NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 18: DAS RITUAL DER BINDUNG
Der erste Schritt war der schwerste. Nicht, weil der Boden uneben war oder die Steigung unüberwindbar schien. Er war schwer, weil er eine Bestätigung darstellte. Solange Elias dort stand, die Hand auf dem warmen, pockennarbigen Fels, der nun den Thronsaal versiegelte, existierte Marcus noch in einer Art Zwischenzustand. Er war greifbar, nur eine Armlänge entfernt, getrennt durch Materie, aber verbunden durch die unmittelbare Erinnerung an seine Stimme, seinen Sarkasmus, das Blitzen seiner Brille. Aber in dem Moment, als Elias den Fuß hob und ihn auf die erste Stufe der schmalen Wendeltreppe setzte, die in den Schacht führte, wurde aus der Distanz Abschied. Jeder Zentimeter, den er sich von dieser Wand entfernte, machte Marcus’ Opfer realer. Und endgültiger.
„Beweg dich, Junge“, kam das heisere Knurren von hinten. Tarek. Elias hörte das Zittern in der Stimme des Söldners, das dieser vergeblich hinter Härte zu verstecken suchte. Es war nicht das Zittern vor Kälte. Es war das Zittern eines Mannes, der gerade seinen Bruder verloren hatte – nicht durch Blut, sondern durch das stärkere Band des gemeinsamen Überlebens. Elias zwang sein Bein nach unten. Sein Stiefel traf auf den Stein. Klack. Das Geräusch war winzig in der gewaltigen Röhre des Berges, aber es war der Startschuss. „Wir gehen“, sagte Elias noch einmal, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Sie stiegen auf. Der Weg, den Marcus ihnen freigekämpft hatte, war kein triumphaler Boulevard. Es war ein Riss im Fleisch des Berges, ein senkrechter Kamin, der wohl einst als Lüftungsschacht für die magischen Energien von Nox Aeterna gedient hatte. Früher war er verstopft gewesen mit Schattennebel, jener toxischen Substanz, die den Verstand zersetzte. Jetzt war der Schacht leer. Aber diese Leere war nicht friedlich. Sie war vakuumartig. Der Fels hier war nicht schwarz wie der Obsidian unten. Er war grau, fast weiß, gebleicht von Jahrtausenden magischer Strahlung. Die Wände waren rau, bedeckt mit einer dünnen Schicht aus Reif, der im schwachen Licht von Lyras Händen glitzerte wie Diamantstaub.
Elias ging voran. Clara folgte ihm, dann Lyra, und Tarek bildete die Nachhut. Keiner sprach. Worte schienen hier oben, jenseits der Wolkendecke, jenseits der Welt der Lebenden, keine Bedeutung mehr zu haben. Worte waren Werkzeuge für Diplomatie, für Handel, für Trost. Hier gab es nichts zu verhandeln. Hier gab es nur Stein und Schwerkraft.
Nach den ersten hundert Stufen begann Elias, die Veränderung in der Atmosphäre zu spüren. Im Thronsaal, vor dem Ritual, war die Luft schwer gewesen, geladen mit der statischen Elektrizität von Phobos’ Bosheit. Sie hatte geschmeckt wie Blut und Eisen. Hier war die Luft anders. Sie war dünn. Schrecklich dünn. Elias musste bewusst atmen. Er musste seine Lungen zwingen, sich weit genug zu dehnen, um die spärlichen Sauerstoffmoleküle aus der eisigen Kälte zu filtern. Jeder Atemzug war ein bewusster Akt, ein kleiner Kampf gegen den Instinkt, der ihm sagte, er solle flach und panisch hecheln. Sein Handschuh, der Schwarze Handschuh, reagierte darauf. Er pulsierte nicht mehr wild wie im Kampf. Er summte. Ein tiefes, stetiges Vibrieren, das sich durch Elias’ Arm bis in seine Schulter zog. Es fühlte sich an, als würde der Handschuh die Umgebung scannen, als würde er die Magie, die Marcus freigesetzt hatte, schmecken und kategorisieren. Er ist hier, dachte Elias. Nicht Marcus. Sondern das, was wir suchen. Das, was wir fürchten. Die Präsenz von Elion – oder dem, was Elion gefangen hielt – sickerte von oben herab wie kaltes Wasser.
„Halt“, keuchte Lyra hinter ihm. Elias blieb sofort stehen. Er drehte sich um, vorsichtig, denn die Treppe war kaum breit genug für zwei Füße nebeneinander. Links von ihnen gähnte der Abgrund des Schachtes, eine Dunkelheit, die selbst Lyras Licht nicht durchdringen konnte. Lyra lehnte an der Felswand. Ihr Gesicht war so bleich, dass es fast mit dem Reif verschmolz. Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen Stecknadelköpfe. Sie presste beide Hände auf ihre Brust. „Was ist los?“, fragte Clara scharf, aber ihre Hand griff sofort nach Lyras Schulter, um sie zu stützen. „Das Echo“, flüsterte Lyra. „Hört ihr es nicht?“ „Ich höre nur den Wind“, brummte Tarek von unten. Er klang atemlos. Der Aufstieg in Rüstung forderte seinen Tribut. „Nein“, beharrte Lyra. Sie schüttelte den Kopf, fahrig, fast panisch. „Nicht mit den Ohren. Im… im Gitter.“ Sie stieß sich von der Wand ab und starrte nach unten, zurück in die Dunkelheit, aus der sie gekommen waren. „Marcus“, sagte sie. „Er… er ordnet.“
Elias spürte eine Gänsehaut, die nichts mit der Kälte zu tun hatte. Er erinnerte sich an das, was Marcus zuletzt gesagt hatte. Variable C. Die Konstante. „Was meinst du?“, fragte er leise. Lyra schloss die Augen. Eine Träne stahl sich unter ihren Wimpern hervor und gefror sofort auf ihrer Wange zu einem kleinen Eiskristall. „Er schreit nicht“, sagte sie, und ihre Stimme war voller Ehrfurcht. „Er rechnet. Ich kann es spüren, weil… weil ich ihn geheilt habe. Ein Teil meiner Magie war in ihm. Und jetzt ist er… überall.“ Sie riss die Augen auf und sah Elias an. „Er hält die Mauern fest, Elias. Physisch. Ich spüre, wie er den Druck des Berges berechnet und dagegenhält. Er ist das Fundament unter unseren Füßen.“ Sie stampfte leicht mit dem Stiefel auf die Stufe. „Das hier… diese Treppe… sie sollte eigentlich zerbröseln. Dieser Schacht ist instabil. Aber er hält die Atome zusammen. Er zwingt den Stein, Stein zu bleiben.“
Tarek lachte. Es war ein kurzes, bellendes Geräusch, das im Schacht widerhallte. „Natürlich tut er das“, sagte der Söldner. „Der sture Hund würde selbst dem Tod verbieten, unordentlich zu sein.“ Er schob sich an Lyra vorbei, drückte sich eng an die Felswand, bis er neben Clara stand. Er legte seine gepanzerte Hand auf Lyras Kopf, eine Geste, die seltsam zärtlich wirkte für einen Mann, der Tötung zu seinem Beruf gemacht hatte. „Lass ihn arbeiten, Kleines“, sagte er sanft. „Wenn wir hier stehen bleiben und über ihn reden, lenken wir ihn nur ab. Und ich habe keine Lust, dass mir der Berg unter dem Hintern wegbricht, weil Marcus sich über unsere Sentimentalität ärgert.“ Lyra nickte langsam. Sie atmete tief ein, ein rasselndes Geräusch. „Du hast recht“, sagte sie. „Er würde wollen, dass wir effizient sind.“ „Effizienz“, wiederholte Clara. Sie drehte sich wieder zum Aufstieg. „Das ist das Wort des Tages.“
Sie kletterten weiter. Stunde um Stunde. Das Zeitgefühl ging verloren. In diesem Schacht gab es keinen Sonnenstand, keine Schatten, die wanderten. Es gab nur das ewige Grau des Felses und das ferne, fahle Licht weit oben, das nicht näher zu kommen schien. Es war eine monotone Tortur. Heben. Setzen. Drücken. Atmen. Heben. Setzen. Drücken. Atmen. Elias’ Oberschenkel brannten. Es fühlte sich an, als hätte jemand glühende Kohlen in seine Muskeln implantiert. Sein Rücken schmerzte dort, wo der Rucksack rieb – ein Rucksack, der leichter geworden war, weil sie kaum noch Vorräte hatten, aber der sich schwerer anfühlte, weil jede Unze Gewicht hier oben dreifach zählte.
Er begann, Dinge zu sehen. Kleine Bewegungen im Augenwinkel. Schatten, die über den Fels huschten. Einmal glaubte er, Jory zu sehen. Der kleine Junge saß in einer Felsnische und baumelte mit den Beinen über dem Abgrund. Er trug den zu großen Helm, der ihm immer über die Augen gerutscht war. „Du hast mich auch zurückgelassen, Elias“, flüsterte der Jory-Schatten. Elias blinzelte. Er schüttelte den Kopf, heftig. Die Nische war leer. Nur grauer Stein und Reif. „Konzentration“, murmelte er. „Es ist die Höhe. Sauerstoffmangel. Hypoxie.“ Marcus hatte ihm davon erzählt. In der Bibliothek, als sie alte Reiseberichte über die Gipfelstürmer des Ersten Zeitalters studiert hatten. Das Gehirn beginnt, Lücken zu füllen, hatte Marcus doziert, mit diesem erhobenen Zeigefinger. Wenn die sensorischen Inputs fehlen und der Sauerstoff knapp wird, greift der Verstand auf das Unterbewusstsein zurück. Du wirst sehen, was du fürchtest oder was du begehrst.
„Alles in Ordnung da vorne?“, rief Clara. Ihre Stimme klang dünn. „Ja“, log Elias. „Nur… ein Stein.“ Er blickte nach oben. Das Licht war heller geworden. Aber es war auch kälter geworden. Ein eisiger Luftzug strich nun beständig den Schacht hinunter. Er roch nicht mehr nach Ozon. Er roch nach Nichts. Es war schwer zu beschreiben. Es war der Geruch von absolutem Stillstand. Wie die Luft in einer Gruft, die seit Äonen nicht geöffnet wurde. Elias wusste, was das bedeutete. Sie näherten sich der Grenze der Atmosphäre. Der Todeszone. Hier oben herrschte nicht mehr das Leben. Hier herrschte die Physik in ihrer reinsten, tödlichsten Form.
Plötzlich blieb er stehen. Die Treppe endete. Nicht, weil sie abgebrochen war. Sondern weil sie in eine Plattform mündete. Ein kleiner Sims, vielleicht drei Meter breit, in den Fels gehauen. Und dort, an die Wand gelehnt, saß etwas. Elias’ Herz setzte einen Schlag aus. Seine Hand fuhr zum Schwertgriff. Es war eine Rüstung. Alt. Rostig. Überzogen mit einer dicken Schicht aus Eis, die sie mit dem Fels verschmolz. Es war keine der Schattenrüstungen von Arkans Garde. Es war eine antike Rüstung. Das Metall war dunkel, fast schwarz, mit feinen Gravuren, die kaum noch zu erkennen waren. Aber das war nicht das Erschreckende. Das Erschreckende war, dass der Helm fehlte. Und der Schädel, der darin hätte sein sollen, grinste sie an. Ein Skelett. Ein Mensch, der hier oben gestorben war. Vor langer Zeit. Er saß da, die knöchernen Hände im Schoß gefaltet, als würde er warten.
Clara trat neben Elias auf die Plattform. Sie stieß einen leisen Laut aus, als sie den Toten sah. „Ein Wächter?“, fragte sie. Elias trat näher. Er kniete sich vor das Skelett. Der Schwarze Handschuh begann wieder zu pulsieren, schneller diesmal. Er sah etwas im Schoß des Toten liegen. Etwas, das die knöchernen Finger umklammerten. Es war kein Schwert. Es war ein Buch. Ein Buch aus Metallplatten, gebunden mit Draht. „Nein“, sagte Elias. Er erkannte das Symbol auf dem Einband. Ein Auge, durchstochen von einem Strahl. „Das ist kein Wächter“, sagte er. Seine Stimme war rau. „Das ist ein Sucher.“ Er blickte zu Tarek und Lyra zurück, die nun auch auf den Sims kletterten und schwer atmend zusammenbrachen. „Ein Sucher aus dem Ersten Zeitalter“, erklärte Elias. „Einer von denen, die Elion ursprünglich begleiteten. Einer von denen, die ihn verraten haben sollen.“
Tarek spuckte aus. Der Speichel gefror, bevor er den Boden traf. „Verräter sterben also auch“, grollte er. Er trat gegen den gepanzerten Stiefel des Skeletts. Der Knochen knackte trocken. „Gut zu wissen.“ „Warte“, sagte Clara. Sie bückte sich und berührte vorsichtig das Metallbuch. „Warum sitzt er hier? Warum ist er nicht… weitergegangen? Oder zurück?“ Elias sah sich um. Vom Sims aus führte der Weg weiter nach oben, aber es war keine Treppe mehr. Es war eine Wand. Eine fast senkrechte Felswand, überzogen mit glattem, schwarzem Eis. Eisenklammern waren in den Fels getrieben worden, aber viele waren verbogen oder abgebrochen. Es sah unmöglich aus.
„Er hat aufgegeben“, sagte Elias leise. Er blickte in die leeren Augenhöhlen des Schädels. „Er ist bis hierher gekommen. Er hat gesehen, was da oben ist. Und er hat sich entschieden, sich hinzusetzen und zu sterben.“ Er stand auf und blickte die Wand hinauf. Das fahle Licht schien nun greifbar nah, vielleicht noch dreihundert Meter vertikal über ihnen. Aber diese dreihundert Meter waren eine Festung aus Eis. „Warum?“, fragte Lyra. Sie zitterte heftig. „Was hat er gesehen?“ Elias legte die Hand an den Fels. Er spürte die Kälte durch das Leder. Und er spürte noch etwas anderes. Eine Vibration. Nicht die von Marcus. Eine andere. Eine, die dissonant war. Falsch. „Er hat erkannt, dass man dort oben nicht kämpfen kann“, sagte Elias. Die Erkenntnis kam einfach so über ihn, eingeflüstert von der Leere in ihm. „Dort oben zählt kein Stahl. Dort oben zählt nur der Wille.“ Er drehte sich zu seinen Gefährten um. Sie sahen furchtbar aus. Clara, die stolze Kriegerin, war grau im Gesicht, ihre Lippen blau. Tarek, der unzerstörbare Fels, hing in den Seilen wie ein Boxer in der zwölften Runde, sein Atem pfeifend. Lyra war nur noch ein Geist in Lumpen. „Das hier“, sagte Elias und deutete auf die Eiswand, „ist das eigentliche Tor. Marcus hat uns die Tür geöffnet. Aber das hier ist die Schwelle.“ Er sah Tarek in die Augen. „Kannst du klettern, alter Mann?“ Tarek grinste. Es war ein schiefes, schmerzverzerrtes Grinsen, aber es war echt. „Ich bin schon aus tieferen Löchern gekrochen, Bauernjunge. Die Frage ist: Kannst du führen?“
Elias blickte auf seinen Handschuh. Er dachte an Marcus, der jetzt Teil des Fundaments war. Marcus hatte sich geopfert, damit sie nicht klettern mussten – zumindest nicht durch die Dunkelheit. Aber die Schwerkraft konnte er ihnen nicht abnehmen. „Ja“, sagte Elias. Er griff nach der ersten Eisenklammer. Sie war kalt genug, um Haut zu verbrennen, aber sein Handschuh schützte ihn. Er zog sich hoch. „Bindet euch aneinander“, befahl er. „Wir gehen als Seilschaft. Wenn einer fällt, fallen alle.“ Es war ein grausamer Befehl. Aber es war der einzige Weg. Es war das Ritual der Bindung. Sie banden sich nicht nur mit Seilen aneinander. Sie banden ihre Schicksale zusammen. In dieser Höhe, an dieser Wand, gab es kein Individuum mehr. Es gab nur noch den Organismus „Gruppe“. Und wenn ein Teil dieses Organismus versagte, starb der ganze Körper.
Clara holte das Seil hervor. Ihre Finger waren steif, aber sie knotete die Schlaufen mit der Präzision, die sie in der Armee gelernt hatte. Sie band sich an Elias. Dann band sie Lyra an sich. Und zuletzt Tarek. Das Seil war alt und ausgefranst, aber es musste halten. „Bereit?“, fragte Elias. Keiner antwortete. Das Nicken der Köpfe war Antwort genug. Elias zog an der Klammer. Er hob den Körper. Der Aufstieg in die Todeszone hatte begonnen.
Es gab keine Welt mehr. Es gab keinen Horizont, keinen Himmel, keine Erinnerung an grüne Wälder oder warme Feuer. Es gab nur noch eine vertikale Realität aus Grau und Weiß, und die einzige Zeitmessung, die noch existierte, war das rasselnde Geräusch in Elias’ eigener Brust.
Einatmen. Die Luft schmeckte nicht nach Sauerstoff. Sie schmeckte nach zerkleinertem Glas. Sie strömte in die Lunge, eiskalt und feindselig, und gefror die Feuchtigkeit in der Luftröhre, bevor sie überhaupt die Alveolen erreichen konnte. Es war kein Atmen, das Leben spendete. Es war ein Atmen, das den Körper von innen heraus abkühlte. Ausatmen. Eine weiße Wolke, die sofort kristallisierte und sich als Reif auf seine Wimpern, seine Augenbrauen, seinen Bart legte. Elias blinzelte. Seine Augenlider fühlten sich an wie Schmirgelpapier. Er musste sie zwingen, sich zu öffnen, musste gegen das Eis ankämpfen, das sie verkleben wollte.
Er hing fünfzig Meter über dem Sims mit dem toten Sucher. Fünfzig Meter. Unter normalen Umständen wäre das eine Sache von Minuten gewesen. Hier, in der Todeszone des Silberkamms, war es eine Ewigkeit. Jeder Meter war ein separater Feldzug. Elias hob den rechten Arm. Der Schwarze Handschuh war das einzige Glied seines Körpers, das nicht vor Erschöpfung schrie. Die Verschmelzung mit seinem Fleisch war hier oben fast vollkommen. Er spürte die Kälte des Eises durch das Leder nicht. Er spürte nur Struktur. Er wusste instinktiv, wo das Eis dick genug war, um sein Gewicht zu tragen, und wo es brüchig war wie Zuckerglas.
Er rammte die Finger in eine Spalte. Kein Werkzeug. Keine Eispickel. Nur die Finger, verstärkt durch die fremde Macht des Handschuhs, und der reine, sture Wille, nicht loszulassen. Er zog sich hoch. Das Seil an seiner Hüfte straffte sich. Das Gewicht der anderen hing an ihm wie ein Anker. Clara. Lyra. Tarek. Drei Leben, verbunden durch ein Hanfseil, das bei jeder Bewegung ächzte.
„Weiter“, krächzte er. Das Wort verließ seinen Mund nicht wirklich. Es blieb in seinem Hals stecken, ein trockener Klumpen. Er wusste nicht, ob sie ihn gehört hatten. Es war auch egal. Der Befehl kam nicht von ihm. Er kam vom Berg. Steig auf oder stirb.
Zehn Meter unter ihm kämpfte Clara. Sie war eine Kriegerin. Ihr Körper war trainiert auf Explosivität, auf den schnellen Schlag, das Ausweichen, den Sprint. Aber das hier war kein Kampf. Das hier war Zermürbung. Ihre Muskeln übersäuerten. Das Milchsäurebrennen in ihren Oberschenkeln war so intensiv, dass es sich anfühlte, als würde ihr Blut kochen. Aber sie durfte nicht zittern. Zittern bedeutete Instabilität. Instabilität bedeutete den Tod. Sie starrte auf Elias’ Stiefelsohlen über ihr. Das war ihr Universum. Schwarzes Leder, abgenutzt, mit Spuren von Obsidianstaub. Sie setzte ihren Fuß in das Loch, das Elias getreten hatte. Ihr Stiefel rutschte ab. Ein Herzschlag lang pure Panik. Ihre Hände krallten sich in den Felsvorsprung vor ihr. Das Eis schnitt durch ihre Handschuhe, tief in die Haut. Blut warm und klebrig, das sofort gefror und sie am Fels festklebte. „Halt!“, keuchte sie. Das Seil ruckte. Lyra, unter ihr, prallte gegen die Wand. Clara presste die Stirn gegen das Eis. Sie würgte. Ihr Magen war leer, aber der Reflex war da, getrieben von der Hypoxie – dem akuten Sauerstoffmangel, der ihr Gehirn langsam in einen Nebel aus Verwirrung hüllte. Warum tun wir das?, dachte sie. Der Gedanke war träge, wie Sirup. Warum lassen wir uns nicht einfach fallen? Fallen ist einfach. Fallen ist warm. Dann spürte sie den Ruck am Seil von oben. Elias zog. Nicht stark. Nur eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass sie gebunden war. Dass ihr Fallen den Tod für Lyra und Tarek bedeuten würde. Die Verantwortung war stärker als die Erschöpfung. Das war Claras Fluch und ihre Rettung zugleich. „Ich… komme“, flüsterte sie und zog sich wieder hoch.
Ganz unten in der Kette hing Tarek. Der Söldner war am Ende. Er wusste es. Sein Körper wusste es. Die alte Verletzung an seiner Flanke, jene, die Lyra in Band 1 notdürftig geheilt hatte, war wieder aufgebrochen. Nicht blutig, aber der Schmerz war zurück, ein pochender, heißer Nagel, der bei jedem Atemzug tiefer getrieben wurde. Und er war schwer. Zu schwer. Seine Rüstung, die Platten aus gehärtetem Stahl, die ihn sein halbes Leben lang vor Schwertern und Pfeilen geschützt hatten, waren jetzt sein Sargdeckel. Jede Platte wog eine Tonne. Er hörte sein eigenes Herz. Es schlug nicht mehr rhythmisch. Es stolperte. Bumm-bumm… Pause… Bumm. Arrhythmie. Das Herz versuchte, das dicke, kalte Blut durch verengte Adern zu pumpen. Tarek sah auf seine Hände. Sie waren blau, die Fingernägel fast schwarz. Er spürte sie nicht mehr. Er sah nur, dass sie sich bewegten, mechanisch, gesteuert von einem Willen, der nichts mehr mit Logik zu tun hatte, sondern mit reinem Trotz.
Er blickte nach oben. Er sah Lyras Füße, die in ihren dünnen Stoffstiefeln zitterten. Sie war die Schwächste von ihnen, rein physisch. Und doch kletterte sie mit einer Leichtigkeit, die unnatürlich wirkte. Tarek kniff die Augen zusammen. Sah er Gespenster? Um Lyras Knöchel schien ein schwaches Licht zu flimmern. Kein magisches Leuchten wie im Kampf. Eher… eine Verzerrung. Als würde der Wind sie tragen. Als würde die Luft um sie herum dichter sein, sie stützen. Vielleicht ist sie schon tot, dachte Tarek zynisch. Vielleicht klettere ich einem Geist hinterher. Er lachte, aber es kam nur ein hustendes Röcheln heraus. Der Husten riss ihn fast von der Wand. Sein ganzer Körper krampfte zusammen. Der Sauerstoffmangel ließ schwarze Punkte vor seinen Augen tanzen. Sein rechter Fuß rutschte weg. Er verlor den Halt mit der linken Hand. Er kippte nach hinten. Für eine Sekunde war er schwerelos. Der Abgrund hinter ihm öffnete sein Maul, bereit, ihn zu verschlucken, ihn hinabzustürzen in den Schacht, vorbei an dem toten Sucher, hinab in die ewige Dunkelheit des versiegelten Thronsaals. Endlich Ruhe, dachte ein Teil von ihm. Dann riss das Seil ihn fast entzwei. Der Gurt schnitt tief in seine Hüfte und seine Rippen. Er prallte hart gegen die Eiswand. Sein Kopf schlug gegen den Fels. Lichtblitze explodierten hinter seinen Augen.
„Tarek!“ Der Schrei kam von oben. Dünn, panisch. Lyra. Tarek hing im Seil. Er pendelte leicht im eisigen Wind. Er schmeckte Blut im Mund. Er hatte sich auf die Zunge gebissen. „Lass… mich…“, keuchte er. Der Gedanke war logisch. Marcus hätte ihn gutgeheißen. Variable T. Das Gewicht. Wenn sie ihn abschnitten, würden die anderen es schaffen. Mit ihm… war die Wahrscheinlichkeit gering. Er griff nach seinem Dolch am Gürtel. Seine Finger waren taub und klobig, aber er fand den Griff. Er wollte das Seil durchtrennen. Das Ritual der Bindung lösen. Es war das letzte Geschenk, das er ihnen machen konnte. Ein Söldner wusste, wann eine Last abgeworfen werden musste. Er setzte die Klinge an das gespannte Hanfseil über ihm. „Tu es nicht!“, schrie Clara von weiter oben. Tarek blickte hoch. Er konnte Claras Gesicht nicht sehen, nur ihre Stiefel, die sich verzweifelt in das Eis krallten, um sein Gewicht zu halten. Das Seil zitterte vor Spannung. „Wir… tragen… niemanden… mehr… zu Grab!“, brüllte Clara. Ihre Stimme brach, überschlug sich. „Hörst du, du alter Bastard? Nicht heute!“
Tarek hielt inne. Die Klinge zitterte am Seil. Er dachte an seinen Bruder. An Zara. Zara, die ihn gehasst und geliebt hatte. Was würde sie tun? Sie würde ihm ins Gesicht spucken, wenn er aufgab. Sie würde ihn verspotten. „Der große Tarek, besiegt von einem bisschen Eis?“ Wut stieg in ihm auf. Heiße, nützliche Wut. Er zog den Dolch zurück und rammte ihn stattdessen mit aller Kraft in das Eis über seinem Kopf. Krack. Der Stahl biss sich fest. Er nutzte den Dolch als Griff. Er zog sich hoch. Er jammerte vor Schmerz, als seine geprellten Rippen protestierten, aber er zog. Er fand Tritt. Er entlastete das Seil. „Ich bin… noch da“, grollte er. Oben atmete Clara aus. Es war ein Geräusch, das im Wind verwehte.
Sie kletterten weiter. Der Rhythmus kehrte zurück, aber er war jetzt langsamer. Tödlicher. Die Wand schien kein Ende zu nehmen. Der optische Eindruck täuschte. Das Eis, das Licht, der Nebel – alles verzerrte die Perspektive. Was wie zehn Meter aussah, waren fünfzig. Was wie ein sicherer Griff aussah, war eine optische Täuschung aus Schatten und Reif.
Elias, an der Spitze, erreichte eine Kante. Er zog sich darüber und rollte sich auf einen schmalen Felsvorsprung. Er blieb liegen, das Gesicht im Schnee, und pumpte Luft in seine brennenden Lungen. Er wartete, bis Clara nachkam, dann Lyra, dann Tarek. Sie lagen dort wie gestrandete Fische, aufgereiht auf einem Sims, der kaum breit genug war, um zu sitzen. Hinter ihnen ging es hunderte Meter senkrecht in den Schacht. Vor ihnen… ging es weiter. Aber die Topographie hatte sich geändert. Sie waren aus dem Schacht heraus. Sie befanden sich nun an der Außenflanke des Silberkamms. Der Blick hätte atemberaubend sein sollen. Man hätte von hier aus die ganze Welt sehen müssen – die Wüste Ashara im Osten, die Wälder im Westen, die Ruinen von Seraphis im Süden. Aber da war nichts. Die Welt unter ihnen war verschwunden. Eine dichte, undurchdringliche Wolkendecke aus wirbelndem Grau lag unter ihnen. Sie waren auf einer Insel im Himmel. Und über ihnen ragte der Gipfel auf. Es war kein normaler Berggipfel. Es war eine Nadel. Eine grotesk verdrehte Spirale aus schwarzem Fels, die sich in den Himmel schraubte, als wollte sie die Sterne aufspießen. Und um diese Nadel herum tobte der Sturm. Aber nicht irgendein Sturm. Es war ein lautloser Sturm. Blitze zuckten, violett und grün, aber es folgte kein Donner. Wolken fetzten um die Spitze, schneller als jeder natürliche Wind, aber man hörte kein Heulen.
„Das Schweigen“, flüsterte Lyra. Sie saß mit angezogenen Knien da und starrte auf den Gipfel. „Das ist Phobos’ Atem.“ Elias setzte sich auf. Ihm war übel. Der Druckunterschied hier oben war brutal. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen. „Wie weit noch?“, fragte Tarek. Er lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Er sah aus wie eine Leiche in Rüstung. Elias blickte hoch zur Nadel. „Schwer zu sagen. Distanzen sind hier… falsch. Aber wir sind im Einflussbereich.“ „Worauf wartest du?“, fragte Clara. Sie massierte ihre Waden. „Dass es wärmer wird?“ „Ich warte auf meinen Atem“, sagte Elias ehrlich. Er blickte auf seine Hände. Der Handschuh pulsierte jetzt so stark, dass Elias’ ganzer Arm zitterte. Die Adern, die sich von dem Leder in seine Haut zogen, leuchteten in einem kränklichen Violett. Das Amulett war weg. Die Leere war nun ungebunden. Elias spürte, wie sein Körper begann, auf die Umgebung zu reagieren. Er fror nicht mehr. Er absorbierte. Die Kälte, die in seinen Körper drang, wurde nicht abgestoßen. Sie wurde aufgesaugt. Er spürte, wie die Wärme seiner Gefährten neben ihm – das bisschen Körperwärme, das sie noch hatten – zu ihm hingezogen wurde wie zu einem Magneten. Er rutschte reflexartig von Clara weg. „Nicht anfassen“, warnte er heiser. „Ich… ich bin offen.“ Clara sah ihn an. Ihre Augen waren voller Sorge, aber auch voller Verständnis. „Du wirst zu dem, was wir brauchen“, sagte sie. „Du wirst zum Gefäß.“
„Nein“, sagte Elias. Er starrte auf die Nadel. „Ein Gefäß bewahrt etwas auf. Ich glaube… ich glaube, ich werde zu einer Klinge.“ Er stand auf. Seine Beine zitterten, aber sie hielten. Die Luft hier oben war so dünn, dass man eigentlich nach wenigen Minuten das Bewusstsein verlieren müsste. Aber Elias spürte eine seltsame Klarheit. Es war die Klarheit des Verhungerns. Sein Körper, beraubt von Nahrung und Sauerstoff, begann, sich selbst zu verzehren. Aber anstatt schwächer zu werden, wurde sein Geist schärfer. Reduziert auf das Wesentliche. Geh hoch. Beende es.
„Wir können hier nicht bleiben“, sagte er. Seine Stimme klang fremd, metallisch. „Wenn wir rasten, schlafen wir ein. Und wer hier einschläft, wacht als Teil der Architektur wieder auf. Fragt den Sucher da unten.“ Tarek stöhnte, rollte sich aber auf die Seite und drückte sich hoch. Er schwankte gefährlich. „Du bist ein Sklaventreiber, Junge“, murmelte er. „Genau wie mein alter Sergeant.“ „Dein Sergeant ist tot“, sagte Elias kalt. „Du nicht.“ Es war grausam. Aber es wirkte. Tarek straffte sich. Der Trotz flammte wieder in seinen Augen auf.
Elias wandte sich der nächsten Passage zu. Es war kein Klettern mehr im herkömmlichen Sinne. Der Weg führte über einen schmalen Grat, kaum breiter als ein Pferderücken. Links und rechts fiel die Wand tausende Meter tief ab in das graue Nichts. Der Wind hier oben war körperlich. Er drückte. Er schob. „Kopf runter“, befahl Elias. „Tiefpunkt niedrig halten. Nicht aufblicken.“ Sie krochen weiter. Das Atmen wurde zu einem bewussten Akt der Gewalt gegen den eigenen Körper. Eins… Zwei… Atmen. Eins… Zwei… Atmen. Und mit jedem Atemzug, den sie taten, zogen sie nicht nur Luft ein. Sie atmeten die Aura von Elion ein. Die Traurigkeit. Sie sickerte in ihre Poren. Eine tiefe, bodenlose Melancholie, die schwerer wog als jeder Rucksack. Es war nicht die scharfe Angst von Phobos, die sie in den unteren Ebenen gespürt hatten. Es war die Resignation eines Gottes, der zu lange gewartet hatte.
Der Grat war kein Ort. Er war eine Linie. Eine gezackte, rasiermesserscharfe Linie aus schwarzem Basalt, die das Universum in zwei Hälften teilte. Links der Abgrund, gefüllt mit wirbelnden grauen Nebeln, die aussahen wie kochende Suppe. Rechts der Abgrund, tiefer, dunkler, eine Schlucht, die bis zum Kern der Welt zu reichen schien. Und dazwischen sie. Vier winzige Punkte, verbunden durch ein vereistes Seil, kriechend auf allen Vieren wie Insekten auf der Schneide eines Schwertes.
Elias setzte die linke Hand vor die rechte. Das Gefühl in seinen Fingern war längst verschwunden. Er wusste nur durch das visuelle Feedback, dass er den Fels berührte. Sein Handschuh war jetzt vollständig mit dem Gestein synchronisiert. Bei jedem Kontakt flackerten violette Adern im Stein auf, kleine Blitze, die die Struktur prüften, bevor sie grünes Licht gaben: Tragfähig. Aber das Problem war nicht mehr der Fels. Das Problem war der Nebel.
Er kroch nicht nur um sie herum. Er kroch in sie hinein. Es war kein normaler Wasserdampf. Es war der Atem von Elion, ausgeatmet über Jahrhunderte der Gefangenschaft, gesättigt mit der Essenz des Bedauerns. Elias hörte Stimmen. Zuerst dachte er, es seien Tarek oder Clara, die hinter ihm fluchten. „Haltet… Schritt…“, murmelte er, ohne sich umzudrehen. Sein Kopf war zu schwer zum Drehen. „Ich bin hier, Elias“, antwortete eine Stimme. Aber sie kam nicht von hinten. Sie kam von vorne. Elias erstarrte. Er hob den Kopf. Drei Meter vor ihm auf dem Grat, balancierend auf einer Spitze, die kaum Platz für einen Fuß bot, stand eine Gestalt. Sie trug ein einfaches Leinenhemd, viel zu dünn für diese Höhe. Ihr Haar war weizenblond und wehte im stummen Sturm. „Mutter?“, flüsterte Elias. Das Wort riss ihm die Kehle auf. Die Gestalt lächelte. Es war das Lächeln, das sie immer gehabt hatte, wenn er abends vom Feld zurückgekommen war, dreckig und müde. Ein Lächeln voller Stolz und unendlicher Müdigkeit. „Komm zurück“, sagte sie. Ihre Stimme war klar, ohne das Heulen des Windes. „Du hast dich verlaufen, mein Sohn. Das Feld muss bestellt werden. Der Winter kommt.“ Elias blinzelte. Tränen froren auf seinen Wimpern. „Du bist tot“, sagte er. „Ich habe dich begraben. In der Asche.“ „Niemand ist tot, solange man sich erinnert“, sagte sie sanft. Sie streckte die Hand aus. „Gib mir deine Hand. Der Handschuh… er frisst dich auf. Zieh ihn aus.“ Elias spürte einen unwiderstehlichen Drang, genau das zu tun. Einfach die Hand auszustrecken. Die Wärme zu spüren. Nach Hause zu gehen. Es wäre so einfach. Ein Schritt nach vorne, in die Arme der Mutter, und der Schmerz würde enden. Er hob die rechte Hand. Der Handschuh vibrierte warnend, ein schrilles Summen in seinem Knochenmark. „Nein“, keuchte er. „Das ist nicht echt.“ „Was ist schon echt?“, fragte die Mutter. Ihr Gesicht begann zu zerfließen, wie Wachs in der Sonne. „Ist dein Schmerz echt? Ist dein Opfer echt? Oder bist du nur ein Kind, das Krieg spielt?“ Elias schloss die Augen. Er sammelte die Leere in seinem Inneren, jene kalte, neutrale Kraft, die das Amulett hinterlassen hatte. Er stieß sie nach außen. Eine Welle aus Stille ging von ihm aus. Als er die Augen öffnete, war der Grat vor ihm leer. Nur nackter, schwarzer Fels. „Illusionen“, krächzte er. „Glaube nichts. Höre nichts.“
Hinter ihm kämpfte Clara ihren eigenen Krieg. Für sie war der Grat keine Linie aus Fels mehr. Er war ein Paradeplatz. Der Nebel hatte sich geformt. Er bildete Reihen von Soldaten. Hunderte von ihnen. Sie standen links und rechts im Abgrund, schwebend in der Luft, aufgereiht in perfekter Disziplin. Sie trugen die Rüstungen von Arendelle. Das Wappen des Weißen Falken auf der Brust. Ihre Visiere waren geschlossen. Aber Clara wusste, wer sie waren. Es war das Verlorene Regiment. Die Einheit ihres Vaters, die er in den Tod geführt hatte. Jene Einheit, deren Untergang den Namen ihrer Familie für immer besudelt hatte. „Seht sie euch an“, flüsterte eine Stimme direkt neben ihrem Ohr. Sie wirbelte herum, wäre fast abgerutscht. Das Seil zu Elias straffte sich und rettete sie. Neben ihr schwebte keine Person, sondern ein blutiges Banner. „Sie warten auf den Befehl, Kommandantin“, höhnte das Banner. „Sie warten darauf, dass du sie rettest. So wie du Marcus gerettet hast. So wie du Zara gerettet hast.“ Clara schüttelte den Kopf. „Ich habe sie nicht gerettet“, wimmerte sie. „Sie sind tot.“ „Exakt“, zischte die Stimme. „Jeder, dem du folgst, stirbt. Jeder, den du anführst, stirbt. Warum gehst du weiter? Um noch mehr Gräber zu schaufeln?“ Einer der Geistersoldaten trat aus der Reihe. Er schwebte auf den Grat zu. Er hob sein Schwert zum Gruß. Dann nahm er seinen Helm ab. Es war kein Gesicht darunter. Nur ein Spiegel. Und in diesem Spiegel sah Clara sich selbst. Aber nicht als Kriegerin. Sondern als kleines Mädchen, das sich weinend unter einem Tisch versteckte, während draußen die Welt brannte. „Feigling“, sagte der Spiegel-Soldat. Clara schrie auf. Sie zog ihr Schwert, rammte es in den Fels vor sich, als wollte sie den Geist aufspießen. Der Stahl schlug Funken auf dem Stein. Das Geräusch holte sie für eine Sekunde zurück. Sie sah Elias vor sich, der sich umsah. Seine Augen waren schwarze Löcher. „Clara!“, rief er. Seine Stimme klang wie durch Watte. „Nicht kämpfen! Es ist nichts da!“ Clara starrte auf ihr Schwert. Sie starrte in den Abgrund. Die Soldaten lösten sich auf, wurden wieder zu Nebel. Aber das Gefühl blieb. Die Gewissheit, dass sie keine Anführerin war. Sondern nur eine Überlebende, die über Leichen ging. „Weiter“, zwang sie sich zu sagen. „Einfach… weiter.“
Noch schlimmer traf es Tarek. Der Söldner hatte keine Angst vor Geistern. Er hatte genug Männer getötet, um zu wissen, dass Tote nicht zurückkamen. Aber was er sah, war kein Toter. Er sah eine Möglichkeit. Der Grat verbreiterte sich vor seinen Augen. Das Eis verschwand. Der schwarze Fels wurde zu warmem Dielenboden. Er roch gebratenes Fleisch. Er roch Wein. Da war ein Tisch, direkt hier auf dem schmalen Grat. Ein grober Holztisch, gedeckt für zwei. Ein Kaminfeuer prasselte dort, wo eigentlich der tödliche Abgrund sein sollte. Und am Tisch saß ein Mann. Er war alt, sein Haar grau, seine Hände groß und schwielig. Er schnitzte an einem Stück Holz. „Vater?“, keuchte Tarek. Der Mann sah auf. Seine Augen waren nicht voller Hass, wie Tarek sie in Erinnerung hatte. Sie waren weich. Einladend. „Setz dich, Junge“, sagte der Vater. Er deutete auf den leeren Stuhl. „Du siehst müde aus. Diese Rüstung… sie ist viel zu schwer für dich.“ Tarek blieb stehen. Seine Knie zitterten. Der Schmerz in seiner Flanke war unerträglich. Der Gedanke, sich zu setzen, einfach nur hinzusetzen und die Last abzulegen, war süßer als jeder Kuss, den er je bekommen hatte. „Ich kann nicht“, sagte Tarek. „Ich habe einen Auftrag. Ich habe Schulden.“ „Schulden“, lachte der Vater. „Bei wem? Bei dem Jungen da vorne? Der ist schon halb tot. Bei dem Mädchen? Die hasst sich selbst. Bei Marcus? Der ist Staub.“ Der Vater stand auf. Er kam auf Tarek zu. Er legte ihm die Hand auf die gepanzerte Schulter. Tarek spürte die Wärme. Physisch. Es war unmöglich, aber er spürte sie. „Du hast genug gekämpft, Tarek. Du wolltest immer beweisen, dass du besser bist als ich. Dass du kein Verräter bist. Aber schau dich an.“ Der Vater hielt ihm einen Kelch hin. Rotwein. Dunkel und schwer. „Verrat ist nur eine Frage der Perspektive“, flüsterte der Vater. „Leg dich schlafen. Der Berg wird dich decken. Es ist warm unter dem Schnee.“
Tarek streckte die Hand aus. Er wollte den Kelch. Er wollte die Ruhe. Das Seil um seinen Bauch ruckte. Es schnitt in sein Fleisch. Der Schmerz war scharf, brutal und real. Er riss Tarek aus der warmen Stube zurück in die Eiswüste. Der Tisch verschwand. Das Feuer erlosch. Der Vater zerfiel zu Asche, die vom Wind verweht wurde. Vor ihm war nur Lyra, die am Seil zerrte, weil sie gestolpert war. „Verdammte Scheiße“, fluchte Tarek. Er weinte. Heiße Tränen, die er hasste. Er hatte fast aufgegeben. Er, Tarek der Unbeugsame, war fast von einer Fantasie besiegt worden. „Geh weiter, Hexe!“, brüllte er Lyra an, um seine eigene Schwäche zu überspielen. „Zieh nicht so!“
Lyra hörte ihn nicht. Sie war in ihrer eigenen Hölle. Sie sah keine Verwandten. Sie sah ihre Patienten. Jeder Schritt, den sie tat, landete nicht auf Fels. Er landete auf einem Gesicht. Der Grat war gepflastert mit den Menschen, die sie nicht hatte retten können. Oder schlimmer: Denen, die sie „gereinigt“ hatte. Ihre Füße traten auf weiches Fleisch. Sie hörte Knochen knacken unter ihren Sohlen. „Bitte“, wimmerte sie. „Ich wollte doch nur helfen.“ Aus dem Nebel streckten sich Hände nach ihr aus. Verbrannte Hände. Verfaulte Hände. Hände, die nur noch aus Schatten bestanden. Sie griffen nach ihren Knöcheln, nach dem Saum ihrer Robe. „Heilerin“, flüsterten sie. „Mach uns ganz. Oder mach uns tot.“ Lyra blieb stehen. Sie konnte nicht weitergehen. Sie konnte nicht auf sie treten. Sie kauerte sich zusammen, mitten auf dem Grat, balancierend über dem Nichts. „Ich kann nicht“, schluchzte sie. „Ich habe keine Kraft mehr. Meine Hände… sie bringen nur den Tod.“ Sie sah auf ihre Hände. Sie leuchteten nicht mehr hell. Sie waren grau. Aschfahl. Das Seil straffte sich. Clara und Elias zogen von vorne. Tarek hing von hinten wie ein Gewicht. Lyra war der Schwachpunkt in der Kette. Wenn sie hier sitzen blieb, würden sie alle erfrieren. Oder abstürzen.
Elias spürte den Stau. Er drehte sich um. Er sah Lyra am Boden kauern. Er sah die Schatten, die um sie tanzten. Er sah nicht genau, was sie sah, aber er spürte die Resonanz der Verzweiflung. Er musste zurück. „Haltet die Position!“, rief er Clara zu. Er löste seinen Karabiner nicht – das wäre Selbstmord gewesen –, aber er kletterte an Clara vorbei zurück zu Lyra. Er packte sie an den Schultern. Sein Schwarzer Handschuh grub sich in ihre Robe. „Lyra!“, schrie er gegen den Wind an. „Sieh mich an!“ Lyra schüttelte den Kopf. „Sie sind überall. Ich trete auf sie.“ „Da ist nichts!“, sagte Elias hart. „Da ist nur Stein. Kalter, toter Stein.“ „Nein! Ich spüre ihr Blut!“ Elias tat das Einzige, was ihm einfiel. Er legte seine linke Hand – seine menschliche Hand – an ihre Wange. Sie war eiskalt. Dann legte er die rechte Hand – den Handschuh – auf ihre Stirn. Er zog nicht. Er gab nicht. Er nullte. Er nutzte die Eigenschaft des Handschuhs als Leiter für die Leere. Er saugte die Halluzination für einen Moment ab. Er nahm die magische Frequenz der Trauer, die Elion ausstrahlte, und leitete sie durch seinen eigenen Körper in den Boden ab. Es war ein Schlag. Elias keuchte auf. Für eine Sekunde sah er Lyras Alpträume. Tausend tote Augen, die ihn anstarrten. Er spürte ihre Schuld, schwer wie ein Planet. Er wankte, wäre fast vom Grat gefallen. Aber Lyras Augen klärten sich. Der graue Schleier wich. Sie sah wieder den Fels. Den Schnee. Und Elias, der vor ihr kniete und aus der Nase blutete. „Elias?“, flüsterte sie. „Steh auf“, presste er hervor. Er spuckte Blut in den Schnee. „Trag deine Toten, Lyra. Aber lass dich nicht von ihnen aufhalten. Das ist der Preis. Du bist eine Reinigerin? Dann reinige deinen Weg.“ Es war brutal. Es war keine tröstende Lüge. Aber Lyra nickte. Die Härte in seiner Stimme gab ihr Halt. „Ich trage sie“, wiederholte sie leise. Sie stand auf. Ihre Beine zitterten, aber sie standen.
Elias kletterte zurück an die Spitze. Er fühlte sich ausgehöhlt. Die kurze Verbindung mit Lyras Trauma hatte ihm Kraft geraubt, die er nicht hatte. Aber sie waren wieder in Bewegung. Das Ritual der Bindung hatte gehalten. Nicht weil das Seil stark war. Sondern weil sie gegenseitig ihre Dämonen in Schach hielten.
Sie erreichten das Ende des Grates. Vor ihnen ragte nun die letzte Barriere auf. Das Stück, das Elias von unten gesehen hatte. Der „vertikale Wahnsinn“. Es war keine Treppe mehr. Es war kein Grat mehr. Es war eine senkrechte Wand aus purem Eis, das sich um die Nadel des Gipfels gewickelt hatte wie ein erstarrter Wasserfall. Darin eingeschlossen, tief im Eis, sah man Formen. Elias wischte den Reif von seiner Brille (oder besser gesagt, von seinen Augen, denn eine Brille trug nur Marcus). Er sah in das Eis hinein. Dort drinnen waren keine Menschen. Dort drinnen waren Waffen. Riesige Schwerter. Zerbrochene Lanzen. Schilde so groß wie Wagenräder. Überreste aus dem Krieg der Götter, konserviert im ewigen Eis des Gipfels. „Wir müssen da hoch?“, fragte Tarek, der nun zu ihnen aufgeschlossen hatte. Er klang nicht mehr ängstlich. Nur noch ungläubig. „Nicht an den Waffen vorbei“, sagte Elias. Er deutete auf eine Linie, die sich durch das Eis zog, ein Riss, der dunkel pulsierte. „Wir klettern durch den Riss.“ Er blickte nach oben. Das Schweigen hier war nun absolut. Sogar der Wind war verstummt. Sie standen im Auge des Sturms. „Bereit machen für das technische Klettern“, sagte Elias. Er wusste nicht, woher er den Begriff hatte. Wahrscheinlich von Marcus. Er vermisste ihn. Gerade jetzt hätte er eine Wahrscheinlichkeitsberechnung gebraucht. Aber er hatte nur seine Hände und die Leere. „Teil 4“, murmelte er zu sich selbst, als würde er ein Buch lesen, das noch nicht geschrieben war. „Der Aufstieg ins Nichts.“
Das Eis war nicht einfach gefrorenes Wasser. Es war Zeit. Es war eine vertikale Bibliothek der Gewalt, konserviert unter einem Druck, der Diamanten hätte pulverisieren können. Elias stand am Fuß der Wand und legte den Kopf in den Nacken. Der Riss, den er von unten gesehen hatte, war keine kleine Spalte. Es war eine klaffende Wunde im Gletscher, vielleicht zwei Meter breit, die sich hundert Meter senkrecht nach oben zog, flankiert von durchscheinenden Wänden, in denen die Schatten der Vergangenheit ruhten. Direkt vor seiner Nase, nur eine Handbreit unter der Oberfläche des Eises, steckte die Spitze einer Lanze. Sie war so groß wie ein Baumstamm. Das Metall war schwarz, durchzogen von pulsierenden roten Adern, die selbst nach Jahrtausenden nicht verblasst waren. Wer auch immer diese Waffe geführt hatte, war kein Mensch gewesen. Und wer auch immer sie hier verloren hatte, war hier gestorben.
„Wir müssen da rein“, sagte Elias. Seine Stimme wurde vom Eis verschluckt. Es gab hier kein Echo. Der Riss absorbierte Schall. „In den Schlund“, murmelte Tarek. Er klopfte gegen seinen Brustharnisch. Das Metall klang dumpf, als wäre es aus Holz. „Wenn das Eis bricht, werden wir zerquetscht.“ „Das Eis bricht nicht“, sagte Clara. Sie trat neben Elias und fuhr mit dem behandschuhten Finger über die Stelle, wo die Lanze begraben lag. „Es wurde magisch versiegelt. Das hier ist ein Grab.“ „Dann lasst uns hoffen, dass die Toten weiterschlafen“, sagte Elias.
Er trat in den Riss. Sofort änderte sich die Atmosphäre. Draußen auf dem Grat hatte der Wind noch an ihnen gezerrt, auch wenn er lautlos gewesen war. Hier drinnen herrschte absolute Stille. Eine Stille, die so dicht war, dass Elias das Blut in seinen eigenen Ohren rauschen hörte wie einen wilden Fluss. Es war dunkel. Das einzige Licht kam von oben, ein schmaler Streifen fahlen Graus, und von Lyras Händen, die nun wieder schwach glommen – nicht aus Magie, sondern aus purer Notwendigkeit. „Rückentechnik“, wies Elias an. Er erinnerte sich an die Kletterstunden mit Marcus an den Mauern von Seraphis. Damals war es ein Spiel gewesen. Er drehte sich mit dem Rücken zur linken Wand, stemmte die Füße gegen die rechte Wand. Er hing im Spagat über dem Nichts. „Drücken“, keuchte er. „Nicht ziehen. Drückt euch gegen den Fels.“
Er begann den Aufstieg. Es war eine perverse Bewegung. Man musste den Körper gegen die Wände pressen, Reibung erzeugen, wo eigentlich nur Glätte war. Elias’ Schwarzer Handschuh war sein Anker. Er drückte die linke Hand – die Fleischhand – gegen das Eis, und sie rutschte fast ab. Aber die rechte Hand, das Artefakt, verschmolz fast mit der Oberfläche. Er spürte nicht nur Kälte. Er spürte Geschichte. Während er sich Zoll für Zoll nach oben schob, glitten Bilder durch seinen Kopf, übertragen durch den Handschuh. Keine visuellen Halluzinationen wie auf dem Grat. Sondern taktile Erinnerungen. Der Aufprall eines Hammers. Das Bersten eines Schildes. Der letzte Schrei eines Gottes, dessen Name längst vergessen war. Töte sie, flüsterte das Eis. Töte sie alle. Elias biss die Zähne zusammen. „Halt den Mund“, zischte er das Eis an. „Was?“, keuchte Clara unter ihm. „Nichts. Weiter.“
Zehn Meter. Zwanzig Meter. Die Anstrengung war mörderisch. Elias’ Oberschenkel zitterten so stark, dass er Angst hatte, den Kontakt zur Wand zu verlieren. Wenn die Spannung in seinen Beinen nachließ, würde er rutschen. Und wenn er rutschte, riss er alle mit. Er blickte nach unten. Unter ihm sah er Clara. Ihr Gesicht war eine Maske der Konzentration. Sie hatte die Augen auf die Wand gerichtet, weigerte sich, nach unten in den gähnenden Abgrund zu sehen. Unter ihr war Lyra. Sie wimmerte leise bei jedem Stoß, aber sie kletterte. Ihre Robe war hinderlich, verhedderte sich immer wieder zwischen ihren Beinen, aber sie kämpfte mit einer Zähigkeit, die Elias bewunderte. Ganz unten war Tarek. Der Söldner war das Problem. Seine Rüstung schabte lautstark über das Eis. Krrrrt. Krrrrt. Der Riss wurde an dieser Stelle enger. Tarek passte kaum hindurch. Seine Schulterplatten verkeilten sich. „Ich… stecke fest“, grollte er von unten. Elias stoppte. Er stemmte den Rücken fester gegen die Wand, um eine stabile Plattform zu bilden. „Atme aus!“, rief Clara nach unten. „Mach dich klein!“ „Ich kann meine Schultern nicht schrumpfen, verdammt!“, brüllte Tarek zurück. Panik schwang in seiner Stimme mit. Er strampelte. Das Kratzen von Stahl auf Eis wurde hektisch. „Nicht bewegen!“, schrie Elias. „Tarek, hör auf!“ Zu spät. Tarek riss sich mit Gewalt los. Dabei verlor er den Halt mit den Füßen. Sein ganzes Gewicht, verstärkt durch die Rüstung, sackte nach unten. Das Seil straffte sich mit einem brutalen Ruck. Lyra schrie auf, als sie von der Wand gerissen wurde. Sie knallte gegen Clara. Clara verlor den Halt. Beide Frauen fielen. Das Gewicht von drei Menschen – und einer schweren Rüstung – hing nun einzig und allein an Elias.
Der Ruck kam nicht sofort. Das Seil hatte eine gewisse Dehnung. Elias spürte es kommen. Er hatte den Bruchteil einer Sekunde. Variable F. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung. Er schrie nicht. Er handelte. Er rammte den Schwarzen Handschuh in das Eis. Nicht nur oberflächlich. Er aktivierte die Leere. Er befahl dem Handschuh, Materie zu verdrängen. Die Finger gruben sich in das Jahrtausende alte Eis, als wäre es weiche Butter. Sie drangen tief ein, bis zum Handgelenk, bis zum Unterarm. Das Eis schloss sich sofort wieder um ihn, fror ihn fest. Er wurde zum lebenden Haken. Dann traf ihn das Gewicht. WUMM. Der Gurt schnitt in seine Taille, als wollte er ihn halbieren. Seine Wirbelsäule knackte hörbar. Ein Schmerz, weiß und heiß, schoss durch seine Schulter, als sein Arm fast aus der Pfanne gerissen wurde. Er schrie. Ein tierischer Laut, der im Riss widerhallte. Aber er hielt. Er hing da, den rechten Arm im Eis vergraben, die Füße gegen die gegenüberliegende Wand gestemmt, während unter ihm drei Leben pendelten. Blut lief aus seinem Ärmel, mischte sich mit dem Eis. „Elias!“, hörte er Clara rufen. Sie klang weit weg. „Klettert!“, presste er hervor. Tränen der Agonie liefen über sein Gesicht. „Klettert… verdammt noch mal… hoch!“
Unter ihm herrschte Chaos. Clara hing kopfüber. Das Seil hatte sich um ihr Bein gewickelt. Lyra klammerte sich an Claras Gürtel wie ein Äffchen. Tarek hing ganz unten, baumelnd wie ein Pendel, und schlug immer wieder gegen die Eiswand. „Tarek!“, schrie Clara. „Such Halt! Entlaste das Seil!“ Der Söldner versuchte es. Er rammte seinen Stiefel in das Eis, rutschte ab, rammte ihn wieder hinein. Endlich fand eine Spitze halt. Das Gewicht am Seil verringerte sich minimal. „Lyra“, keuchte Clara. Sie zog sich am Seil hoch, ignorierte den Schmerz in ihrem verdrehten Bein. „Kletter auf mich drauf. Greif den Fels.“ Es dauerte Minuten. Quälende, endlose Minuten. Elias spürte, wie seine Hand im Eis taub wurde. Nicht kälte-taub. Tot-taub. Die Blutzufuhr war abgeschnitten. Aber er durfte den Leere-Griff nicht lösen. Wenn er das tat, stürzten sie alle.
Endlich spürte er eine Hand an seinem Stiefel. Clara. Sie zog sich an seinem Bein hoch, keuchend, blutend. Sie fand einen Griff neben seiner Hüfte. „Ich habe dich“, flüsterte sie. Sie rammte ihren eigenen Dolch in eine Spalte und klinkte ihren Karabiner dort ein. „Sicherung… steht“, keuchte sie. Erst jetzt, als die Last von seinem Körper genommen wurde, erlaubte Elias sich, fast ohnmächtig zu werden. Der Tunnelblick setzte ein. „Zieh… ihn… raus“, flüsterte er und deutete auf seinen Arm im Eis. Clara sah es. Der Arm steckte bis zum Ellbogen in der Wand. Das Eis war darum herum wieder festgefroren. „Das wird wehtun“, sagte sie. „Mach schon.“ Clara holte mit dem Stiefel aus und trat gegen das Eis um seinen Arm. Einmal. Zweimal. Das Eis splitterte. Elias riss den Arm frei. Er sah schrecklich aus. Das Leder des Handschuhs war intakt, aber der Unterarm dahinter war blau und grün, die Haut aufgeschürft. Aber er konnte die Finger bewegen.
Sie hingen im Riss, alle vier auf einem winzigen Vorsprung, zitternd, weinend, atmend. „Das war knapp“, sagte Tarek von unten. Er klang seltsam ruhig. „Zu knapp.“ „Halt die Klappe“, sagte Elias. Er lehnte die Stirn gegen das kalte Eis. Vor seinen Augen, tief im Eis eingeschlossen, sah er etwas. Direkt vor seinem Gesicht. Es war ein Gesicht. Ein riesiges Gesicht, eingehüllt in einen Helm aus Gold, der nun schwarz angelaufen war. Die Augen waren geschlossen. Der Mund war zu einem Schrei geöffnet, der nie verklungen war. Es war einer der alten Götter. Oder einer ihrer Generäle. Und in seinem Mund steckte… etwas. Keine Waffe. Elias blinzelte. Es sah aus wie eine Treppe. Der riesige, offene Mund des toten Titanen bildete einen Tunnel, der aus dem Riss herausführte. „Seht ihr das?“, fragte er. Clara folgte seinem Blick. Sie zuckte zusammen. „Bei den sieben Höllen“, flüsterte sie. „Das ist der Ausgang.“
Der Riss endete hier. Oben war der Spalt verschlossen durch Trümmer und Eis. Der einzige Weg führte durch den Kopf des Toten. „Wir müssen da durch kriechen“, stellte Elias fest. „Durch den Mund einer Leiche?“, fragte Lyra entsetzt. „Es ist nur Eis, Lyra“, sagte Tarek. „Eis und Knochen.“ Elias machte den Anfang. Er schob sich in den Mund des Riesen. Die Zähne waren so groß wie Grabsteine. Er musste über einen Eckzahn klettern, um in den Rachen zu gelangen. Es stank hier drin. Nach Jahrtausenden. Ein modriger, süßlicher Geruch, der selbst durch die Kälte drang. Der Tunnel führte leicht nach oben. Es war der Hals des Riesen, der hohl war – oder ausgehöhlt worden war. Elias kroch. Er rutschte auf etwas Glitschigem aus. Er wollte nicht wissen, was es war. Hinter ihm hörte er das Keuchen der anderen.
Dann sah er Licht. Echtes Licht. Nicht mehr das fahle Grau des Schachtes. Es war ein kaltes, kristallklares Violett. Elias zog sich die letzten Meter hoch. Er griff nach einer Kante, die sich als der Rand eines Kragens aus Stein entpuppte. Er zog sich ins Freie.
Er fiel auf die Knie. Der Wind traf ihn. Aber es war kein Sturm mehr. Es war ein stetiger, singender Luftstrom. Er war oben. Er drehte sich um und half Clara heraus, dann Lyra. Zuletzt zogen sie Tarek über die Kante, der wie ein toter Fisch am Ufer landete. Sie lagen da, auf dem Rücken, und starrten in den Himmel. Der Himmel war nicht schwarz. Er war ein Strudel aus Farben. Polarlichter tanzten direkt über ihren Köpfen, so nah, dass man das Knistern der Energie hören konnte. Sie befanden sich auf einem Plateau. Es war kreisrund, vielleicht hundert Meter im Durchmesser. Der Boden war aus glattem, schwarzem Obsidian, poliert vom Wind der Äonen. Und in der Mitte des Plateaus stand etwas. Kein Thron. Keine Festung. Es war ein Baum. Ein Baum aus weißem Kristall, dessen Äste in den Himmel ragten wie gefrorene Blitze. Er hatte keine Blätter. Aber an seinen Ästen hingen Dinge. Ketten. Und in den Ketten hing eine Gestalt.
Elias setzte sich auf. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, schmerzhaft und laut. Das war es. Das Ende der Welt. Das Ziel ihrer Reise. Er sah zu seinen Gefährten. Sie waren am Leben. Gebrochen, blutend, halb erfroren – aber am Leben. Das Ritual der Bindung war vollendet. Der Aufstieg war vorbei. Jetzt begann die Begegnung.
Der Boden unter ihren Füßen war kein Fels mehr. Es war ein Spiegel. Das Plateau auf der Spitze des Silberkamms bestand aus einer einzigen, fugenlosen Scheibe aus schwarzem Glas. Es war so glatt, so perfekt poliert von den Äonen des Sturms, dass Elias sein eigenes Spiegelbild sehen konnte, als er wankend aufstand. Er sah schrecklich aus. Sein Gesicht war eine Maske aus getrocknetem Blut und grauem Reif. Seine Lippen waren aufgeplatzt. Seine Augen lagen tief in dunklen Höhlen, zwei schwarze Punkte, die zu viel gesehen hatten. Aber er stand.
Hinter ihm zogen Clara und Lyra den schweren Körper von Tarek auf die Fläche. Der Söldner rutschte auf dem Glas aus, fiel auf die Knie, stützte sich mit den Händen ab. Sein Atem ging rasselnd, wie ein kaputter Blasebalg. Blut tropfte von seinem Kinn auf den schwarzen Boden, wo es dampfte und zischte, als wäre es Säure. „Wir sind… oben“, krächzte er. Es klang nicht wie ein Triumph. Es klang wie eine Anklage.
Elias antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Aufmerksamkeit war vollständig auf das Zentrum des Plateaus gerichtet. Der Sturm, der den Berg umgab, bildete hier oben eine Wand. Man konnte sie sehen – eine wirbelnde Mauer aus grauen Wolken und violetten Blitzen, die das Plateau kreisförmig umschloss. Aber im Inneren dieses Auges herrschte eine unnatürliche, fast heilige Stille. Es gab keinen Wind. Die Luft war dünn, kristallklar und so kalt, dass sie in der Lunge brannte wie Feuer. Und in der Mitte dieser Stille stand der Baum.
Er war nicht aus Holz. Er war aus Kristall. Ein gewaltiges Gewächs aus milchig-weißem Quarz, dessen Stamm so breit war wie ein Turm der Akademie. Seine Äste streckten sich in den offenen Himmel, verzweigten sich in tausende feine Spitzen, die wie Nervenbahnen aussahen. Aber der Baum war krank. Von den Wurzeln herauf kroch eine Dunkelheit in das Weiß. Schwarze Adern, die aussahen wie Tinte, pulsierten im Inneren des Kristalls. Sie kämpften gegen das Licht, fraßen sich Millimeter für Millimeter nach oben. Und dort, wo der Stamm sich in die ersten mächtigen Äste teilte, etwa fünf Meter über dem Boden, hing Er.
Elion. Der Schattenprinz. Der Wächter. Der Gott. Elias hatte erwartet, ein Monster zu sehen. Oder einen Krieger in goldener Rüstung, der auf einem Thron saß und die Welt verachtete. Aber da war kein Thron. Da waren nur Ketten. Elion hing in einem Geflecht aus Fesseln, die nicht aus Eisen geschmiedet waren, sondern aus reinem Schattenstoff. Sie waren tief in sein Fleisch eingeschnitten, wanden sich um seine Arme, seine Beine, seinen Hals. Sie zerrten ihn gegen den Stamm des Kristallbaumes, als wollten sie ihn in das Glas hineindrücken, ihn mit dem Baum verschmelzen lassen.
Er war nackt, bis auf einen zerfetzten Lendenschurz. Sein Körper war mager, fast ausgemergelt. Seine Haut hatte die Farbe von Mondlicht, fahl und durchscheinend. Man konnte jede Rippe sehen, jeden Muskelstrang, der unter der ständigen Spannung der Ketten zitterte. Sein Kopf hing herab. Langes, weißes Haar verdeckte sein Gesicht. Er sah nicht aus wie ein Herrscher. Er sah aus wie ein Opfertier kurz vor der Schlachtung.
„Das…“, flüsterte Clara. Sie war neben Elias getreten. Sie hatte ihr Schwert gezogen, aber jetzt senkte sie es langsam. Die Spitze klirrte leise auf dem Glasboden. „Das ist er?“ „Er leidet“, sagte Lyra. Die Heilerin schob sich an den beiden vorbei. Ihre Augen waren weit aufgerissen, fixiert auf die Wunden, wo die Schattenketten in Elions Fleisch drangen. „Seht ihr das nicht?“, ihre Stimme überschlug sich fast. „Er ist kein Gefängniswärter. Er ist das Gefängnis.“
Elias spürte, wie sein Handschuh reagierte. Es war nicht das vertraute Pulsieren. Es war ein Ziehen. Ein magnetischer Zwang. Der Schwarze Handschuh wollte zu ihm. Er wollte zu den Ketten. Elias machte einen Schritt nach vorne. Seine Stiefel klackten laut auf dem Obsidian. Klack. Klack. Bei jedem Schritt vibrierte der Boden. Der Baum reagierte. Ein leises Klirren ging durch die Kristallzweige, wie das Geräusch von Windspielen im Winter. Die hängende Gestalt zuckte. Die Muskeln an Elions Armen spannten sich. Die Schattenketten zogen sich enger, knirschten. Langsam, unendlich mühsam, hob Elion den Kopf.
Das Haar fiel zurück. Elias blieb stehen. Ihm stockte der Atem. Das Gesicht des Prinzen war wunderschön. Es war von einer klassischen, zeitlosen Symmetrie, wie die Statuen in den alten Tempeln von Seraphis. Aber es war zerbrochen. Ein Riss, schwarz und hässlich, zog sich quer über seine linke Gesichtshälfte, von der Stirn durch das Auge bis zum Kinn. Es war keine Narbe auf der Haut. Es war ein Riss in der Substanz seines Seins, ähnlich wie der Riss im Amulett, bevor Marcus es repariert hatte. Aus diesem Riss sickerte kein Blut. Es sickerte Dunkelheit. Dicker, schwarzer Rauch, der sofort verflog. Elion öffnete die Augen. Das rechte Auge war blau. Ein strahlendes, lebendiges Himmelsblau, so klar wie ein Sommermorgen. Das linke Auge, das vom Riss geteilt wurde, war schwarz. Völlig schwarz. Keine Iris, keine Pupille. Nur der Abgrund.
Der Blick traf Elias wie ein physischer Schlag. Er ging in die Knie. Er konnte nicht anders. Die Präsenz dieses Wesens drückte ihn nieder, nicht mit Macht, sondern mit der schieren Last seiner Existenz. Elias sah Bilder. Tausende Jahre von Bildern, die in einer Sekunde durch seinen Kopf rasten. Er sah den Bau des Berges. Er sah den Krieg der Götter. Er sah, wie Elion sich freiwillig an den Baum ketten ließ, um Anaxi, die Ur-Dunkelheit, in sich aufzunehmen, weil kein Gefängnis der Welt stark genug war, sie zu halten. Nur ein lebender Gott konnte sie binden. Und er sah, wie Elion langsam verlor. Jahrhundert für Jahrhundert fraß die Dunkelheit ihn auf. Der Riss wurde größer. Das blaue Auge wurde trüber. Er war müde. So unendlich müde.
„Du…“, krächzte Elion. Seine Stimme klang nicht wie die eines Menschen. Sie klang wie das Brechen von Gletschereis. „Du trägst… die Leere.“ Elias zwang sich, den Kopf zu heben. Er stützte sich auf seinen behandschuhten Arm. „Ich bin Elias“, sagte er. Seine eigene Stimme klang winzig. „Ich komme, um…“ Er stockte. Weswegen war er gekommen? Um ihn zu töten? Um ihn zu befreien? Er hatte geglaubt, er wüsste es. Die Mission war immer gewesen: Stoppe die Dunkelheit. Aber jetzt, wo er hier war, verstand er die Lüge, die man ihm erzählt hatte. Die Lüge, die Arkan geglaubt hatte. Die Lüge, die selbst die Akademie gelehrt hatte. Man konnte die Dunkelheit nicht besiegen. Anaxi war nicht etwas, das man mit einem Schwert töten konnte. Anaxi war eine Naturgewalt. Wie die Schwerkraft. Wie die Zeit. Man konnte sie nur tragen.
„Um mich abzulösen“, beendete Elion den Satz. Ein schwaches Lächeln huschte über sein zerbrochenes Gesicht. Es war kein freundliches Lächeln. Es war ein Lächeln voller Mitleid. „Du bist klein“, flüsterte der Gott. „So klein. Und deine Zeit ist so kurz.“ Er riss an den Ketten. Ein Schwall von schwarzem Rauch pulsierte aus seiner Brust. „Aber du bist leer“, fuhr er fort. Sein schwarzes Auge fixierte den Handschuh. „Du hast keinen Inhalt. Du hast keinen Wunsch nach Macht. Du hast nur… Pflicht.“
Tarek humpelte nach vorne. Er stützte sich schwer auf Clara. „Ist das er?“, fragte der Söldner. „Ist das der Bastard, der uns all das angetan hat?“ Elion blickte zu Tarek. „Ich habe euch gar nichts angetan“, sagte er sanft. „Ich habe die Tür zugehalten. Solange ich konnte. Aber meine Finger… sind taub geworden.“ Ein Ruck ging durch den Baum. Die schwarzen Adern im Kristall pulsierten heftig. „Phobos wird ungeduldig“, sagte Elion. „Er spürt, dass sein Gefängniswärter stirbt. Er rüttelt an den Gittern.“
Lyra trat vor. Sie hob ihre Hände. „Ich kann dich heilen“, sagte sie. Es war ein verzweifelter Reflex. „Lass mich…“ „Nein!“, die Stimme von Elion war plötzlich donnernd. Die Druckwelle warf Lyra zurück. Sie schlitterte über das Glas. „Kein Licht!“, schrie Elion. Er wand sich in den Ketten. „Licht wirft Schatten! Je mehr Licht du bringst, desto stärker wird Er! Verstehst du das nicht? Das ist das Paradoxon! Ihr könnt ihn nicht mit Licht bekämpfen!“ Er sank in sich zusammen, schwer atmend. „Es braucht… Neutralität. Es braucht das Nichts.“
Elias stand auf. Er verstand. Endlich verstand er. Das Ritual der Bindung war nicht das Seil, das sie hier hochgebracht hatte. Das Ritual war das, was Marcus begonnen hatte. Marcus hatte das Fundament gelegt. Er hatte den Raum versiegelt. Aber Marcus war nur der Behälter. Der Inhalt – die aktive Kraft, die die Dunkelheit neutralisieren musste – fehlte noch. Elion war verbraucht. Seine Batterie war leer. Er war voll mit Dunkelheit, sie lief über, sickerte als Phobos in die Welt. Jemand musste seinen Platz einnehmen. Nicht am Baum. Der Baum war nur eine Metapher, eine Schnittstelle. Jemand musste die Dunkelheit trinken.
Elias sah auf seinen Handschuh. Das Leder war schwarz. Es absorbierte Licht. Das Amulett – das Leere Gefäß – hatte ihn verändert. Es hatte ihn zu einem menschlichen Vakuum gemacht. Er war nicht hier, um Elion zu retten. Er war hier, um ihn zu ernten. Oder um von ihm geerntet zu werden.
„Ich bin bereit“, sagte Elias. Er ging auf den Baum zu. Clara wollte ihn festhalten. „Elias, warte. Wir wissen nicht, was das ist.“ „Doch“, sagte Elias, ohne sich umzudrehen. „Ich weiß es. Es ist das Ende des Weges.“ Er erreichte den Stamm. Er stand direkt unter dem hängenden Gott. Er konnte den Geruch von Ozon und Verwesung riechen. Er hob die rechte Hand. Den Schwarzen Handschuh. Elion blickte auf ihn herab. In seinem blauen Auge stand eine Träne. In seinem schwarzen Auge herrschte Hunger. „Es wird wehtun“, flüsterte Elion. „Mehr als du dir vorstellen kannst. Es wird nicht nur deinen Körper nehmen. Es wird deine Erinnerung nehmen. Deinen Namen. Deine Liebe.“ Er blickte kurz zu Clara und Tarek. „Bist du bereit, vergessen zu werden, Elias von Aetherholm?“
Elias zögerte. Er dachte an seine Mutter. An das Feld im Sommer. Er dachte an Zara, die lachend starb. Er dachte an Marcus, der sich in Stein verwandelt hatte. Und er dachte an Clara. An die Art, wie sie ihr Schwert hielt. An ihre Angst, die sie hinter Stahl versteckte. Wenn er das tat, würde er sie vergessen. Er würde alles vergessen. Er würde zu einer Funktion werden. Einem Damm gegen die Flut. Aber wenn er es nicht tat, würde es niemanden mehr geben, der sich erinnern konnte. Weil es niemanden mehr geben würde.
Er schloss die Augen. „Für die, die leben“, flüsterte er das Motto der Akademie, das er nie wirklich geglaubt hatte, bis jetzt. Er öffnete die Augen. Sie waren klar. „Nimm es“, sagte er. Er legte den Schwarzen Handschuh auf Elions Brust, genau auf den Riss, aus dem die Dunkelheit blutete.
Der Kontakt war still. Kein Donnern. Kein Blitz. Nur ein leises, feuchtes Geräusch, als würde man zwei nasse Steine aufeinanderlegen. Dann begann das Saugen. Und Elias schrie nicht. Denn er hatte keine Luft mehr zum Schreien. Die Welt um ihn herum wurde weiß. Dann schwarz. Dann nichts.
Clara, Tarek und Lyra standen am Rand des Plateaus und sahen zu, wie die beiden Gestalten am Baum – der alte Gott und der junge Bauer – in einem Wirbel aus Schatten und Licht verschwanden. Die Erde bebte. Das letzte Kapitel hatte begonnen.