NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 15: Der Thronsaal
Der Vorhang aus violettem Nebel, durch den Elias geschritten war, fühlte sich nicht an wie Rauch. Er fühlte sich an wie eine Membran aus Eiskristallen, die beim Durchgehen zersprang und sich hinter ihm sofort wieder schloss.
Für einen Moment war er blind. Seine Sinne, überreizt vom Marsch durch die Hallen der Dunkelheit und dem ständigen, pochenden Druck des Amuletts, setzten aus. Er taumelte vorwärts, die Hände schützend erhoben, erwartend, gegen eine Wand zu prallen oder in einen Abgrund zu stürzen.
Aber er prallte gegen nichts. Und er fiel nicht.
Sein Stiefel fand festen Boden.
Das Erste, was zurückkehrte, war das Gehör. Oder besser gesagt: Die Abwesenheit davon.
Die dröhnende Stille der Festung, das statische Summen der magischen Leitungen, das Bumm-Bumm des Herzschlags – all das war verschwunden. Hier drin herrschte eine Ruhe, die so tief war, dass sie heilig wirkte. Oder tot.
Dann kam das Sehen zurück.
Elias senkte die Hände. Er blinzelte.
Er stand in einer Kathedrale der Nacht.
Der Thronsaal von Nox Aeterna hatte keine Wände, die man sehen konnte. Die Dunkelheit an den Rändern des Raumes war so absolut, dass sie wie eine feste Materie wirkte. Aber über ihm... über ihm gab es keine Decke.
Der Raum war nach oben hin offen.
Elias blickte in einen Himmel, der nicht von dieser Welt war. Es war ein Wirbel aus Sternen, aber sie waren nicht weiß oder gelb. Sie waren violett, dunkelblau und grau. Sie bewegten sich nicht. Sie hingen dort oben, eingefroren in einem ewigen Augenblick, stumme Zeugen einer Zeit, bevor die Sonne geboren wurde.
Der Boden unter seinen Füßen war aus demselben schwarzen Obsidian wie der Rest der Festung, aber hier war er so perfekt poliert, dass er den fremden Sternenhimmel spiegelte. Elias hatte das Gefühl, auf dem Weltraum selbst zu gehen.
„Wir sind da“, flüsterte Clara hinter ihm.
Elias drehte sich nicht um. Er konnte den Blick nicht von der Mitte des Raumes abwenden.
Dort, im Zentrum der Spiegelung, erhob sich eine Insel. Ein rauer, unbearbeiteter Felsblock, der aus dem glatten Boden brach wie ein Knochen aus einer Wunde.
Und darauf stand der Thron.
Es war kein prunkvoller Sitz aus Gold und Samt. Es war ein Block aus reinem, schwarzem Eis, geformt von tausend Jahren Kälte. Er wirkte unbequem, hart, unbarmherzig.
Und er war besetzt.
Die Gestalt auf dem Thron rührte sich nicht. Sie saß zusammengesunken da, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf den Lehnen ruhend.
Sie war gefesselt.
Schwarze Ketten – nicht aus Eisen, sondern aus verdichteter, pulsierender Schattenmaterie – schossen aus dem Boden, aus dem Thron, aus der Luft selbst. Sie wickelten sich um die Arme der Gestalt, um ihre Beine, ihren Torso. Sie hielten sie nicht nur fest; sie schienen sie zu durchdringen, mit ihr verwachsen zu sein.
„Elion“, sagte Elias.
Der Name verließ seinen Mund, aber er hallte nicht. Der Raum schluckte den Schall, als wäre er Nahrung.
Die Gestalt auf dem Thron zuckte.
Es war eine winzige Bewegung. Ein Zittern der Finger. Ein Heben des Kopfes, so langsam, als müsste er das Gewicht eines Berges stemmen.
Langes, weißes Haar fiel zurück und enthüllte ein Gesicht.
Elias hatte vieles erwartet. Ein Monster. Einen Dämon. Einen stolzen, arroganten Prinzen, der ihn verhöhnen würde.
Aber er sah einen Greis.
Das Gesicht war eine Landkarte des Leidens. Die Haut war grau, dünn wie altes Pergament, über scharfe Wangenknochen gespannt. Die Lippen waren rissig. Aber die Augen...
Die Augen waren jung.
Sie waren von einem hellen, stechenden Silber, das im Dunkeln leuchtete. Sie waren wach. Und sie waren voller Tränen.
„Du... bist... spät“, krächzte Elion.
Seine Stimme klang wie das Reiben von Sandstein. Sie war brüchig, schwach, aber in ihr lag eine Macht, die Elias die Haare im Nacken aufstellen ließ.
Elias trat vor. Er spürte, wie das Amulett an seiner Brust heiß wurde. Es vibrierte. Es erkannte sein Gegenstück.
„Ich bin hier“, sagte Elias. Er blieb am Fuß des Felsblocks stehen. „Ich habe den Weg freigemacht.“
Elion versuchte zu lächeln. Die Haut um seinen Mund spannte sich, riss leicht ein. Ein Tropfen schwarzes Blut sickerte hervor.
„Freigemacht...“, flüsterte er. „Nichts ist hier frei, Junge. Wir sind alle... gebunden.“
Er hob mühsam eine Hand. Die Schattenketten rasselten nicht; sie zischten.
„Komm näher“, sagte er. „Lass mich dich ansehen. Lass mich sehen... ob du stark genug bist.“
Elias stieg auf den Felsblock. Er trat vor den Thron. Er war jetzt so nah, dass er den Geruch riechen konnte, der von dem Prinzen ausging. Es roch nach Staub. Nach Ozon. Und nach etwas Süßlichem, das Elias an die Pflanzen-Hydra erinnerte – der Geruch von Fäulnis.
Elion fixierte das Amulett. Seine silbernen Augen weiteten sich.
„Das Gefäß“, hauchte er. „Es ist voll.“
Er streckte die zitternde Hand aus, berührte aber nicht das Metall. Er hielt die Finger davor, spürte die Strahlung.
„Die Sonne“, flüsterte er. „Der Wald. Der Ozean. Du hast sie alle gebracht.“
Er blickte Elias in die Augen.
„Weißt du, was du trägst, Elias? Weißt du, was dieses Ding ist?“
„Es ist eine Waffe“, sagte Elias.
Elion lachte. Es war ein trockenes, humorloses Husten.
„Eine Waffe... ja, das denken sie alle. Arkan denkt das. Thaddeus denkt das.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber es ist keine Waffe. Es ist ein Schlüssel.“
Er lehnte sich zurück. Die Ketten spannten sich.
„Und ich... ich bin das Schloss.“
Tarek, Clara, Marcus und Lyra waren am Fuß des Podests stehengeblieben. Sie wagten es nicht, näher zu kommen. Die Aura, die von dem Thron ausging – eine Mischung aus unendlicher Trauer und bedrohlicher Macht – hielt sie zurück.
„Warum hast du uns gerufen?“, fragte Elias. „Warum die Visionen? Warum der Weg?“
Elion schloss die Augen. Ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht.
„Weil ich breche“, sagte er leise.
Er riss sein Gewand auf.
Elias keuchte.
Die Brust des Prinzen war... offen.
Dort, wo sein Herz sein sollte, war ein Wirbel aus Schwärze. Ein Loch in seinem Körper, das nicht blutete, sondern Dunkelheit ausstieß. Die Haut an den Rändern war verkohlt, zerfressen. Die Schattenketten, die ihn hielten, waren nicht dazu da, ihn zu fesseln. Sie waren dazu da, ihn zusammenzuhalten.
Sie nähten ihn zu.
„Anaxi“, flüsterte Marcus von unten. „Die Ur-Leere. Sie ist in ihm.“
„Sie ist nicht in mir“, sagte Elion, ohne die Augen zu öffnen. „Ich bin um sie herum.“
Er öffnete die Augen wieder. Der silberne Glanz war jetzt gedimmt, trübe.
„Ich halte sie seit tausend Jahren. Ich bin der Käfig. Aber das Fleisch... das Fleisch ist schwach. Es vergisst. Es altert. Es will sterben.“
Er sah Elias an.
„Ich kann sie nicht mehr halten, Elias. Sie kratzt an meinen Knochen. Sie flüstert mir Dinge zu. Sie sagt, ich soll einfach loslassen. Nur für eine Sekunde.“
Eine Träne lief über seine Wange.
„Und ich will loslassen. Ich bin so müde.“
Elias spürte einen Kloß im Hals. Er sah keinen Feind. Er sah einen Mann, der eine Last trug, die niemand tragen sollte.
„Du hast dich geopfert“, sagte Elias. „Damals. In der Ersten Stadt.“
Elion nickte langsam.
„Du hast es gesehen? In den Hallen?“
„Ja.“
„Dann hast du nur die Hälfte gesehen“, sagte Elion. „Du hast die Tat gesehen. Aber du hast nicht die Wahl gesehen.“
Er beugte sich vor. Die Schatten um ihn herum wurden dichter. Der Raum schien dunkler zu werden.
„Willst du wissen, warum ich es getan habe, Elias? Willst du wissen, warum ich hier sitze, während die Welt mich vergessen hat?“
Elias nickte.
„Zeig es mir.“
Elion streckte die Hand aus. Diesmal berührte er das Amulett.
Seine kalten Finger legten sich auf den Riss im Kristall.
„Dann komm“, sagte Elion. „Komm zurück zu dem Tag, an dem die Sonne starb.“
Der Thronsaal löste sich auf. Der Boden unter Elias’ Füßen verschwand. Er fiel nicht. Er wurde gezogen.
In die Erinnerung.
Der Übergang in die Erinnerung war nicht wie das Eintauchen in Wasser oder das Durchschreiten eines Tores. Es war ein Herausschälen.
Die schwarze Halle von Nox Aeterna, die Kälte, der Geruch nach Ozon – alles wurde Schicht für Schicht abgetragen. Die Realität blätterte ab wie verbrannte Farbe, und darunter kam Licht zum Vorschein.
Elias stand nicht mehr auf Obsidian. Er stand auf weißem Marmor, der so hell war, dass er in den Augen schmerzte.
Er hörte Lachen.
Es war kein höhnisches Lachen eines Feindes. Es war das Lachen von vielen Menschen. Ein warmes, lebendiges Geräusch, vermischt mit Musik, dem Plätschern von Wasser und dem Rufen von Händlern.
Elias öffnete die Augen, die er instinktiv geschlossen hatte.
Er stand auf einem Balkon. Aber es war nicht der zerbrochene Balkon des Nordturms in Seraphis. Es war eine Terrasse, die über einer Stadt schwebte, die so schön war, dass es unwirklich wirkte.
Die Erste Stadt.
Er hatte sie in den Hallen der Erinnerung im Eis gesehen, aber das war nur ein Abbild gewesen, starr und kalt. Hier war sie lebendig.
Türme aus Kristall und Gold schraubten sich in einen Himmel, der so blau war, dass er fast violett wirkte. Brücken aus Licht verbanden die Gebäude. In den Gärten blühten Blumen, die Elias noch nie gesehen hatte – riesige Kelche, die Farben in die Luft sprühten wie Parfüm.
Die Luft war warm. Sie roch nach Sommer, nach Nektar und nach einer Magie, die so dicht war, dass man sie auf der Zunge schmecken konnte wie süßen Wein.
„Es war perfekt“, sagte eine Stimme neben ihm.
Elias drehte sich um.
Neben ihm am Geländer stand Elion. Aber nicht der gebrochene Greis aus dem Thronsaal.
Es war der junge Prinz.
Er trug eine Robe aus weißer Seide, bestickt mit Fäden aus reinem Licht. Sein schwarzes Haar war zurückgebunden, sein Gesicht war glatt, stolz, voller Leben. Aber in seinen silbernen Augen lag bereits der Schatten dessen, was kommen würde.
Der junge Elion sah Elias nicht an. Er blickte auf die Stadt hinab. Aber Elias wusste, dass es der alte Elion war, der durch diese Erinnerung sprach.
„Wir dachten, wir hätten die Dunkelheit besiegt“, sagte der Prinz. „Wir dachten, wir hätten das Zeitalter des Lichts für immer gesichert. Wir waren arrogant.“
Elias folgte seinem Blick.
Auf einem Platz tief unter ihnen versammelte sich eine Menge. Tausende von Menschen in strahlenden Gewändern. Sie jubelten. Sie blickten zu einem Podium, auf dem Magier standen, die Kugeln aus Licht in den Himmel warfen.
„Das Fest der Sonnenwende“, sagte Elion. „Der Tag, an dem die Barriere am dünnsten war.“
Der Himmel veränderte sich.
Es begann mit einem kleinen, schwarzen Riss. Genau im Zenit, dort wo die Sonne stand. Es sah aus wie ein Tintenklecks auf einem blauen Gemälde.
Die Musik unten in der Stadt stockte nicht. Niemand bemerkte es. Nur Elion auf dem Balkon versteifte sich.
„Ich habe es gesehen“, flüsterte er. „Bevor die Wächter es sahen. Ich spürte die Kälte.“
Der Riss weitete sich. Er riss auf.
Es war kein Geräusch. Es war das Gegenteil. Der Riss sog den Schall ein. Die Musik, das Lachen, der Wind – alles wurde plötzlich gedämpft, als hätte jemand die Welt unter Wasser gedrückt.
Und dann tropfte es.
Aus dem Riss im Himmel fiel Dunkelheit.
Es war kein Rauch. Es war eine Flüssigkeit. Dick, schwarz, schwer. Anaxi. Die Ur-Substanz.
Der erste Tropfen war so groß wie ein Haus. Er fiel lautlos auf den Hauptplatz.
Elias sah, wie er landete. Er schlug nicht auf. Er breitete sich aus.
Wo die schwarze Flüssigkeit die Menschen berührte, verschwanden sie. Sie schrien nicht. Sie lösten sich einfach auf. Materie wurde zu Nichts. Der weiße Marmor des Platzes wurde grau, dann durchsichtig, dann weg.
„Anaxi“, sagte Elion. „Sie wollte nicht erobern. Sie wollte negieren. Sie war der Fehler im System der Schöpfung, der gekommen war, um die Rechnung zu korrigieren.“
Unten brach Panik aus. Jetzt schrien sie. Menschen rannten, trampelten übereinander. Magier feuerten Lichtblitze in den fallenden Himmel, aber das Licht wurde von der Dunkelheit einfach geschluckt.
Weitere Tropfen fielen. Es begann zu regnen. Ein schwarzer Regen, der die Stadt auslöschte.
„Ich musste handeln“, sagte Elion.
Die Szene wechselte. Ein harter Schnitt.
Elias stand jetzt in einem Saal. Es war der Thronsaal, aber er war intakt. Die Wände waren aus weißem Stein, nicht aus Obsidian.
In der Mitte des Raumes standen Generäle, Magier, Berater. Sie schrien durcheinander.
„Wir müssen evakuieren!“, rief einer.
„Es gibt keinen Ort, an den wir gehen können!“, brüllte ein anderer. „Der Himmel fällt überall!“
„Wir müssen die Sonnen-Lanze einsetzen!“, forderte eine Frau in goldener Rüstung.
„Das würde den Planeten spalten!“, widersprach ein Gelehrter.
Elion stand am Fenster. Er drehte sich um.
„Es gibt keine Waffe gegen das Nichts“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch den Lärm. „Man kann Dunkelheit nicht mit Licht bekämpfen. Licht wirft Schatten. Je heller wir brennen, desto dunkler wird sie.“
„Was schlägst Du vor?“, fragte die Frau in Gold.
„Wir müssen sie aufnehmen“, sagte Elion.
Stille im Saal.
„Wir brauchen ein Gefäß“, fuhr er fort. „Einen Container, der stark genug ist, die Leere zu halten, ohne zu zerbrechen. Wir müssen sie einsaugen. Sie binden.“
„Wer könnte so etwas halten?“, fragte der Gelehrte entsetzt. „Kein Stein, kein Metall der Welt kann Anaxi widerstehen. Sie frisst Materie.“
„Aber sie frisst keinen Willen“, sagte Elion.
Er trat in die Mitte des Raumes. Er sah sie alle an.
„Ein Mensch. Ein Mensch mit genug Macht, um die Barriere aufrechtzuerhalten. Ein Mensch, der bereit ist, seinen Körper als Käfig zu nutzen.“
„Das ist Selbstmord“, sagte ein Mann – Goran, erkannte Elias. Der Vorfahre von Clara. Er sah ihr ähnlich, dieselben grauen Augen, derselbe Trotz. „Mehr als Selbstmord. Es ist ewige Verdammnis. Wer das tut... wird nie wieder frei sein.“
Elion legte die Hand auf Gorans Schulter.
„Einer muss es tun, alter Freund. Oder wir alle sind fort.“
Die Tür flog auf. Eine Frau rannte herein. Valeria.
Sie war blutverschmiert, ihr Kleid zerrissen.
„Sie sind im Palast!“, schrie sie. „Die Schatten! Sie kommen durch die Wände!“
Elion zögerte nicht.
„Bereitet das Ritual vor“, befahl er den Magiern. „Die Große Bindung.“
„Wir haben kein Subjekt!“, rief der Gelehrte.
„Ich bin das Subjekt“, sagte Elion.
Valeria starrte ihn an. „Nein“, flüsterte sie. „Elion, nein.“
Die Erinnerung verschwamm. Die Zeit sprang.
Elias stand auf dem Dach des Palastes. Dem höchsten Punkt.
Der Himmel war jetzt komplett schwarz. Die Stadt unter ihnen existierte nicht mehr. Sie war ein Meer aus waberndem Nichts, aus dem nur noch die Spitzen der höchsten Türme ragten wie Inseln in einer Flut.
Elion stand in der Mitte eines Kreises aus Runen, die in den Boden gebrannt waren. Er war nackt bis zur Hüfte. Seine Haut war mit Symbolen bemalt – Schutzrunen, Bindungsrunen, Siegel.
Um ihn herum standen sieben Magier. Sie sangen. Ein tiefer, dröhnender Gesang, der die Luft zum Vibrieren brachte.
Goran stand am Eingang zum Dach, das Schwert gezogen. Er hielt die Schatten zurück, die die Treppe heraufkroch.
Valeria kniete vor dem Kreis. Sie weinte nicht. Sie hielt Elions Blick.
„Ich werde warten“, sagte sie. „Egal wie lange.“
„Warte nicht“, sagte Elion. „Lebe.“
Er sah nach oben. In den schwarzen Trichter, der über ihm rotierte. Das Auge von Anaxi.
„Jetzt!“, schrie er.
Die Magier verstärkten ihren Gesang.
Elion hob die Arme.
„Komm zu mir!“, brüllte er die Dunkelheit an. „Ich bin dein Haus! Ich bin dein Ende!“
Er machte sich leer. Er senkte seine mentalen Schilde. Er wurde zu einem Vakuum.
Und die Dunkelheit antwortete.
Sie stürzte herab. Nicht als Regen. Als Strahl. Ein massiver, schwarzer Blitz schlug in Elion ein.
Elias sah es, und er spürte es. Er spürte den Schmerz, als die Kälte in Elions Körper eindrang. Es war, als würde man kochendes Eis in die Adern gespritzt bekommen.
Elions Körper bog sich durch. Seine Knochen knackten. Seine Haut verfärbte sich grau, dann schwarz.
Aber er hielt stand.
Er ließ die Dunkelheit nicht durch sich hindurchfließen. Er hielt sie fest. Er schloss sie in seinen Zellen ein.
Die Schwärze über der Stadt begann sich zu drehen. Sie wurde eingesaugt. Wie Wasser in einem Abfluss strömte sie auf den Turm zu, in den kleinen Mann in der Mitte.
Die Stadt wurde wieder sichtbar. Die Ruinen tauchten auf. Das Licht kehrte zurück.
Aber Elion bezahlte den Preis.
Er fiel auf die Knie. Er schrie nicht mehr. Sein Mund war weit aufgerissen, aber es kam nur Schattenrauch heraus. Seine Augen verbrannten, wurden weiß, dann silber.
Das Ritual endete.
Der Himmel war blau. Die Sonne schien.
Aber Elion war ein Monster geworden.
Schwarze Adern pulsierten unter seiner Haut. Schattennebel umhüllte ihn.
Die Magier wichen entsetzt zurück.
Valeria wollte zu ihm laufen.
„Nicht!“, gurgelte Elion. Seine Stimme war fremd, mehrstimmig. „Lauf weg!“
Er spürte den Hunger. Den Hunger von Anaxi in seinem Bauch. Er wollte fressen. Er wollte das Leben um sich herum vertilgen. Er wollte Valeria fressen.
Er kämpfte dagegen an. Er rammte seine Hände in den Boden.
„Bindet mich!“, flehte er. „Fesselt mich! Schnell!“
Goran verstand. Er warf Ketten – magische Fesseln, die für Dämonen gemacht waren.
Die Magier webten einen Käfig aus Licht und Stein um ihn herum. Sie bauten den Thron, nicht als Sitz der Macht, sondern als Fessel.
Sie mauerten ihn ein.
Elias sah, wie die Wände hochgezogen wurden. Er sah Valerias Gesicht, als der letzte Stein gesetzt wurde.
Dann wurde es dunkel.
Elias stand im Dunkeln. Er hörte nur noch Elions Atem.
„Ich habe sie gerettet“, flüsterte die Stimme des Prinzen in der Erinnerung. „Aber ich habe mich verloren.“
Die Vision verblasste.
Der schwarze Thronsaal von Nox Aeterna kehrte zurück.
Elias stand wieder vor dem echten Elion. Dem Wrack auf dem Thron.
Er atmete schwer. Er hatte die Jahrtausende in Sekunden gefühlt.
„Verstehst du jetzt?“, fragte Elion leise. „Es war kein Verrat. Es war eine Eindämmung.“
Elias nickte. Er hatte Tränen in den Augen.
„Du hast die Welt gerettet.“
„Ich habe sie gekauft“, sagte Elion. „Aber die Miete ist fällig.“
Er deutete auf das pulsierende Loch in seiner Brust.
„Anaxi bricht aus, Elias. Das Gefäß ist porös geworden. Wenn ich sterbe – und ich werde bald sterben –, dann wird sie freikommen. Und diesmal gibt es keine Magier, die ein Ritual singen. Es gibt nur... uns.“
Er sah auf das Amulett.
„Du hast das Leere Gefäß. Das einzige Ding, das stark genug ist, sie zu halten, wenn mein Körper versagt. Aber es braucht einen Träger.“
Elias wusste, was er sagen würde.
„Nimm meinen Platz“, sagte Elion. „Setz dich auf den Thron. Binde dich an den Berg. Und halte die Welt noch ein tausend Jahre lang sicher.“
Elias blickte auf den Thron. Auf die Ketten. Auf die Ewigkeit der Einsamkeit.
Er blickte zurück zu seinen Freunden.
Clara, die das Schwert hielt. Tarek, der blutete. Marcus, der zitterte. Lyra, die hoffte.
Er liebte sie.
Und weil er sie liebte, musste er sie verlassen.
„Ich mache es“, sagte Elias.
Er trat auf die erste Stufe des Podests.
Der Schritt, den Elias auf die erste Stufe des Podests setzte, hallte nicht. Er war lautlos, verschluckt von der Dunkelheit des Obsidians, aber für Clara war es das lauteste Geräusch der Welt.
Es war das Geräusch eines Tores, das zufällt.
„Nein“, sagte sie.
Das Wort kam nicht als Schrei heraus, sondern als ein gepresstes, ungläubiges Keuchen. Sie stand am Fuß des schwarzen Felsblocks, das Schwert Aethelgard immer noch in der Hand, aber die Klinge war gesenkt, die Spitze grub sich in eine Fuge im Boden. Sie starrte Elias an, der mit dem Rücken zu ihr stand, bereit, zu dem Mann hinaufzusteigen, der ihr Leben und das ihrer Familie seit tausend Jahren bestimmt hatte.
„Elias, bleib stehen.“
Elias hielt inne. Er drehte sich nicht um. Er spürte den Sog des Throns, die kalte, magnetische Anziehungskraft der Schattenketten, die nach einem neuen Wirt lechzten. Aber er spürte auch Clara. Ihre Präsenz war wie ein Haken in seinem Rücken.
„Ich habe es gesehen, Clara“, sagte er, ohne sie anzusehen. Seine Stimme war ruhig, schrecklich ruhig. „In der Vision. Ich weiß, warum er hier ist. Ich weiß, was getan werden muss.“
„Du hast gesehen, was er dir zeigen wollte!“, rief Tarek. Der Söldner humpelte vorwärts, schob sich an Clara vorbei. Er nutzte sein Krummschwert als Krücke, sein Gesicht war vor Schmerz verzerrt, aber seine Augen brannten vor Wut. „Das ist ein Trick, Junge! Er lockt dich. Er will, dass du ihn befreist, damit er... damit er was? Verschwinden kann? Sterben kann? Und du bleibst hier sitzen und verrottest?“
„Er will nicht fliehen“, sagte Elias. Er drehte den Kopf leicht, sodass sie sein Profil sehen konnten. Das violette Licht des Thronsaals ließ ihn blass und fremd wirken. „Er ist am Ende, Tarek. Sieh ihn dir an. Er ist kein Trickster. Er ist eine Ruine.“
Oben auf dem Thron rührte sich Elion. Ein Husten schüttelte seinen abgemagerten Körper. Schwarzer Rauch entwich seinen Lippen statt Luft. Die Ranken, die in sein Fleisch gewachsen waren, pulsierten schneller, pumpten Dunkelheit.
„Die Zeit...“, krächzte der Prinz. „Sie... läuft ab.“
„Hör nicht auf ihn!“, schrie Clara. Sie rannte die ersten Stufen hinauf, packte Elias am Arm und riss ihn herum.
Der Kontakt war ein Schock für beide. Claras Hand auf Elias’ Ärmel fühlte sich heiß an, fiebrig vor Angst. Elias’ Arm war kalt, hart wie Stein unter dem Stoff.
Sie blickten einander an. Clara sah in seine Augen und suchte nach dem Jungen, mit dem sie in der Bibliothek gesessen hatte. Dem Jungen, der Angst hatte, der Zweifel hatte. Aber sie fand ihn nicht. Sie fand einen Wächter.
„Du kannst das nicht tun“, flüsterte sie. Tränen sammelten sich in ihren Augen, machten ihr den Blick unscharf. „Du kannst dich nicht einfach... wegwerfen. Wir haben gekämpft. Wir haben geblutet. Wir haben Zara verloren. Kael verloren. Nicht dafür. Nicht, damit du dich in eine Statue verwandelst.“
„Genau dafür“, sagte Elias sanft. Er legte seine behandschuhte Hand auf ihre, die seinen Arm umklammerte. Er drückte sie nicht weg. Er hielt sie nur. „Zara ist gestorben, damit wir hierher kommen. Kael hat sich geopfert, damit der Weg frei ist. Wenn ich jetzt umkehre... war alles umsonst. Dann hat ihr Tod keinen Sinn.“
„Sinn?“, spie Marcus aus.
Der Gelehrte stand am Fuß der Treppe. Er zitterte am ganzen Leib. Er hielt seine Tasche vor die Brust gepresst, als wäre sie ein Schild, aber er ließ sie sinken. Er trat vor.
„Du redest von Sinn, Elias? Das ist keine philosophische Debatte. Das ist eine energetische Gleichung.“
Marcus deutete auf den Thron, auf die wirbelnde Dunkelheit in Elions Brust.
„Das ist Anaxi. Eine entropische Singularität. Sie hat eine Masse, die wir nicht berechnen können. Elion hat sie gehalten, weil er... weil er dafür vorbereitet wurde. In der Ersten Ära. Er war ein Erzmagier. Ein Prinz.“ Marcus’ Stimme überschlug sich fast. „Du bist ein Junge aus Aetherholm! Du hast ein kaputtes Amulett und einen verfluchten Handschuh! Wenn du dich da draufsetzt... ist die Wahrscheinlichkeit, dass du die Bindung hältst, gleich null. Du wirst nicht der Wächter. Du wirst der Zünder.“
„Das Amulett ist stark“, sagte Elias. Er griff an seine Brust. „Es ist voll. Die drei Fragmente...“
„Die Fragmente sind instabil!“, schrie Marcus. Er raufte sich die Haare. „Der Riss, Elias! Hast du den Riss vergessen? Das Gefäß ist beschädigt! Wenn du versuchst, die Unendlichkeit da reinzupressen, wird es platzen! Und der ganze Berg wird mit ihm gehen!“
Elias blickte auf seine Brust. Er spürte den Riss. Er brannte. Ein ständiger, nagender Schmerz.
„Vielleicht“, sagte er. „Aber was ist die Alternative? Wenn ich nichts tue... bricht Elion sowieso. Und Anaxi kommt frei. Wenn ich es versuche... habe ich eine Chance.“
„Das ist keine Chance“, sagte Lyra.
Sie stand ganz hinten, im Schatten einer Säule. Sie hatte sich nicht bewegt. Sie wirkte klein, zerbrechlich. Ihre weißen Haare hingen ihr im Gesicht. Aber ihre Stimme war klar.
„Das ist Selbstmord“, sagte sie. „Und es ist feige.“
Elias zuckte zusammen. Das Wort traf ihn härter als Claras Griff.
„Feige?“, wiederholte er.
„Ja“, sagte Lyra. Sie hob den Kopf. Ihre Augen leuchteten schwach grün. „Du willst es tun, weil du müde bist. Weil du nicht mehr kämpfen willst. Du willst dich hinsetzen und die Verantwortung abgeben. Du willst ein Märtyrer sein, weil es einfacher ist, als zu leben.“
Sie trat in das fahle Licht.
„Du denkst, du opferst dich für uns? Du verlässt uns. Du lässt uns allein in einer Welt, die du kaputt gemacht hast.“
„Ich rette die Welt!“, rief Elias. Seine Ruhe bröckelte. „Ich bin der Einzige, der es kann!“
„Du bist nicht allein!“, schrie Clara. Sie schüttelte ihn. „Hör auf, so zu tun, als wärst du der Einzige! Wir sind hier! Wir sind eine verdammte Gruppe! Wir finden einen Weg! Zusammen!“
Ein Grollen erschütterte den Saal.
Es kam nicht von Elion. Es kam von unterhalb des Podests. Der Boden vibrierte. Staub rieselte von der unsichtbaren Decke.
„Zu... spät“, flüsterte Elion auf dem Thron.
Der Prinz krümmte sich zusammen. Sein Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei. Aus seiner Brust, aus dem Loch, wo das Herz sein sollte, schoss ein Strahl aus Dunkelheit. Er war dünn, wie eine Nadel, aber er war so schwarz, dass er das Licht im Raum durchschnitt.
Er traf die Decke.
Dort oben, in der unendlichen Höhe, begann der Sternenhimmel zu reißen. Die falschen Sterne flackerten und erloschen. Risse bildeten sich in der Kuppel der Realität.
„Die Eindämmung“, keuchte Marcus. Er starrte nach oben. „Die Membran bricht. Anaxi kommt nicht durch ihn. Sie kommt durch den Raum.“
Die Schattenketten um Elion begannen zu glühen. Violett. Sie zogen sich zusammen, schnitten tief in sein Fleisch. Er blutete Schatten.
„Sie... frisst... mich“, gurgelte Elion.
Elias riss sich von Clara los.
„Ich muss!“, schrie er.
Er rannte die letzten Stufen hoch. Er erreichte das Podest. Er stand vor dem Thron.
Die Kälte war hier oben so intensiv, dass sein Atem sofort zu Eisstaub gefroren zu Boden fiel.
„Geh weg!“, versuchte Elion zu sagen, aber es kam nur ein Röcheln. Er wollte Elias schützen. Selbst im Tod.
Aber Elias hörte nicht. Er sah nur die Notwendigkeit.
Er hob die Hände. Er wollte nach den Ketten greifen. Er wollte sie übernehmen.
„Nein!“, schrie Tarek.
Der Söldner tat etwas, was niemand erwartet hatte. Er warf sein Schwert.
Es war kein gezielter Wurf, um zu töten. Es war ein Wurf der Verzweiflung.
Das schwere Krummschwert rotierte durch die Luft. Es traf Elias nicht. Es traf den Boden direkt vor seinen Füßen.
Der Stahl klirrte auf dem Obsidian, rutschte, verhakte sich in einer Spalte. Elias stolperte. Er fiel auf ein Knie, direkt vor dem Thron.
Er blickte zurück. Tarek stand da, die Hand noch ausgestreckt, wankend, gestützt von nichts als seinem Willen.
„Denk nach, Junge!“, brüllte Tarek. „Denk einmal in deinem Leben nach, bevor du springst! Wenn du da draufgehst, ist es vorbei! Für immer! Es gibt keinen Weg zurück!“
Elias kniete vor dem Thron. Er sah Elion an. Er sah die Qual.
Und er sah etwas anderes.
Hinter dem Thron, im Schatten der Lehne, bewegte sich etwas.
Der Schatten war nicht leer. Er hatte Form.
Eine riesige, wabernde Gestalt erhob sich hinter dem sterbenden Prinzen. Sie hatte kein Gesicht, aber sie hatte Arme. Tausende von Armen aus Rauch, die Elion umklammerten.
Anaxi.
Sie war nicht nur eine Kraft. Sie war ein Wesen. Und sie lächelte.
Nicht mit einem Mund. Mit der Situation.
„Komm“, flüsterte sie. Die Stimme war in Elias’ Kopf, lauter als alles andere. „Ich habe Platz für zwei.“
Elias erstarrte.
Sie wollte ihn. Sie wollte nicht nur ausbrechen. Sie wollte fressen. Sie wollte das Licht des Amuletts. Wenn er sich mit ihr verband... würde er sie nicht binden. Er würde sie füttern.
Marcus hatte recht. Das Gefäß war beschädigt. Er war kein Damm. Er war Treibstoff.
„Es ist eine Falle“, flüsterte Elias.
Er wich zurück. Er kroch auf Knien rückwärts, weg vom Thron.
„Es ist eine Falle!“, schrie er zu den anderen. „Sie will das Amulett! Sie will die Energie!“
Marcus riss die Augen auf. „Eine Kettenreaktion. Wenn das Ur-Licht auf die Ur-Dunkelheit trifft, ohne stabilen Filter...“
„...dann gibt es keine Bindung“, beendete Clara den Satz. „Dann gibt es eine Detonation.“
Elion bäumte sich auf. Ein weiterer Strahl aus Dunkelheit brach aus ihm hervor. Diesmal traf er den Boden. Der Obsidian schmolz.
„Lauft!“, schrie Elion. Seine Stimme war plötzlich klar, ein letztes Aufbäumen seines Willens. „Lauft weg! Ich kann sie nicht mehr halten!“
Aber es war zu spät zum Laufen.
Die Schatten hinter dem Thron dehnten sich aus. Sie bildeten eine Wand. Eine Welle, die über das Podest schwappte und auf die Gruppe zujagte.
„Schild!“, schrie Clara. Sie sprang vor Marcus und Lyra, riss ihren Schild hoch – einen magischen Schild, den sie nicht hatte. Sie hatte nur ihren Körper.
Elias stand auf. Er stand zwischen der Welle und seinen Freunden.
Er konnte nicht fliehen. Er konnte nicht kämpfen.
Aber er konnte blockieren.
Er riss den Schwarzen Handschuh hoch. Er aktivierte das Amulett. Nicht um zu geben. Um zu halten.
Er baute eine Wand.
Keine Wand aus Licht. Eine Wand aus Willen.
Er stellte sich vor, dass die Luft fest wurde. Dass der Raum zwischen ihm und der Dunkelheit zu Glas gefror.
Die Schattenwelle traf auf Elias’ Barriere.
Es gab keinen Knall. Es gab ein Knirschen. Die Realität bog sich.
Elias schrie. Der Druck war immens. Es fühlte sich an, als würde er einen Berg auf seinen Schultern tragen. Seine Knie gaben nach. Blut schoss aus seiner Nase.
„Ich... kann... nicht...“, presste er hervor.
Die Barriere bekam Risse.
„Hilf ihm!“, schrie Lyra.
Sie rannte los. Sie rannte die Stufen hinauf. Sie legte ihre Hände auf Elias’ Rücken.
Sie hatte keine Heilkraft mehr. Aber sie hatte das Feuer.
„Nimm es!“, schrie sie. „Nimm alles!“
Sie pumpte ihre Energie in ihn. Das Reinigende Feuer floss durch Elias, verstärkte den Schild. Das violette Licht wurde heller, bekam einen grünen Rand.
Tarek kam. Er legte seine Hände auf Lyras Schultern. Er hatte keine Magie. Aber er hatte Kraft. Sturheit. Er gab seinen Willen.
Clara kam. Marcus kam.
Sie bildeten eine Kette. Eine menschliche Batterie.
Sie leiteten alles, was sie hatten – ihre Angst, ihre Hoffnung, ihre Liebe – in Elias.
Und Elias leitete es in den Schild.
Die Schattenwelle stoppte. Sie brandete gegen das Licht, zischte, zog sich zurück.
Für einen Moment herrschte ein Patt. Licht gegen Dunkelheit. Leben gegen Leere.
Aber Elias wusste, dass es nicht reichen würde.
Er spürte den Riss im Amulett. Er weitete sich. Das Metall wurde heiß. Es begann zu schmelzen.
„Es hält nicht“, keuchte er. „Das Gefäß... es bricht.“
Marcus, der ganz hinten stand, sah es. Er sah das Glühen. Er sah die Risse in der Luft.
Und er wusste, was er tun musste.
Er ließ Clara los. Er trat einen Schritt zurück. Er griff in seine Tasche.
Er holte die Schriftrolle hervor. Und den Kompass.
„Die Variable“, flüsterte er.
Er blickte auf seine Freunde. Auf ihren verzweifelten Kampf.
Er wusste, dass Elias sterben würde, wenn das Amulett brach. Sie alle würden sterben.
Es sei denn, jemand änderte die Regeln.
Marcus atmete tief ein. Er hatte Angst. Schreckliche Angst.
Aber er rannte nicht weg.
Er begann zu sprechen. Leise, rhythmisch. Worte in Thran'dua.
Der Stein unter seinen Füßen begann zu leuchten.
Der Thronsaal von Nox Aeterna war kein Ort mehr. Er war ein Ereignis.
Die Welle aus Dunkelheit, die Anaxi – jene uralte, intelligente Leere, die sich hinter dem sterbenden Prinzen erhoben hatte – gegen die Gruppe warf, war keine Materie. Es war die physikalische Manifestation des Begriffs „Ende“. Wo die schwarze Flut den Boden aus Obsidian berührte, hörte der Stein auf zu existieren. Er wurde nicht zu Sand oder Staub zermahlen; er wurde aus der Realität radiert, hinterließ eine glatte, graue Fläche aus Nichts, die wie eine Wunde im Gewebe der Welt aussah.
Elias stand im Zentrum des Sturms.
Er fühlte sich nicht mehr wie ein Mensch. Er war ein Leiter, ein glühender Draht, durch den die verzweifelte Energie seiner Freunde floss. Lyras Hände auf seinem Rücken brannten wie Brandeisen. Er spürte ihr Reinigendes Feuer, heiß und aggressiv, das sich mit der kühlen Sturheit von Tarek und der stählernen Angst von Clara vermischte. Sie pumpten ihr Leben in ihn hinein, und er drückte es durch den Schwarzen Handschuh hinaus, formte es zu einer Barriere aus violettem und weißem Licht, die ächzend gegen die anstürmende Dunkelheit hielt.
Aber es reichte nicht.
Er sah die Risse in seinem Schild. Er hörte das Singen des Amuletts an seiner Brust – ein hoher, schriller Ton, der ankündigte, dass der Kristall kurz vor dem Zerspringen war. Der Riss, den er sich im Kampf mit Arkan zugezogen hatte, glühte jetzt so hell, dass er durch seine Tunika, durch seine Haut, durch seine Rippen schien.
„Du kannst es nicht halten“, flüsterte die Stimme von Anaxi. Sie war überall. In der Luft, in seinen Knochen. „Du bist voll, kleiner Träger. Und ich bin hungrig.“
Die Schatten drückten härter. Der Lichtschild bog sich nach innen. Elias’ Stiefel rutschten über den Boden, hinterließen schwarze Streifen. Er wurde zurückgeschoben, Zentimeter für Zentimeter, direkt auf seine Freunde zu. Wenn er fiel, würden sie alle verschlungen werden.
„Marcus!“, schrie Clara, ohne den Kontakt zu Elias zu lösen. „Tu was!“
Marcus stand hinter der Formation. Er hatte nicht seine Hände auf Elias gelegt. Er hatte einen Schritt zurück gemacht.
Der Gelehrte zitterte. Nicht vor Kälte, sondern vor Konzentration. Er hielt die Schriftrolle der Shru h'las in der einen Hand, den defekten Kompass von Zara in der anderen. Er blickte nicht auf das Monster. Er blickte auf den Boden.
Er sah die Linien im Obsidian. Die Geometrie des Raumes. Elion hatte diesen Saal nicht nur als Thron gebaut. Er hatte ihn als Gleichung gebaut.
„Der Raum ist instabil“, murmelte Marcus. Seine Stimme war tonlos, mechanisch, der einzige Weg, wie sein Verstand mit dem Horror umgehen konnte. „Die entropische Dichte überschreitet den kritischen Wert. Wir brauchen eine Konstante. Einen Anker.“
Er begann zu sprechen.
Es war kein Zauberspruch der Akademie. Es waren keine Worte der Macht, wie Elias sie benutzte. Es waren Koordinaten.
„Thran... Kemet... Orbis...“
Die Worte in der Ursprache waren hart, kantig. Sie klangen wie Steine, die aufeinandergeschlagen werden.
Marcus kniete nieder. Er legte seine flache Hand auf den Boden. Er leitete keine Energie hinein. Er leitete Struktur hinein. Er visualisierte die Gitterlinien der Realität, die er in seinen Büchern studiert hatte. Er zwang den Raum, sich zu erinnern, dass er fest war.
Ein Ruck ging durch den Saal.
Der Boden unter Marcus’ Hand begann zu leuchten. Ein geometrisches Muster aus goldenen Linien breitete sich von ihm aus, raste über den Obsidian, unter den Füßen der Gruppe hindurch, bis zu Elias.
Es war keine Angriffsmagie. Es war Ordnungsmagie.
Die goldenen Linien trafen auf Elias’ flackernden Schild. Sie verstärkten ihn nicht mit Kraft, sondern mit Stabilität. Das violette Licht, das wild und chaotisch geflackert hatte, beruhigte sich. Es wurde fest. Kristallin.
Der Schild wurde zu einer Wand.
Die Schattenwelle von Anaxi prallte dagegen. Diesmal gab es kein Knirschen. Es gab einen Klang wie eine riesige Glocke. DONG.
Die Dunkelheit wurde zurückgeworfen. Sie brandete ab, zog sich zischend zurück wie eine Welle vom Ufer.
„Es hält!“, rief Lyra. Sie ließ Elias los, sackte erschöpft zusammen.
Elias blieb stehen. Er senkte den Arm. Der Handschuh rauchte. Er drehte sich langsam um.
Er sah Marcus. Der Gelehrte kniete immer noch am Boden, die Hand auf den Stein gepresst. Er blutete aus der Nase. Seine Haut war grau. Aber er hielt die Linien. Er hielt den Raum zusammen.
„Geometrische Stabilisierung“, keuchte Marcus. Er rückte seine imaginäre Brille zurecht, obwohl er gar keine mehr trug. „Ich habe... ich habe die Parameter der Halle neu definiert. Sie kann uns vorerst nicht erreichen. Der Raum zwischen uns und ihr ist... unendlich.“
„Wie lange?“, fragte Tarek. Er hatte sein Schwert fallen lassen und hielt sich die Seite.
„Minuten“, sagte Marcus. „Vielleicht eine Stunde. Bis meine mentale Kapazität erschöpft ist. Oder bis sie lernt, wie man Unendlichkeit durchquert.“
Sie hatten eine Atempause.
Elias blickte zum Thron.
Die Schattenwolke hatte sich zurückgezogen, waberte aber immer noch drohend hinter dem Podest. Elion lag davor, zusammengerollt wie ein krankes Kind. Die Ranken waren weg, aber das Loch in seiner Brust war geblieben. Ein schwarzer, leerer Fleck, der pulsierte.
Elias ging zu ihm. Er fühlte sich schwer. Das Amulett wog Tonnen.
„Elion“, sagte er.
Der Prinz öffnete die Augen. Der silberne Glanz war fast erloschen. Sie waren jetzt grau, wie Asche.
„Du hast sie... aufgehalten“, flüsterte Elion. Ein schwaches Lächeln zupfte an seinen Lippen. „Für einen Moment... dachte ich... Goran wäre zurück.“
Clara trat neben Elias. Sie starrte auf den Mann, der ihr Vorfahre hätte sein können.
„Goran ist tot“, sagte sie. „Er starb vor deinem Tor. Weil du nicht aufgemacht hast.“
„Ich weiß“, sagte Elion. Eine Träne lief über sein Gesicht, schwarz wie Öl. „Ich habe ihn gehört. Tagelang. Er hat geklopft. Er hat geschrien. Er wollte mir helfen.“
Er hustete, ein nasses, hässliches Geräusch.
„Aber ich durfte nicht aufmachen. Ich war... voll. Wenn ich die Tür geöffnet hätte... wäre sie rausgekommen. Damals schon.“
Er blickte Elias an.
„Du siehst es, oder? Das ist kein Kampf, den man gewinnen kann, Träger. Man kann nur... aushalten. Wie lange hältst du noch aus?“
Elias griff an seine Brust. Er zog das Amulett hervor.
Es war ein erschreckender Anblick.
Das Metall war schwarz angelaufen, verbogen durch die Hitze der inneren Reaktion. Und der Kristall... der Kristall war fast entzwei. Der Riss war breit, gezackt. Man konnte hineinsehen. Und was man sah, war kein Licht mehr. Es war ein Wirbel aus Farben, der so schnell rotierte, dass er grau wirkte.
Es war kritisch.
„Es bricht“, sagte Elias. „Ich spüre es. Die Fragmente... sie wollen raus. Sie wollen zurück in die Welt.“
„Wenn sie ausbrechen“, sagte Marcus von hinten, ohne die Hand vom Boden zu nehmen, „wird die Energiefreisetzung diesen Berg verdampfen. Und alles im Umkreis von hundert Meilen.“
„Dann muss ich es tun“, sagte Elias.
Er blickte auf den Thron. Der Sitz aus schwarzem Eis war leer, jetzt wo Elion davor lag. Er sah unbequem aus. Kalt. Endgültig.
„Ich muss mich setzen“, sagte Elias. „Ich muss das Amulett an den Berg anschließen. Den Kreislauf schließen. Wenn ich Teil der Festung werde... kann der Stein die Energie aufnehmen. Er kann den Druck verteilen.“
„Und du?“, fragte Lyra. Sie stand wieder, schwankend. „Was passiert mit dir?“
„Ich werde der Filter“, sagte Elias. „Ich werde die Schleuse.“
„Du wirst sterben“, sagte Clara.
„Nein“, sagte Elion vom Boden. „Er wird nicht sterben. Das ist das Grausame daran. Der Thron... er erhält das Leben. Er friert es ein. Du wirst ewig leben, Elias. In diesem Moment. Mit diesem Schmerz.“
Der Prinz streckte eine zitternde Hand aus und griff nach Elias’ Stiefel.
„Tu es nicht, Junge. Ich habe dich gerufen... weil ich schwach war. Weil ich sterben wollte. Aber jetzt, wo ich dich sehe... jetzt, wo ich sehe, dass du Freunde hast...“
Er blickte zu Clara, zu Tarek, zu Lyra.
„Ich hatte niemanden hier drinnen. Nur meine Erinnerungen. Und die sind zu Eis geworden. Du hast Menschen, die dich lieben. Wenn du dich auf diesen Stuhl setzt... wirst du sie hassen lernen. Weil sie frei sind und du nicht.“
„Ich werde sie nicht hassen“, sagte Elias. Er sah Clara an. „Ich werde sie beschützen.“
„Das dachte ich auch“, flüsterte Elion. „Die ersten hundert Jahre.“
Das Grollen im Hintergrund wurde lauter. Die goldene Barriere, die Marcus geschaffen hatte, begann zu flackern.
„Marcus!“, rief Tarek.
„Ich... ich verliere die Kohärenz“, presste Marcus hervor. Blut lief jetzt auch aus seinen Ohren. „Die Variable des Chaos... sie ist zu stark. Anaxi lernt. Sie passt sich an die Geometrie an.“
Hinter dem Thron wuchs der Schatten wieder. Er nahm Formen an. Gesichter.
Elias erkannte sie. Es waren die Gesichter aus dem Spiegelkabinett. Seine Ängste.
„Komm“, riefen sie. „Setz dich. Ruh dich aus.“
Elias machte einen Schritt auf den Thron zu.
„Nein!“, schrie Clara. Sie stellte sich ihm in den Weg. Sie hob ihr Schwert, richtete die Spitze auf seine Brust.
„Geh mir aus dem Weg, Clara“, sagte Elias ruhig.
„Du musst mich töten“, sagte sie. Ihre Hände zitterten, aber die Klinge blieb starr. „Wenn du an diesem verdammten Stuhl vorbeiwillst, musst du mich töten. Denn ich lasse dich nicht dein Leben wegwerfen.“
„Es ist mein Leben!“, schrie Elias. Die Ruhe brach. Die Angst brach durch. „Verstehst du das nicht? Ich bin kaputt! Ich bin leer! Ich habe nichts mehr außer diesem Auftrag!“
„Du hast uns!“, schrie Lyra. „Wir sind hier! Wir sind durch die Hölle gegangen für dich!“
„Ihr seid hier, um zu überleben!“, brüllte Elias. „Und das ist der einzige Weg!“
Er griff nach ihrem Schwert, mit der behandschuhten Hand. Er umschloss die Klinge. Die Schneide schnitt in das Leder, aber nicht in seine Haut.
„Geh zur Seite, Schild.“
Er drückte das Schwert weg. Clara wehrte sich, aber er war stärker. Der Handschuh gab ihm die Kraft eines Riesen. Er schob sie zur Seite, sanft, aber unerbittlich.
Er trat an den Thron.
Er drehte sich um. Er wollte sich setzen.
„Warte“, sagte eine Stimme.
Es war nicht Clara. Es war nicht Marcus.
Es war Tarek.
Der Söldner stand am Fuß des Podests. Er hatte seinen Helm abgenommen. Er sah müde aus, alt. Aber er lächelte.
„Bevor du dich auf diesen kalten Stein setzt, Junge... gibt es noch eine Sache.“
„Was?“, fragte Elias ungeduldig. Die Barriere flackerte wilder. Die Zeit lief ab.
„Du hast gesagt, du bist leer“, sagte Tarek. „Dass du nichts mehr hast.“
Er griff in seine Tasche.
„Du hast gelogen.“
Er zog etwas hervor. Es war klein, zerknittert. Ein Stück Papier.
Der Brief.
Der Brief, den Elias im Prolog an seine Mutter geschrieben hatte. Den er am Lagerfeuer versiegelt hatte. Er dachte, er hätte ihn verloren. Oder tief vergraben.
Aber Tarek hielt ihn in der Hand.
„Er ist dir rausgefallen“, sagte Tarek. „Im Dschungel. Ich habe ihn aufgehoben.“
Er hielt ihn hoch.
„Hier steht nicht, dass du sterben willst, Elias. Hier steht, dass du Angst hast zu vergessen. Dass du Angst hast, ihre Stimmen zu vergessen.“
Tarek trat einen Schritt näher, obwohl die Aura des Throns ihn zurückdrängen wollte.
„Wenn du dich da draufsetzt... dann vergisst du nicht nur. Du verrätst sie. Deine Mutter wollte nicht, dass du ein Wächter wirst. Sie wollte, dass du lebst.“
Elias starrte auf den Brief. Seine Handschrift. Seine Worte.
Ich bin nicht der Held, den du wolltest.
Er zögerte. Seine Hand schwebte über der Lehne des Throns.
In diesem Moment der Stille, in dem Elias zwischen Pflicht und Sehnsucht schwankte, zerbrach Marcus’ Barriere.
Mit einem Geräusch wie zerspringendes Glas lösten sich die goldenen Linien auf.
Der Schutz war weg.
Anaxi brüllte. Die Schattenwolke stürzte sich auf sie. Nicht auf Elias.
Auf die Gruppe.
Das Zerbrechen der goldenen Barriere, die Marcus mit letzter Kraft und Logik gegen die Dunkelheit gewoben hatte, klang nicht wie Glas. Es klang wie ein Knochenbruch im Skelett der Welt.
Elias spürte den Rückstoß in seinen Zähnen. Die Luft im Thronsaal wurde schlagartig aus ihren Fugen gerissen. Der Druckabfall war so enorm, dass seine Ohren knackten und ihm für eine Sekunde schwarz vor Augen wurde. Als er blinzelte, sah er, wie die goldenen Linien am Boden verblassten, flackerten und dann erloschen wie Kerzen in einem Sturm.
Der Schutz war weg.
Und Anaxi wartete nicht.
Die Schattenwolke hinter dem Thron, die bisher eine wabernde Wand gewesen war, explodierte nach vorne. Sie hatte keine feste Form mehr, keine Arme oder Gesichter. Sie war eine Flutwelle aus reiner Entropie. Sie rollte über das Podest, verschluckte den wimmernden Elion und stürzte sich auf die Gruppe am Fuß der Stufen.
„Lauft!“, schrie Tarek. Er warf sich nach vorne, riss Clara mit sich zu Boden, schirmte sie mit seinem eigenen Körper ab, obwohl er wusste, dass seine Rüstung gegen diese Art von Kälte nutzlos war.
Die Welle traf sie.
Es war kein physischer Aufprall. Es war ein Kälteschock, der das Mark gefrieren ließ. Elias wurde von den Füßen gerissen, nicht durch Wind, sondern durch die schiere Wucht der Negativität. Er schlitterte über den glatten Obsidianboden, seine Finger krallten sich vergeblich in den Stein. Er spürte, wie die Dunkelheit über ihn hinwegrollte, klebrig und schwer wie Teer. Sie drang in seine Kleidung, in seine Poren. Sie flüsterte ihm Dinge zu – Versprechen von Ruhe, von Ende, von Vergessen.
„Lass los, Träger. Es ist vorbei.“
Elias würgte. Er kämpfte gegen die Ohnmacht. Er griff nach dem Amulett an seiner Brust. Es war heiß, glühend heiß, ein Kontrast zu der Kälte, die ihn umgab. Der Riss im Kristall pulsierte wild, ein rotes Stroboskop in der Finsternis.
Er riss die Augen auf. Er sah Marcus.
Der Gelehrte kniete immer noch dort, wo er die Barriere gehalten hatte. Er hatte sich nicht bewegt. Die Dunkelheit umspülte ihn, aber sie berührte ihn nicht direkt. Es war, als würde die Variable C, die er in seinem Kopf trug, ihn isolieren. Aber er blutete. Blut lief aus seiner Nase, aus seinen Ohren. Seine Augen waren verdreht, nur das Weiße war zu sehen. Er murmelte Formeln, Zahlenreihen, die keinen Sinn mehr ergaben.
„Marcus!“, rief Elias. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine waren wie Gummi.
Dann sah er Lyra.
Sie stand mitten in der Flut. Sie hatte die Augen geschlossen, die Arme ausgebreitet. Das weiße Haar wehte in einem Wind, den es nicht gab. Sie brannte. Ihr Reinigendes Feuer loderte um sie herum, eine Aura aus neongrünem Licht, die die Schatten zurückdrängte. Aber sie verbrannte sich selbst. Elias sah, wie ihre Haut Risse bekam, wie Rauch von ihren Kleidern aufstieg.
„Sie hält sie auf“, keuchte Clara, die sich unter Tarek hervorgeschoben hatte. Sie hustete, spuckte schwarzen Schleim. „Aber sie stirbt dabei.“
„Wir müssen zum Thron!“, schrie Elias. Er wusste nicht, warum. Er wusste nur, dass dort die Antwort lag. Oder das Ende.
Er kroch vorwärts. Er zog sich mit den Ellbogen über den Boden, kämpfte gegen die Strömung der Schatten an.
Auf dem Podest geschah etwas.
Die Dunkelheit, die Elion verschluckt hatte, zog sich zusammen. Sie verdichtete sich. Sie formte sich neu.
Über dem leeren Thron aus schwarzem Eis bildete sich ein Wirbel. Und in der Mitte dieses Wirbels hing Elion.
Er saß nicht mehr. Er schwebte.
Aber er war nicht frei.
Schwarze Dornen aus Energie hatten sich in seinen Rücken gebohrt, hielten ihn in der Luft wie eine Marionette an Fäden. Sein Kopf hing herab. Sein Mund stand offen.
Und aus seinem Mund floss der Schatten.
Es war ein stetiger Strom, dickflüssig und schwarz, der aus ihm herausquoll und den Wirbel speiste. Anaxi benutzte ihn nicht mehr als Gefängnis. Sie benutzte ihn als Tor.
Er war die offene Tür.
„Der Damm ist gebrochen“, dröhnte eine Stimme, die den ganzen Saal erfüllte. Es war nicht Elions Stimme. Es war die Stimme des Berges, die Stimme der Tiefe.
Elion hob den Kopf. Seine Augen waren jetzt komplett schwarz. Keine Iris, kein Silber. Nur Leere.
Er sah Elias an. Aber er erkannte ihn nicht.
Er hob die Hand.
Ein Strahl aus violetter Energie schoss von seiner Handfläche herab. Er zielte nicht auf Elias. Er zielte auf die Decke. Auf den Sternenhimmel.
KRAAAAACH.
Der Himmel über ihnen riss auf.
Es war kein Glas, das zerbrach. Es war die Realität. Ein Riss, so lang wie der Saal, öffnete sich in der Kuppel. Und dahinter war keine Nacht. Dahinter war... Nichts.
Ein weißes, blendendes Nichts. Das Ur-Chaos, das darauf wartete, hereinzuströmen.
„Die Atmosphäre!“, schrie Marcus, der plötzlich aus seiner Trance erwachte. Er starrte nach oben. „Das Vakuum! Wenn dieser Riss sich weitet, wird die gesamte Luft aus der Festung gesaugt! Wir ersticken!“
Der Wind änderte die Richtung. Er wehte nicht mehr herein. Er wurde nach oben gesaugt. Staub, kleine Steine, sogar der Nebel wurden in den Riss gezogen.
Elias spürte, wie ihm der Atem genommen wurde. Seine Lungen blähten sich auf, schmerzten.
Er musste es tun.
Er musste das Loch stopfen.
Er stand auf. Er ignorierte die Schwäche, ignorierte die Schatten, die nach seinen Beinen griffen.
Er ging auf das Podest zu.
„Elias!“, rief Tarek. Er versuchte, ihn zu erreichen, aber die Sogwirkung des Risses drückte ihn zurück.
Elias erreichte die Stufen. Er stieg hinauf.
Er stand vor dem schwebenden Elion. Vor dem Thron.
Der Sog hier war am stärksten. Er zerrte an Elias’ Kleidung, an seinen Haaren. Das Amulett vibrierte so stark, dass es auf seiner Brust tanzte.
Es wollte in den Riss. Es wollte sich mit dem Ur-Chaos verbinden.
Elias blickte auf den leeren Thron.
Der Sitz aus schwarzem Eis war unberührt. Er stand da, massiv, kalt, wartend. Er war der einzige Punkt im Raum, der nicht vibrierte. Der einzige Anker.
Wenn er sich setzte... wenn er sich mit dem Berg verband... konnte er die Festung schließen. Er konnte den Riss versiegeln.
Aber er müsste Elion opfern.
Er müsste den Mann, der da über ihm hing und als Portal missbraucht wurde, abtrennen. Er müsste ihn sterben lassen.
Elias blickte hoch zu dem Prinzen.
„Elion!“, schrie er gegen den Sturm an.
Der schwarze Blick des Prinzen senkte sich. Für einen Moment flackerte etwas in der Tiefe der Augen. Ein silberner Funke.
„Tu... es...“, formten die Lippen des Prinzen. Kein Ton, nur die Bewegung.
Elias griff nach dem Amulett. Er riss es von der Brust weg, hielt es in der Hand. Die Kette riss.
Er hielt das Leere Gefäß hoch.
Es leuchtete. Rot. Grün. Blau. Ein Leuchtfeuer der Schöpfung im Angesicht der Vernichtung.
„Ich bin bereit“, sagte Elias.
Er drehte sich zum Thron um.
Er legte die Hand auf die Lehne. Das Eis brannte seine Haut.
Er wollte sich setzen.
Aber in diesem Moment traf ihn ein Schlag.
Nicht von einem Feind.
Eine Hand packte sein Handgelenk. Die Hand mit dem Amulett.
Elias riss den Kopf herum.
Es war Marcus.
Der Gelehrte war auf das Podest geklettert. Er blutete aus Nase und Ohren, seine Haut war grau, seine Augen wild. Aber sein Griff war eisern.
„Nein“, keuchte Marcus.
„Lass mich los!“, schrie Elias. „Ich muss es tun! Der Riss!“
„Der Riss ist zu groß!“, schrie Marcus zurück. Er zerrte an Elias’ Arm, versuchte, ihn vom Thron wegzuziehen. „Du bist nicht genug! Deine Masse reicht nicht! Wenn du dich setzt... verbrennst du nur! Und der Riss bleibt offen!“
„Was ist die Alternative?“, brüllte Elias.
Marcus ließ ihn nicht los. Er starrte auf das Amulett in Elias’ Hand. Dann blickte er auf den Thron. Und dann auf den Boden, auf die Runen, die er dort gesehen hatte.
„Variable C“, sagte Marcus.
Seine Stimme war plötzlich ruhig. Mitten im Chaos, im Sturm, im Lärm des Weltuntergangs, war er die Ruhe selbst.
„Was?“, fragte Elias.
„Die Konstante“, sagte Marcus. Er blickte Elias in die Augen. „Du bist der Träger, Elias. Du bringst die Energie. Aber du bist nicht der Anker. Du bist zu... beweglich. Zu lebendig.“
Er griff in seine eigene Tasche. Er holte die Schriftrolle hervor. Und den Kompass.
„Ein Anker muss fest sein“, sagte Marcus. „Er muss schwer sein. Er muss... tot sein.“
Er drückte den Kompass in Elias’ freie Hand.
„Halt das“, sagte er.
Dann tat er etwas, was Elias nicht verstand.
Marcus trat vor den Thron. Er stellte sich zwischen Elias und den Sitz.
„Marcus, geh weg!“, schrie Clara von unten. Sie hatte sich bis zur Treppe vorgekämpft. „Was tust du da?“
Marcus drehte sich nicht um. Er blickte auf den leeren Sitz aus Eis.
„Ich korrigiere die Gleichung“, sagte er.
Er hob die Hände. Er begann zu sprechen. Worte in Thran'dua.
Der Thron begann zu leuchten. Nicht violett. Golden.
Elias spürte, wie das Amulett in seiner Hand heiß wurde. Es wollte nicht zu ihm. Es wollte zu Marcus.
Marcus drehte sich zu Elias um. Er streckte die Hand aus.
„Gib es mir“, sagte er.
„Was?“, fragte Elias. Er war verwirrt. Der Wind zerrte an ihnen.
„Das Gefäß“, sagte Marcus. „Gib es mir. Ich bin der Einzige, der es halten kann. Ich habe keine Angst mehr vor dem Feuer.“
Er lächelte.
„Ich habe Zara gefunden. In meinem Kopf. Sie hat gesagt, es ist in Ordnung.“
Elias starrte ihn an. Er sah den Entschluss in Marcus’ Augen. Er sah das Opfer.
Und er wusste, dass Marcus recht hatte. Elias war der Kämpfer. Aber Marcus... Marcus war der Stein.
Der Riss in der Decke weitete sich. Ein Stück des Himmels brach heraus und stürzte auf den Saal herab.
Die Zeit war abgelaufen.
Die Entscheidung musste fallen.
Jetzt.