NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 21: Der Abstieg
Der Knall war verklungen. Das Echo, das tief in das Fundament der Welt hinabgedonnert war, hatte sich in der heulenden Leere des Windes verloren. Vor ihnen war nichts mehr.
Kein Spalt. Kein Lichtstrahl aus einer anderen Welt. Kein Gesicht eines Bruders. Da war nur Fels.
Nox Aeterna hatte sich nicht einfach geschlossen. Die Festung hatte sich versiegelt. Wo eben noch die gigantischen Flügel des Tores gewesen waren, zog sich nun eine glatte, schwarze Wand aus Obsidian in die Höhe, nahtlos verschmolzen mit dem massiven Gestein des Gipfels. Es gab keine Fuge, keinen Riss, nicht einmal eine Haarlinie, in die man einen Fingernagel oder eine Klinge hätte treiben können. Der Berg hatte seine Wunde geheilt, augenblicklich und brutal, und dabei alles verschluckt, was ihnen je etwas bedeutet hatte.
Clara stand auf den Knien im Schnee. Der Aufprall, als Tarek sie durch den Spalt gerissen hatte, hatte sie zu Boden geschleudert, aber sie spürte den Schmerz in ihren aufgeschürften Beinen nicht. Sie spürte gar nichts. Ihr Blick war an den schwarzen Stein geheftet. Ihr Verstand raste, suchte nach einem Hebel, einer Rune, einem Zauberwort, irgendetwas, das diese Endgültigkeit rückgängig machen konnte.
Er ist da drin, dachte sie. Der Gedanke war so absurd, dass er fast komisch wirkte. Er steht nur einen Meter von mir entfernt. Nur auf der anderen Seite dieser Wand.
Sie streckte die Hand aus. Ihre Finger zitterten so heftig, dass sie wie verwischt wirkten. Sie legte die Handfläche auf den schwarzen Stein. Sie erwartete Wärme. Sie erwartete das vertraute Pulsieren von Elias‘ Amulett, das durch den Fels drang. Aber der Stein war tot. Er war so kalt, dass er sofort an ihrer Haut klebte, eine beißende, aggressive Kälte, die nichts mit Magie zu tun hatte, sondern mit der gnadenlosen Physik dieses Ortes. Es war der Kuss des Grabes.
„Elias?“, flüsterte sie. Der Wind riss das Wort sofort weg, zerfetzte es, trug es über den Abgrund.
„Elias!“, schrie sie nun, lauter, und hämmerte mit der Faust gegen den Fels. Einmal. Zweimal. Ihre Knöchel platzten auf, Blut schmierte dunkelrot auf das Schwarz. „Mach auf! Das ist nicht lustig! Mach auf!“
Nichts. Keine Vibration. Kein Antwortklopfen. Der Berg ignorierte sie. Sie war für ihn so unbedeutend wie die Schneeflocken, die gegen seine Flanke peitschten.
Neben ihr regte sich etwas im Schnee. Es war Lyra. Die Heilerin saß im Schneidersitz da, unnatürlich still inmitten des Sturms. Ihr Umhang – Kaels Umhang, den sie sich um die Schultern geschlungen hatte – flatterte wild im Wind, peitschte ihr ins Gesicht, aber sie blinzelte nicht. Ihre Augen waren weit aufgerissen und starrten nicht auf das Tor, sondern auf den leeren Raum daneben. Auf den Abgrund, in den Kael gefallen war. Sie wirkte wie eine Statue aus Eis, die jeden Moment zerspringen könnte, wenn man sie berührte. In ihrem Blick lag keine Hysterie wie bei Clara, sondern eine Leere, die noch erschreckender war. Es war der Blick von jemandem, dessen Seele an einem anderen Ort war und nur die Hülle zurückgelassen hatte.
Tarek stand als Einziger. Er stand breitbeinig, den Rücken zum Wind, und starrte auf das geschlossene Tor. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, pumpte die dünne, eisige Luft in seine brennenden Lungen. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, so fest, dass die Sehnen wie Drahtseile unter der schmutzigen Haut hervortraten.
Er wollte schreien. Er wollte sein Schwert ziehen und gegen den verdammten Berg schlagen, bis der Stahl splitterte. Er wollte fluchen, toben, jemanden für diesen Wahnsinn verantwortlich machen. Aber es war niemand da, den er verantwortlich machen konnte. Kein Feind. Kein Monster. Nur ein Junge, der zu viel Mut hatte, und ein Berg, der zu viel Hunger hatte.
Tarek schluckte den Schrei runter. Er schluckte die Galle, die ihm in der Kehle brannte. Er zwang den Soldaten in sich, die Kontrolle zu übernehmen, auch wenn der Mensch in ihm gerade kauernd am Boden lag.
Er drehte sich langsam um und scannte die Umgebung. Der magische Schutzschild, den Elias‘ Amulett und die Fragmente geboten hatten, war weg. Das violette Glimmen, das die Kälte abgehalten hatte, war erloschen. Was blieb, war die rohe, ungefilterte Gewalt der Todeszone. Die Temperatur fiel rapide. Tarek konnte spüren, wie der Frost sich durch seine Rüstung fraß, wie er nach dem Schweiß auf seiner Haut griff und ihn in Eisnadeln verwandelte. Wenn sie hierblieben, auch nur für zehn Minuten, würden sie sterben. Sie würden erfrieren, direkt vor der Türschwelle ihres Freundes.
Er ging zu Clara. Er kniete sich neben sie, ignorierte ihr Wimmern, mit dem sie immer wieder gegen den Stein schlug. Er griff nach ihren Handgelenken. Seine Hände waren grob, seine Griffe schmerzhaft fest. Er musste sie verletzen, um zu ihr durchzudringen.
„Es ist vorbei, Clara“, sagte er. Seine Stimme war rau, fast nicht zu hören im Sturm.
Clara riss sich los, funkelte ihn an. Ihre Augen waren wild, umrandet von Ruß und gefrorenen Tränen. „Fass mich nicht an! Wir müssen einen Weg finden! Wir können das sprengen! Marcus hatte doch... Marcus hatte Runen...“ Sie wühlte hektisch in ihren Taschen, zog leere Pergamentfetzen hervor, die der Wind sofort davonwehte. „Oder Lyra! Lyra kann...“
„Marcus ist tot!“, brüllte Tarek ihr ins Gesicht. Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie einmal hart. „Marcus ist tot! Elias ist weg! Kael ist weg! Es ist vorbei!“
Clara erstarrte. Der Schock über seine Brutalität durchbrach die Hysterie. Sie starrte ihn an, den Mund offen, während die Worte einsickerten wie Gift.
„Sieh mich an“, forderte Tarek, etwas leiser nun, aber immer noch mit eiserner Härte. „Wir frieren. Der Schutz ist weg. Wenn wir hierbleiben, sind wir in einer Stunde tot. Und dann war alles umsonst. Elias' Opfer. Kaels Opfer. Marcus' Opfer. Alles für nichts.“
Clara schüttelte den Kopf, ganz leicht, ein Zittern. „Ich kann nicht... ich kann ihn nicht hierlassen. Er ist allein.“
„Er ist nicht allein“, sagte Tarek, und seine Stimme brach fast. Er räusperte sich, spuckte blutigen Schleim in den Schnee. „Er ist dort, wo er sein wollte. Er tut das, was er tun muss.“ Er zog Clara hoch. Sie war schwer, leblos wie ein Sack Mehl. „Aber unser Job ist noch nicht vorbei. Unser Job ist jetzt: Leben. Atmen. Runterkommen.“
Er wartete nicht auf ihre Zustimmung. Er wusste, dass er sie nicht bekommen würde. Er schob sie sanft, aber bestimmt zur Seite, weg von der Wand, an die sie sich klammerte. Dann ging er zu Lyra.
„Lyra“, sagte er. Sie reagierte nicht. Sie blinzelte nicht einmal, als eine Schneewehe ihr Gesicht traf.
Tarek ging vor ihr in die Hocke. Er wusste nicht, wie man mit Heilern sprach. Er wusste nicht, wie man mit jemandem sprach, der gerade sein Herz verloren hatte. Er war ein Mann des Stahls, nicht der Worte. Er griff nach dem Saum von Kaels Umhang, den sie trug. „Wir bringen ihn runter“, sagte Tarek leise.
Lyras Kopf ruckte herum. Zum ersten Mal fokussierten ihre Augen ihn. „Was?“
„Den Umhang“, sagte Tarek. „Das ist alles, was von ihm übrig ist, oder? Wir bringen ihn runter. Wir lassen nicht zu, dass der Berg das auch noch bekommt.“
Ein Schmerz zog über Lyras Gesicht, so intensiv, dass es aussah, als hätte Tarek sie geschlagen. Aber dann nickte sie. Einmal, ruckartig. Das Versprechen, das Einzige zu retten, was blieb, gab ihr einen Grund, sich zu bewegen. Sie stützte sich auf ihre Hände, die blau angelaufen waren, und drückte sich hoch. Sie schwankte, das verletzte Bein knickte ein, aber sie biss die Zähne zusammen und blieb stehen.
Tarek trat zwischen die beiden Frauen. Er drehte sich um, weg von der schwarzen Wand. Weg von dem Grab ihrer Freunde. Vor ihnen lag der Abstieg. Ein steiler, vereister Pfad, der im weißen Nichts verschwand. Der Wind blies ihnen nun direkt ins Gesicht, als wollte der Berg sie hinunterstoßen, als wollte er sie ausspucken wie einen schlechten Geschmack.
„Einen Schritt“, sagte Tarek. Er nahm Claras linken Arm und legte ihn über seine Schulter. Er deutete Lyra, sich an seiner anderen Seite festzuhalten. „Nur einen Schritt. Dann den nächsten.“
Clara drehte den Kopf noch einmal zurück. Nur für eine Sekunde. Die schwarze Wand ragte hoch auf, stumm, unbeweglich, für die Ewigkeit gebaut. Leb wohl, dachte sie, und der Gedanke tat mehr weh als die Kälte.
Dann machten sie den ersten Schritt. Weg von Elias. Und jeder Zentimeter fühlte sich an wie Verrat.
Der Abstieg war kein Gehen. Es war ein kontrolliertes Fallen.
Ohne den Schutz des Amuletts war die Todeszone nicht mehr nur eine Umgebung; sie war ein Raubtier. Die Kälte besaß Zähne. Sie biss durch das Leder ihrer Stiefel, fraß sich durch die Schichten aus Fell und Wolle und nistete sich tief in ihren Knochen ein. Es war eine Kälte, die den Geist verlangsamte, die Gedanken zäh wie Sirup machte und jede Bewegung in eine bewusste, qualvolle Anstrengung verwandelte.
Tarek ging voran, aber er führte nicht im eigentlichen Sinne. Er pflügte. Er nutzte seinen massigen Körper als Schild gegen den Wind, der mit der Wucht eines Rammbocks gegen sie anstürmte. Er trat Tritte in das verharschte Eis, schlug Stufen, wo keine waren, und zog die beiden Frauen hinter sich her wie ein Schlittenhund, der eine zu schwere Last durch einen endlosen Winter zog.
Eins. Zwei. Drei. Atmen. Tarek zählte. Er zählte nicht die Minuten, denn Zeit hatte hier oben keine Bedeutung mehr. Er zählte Schritte. Vier. Fünf. Sechs. Nicht stolpern.
Er hörte Lyra hinter sich keuchen. Es war ein hässliches Geräusch, ein pfeifendes Rasseln in ihrer Brust. Ihr verletztes Bein schleifte über den Boden, hinterließ eine unregelmäßige Furche im Schnee, die der Wind sofort wieder zudeckte. Sie beschwerte sich nicht. Sie wimmerte nicht. Sie litt stumm, mit jener erschreckenden Disziplin, die sie sich über die Jahre als Heilerin angeeignet hatte – den Schmerz wegsperren, um zu funktionieren.
Aber Clara machte ihm Sorgen. Sie ging in der Mitte, verbunden durch ein kurzes Seil, das Tarek hastig um ihre Taillen geknotet hatte. Aber sie ging nicht wirklich. Sie bewegte die Beine nur, weil das Seil an ihr zerrte. Ihr Kopf hing tief, das Kinn auf die Brust gedrückt. Sie sah nicht, wohin sie trat. Sie stolperte über Eisbrocken, fiel auf die Knie, wurde vom Seil wieder halb hochgerissen, stolperte weiter.
Sie war im Schockzustand. Tarek kannte den Blick. Er hatte ihn bei jungen Soldaten gesehen, nachdem die erste Artilleriesalve in den Graben eingeschlagen war. Der Geist klinkt sich aus. Der Körper wird zur Maschine, oder er schaltet ab. Und Clara war kurz davor abzuschalten.
„Weiter!“, brüllte Tarek gegen den Wind an, ohne sich umzudrehen. „Bewegt die Beine! Wenn ihr stehenbleibt, friert das Blut in euren Adern!“
Es war eine Lüge – Blut gefror nicht so schnell – aber er brauchte Bilder, die Angst machten. Angst war ein Treibstoff. Besser Angst als diese tödliche Gleichgültigkeit.
Sie erreichten eine Passage, die beim Aufstieg kaum ein Hindernis gewesen war: ein schmaler Grat, links die Felswand, rechts der Abgrund, der im weißen Nichts verschwand. Damals hatte Elias‘ Licht den Weg erhellt. Damals hatte Marcus Berechnungen über die Stabilität des Eises angestellt. Kael hatte den Wind mit einer Handbewegung geteilt. Jetzt war da nur grau-weißes Chaos.
Tarek blieb stehen. Er drehte sich um. Sein Bart war vereist, weiße Eiszapfen hingen an seinen Wimpern. „Aufpassen“, blaffte er. „Hier ist Glatteis unter dem Schnee. Haltet das Seil straff. Lyra, wenn Clara rutscht, wirfst du dich nach links. Verstanden?“
Lyra nickte mechanisch. Ihre Lippen waren blau, das Gesicht leichenblass. Clara reagierte nicht. Sie starrte auf ihre Hände. Sie trug keine Handschuhe – sie hatte sie irgendwo verloren oder ausgezogen, Tarek wusste es nicht. Ihre Finger waren rot, geschwollen, die Haut rissig.
„Clara!“, rief Tarek scharf. Sie hob den Kopf. Ihre Augen waren leer, zwei dunkle Löcher im Schnee. „Meine Hände“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang entrückt, als spräche sie aus einem warmen Wohnzimmer. „Sie tun gar nicht mehr weh. Das ist gut, oder?“
Tarek fluchte innerlich. Hypothermie. Phase zwei. Er stapfte die zwei Schritte zu ihr zurück, riss seine eigenen, gefütterten Lederhandschuhe von den Händen und zwängte ihre steifen Finger hinein. Seine eigenen Hände waren sofort der beißenden Luft ausgesetzt, aber seine Haut war dick, abgehärtet durch Jahre an der Front. „Lass sie an“, befahl er. „Und jetzt geh.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung. Der Grat war tückisch. Der Wind drückte sie gegen den Fels, versuchte, sie in den Abgrund zu schubsen. Jeder Schritt war ein Kampf gegen die Schwerkraft und die eigene Anatomie.
Tarek setzte den Fuß auf eine scheinbar stabile Platte. Das Eis knackte. Nicht das helle Knacken von brechendem Glas, sondern das dumpfe Wump von Hohlräumen, die kollabieren. Die Platte unter Tareks Stiefel gab nach. Er rutschte ab.
„Halt!“, brüllte er. Er warf sich flach auf den Bauch, rammte die Klinge seines Dolches, den er griffbereit hielt, in eine Spalte. Der Ruck ging durch das Seil. Clara wurde von den Beinen gerissen. Sie schlitterte über die Kante des Grates.
„Clara!“, schrie Lyra.
Clara rutschte. Ihre Beine baumelten über dem Nichts. Nur das Seil um ihre Taille hielt sie. Tarek spannte jeden Muskel an. Er spürte das Gewicht – nicht nur ihres Körpers, sondern der ganzen verdammten Welt –, das an ihm zerrte. Seine Stiefelspitzen kratzten über den Fels, suchten Halt.
„Zieh!“, presste er hervor. „Lyra, hilf mir!“
Aber Clara half nicht mit. Sie hing dort, halb über dem Abgrund, im peitschenden Schneesturm. Sie sah nach unten. Dort war nur Weiß. Ein endloses, weiches Weiß. Es sah friedlich aus. Es sah leise aus. Dort unten gab es keinen Schmerz. Dort unten musste sie nicht daran denken, dass sie ihren Bruder zurückgelassen hatte. Dort unten war vielleicht Marcus. Lass einfach los, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie klang nicht böse. Sie klang verlockend. Es ist so einfach. Ein Schnitt am Seil. Einmal ausatmen. Und dann Ruhe.
Sie hörte auf zu strampeln. Sie ließ die Arme hängen. Sie schloss die Augen.
Tarek spürte es. Er spürte durch das Seil, dass sie aufgab. Er kannte den Unterschied zwischen einem Körper, der kämpft, und einem toten Gewicht. Wut, heiß und lodernd, schoss durch ihn hoch. „Vergiss es!“, brüllte er in den Sturm. „Du stirbst mir hier nicht weg! Nicht heute! Hörst du mich, Mädchen? Ich habe es ihm versprochen!“
Er stemmte die Füße gegen einen Felsvorsprung. Er brüllte wie ein wildes Tier, ein Urlaut, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, und warf sein ganzes Gewicht nach hinten. Lyra packte das Seil hinter ihm und zog mit, trotz ihres verletzten Beines, wimmernd vor Anstrengung.
Zentimeter für Zentimeter zogen sie Clara über die Kante zurück. Ihr Körper schabte über das scharfe Eis. Als sie endlich wieder festen Boden unter den Knien hatte, blieb sie einfach liegen. Sie rollte sich zusammen, das Gesicht in den Schnee gedrückt.
Tarek kroch zu ihr. Er atmete schwer, keuchend. Er packte sie am Kragen ihrer Jacke und riss ihren Oberkörper hoch. „Was sollte das?“, schrie er sie an. „Du hast dich hängen lassen!“
Clara öffnete die Augen. Sie waren voller Tränen, die sofort gefroren. „Warum?“, schluchzte sie. „Warum tun wir das? Wofür? Es ist doch keiner mehr da.“
Tarek starrte sie an. Sein Gesicht war eine Fratze aus Wut und Erschöpfung. Er wollte sie schütteln. Er wollte sie anschreien. Aber dann sah er Lyra. Lyra hatte sich neben sie fallen lassen. Sie hielt Kaels Umhang umklammert wie einen Schild. Sie sah Clara an.
„Weil sie zusehen“, sagte Lyra leise. Ihre Stimme war dünn, aber sie schnitt durch den Wind.
Clara blinzelte. „Was?“
„Sie zusehen“, wiederholte Lyra. Sie deutete vage nach oben, zurück zum Gipfel, der im Sturm verborgen war. „Elias. Marcus. Kael. Sie haben ihr Leben gegeben, damit wir diesen verdammten Berg hinuntergehen können. Wenn du jetzt stirbst...“ Lyras Stimme brach, wurde härter. „Wenn du jetzt stirbst, Clara, dann hast du ihre Opfer wertlos gemacht. Dann hast du Marcus umsonst sterben lassen.“
Der Satz traf Clara wie ein physischer Schlag. Sie zuckte zusammen. Der Schmerz in ihren Augen veränderte sich. Die Leere wich etwas anderem. Scham. Und dann: Trotz. Es war ein winziger Funke, kaum genug, um ein Feuer zu entfachen, aber genug, um die Kälte für einen Moment zurückzudrängen.
Sie wischte sich mit Tareks viel zu großem Handschuh über das Gesicht. „Ich hasse dich“, flüsterte sie zu Lyra. Aber es klang nicht wie Hass. Es klang wie Dankbarkeit.
„Ich weiß“, sagte Lyra. „Steh auf.“
Tarek ließ Clara los. Er stand mühsam auf, seine Glieder zitterten vor Anstrengung. Er bot Clara keine Hand an. Sie musste es selbst tun. Zitternd, rutschend, keuchend drückte Clara sich hoch. Sie schwankte, aber sie blieb stehen.
„Weiter“, sagte Tarek. Er drehte sich um, zurück in den Wind. Er wartete nicht. Er setzte den Fuß vor den anderen.
Eins. Zwei. Drei. Der Berg hatte sie fast gehabt. Aber nur fast. Sie gingen weiter, Schritt für Schritt, nicht weil sie leben wollten, sondern weil sie sich den Luxus des Sterbens nicht leisten konnten. Die Schuld war ein schwerer Rucksack, aber sie war auch Ballast, der sie am Boden hielt, wenn der Wind sie fortwehen wollte.
Sie stiegen ab, tiefer in den Sturm, tiefer in die Einsamkeit. Und mit jedem Schritt, den sie sich von der Festung entfernten, wurde das Loch in ihrer Mitte größer.
Stunden vergingen. Oder vielleicht nur Minuten. Die Zeit hatte ihre Struktur verloren, zermahlen zwischen dem Heulen des Windes und dem Knirschen ihrer Stiefel.
Der Sturm hatte etwas nachgelassen, oder vielleicht hatten sie sich einfach an das Brüllen gewöhnt. Der steile, lebensgefährliche Grat lag hinter ihnen. Das Gelände wurde flacher, ein endloses Feld aus grauem Geröll und verharschtem Altschnee, das wie ein riesiger, toter Ozean wirkte.
Tarek signalisierte eine Pause. Nicht mit einem Ruf, sondern indem er einfach in den Windschatten eines massiven Felsblocks sackte. Clara und Lyra ließen sich neben ihn fallen. Es war keine geordnete Rast. Es war ein Kollaps.
Tarek griff nach seiner Wasserflasche. Der Verschluss war festgefroren. Er fluchte leise, zog seinen Dolch und hackte das Eis vom Gewinde. Er nahm einen Schluck. Das Wasser war so kalt, dass es in den Zähnen schmerzte. Er wischte sich über den Mund und drehte sich instinktiv nach rechts.
„Marcus, wie weit ist es noch bis zur...“
Er brach ab. Der Satz hing in der Luft, gefroren wie sein Atem. Rechts von ihm war niemand. Da war nur leerer Schnee. Kein Marcus, der seine Brille zurechtrückte. Kein Marcus, der eine Karte ausrollte und mit nervöser, aber brillanter Präzision erklärte, dass sie aufgrund des Neigungswinkels und der Windgeschwindigkeit noch exakt drei Stunden und zwölf Minuten brauchen würden.
Tarek starrte auf den leeren Platz. Sein Gehirn wusste, dass Marcus tot war. Er hatte den Krater gesehen. Aber sein Instinkt, antrainiert über Monate des gemeinsamen Kampfes, weigerte sich, die neue Realität zu akzeptieren. Die Stille, die auf seine Frage folgte, war lauter als der Sturm. Sie war ein physisches Loch in der Welt.
„Er ist nicht da, Tarek“, sagte Lyra leise.
Tarek zuckte zusammen. Er schloss den Mund, mahlte mit den Kiefern. Er schämte sich nicht für den Fehler, aber er hasste den Schmerz, den er auslöste. Er drehte die Wasserflasche in seinen Händen, als wollte er sie zerdrücken. „Ich weiß“, knurrte er. „Gewohnheit.“
Aber es war mehr als Gewohnheit. Es war eine Amputation. Sie waren zu sechst aufgebrochen. Eine Einheit. Ein Körper mit sechs Gliedmaßen. Jetzt waren sie halbiert. Und wie bei einem Soldaten, der ein Bein verloren hatte, juckten die Nervenenden dort, wo nichts mehr war.
Lyra lehnte den Kopf an den kalten Fels. Sie schloss die Augen. Sie fror. Es war eine Kälte, die nichts mit der Außentemperatur zu tun hatte. Es war die Kälte der Einsamkeit. Monatelang war Kael an ihrer Seite gewesen. Nicht immer körperlich, aber seine Magie war immer da gewesen. Ein Summen in der Luft. Eine Feuchtigkeit auf der Haut. Wenn sie durstig war, war das Wasser da, bevor sie fragen musste. Wenn sie fror, hatte er den Nebel verdichtet, um sie zu wärmen. Sie griff unbewusst nach ihrer linken Seite. Ihre Finger streiften den rauen Stein. Keine warme Hand. Kein Wasser, das ihre Finger spielerisch umspielte. Ich bin trocken, dachte sie panisch. Ihre Haut fühlte sich an wie Pergament. Ich vertrockne ohne ihn.
Sie zog den blauen Umhang enger um sich. Er roch nicht mehr nach Kael. Er roch nach Eis und altem Schweiß. Der Geruch verblasste, so wie die Erinnerung an sein Lachen verblasste, überschrieben vom Tosen des Wasserfalls, zu dem er geworden war. Eine Träne lief über ihre Wange. Sie wischte sie nicht weg. Sie ließ sie frieren. Ein winziger Tribut aus Wasser für den Mann, der das Meer war.
Clara saß etwas abseits. Sie hatte die Knie an die Brust gezogen, die Arme fest um die Schienbeine geschlungen. Sie schaukelte ganz leicht vor und zurück. Sie hörte das Gespräch von Tarek und Lyra nicht. In ihrem Kopf war es laut.
Du bist die Stärkste von uns allen. Elias‘ Stimme hallte in ihrem Schädel, prallte gegen die Wände ihres Bewusstseins wie ein gefangener Vogel. Lüge, dachte sie bitter. Alles Lügen.
Sie spürte ein Phantomgewicht auf ihrer Brust. Nicht außen, wo das goldene Medaillon unter ihrer Jacke hing – das Medaillon, das sie beschützt hatte, während ihr Bruder sich opferte. Nein, sie spürte das Gewicht von seiner Last. Sie sah ihre eigenen Hände an, die noch immer in Tareks riesigen Handschuhen steckten. Sie erinnerte sich an Elias‘ Hände, als er das Amulett gehalten hatte. Schwarz. Aderig. Fremd. Er war dort oben. Jetzt gerade. In diesem Moment. Saß er auf dem Thron? War ihm kalt? Hatte er Angst? Oder war er schon nicht mehr Elias?
Ein Gedanke schlich sich ein, giftig und scharf: Habe ich genug getan? Hätte sie stärker ziehen müssen? Hätte sie ihn schlagen, ihn bewusstlos machen sollen? Tarek hätte ihn tragen können. Sie hätten ihn zwingen können zu leben. Er wollte es so, flüsterte die Stimme der Vernunft. Er wollte leben, schrie ihr Herz zurück. Er war ein Junge, der Schafe hüten wollte. Wir haben ihn zum Märtyrer gemacht.
„Wir müssen weiter“, sagte Tarek plötzlich. Seine Stimme war rau, als würde das Sprechen ihm Schmerzen bereiten.
Er stand auf. Die Bewegung war schwerfällig, mechanisch. Er bot Lyra die Hand an, zog sie hoch. Dann wandte er sich zu Clara. Er sah sie an, und in seinen Augen lag derselbe Phantomschmerz, den sie fühlte. Er vermisste den Jungen, den er "Kleiner" genannt hatte. Er vermisste den Mann, dem er Respekt gezollt hatte.
„Komm“, sagte Tarek. Er reichte ihr nicht die Hand. Er griff nach dem Seil, das sie verband. „Wir dürfen nicht anhalten. Wenn wir anhalten, fangen wir an zu denken.“
„Ich denke schon die ganze Zeit“, flüsterte Clara, während sie sich mühsam aufrichtete.
„Dann hör auf“, sagte Tarek hart. Er drehte sich um, den Blick stur auf den grauen Horizont gerichtet. „Denken ist für Leute, die in Sicherheit sind. Wir sind nur Fleisch, das sich bewegt.“
Sie setzten sich wieder in Gang. Die Formation war falsch. Clara ging in der Mitte, aber der Platz vor ihr – wo Elias immer gegangen war, das Amulett als Lichtquelle erhoben – war leer. Der Platz hinter ihr – wo Marcus oft gestolpert war und Kael ihn aufgefangen hatte – war leer. Der Wind pfiff durch diese Lücken in ihrer Reihe. Er heulte Lieder durch die Leerstellen, wo ihre Freunde hätten sein sollen.
Sie waren keine Gruppe mehr. Sie waren Trümmerteile, die von einer Explosion übrig geblieben waren und nun ziellos den Hang hinabrollten.
Und das Schlimmste war nicht die Kälte. Das Schlimmste war die Stille. Niemand machte einen Witz. Niemand beschwerte sich. Niemand sagte: Alles wird gut. Denn sie wussten jetzt, dass das nicht stimmte. Nichts würde wieder gut werden. Es würde nur... anders werden. Kälter. Stillere.
Tarek stolperte kurz, fing sich. Seine Hand zuckte zur Seite, als wollte er jemanden stützen. Er griff ins Leere. Er ballte die Faust, zog sie zurück. Er senkte den Kopf gegen den Wind und ging weiter. Einen Schritt nach dem anderen, weg von den Toten, hinein in ein Leben, das keiner von ihnen gewollt hatte.
Der Übergang war nicht schleichend. Er war ein Schock.
Stundenlang – oder war es ein halbes Leben? – waren sie durch eine Welt aus Grau, Weiß und Schwarz gestolpert. Eine Welt ohne Geruch, ohne Farbe, definiert nur durch Wind und Eis. Dann, als sie um eine scharfe Biegung des Pfades bogen, riss der Himmel auf.
Die dicke Wolkendecke, die wie ein Leichentuch über dem Gipfel hing, endete hier abrupt. Darunter breitete sich das Tal aus. Es war eine Explosion aus Grün. Tiefes, sattes Tannengrün, das leuchtende Smaragd der Almwiesen, das Blau eines fernen Sees, der wie ein Spiegel in der Landschaft lag. Die Sonne stand tief, tauchte alles in ein brutales, goldenes Licht.
Tarek blieb so abrupt stehen, dass Clara fast in seinen Rücken lief. Er hob die Hand, schirmte die Augen ab. Er blinzelte, als würde das Licht ihm physische Schmerzen bereiten. Er atmete tief ein. Und würgte.
Die Luft war hier unten dick. Sie war schwer, gesättigt mit Sauerstoff, und sie roch. Sie roch nach harzigem Nadelholz, nach feuchter Erde, nach verrottendem Laub und... Leben. Nach Wochen in der sterilen Reinheit des Eises wirkte dieser Geruch fast obszön. Er war zu süß, zu faulig, zu voll.
„Wir sind unten“, krächzte Tarek. Seine Stimme klang fremd, zu laut in der plötzlichen Stille, in der der Wind nur noch ein sanftes Rauschen in den Wipfeln war, kein Brüllen mehr.
Lyra sank auf die Knie. Nicht aus Erschöpfung, sondern als würde die Schwerkraft hier unten anders funktionieren. Sie starrte auf den Boden vor sich. Dort, zwischen zwei grauen Felsbrocken, wuchs etwas. Es war winzig. Ein Büschel Gras, durchsetzt mit kleinen, violetten Blüten. Ein Steinbrech. Er war so fragil, dass ein fester Tritt ihn zermalmen würde. Und doch hatte er überlebt. Er blühte. Er reckte seine kleinen Köpfe der Sonne entgegen, ignorant gegenüber dem Horror, der nur tausend Meter über ihm stattgefunden hatte.
Lyra streckte eine zitternde Hand aus. Ihre Fingerspitzen, schwarz vom Ruß und blau vor Kälte, berührten die weichen Blütenblätter. Sie zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Es ist falsch“, flüsterte sie. Tränen stiegen ihr in die Augen, heiße, echte Tränen, die nicht sofort gefroren. „Wie kann das hier sein? Wie kann es hier blühen, wenn... wenn er nicht mehr da ist?“
Es war die grausamste Lektion des Überlebens: Die Welt hielt nicht an. Der Berg hatte vier ihrer Freunde verschlungen. Er hatte Schicksale besiegelt, Opfer gefordert, die Geschichte geschrieben hätten. Aber dem Gras war das egal. Der Sonne war das egal. Ein Vogel zwitscherte irgendwo in einer Latschekiefer – ein fröhliches, banales Geräusch, das Clara wie ein Messer in den Magen traf.
Clara starrte auf das Tal hinab. Es sah friedlich aus. Rauch stieg aus fernen Schornsteinen auf. Jemand kochte dort Abendessen. Jemand lachte vielleicht. Jemand lebte einen ganz normalen Dienstag. Wut stieg in ihr auf, heiß und irrational. Sie wollte schreien. Sie wollte hinunterrennen und diese friedliche Stille zerschlagen. Sie wollte jeden schütteln und schreien: Wisst ihr nicht, was passiert ist? Wisst ihr nicht, dass das Licht fast ausgegangen wäre? Wisst ihr nicht, dass mein Bruder dort oben in der Dunkelheit sitzt, damit ihr eure verdammte Suppe kochen könnt?
Aber sie schrie nicht. Ihr Hals war zu eng. „Warum sind wir hier?“, fragte sie leise.
Tarek drehte sich zu ihr um. Er sah furchtbar aus im Sonnenlicht. Der Ruß, das getrocknete Blut, die tiefen Schatten unter den Augen – hier, im Licht des Lebens, sah er aus wie ein Wiedergänger, der aus dem Grab gekrochen war. „Weil wir atmen“, sagte er stumpf. Er löste das Seil, das sie verband. Es fiel in den Staub, eine nutzlose Nabelschnur.
„Ich will nicht“, sagte Clara. Sie starrte auf ihre Hände, die in Tareks Handschuhen steckten. „Ich will nicht da runter. Wenn wir da runtergehen... dann wird es real. Dann ist es wirklich vorbei.“ Solange sie am Berg waren, im Eis, im Kampf, war Elias noch nah. Er war nur ein paar Meter entfernt, hinter einer Wand aus Stein. Aber wenn sie in das grüne Tal gingen... wenn sie in die Welt der Lebenden eintraten... dann ließen sie ihn endgültig zurück. Dann wurde er zur Geschichte. Zur Vergangenheit.
Tarek ging zu ihr. Er legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie waren schwer und warm. „Wir gehen nicht für uns da runter, Clara“, sagte er sanft. „Wir gehen für sie. Wir sind die Zeugen. Wenn wir hier oben sterben, weiß niemand, was Marcus getan hat. Niemand weiß, wer Elias war. Niemand erinnert sich an Kaels Lied oder Zaras Mut.“ Er drückte sie leicht, zwang sie, ihn anzusehen. „Wir sind ihr Gedächtnis. Wir müssen es hinuntertragen. Das ist die letzte Mission.“
Clara schluckte. Der Gedanke war schwer, aber er gab ihr Halt. Ein Gedächtnis sein. Ein lebendes Denkmal. Sie nickte langsam. „Okay.“
Lyra hatte sich aufgerichtet. Sie pflückte den kleinen Steinbrech nicht. Sie ließ ihn stehen. „Das Leben gewinnt immer“, sagte sie leise, und es klang nicht wie ein Trost, sondern wie eine Anklage. „Egal wie sehr es schmerzt.“
Sie traten über die unsichtbare Linie. Vom Fels auf die Erde. Vom Winter in den Frühling. Vom Tod ins Leben.
Der Boden unter ihren Füßen war weich. Nadeln dämpften ihre Schritte. Der Wind war hier nur noch eine Brise, die nach Harz roch. Aber die Kälte in ihren Herzen blieb. Sie saßen tief in ihren Knochen, ein Splitter vom Eispalast, den sie nie wieder loswerden würden. Sie waren am Leben. Sie hatten überlebt. Aber als sie den schmalen Pfad in Richtung der ersten Bäume hinuntergingen, fühlte sich keiner von ihnen wie ein Sieger.
Sie waren nur der Rest. Die, die übrig blieben, um die Geschichte zu erzählen.
Hinter ihnen ragte der Silberkamm in den Himmel, die Spitze nun wieder in Wolken gehüllt, makellos, still und fern. Ein Grabstein für Götter und Freunde.
Sie drehten sich nicht mehr um.