NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 16: Die unmögliche Entscheidung
Der Thronsaal von Nox Aeterna war kein Raum, der für die Lebenden gebaut worden war. Er war ein Mausoleum für einen Gott, der sich weigerte zu sterben.
Als Elias den Vorhang aus violettem Nebel durchschritt, war das Erste, was ihn traf, nicht die Kälte oder die Dunkelheit. Es war die Größe. Der Saal hatte keine sichtbaren Grenzen. Der Boden aus poliertem Obsidian erstreckte sich in alle Richtungen, bis er im Schatten verschwamm, und über ihnen wölbte sich kein Dach aus Stein, sondern eine Kuppel aus gefrorener Nacht, in der fremde Sterne starr und unbeweglich hingen wie Nadelstiche in einem schwarzen Samttuch.
Elias blieb stehen. Sein Atem ging rasselnd, weiße Wolken in der eisigen Luft, aber sein Herzschlag hatte sich verlangsamt. Es war der ruhige, schwere Schlag eines Hammers, der im Einklang mit dem Berg pochte.
Bumm... Bumm...
Hinter ihm hörte er das schlurfende Geräusch von Tareks Stiefeln, das Klicken von Claras Rüstung, das nervöse Atmen von Marcus. Sie waren ihm gefolgt. Sie waren in den Bauch der Bestie gestiegen, loyal bis zum Schluss.
Aber hier, an diesem Ort, fühlte sich Elias weiter von ihnen entfernt als je zuvor.
„Da ist er“, flüsterte er.
In der Mitte des Saales, isoliert auf einer Insel aus rohem, zerklüftetem Fels, erhob sich das Podest. Darauf stand der Thron. Er war nicht aus Gold oder Eisen geschmiedet. Er war aus dem Berg selbst gewachsen – ein massiver Block aus schwarzem Kristall und Eis, dessen Lehnen wie Klauen geformt waren.
Und in diesem Thron saß Elion .
Der Schattenprinz. Der Verräter. Der Märtyrer.
Elias hatte ihn in den Visionen gesehen. Er hatte ihn jung und stolz in der Halle der Erinnerung gesehen. Aber der Mann, der dort oben saß, hatte nichts mehr von einem Prinzen.
Er war ein Wrack.
Sein Körper war so abgemagert, dass die Haut wie graues Pergament über den spitzen Knochen spannte. Sein langes, weißes Haar hing in verfilzten Strähnen herab und verdeckte sein Gesicht wie ein Leichentuch. Er trug die Überreste einer Rüstung, die vor tausend Jahren silbern gewesen sein mochte, jetzt aber schwarz angelaufen und vom Rost der Zeit zerfressen war.
Aber er saß nicht einfach nur da. Er war eingewachsen.
Schwarze Ranken, dick wie Taue und pulsierend wie Adern, schossen aus der Rücklehne des Throns. Sie bohrten sich in Elions Schultern, in seine Arme, in seinen Nacken. Sie hielten ihn aufrecht. Sie fesselten ihn. Und sie speisten sich von ihm.
„Bei den Göttern“, hauchte Clara hinter Elias. Sie ließ ihr Schwert sinken, die Spitze kratzte über den Boden. „Er lebt noch. Wie kann er noch leben?“
„Er darf nicht sterben“, sagte Marcus. Seine Stimme war dünn, analytisch, aber Elias hörte das Zittern darin. Marcus starrte auf die Ranken. „Das ist ein lebenserhaltendes System. Parasitär. Der Thron... er zwingt das Herz zum Schlagen. Er melkt die Seele, Tropfen für Tropfen.“
Elias trat einen Schritt vor. Das Amulett an seiner Brust wurde heiß. Es war kein warnendes Brennen. Es war ein Erkennen. Das Leere Gefäß und der Thron waren aus demselben Stoff gemacht. Sie waren zwei Hälften eines Ganzen.
„Elion“, sagte Elias.
Der Name verließ seine Lippen, aber er wurde nicht verschluckt. Er wurde verstärkt. Der Saal selbst schien den Namen zu flüstern, ihn von den unsichtbaren Wänden zurückzuwerfen.
Elion... Elion... Elion...
Die Gestalt auf dem Thron zuckte.
Ein trockenes Knacken, wie brechendes Holz, war zu hören, als der alte Mann den Kopf hob. Die weißen Haare fielen zurück.
Elias blickte in das Gesicht des Mannes, dessen Schicksal er teilen sollte.
Die Augen waren das Einzige, was noch lebte. Sie waren tief in den Höhlen versunken, umrandet von schwarzen Schatten, aber sie leuchteten. Ein helles, stechendes Silber, das durch die Dunkelheit schnitt wie Klingen.
Elion blinzelte. Er sah Elias an. Er sah das Licht des Amuletts.
Ein Laut entwich seiner Kehle. Ein Ächzen, das sich langsam zu einem Wort formte.
„Endlich.“
Die Stimme war leise, aber sie hatte eine Resonanz, die Elias in den Zähnen spürte.
Elion versuchte, eine Hand zu heben. Die Schattenranken an seinem Arm spannten sich, zerrten an seinem Fleisch, aber er kämpfte dagegen an. Er hob den Finger und deutete auf Elias.
„Du bist... gekommen.“
„Ich bin hier“, sagte Elias. Er ging weiter, bis er am Fuß des Felsblocks stand. Die Kälte, die vom Thron ausging, war absolut. Sie kroch durch seine Stiefel, lähmte seine Zehen. Aber der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand schützte ihn. Er glühte violett, trank die Kälte.
„Ich habe den Weg freigemacht“, sagte Elias.
Elion lachte. Es war ein furchtbares Geräusch. Ein nasses, rasselndes Husten, bei dem schwarzer Schleim über seine rissigen Lippen lief.
„Frei...“, flüsterte er. „Nichts ist frei, Träger. Der Weg ist nur... offen.“
Sein Blick wanderte an Elias vorbei. Zu den anderen.
Zu Tarek, der sich schwer auf Clara stützte, das Gesicht grau vor Schmerz. Zu Marcus, der seine Tasche umklammerte wie einen Schild. Zu Lyra, die zitternd dastand, die Hände in den Ärmeln verborgen.
Elions silberne Augen wurden weich. Traurig.
„Du hast... Zeugen mitgebracht“, sagte er. „Warum? Um zu sehen, wie ein König stirbt?“
„Um zu sehen, dass du kein Monster bist“, sagte Clara. Sie trat vor, stellte sich neben Elias. Sie hatte Angst, das sah Elias, aber sie hob das Kinn. Sie war eine Arendelle. Sie wich nicht zurück.
„Mein Vorfahre... Goran. Er hat vor deiner Tür gewartet. Er dachte, du hättest uns verraten.“
Elion schloss die Augen. Eine einzelne Träne lief über seine Wange und gefrohr sofort zu Eis.
„Goran“, hauchte er. „Der Treue. Hat er mich verflucht?“
„Nein“, sagte Clara. „Er hat dich beschützt. Bis zum Ende.“
Ein Schauder lief durch Elions Körper. Die Ranken pulsierten heftiger, als würden sie auf seine Emotionen reagieren. Dunkelheit quoll aus dem Stein.
„Er wusste es nicht“, flüsterte Elion. „Niemand wusste es. Ich musste... das Monster sein. Damit niemand versucht, mich zu retten.“
Er riss die Augen auf. Er fixierte Elias.
„Aber du... du weißt es. Du hast es gesehen. Im Feuer.“
„Ja“, sagte Elias. „Ich habe gesehen, was du getan hast. Du hast Anaxi in dich aufgenommen.“
„Und jetzt“, sagte Elion, und seine Stimme wurde dringlicher, panischer, „jetzt bricht sie aus.“
Er riss mit einer ruckartigen Bewegung seine zerschlissene Robe auf.
Lyra schrie auf. Tarek fluchte leise.
Elions Brust war offen.
Es war keine Wunde aus Fleisch und Blut. Es war ein Riss in der Realität. Dort, wo das Herz sein sollte, rotierte ein Wirbel aus absoluter Schwärze. Ein Loch, das Licht fraß. Die Ränder der Wunde waren verkohlt, schwarz, als hätte man sie mit Kälte verbrannt.
Und aus diesem Loch drängte etwas heraus.
Schatten.
Nicht nur Rauch. Feste, ölige Tentakel aus Dunkelheit, die sich wanden und zuckten. Sie versuchten, aus Elions Körper zu entkommen, aber die Ranken des Throns hielten den Körper zusammen, zwangen das Fleisch, nicht zu zerfallen.
„Sie hat Hunger“, keuchte Elion. „Sie hat mich leergefressen. Es ist nichts mehr da. Keine Seele. Keine Erinnerung. Nur noch... Hülle.“
Er streckte die Hand nach Elias aus.
„Gib es mir“, flehte er. „Gib mir das Licht. Oder nimm mir die Last.“
Elias spürte, wie das Amulett reagierte. Es wollte zu dem Loch. Es wollte die Lücke füllen. Die drei Fragmente – Sonne, Wald, Ozean – wirbelten im Kristall. Sie waren die Antwort auf die Frage, die das Loch stellte.
„Ich kann dich nicht heilen“, sagte Elias.
„Ich will keine Heilung!“, schrie Elion. Die Kraft in seiner Stimme war erschreckend. „Ich will das Ende! Ich will schlafen!“
Er bäumte sich auf. Der Thron erzitterte.
„Einer muss sitzen“, sagte Elion. „Das ist das Gesetz. Solange einer sitzt... bleibt die Tür zu. Aber ich... ich stehe schon auf.“
Er blickte Elias an. Der Blick war fordernd. Brutal.
„Du bist der Träger. Du hast das Gefäß. Du bist der Einzige, der stark genug ist.“
Er deutete auf den Boden vor dem Thron.
„Komm her. Setz dich. Und lass mich sterben.“
Die Worte hingen im Raum. Schwer. Endgültig.
Elias stand da. Er spürte die Blicke seiner Freunde in seinem Rücken. Er spürte ihre Angst. Ihre Ablehnung.
Er wusste, dass dies der Moment war. Der Moment, auf den sein ganzes Leben zugelaufen war. Aetherholm. Die Flucht. Der Dschungel. Das Meer. Alles führte zu diesem schwarzen Stuhl.
Er machte einen Schritt.
„Elias“, sagte Clara. Es war kein Befehl. Es war ein Flehen.
Elias blieb stehen. Er drehte sich nicht um.
„Er hat recht“, sagte Elias leise. „Seht ihn euch an. Er hält es keine Stunde mehr.“
„Das heißt nicht, dass du es tun musst“, sagte Tarek. Der Söldner humpelte näher, das Geräusch seines Schwertes auf dem Stein war laut. „Wir finden einen anderen Weg. Wir sprengen das Ding. Wir versiegeln die Höhle.“
„Das reicht nicht“, sagte Marcus.
Alle sahen den Gelehrten an. Marcus stand etwas abseits, die Augen auf die wirbelnde Dunkelheit in Elions Brust gerichtet. Er zitterte nicht mehr. Er war vollkommen ruhig. Die Ruhe der Erkenntnis.
„Die energetische Dichte von Anaxi ist unendlich“, sagte Marcus, als würde er aus einem Lehrbuch zitieren. „Man kann sie nicht einsperren, indem man Steine davorrollt. Sie braucht einen aktiven Widerstand. Ein Bewusstsein, das Nein sagt. Jede Sekunde. Für immer.“
Er blickte Elias an.
„Elion war der Willen. Aber sein Wille ist gebrochen. Wenn er stirbt, ohne dass ein neuer Wille den Platz einnimmt... dann dehnt sich die Entropie aus. Sie wird den Berg fressen. Dann das Land. Dann die Welt.“
„Danke, Marcus“, sagte Clara bitter. „Das hilft ungemein.“
„Es ist die Wahrheit“, sagte Elias.
Er drehte sich wieder zum Thron.
„Ich bin bereit“, sagte er.
„Nein, bist du nicht!“, rief Lyra. Sie rannte los, stellte sich ihm in den Weg. Sie war klein, zierlich, aber in diesem Moment wirkte sie riesig. Ihre Augen, in denen immer noch ein Rest des Reinigenden Feuers glomm, blitzten.
„Du denkst, du bist bereit, weil du keine Angst mehr hast?“, fragte sie. „Du denkst, weil du deine Erinnerungen verkauft hast, tut es nicht weh?“
Sie packte ihn an der Tunika, schüttelte ihn.
„Das da oben...“, sie deutete auf den Thron, „...das ist kein Tod. Das ist ewiges Sterben. Willst du das? Willst du vergessen, wer du bist? Willst du vergessen, dass wir Freunde waren?“
„Ich habe es schon vergessen“, log Elias. „Ich habe der Hexe meine Vergangenheit gegeben. Ich habe keine Bindungen mehr.“
„Lügner“, sagte Tarek.
Der Söldner trat neben Lyra. Er legte seine Hand auf Elias’ Schulter.
„Du hast uns nicht vergessen. Du hast mich getragen, als ich verbrannt war. Du hast um Zara getrauert. Ich habe es gesehen.“
Tarek drückte zu.
„Du bist kein Wächter, Junge. Du bist ein Mensch. Und Menschen gehören nicht auf diesen Stuhl.“
Elias spürte, wie seine Fassade bröckelte. Er wollte stark sein. Er wollte das Richtige tun. Aber ihre Nähe... ihre Wärme... sie machte es so schwer.
„Was soll ich denn tun?“, schrie er sie an. Die Verzweiflung brach aus ihm heraus. „Soll ich zusehen, wie die Welt endet? Soll ich euch sterben lassen?“
Er riss sich los. Er rannte die Stufen zum Podest hoch.
„Elias!“, schrie Clara.
Elias erreichte den Thron. Er stand direkt vor Elion. Die Kälte war hier oben unerträglich. Sie biss in seine Haut, in seine Augen.
Elion sah zu ihm auf.
„Tu es“, flüsterte der Prinz. „Erlöse mich.“
Elias hob die Hand. Er wollte nach Elion greifen. Er wollte die Last übernehmen.
Aber dann sah er etwas.
Hinter dem Thron. Im tiefsten Schatten.
Da war Bewegung.
Die Dunkelheit war nicht passiv. Sie wartete nicht nur.
Sie lauerte.
Anaxi formte sich. Ein riesiges Gesicht aus Rauch bildete sich über Elion. Es hatte keine Augen, aber es lächelte.
Es wartete nicht auf einen Wächter.
Es wartete auf ein Opfer.
Elias hielt inne. Seine Hand schwebte Zentimeter vor Elions Brust.
„Komm“, säuselte die Dunkelheit.
Und Elias begriff.
Es war eine Falle.
Das Lächeln der Dunkelheit war kein Bild, das man mit den Augen sah. Es war eine Kälte, die im Kopf begann und sich wie Quecksilber durch die Wirbelsäule nach unten fraß.
Elias stand wie angewurzelt vor dem Thron. Seine Hand, die eben noch ausgestreckt war, um die Bürde von Elion zu nehmen, zitterte in der Luft. Er zog sie nicht zurück, aber er bewegte sie auch nicht vorwärts. Er war gefangen in dem Moment der Erkenntnis, so wie ein Insekt, das im letzten Augenblick den Faden der Spinne glitzern sieht.
„Komm“, wiederholte die Stimme von Anaxi.
Sie klang nicht mehr wie das Rauschen zwischen den Sternen. Sie klang vertraut. Sie klang wie das Knacken des Kaminfeuers in Aetherholm. Wie das Rauschen des Meeres an den Nebel-Inseln. Sie imitierte Geborgenheit.
„Der Stuhl ist weich, Elias. Der Schmerz hört auf. Du musst nur sitzen.“
Hinter dem Thron, aus dem wirbelnden Vortex der Nicht-Existenz, schossen Tentakel hervor. Sie waren nicht grob und gewalttätig wie die Angriffe im Atrium. Sie waren fein, filigran wie schwarze Seide. Sie glitten über Elions geschundenen Körper, ohne ihn zu verletzen, und tasteten nach Elias.
„Zurück!“, schrie Clara.
Der Schrei brach den Bann, zumindest für eine Sekunde. Clara stürmte die letzten Stufen des Podests hinauf. Sie achtete nicht auf die Kälte, die ihre Haut verbrannte. Sie packte Elias am Gürtel und riss ihn mit aller Kraft nach hinten.
Elias stolperte. Die Distanz zum Thron vergrößerte sich um einen Meter.
Das Lächeln der Dunkelheit verschwand.
Die Atmosphäre im Saal kippte. Die verlockende Süße der Stimme wich einem grollenden Zorn. Anaxi wollte nicht spielen. Sie wollte fressen. Und man hatte ihr das Essen vom Teller gezogen.
Der Boden des Thronsaals, dieser spiegelglatte Obsidian, der die Ewigkeit reflektierte, begann zu bluten.
Es war kein Blut. Es war Schattenmaterie, die aus den Poren des Steins quoll. Sie stieg auf wie Grundwasser bei einer Flut, zäh und schwarz. Sie umschloss die Füße von Tarek, von Lyra, von Marcus.
„Bewegung!“, brüllte Tarek. Der Söldner reagierte instinktiv. Er schlug mit dem Stumpf seines Schwertes nach dem Schatten, der an seinem Stiefel hochkroch. Aber es gab nichts zu treffen. Der Schatten war flüssig. Er zog sich zusammen, wurde fest, bildete Fesseln um seine Knöchel.
„Wir kleben fest!“, rief Lyra panisch. Sie versuchte, ihr Bein zu heben, aber der Boden hielt sie umklammert. Das Reinigende Feuer in ihren Händen flackerte auf, sie stieß es gegen den Boden. Es zischte, weißer Rauch stieg auf, aber die Dunkelheit floss sofort nach, löschte die Flamme.
Oben auf dem Podest versuchte Elias, das Gleichgewicht zu finden. Clara hielt ihn immer noch fest, als wäre er ein Ertrinkender.
„Siehst du es nicht?“, schrie sie ihn an, und in ihren Augen standen Tränen der Wut. „Es ist kein Wächter-Sitz! Es ist ein Maul!“
Elias blickte zum Thron. Er sah Elion.
Der Prinz hing in den Ranken, das Gesicht verzerrt vor neuer Agonie. Die Schatten, die aus dem Riss hinter ihm kamen, begannen, sich in sein offenes Brustkorb-Loch zu bohren. Sie füllten ihn auf.
„Er... er ist der Köder“, flüsterte Elias. Die Erkenntnis war bitter wie Galle. „Elion hält sie nicht mehr zurück. Sie benutzt ihn. Sie benutzt ihn, um das Amulett anzulocken.“
„Das Amulett ist der Schlüssel“, rief Marcus von unten. Der Gelehrte steckte bis zu den Waden im Schatten-Schlamm, aber sein Oberkörper war frei. Er hielt seine Tasche hoch, kramte hektisch darin, holte ein Messgerät hervor – ein einfaches Pendel aus Bergkristall. Das Pendel schwang nicht. Es zeigte waagerecht zum Thron, gezogen von einer unsichtbaren Schwerkraft.
„Die energetische Signatur des Thrones ist negativ!“, schrie Marcus. „Er ist ein Inverter! Wenn du dich setzt, Elias, fließt die Energie nicht in den Berg, um das Siegel zu stärken. Sie fließt aus dir heraus, direkt in die Leere! Es ist eine Batterie, die kurzgeschlossen wird!“
Elias griff an seine Brust. Das Amulett war heißer denn je. Es kämpfte. Die drei Fragmente in seinem Inneren spürten die Bedrohung. Sie wollten nicht gefressen werden. Sie wollten explodieren.
Der Riss im Kristall pulsierte in einem alarmierenden Stakkato.
„Ich kann es nicht halten!“, keuchte Elias. „Es will sich entladen!“
„Nicht hier!“, rief Clara. „Wenn du hier feuerst, triffst du Elion!“
Die Schattenwolke hinter dem Thron verdichtete sich. Sie nahm eine Form an. Riesig. Humanoid. Aber ohne Rüstung, ohne Waffen. Nur rohe Kraft.
Sie hob eine Hand – eine Pranke aus Rauch, so groß wie ein Wagen. Sie holte aus.
Sie zielte nicht auf Elias. Sie zielte auf die Gruppe unten.
„Nein!“, schrie Elias.
Er riss sich von Clara los. Er stellte sich an den Rand des Podests. Er hob den Schwarzen Handschuh.
Er konnte nicht feuern. Er konnte nicht angreifen. Aber er konnte sein.
Er war der Träger. Er war der Meister der Energie.
„Schild!“, befahl er.
Es war kein Zauberspruch. Es war eine Willenserklärung.
Das Amulett gehorchte. Es zog Energie aus den Fragmenten – das gleißende Licht der Sonne, die feste Struktur des Waldes, die Dichte des Ozeans. Es wob sie zusammen.
Eine Kuppel aus prismatischem Licht entstand über der Gruppe. Sie schimmerte wie eine Seifenblase aus Diamant.
Die Schattenfaust krachte dagegen.
KRA-KOOM.
Der Saal erzitterte. Der Klang war so laut, dass er nicht gehört, sondern gefühlt wurde. Die Kuppel bog sich nach innen, ächzte, aber sie hielt.
Tarek, der unter der Wucht des Schlages in die Knie gegangen war, blickte nach oben. Er sah das violette Feuer der Dunkelheit, das gegen das Licht von Elias brandete.
„Er schützt uns“, sagte Tarek. Er versuchte, sein Bein aus dem Schattenboden zu befreien. „Aber er kann das nicht ewig halten. Seht ihn euch an.“
Elias stand auf dem Podest, die Arme ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt. Sein Körper leuchtete von innen heraus. Man konnte seine Knochen sehen, dunkel gegen das gleißende Licht seiner Haut. Er verbrannte seine eigene Substanz, um den Schild zu speisen.
Der Handschuh an seiner Hand rauchte. Das Leder begann zu reißen.
„Wir müssen ihn da rausholen!“, schrie Lyra. Sie hatte ihr Reinigendes Feuer entzündet, brannte den Boden um ihre Füße frei. „Er bringt sich um!“
„Wir kommen nicht hoch!“, rief Marcus. „Der Boden... er wird flüssig!“
Der Obsidianboden veränderte sich tatsächlich. Die feste Materie löste sich auf. Der Boden wurde zu einem See aus schwarzem Teer. Sie sanken ein.
„Wir brauchen eine Brücke!“, rief Clara von oben. Sie war die Einzige, die noch festen Boden unter den Füßen hatte, auf dem Podest bei Elias. Aber sie konnte ihn nicht erreichen. Die Energie, die von ihm ausging, stieß sie weg wie ein magnetisches Feld.
„GIB AUF“, dröhnte die Stimme von Anaxi. Sie schlug erneut auf den Schild. „DEINE FREUNDE STERBEN. SIE ERTRINKEN IM SCHATTEN. GIB MIR DAS GEFÄSS, UND ICH LASSE SIE GEHEN.“
Elias hörte das Angebot. Es war verführerisch.
Er sah hinab. Er sah, wie Tarek bis zur Hüfte im schwarzen Schlamm steckte. Wie Marcus verzweifelt versuchte, seine Bücher über den Kopf zu halten. Wie Lyra schrie, als die Kälte an ihren Beinen nagte.
„Lass sie gehen!“, schrie Elias. „Nimm mich! Aber lass sie gehen!“
„Setz dich“, sagte die Stimme. „Setz dich, und der Boden wird fest.“
Elias drehte sich zum Thron um.
Elion hing in den Seilen. Er war bei Bewusstsein. Er weinte.
„Tu es nicht“, flüsterte der Prinz. „Glaube ihr nicht. Sie lügt. Sie frisst alles.“
„Ich habe keine Wahl“, sagte Elias. Die Tränen verdampften auf seinen heißen Wangen. „Ich kann sie nicht retten, wenn ich kämpfe. Ich kann sie nur retten, wenn ich bezahle.“
Er senkte die Arme.
Der Lichtschild über der Gruppe flackerte, wurde dünner.
„NEIN!“, brüllte Tarek von unten. „TU DAS NICHT, JUNGE! WIR STERBEN LIEBER STEHEND ALS DASS DU DICH KNIEST!“
Aber Elias hörte nicht auf Tarek. Er hörte auf die Logik des Opfers.
Er ging auf den Thron zu.
„Elias, bitte!“, schrie Clara. Sie versuchte, durch das Kraftfeld zu dringen, das ihn umgab. Ihre Haut bekam Blasen von der Hitze, aber sie drückte weiter. „Das ist nicht die Lösung! Das ist das Ende!“
„Es ist das einzige Ende, das wir haben“, sagte Elias.
Er erreichte den Thron.
Er streckte die Hand aus, um die Lehne zu berühren. Um den Pakt zu besiegeln.
In diesem Moment geschah etwas Unerwartetes.
Ein Lichtblitz, grün und giftig, schoss von unten herauf. Er traf nicht Elias. Er traf den Boden vor seinen Füßen.
ZISCH.
Der Obsidian schmolz, bildete eine Barriere aus grünem Feuer.
Elias wich zurück.
Er blickte nach unten.
Lyra.
Sie stand im schwarzen Schlamm, der ihr bis zur Taille reichte. Aber sie kämpfte nicht mehr dagegen an, herauszukommen. Sie nutzte ihre Position. Sie hatte beide Hände auf die Oberfläche des Schattens gelegt.
Und sie brannte.
Sie kanalisierte ihr gesamtes Reinigendes Feuer nicht in den Boden, sondern in die Struktur der Festung selbst.
Ihre Haare wehten wild, obwohl es keinen Wind gab. Ihre Augen waren zwei Sonnen aus Neongrün.
„Du gehst da nicht rauf!“, schrie sie. Ihre Stimme war verzerrt, hallend, die Stimme einer Kaiserin. „Ich habe nicht meine Gabe geopfert, damit du deine wegwirfst!“
Die grüne Flamme wuchs. Sie fraß sich durch den Schattenboden, härtete ihn, kristallisierte ihn. Der Teer wurde zu grünem Glas.
Tarek spürte, wie der Boden fest wurde. Er zog sich heraus, mit einem Ruck, der Schlamm und Eis sprengte. Er packte Marcus und zog ihn hoch.
„Sie hat den Boden stabilisiert!“, rief Marcus. Er starrte auf das grüne Glas unter seinen Füßen. „Sie... sie hat die molekulare Struktur der Schattenmaterie kalziniert! Sie hat sie verbrannt!“
Lyra sackte zusammen. Das Feuer erlosch. Sie fiel in Tareks Arme, bewusstlos.
Aber sie hatte Elias Zeit erkauft.
Elias stand vor der Feuerwand. Er konnte nicht zum Thron.
Die Wolke von Anaxi heulte auf. Sie war wütend. Ihr Spielzeug war ihr entrissen worden.
„Ihr lästigen Insekten“, grollte sie.
Die Schattenfaust, die gegen den Schild gehämmert hatte, löste sich auf. Sie wurde zu einem Schwarm.
Tausende von Schatten-Krähen manifestierten sich in der Luft. Sie kreischten. Sie stürzten sich auf die Gruppe.
„Jetzt ist es ein Kampf“, sagte Tarek. Er legte Lyra sanft ab, hinter einen erstarrten Felsbrocken. Er zog sein zerbrochenes Schwert. Er grinste. „Endlich etwas, das man schneiden kann.“
Er blickte zu Clara hoch, die auf dem Podest stand.
„Hol den Jungen da weg!“, brüllte er. „Wir halten die Vögel!“
Clara nickte. Sie zog Aethelgard. Die blaue Klinge summte.
Sie trat an Elias heran. Der Hitzeschild um ihn herum war zusammengebrochen, als er sich dem Thron zugewandt hatte.
Sie packte ihn am Kragen und riss ihn herum.
„Hast du das gesehen?“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Lyra hat sich fast umgebracht für dich! Und du willst dich einfach hinsetzen?“
Elias starrte sie an. Er war verwirrt. Der Einfluss des Throns, das Flüstern von Anaxi, hatte seinen Verstand vernebelt. Aber der Schmerz von Lyras Feuer hatte ihn geweckt.
„Ich...“, stammelte er.
„Wir gehen hier raus“, sagte Clara. „Zusammen. Oder gar nicht.“
Sie zerrte ihn vom Podest weg.
Aber Anaxi ließ sie nicht gehen.
Die Krähenschwärme attackierten. Tarek und Marcus – der verzweifelt mit seiner Leuchter-Konstruktion um sich schlug – wurden zurückgedrängt.
Und oben, über dem Thron, begann sich der Raum zu falten.
Ein Riss öffnete sich in der Luft. Kein Tor. Ein Bruch.
Und aus diesem Bruch schaute etwas heraus.
Ein Auge.
So groß wie der Saal selbst. Violett. Kalt.
Es war nicht Anaxi. Es war das Wahre Gesicht des Berges.
Phobos war zurückgekehrt. Nicht als Körper. Als Bewusstsein.
Und er sah auf Elias.
„Der Schlüssel“, sagte der Berg. „Er gehört nicht dir.“
Ein Strahl aus purer Gravitation schoss aus dem Auge. Er traf Elias.
Elias wurde von den Füßen gerissen. Er flog durch die Luft, weg von Clara, weg vom Ausgang.
Er knallte gegen den Sockel des Throns.
Er war wieder genau dort, wo er angefangen hatte.
Allein. Vor dem leeren Sitz.
Und diesmal gab es keine Barriere.
Der Aufprall gegen den Sockel des Throns hatte Elias die Luft aus den Lungen gepresst, aber es war nicht der physische Schmerz, der ihn am Boden hielt. Es war der Blick.
Über ihm, schwebend im Riss der Realität, starrte das gigantische, violette Auge von Phobos auf ihn herab. Es war kein Auge aus Fleisch und Blut; es war ein Fenster in eine Dimension, die nur aus Kälte und Ablehnung bestand. Der Strahl aus reiner Gravitation, der Elias zurückgeworfen hatte, lag nun wie eine unsichtbare Platte aus Blei auf seinem Brustkorb. Er konnte nicht atmen. Er konnte nicht schreien. Er konnte nur liegen und spüren, wie sein Herzschlag langsamer wurde, erdrückt von der Präsenz eines Wesens, das älter war als die Angst selbst.
„Du bist nicht willkommen“, dröhnte die Stimme des Wächters in seinem Kopf. Sie war nicht laut, sie war schwer. Jedes Wort war ein Stein, der auf sein Bewusstsein gelegt wurde. „Dieser Platz ist nicht für dich. Du bist zu... warm.“
Elias versuchte, seine Finger zu bewegen. Der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand zuckte. Die silbernen Adern glühten schwach, erstickt von der violetten Aura des Wächters. Das Amulett unter seiner Tunika brannte, aber es war ein hilfloses Brennen, wie eine Kohle, die unter einem Gletscher verglüht.
„Lass... mich... los“, keuchte Elias lautlos.
„Warum?“, fragte Phobos. Das Auge verengte sich. „Damit du dich opferst? Damit du den Märtyrer spielst? Ich sehe in dein Herz, Träger. Ich sehe keine Reinheit. Ich sehe Flucht. Du willst dich auf diesen Stuhl setzen, weil du Angst hast, weiterzuleben.“
Das Bild vor Elias’ Augen verschwamm. Die Dunkelheit des Thronsaals wich einem grauen Nebel.
Er sah Aetherholm. Er sah die Ruinen seines Hauses. Aber sie waren nicht leer. Er sah sich selbst, wie er dort stand, alt und grau, allein zwischen den Trümmern.
„Das ist deine Zukunft“, flüsterte Phobos. „Wenn du überlebst, wirst du allein sein. Alle, die du liebst, werden sterben. Tarek wird an seinen Wunden verbluten. Clara wird im Krieg fallen. Lyra wird ausbrennen. Und du wirst übrig bleiben. Ein König der Asche.“
„Nein“, dachte Elias. Er kämpfte gegen das Bild an. „Das ist eine Lüge.“
„Ist es das? Sieh sie dir an.“
Der Druck auf seine Brust ließ für einen Moment nach, gerade genug, damit er den Kopf drehen konnte.
Elias blickte zurück zum Eingang des Podests.
Das Chaos war absolut.
Die Schattenkrähen, die Anaxi ausgespien hatte, waren keine Vögel. Es waren fliegende Splitter aus Dunkelheit, rasiermesserscharf und unendlich schnell. Sie bildeten einen Tornado um seine Freunde.
Er sah Tarek. Der Söldner stand breitbeinig über der bewusstlosen Lyra. Er hatte keinen Schild mehr. Er wirbelte den Stumpf seines Schwertes und seinen Dolch in einem tödlichen Tanz, wehrte die Angriffe ab, die von allen Seiten kamen. Aber er war zu langsam. Elias sah, wie ein Schattenflügel Tareks Schulter streifte. Blut spritzte. Tarek wankte, brüllte vor Wut, aber sein Gesicht war kreidebleich.
Er sah Clara. Sie versuchte, sich zu ihm durchzuschlagen. Aethelgard leuchtete blau, schnitt Schneisen in den Schwarm, aber für jede Krähe, die sie vernichtete, entstanden zwei neue aus dem Rauch. Sie war isoliert, abgeschnitten von den anderen, gefangen in einem eigenen kleinen Krieg.
Und er sah Marcus.
Der Gelehrte kauerte am Boden, dort wo die grüne Glasfläche von Lyras Feuer endete. Er hielt seine Bücher nicht über dem Kopf. Er hatte sie ausgebreitet. Mitten im Inferno, während Schatten um ihn herum kreischten und Steinbrocken einschlugen, las er.
„Was tust du?“, wollte Elias schreien. „Lauf weg!“
Aber Marcus lief nicht. Er starrte auf den Thron. Er starrte auf Elias. Und er schrieb.
Mit einem Stück Kreide, das er aus der Tasche gezogen hatte, kritzelte Marcus Formeln auf den verglasten Boden. Hektisch, besessen. Er blickte hoch zum violetten Auge, dann zum Amulett, dann zum leeren Sitz.
Elias konnte seine Lippenbewegung sehen.
Inkompatibel.
Marcus schrie es nicht. Er flüsterte es. Aber Elias verstand es.
„Sieh ihn an“, höhnte Phobos. „Er rechnet deinen Tod aus. Er weiß, dass du versagen wirst. Selbst wenn ich dich ließe... du passt nicht in das Schloss.“
Elias wandte den Blick ab. Er sah hoch zu Elion.
Der Prinz hing immer noch in den Ranken, nur zwei Meter über ihm. Sein Kopf war zur Seite gefallen, die Augen halb geöffnet, blind und leer. Die Dunkelheit, die aus seiner Brust quoll, war dünner geworden. Er war fast leer.
„Elion“, keuchte Elias. „Hilf mir.“
Der Finger des Prinzen zuckte. Es war die einzige Antwort.
Elias spürte, wie seine Kraft schwand. Die Kälte von Phobos sickerte in seine Muskeln, machte sie schwer und träge. Er wollte einfach nur liegenbleiben. Einschlafen. Die Stimmen in seinem Kopf verstummen lassen.
Ja, dachte er. Es ist einfacher.
Ein Geräusch riss ihn aus der Lethargie.
Es war kein Donnern. Kein magisches Summen.
Es war das Klirren von Metall auf Stein.
Kling. Kling. Kling.
Elias öffnete die Augen.
Jemand stieg die Stufen zum Podest hoch. Langsam. Mühsam.
Es war Clara.
Sie hatte ihren Helm verloren. Ihr Gesicht war blutig, ihr Haar verklebt. Sie hielt das Schwert nicht kampfbereit. Sie nutzte es als Stock. Sie zog ihr linkes Bein nach, als wäre es gebrochen.
Schattenkrähen hackten auf ihren Rücken ein, rissen an ihrem Umhang, an ihrer Rüstung. Sie ignorierte sie. Sie blickte nur auf Elias.
„Steh... auf“, presste sie hervor.
„Geh weg, kleines Insekt“, grollte Phobos. Er richtete einen Teil seiner Aufmerksamkeit auf sie. Eine Welle aus Druck traf Clara.
Sie ging in die Knie. Sie stützte sich auf das Schwert, keuchte, spuckte Blut. Aber sie fiel nicht um.
„Steh auf, Elias“, sagte sie wieder. „Du hast es versprochen.“
„Ich kann nicht“, flüsterte Elias. „Er ist zu schwer.“
„Er ist nur Angst“, sagte Clara. Sie hob den Kopf. Ihre Augen brannten. „Und Angst wiegt nichts.“
Sie ließ das Schwert los. Sie streckte die Hand nach ihm aus. Sie war noch fünf Meter entfernt. Sie konnte ihn nicht erreichen.
Aber die Geste reichte.
Elias sah ihre Hand. Er sah die Schwielen, das Blut, den Schmutz. Es war die Hand, die ihn aus dem Dschungel gezogen hatte. Die Hand, die ihn im Boot gehalten hatte.
Er spürte einen Funken in seiner Brust.
Das Amulett reagierte. Nicht auf Phobos. Auf Clara.
Das Herz des Waldes – das grüne Fragment – pulsierte. Leben. Verbindung.
Sie gibt nicht auf, dachte Elias. Warum gebe ich auf?
Wut flammte in ihm auf. Wut auf seine eigene Schwäche. Wut auf das Auge, das ihn niederdrückte.
Er ballte die Faust im Handschuh.
„Ich... bin... keine... Statue“, knurrte er.
Er drückte sich hoch. Millimeter für Millimeter. Gegen den Druck von tausend Tonnen psychischer Last.
Seine Knochen knackten. Seine Muskeln schrien. Aber er hob den Oberkörper.
Phobos’ Auge weitete sich. Er war überrascht.
„Du wehrst dich?“, fragte der Wächter. „Warum? Es gibt keine Hoffnung.“
„Ich brauche keine Hoffnung“, sagte Elias. Er kam auf die Knie. „Ich habe Sturheit.“
Er riss den Kopf hoch und starrte direkt in das violette Licht.
„Und ich habe Wut.“
Er aktivierte das Amulett. Er rief alle drei Fragmente gleichzeitig. Feuer, Wasser, Leben.
Er formte keinen Schild. Er formte einen Dorn.
Einen mentalen Dorn aus reinem Willen. Und er stieß ihn gegen den Druck.
Brich!
Es gab einen Knall, als würde eine Sehne reißen. Der unsichtbare Fuß, der auf Elias’ Brust gestanden hatte, rutschte ab.
Elias wurde nach vorne katapultiert. Er fiel nicht zurück. Er fiel vorwärts.
Er griff nach dem Sockel des Throns. Er zog sich hoch.
Er stand. Wankend, zitternd, aber er stand.
Zwischen ihm und dem Sitz war nichts mehr. Nur zwei Schritte.
Phobos brüllte vor Zorn. Das Auge verfärbte sich rot.
„DU WIRST NICHT SITZEN!“
Der Riss in der Luft weitete sich. Phobos versuchte, physisch durchzubrechen. Eine gigantische Hand aus Schattenmaterial schob sich aus dem Spalt, griff nach dem ganzen Podest.
„Marcus!“, schrie Elias, ohne sich umzudrehen. „Wie lange noch?“
Unten, am Rand des Lichtkreises, blickte Marcus auf. Er hatte seine Berechnungen beendet. Sein Gesicht war bleich wie der Tod.
Er sah Elias, der vor dem Thron stand. Er sah die Hand des Riesen, die herabsauste.
Und er sah das Ergebnis.
„Elias, nicht!“, schrie Marcus. Seine Stimme überschlug sich. „Die Resonanz! Sie passt nicht! Wenn du dich setzt... explodiert der Kern!“
„Was?!“, rief Elias.
„Deine Signatur!“, brüllte Marcus. Er wedelte mit der Schriftrolle. „Das Amulett ist chaotisch! Der Thron braucht Ordnung! Es ist wie Feuer und Wasser! Es wird keine Bindung geben! Es wird eine Annihilation!“
Elias erstarrte. Seine Hand lag auf der Lehne. Das Eis brannte.
Er verstand. Er war nicht der Wächter. Er war nie der Wächter gewesen. Er war nur der Bote. Er hatte die Energie gebracht. Aber er war nicht das Gefäß, das sie halten konnte.
Er war zu lebendig. Zu voll von den Elementen.
Der Thron brauchte jemanden, der leer war. Jemanden, der keine Elemente in sich trug, sondern Struktur. Logik.
Die Schattenhand von Phobos war fast da.
„Dann zerstöre ich ihn!“, schrie Elias. „Wenn ich ihn nicht nutzen kann, dann kriegt ihn keiner!“
Er wollte das Amulett gegen den Thron schlagen. Er wollte die Energie freisetzen, den Sitz sprengen.
„NEIN!“, schrie Marcus.
Er rannte los. Er verließ seine Deckung. Er rannte durch den Sturm der Krähen, durch die Schatten, die nach ihm griffen.
Er hatte keine Waffe. Er hatte keinen Schild.
Er hatte nur eine Erkenntnis.
Variable C.
Die Konstante war nicht der Thron. Die Konstante war der Wille.
Marcus sprang über die erste Stufe. Er stolperte, fiel, rappelte sich auf.
„Elias, gib es mir!“, schrie er. „Gib mir das Amulett!“
Elias drehte sich um. Er sah Marcus auf sich zukommen. Er sah die Entschlossenheit in den Augen des Gelehrten.
„Du verbrennst!“, rief Elias.
„Ich weiß!“, rief Marcus zurück. Er erreichte das Podest. Er stand vor Elias. „Aber ich bin der Einzige, der die Struktur kennt! Ich kann es neu schreiben! Ich kann den Thron zwingen!“
Die Hand von Phobos schloss sich um das Podest. Stein splitterte.
Die Zeit war abgelaufen.
Elias blickte auf das Amulett. Dann auf Marcus.
Er musste wählen.
Den Thron zerstören und hoffen, dass die Explosion Anaxi tötet (und sie alle). Oder das Amulett abgeben und Marcus opfern.
Er sah in Marcus’ Augen. Er sah keine Angst mehr. Er sah Frieden.
„Vertrau mir“, sagte Marcus.
Zwei Worte, die in dem tosenden Lärm des zerfallenden Thronsaals kaum mehr als ein Flüstern waren, und doch wogen sie schwerer als der Hammer des Schattengottes, der in diesem Moment auf die Barriere einschlug, die Clara und Tarek verzweifelt zu halten versuchten.
Elias starrte seinen Freund an. Er sah das Blut, das aus Marcus’ Nase lief und über seine Lippen tropfte. Er sah die Risse in der Haut des Gelehrten, verursacht durch die Nähe zur reinen Entropie. Und er sah die Augen hinter der zerbrochenen Brille – Augen, die nicht mehr panisch hin und her zuckten, sondern mit einer erschreckenden, kalten Ruhe auf das pulsierende Amulett in Elias’ Hand gerichtet waren.
„Du verbrennst“, wiederholte Elias, seine Stimme rau vor Angst. „Marcus, sieh dich an. Du bist ein Mensch. Das hier...“ Er hob das Leere Gefäß, das nun in einem instabilen, blendenden Weiß glühte, „...das ist die Kraft von drei Welten. Sie hat mich fast getötet. Sie wird dich verdampfen, bevor du den Thron auch nur berührst.“
„Statistisch gesehen...“, begann Marcus, und ein schwaches, zitterndes Lächeln huschte über sein Gesicht, „...hast du recht. Die energetische Dichte übersteigt meine biologische Kapazität um den Faktor tausend.“
Er trat einen Schritt näher, ignorierte die Schatten-Ranke, die nach seinem Bein schnappte.
„Aber du gehst von der falschen Variable aus, Elias. Du denkst, es geht um Stärke. Du denkst, man muss stark sein, um das Amulett zu tragen.“
„Muss man nicht?“, schrie Elias. Der Riss im Kristall weitete sich. Ein Funke sprang über, sengte seinen Ärmel an. „Es ist ein Gewicht! Es ist ein Ozean!“
„Es ist eine Gleichung“, schrie Marcus zurück. Er streckte die Hände aus, als wollte er ein wildes Tier beruhigen. „Und Gleichungen brauchen keine Stärke. Sie brauchen Struktur.“
Er deutete auf Elias’ Brust.
„Sieh dich an, Elias. Du bist voller Leben. Du hast Wut. Du hast Liebe. Du hast Angst. Das Amulett reagiert darauf. Es spiegelt dich. Deshalb ist es instabil! Weil du instabil bist!“
Der Vorwurf traf Elias wie ein Schlag. Er wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass er alles gegeben hatte, dass er stark geblieben war. Aber er wusste, dass Marcus recht hatte. Das Amulett war im Dschungel wild geworden, weil Elias wütend war. Es war in der Wüste kalt geworden, weil Elias einsam war.
Er war kein Gefäß. Er war ein Spiegel.
„Und du?“, fragte Elias leise. „Bist du nicht instabil?“
Marcus’ Gesicht wurde maskenhaft. Der Wind zerrte an seiner zerrissenen Robe.
„Ich bin leer“, sagte er. „Zara ist tot. Meine Bücher sind Asche. Ich habe nichts mehr, was das Amulett spiegeln kann. Ich habe keine Angst mehr vor dem Verlust, Elias, weil ich schon alles verloren habe.“
Er trat noch einen Schritt näher. Er stand jetzt direkt vor Elias. Die Hitze des Amuletts ließ seine Haut dampfen, aber er zuckte nicht zurück.
„Ich bin die Konstante“, flüsterte er. „Ich bin der Stein, der nicht fühlt. Gib es mir. Lass mich die Tür sein.“
KRA-KOOM.
Ein gewaltiger Aufprall erschütterte das Podest. Phobos hatte die äußere Verteidigung durchbrochen.
„Sie kommen durch!“, brüllte Tarek von unten. Der Söldner war in die Knie gegangen, sein einziger verbliebener Dolch in der Hand. Ein Schatten-Ritter stand über ihm, die Axt erhoben.
Clara warf sich dazwischen, fing den Schlag mit Aethelgard ab. Das blaue Schwert sang einen hohen, klagenden Ton. Sie wurde zurückgeworfen, prallte gegen die Stufen.
„Wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen!“, schrie Clara hoch, während sie versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. „Tut etwas! Egal was!“
Anaxi, die Schattenwolke hinter dem Thron, spürte die Unentschlossenheit. Sie wuchs. Sie dehnte sich aus. Sie bildete einen Trichter, der sich über dem Podest drehte.
„Er kann es nicht halten“, dröhnte die Stimme der Leere. „Er ist Fleisch. Fleisch bricht. Gebt mir das Licht. Ich werde es sicher verwahren.“
Elias spürte, wie das Amulett zog. Es wollte zu Anaxi. Es wollte in die Dunkelheit, wie Wasser, das bergab fließt. Seine Muskeln verkrampften. Er konnte seine Hand kaum noch kontrollieren.
„Es... es rutscht mir weg“, keuchte Elias.
„Dann lass los!“, rief Marcus.
Er griff zu.
Es war keine Übergabe. Es war ein Raub.
Marcus’ Hände schlossen sich um das glühende Metall des Amuletts, über Elias’ Händen.
Zisch.
Der Geruch von verbrannter Haut stieg auf. Marcus schrie, ein kurzer, scharfer Laut. Aber er zog nicht zurück. Er drückte zu.
Elias sah in die Augen seines Freundes. Er sah den Schmerz. Aber er sah auch etwas anderes. Eine tiefe, unendliche Ruhe. Die Ruhe einer mathematischen Lösung, die endlich aufgeht.
„Lass los, Elias“, sagte Marcus. „Du bist frei.“
Frei.
Das Wort hallte in Elias’ Kopf. Frei von der Kälte. Frei von dem Hunger. Frei von der Stimme Arkans.
Aber auch frei von der Macht. Frei von der Bedeutung.
Wenn er losließ... war er wieder nur Elias. Der Bauernjunge, der nichts konnte.
„Ich...“, setzte er an.
„Jetzt!“, brüllte Marcus.
Eine Schattenklaue schoss aus dem Wirbel herab, direkt auf sie zu.
Elias öffnete die Hände.
Das Amulett fiel.
Es fiel nicht zu Boden. Marcus fing es auf. Er presste es gegen seine Brust, direkt auf die blutige Rune, die er sich dort geritzt hatte.
Der Effekt war augenblicklich.
Der Lichtschein, der Elias umgeben hatte, erlosch. Die Kälte, die in seinen Knochen saß, wich einer plötzlichen, schockierenden Normalität. Er fühlte sich, als hätte man ihm die Schwerkraft zurückgegeben. Er sackte zusammen, fiel auf die Knie.
Er war leer. Vollkommen leer.
Aber Marcus...
Marcus leuchtete.
Das Amulett reagierte auf den neuen Wirt. Aber es reagierte anders als bei Elias. Es gab keine Explosion. Es gab kein wildes Flackern der Farben.
Das Licht wurde... geordnet.
Die wirbelnden Farben – Rot, Grün, Blau – ordneten sich in geometrische Muster. Sie bildeten Linien, Kreise, Dreiecke, die sich über Marcus’ Körper ausbreiteten. Seine Haut wurde transparent, wie Glas, und darunter sah man nicht Adern und Muskeln, sondern Ströme aus goldenem Licht, die in perfekten Bahnen flossen.
Er schrie nicht. Er atmete tief ein.
„Variable akzeptiert“, sagte Marcus. Seine Stimme klang nicht mehr menschlich. Sie klang wie das Summen eines riesigen Mechanismus.
Er drehte sich zum Thron um.
Die Schattenklaue, die ihn greifen wollte, prallte gegen eine unsichtbare Wand. Marcus hob die Hand. Er schnippte mit den Fingern.
Ein Impuls aus reinem, weißem Licht schoss aus seiner Hand. Er traf den Schatten.
Die Klaue zerfiel. Sie löste sich auf in binären Code aus Licht und Dunkelheit.
„Die Struktur ist fehlerhaft“, stellte Marcus fest. Er ging auf den Thron zu. Seine Schritte hallten laut, metallisch.
Elion, der immer noch am Boden lag, hob den Kopf. Er sah Marcus an.
„Du bist nicht der Träger“, flüsterte der Prinz.
„Nein“, sagte Marcus. Er blickte auf den alten Mann hinab. „Ich bin der Architekt.“
Elias kniete am Boden und starrte seinen Freund an. Er erkannte ihn nicht wieder. Das war nicht der Marcus, der im Dschungel über Wurzeln stolperte. Das war ein Wesen aus reiner Energie und Willen.
„Marcus!“, rief Elias. „Was tust du?“
Marcus blieb vor dem leeren Sitz stehen. Er drehte sich nicht um.
„Ich korrigiere den Fehler“, sagte er.
Er hob das Amulett, das nun fest in seiner Brust saß, als wäre es dort gewachsen.
„Der Thron braucht keinen Sitzenden“, sagte Marcus. „Er braucht einen Kern.“
Er stieg auf das Podest. Er setzte sich nicht. Er stieg auf den Thron. Er stellte sich auf die Sitzfläche.
Er hob beide Hände in die Luft.
„Variable C“, rief er. „Verschmelzung.“
Der Thron unter seinen Füßen begann zu schmelzen. Das schwarze Eis wurde flüssig, kroch an seinen Beinen hoch.
Aber es verletzte ihn nicht. Es verband sich mit ihm.
Oben, in der Kuppel, brüllte Phobos. Das riesige Auge weitete sich vor Entsetzen.
„NEIN!“, dröhnte der Wächter. „DAS IST NICHT DAS RITUAL! DU BRICHST DIE REGELN!“
„Ich schreibe sie neu“, sagte Marcus.
Der flüssige Obsidian erreichte seine Hüften. Marcus blickte ein letztes Mal zu Elias.
Sein Gesicht war noch menschlich. Die Brille saß schief. Ein letztes, kleines Lächeln.
„Pass auf die Bücher auf, Elias“, sagte er.
Dann umschloss ihn der Stein bis zur Brust.
Der Thronsaal schrie.
Es war kein menschlicher Laut und auch nicht das Grollen von Steinen. Es war der Schrei der Entropie selbst, die spürte, dass ihr eine Ordnung aufgezwungen wurde. Als das flüssige, schwarze Eis des Throns an Marcus’ Beinen hochkroch und sich mit seinem Fleisch verband, sandte der Berg eine Schockwelle aus, die so heftig war, dass die Luft im Saal zu flimmern begann wie über einer heißen Straße.
Elias stand am Fuß des Podests. Seine Hände waren leer. Seine Brust fühlte sich taub an, ein riesiges, klaffendes Loch dort, wo sekundenlang zuvor noch die Hitze und das Gewicht des Amuletts gewesen waren. Er fühlte sich federleicht, fast substanzlos, als hätte Marcus nicht nur das Artefakt, sondern auch Elias’ Schwerkraft mitgenommen.
Aber er hatte keine Zeit, den Verlust zu spüren.
„Sie kommen!“, brüllte Tarek.
Der Söldner kniete am unteren Ende der Treppe, gestützt auf den Stumpf seines Schwertes. Er zeigte mit dem Dolch in die Dunkelheit jenseits des Lichtkreises, den Marcus ausstrahlte.
Die Schatten, die Anaxi ausgespuckt hatte – die formlosen Tentakel, die Krieger, die Krähen –, zogen sich zusammen. Sie formierten sich neu. Sie griffen nicht mehr wahllos an. Sie hatten jetzt ein Ziel.
Ein einziges Ziel.
Marcus.
Der Gelehrte auf dem Thron war ein Leuchtfeuer in der Nacht. Das goldene Licht der Variable C brannte sich durch die Dunkelheit, ordnete das Chaos, zwang die Schatten in geometrische Formen. Und die Dunkelheit hasste es.
„Haltet ihn auf!“, dröhnte die Stimme von Phobos. Das riesige Auge in der Kuppel weitete sich, blutunterlaufen von violetten Blitzen. „Brecht den Anker!“
Eine Welle aus Schatten-Kriegern brandete gegen das Podest. Sie waren größer als zuvor, dichter, geformt aus dem puren Willen des Berges, zu überleben.
„Verteidigung!“, schrie Clara.
Sie humpelte die Stufen hoch, stellte sich direkt vor Marcus. Ihr Schwert Aethelgard war nur noch ein Splitter seiner selbst, die Klinge schartig und stumpf, aber das blaue Licht leuchtete heller denn je, genährt von ihrer Verzweiflung.
„Niemand berührt ihn!“, rief sie. „Hört ihr? Niemand!“
Elias erwachte aus seiner Starre. Er sah Clara, die allein gegen eine Armee stand. Er sah Tarek, der sich mühsam aufrappelte. Er sah Lyra, die Elion in Sicherheit zerrte.
Er musste helfen.
Er rannte los. Er wollte nach dem Amulett greifen, um Feuer zu rufen, aber seine Hand griff ins Leere.
Ich habe nichts, dachte er panisch. Ich bin nutzlos.
Ein Schatten-Ritter sprang auf das Podest, holte mit einer Axt aus schwarzem Glas aus, um Clara zu spalten.
Elias dachte nicht nach. Er warf sich dazwischen.
Er hob den rechten Arm. Den Arm mit dem Schwarzen Handschuh.
Er erwartete, dass die Axt seinen Arm abtrennen würde. Dass er sterben würde.
Aber als die Klinge den Handschuh traf, geschah etwas.
KLONG.
Es gab kein Schneiden. Es gab einen Aufprall wie Metall auf Metall.
Der Handschuh hielt.
Das Leder war nicht mehr weich. Es war hart geworden, steinhart, und die schwarzen Fasern hatten sich verdichtet. Der Handschuh war nicht mehr nur ein Leiter für das Amulett. Er war ein Artefakt für sich. Er war Arkans Werkzeug. Und Arkan hatte ihn nicht gebaut, um zerbrechlich zu sein.
Der Schatten-Ritter taumelte zurück, überrascht von dem Widerstand.
Elias starrte auf seine Hand. Er spürte keine Kälte mehr. Er spürte... Griff.
Er packte die Axtklinge. Er riss sie dem Ritter aus der Hand. Er wirbelte herum und rammte den Stiel der Waffe in die Brust des Schattens.
Der Ritter löste sich auf.
„Ich brauche keine Magie“, keuchte Elias. Er ballte die Faust. Der Handschuh knirschte. „Ich habe Hände.“
Er stellte sich neben Clara.
„Wir halten sie auf“, sagte er.
„Wie lange?“, fragte Clara, die einen weiteren Angriff parierte.
„So lange es dauert“, sagte Elias.
Er blickte kurz zurück zu Marcus.
Der Prozess der Verschmelzung war fortgeschritten. Der flüssige Obsidian reichte Marcus jetzt bis zur Brust. Seine Arme waren noch frei, seine Hände formten immer noch Zeichen in der Luft, dirigierten das Licht. Sein Gesicht war verzerrt vor Konzentration und Schmerz. Er schwitzte Gold.
„Die Struktur...“, murmelte Marcus, die Augen starr geradeaus gerichtet. „Die Varianz ist zu hoch. Ich muss... ich muss den Kern stabilisieren.“
„Mach einfach!“, schrie Tarek von unten. „Wir sind beschäftigt!“
Der Kampf wurde brutaler. Es war kein Fechten mehr. Es war ein Ringen im Schlamm der Dunkelheit.
Lyra hatte Elion hinter den Thron gezogen. Sie konnte nicht kämpfen. Aber sie konnte leuchten. Sie kniete sich hin, legte die Hände auf den Boden. Sie rief ihr Reinigendes Feuer.
Ein Kreis aus grünem Licht flammte um das Podest auf. Es verbrannte die Schatten nicht, aber es hielt sie auf Abstand, wie Feuer wilde Tiere.
„Ich halte den Kreis!“, rief sie. Ihre Stimme war dünn, aber fest. „Sie kommen nicht durch den Boden!“
Aber sie kamen durch die Luft.
Die Schattenkrähen, die sich gesammelt hatten, stürzten herab. Sie zielten auf Marcus’ Kopf.
„Oben!“, warnte Elias.
Er sprang. Er griff eine Krähe aus der Luft, zerquetschte sie mit dem Handschuh. Clara schlug zwei weitere entzwei.
Aber es waren zu viele. Eine Krähe durchbrach die Verteidigung. Sie stürzte auf Marcus zu, den Schnabel wie ein Dolch auf sein Auge gerichtet.
Marcus sah sie nicht. Er war zu tief in der Gleichung.
Zisch.
Ein Wasserstrahl schoss durch die Luft. Hart wie ein Pfeil. Er traf die Krähe, schmetterte sie gegen eine Säule.
Elias drehte den Kopf.
Kael.
Der Wassermagier stand am Eingang des Saales, dort wo er zurückgeblieben war. Er lehnte schwer an der Wand, seine Haut war grau, fast durchsichtig. Aber er hatte die Hand erhoben.
„Ich habe... noch... einen Tropfen“, flüsterte Kael.
Er hustete. Wasser lief aus seinem Mund. Er sank zu Boden.
„Kael!“, rief Lyra.
„Bleib hier!“, befahl Elias. „Wenn du den Kreis brichst, sind wir tot!“
Lyra schluchzte, aber sie blieb knien. Sie presste die Hände fester auf den Boden, speiste das Feuer mit ihren Tränen.
Der Druck nahm zu. Anaxi wurde ungeduldig.
Die Wolke über ihnen verdichtete sich. Sie formte keine Krieger mehr. Sie formte eine Nadel. Einen riesigen Dorn aus konzentrierter Leere, der direkt über Marcus hing.
„Du kannst den Berg nicht schließen“, grollte die Stimme. „Ich bin der Berg.“
Der Dorn senkte sich. Langsam. Unaufhaltsam.
„Er wird ihn aufspießen!“, schrie Clara. „Wir können das nicht blocken!“
Elias sah den Dorn. Er spürte die Macht, die darin steckte. Es war genug Energie, um den Thron zu pulverisieren.
Er sah Marcus. Der Gelehrte war jetzt bis zum Hals im Stein. Er konnte sich nicht bewegen. Er konnte nicht ausweichen.
„Marcus!“, schrie Elias. „Über dir!“
Marcus blickte nicht hoch.
„Die Variable ist korrigiert“, sagte er ruhig.
Er nahm die Hände runter. Er legte sie auf das Amulett, das nun halb im Stein versunken war.
„Jetzt, Elias“, sagte Marcus.
„Was?“, fragte Elias.
„Schließ den Kreis“, sagte Marcus. „Mit dem Handschuh.“
Elias verstand nicht.
„Der Handschuh ist der Leiter!“, rief Marcus. Das Gold in seinen Augen wurde heller, blendend. „Ich bin die Batterie. Aber du... du bist der Schalter! Berühre mich! Berühre das Amulett!“
Der Schattendorn war noch drei Meter entfernt.
Elias zögerte. Wenn er das Amulett berührte... würde die Energie durch ihn fließen. Durch den Handschuh.
„Tu es!“, schrie Marcus. „Vertrau der Logik!“
Elias sprang.
Er sprang über Clara hinweg, auf den Thron zu. Er streckte die behandschuhte Hand aus.
Der Dorn fiel.
Elias’ Hand traf das Amulett auf Marcus’ Brust.
Kontakt.
In dem Moment, als das Leder des Handschuhs auf das glühende Metall und den versteinerten Körper von Marcus traf, schloss sich der Stromkreis.
Es gab keinen Schmerz. Es gab nur Licht.
Elias wurde nicht zurückgeworfen. Er wurde festgehalten.
Der Handschuh verschmolz mit dem Amulett. Die silbernen Adern in Elias’ Arm leuchteten auf, so hell wie die Sonne.
Er spürte Marcus.
Nicht den Körper. Den Geist.
Er war in Marcus’ Kopf.
Er sah Zahlen. Unendlich viele Zahlen, die in perfekten Bahnen kreisten. Er sah die Struktur der Welt, zerlegt in Formeln und Geometrie. Es war wunderschön. Es war kalt. Es war perfekt.
„Hallo, Elias“, dachte Marcus. Seine Stimme war überall. „Danke, dass du den Schalter gedrückt hast.“
„Marcus“, dachte Elias. „Du stirbst.“
„Nein“, antwortete Marcus. „Ich werde konstant.“
Elias sah, wie Marcus in seinem Geist die Hände hob. Er griff nach den Zahlen. Er griff nach der Energie des Amuletts – Feuer, Wasser, Leben – und ordnete sie.
Er baute eine Wand. Nicht aus Stein. Aus Regeln.
„Entropie darf nicht passieren“, diktierte Marcus. „Licht muss bleiben. Schatten muss weichen.“
Draußen, in der Realität, explodierte der Thron.
Nicht in Trümmer. In Licht.
Eine Säule aus goldenem Feuer schoss vom Thron nach oben. Sie traf den Schattendorn.
Der Dorn hatte keine Chance. Er traf auf die absolute Ordnung. Er löste sich auf. Er wurde nicht zerstört, er wurde korrigiert. Die Dunkelheit wurde in Licht verwandelt.
Die Säule schoss weiter. Sie traf die Decke. Sie traf den Riss im Himmel.
Sie nähte ihn zu.
Mit Fäden aus Gold und Logik wurde der Riss in der Realität geschlossen. Die Sterne kehrten zurück.
Die Schatten im Saal kreischten. Sie verloren ihre Form. Sie wurden zu Staub, zu Luft, zu Nichts.
Der Druck verschwand. Die Kälte verschwand.
Elias wurde freigegeben.
Der Handschuh löste sich vom Amulett. Elias fiel rückwärts, die Stufen des Podests hinunter. Clara fing ihn auf.
Sie starrten zum Thron.
Das Licht verblasste langsam.
Marcus saß dort.
Aber er bewegte sich nicht mehr.
Der Obsidian war ihm bis zum Hals gestiegen. Dann war er über sein Gesicht gekrochen.
Er war vollständig eingeschlossen.
Ein perfekter Block aus schwarzem, durchsichtigem Kristall. Und darin, wie ein Insekt im Bernstein, saß Marcus.
Er hatte die Augen offen. Er trug seine Brille. Er hatte die Hände auf dem Amulett gefaltet. Er sah aus, als würde er über ein schwieriges Problem nachdenken.
Er atmete nicht. Er blinzelte nicht.
Er war Stein.
Und das Amulett in seiner Brust leuchtete. Ein ewiges, stetiges Licht, das den ganzen Berg durchdrang.
Das Siegel war geschlossen.
Der Moment, in dem Elias den Griff um das Amulett lockerte, war kein Moment der Befreiung. Es war ein Moment des Verrats.
Sein Körper, der monatelang an die parasitäre Kälte und die berauschende Macht des Vakuums gewöhnt war, schrie auf. Es fühlte sich an, als würde er sich selbst häuten. Die silbernen Adern, die sich vom Schwarzen Handschuh bis zu seinem Hals hochgefressen hatten, pulsierten wild, zogen sich krampfhaft zusammen, als wollten sie das Artefakt festhalten, es zurück in seine Verankerung auf dem Brustbein zwingen.
„Nein!“, schrie die Stimme in seinem Kopf – eine Mischung aus dem Willen des Amuletts und dem Echo von Arkan. „Du bist der Träger! Du darfst nicht leer sein!“
Aber Elias hörte nicht zu. Er sah nur Marcus.
Er sah die blutigen Hände des Gelehrten, die sich ihm entgegenstreckten. Er sah die Augen hinter der zerbrochenen Brille, die nicht gierig waren, sondern ruhig. Eine tödliche, mathematische Ruhe.
„Nimm es“, keuchte Elias.
Er ließ das Amulett in Marcus’ Hände fallen.
Es gab kein Geräusch, als das Metall die Haut des Gelehrten berührte. Es gab eine Stille.
Eine Schockwelle aus absoluter Kälte ging von dem Berührungspunkt aus. Sie war so intensiv, dass die Luft im Umkreis von zwei Metern sofort zu Eisstaub kristallisierte. Elias wurde zurückgeworfen, nicht von einer Explosion, sondern von dem plötzlichen Fehlen jeglicher Verbindung. Er landete hart auf den Stufen des Podests, fühlte sich federleicht, ausgehöhlt, bedeutungslos.
Der Schwarze Handschuh an seiner Hand wurde augenblicklich grau. Das Leben wich aus dem Leder. Es war nur noch toter Stoff.
Marcus hingegen...
Marcus schrie nicht. Er stöhnte nicht. Er knickte nicht ein.
Als das Amulett seine Handflächen berührte, geschah etwas, das keiner von ihnen erwartet hatte. Das Artefakt hörte auf zu flackern. Das instabile, chaotische Pulsieren der drei Fragmente – das wilde Rot, das wuchernde Grün, das tiefe Blau – erstarrte.
Die Farben ordneten sich. Sie wurden nicht gemischt. Sie wurden sortiert.
Ein geometrisches Muster aus Lichtlinien breitete sich über Marcus’ Arme aus, geometrisch perfekt, winkelgetreu. Es war, als würde das Amulett erkennen, dass es nicht mehr von einem Sturm aus Emotionen gehalten wurde, sondern von einem Gitter aus Logik.
„Die Variable...“, flüsterte Marcus. Seine Stimme war dünn, aber sie hallte seltsam metallisch in der großen Halle. „Die Variable ist akzeptiert.“
Er drückte das Amulett nicht an seine Brust, wie Elias es getan hatte. Er hielt es vor sich, wie eine Laterne. Wie ein Werkzeug.
Oben in der Kuppel, im Riss der Realität, reagierte Anaxi.
Die Ur-Leere hatte auf Elias gewartet. Auf den emotionalen, instabilen Träger, den sie korrumpieren und fressen konnte. Aber das, was jetzt vor dem Thron stand... das schmeckte nicht nach Futter. Das schmeckte nach Stein. Nach Gesetz.
Der Schattenwirbelsturm stockte. Das violette Auge von Phobos verengte sich.
„Falsch“, grollte der Berg. Die Wände vibrierten. „Das ist nicht der Schlüssel. Das ist... Kalkül.“
Die Dunkelheit griff an.
Nicht mehr mit der verführerischen Sanftheit, mit der sie Elias gelockt hatte. Sie schlug zu.
Zehn riesige Speere aus verdichteter Schattenmaterie schossen aus der Wolke herab. Sie zielten alle auf Marcus. Sie wollten den Fehler im System löschen, bevor er Wurzeln schlagen konnte.
„Marcus!“, schrie Clara von unten.
Sie war die Erste, die reagierte. Sie stieß Tarek zur Seite, der immer noch benommen am Fuß der Treppe kniete. Sie rannte die Stufen hoch, sprang über Elias hinweg, der am Boden lag und auf seine leeren Hände starrte.
Sie hatte keinen Schild mehr. Sie hatte nur Aethelgard.
„Deckung!“, brüllte sie und warf sich vor Marcus.
Sie riss das Schwert hoch, quer vor ihren Körper. Es war eine lächerliche Geste gegen die Macht eines Gottes.
Aber Marcus reagierte.
Er sah die Speere kommen. Er sah Clara. Er sah die Trajektorien.
Er hob das Amulett. Er drehte es. Nur einen Millimeter.
„Refraktion“, sagte er.
Ein Lichtimpuls schoss aus dem Kristall. Er war nicht hell. Er war scharf. Eine flache Scheibe aus goldenem Licht, die sich vor Clara ausbreitete.
Die Schattenspeere trafen auf die Scheibe.
Sie prallten nicht ab. Sie wurden gebrochen. Wie Licht in einem Prisma wurden die dunklen Lanzen in tausend harmlose Strahlen zerlegt, die an die Wände des Saales prasselten und dort verpufften.
Clara blinzelte. Sie lebte noch.
Sie drehte sich zu Marcus um. Er stand immer noch da, die Hände um das Amulett gekrallt, den Blick starr auf die Wolke gerichtet. Blut lief ihm aus der Nase, aus den Augenwinkeln. Die Anstrengung, die reine Energie durch seinen untrainierten Körper zu leiten, zerriss ihn innerlich.
„Ich kann es nicht halten“, presste Marcus hervor. „Die Dichte... sie zerquetscht meine Synapsen. Ich brauche Zeit. Um die Formel zu verankern.“
„Wir verschaffen dir Zeit!“, rief Tarek.
Der Söldner hatte sich aufgerappelt. Er humpelte die Stufen hinauf, sein Gesicht eine Grimasse aus Schmerz und Wut. Er stellte sich neben Clara.
„Elias!“, brüllte Tarek. „Beweg deinen Arsch! Wir brauchen jeden Mann!“
Elias lag am Boden. Er hörte Tarek, aber die Worte ergaben keinen Sinn. Ohne das Amulett fühlte er sich... blind. Taub. Die Welt war grau und leise.
Ich bin nichts, dachte er. Ich war nur der Träger. Jetzt bin ich leer.
Er sah zu Elion.
Der alte Prinz lag immer noch im Schatten des Throns. Er hatte alles gesehen. Seine silbernen Augen waren auf Elias gerichtet.
„Steh auf“, flüsterte Elion. Seine Stimme war kaum hörbar, aber sie schnitt durch Elias’ Selbstmitleid. „Du hast das Gewicht abgegeben, Junge. Nicht die Verantwortung.“
Elias sah seine Hand an. Den toten Handschuh.
Er ballte die Faust. Das Leder knirschte. Es war immer noch da. Arkan hatte ihm den Handschuh gegeben, um das Amulett zu kontrollieren. Aber der Handschuh war auch eine Waffe. Eine physische Waffe.
Elias stand auf. Seine Beine waren wackelig, aber er stand.
Er trat zu den anderen. Clara, Tarek, Elias. Sie bildeten eine Mauer vor Marcus.
„Er rechnet“, sagte Elias. „Wir müssen ihn decken, bis er fertig ist.“
„Womit kämpfen wir?“, fragte Clara. „Magie prallt ab.“
„Wir kämpfen nicht mit Magie“, sagte Elias. Er blickte auf die Schattenarme, die sich erneut aus der Wolke formten. „Wir kämpfen mit Zeit. Wir sind Ablenkung.“
Anaxi brüllte. Der ganze Saal bebte. Die Schattenarme kamen herunter, diesmal nicht als Speere, sondern als Hämmer.
„Ausweichen!“, rief Elias.
Sie sprangen auseinander. Der Hammer traf das Podest, splitterte den Obsidian.
„Jetzt!“, schrie Tarek. Er sprang auf den Schattenarm, rammte seinen Dolch in die wolkenartige Substanz. Es nützte nichts, aber es zog die Aufmerksamkeit auf sich. Der Arm schüttelte sich, warf Tarek ab.
Clara attackierte von der anderen Seite, schlug mit dem Schwert nach den Sehnen der Dunkelheit.
Elias rannte in die Mitte. Er hatte keine Waffe. Er hatte nur seinen Körper.
Er sprang. Er griff nach einem der kleineren Tentakel, die nach Marcus tasteten. Er packte ihn mit dem Handschuh.
Das tote Leder reagierte nicht magisch. Aber es war zäh. Elias hielt fest. Er riss daran, mit seinem ganzen Körpergewicht.
„Hier drüben!“, schrie er das Monster an. „Ich bin es! Der Träger! Hol mich doch!“
Das violette Auge von Phobos drehte sich zu ihm.
„Du bist leer“, grollte der Wächter. „Du bist wertlos.“
„Dann töte mich doch!“, schrie Elias.
Ein Schattenstrahl schoss auf ihn zu. Elias duckte sich weg, spürte die Kälte an seiner Wange vorbei zischen.
Er lachte. Es war ein verzweifeltes, freudloses Lachen. Er war nur ein Köder. Aber er funktionierte.
Hinter ihm arbeitete Marcus.
Der Gelehrte hatte die Augen geschlossen. Er ignorierte den Kampf. Er ignorierte die Schreie seiner Freunde. Er war in seinem eigenen Kopf.
Er baute.
Er nahm die Energie des Amuletts und baute im Geist eine Struktur. Er legte Variablen fest.
Variable A: Die Entropie. Unendlich. Variable B: Das Gefäß. Endlich. Variable C: Der Katalysator.
Er brauchte einen Anker. Einen Punkt, an dem er die Unendlichkeit festnageln konnte.
Er tastete nach dem Thron hinter sich. Der schwarze Eisstuhl. Er war kalt. Er war leer.
Perfekt, dachte Marcus.
Er öffnete die Augen. Sie glühten golden.
„Ich bin bereit“, sagte er leise.
Aber der Feind war noch nicht fertig.
Anaxi hatte genug von den Fliegen, die um sie herumschwirrten. Die Dunkelheit zog sich zusammen. Sie ignorierte Elias, Clara und Tarek.
Sie konzentrierte sich ganz auf Marcus.
Eine Wand aus Schwärze, so massiv wie eine Flutwelle, erhob sich über dem Podest. Sie wollte Marcus nicht aufspießen. Sie wollte ihn erdrücken. Ihn und das Amulett einfach unter Tonnen von Nichts begraben.
„Marcus!“, schrie Elias. „Lauf!“
Marcus bewegte sich nicht. Er hielt das Amulett hoch.
„Nein“, sagte er.
Er sah Elias an. Ein letztes Mal.
„Die Rechnung stimmt.“
Dann tat er den Schritt.
Nicht weg von der Welle. Auf den Thron zu.
Der Thronsaal von Nox Aeterna, der eben noch von dem dröhnenden Chaos des Kampfes und dem Schreien der Dunkelheit erfüllt war, verfiel in eine Schockstarre.
Elias lag am Fuß des Podests. Seine Hände, die eben noch das Leere Gefäß umklammert hatten, waren leer. Sie zitterten unkontrolliert, krampften sich im Staub des Obsidians zusammen, als wollten sie etwas festhalten, das nicht mehr da war. Der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand war tot. Das Leder war grau geworden, die silbernen Adern erloschen. Die Verbindung war gekappt.
Er fühlte sich nicht befreit. Er fühlte sich amputiert.
Er hob den Kopf. Er musste sehen, was er getan hatte.
Oben, auf dem Block aus schwarzem Eis, stand Marcus.
Er war nicht verbrannt. Er war nicht zu Asche zerfallen, wie Elias es befürchtet hatte. Er stand aufrecht, die Hände vor der Brust verschränkt, das Amulett fest an sein Herz gepresst. Aber er war nicht mehr der Marcus, der im Dschungel gestolpert war.
Er leuchtete.
Ein goldenes Gitter aus Lichtlinien überzog seinen Körper, fixierte ihn in der Realität gegen den zerrenden Sog von Anaxi. Der flüssige Obsidian des Throns war ihm bis zur Hüfte gestiegen, umschloss ihn, verband ihn mit dem Berg.
Aber er bewegte sich noch. Er atmete. Sein Blick hinter der zerbrochenen Brille war auf die Schattenwolke gerichtet, die über ihm hing wie ein Hammer.
„Variable C“, flüsterte Marcus. Seine Stimme wurde von der Magie verstärkt, hallte metallisch von den Wänden. „Der Anker ist gesetzt.“
Die Dunkelheit, die Anaxi war, zögerte. Sie spürte den Widerstand. Sie hatte einen emotionalen Sturm erwartet – Elias’ Angst, Elias’ Wut. Stattdessen traf sie auf eine Wand aus kalter, unbestechlicher Logik.
Die Schattenarme, die nach Marcus griffen, prallten an dem goldenen Gitter ab. Funken stoben.
„Er hält sie“, sagte Clara.
Sie stand neben Elias, das Schwert gesenkt, das Gesicht schmutzig und tränenüberströmt. Sie starrte zu dem Gelehrten hinauf.
„Er hält sie auf.“
„Er hält sie nicht nur auf“, krächzte Tarek. Der Söldner hatte sich an einer Säule hochgezogen. Er blutete aus einem Dutzend Wunden, aber er stand. „Er fordert sie heraus.“
Elias rappelte sich auf. Seine Beine waren weich wie Wasser, aber er zwang sie, ihn zu tragen.
Er wollte zu Marcus rufen. Er wollte schreien: Komm da runter!
Aber er wusste, dass es zu spät war. Der Stein hatte Marcus bereits umschlossen. Die Entscheidung war gefallen.
Er hatte das Amulett geworfen. Er hatte seinen Freund getauscht. Gegen die Welt.
Die Schuld traf ihn wie ein physischer Schlag. Er würgte.
„Ich habe es getan“, flüsterte er. „Ich habe ihn geopfert.“
Neben ihm rührte sich Elion. Der alte Prinz, der im Schatten des Podests lag, hob den Kopf. Seine silbernen Augen waren auf Marcus gerichtet. In ihnen lag kein Entsetzen. In ihnen lag Frieden.
„Nicht geopfert“, flüsterte Elion. „Erwählt.“
Er griff nach Elias’ Hand. Seine Finger waren kalt, aber fest.
„Er hat es gewählt, Elias. Sieh ihn an. Er hat keine Angst.“
Elias blickte hinauf.
Marcus stand im Sturm aus Schatten und Licht. Sein Gesicht war ruhig. Konzentriert. Er sah nicht aus wie ein Opfer. Er sah aus wie ein Mann, der endlich die Lösung für ein Rätsel gefunden hat, das ihn sein ganzes Leben lang gequält hat.
Er blickte kurz nach unten. Zu Elias. Zu Zara – nein, Zara war nicht da. Zu der leeren Stelle, wo sie hätte sein sollen.
Er nickte. Ein kurzes, knappes Nicken.
Es ist in Ordnung, sagte der Blick. Die Rechnung stimmt.
Dann wandte er sich wieder der Dunkelheit zu.
Die Schattenwolke von Anaxi zog sich zusammen. Sie wurde dichter, schwärzer. Sie bereitete sich auf den finalen Schlag vor. Sie würde versuchen, den neuen Wächter zu brechen, bevor er das Siegel schließen konnte.
Der Thronsaal begann zu vibrieren. Steine fielen von der Decke. Der Boden bekam Risse.
„Wir müssen hier weg“, sagte Tarek. Er humpelte zu Elias, zog ihn am Arm. „Wenn das Ding losgeht... wenn er den Deckel draufmacht... wird die Energie hier drin alles zerquetschen, was nicht aus Stein ist.“
„Wir können ihn nicht allein lassen!“, schrie Lyra.
„Er ist nicht allein“, sagte Elias. Er starrte auf das goldene Licht. „Er hat das Amulett. Er hat alles.“
Er ließ sich von Tarek wegziehen. Schritt für Schritt, rückwärts, den Blick nicht von dem Freund auf dem Thron abwendend.
Sie zogen sich zum Eingang des Saales zurück. Zum Riss im Nebel.
Dort blieben sie stehen.
Vor ihnen, in der Mitte der Halle, begann das Licht heller zu werden. Es war nicht mehr nur Gold. Es war Weiß. Blau. Grün. Die Farben der Fragmente, die durch Marcus’ Willen gebündelt wurden.
Sie bildeten eine Barriere um den Thron. Eine Wand aus Licht gegen die Wand aus Schatten.
Der Kampf hatte aufgehört, ein Kampf der Körper zu sein. Es war jetzt ein Kampf der Prinzipien. Existenz gegen Nicht-Existenz.
Marcus hob die Hände. Er begann, die Runen in die Luft zu schreiben.
„Thran...“
Das erste Wort des Rituals.
Der Schall traf Elias wie eine Druckwelle. Er musste die Augen schließen.
Als er sie wieder öffnete, sah er Marcus ein letztes Mal als Mensch.
Der Gelehrte stand aufrecht, im Auge des Sturms, klein und zerbrechlich und unendlich groß.
Dann flammte das Licht auf, blendend, alles verzehrend.
Die Sichtverbindung brach ab.
Elias stand im Vorraum, halb geblendet, halb taub.
Die unmögliche Entscheidung war getroffen worden. Nicht von ihm. Von Marcus.
Und jetzt gab es nur noch das Warten auf das Ergebnis.