NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 20: Abschied
„ Das Echo der Stille“
Stille ist nicht einfach die Abwesenheit von Geräusch. Wahre Stille ist eine physische Kraft. Sie hat Gewicht, sie hat Dichte, und in diesem Moment, im Herzen von Nox Aeterna, drohte sie, die vier verbliebenen Gestalten zu erdrücken.
Der magische Sturm, der noch vor Sekundenbruchteilen durch die Halle getobt hatte, war nicht abgeebbt – er war abgeschnitten worden. Als hätte ein unsichtbares Beil die Realität durchtrennt. Wo eben noch Anaxis schwarze Tentakel gegen Marcus‘ Lichtwand gepeitscht waren, wo Schreie und das Bersten von Realität die Luft zerrissen hatten, herrschte nun eine absolute, graue Bewegungslosigkeit.
Staub tanzte in den wenigen Strahlen fahlen Lichts, die durch die Risse in der hohen Kuppel fielen. Es war kein gewöhnlicher Staub; er glitzerte wie zerstoßenes Diamantpulver – die Überreste verbrauchter Magie.
Elias stand noch immer dort, wo er den Schutzkreis gehalten hatte. Seine Arme waren erhoben, die Muskeln bis zum Zerreißen gespannt, bereit, gegen einen Druck anzukämpfen, der nicht mehr existierte. Er blinzelte. Schweiß brannte in seinen Augen und mischte sich mit den Tränen, die er nicht hatte fallen lassen, solange es noch Hoffnung gab.
Er senkte die Arme. Sie fielen schwer an seine Seiten, nutzlos wie tote Äste. Sein Atem ging rasend schnell, stoßweise, das einzige Geräusch in der gigantischen Halle aus Obsidian.
„Marcus?“
Die Stimme gehörte Clara. Sie war brüchig, kaum mehr als ein Flüstern, das sofort vom Echo der Halle verschluckt wurde.
Elias drehte den Kopf. Die Bewegung schmerzte, als wäre sein Nacken aus rostigem Eisen. Er sah Clara, die wenige Meter von ihm entfernt auf den Knien lag. Ihre Hände waren in den kalten Steinboden gekrallt, die Fingerknöchel weiß. Sie starrte auf den Punkt im Zentrum des Raumes.
Dort, wo Marcus gestanden hatte. Dort, wo er die Variable C aktiviert hatte.
Es gab keine Leiche. Es gab kein Blut. Da war nur Stein.
Ein perfekter Kreis aus grauem, nahtlosem Gestein hatte sich in den schwarzen Obsidianboden gebrannt. Er sah aus wie eine Narbe, die schon seit Jahrhunderten existierte, und doch war der Stein noch warm, dampfte leicht in der eisigen Luft. In der Mitte des Kreises erhob sich keine Statue, kein Denkmal. Nur eine leichte Erhebung, kaum kniehoch, als hätte der Berg versucht, eine Gestalt zu formen, und wäre auf halbem Weg zur Ruhe gekommen, zufrieden damit, die Essenz in sich aufzunehmen statt die Form.
Auf dieser Erhebung lag etwas Kleines, das das Licht reflektierte.
Clara kroch darauf zu. Sie stand nicht auf. Sie kroch auf Händen und Knien, über den scharfkantigen Schutt, über das Eis. Ihr Atem ging in wimmernden Stößen. Als sie die Erhebung erreichte, streckte sie eine zitternde Hand aus.
Sie hob es auf. Es war Marcus‘ Brille. Das Glas war auf der linken Seite gesprungen, ein feines Spinnennetz aus Rissen, aber das Gestell war intakt. Das Metall war warm.
„Nein“, hauchte sie. Sie drückte die Brille an ihre Brust, krümmte sich zusammen, als hätte man ihr in den Magen getreten. „Nein, nein, nein... das ist nicht... das reicht nicht.“
Tarek stand etwas abseits. Er hatte sein Schwert noch in der Hand, die Klinge gesenkt, die Spitze ruhte auf dem Boden. Er starrte auf den leeren Fleck. Sein Gesicht war eine Maske aus Schmutz und Blut, völlig regungslos. Er blinzelte nicht. Er wirkte, als würde er darauf warten, dass Marcus hinter einer Säule hervortrat und einen seiner trockenen, unpassenden Witze über Wahrscheinlichkeiten machte. Doch die Wahrscheinlichkeit war Null. Tarek wusste das. Er war Soldat. Er kannte den Unterschied zwischen vermisst und fort. Und die Leere, die Marcus hinterlassen hatte, schmeckte nach Endgültigkeit.
Lyra stand neben Elias. Sie weinte nicht laut. Tränen liefen stumm über ihre Wangen, wuschen Pfade durch den Ruß. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf leicht geneigt, als lauschte sie einer Melodie, die verklungen war. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, formten Worte in der alten Sprache, vielleicht ein Gebet, vielleicht einen Abschied.
Elias wollte zu Clara gehen. Er machte einen Schritt, doch sein Bein gab fast nach. Er taumelte, fing sich an einem Block aus schwarzem Eis ab, der von der Decke gestürzt war.
Da hörte er es. Ein Geräusch, das nicht vom Wind kam. Ein Husten. Nass, rasselnd, menschlich.
Elias wirbelte herum. Sein Blick flog zu den Trümmern des dunklen Throns am Ende der Halle.
Dort, im Schatten der zertrümmerten Lehne, bewegte sich etwas. Ein Haufen aus Lumpen und Schatten schob sich mühsam beiseite. Eine Hand, dünn und knochig wie die eines Vogels, griff nach dem Rand des Thronsockels.
Elion.
Es war nicht mehr der dunkle Gott, der in Schatten gehüllt war. Es war nicht mehr das Wesen, dessen Stimme wie Donner grollte. Dort, mühsam versuchend, sich aufzurichten, war ein alter Mann. Sein Haar war lang und weiß, verfilzt, als hätte er Jahrhunderte geschlafen. Sein Körper war abgemagert, die Haut pergamentdünn, gespannt über spitzen Knochen. Er trug die Überreste einer einst prachtvollen Robe, die nun nur noch Fetzen waren.
Er zitterte. Nicht vor Wut, sondern vor Kälte.
Elias vergaß seine eigene Erschöpfung. Er stieß sich vom Eisblock ab und hastete die Stufen zum Thronpodest hinauf. Er erreichte Elion gerade in dem Moment, als dessen Arme nachgaben.
Elias fing ihn auf. Der Körper des ehemaligen Gottes war schockierend leicht. Er wog kaum mehr als ein Kind. Elias spürte die spitzen Schulterblätter durch den dünnen Stoff. Er roch Alter und Staub, aber nicht mehr den Schwefel der Dunkelheit.
„Vorsicht“, sagte Elias, seine Stimme rau und ungewohnt laut in der Stille. Er stützte den alten Mann, zog ihn sanft in eine sitzende Position auf die Stufen.
Elion hob den Kopf. Seine Augen, die zuvor lodernde Abgründe aus violetter Energie gewesen waren, waren nun von einem blassen, wässrigen Grau. Menschliche Augen. Müde Augen. Er blinzelte Elias an, als müsste er ihn erst fokussieren. Dann, ganz langsam, breitete sich ein Erkennen auf seinem Gesicht aus.
„Der... Träger“, krächzte Elion. Seine Stimme war schwach, ein Rascheln von trockenem Laub. Er hustete erneut, ein schmerzhaftes Geräusch, das seinen ganzen Körper schüttelte.
„Spar dir deine Kraft“, sagte Elias. Er blickte sich um, sah einen von Tareks Wasserschläuchen, der beim Kampf auf die Stufen geflogen war. Er griff danach, öffnete ihn und hielt ihn an Elions Lippen. „Trink.“
Elion trank gierig, Wasser rann ihm in den grauen Bart. Er schob den Schlauch weg und atmete tief ein, ein rasselndes Geräusch. „Es ist... still“, flüsterte er. Er blickte sich in der Halle um, seine Augen weiteten sich, als er die Zerstörung sah, den Krater, das fehlende Dach, durch das nun Schneeflocken hereinwirbelten. „Anaxi...?“
„Gebunden“, sagte Elias. Er blickte hinüber zum Steinkreis, wo Clara noch immer wimmernd die Brille umklammerte. „Marcus hat sie gebunden. In den Stein. In den Berg.“
Elion folgte seinem Blick. Ein Ausdruck tiefer Trauer huschte über sein altes Gesicht. Er nickte langsam. „Ein Tausch. Seele gegen Substanz. Eine... elegante Gleichung.“ Er schloss die Augen. „Er war klüger, als ich es je war. Ich habe versucht, sie zu beherrschen. Er hat sie... integriert.“
Plötzlich ging ein Ruck durch den Boden. Es war kein Erdbeben. Es war tiefer. Ein Grollen, das aus den Wurzeln der Welt zu kommen schien. Staub rieselte von der Decke. Ein faustgroßer Stein löste sich hoch oben und schlug krachend hundert Meter entfernt auf den Boden.
Tarek schreckte auf, riss das Schwert hoch. „Was war das? Kommt er zurück?“
„Nein“, sagte Elion leise. Er versuchte aufzustehen, doch seine Beine versagten sofort. Er wäre die Stufen hinabgestürzt, hätte Elias ihn nicht festgehalten. „Nicht er. Der Berg.“
„Was ist mit dem Berg?“, rief Lyra, die nun zu ihnen geeilt war. Sie kniete sich neben Elias und legte eine Hand auf Elions Stirn. Sofort zog sie sie zurück, überrascht. „Er ist... er ist nur ein Mensch. Fast keine Magie.“
„Der Berg... stirbt“, keuchte Elion. Er griff mit einer klauenartigen Hand nach Elias‘ Arm. „Verstehst du nicht? Das Siegel wurde erneuert, ja. Aber das Herz... das Herz wurde herausgerissen. Anaxi ist eingesperrt, aber sie tobt. Sie drückt gegen die Wände. Ohne einen Willen, der sie im Zaum hält... ohne einen Fokus... wird die Festung in sich zusammenstürzen.“
Elias spürte eine Kälte in seiner Brust, die nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Er blickte auf seine rechte Hand. Dort, fest umschlossen, hielt er noch immer das Amulett seines Vaters. Es war nicht mehr grau. Es war schwarz wie Obsidian, durchzogen von feinen Adern aus pulsierendem Silber. Es war warm. Und es vibrierte im exakt gleichen Rhythmus wie das Grollen tief unter ihren Füßen.
Bumm-bumm. Bumm-bumm.
Es war kein Schmuckstück mehr. Es war ein Schlüssel. Und mehr noch: Es war eine Fernbedienung. Elias spürte den Berg. Er spürte die Risse im Fundament, drei Kilometer unter ihnen. Er spürte die gewaltigen Steintore am Eingang, die auf einen Befehl warteten. Er spürte den Druck von Anaxi, der gegen Marcus‘ Opfer drückte wie Wasser gegen einen Damm.
Marcus hatte den Damm gebaut. Aber ein Damm braucht einen Wärter, der die Schleusen regelt.
„Wir müssen hier raus“, sagte Tarek und kam auf sie zu. Er packte Clara im Vorbeigehen sanft am Arm, zog sie hoch. Sie wehrte sich nicht, ließ sich wie eine Puppe mitziehen, die Brille immer noch an die Brust gepresst. „Der Laden hier stürzt ein. Elias, hilf dem Alten. Wir verschwinden.“
Elias bewegte sich nicht. Er starrte auf das Amulett. Dann sah er zu Elion. Der alte Mann blickte ihn an. In seinen Augen lag keine Forderung. Nur eine unendliche Müdigkeit und ein stilles Wissen. Elion wusste es. Er hatte diesen Job tausend Jahre lang gemacht. Er wusste, was nötig war. Aber er war zu schwach. Er würde den Weg ins Tal vielleicht nicht einmal überleben, geschweige denn die mentale Kraft aufbringen, ein Gefängnis aus Willenskraft aufrechtzuerhalten.
„Elias!“, rief Tarek drängender. Ein weiterer Ruck erschütterte die Halle, stärker diesmal. Ein Riss bildete sich in der Wand zu ihrer Linken. „Bewegung, verdammt noch mal!“
Elias atmete langsam aus. Sein Atem bildete eine weiße Wolke in der kalten Luft. Er spürte keine Angst mehr. Die Panik, die ihn seit Aetherholm begleitet hatte, das ständige Gefühl, gejagt zu werden, nicht gut genug zu sein... es war weg. An seine Stelle trat eine seltsame, schwere Klarheit. Wie das Einrasten eines Puzzleteils, das man wochenlang gesucht hatte.
Er blickte zu dem Krater, wo Marcus sich geopfert hatte. Ich renne nicht mehr weg, hatte Marcus gesagt.
Elias griff fester um das Amulett. Er spürte, wie die Magie des Berges ihn begrüßte. Nicht feindselig. Sondern wartend. Wie ein leeres Haus, das auf seinen Bewohner wartet.
„Hilf mir mit ihm“, sagte Elias leise zu Tarek. Er legte Elions Arm um seine Schulter. „Wir bringen ihn zum Tor.“
Er sagte nicht: Wir bringen ihn raus. Er sagte: Zum Tor.
Aber im Grollen des Berges und im Rauschen des Blutes in ihren Ohren hörte niemand den Unterschied.
Niemand außer vielleicht Lyra. Sie warf ihm einen scharfen, prüfenden Blick zu, während sie Elions andere Seite stützte. Ihre Augen suchten die seinen, fragend, ängstlich. Elias wich ihrem Blick aus. Er konzentrierte sich auf den Weg. Schritt für Schritt.
Der lange Marsch hatte begonnen. Und Elias wusste, dass es für ihn der letzte sein würde.
„ Der lange Marsch zum Tor“
Der Weg zurück war immer länger als der Hinweg. Das war eine alte Weisheit, die Elias‘ Vater oft am Kaminfeuer gemurmelt hatte, wenn er von den Märkten im Tal zurückgekehrt war. Damals hatte Elias geglaubt, es läge an der Müdigkeit in den Beinen. Heute wusste er, dass es an der Last im Herzen lag.
Sie bewegten sich durch die gewaltigen, schattigen Korridore von Nox Aeterna wie Geister in einer Welt, die nicht mehr für Lebende gemacht war. Jeder Schritt hallte von den hohen Wänden wider – ein raues Kratzen von Stiefeln auf Stein, das Schleifen von Elions Füßen, die er kaum noch heben konnte, und das schwere, rasselnde Atmen der Gruppe.
Tarek ging voran. Er hatte seinen linken Arm um Clara gelegt, stützte sie fast vollständig. Clara hielt den Kopf gesenkt, ihren Blick stur auf die Fersen von Tareks Stiefeln gerichtet. In ihrer rechten Hand hielt sie Marcus‘ zerbrochene Brille so fest umklammert, dass Elias fürchtete, die Scherben würden sich in ihr Fleisch schneiden. Aber sie lockerte den Griff nicht. Sie sprach nicht. Sie existierte nur, Schritt für Schritt, gefangen in dem Moment, in dem der graue Kreis sich geschlossen hatte.
Elias und Lyra bildeten die Nachhut, den gebrechlichen Körper des ehemaligen Gottes zwischen sich. Elion war schwer, nicht an Masse, sondern an Trägheit. Er stolperte oft, seine Knie gaben nach, und jedes Mal musste Elias ihn mit einem Ruck wieder aufrichten.
„Nur noch ein Stück“, murmelte Elias, mehr zu sich selbst als zu Elion.
Der Berg antwortete mit einem tiefen, vibrierenden Ächzen. Staub rieselte von der Decke wie feiner Schnee. Ein Riss zog sich knisternd durch eine Säule zu ihrer Rechten, ein Geräusch wie brechender Knochen.
„Die Architektur... gibt nach“, flüsterte Elion. Er hob den Kopf mühsam und blickte auf den Riss. „Die Bindung löst sich. Ohne den Willen... zerfällt die Form.“
„Dann hör auf zu reden und geh schneller“, keuchte Lyra. Ihr Gesicht war bleich, Schweiß klebte ihr die Haare an die Stirn. Sie hinkte leicht – eine Verletzung aus dem Kampf gegen Phobos, die sie bisher ignoriert hatte.
Elias blickte sich um. Auf dem Hinweg waren diese Gänge bedrohlich gewesen, gefüllt mit Schattenwesen und tödlichen Fallen. Jetzt wirkten sie... traurig. Er sah die kunstvollen Reliefs an den Wänden, die nun unter dem Druck des Berges abplatzten. Er sah Statuen von längst vergessenen Wächtern, die ihre Köpfe verloren hatten, als die Decke bebte.
Es war seltsam. Er sollte Angst haben. Er sollte rennen, panisch, so wie sein Instinkt es ihm monatelang befohlen hatte. Lauf weg, Bauernjunge. Lauf zurück ins Licht. Aber er spürte keine Angst.
Er spürte... Mitleid.
Er legte seine freie Hand im Vorbeigehen an die kalte Steinwand. Das Amulett an seiner Brust wurde warm. Ein Impuls schoss durch seinen Arm in den Stein. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Elias nicht den dunklen Gang. Er sah das Skelett der Festung. Er spürte die tektonischen Platten, die gegeneinander drückten, er spürte die magischen Ankerpunkte, die Marcus gesetzt hatte – leuchtende Nadelstiche in einem Ozean aus Dunkelheit. Er spürte, wie der Berg schrie. Er hatte Schmerzen. Er war eine Wunde in der Welt, die eiterte, weil niemand sie versorgte.
Elias zog die Hand zurück, erschrocken über die Intensität der Verbindung. Ich höre dich, dachte er unwillkürlich.
Elion drehte den Kopf zu ihm. Seine grauen Augen musterten Elias mit einer Klarheit, die den Nebel des Alters kurz durchbrach. „Du spürst es“, stellte er fest. Keine Frage.
„Der Berg... er ist nicht böse“, sagte Elias leise. „Er ist nur kaputt.“
„Er ist ein Gefäß“, korrigierte Elion schwach. „Wie ich. Wie du. Gefäße müssen gefüllt sein, sonst implodieren sie unter dem Druck der Leere.“
Vor ihnen blieb Tarek stehen. Sie hatten eine Kreuzung erreicht, wo der Gang sich weitete und in die gigantische Eingangshalle mündete. „Licht“, krächzte Tarek. Er deutete nach vorne.
Weit entfernt, am Ende der Halle, war der Spalt der gigantischen Tore noch offen. Ein vertikaler Streifen aus blendendem Weiß schnitt durch die Dunkelheit. Tageslicht. Schneelicht. Die Welt der Lebenden. Aber der Spalt war schmaler geworden. Viel schmaler als bei ihrer Ankunft. Die Tore bewegten sich, zentimeterweise, getrieben von einem uralten Mechanismus, der nun, da der Meister entthront war, die Festung versiegeln wollte.
„Wir müssen uns beeilen!“, rief Tarek über die Schulter. Er zog Clara mit sich, beschleunigte den Schritt fast zu einem Lauf.
Elias wollte folgen. Er wollte Elion vorwärts drängen. Doch seine Füße gehorchten nicht. Er blieb stehen.
Der Ruck riss Lyra fast um, da sie Elion auf der anderen Seite stützte. „Elias? Was ist los? Komm schon!“
Elias starrte auf den Lichtspalt. Er war wunderschön. Er versprach kalte, frische Luft. Er versprach Vögel, Bäume, Feuerstellen, Lachen. Er versprach eine Zukunft, in der er Clara heiraten sehen könnte, in der er Tarek besuchen würde, um dessen Kinder mit Geschichten zu nerven.
Dann blickte er zurück in die Dunkelheit des Ganges. Er hörte das Ächzen der Steine. Er spürte das Chaos der gebundenen Dunkelheit, die gegen Marcus' Opfer anbrandete. Wenn er ging... wenn er jetzt durch dieses Tor ging... würde Marcus' Opfer umsonst gewesen sein. Das Siegel würde halten, vielleicht für ein Jahr. Vielleicht für zehn. Aber ohne einen Wächter, ohne jemanden, der die Energie lenkte, der die Balance hielt, würde der Berg bersten. Und Anaxi würde wieder frei sein. Nicht heute. Aber bald.
Und dann würde das Licht, das er dort draußen sah, für immer erlöschen.
„Elias!“, schrie Lyra nun, Panik in der Stimme.
Elias blinzelte. Er sah Lyra an. Er sah ihre Erschöpfung, ihre Trauer um Kael, die sie kaum aufrecht hielt. Er sah zu Clara, die vorne stolperte, aber von Tarek gehalten wurde. Sie hatte so viel verloren. Sie durfte nicht auch noch ihre Zukunft verlieren.
„Ja“, sagte Elias. Seine Stimme klang fest, ruhig. „Gehen wir.“
Er log. Er wusste es in diesem Moment. Er log sie an, um sie zum Tor zu bringen. Er schob Elion vorwärts, zwang seine Beine, sich zu bewegen. Aber innerlich hatte er sich bereits umgedreht. Innerlich ging er nicht zum Ausgang, sondern tiefer hinein.
Er tastete nach dem Amulett. Es pulsierte sanft gegen seine Handfläche. Nicht mehr weit, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Es war nicht die Stimme seines Vaters. Es war nicht Elions Stimme. Es war seine eigene. Aber sie klang älter. Tausend Jahre älter.
Sie erreichten die Halle. Der Boden war glatt hier, aber von Rissen durchzogen. Der Wind, der durch den Spalt pfiff, war eisig, aber er roch nach Freiheit.
Tarek und Clara hatten das Tor fast erreicht. Tarek drehte sich um, winkte hektisch. „Los! Der Spalt wird zu eng! Lauft!“
Elias und Lyra schleppten Elion über die letzten hundert Meter. Die Decke über ihnen grollte bedrohlich, Staubwolken hüllten sie ein. Als sie die gigantischen Torflügel erreichten, war der Spalt noch breit genug für zwei Menschen nebeneinander. Der Schnee draußen blendete Elias, stach in seinen an die Dunkelheit gewöhnten Augen.
Sie stoppten. Tarek atmete schwer, stützte sich auf seine Knie. Clara stand da, den Blick stur auf den Schnee gerichtet, als könnte sie nicht glauben, dass er weiß war.
„Wir haben es geschafft“, keuchte Lyra. Sie ließ Elion los, der sofort zusammensackte und sich an die kalte Steinwand des Tores lehnte. Lyra drehte sich zu Elias, ein schwaches, erleichtertes Lächeln auf den Lippen. „Wir bringen ihn runter. Wir... wir haben es geschafft, Elias.“
Elias stand an der Schwelle. Ein Schritt, und er wäre im Schnee. Ein Schritt, und die Kälte würde real sein, nicht magisch. Er sah Clara an. Sie hob den Kopf. Ihre Augen trafen seine. Sie waren rotgeweint, leer, aber tief drinnen glomm ein Funken Hoffnung. Die Hoffnung, dass es vorbei war. Dass sie nach Hause gehen konnten.
Elias lächelte. Es war ein trauriges Lächeln, eines, das die Augen nicht ganz erreichte. Er löste sanft seinen Arm von Elion. Er trat einen Schritt zurück. Nicht hinaus in den Schnee. Sondern hinein in den Schatten des Torbogens.
„Nein, Lyra“, sagte er leise. Das Grollen des Berges verschluckte seine Worte fast, aber die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend. „Ihr habt es geschafft.“
Tarek erstarrte. Er richtete sich langsam auf. Clara ließ die Brille sinken, nur ein paar Zentimeter. „Was?“
Elias stand nun vollständig im Schatten. Das Amulett an seiner Brust begann, in einem tiefen, satten Violett zu glühen, das seltsam harmonisch mit dem Obsidian der Wände wirkte. „Der Berg braucht einen Wächter“, sagte er. Er klang nicht wie ein Märtyrer. Er klang wie jemand, der eine Tatsache feststellte. Wie jemand, der sagt: Es wird bald regnen.
„Elion ist frei“, fuhr Elias fort und nickte zu dem alten Mann, der ihn mit wissenden Augen ansah. „Aber er ist sterblich. Und Marcus... Marcus ist das Schloss. Aber ein Schloss braucht einen Schlüssel. Und eine Hand, die ihn dreht.“
Er hob den Blick. „Ich gehe nicht mit euch.“
„ Die Offenbarung am Tor“
Der Wind heulte durch den schmaler werdenden Spalt der gigantischen Steintore, ein hohes, klagendes Geräusch, das wie das Wimmern eines sterbenden Tieres klang. Es trieb Eiskristalle in die Halle, die auf dem schwarzen Obsidianboden tanzten und im fahlen Licht glitzerten.
Doch das Heulen war nichts gegen die Stille, die Elias‘ Worte hinterlassen hatten.
Ich gehe nicht mit euch.
Der Satz hing in der Luft, schwerer als der Stein über ihren Köpfen. Er schien die Zeit selbst einzufrieren. Clara blinzelte. Einmal. Zweimal. Als versuche ihr Verstand, die Silben neu zu ordnen, ihnen einen Sinn zu geben, der nicht Verlust bedeutete. Ein nervöses, fast hysterisches Lachen entwich ihrer Kehle.
„Der war schlecht“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, schwankte zwischen Belustigung und nackter Panik. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, griff nach seinem Ärmel, ihre Finger krallten sich in den Stoff seines Mantels. „Der war wirklich schlecht, Elias. Komm schon. Marcus... Marcus ist tot. Das reicht. Wir brauchen keine dramatischen Gesten mehr. Wir gehen jetzt.“
Sie zog an seinem Arm. Er bewegte sich nicht.
Es war nicht so, als würde sie gegen einen störrischen Menschen ziehen. Es fühlte sich an, als würde sie versuchen, einen Baum zu entwurzeln, der seit Jahrhunderten an dieser Stelle stand. Elias stand nicht einfach nur da; er war verankert. Seine Füße schienen mit dem Boden verschmolzen zu sein, gehalten von einer Schwerkraft, die nur für ihn galt.
„Elias“, sagte sie warnend, und der panische Unterton brach nun vollends durch. „Beweg dich.“
„Nein, Clara“, sagte er sanft. Er löste ihren Griff nicht grob, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. Er nahm ihre Hand, die eiskalt war, in seine, die vor unnatürlicher Hitze glühte. „Hör mir zu. Bitte.“
„Ich will dir nicht zuhören!“, schrie sie ihn plötzlich an. Das Echo ihrer Stimme überschlug sich in der Halle. „Ich will, dass du deinen verdammten Hintern durch dieses Tor bewegst! Der Berg stürzt ein! Wir sterben hier!“
Tarek trat vor. Er hatte sein Schwert weggesteckt. Sein Gesicht war grau unter dem Ruß, seine Augen eng zusammengekniffen. Er sah Elias nicht an wie einen Freund, sondern wie einen Soldaten, der unter Schock stand und einen Befehl verweigerte.
„Junge“, sagte Tarek leise, bedrohlich ruhig. „Clara hat recht. Du stehst unter Schock. Das Adrenalin, die Magie... du denkst nicht klar. Wir regeln das draußen. Wenn wir erst mal Luft geholt haben, wenn wir...“
„Ich denke klarer als je zuvor in meinem Leben“, unterbrach ihn Elias. Seine Stimme war nicht laut, aber sie schnitt durch Tareks Worte wie eine Klinge.
Elias hob die Hand. Er öffnete die Finger und enthüllte das Amulett. In der Dunkelheit der Halle war es die einzige Lichtquelle. Aber es leuchtete nicht mehr hell und blendend wie das Licht der Hoffnung. Es pulsierte dunkel, ein tiefes, schweres Violett, durchzogen von Adern aus Schwarz, die sich bewegten wie lebendiges Quecksilber. Es sah aus wie ein Herz, das aus Schatten geschmiedet war.
Tarek wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Clara starrte das Objekt an, als wäre es eine giftige Spinne.
„Seht ihr das?“, fragte Elias. „Es hat seine Farbe geändert. Es hat seine Natur geändert.“ Er blickte von einem zum anderen. „Marcus hat das Siegel neu geschmiedet. Er hat die Formel geändert. Er hat Seele gegen Substanz getauscht, um Anaxi zu binden.“
„Ja, und er hat sich geopfert, damit wir leben können!“, rief Lyra dazwischen. Sie stützte sich schwer gegen die Wand, ihr Gesicht schmerzverzerrt, aber ihre Augen brannten. „Damit du lebst, Elias!“
„Er hat das Schloss gebaut, Lyra“, sagte Elias und sah sie traurig an. „Aber ein Schloss ist nutzlos, wenn niemand da ist, der den Schlüssel bewacht. Und ein Gefängnis...“ Er blickte sich in der riesigen, leeren Halle um, die unter dem Druck des Berges ächzte. „Ein Gefängnis braucht einen Wärter.“
„Das ist Unsinn“, presste Tarek hervor. Er machte einen Schritt auf Elias zu, die Hände bereit, ihn zu packen und notfalls bewusstlos über die Schulter zu werfen. „Wir versiegeln den Eingang von außen. Wir sprengen den Pass. Niemand kommt mehr rein. Niemand kommt raus. Fertig.“
„So funktioniert Magie nicht, Söldner“, krächzte eine schwache Stimme vom Boden.
Elion saß an der Wand, die Beine von sich gestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt. Er atmete schwer, jeder Zug ein Kampf. Aber sein Blick war wach. „Die Dunkelheit... Anaxi... ist keine Armee, die man aussperren kann“, flüsterte der ehemalige Gott. „Sie ist eine Naturgewalt. Wie Wasser. Wenn man Wasser einsperrt, steigt der Druck. Es sucht jede Ritze. Jeden Schwachpunkt.“ Er hustete trocken. „Marcus hat sie in den Stein gebunden. Aber der Stein ist tot. Die Dunkelheit lebt. Sie wird den Stein fressen. Sie wird ihn korrumpieren. In einem Jahr, vielleicht zwei... wird der Berg bersten. Und dann wird nichts sie mehr aufhalten.“
„Halt den Mund“, fauchte Clara den alten Mann an. „Du hast kein Recht, hier zu reden! Das ist alles deine Schuld!“
„Er hat recht, Clara“, sagte Elias.
Clara wirbelte zu ihm herum. Tränen strömten nun frei über ihr Gesicht und hinterließen helle Spuren im Schmutz. „Verteidige ihn nicht! Er ist das Monster!“
„Er war der Wächter“, korrigierte Elias. „Tausend Jahre lang. Er saß auf diesem Thron. Er ließ zu, dass die Dunkelheit durch ihn floss, damit sie nicht durch die Welt fließt. Er hat seine Seele, seinen Körper, seinen Verstand geopfert, um als Filter zu dienen.“ Elias sah auf das schwarze Amulett in seiner Hand. „Das ist das Gleichgewicht. Balance ist kein Zustand des Friedens. Es ist ein aktiver Akt des Haltens. Ein ewiges Tauziehen.“
Er hob den Blick, und zum ersten Mal sahen sie es wirklich. Seine Augen. Sie waren nicht mehr das warme Braun des Bauernjungen aus Aetherholm. Sie waren grau geworden. Nicht trüb, sondern silbern, wie der Himmel vor einem Sturm, wie der Stahl einer alten Klinge.
„Jemand muss hier sein“, sagte Elias. „Jemand muss die Energie lenken. Jemand muss Anaxi beruhigen, wenn sie tobt, und die Fesseln straffen, wenn sie locker werden. Nur ein Träger kann das. Nur jemand, der mit dem Amulett verbunden ist.“
„Wir finden einen anderen Weg“, flehte Clara. Sie packte ihn wieder, schüttelte ihn, als könnte sie den Entschluss aus ihm herausrütteln. „Wir gehen zu den Magiern im Süden. Wir holen Hilfe. Wir finden... wir finden ein Ritual!“
„Es ist keine Zeit“, sagte Elias sanft.
Ein ohrenbetäubendes KRACH unterbrach sie. Die gigantischen Torflügel bewegten sich ruckartig. Staub regnete herab. Der Spalt, der eben noch breit genug für zwei war, schrumpfte sichtlich. Das Licht draußen wurde schmaler.
„Der Berg schließt sich“, sagte Elias. „Er weiß, dass sein Herr entthront wurde. Er schottet sich ab. Wenn ihr jetzt nicht geht... werdet ihr nie mehr gehen.“
„Dann bleiben wir!“, rief Clara trotzig. „Wir bleiben bei dir!“
Elias lächelte traurig. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine Geste so vertraut und liebevoll, dass es Clara fast das Herz brach. „Nein, Schwesterherz. Du würdest hier nicht überleben. Die Luft hier drinnen... die Magie... sie ist giftig für normale Menschen. Das Licht der Fragmente ist erloschen. Nur das Amulett schützt mich.“ Er blickte zu Tarek und Lyra. „Ihr würdet ersticken oder wahnsinnig werden, bevor der Mond voll ist.“
Tarek starrte ihn an. Der Söldner rang mit sich. Man sah, wie er jede taktische Option durchging, jeden Ausweg prüfte – und jeden verwarf. Er sah die Wahrheit in Elias‘ neuen Augen. Er sah die Logik, so kalt und scharf wie das Eis um sie herum. Marcus hatte sich für den Sieg geopfert. Elias opferte sich für den Bestand des Sieges.
„Verdammt“, flüsterte Tarek. Das Wort klang wie eine Niederlage.
„Du bist der Einzige, der noch da ist“, schluchzte Clara. „Marcus ist weg. Vater und Mutter sind tot. Du bist mein Bruder! Verstehst du das? Nicht durch Blut, aber durch alles andere! Ich kann dich nicht verlieren. Ich kann nicht!“
Elias nahm sie in den Arm. Es war eine feste Umarmung, warm trotz der eisigen Kälte der Halle. Er spürte ihr Beben, ihr verzweifeltes Schluchzen an seiner Schulter. Er schloss die Augen und erlaubte sich, für einen Moment nicht der Wächter zu sein, sondern nur Elias. Der Junge, der Angst hatte. Der Junge, der einfach nur nach Hause wollte. Aber dieses Zuhause gab es nicht mehr.
„Ich weiß“, flüsterte er in ihr Haar. „Und du bist die Stärkste von uns allen.“
„Dann warum fühle ich mich so schwach?“, weinte sie.
„Weil du liebst“, sagte Elias. Er löste sich sanft von ihr, hielt sie aber an den Schultern, damit sie nicht zusammensackte. Er sah ihr tief in die Augen. „Hör mir zu, Clara. Wenn ich gehe, stirbt die Welt. Seraphis, das Tal, die Kinder, die Zukunft... alles würde vom Schatten verschlungen werden. Ich bleibe hier, damit du leben kannst. Damit du alt werden kannst.“
Er wischte ihr mit dem Daumen eine Träne von der Wange. „Geh, Schwester. Leb für uns beide.“
Hinter ihnen knirschte der Stein. Der Spalt war nun kaum mehr als einen Meter breit. Der Wind pfiff nun so laut, dass sie schreien mussten, um gehört zu werden.
„Das Tor!“, brüllte Tarek, seine Stimme rau vor unterdrückter Emotion. „Elias, verdammt noch mal... ist das dein letztes Wort?“
Elias trat einen Schritt zurück, näher an den Schatten, näher an den Thron, näher an seine Ewigkeit. „Es ist mein einziges Wort“, sagte er.
Er sah sie an. Clara, die zusammengebrochen war und von Tarek gehalten wurde. Lyra, die still weinte. Tarek, der aussah, als würde er lieber sterben als diesen Befehl auszuführen.
„Ihr müsst jetzt gehen“, sagte Elias mit der Stimme des Wächters. Sie hallte seltsam doppelt, verstärkt durch den Stein um sie herum. „Jetzt!“
„ Die drei Abschiede“
Der Spalt war nun schmaler als eine Armlänge. Das Mahlen der gigantischen Steinscharniere war so laut, dass es in den Zähnen vibrierte. Staubwolken schossen wie Dampfstöße aus den Fugen.
Clara trat zurück, die Hände vor den Mund geschlagen, ihr Körper von Krämpfen geschüttelt, die kein Weinen mehr waren, sondern purer Schock. Sie hatte keine Worte mehr. Sie hatte keine Kraft mehr, ihn zu ziehen. Sie konnte nur noch starren.
Tarek trat vor. Der Söldner wirkte in diesem flackernden Licht zwischen dem violetten Glühen des Amuletts und dem grauen Schneelicht von draußen plötzlich alt. Die Linien in seinem Gesicht waren tiefe Gräben, gefüllt mit dem Schmutz von Schlachten, die er nie hatte kämpfen wollen. Er sah Elias lange an, prüfend, als würde er ihn zum ersten Mal wirklich sehen – nicht als den Bauernjungen, den er beschützen musste, nicht als die Last, für die er bezahlt wurde, sondern als einen Mann, der eine Entscheidung getroffen hatte, die Tarek selbst fürchtete.
Tarek atmete tief ein, seine Brustplatte hob sich schwer. Er wusste, dass jede Sekunde kostbar war. Er wusste, dass sie rennen mussten. Aber er wusste auch, dass ein Mann nicht ohne Ehre gehen konnte.
Er holte aus und schlug Elias hart mit der flachen Hand auf die gepanzerte Schulter – ein soldatischer, rauer Gruß, der Knochen hätte brechen können. Elias wankte nicht. Er stand wie der Berg selbst. Er hob seine eigene Hand und erwiderte den Schlag auf Tareks Schulterpanzer. Metall klirrte auf Metall.
„Du warst ein verdammt guter Kämpfer“, sagte Tarek rau, und seine Stimme war belegt, als hätte er Rauch geschluckt. „Für einen Bauernjungen.“
Elias lachte leise, ein brüchiges Geräusch, in dem Tränen mitschwangen, die er nicht weinen durfte. „Und du warst ein verdammt guter Mensch. Für einen Söldner.“
Dann zogen sie sich in eine kurze, harte Umarmung. Männlich, schnell, grob. Tarek drückte ihn so fest, dass Elias‘ Rippen knackten. Darin lag kein Mitleid. Darin lag der Respekt von Brüdern, die gemeinsam durch die Hölle gegangen waren und am anderen Ende als Gleiche herauskamen.
Tarek löste sich ruckartig. Seine Augen waren verdächtig hell. „Pass auf sie auf“, flüsterte Elias, den Blick auf Clara gerichtet.
„Immer“, presste Tarek hervor. „Das ist mein Job.“ Er nickte einmal, kurz und militärisch, dann trat er einen Schritt zurück, um den Weg freizumachen.
Als Letztes trat Lyra vor. Sie wirkte durchscheinend, zerbrechlich nach dem Verlust von Kael und der magischen Erschöpfung. Sie hinkte, aber ihr Rücken war gerade. Sie war immer sein moralischer Kompass gewesen, diejenige, die ihn daran erinnerte, wer er war, wenn die Macht des Amuletts zu schwer wog.
Sie griff nicht nach ihm, um ihn zu schütteln oder zu halten. Sie legte ihre Hände sanft an seine Wangen. Ihre Handflächen waren rau, aber warm. Sie zwang ihn, sie anzusehen, ihren Blick nicht abzuwenden.
„Du bist kein Monster“, sagte sie leise, aber mit einer Intensität, die das Grollen des Berges übertönte. „Hörst du mich, Elias? Egal, was passiert. Egal, wie lange du hier wartest. Du warst nie ein Monster. Und du wirst keines werden.“
Elias schloss die Augen. Eine einzelne, heiße Träne stahl sich unter seinen Lidern hervor und lief über Lyras Finger. Das war seine größte Angst gewesen. Nicht der Tod. Sondern zu werden wie Elion – vergessen, verbittert, dunkel.
„Aber ich... ich spüre die Dunkelheit schon“, flüsterte er. „Sie ist so laut.“
„Dann hör nicht hin“, sagte Lyra streng, wie eine Lehrerin. „Hör auf uns. Erinner dich an uns.“
„Du hast die Welt gerettet“, fuhr sie sanfter fort. „Das reicht. Das muss reichen.“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. Sie war klein, so viel kleiner als er jetzt wirkte. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn – kein romantischer Kuss, sondern ein Segen. Eine Absolution. Ein Siegel auf seiner Haut, das brennen würde, wenn die Kälte kam.
„Sei in Frieden, Elias. Wo immer du sein wirst.“
Sie ließ ihn los. Elias fühlte sich augenblicklich kälter, als ihre Hände von seinem Gesicht wichen.
„Wir müssen gehen!“, brüllte Tarek nun. Der Spalt war kaum noch breit genug für einen Mann. „Jetzt! Clara, komm!“
Clara stand wie gelähmt. Sie starrte Elias an, die Lippen leicht geöffnet, als wollte sie schreien, aber kein Ton kam heraus. Elias sah sie an. Ein letztes Mal prägte er sich jedes Detail ein. Die Sommersprossen auf ihrer Nase, die unter dem Ruß kaum zu sehen waren. Die Art, wie ihre Haare sich kräuselten, wenn es feucht war. Die Wut und die Liebe in ihren Augen.
„Ich liebe dich, Schwester“, sagte er lautlos.
Tarek griff nach Claras Arm. Er zögerte nicht mehr. Er riss sie herum. „Nein!“, schrie sie auf, als der Bann brach. „NEIN! ELIAS!“
Sie trat und schlug um sich, aber Tarek hielt sie eisern fest. Er zog sie rückwärts zum Spalt. Lyra nahm ihre andere Hand, zog mit. Gemeinsam zerrten sie Clara zum Licht.
Elias rührte sich nicht. Er hob nur die Hand. Nicht zum Gruß. Sondern um sie wegzustoßen.
Ein Windstoß heulte durch die Halle, trieb eine Wand aus Schnee herein. Tarek zwängte sich durch den Spalt, zog Clara mit Gewalt hindurch. Lyra folgte. Claras Schreie wurden dumpfer, abgeschnitten durch den Stein.
Dann waren sie weg.
Elias stand allein in der Halle. Neben ihm kauerte Elion, ein Häuflein Elend, das den Kopf in den Armen vergraben hatte.
Der Spalt war nun nur noch einen Handbreit offen. Ein letzter Lichtstrahl, scharf wie ein Laser, schnitt durch die Dunkelheit und traf Elias direkt ins Gesicht. Er blendete ihn. Er wärmte ihn ein letztes Mal.
Dann fielen die gigantischen Tore mit einem donnernden Schlag ins Schloss, der die Welt erschütterte.
BUMM.
Dunkelheit. Absolute, vollkommene Dunkelheit. Das Licht war fort. Die Kälte war fort. Der Wind war fort.
Elias stand allein. Das Echo des Schlags hallte nach, wanderte durch die Gänge, hinab in die Tiefe, und kam als tiefes Grollen zurück. Er atmete tief ein. Die kalte, abgestandene Luft schmeckte nicht nach Einsamkeit. Sie schmeckte nach Stein. Nach Zeit. Nach Bestimmung.
Er senkte die Hand. Das violette Leuchten des Amuletts flammte auf, erhellte den Raum in einem gespenstischen Licht. Es war jetzt die einzige Sonne, die er je wieder sehen würde.
Er drehte sich langsam um, hin zu den Schatten, wo Elion wartete. Der alte Mann blickte zu ihm auf. Elias streckte ihm die Hand hin.
„Komm“, sagte Elias. Seine Stimme war ruhig. „Wir haben viel zu tun.“
Er blickte nicht mehr zurück zum Tor. Er blickte nur noch nach vorn.
„Es ist vollbracht“, flüsterte er in die Stille. „Ich bin nach Hause gekommen.“