Die Erschütterung war gewaltig. Das Eis unter Marcus brach weg.

„Festhalten!“, schrie Elias.

Er nutzte den Moment des Fallens. Er aktivierte das Amulett. Nicht für einen Angriff. Für einen Anker.

Greif!, befahl er dem Handschuh.

Silberne Fäden schossen aus seinen Fingerspitzen, bohrten sich in das Eis über ihnen, das noch fest war. Er wurde gestoppt, ruckartig, schmerzhaft. Er hing am Eis. Und mit der anderen Hand hielt er Marcus am Kragen.

Sie baumelten über dem Abgrund. Über ihnen stand Phobos und blickte in die Leere, wo sie eben noch gelegen hatten.

„Er denkt, wir sind gefallen“, flüsterte Marcus. Er war kreidebleich, seine Brille hing nur noch an einem Ohr, aber er lebte.

„Noch nicht“, zischte Elias. „Wir müssen hoch. Bevor er nachsieht.“

Er zog sich hoch. Es war eine Qual. Jeder Muskel brannte. Das Amulett pulsierte heiß gegen seine Brust, warnte ihn vor der Nähe des Wächters.

Er hievte Marcus über die Kante einer tiefer gelegenen Eisscholle, die sich unter der Hauptbrücke verkeilt hatte. Sie waren jetzt unterhalb der Brücke, verborgen vor den Blicken des Riesen, aber gefangen in einem Labyrinth aus geborstenen Eispfeilern.

Von oben hörten sie das schwere Atmen von Phobos.

„Ich rieche euch“, sagte die Stimme. „Ihr seid nicht gefallen. Ihr versteckt euch. Wie Ungeziefer unter den Dielen.“

Der Hammer schlug erneut gegen die Brücke. Diesmal direkt über ihren Köpfen. Eisstaub rieselte auf sie herab.

„Er gräbt uns aus“, sagte Marcus. „Er wird die ganze Brücke zertrümmern, bis er uns findet.“

Elias blickte sich um. Sie waren auf einem schmalen Sims unter der Hauptfahrbahn. Zehn Meter entfernt, auf einem ähnlichen Vorsprung, sah er Clara und Tarek. Sie hatten sich ebenfalls in Sicherheit gebracht.

Lyra und Kael kauerten in einer Nische im Fels, weiter hinten. Kael war regungslos. Sein Wasserkörper war dunkel, fast schwarz. Er hatte die Augen geschlossen, als würde er schlafen – oder lauschen.

„Wir können hier nicht bleiben“, rief Elias leise zu Clara hinüber.

„Und wir können nicht hoch“, signalisierte Clara zurück. „Er blockiert den Weg. Und unsere Waffen sind nutzlos.“

Elias sah auf seine Hände. Er hatte das Licht versucht. Er hatte das Eis versucht. Nichts hatte funktioniert. Phobos war immun gegen direkte Angriffe. Er absorbierte Energie.

„Wir müssen ihn nicht besiegen“, murmelte Elias. Er dachte an das, was Marcus gesagt hatte. Kinetische Energie.

Er blickte auf die Säulen, die die Brücke stützten. Massive Pfeiler aus uraltem Eis, die tief in den Abgrund reichten.

„Wir müssen ihm den Boden wegnehmen“, sagte Elias.

„Was?“, fragte Marcus.

„Wir zerstören die Brücke“, sagte Elias. „Ganz. Während er draufsteht.“

„Dann stürzen wir auch ab“, wandte Marcus ein. „Die Fallhöhe beträgt...“

„Nein“, sagte Elias. Er blickte zu Kael. „Nicht, wenn wir weich landen.“

Er wusste nicht, ob Kael bereit war. Er wusste nicht, ob der Wassermagier die Kraft hatte, sie alle zu fangen. Aber es war die einzige Chance.

Phobos schlug erneut zu. Ein riesiges Stück Eis brach ab und stürzte an ihnen vorbei in die Tiefe. Der Wächter kam näher. Er wusste genau, wo sie waren.

„Da seid ihr“, sagte die Stimme. Ein riesiges, violettes Auge erschien am Rand des Abgrunds und starrte zu ihnen herab.

Es war Zeit für den letzten Zug.

Unter der Brücke herrschte kein Schutz mehr, nur noch eine verzögerte Hinrichtung.

Elias klammerte sich an einen aus dem Eis ragenden Felssporn, während über ihm die Welt zerbarst. Jeder Schlag von Phobos’ Hammer sandte Schockwellen durch die Struktur, die so heftig waren, dass Elias’ Zähne aufeinanderschlugen. Staub aus pulverisiertem Obsidian und Eissplitter regnete auf sie herab, eine tödliche Glitzerwolke, die das Atmen zur Qual machte.

Neben ihm hustete Marcus. Der Gelehrte hatte sich in eine Nische gepresst, die Hände über dem Kopf verschränkt. Er sah nicht aus wie ein Mann, der einen Plan hatte. Er sah aus wie ein Mann, der auf das Ende der Rechnung wartete.

„Die Frequenz...“, keuchte Marcus, während ein weiterer Brocken Eis an ihnen vorbei in den violetten Nebel des Abgrunds stürzte. „Er schlägt im Resonanz-Takt. Er zerstört nicht wahllos. Er sucht die statischen Knotenpunkte. Er... er demontiert uns.“

„Dann müssen wir schneller sein als er“, schrie Elias gegen den Lärm an.

Er blickte über den Abgrund zu Clara und Tarek hinüber. Sie hingen auf der anderen Seite der Unterkonstruktion, isoliert auf einem schmalen Sims. Tarek blutete aus einer Wunde am Kopf, das Blut gefror in seinem Bart zu roten Eiszapfen. Aber er hielt Clara fest, die sich weit hinauslehnte, um Elias zu sehen.

„Was hast du vor?“, rief sie. Ihre Stimme war kaum zu hören.

Elias deutete auf die massiven Säulen, die die Brücke mit dem Felsmassiv verbanden. Es waren keine gemauerten Pfeiler. Es waren gewachsene Stalaktiten aus schwarzem Eis, dick wie Baumstämme, die unter der Last der Brücke ächzten.

„Die Pfeiler!“, brüllte Elias. Er machte eine hackende Bewegung mit der Hand. „Wir kappen die Verbindung!“

Clara starrte ihn an. Er sah das Entsetzen in ihren Augen. Sie verstand sofort. Wenn die Pfeiler brachen, würde nicht nur Phobos fallen. Die ganze Brücke würde in den Abgrund stürzen. Und sie mit ihr.

„Das ist Selbstmord!“, schrie sie zurück.

„Das ist Physik!“, brüllte Marcus plötzlich. Er hatte den Kopf gehoben. Seine Angst war für einen Moment der kalten Logik gewichen. „Wenn wir die Massebeschleunigung nutzen... Phobos wiegt Tonnen. Wenn wir das Fundament destabilisieren, wird seine eigene Trägheit ihn nach unten ziehen, bevor er reagieren kann!“

„Und uns?!“, rief Tarek.

„Wir fallen schneller!“, log Elias. Er wusste es nicht. Er hoffte es nur. Er hoffte auf Kael.

Er blickte zu der Nische, in der Lyra und der Wassermagier kauerten. Kael rührte sich nicht. Er saß im Schneidersitz, die Augen geschlossen, die Hände auf den Knien. Er wirkte wie eine Statue aus Wasser, unbeteiligt am Chaos. Aber Elias spürte die Spannung in der Luft um ihn herum. Die Feuchtigkeit, die aus dem Abgrund aufstieg, sammelte sich bei ihm.

Er bereitet sich vor , dachte Elias. Er weiß, was kommt.

KRACH.

Ein gewaltiges Stück der Fahrbahn über ihnen brach weg. Licht fiel herein – kaltes, violettes Licht. Phobos hatte ein Loch geschlagen.

Ein riesiges, brennendes Auge erschien in der Öffnung.

„Ich sehe euch“, grollte die Stimme. Sie war so laut, dass Elias spürte, wie seine Knochen vibrierten. „Kleine Ratten im Gebälk.“

Der Hammer kam herunter. Er schlug nicht auf die Brücke. Er schlug durch das Loch, direkt auf Elias und Marcus.

„Weg!“, schrie Elias.

Er packte Marcus und warf sich zur Seite. Der Hammerkopf rauschte an ihnen vorbei, zerschmetterte den Felssporn, auf dem sie eben noch gestanden hatten. Der Windstoß der Waffe drückte sie gegen die Eiswand.

„Jetzt!“, schrie Elias. „Clara! Den linken Pfeiler! Ich nehme den rechten!“

Clara zögerte keine Sekunde mehr. Sie wusste, dass dies das Ende war, wenn sie nicht handelte. Sie zog Aethelgard. Das Schwert leuchtete in einem aggressiven Blau auf, reagierte auf ihre Todesangst.

„Halt mich!“, befahl sie Tarek.

Der Söldner griff nach ihrem Gürtel. Er stemmte sich gegen den Fels, verankerte sich mit seinem ganzen Gewicht. Clara lehnte sich über den Abgrund. Sie holte aus.

Sie schlug nicht einfach zu. Sie schrie. Es war ein Kiai, ein Kampfschrei, der die letzte Luft aus ihren Lungen presste. Sie kanalisierte alles, was sie hatte – ihre Wut auf den Vater, ihre Liebe zu Tarek, ihre Angst um Elias – in diesen einen Schlag.

Die Klinge traf das schwarze Eis des Pfeilers.

KLING.

Es klang wie eine Glocke. Aber das Eis splitterte nicht nur. Es sang. Die magische Klinge durchschnitt die Struktur, suchte die Schwachstelle im Kristallgitter. Ein Riss schoss den Pfeiler hinauf, rasend schnell.

Auf der anderen Seite tat Elias dasselbe.

Aber er hatte kein Schwert. Er hatte den Handschuh. Und er hatte das Amulett.

Er drückte sich von der Wand ab, sprang auf den Sims, der dem rechten Pfeiler am nächsten war.

Er legte die behandschuhte Hand auf das Eis.

Er rief keine Hitze. Hitze würde zu lange dauern. Er rief Dissonanz.

Er erinnerte sich an das Gefühl, als er Arkan die Macht entzogen hatte. Das Gefühl, als er den Turm in Seraphis zum Einsturz brachte. Er suchte nach der Frequenz des Eises – und spielte die Gegenmelodie.

Das Amulett auf seiner Brust flackerte wild. Rot, Grün, Blau – ein Stroboskop aus purer Energie.

„Zerbrich!“, befahl er.

Er sandte einen Impuls aus dem Handschuh. Eine Schockwelle, die nicht nach außen ging, sondern nach innen, in die Molekularstruktur des Eises.

Der Pfeiler vibrierte. Er begann zu summen. Das Summen wurde zu einem Kreischen.

Über ihnen hielt Phobos inne. Der Riese spürte es. Der Boden unter seinen Füßen wurde weich. Nicht matschig, sondern instabil.

„Was tut ihr?“, fragte die Stimme. Zum ersten Mal klang sie nicht gelangweilt. Sie klang irritiert.

„Wir nehmen dir den Thron weg!“, schrie Elias.

Der rechte Pfeiler explodierte.

Es war keine Explosion aus Feuer. Es war eine Explosion aus Spannung. Das Eis zerbarst in Millionen kleiner Nadeln, die in alle Richtungen schossen.

Im selben Moment gab Claras Pfeiler nach. Das Schwert hatte ihn durchtrennt.

Die Brücke verlor ihren Halt.

Ein Geräusch, so laut, dass es die Welt zu beenden schien, erfüllte den Canyon. Das Geräusch von tausend Tonnen Gestein und Eis, die der Schwerkraft nachgaben.

Die Mitte der Brücke, dort wo Phobos stand, sackte ab.

Der Wächter brüllte. Er versuchte, zurückzuspringen, zurück zum festen Fels des Plateaus. Aber er war zu schwer. Seine Masse, die ihn unbesiegbar gemacht hatte, war nun sein Untergang.

Er rutschte. Seine stählernen Stiefel kratzten Funken aus dem Eis, fanden keinen Halt. Er fiel auf die Knie, griff nach dem Geländer, das unter seinem Griff zu Staub zerfiel.

„NEIN!“, brüllte Phobos. „ICH BIN DER BERG!“

„Der Berg fällt!“, schrie Tarek.

Die Brücke brach in drei Teile.

Das Mittelstück mit Phobos stürzte in die Tiefe.

Aber auch die Seitenteile, an denen sie hingen, brachen weg.

Der Sims unter Elias’ Füßen löste sich. Er fiel.

Er sah Marcus neben sich fallen, die Arme rudernd, den Mund weit aufgerissen in einem lautlosen Schrei. Er sah Clara und Tarek auf der anderen Seite, eng umschlungen, in den Nebel stürzen.

Und er sah Phobos. Der Riese fiel direkt neben ihnen. Er war nicht mehr majestätisch. Er war ein fallender Stein. Sein Auge fixierte Elias.

Ein Schattenarm schoss aus dem Körper des Riesen. Er griff nach Elias.

„Wenn ich falle, fällst du mit!“

Die Klaue aus Dunkelheit schloss sich um Elias’ Bein.

Elias spürte die Kälte, die sich durch seinen Stiefel brannte. Er wurde ruckartig nach unten gezogen, schneller als der freie Fall. Phobos wollte ihn als Polster benutzen. Oder ihn einfach nur mit in die Hölle nehmen.

Elias hing in der Luft, kopfüber, gezogen von dem Monster.

Er griff nach dem Amulett. Aber er konnte es nicht erreichen. Die G-Kräfte pressten seine Arme weg.

Er sah den Grund des Abgrunds auf sich zukommen. Violettes Licht.

„Kael!“, schrie er. Es war sein letzter Gedanke. Sein letztes Wort.

Aus dem Schatten der Nische, die nun ebenfalls in die Tiefe stürzte, löste sich eine Form.

Es war kein Mensch mehr. Es war ein Wasserfall.

Ein blauer Strom schoss hinter ihnen her, schneller als der Fall.

Der Fall war kein Schweben. Er war ein Reißen.

Elias stürzte nicht frei. Er wurde gezogen. Die Schattenklaue von Phobos, die sich um sein linkes Bein geschlossen hatte, war schwerer als Eisen und kälter als der Tod. Sie zerrte ihn abwärts, schneller als die Schwerkraft es erlaubt hätte, hinein in den violetten Nebel, der den Schlund des Kraters füllte.

Er sah die Welt an sich vorbeirasen. Trümmer der Brücke – riesige Brocken aus schwarzem Eis und Fels – fielen neben ihm, überholten ihn oder blieben zurück, ein chaotischer Regen aus Zerstörung. Er sah Clara und Tarek, die sich aneinanderklammerten, kleine Punkte in der Weite, die wild um ihre Achse rotierten. Er sah Marcus, der allein fiel, die Arme ausgebreitet, als wollte er den Wind umarmen.

Und über sich sah er Phobos.

Der Wächter fiel mit dem Rücken voran. Sein riesiger Körper durchbrach die Nebelschwanken wie ein Meteor. Aber er hatte keine Angst. Sein violettes Auge fixierte Elias. Es leuchtete triumphierend.

„Wir gehen zusammen“, dröhnte die Stimme in Elias’ Kopf, verzerrt durch den Druckabfall und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. „In den Schoß der Mutter.“

Elias versuchte, sich zu befreien. Er trat mit dem freien Bein nach der Schattenhand, aber sein Stiefel ging einfach durch den Rauch hindurch, ohne Widerstand zu finden. Die Klaue war nicht materiell, aber ihr Griff war absolut.

Der Wind riss an seiner Kleidung, zerrte ihm die Luft aus den Lungen. Der Druck auf seine Ohren wurde unerträglich.

Er blickte nach unten.

Der Nebel lichtete sich. Und darunter sah er den Grund.

Es war kein Felsboden. Es war ein See.

Aber es war kein Wasser. Es war eine Substanz, die schwarz und zähflüssig wirkte, durchzogen von violetten Adern, die wie Blitze unter der Oberfläche zuckten. Es war rohe, unverdünnte Leere.

Das war es, was Elion zurückgehalten hatte. Das war Anaxi.

Wenn sie dort hineinfielen, würden sie nicht zerschellen. Sie würden aufgelöst werden. Ihre Atome würden auseinandergerissen, ihre Seelen in die Unendlichkeit verstreut.

„Kael!“, versuchte Elias zu schreien, aber kein Ton kam aus seiner Kehle.

Dann sah er es.

Ein blaues Licht.

Es kam von oben, schoss an ihm vorbei wie ein fallender Stern. Aber es war kein Stern. Es war Wasser.

Ein Sturzbach aus reinem, leuchtendem Blau, der die Gesetze der Aerodynamik ignorierte. Er fiel schneller als sie alle.

Kael.

Der Wassermagier hatte seine menschliche Form fast vollständig aufgegeben. Er war nur noch ein vager Umriss in einem Strom aus flüssiger Macht. Er holte Elias ein.

Das Wasser umhüllte Elias nicht sanft. Es traf ihn hart. Es schlug gegen seine Brust, gegen sein Gesicht. Aber es war kein Schlag, der verletzte. Es war ein Griff.

Das Wasser schlang sich um Elias’ Körper, bildete eine Blase, einen Kokon.

Und dann traf es Phobos.

Der Wasserstrahl rammte den Riesen in die Seite. Er schnitt durch den Nebel, durch die Schattenrüstung. Phobos brüllte auf – ein Geräusch, das nicht hörbar war, sondern als Vibration durch das Wasser übertragen wurde.

Das Wasser von Kael war nicht nur nass. Es war heilig. Es war geladen mit der Erinnerung des Ozeans, mit dem Salz der Tränen, mit der Kraft der Gezeiten.

Dunkelheit hasst das Meer.

Phobos’ Griff lockerte sich. Die Schattenklaue um Elias’ Bein zischte, als das Wasser sie berührte. Rauch stieg auf.

„Lass ihn los!“, hörte Elias Kaels Stimme. Sie war überall. Im Wasser. In seinem Kopf.

Das Wasser drückte. Es schob sich zwischen Elias und den Wächter. Es bildete einen Keil.

Phobos schlug um sich, versuchte, das Wasser zu greifen, aber man kann einen Fluss nicht greifen.

Mit einem letzten, wütenden Ruck löste sich die Schattenklaue.

Elias war frei.

Er wurde weggeschleudert, weg von dem fallenden Riesen. Die Wasserblase hielt ihn, stabilisierte seinen Fall.

Er sah, wie Phobos weiterstürzte. Allein.

Der Wächter drehte sich. Er sah Elias an. Das violette Auge war voller Hass.

Dann schlug er auf.

Phobos traf die Oberfläche der schwarzen Masse unten im Krater.

Es gab kein Spritzen. Es gab einen Blitz.

Violettes Licht explodierte nach oben. Die Dunkelheit verschluckte den Wächter. Er versank, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Aber der Aufprall sandte eine Schockwelle aus. Die Oberfläche des Sees kräuselte sich, schlug Wellen, die hoch in die Luft schossen.

„Wir schlagen auf!“, dachte Elias.

Kael war bei ihm. Das Wasser um ihn herum zog sich zusammen. Es wurde härter. Es bereitete sich auf den Aufprall vor.

Aber Kael war nicht nur bei ihm. Elias sah blaue Streifen, die zu Clara, zu Tarek, zu Marcus und Lyra führten. Kael hatte sich geteilt. Er versuchte, sie alle zu fangen.

Er spannte ein Netz aus Wasser über dem Abgrund.

„Ich halte euch“, flüsterte Kaels Stimme. „Aber es wird wehtun.“

Sie trafen auf das Netz.

Es war, als würde man in eine Wand aus Gelatine fallen. Die Geschwindigkeit wurde gebremst, brutal, abrupt. Elias’ Magen drehte sich um. Seine Gelenke wurden langgezogen.

Das Wassernetz dehnte sich, bog sich durch bis kurz vor die Oberfläche der schwarzen Leere – und federte dann zurück.

Es schleuderte sie zur Seite. Weg von der Mitte. Weg von dem tödlichen See.

Sie flogen durch die Luft, unkontrolliert, wie Puppen.

Sie landeten auf einem Felsvorsprung, der aus der Kraterwand ragte, fünfzig Meter über dem Grund.

Elias schlug auf. Er rollte sich ab, rutschte über den glatten Stein, bis er gegen eine Wand prallte.

Er blieb liegen.

Sein Kopf dröhnte. Sein Körper war taub.

Er atmete ein. Die Luft hier unten war kalt. So kalt, dass es in der Lunge stach. Aber sie war atembar.

„Clara?“, krächzte er.

„Hier“, kam eine schwache Antwort von links.

Elias hob den Kopf.

Er sah sie. Sie lagen verstreut auf dem Sims. Clara hielt sich den Arm. Tarek lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. Marcus hatte sich zusammengekauert.

Und Lyra... Lyra kniete am Rand des Simses.

Sie blickte nach unten.

Elias folgte ihrem Blick.

Das Wasser, das sie gerettet hatte... es war weg. Es war zerfallen, hatte sich in Nebel aufgelöst oder war in die Tiefe geregnet.

Aber dort unten, am Ufer des schwarzen Sees, lag etwas.

Eine Gestalt.

Sie war klein, blau, leblos.

Kael.

Er hatte den Aufprall nicht abgefangen. Er hatte ihn genommen.

Er lag am Rand der Leere. Und die Schatten begannen, nach ihm zu greifen.