NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 16: Die Bibliothek brennt
Der Husten riss Marcus aus der Bewusstlosigkeit. Es war kein normales Husten; es war der reflexartige Versuch seines Körpers, Asche auszuwerfen, die wie grauer Schnee in seinen Lungen lag.
Er öffnete die Augen. Das linke Glas seiner Brille war zersplittert. Ein Spinnennetz aus Rissen verzerrte die Welt auf dieser Seite. Auf der anderen Seite sah er nur Rot und Orange. Hitze drückte auf ihn wie eine physische Last.
„Variable S“, krächzte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Status.“
Er lag auf dem Boden des Westflügels, Sektion Theoretische Äther-Mechanik. Über ihm war die Decke eingestürzt. Ein gewaltiger Balken aus brennender Eiche hatte sich mit einem Regal verkeilt und bildete ein instabiles Dreieck über seinem Kopf. Wäre der Balken zehn Zentimeter weiter links gelandet, wäre Marcus jetzt Matsch. So war er nur eingeklemmt.
Er versuchte, seine Beine zu bewegen. Sie waren frei. Aber sein linker Arm war unter einem Stapel schwerer Folianten eingeklemmt. Enzyklopädie der Astralen Strömungen, Band 1 bis 12. Die Ironie entging ihm nicht. Das Wissen, das er so liebte, hielt ihn gefangen.
„Jory?“ rief er.
Keine Antwort. Nur das Wusch-Wusch-Wusch des Feuers, das Sauerstoff durch die geborstenen Fenster sog.
Marcus biss die Zähne zusammen. Er durfte nicht in Panik geraten. Panik verbrauchte Sauerstoff. Sauerstoff war begrenzt. Er griff mit der rechten Hand nach den Büchern auf seinem linken Arm. Sie waren heiß. Das Leder der Einbände warf Blasen. Er schob sie weg, eines nach dem anderen. Logik, dachte er. Nicht Kraft. Hebelwirkung.
Er befreite seinen Arm. Er war taub, die Ärmel seines Hemdes versengt, aber die Knochen schienen heil. Er kroch unter dem brennenden Balken hervor.
Der Korridor war nicht wiederzuerkennen. Dicker, schwarzer Rauch waberte in Kniehöhe. Die Luma-Kugeln waren ausgefallen. Das einzige Licht kam von den Flammen, die sich gierig durch die Regale fraßen. Und der Weg zurück zur Haupthalle – dort, wo Tarek und die anderen sein mussten – war vollständig blockiert durch einen Berg aus Trümmern.
„Jory!“ Marcus wurde lauter. Er drückte sich ein Tuch vor den Mund. „Gib mir ein Zeichen!“
Ein leises Klopfen. Es kam von rechts. Aus einer Nische zwischen zwei Regalen, die noch nicht brannten, aber vom Rauch eingehüllt waren.
Marcus kroch darauf zu. Jory kauerte dort, zusammengekrümmt wie ein Igel. Er hatte das Märchenbuch über seinen Kopf gezogen, als würde das dünne Leder ihn vor der Hitze schützen. Er hustete heftig, ein rasselndes Geräusch.
„Ich hab dich“, sagte Marcus und zog den Jungen sanft aus der Nische. „Keine Sorge. Variable R: Rettung läuft.“
Er prüfte Jorys Puls. Schnell, aber kräftig. Keine sichtbaren Verbrennungen. Aber die Augen des Jungen waren starr vor Schock.
Marcus blickte sich um. Er musste einen Weg finden. Er rief die Baupläne in seinem Kopf ab. Wir sind im Westflügel, Ebene 3. Korridor B. Die Haupttreppe ist blockiert. Alternativen? Fenster? Zu hoch. Dienstbotenausgang? Im Ostflügel.
Sein Blick fiel auf ein kleines Symbol, das in die Messingplatte am Ende des Regals graviert war. Ein Buch mit einem Pfeil nach unten. Bücheraufzug. Ein mechanischer Schacht, mit dem schwere Bücherstapel aus dem Magazin in die Lesesäle befördert wurden.
„Jory“, sagte Marcus. Er musste schreien, um das Tosen des Feuers zu übertönen. „Wir müssen zum Lift. Kannst du laufen?“
Jory nickte stumm.
„Dann bleib tief. Unter dem Rauch.“
Sie krochen los. Marcus hielt Jorys Hand so fest, dass seine Finger schmerzten. Sie bewegten sich durch das Labyrinth der Regale. Es war ein Spießrutenlauf. Immer wieder fielen brennende Bücher herab, Funken sprühten wie Feuerwerk.
Plötzlich blieb Marcus stehen. Er drückte Jory flach auf den Boden. „Still“, zischte er.
Durch den Rauch vor ihnen bewegte sich etwas. Es war keine Flamme. Es war ein Schatten. Eine humanoide Gestalt, geformt aus Dunkelheit, durchzogen von violetten Blitzen. Sie tastete die Regale ab. Sie suchte. Nicht nach Büchern. Nach Leben.
Marcus’ Herz setzte aus. Er hatte keine Waffe. Er wusste nicht einmal, wie man eine hält. Er sah sich hektisch um. Neben ihm stand ein Rollwagen aus Metall, voll beladen mit Schriftrollen.
Ablenkung, dachte er. Variable A.
Er konnte den Schatten nicht besiegen. Aber er konnte ihn steuern. Schatten reagierten auf Geräusche und Bewegung.
Marcus nahm eine schwere Schriftrolle vom Wagen. Er wartete, bis das Wesen sich kurz abwandte. Dann warf er die Rolle mit aller Kraft in die entgegengesetzte Richtung, in einen brennenden Gang hinein.
Die Rolle traf ein Regal. BUMM. Funken stoben auf.
Der Schatten wirbelte herum. Er stieß ein Zischen aus und stürzte sich auf die Geräuschquelle, hinein in die Flammen.
„Jetzt“, flüsterte Marcus.
Er zog Jory hoch. Sie huschten leise an dem Rollwagen vorbei, weg von dem Schatten, tiefer in den Gang hinein. Marcus zitterte. Er hatte nicht gekämpft. Er hatte nur gerechnet.
Sie erreichten die Wand mit dem Aufzug. Es war eine kleine Klappe aus Eisen, etwa einen Meter über dem Boden. Marcus rüttelte am Griff. Verschlossen. Natürlich.
Er griff in seine Tasche, holte seinen Bund mit Bibliotheksschlüsseln hervor. Seine Hände zitterten so stark, dass er den richtigen Schlüssel kaum fand. Sektion West. Mechanik. Schlüssel 4-B.
Er rammte den Schlüssel ins Schloss. Er drehte. Es klickte. Er riss die Klappe auf.
Dahinter war ein dunkler Schacht. Seile und Gegengewichte hingen darin. Eine kleine hölzerne Plattform war sichtbar, etwa einen halben Meter unterhalb der Öffnung. Es war eng. Eigentlich nur für Bücher gedacht.
„Passt das?“ fragte Jory leise.
„Variable P: Passform“, murmelte Marcus und maß die Öffnung mit den Augen ab. „Es wird eng. Aber es ist der einzige Weg nach unten, der nicht brennt.“
Er sah Jory an. „Du musst zuerst. Ich lasse dich runter auf die Plattform.“
Er hob den Jungen hinein. Jory landete auf dem Holzbrett. Es knarrte bedrohlich, hielt aber. Dann zwängte sich Marcus hinein. Er musste sich zusammenfalten, die Knie an die Brust ziehen. Es war klaustrophobisch. Der Schacht roch nach altem Fett und Rauch.
Er griff nach dem Seilzug. „Festhalten“, sagte er.
Er löste die Bremse. Mit einem Ruck sackte die kleine Plattform nach unten. Die Klappe oben fiel zu. Das Licht des Feuers verschwand. Sie waren in der Dunkelheit des Schachtes, hingen an einem alten Seil, während über ihnen die Bibliothek starb.
Der Bücheraufzug war nicht für das Gewicht von zwei Menschen gebaut, selbst wenn einer davon ein Kind war.
Das Seil über ihnen sang ein hohes, klagendes Lied. Die hölzerne Plattform ruckelte bei jedem Meter, den sie tiefer in die Dunkelheit sanken. Es roch nach altem Schmierfett, das in der Hitze flüssig wurde und an den Wänden des Schachtes herablief.
„Nicht bewegen“, flüsterte Marcus in die Dunkelheit. Er kauerte zusammengefaltet neben Jory, die Knie an die Brust gepresst. Seine Schulter pochte im Takt seines Herzschlags. „Jede Erschütterung erhöht die Belastung auf das Zugseil. Variable R: Reibung. Wenn es reißt, fallen wir ungebremst.“
„Wie tief?“ piepste Jory.
„Tief genug“, antwortete Marcus ehrlich. Er versuchte, im Kopf mitzuzählen. Ebene 3... Ebene 2...
Plötzlich gab es einen Schlag. Die Plattform stoppte abrupt. Marcus wurde gegen die Schachtwand gedrückt. Jory schrie kurz auf. Staub rieselte von oben auf sie herab, gefolgt von einem Geräusch, das Marcus das Blut in den Adern gefrieren ließ: Das Spleißen eines Hanfseils.
„Wir hängen fest“, keuchte Marcus. Er tastete die Wände ab. „Führungsschiene verbogen. Wahrscheinlich durch die Hitzeausdehnung des Metalls.“
Über ihnen, im Schacht, wurde das Licht heller. Orange. Das Feuer war in den Schacht eingedrungen. Der Kamineffekt sog die Flammen nach unten.
„Wir müssen raus“, sagte Marcus. Die Panik klopfte an seine Schädeldecke, aber er schlug sie mit einer mathematischen Formel zurück. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung. Nein, hier brauche ich Hebelwirkung.
Er tastete nach der Wartungsklappe vor ihm. Sie war von innen verriegelt, ein einfacher Riegelmechanismus, damit Bücher nicht während der Fahrt herausfielen. Er drückte dagegen. Sie klemmte.
„Jory“, sagte Marcus gepresst. „Dreh dich um. Drück deinen Rücken gegen die Rückwand. Stemm deine Füße gegen meine Schultern. Nicht die kaputte. Die rechte.“
„Warum?“
„Wir brauchen mehr Druck. Ich bin der Hebel, du bist die Hydraulik. Wenn ich 'Jetzt' sage, drückst du.“
Jory wimmerte, tat aber, was Marcus sagte. Er drehte sich auf engstem Raum, trat Marcus gegen die Schulter. Marcus legte beide Hände flach gegen die Eisenklappe. Er spürte die Hitze des Metalls durch seine Handflächen.
„Jetzt!“
Jory stieß sich ab. Marcus drückte. Er legte sein ganzes Gewicht, seine ganze Verzweiflung in diesen Stoß. Das Metall ächzte. Rost platzte ab. Mit einem lauten KRACK sprang der Riegel auf. Die Klappe schwang nach außen.
Marcus und Jory purzelten aus dem Schacht, fielen übereinander und landeten hart auf einem Steinboden. Hinter ihnen, im Schacht, rauschte eine Feuerwalze vorbei in die Tiefe. Das Seil riss endgültig, und die hölzerne Plattform stürzte brennend in den Abgrund.
„Variable G: Glück“, hustete Marcus und rappelte sich auf. Er zog Jory auf die Beine. „Alles dran?“
Jory nickte, den Rucksack mit dem Codex fest umklammert. „Wo sind wir?“
Marcus rückte seine Brille zurecht und sah sich um. Sie waren nicht im Keller. Und nicht im Erdgeschoss. Sie befanden sich auf der Galerie der Stille. Einem schmalen, umlaufenden Balkon im zweiten Stock, der direkt über die gewaltige Haupthalle blickte.
Normalerweise war es hier ruhig. Jetzt war es die Loge für den Weltuntergang.
Marcus kroch zur Balustrade und spähte vorsichtig nach unten. Was er sah, ließ ihn erstarren.
Die Haupthalle war ein Schlachtfeld. Das riesige Eingangstor war weggesprengt. Durch die Öffnung strömten Schattenwesen herein wie eine Flut aus schwarzem Öl. Sie kletterten die Säulen hoch, rissen Regale um, zerfetzten Gemälde. Aber sie mieden die Mitte des Raumes.
Dort, im Zentrum, auf dem großen Mosaik des Gründers, stand Thaddeus.
Er war allein. Tarek, Elias, Clara, Zara – sie waren nirgends zu sehen. Sie mussten entkommen sein. Oder tot. Aber Thaddeus stand noch.
Der Großmeister sah nicht mehr aus wie ein Mensch. Er war umgeben von einem Wirbelsturm aus weißem Licht, der so hell war, dass Marcus die Augen abschirmen musste. Er wirkte nicht alt. Er wirkte zeitlos. Er schwang seinen Stab nicht wie eine Waffe, sondern wie einen Dirigentenstock. Jeder Schwung sendete Wellen aus reiner Ordnung aus, die die Schattenwesen zu Staub zerfallen ließen, bevor sie ihn berühren konnten.
Doch gegenüber von Thaddeus, schwebend auf einer Wolke aus violetter Energie, war Arkan.
Marcus duckte sich tiefer hinter das Steingeländer. Er war nur zwanzig Meter über ihnen. Er konnte jedes Wort hören.
„Gib auf, alter Mann!“ Arkans Stimme war verstärkt, dröhnend. „Du verteidigst einen Leichnam! Die Bibliothek ist tot! Der Junge ist weg! Wofür kämpfst du noch?“
Thaddeus lachte. Es war ein trockenes, hartes Lachen. „Für die Variable, die du vergessen hast, Arkan.“
Marcus zuckte zusammen. Variable?
„Es gibt keine Variable!“ schrie Arkan und schleuderte einen Blitz aus Schattenmaterie auf Thaddeus. Der Großmeister fing den Blitz mit seiner bloßen Hand ab. Es zischte, Licht kämpfte gegen Dunkelheit, dann verpuffte der Angriff. Aber Marcus, mit seinem scharfen Beobachterblick, sah es: Thaddeus zitterte. Das Licht um ihn herum flackerte kurz. Er blutete aus den Ohren. Er verbrauchte sich.
„Er stirbt“, flüsterte Marcus entsetzt. „Er nutzt seine eigene Lebenskraft als Brennstoff. Variable E: Entropie. Er kann das nicht durchhalten.“
„Wir müssen ihm helfen!“ flüsterte Jory und wollte aufstehen.
Marcus riss ihn brutal wieder runter. „Nein!“ zischte er. „Bist du wahnsinnig?“
„Aber er ist allein!“
„Er ist nicht allein“, sagte Marcus, und seine Stimme brach. „Er hat einen Plan. Wenn wir uns zeigen... wenn Arkan sieht, dass wir den Codex haben... dann war alles umsonst.“
Marcus presste die Hand auf den Rucksackrücken. Er spürte die harte Kante des Buches. Das ist es, was er verteidigt, begriff Marcus. Nicht das Gebäude. Nicht sich selbst. Er kauft uns Zeit. Er lenkt Arkan ab, damit das Wissen entkommen kann.
Ein gewaltiger Schlag erschütterte die Galerie. Ein Teil der Decke über der Haupthalle gab nach. Brennende Trümmer regneten herab. Einer der Brocken schlug in die Galerie ein, nur fünf Meter von ihnen entfernt. Der Weg nach links war blockiert.
„Wir müssen weiter“, sagte Marcus. Er zwang sich, den Blick von seinem Mentor abzuwenden. Es fühlte sich an wie Verrat. „Der Dienstbotenausgang ist auf der anderen Seite. Wir müssen die Galerie umrunden.“
„Aber die Schatten...“ Jory deutete auf die Wände. Schattenkriecher kletterten die Säulen hoch. Sie hatten die Galerie noch nicht erreicht, aber sie kamen näher.
Marcus sah sich um. Hinter ihnen war eine Tür. Archiv für kartografische Kuriositäten. Verschlossen. Vor ihnen der blockierte Weg. Rechts die Balustrade und der Abgrund.
„Denk nach“, murmelte Marcus. Er trommelte mit den Fingern auf den Boden. „Denk nach.“
Er sah die schweren Vorhänge aus rotem Samt, die alle paar Meter an der Wand hingen. Sie waren alt, staubig – und lang. Er sah zur gegenüberliegenden Seite der Galerie. Der Weg dort war frei. Aber dazwischen klaffte der offene Raum über der Halle. Es gab jedoch Kronleuchter. Riesige, schmiedeeiserne Ringe, die an dicken Ketten von der Decke hingen.
„Variable P“, sagte Marcus, und sein Gesicht wurde bleich. „Pendelbewegung.“
Er sah Jory an. „Wie gut bist du im Klettern?“
„Nicht gut“, wimmerte Jory.
„Schlecht“, sagte Marcus. Er zog sein Taschenmesser – klein, stumpf, ein Werkzeug zum Bleistiftanspitzen. Er fing an, den dicken Samtvorhang von der Halterung zu schneiden. „Dann lernst du es jetzt.“
Er band das Ende des Vorhangs fest um Jorys Taille, dann das andere Ende um seine eigene. „Wir werden nicht schwingen“, korrigierte er sich. Das war zu riskant. „Wir werden uns abseilen. Auf den Sims des Kronleuchters. Und von dort zur anderen Seite.“
Es war Wahnsinn. Es war physikalisch grenzwertig. Aber unten in der Halle hob Arkan beide Hände. Die Schatten formierten sich zu einer riesigen Welle. Das Finale begann. Und sie durften nicht im Zuschauerraum sitzen, wenn der Vorhang fiel.
„Los“, sagte Marcus.
Der Samtvorhang war schwer, staubig und roch nach Mottenkugeln. Marcus band den Knoten um den schmiedeeisernen Pfosten des Geländers dreimal. „Doppelter Palstek“, murmelte er, während seine Finger zitterten. „Hält Belastungen bis zu 200 Kilogramm. Theoretisch.“
Er warf das lose Ende des Vorhangs über den Abgrund. Der schwere Stoff entrollte sich und pendelte in Richtung des gigantischen Kronleuchters, der etwa drei Meter entfernt und zwei Meter tiefer hing. Der Leuchter war ein Monster aus schwarzem Eisen, bestückt mit Dutzenden (jetzt erloschenen) Luma-Kristallen. Er hing an einer massiven Kette, die im Rauch der Kuppel verschwand.
„Ich zuerst“, sagte Marcus. Er musste testen, ob der Leuchter hielt. Und ob er den Sprung schaffte. Er kletterte über das Geländer. Unter seinen Stiefeln gähnte der Abgrund – zehn Meter freier Fall in das Inferno der Haupthalle.
„Halt den Rucksack fest“, sagte er zu Jory.
Marcus atmete tief ein. Er umklammerte den Samtstoff. Variable G: Gravitation. Variable M: Mut. Er stieß sich ab.
Er schwang durch die heiße Luft. Der Aufprall auf den Kronleuchter war hart. Seine Stiefel rutschten auf dem glatten Eisen ab. Er knallte mit den Rippen gegen den äußeren Ring. Schmerz explodierte in seiner Seite, raubte ihm die Luft. Er klammerte sich verzweifelt an das kalte Metall. Der Leuchter schwankte wild, die Kette oben knirschte laut und bedrohlich. Rost rieselte herab.
Marcus hing da, die Beine strampelnd über dem Abgrund. Er zog sich mühsam hoch, bis er auf dem Eisenring kauerte. Er winkte Jory zu. „Jetzt du! Rutsch einfach runter! Ich fange dich!“
Jory zögerte. Der Junge stand winzig an der Balustrade, den schweren Rucksack auf dem Rücken. Aber dann sah er zurück in den Gang. Rauch quoll aus der Tür. Die Schatten kamen. Jory griff den Vorhang. Er schloss die Augen und ließ sich gleiten.
Er war leichter als Marcus. Er schwang nicht so weit. Er rutschte schnell den Stoff hinab. Marcus lehnte sich weit vor, hielt sich mit einer Hand an einer Strebe fest und griff mit der anderen nach Jory. Er packte den Jungen am Gürtel, riss ihn zu sich auf den schwankenden Eisenring.
„Hab dich!“ Sie kauerten beide auf dem Leuchter. Das Ding schaukelte wie ein Boot im Sturm.
Unten in der Halle passierte es. Arkan, frustriert von Thaddeus’ Verteidigung, änderte die Taktik. „Wenn du nicht brennst“, brüllte der Ratsherr, „dann werde ich dich begraben!“
Er schleuderte keine Energie mehr auf Thaddeus. Er schleuderte sie nach oben. Gegen die Decke. Gegen die Aufhängungen. Ein violetter Blitz schoss an Marcus und Jory vorbei. Die Hitze versengte Marcus die Augenbrauen. Der Blitz traf die Verankerung eines anderen Kronleuchters weiter hinten. Das Ding stürzte ab. Tonnen von Eisen krachten in den Boden der Haupthalle, rissen einen Krater in das Mosaik.
Aber die Schockwelle traf auch ihren Leuchter. Die Kette über ihnen gab einen peitschenden Laut von sich. Ein Glied brach. Der Leuchter sackte ruckartig einen Meter ab.
„AHHH!“ Jory schrie auf, klammerte sich an Marcus. Der Codex-Rucksack rutschte ihm fast von der Schulter, baumelte gefährlich über dem Abgrund. Marcus griff im letzten Moment nach dem Riemen.
Durch den Ruck und den Schrei blickte jemand nach oben. Thaddeus.
Inmitten des magischen Sturms, umgeben von Schatten und Licht, hob der Großmeister den Kopf. Seine Augen, die eben noch vor reiner Macht geleuchtet hatten, klärten sich für einen Sekundenbruchteil. Er sah Marcus. Er sah Jory, der auf dem schwankenden Eisen kauerte.
Marcus starrte zurück. Er erwartete Wut. Enttäuschung, dass sie noch nicht geflohen waren. Aber er sah nur Ruhe. Thaddeus nickte. Ein winziges, fast unmerkliches Nicken.
Arkan bemerkte den Blick. Er folgte ihm nach oben. Ein grausames Lächeln breitete sich auf dem deformierten Gesicht des Ratsherrn aus. „Ah“, sagte er. „Zuschauer. Und... ist das der kleine Stumme mit dem Buch?“
Arkan hob die Hand. Violette Energie sammelte sich an seinen Fingerspitzen. Er zielte nicht auf Thaddeus. Er zielte auf die Kette des Kronleuchters, auf dem Marcus saß.
„Nein!“ schrie Marcus.
Aber Thaddeus war schneller. „Du siehst nur mich, Arkan!“ donnerte der Großmeister.
Thaddeus rammte den Stab so hart auf den Boden, dass der Schaft splitterte. LUMEN MAXIMA.
Es war keine Angriffsmagie. Es war ein Blendzauber. Eine Kugel aus absolutem, weißem Licht explodierte in der Mitte der Halle. Sie war so hell, dass sie keine Schatten warf – sie löschte sie aus. Arkan schrie auf, riss die Hände vor seine Augen. Die Schattenwesen, die die Wände hochkletterten, kreischten und ließen los, fielen wie Regen in die Tiefe.
Oben auf dem Leuchter waren Marcus und Jory für einen Moment blind. Aber sie waren geschützt vor Arkans Blick.
„Jetzt!“ schrie Marcus, obwohl er nur weiße Flecken sah. „Er gibt uns Deckung! Wir müssen springen!“
Der Leuchter schwang noch immer von der Druckwelle. Er pendelte jetzt näher an die gegenüberliegende Galerie heran. Zwei Meter. Ein Meter fünfzig.
„Spring!“ brüllte Marcus.
Er packte Jory und warf ihn fast. Jory flog über den Abgrund. Er landete auf dem Steinboden der Galerie, rollte sich ab, der Rucksack schlug hart auf, aber er war drüben.
Der Leuchter schwang zurück. Weg von der Galerie. Marcus war allein auf dem Eisen. Er musste den Rückschwung abwarten. Das weiße Licht unten begann zu verblassen. Arkan würde gleich wieder sehen können.
„Variable P“, keuchte Marcus. „Physik. Schwingungsdauer.“
Der Leuchter erreichte den toten Punkt, schwang wieder vor. Marcus kletterte auf das Geländer des Leuchters. Er balancierte. Als das Eisen am nächsten Punkt zur Galerie war, sprang er.
Er sprang schlecht. Seine Beine waren müde, seine Schulter kaputt. Seine Brust prallte gegen die steinerne Balustrade. Die Luft entwich ihm mit einem pfeifenden Laut. Seine Beine baumelten über dem Abgrund. Er rutschte ab.
„Marcus!“ schrie Jory.
Eine kleine Hand griff nach seinem Hemdkragen. Dann noch eine. Jory zog mit aller Kraft, die er hatte. Marcus krallte seine Finger in den Stein. Seine Fingernägel brachen ab. Er zog sich hoch. Zentimeter für Zentimeter. Er wälzte sich über das Geländer und fiel auf den Boden der Galerie.
Er drehte sich um, atmete rasselnd. Er blickte nach unten.
Das weiße Licht war erloschen. Thaddeus stand noch. Aber er leuchtete nicht mehr. Er stützte sich auf den gebrochenen Stab, keuchend, umgeben von Rauch. Arkan blinzelte, Tränen der Wut in den Augen. Er sah nach oben zum Leuchter. Er sah ihn leer schwingen. Er sah Marcus und Jory nicht mehr, die flach auf dem Boden der dunklen Galerie lagen.
„Du hast sie verpasst“, sagte Thaddeus leise, aber das Echo trug es bis nach oben.
Marcus griff nach Jorys Hand. „Weg“, flüsterte er. „Sofort.“
Sie krochen auf allen Vieren in den Schatten der Galerie, weg von der Halle, weg von dem Mann, der gerade sein Leben gegen ihres getauscht hatte. Sie erreichten die Tür zum Dienstbotentrakt. Marcus drückte die Klinke runter. Sie war offen.
Bevor er die Tür schloss, hörte er ein letztes Geräusch aus der Halle. Das Geräusch von Fleisch, das von Dunkelheit durchbohrt wird. Und dann Stille.
Marcus schloss die Tür. Er lehnte die Stirn gegen das Holz. Er weinte nicht. Er konnte nicht mehr. Er rückte seine kaputte Brille zurecht.
„Variable L“, flüsterte er in die Dunkelheit des Treppenhauses. „Legacy.“ Er drehte sich zu Jory um. „Wir müssen sicherstellen, dass es das wert war.“
Das Dienstboten-Treppenhaus war eine enge Spirale aus grauem Stein, verborgen in der Dicke der Mauern zwischen der Haupthalle und dem Ostflügel. Es war dunkel, nur erhellt von Jorys schwachem Leuchtstab, dessen Chemikalie langsam den Geist aufgab.
Aber es war nicht kalt. Ganz im Gegenteil.
„Nicht atmen“, hustete Marcus und drückte sich ein Stück seines Ärmels vor das Gesicht. „Nur flach. Die Luft hier drin... Variable T: Toxizität.“
Der Rauch, der aus den Ritzen der Türrahmen quoll, war gelblich. Es war der Rauch von verbranntem Lack, Leim und jahrhundertealtem Konservierungswachs. Er stieg die Spirale hinauf wie in einem Schornstein. Marcus und Jory mussten gegen den Rauch nach unten.
Sie stolperten die Stufen hinab. Marcus’ linke Schulter pochte bei jedem Tritt so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, aber das Adrenalin hielt ihn auf den Beinen. Jory klammerte sich an seine rechte Hand, den schweren Rucksack mit dem Codex auf dem Rücken, der ihn immer wieder aus dem Gleichgewicht brachte.
„Wie weit noch?“ wimmerte Jory.
„Ebene Eins“, keuchte Marcus. „Küchenzugang. Noch zwei Umdrehungen.“
Sie erreichten den Absatz zur ersten Etage. Marcus griff nach der Türklinke. Sie war heiß. Er zog die Hand zurück, spuckte auf seine Handfläche und tippte das Holz an. Es zischte.
„Verdammt“, fluchte er. „Das Feuer ist schneller als meine Berechnungen. Die Küche brennt bereits.“
Er sah sich hektisch um. Weiter nach unten? In den Keller? Er blickte über das Geländer in den Schacht der Wendeltreppe. Unten, am Fuß der Treppe, sah er kein dunkles Loch. Er sah ein flackerndes Orange. Das Feuer hatte das Erdgeschoss eingenommen und fraß sich nun die Treppe hoch. Der Weg nach unten war abgeschnitten.
Sie saßen in der Falle. Oben: Die Galerie und die Schatten. Unten: Das Feuer. Hier: Der Rauch, der sie in wenigen Minuten ersticken würde.
„Wir sterben hier, oder?“ fragte Jory. Er weinte nicht mehr. Er klang nur noch müde. Das Kohlenmonoxid begann zu wirken.
„Nein“, sagte Marcus hart. Er schüttelte Jory an den Schultern, um ihn wachzuhalten. „Variable A: Architektur. Es gibt immer einen Hohlraum.“
Er hämmerte mit der Faust gegen die Wand des Treppenhauses. Massiver Stein. Er hämmerte gegen die Innenseite. Ziegel. Er hämmerte gegen die Wand, hinter der der Ostflügel lag. Es klang hohl.
„Der Hypokausten-Schacht“, flüsterte Marcus. Seine Augen weiteten sich hinter der kaputten Brille. „Natürlich. Die Bibliothek wird durch warme Luft in den Wänden beheizt, damit die Bücher nicht schimmeln. Das Heizsystem!“
Er ging auf die Knie, tastete die Fußleisten ab. Dort war ein Lüftungsgitter aus Eisen, verziert mit Schnörkeln. Es war heiß, aber es kam kein Rauch heraus. Das System drückte Luft hinein, es saugte nicht an. Das bedeutete, irgendwo gab es Frischluft.
„Das Gitter muss weg“, sagte Marcus. Er griff mit den Fingern in die Schnörkel. „Hilf mir, Jory.“
Sie zogen beide. Das Gitter war fest eingemauert. Der Rauch im Treppenhaus wurde dichter. Marcus hustete, würgte. Ihm wurde schwindelig. Variable K: Kraft. Ich habe keine mehr.
Er sah den Rucksack auf Jorys Rücken. Er sah das schwere Buch darin. Der Codex Aeterna. Ein Buch mit einem Einband aus Metall und Drachenhaut.
„Das Buch“, keuchte Marcus. „Gib mir das Buch.“
Jory sah ihn entsetzt an. „Aber wir dürfen es nicht...“
„Wir lesen es nicht. Wir benutzen es als Hammer“, sagte Marcus.
Jory zog den Rucksack aus. Marcus holte den schweren Band hervor. Er wog gut fünf Kilo. Die Ecken waren mit Eisen beschlagen. „Vergib mir, Thaddeus“, murmelte Marcus.
Er holte aus und rammte die Kante des heiligsten Buches der Welt gegen den Putz um das Lüftungsgitter. PENG. Putz bröckelte. Er schlug wieder zu. PENG. Ein Riss im Mauerwerk. Und noch einmal, mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden.
Der Stein gab nach. Das Gitter lockerte sich. Marcus ließ das Buch fallen – vorsichtig – und riss das Gitter mit bloßen Händen aus der Verankerung. Er warf es die Treppe hinunter in das Feuer.
Dahinter lag ein schmaler, staubiger Schacht, der horizontal in die Wand führte. Er war eng, noch enger als das Rohrpostsystem, aber er führte weg vom Treppenhaus. Und ein Luftzug wehte ihnen entgegen.
„Rein da“, befahl Marcus. Er schob den Codex zuerst hinein, dann Jory.
Jory kroch voran. Marcus zwängte sich hinterher. Seine Schultern schabten an beiden Seiten am rauen Stein. Aber die Luft hier drin war atembar. Warm, staubig, aber sauerstoffreich.
„Wohin führt das?“ hustete Jory von vorne. Seine Stimme hallte dumpf.
„Das Heizsystem umschließt das gesamte Gebäude“, erklärte Marcus, während er sich mühsam vorwärts robbte. „Es endet in den Heizkellern unter dem Nordflügel. Weit weg von der Küche. Weit weg von der Halle.“
Sie krochen durch die Dunkelheit. Um sie herum grollte das Gebäude. Man hörte das Knacken von Balken, das Bersten von Stein. Die Bibliothek starb, Etage für Etage. Marcus legte die Hand auf den Stein unter ihm. Er vibrierte.
„Marcus?“ „Ja?“ „Ich glaube... ich glaube, der Boden wird schief.“
Marcus hielt inne. Er spürte es auch. Der Schacht neigte sich. Nicht weil er so gebaut war. Sondern weil der ganze Nordflügel der Akademie gerade absackte. Das Fundament, geschwächt durch den Kampf im Sanktum oder durch den Riss, gab nach.
„Kriech schneller“, sagte Marcus, und die Panik kehrte zurück in seine Stimme. „Variable Z: Zeit. Sie ist abgelaufen.“
Vorne schrie Jory auf. „Der Weg ist weg!“
Marcus robbte so schnell er konnte zu ihm. Der Schacht endete abrupt. Er war abgerissen. Vor ihnen klaffte ein Loch in der Wand des Schachtes. Sie blickten hinaus. Nicht ins Freie. Sondern in einen riesigen, vertikalen Schacht.
Es war der Aschen-Schacht. Hier wurde früher die Asche der Heizöfen entsorgt. Und er führte tief, tief nach unten. In die Schwärze. Der Teil des Gebäudes, in dem sie waren, hing schief über diesem Abgrund. Risse bildeten sich im Mauerwerk um sie herum.
„Wir müssen springen“, sagte Marcus. Er sah auf die andere Seite des Aschen-Schachts. Dort war eine Wartungsplattform, etwa zwei Meter entfernt und einen Meter tiefer.
„Ich kann nicht“, wimmerte Jory.
„Du musst.“ Marcus griff nach dem Rucksack, schnallte ihn Jory wieder um. „Der Boden hier bricht gleich weg. Siehst du den Riss da?“ Er deutete auf die Stelle, wo ihre Röhre aus der Wand kam. Der Riss weitete sich sekündlich.
„Ich werfe dich“, sagte Marcus. „Du landest auf dem Metallgitter da drüben. Und dann fängst du mich.“
Es war eine Lüge. Marcus wusste, dass er mit seiner kaputten Schulter den Sprung vielleicht schaffen würde, aber sich festzuhalten... das war eine andere Variable. Aber Jory musste überleben.
„Auf drei“, sagte Marcus. Er packte Jory am Hosenbund und am Kragen.
„EINS!“
Plötzlich … Der Stein unter ihnen knirschte laut. Der ganze Schacht sackte einen halben Meter ab.
„DREI!“
Marcus nutzte den letzten stabilen Moment des Bodens. Er wuchtete Jory nach vorne, über den gähnenden schwarzen Abgrund des Aschen-Schachts hinweg. Der Junge segelte durch die staubige Luft, Arme und Beine rudernd. Er krachte auf das rostige Metallgitter der Wartungsplattform auf der gegenüberliegenden Seite. KLANG. Der Rucksack mit dem Codex knallte hart gegen das Geländer, hielt Jory aber davon ab, weiterzurutschen.
„Ich hab dich!“ rief Jory mit dünner Stimme. Er rappelte sich auf, klammerte sich an das Geländer. „Komm rüber!“
Marcus atmete aus. Variable 1 gelöst. Jetzt Variable 2: Er selbst.
Ein tiefes Grollen ließ die Wände vibrieren. Der Stein unter Marcus’ Knien bekam Risse, die sich rasend schnell weiteten. Der gesamte Lüftungstunnel, in dem er hockte, begann sich von der Hauptmauer zu lösen. Er hatte keine Zeit mehr für Berechnungen. Er hatte keine Zeit mehr für Anlauf.
Er stieß sich ab, genau in dem Moment, als der Boden unter ihm wegbrach.
Er sprang ins Leere. Die Distanz war nicht weit – vielleicht zwei Meter. Aber sein Absprung war schlecht, der Untergrund instabil. Seine rechte Hand – die gesunde – griff nach dem Geländer der Plattform. Seine Finger schlossen sich um das kalte, rostige Eisen. Ein harter Ruck ging durch seinen Körper.
Aber seine linke Hand, gesteuert von Reflexen, griff ebenfalls zu. Und versagte. Die Schulter, die Jory ihm erst vor Minuten wieder eingerenkt hatte, war zu schwach. Der Muskel hielt der Belastung nicht stand. Ein Schmerz, so hell und stechend wie ein Blitzschlag, schoss durch seinen Arm. Seine Finger öffneten sich unwillkürlich.
Er rutschte ab. Seine rechte Hand hielt das Geländer, aber sein Körper schwang mit voller Wucht gegen die Plattformkante. Seine Rippen prallten gegen den Beton. Die Luft entwich ihm schlagartig. Er hing über dem Abgrund. Unter ihm nichts als Schwärze und fallender Schutt.
„Marcus!“
Jory warf sich flach auf das Gitter. Er griff durch die Stäbe, packte Marcus am Kragen seines verbrannten Hemdes. „Zieh!“ schrie der Junge. „Zieh dich hoch!“
Marcus hing da, keuchend, halb blind vor Schmerz. Sein linker Arm hing nutzlos an der Seite. Seine rechte Hand begann zu rutschen. Der Rost war glitschig vom Kondenswasser.
„Lass los, Jory“, presste Marcus hervor. „Die Masse... Differenz... du kannst mich nicht halten.“
„Nein!“ Jory weinte. Er zog so fest er konnte, aber er war ein Kind. Er würde Marcus nicht hochziehen können. Er würde nur mit ihm fallen, wenn das Geländer nachgab.
Hinter Marcus, auf der anderen Seite des Schachts, löste sich der Lüftungstunnel komplett. Tonnen von Gestein und Mauerwerk stürzten donnernd in die Tiefe. Eine Wolke aus Staub schoss hoch, hüllte sie ein. Steine prasselten auf Marcus’ Rücken, auf seinen Kopf.
Variable E: Ende, dachte er. Es ist logisch. Ein Leben für das Buch. Ein guter Tausch.
Er sah in Jorys Gesicht. Er sah die reine Panik. Aber er sah auch etwas anderes. Das Märchenbuch. Es ragte aus Jorys Tasche. Der Silberkamm. Thaddeus hatte gesagt, sie müssen dorthin. Legacy.
Wut flackerte in Marcus auf. Heiße, irrationale Wut. Nicht auf Arkan. Nicht auf das Feuer. Auf sich selbst. Auf seine eigene Resignation. Scheiß auf die Logik, dachte er.
Er biss die Zähne so fest zusammen, dass er glaubte, sie würden splittern. Er blendete den Schmerz in der linken Schulter aus. Er wandelte ihn um. In Treibstoff. Er krallte die Finger seiner rechten Hand so fest in das Eisen, dass seine Nägel brachen. Er schwang sein rechtes Bein hoch. Einmal. Zweimal. Er hakte die Ferse seines Stiefels in das Gitter der Plattform.
„Zieh!“ brüllte er Jory an. „Jetzt!“
Jory zerrte am Kragen. Marcus drückte sich mit dem Bein ab, zog mit dem rechten Arm. Er schrie, als er seinen Torso über die Kante wuchtete. Er robbte über den kalten Stahl, zentimeterweise, wie ein Wurm, bis er spürte, dass fester Boden unter seinem Schwerpunkt war.
Er rollte sich auf die Plattform. Er blieb liegen, das Gesicht auf dem kalten Gitter, und würgte Staub und Galle hoch.
Hinter ihnen donnerte der Rest der Wand in den Schacht. Der Luftzug zerrte an ihrer Kleidung, als wollte der Abgrund sie doch noch holen. Aber sie lagen auf dem Eisen.
„Du hast geschrien“, flüsterte Jory. Er streichelte vorsichtig über Marcus’ Kopf, als wollte er ein verschrecktes Tier beruhigen.
„Ja“, keuchte Marcus. Er drehte sich mühsam auf den Rücken. Seine linke Schulter pulsierte wie ein zweites Herz, aber der Arm war noch dran. „Schreien... erhöht die Sauerstoffaufnahme. Variable... Variable Überleben.“
Er setzte sich auf. Ihm war schwindelig. Er sah sich um. Die Plattform war klein. Ein Wartungssteg für die Kaminfeger der Akademie. Hinter ihnen war eine schwere Stahltür in den Fels gehauen. Darauf war kein Symbol der Bibliothek. Darauf war das Wappen der städtischen Kanalisation. Abgang Sektor Nord.
„Wir sind am Rand“, stellte Marcus fest. Er wischte das gesprungene Glas seiner Brille sauber, auch wenn es nichts mehr brachte. „Hinter dieser Tür beginnt das Niemandsland.“
Er stand auf, wankte, stützte sich an der Wand ab. „Komm, Jory.“
Er ging zur Tür. Sie war nicht verschlossen. Niemand verschloss den Weg zur Hölle. Er drückte die Klinke. Die Tür schwang schwerfällig auf.
Dahinter lag kein Gang. Dahinter lag eine Wendeltreppe aus rostigem Eisen, die sich in die Dunkelheit schraubte. Es roch nach Fäulnis. Nach stehendem Wasser. Nach Dingen, die das Licht scheuen.
Marcus blickte zurück zum Aschen-Schacht. Oben, weit, weit oben, sah er den Feuerschein. Er hörte das ferne Krachen von einstürzenden Dächern. Die Bibliothek war gefallen. Thaddeus war fort. Die Gruppe war zersprengt.
Er war allein mit einem Kind und einem Buch, das einen Krieg ausgelöst hatte.
„Variable Z“, flüsterte Marcus. „Was bedeutet das?“ fragte Jory leise. „Zukunft“, sagte Marcus. „Unbekannt.“
Er nahm Jorys Hand. „Pass auf die Stufen auf. Sie sind rutschig.“
Sie traten durch die Tür und begannen den Abstieg. Die schwere Stahltür fiel hinter ihnen ins Schloss. Das Geräusch war endgültig. Der Brand war vorbei. Die Dunkelheit hatte begonnen.
Die Wendeltreppe schien kein Ende zu nehmen. Sie schraubte sich wie ein Korkenzieher in das Fleisch des Berges, weg vom Licht, weg von der Wärme, hinein in eine feuchte Kälte, die sich wie ein nasses Tuch auf die Haut legte.
Marcus zählte die Stufen nicht mehr. Er setzte einfach nur einen Fuß vor den anderen. Sein linker Arm hing schwer und nutzlos in der provisorischen Schlinge. Jeder Schritt sandte eine Erschütterung durch seine Schulter, die ihn die Zähne zusammenbeißen ließ. Jory ging vor ihm. Der Junge hielt den Rucksack mit beiden Händen an den Riemen fest, als wäre er ein Fallschirm, der ihn vor dem Absturz bewahrte.
Schließlich endete das Metall. Ihre Stiefel trafen auf nassen Stein.
Sie standen in einem kleinen Vorraum, kaum mehr als eine Nische im Fels. Vor ihnen lag ein Gittertor, das offen stand – das Schloss war vor langer Zeit weggerostet. Dahinter: Dunkelheit. Und das Geräusch von fließendem Wasser. Ein tiefes, gurgelndes Rauschen, das nichts Beruhigendes an sich hatte. Es klang hungrig.
Marcus lehnte sich gegen den feuchten Steinbogen. Er rutschte daran herunter, bis er auf dem Boden saß. Er musste atmen. Er musste aufhören zu zittern. Aber das Zittern hörte nicht auf. Es war nicht die Kälte. Es war der Adrenalin-Absturz.
„Wir sind unten“, flüsterte er. Seine Stimme klang fremd in der Stille.
Jory setzte sich neben ihn. Er stellte den Rucksack zwischen sie. „Brennt es hier unten auch?“ fragte der Junge.
Marcus schüttelte den Kopf. Er nahm seine Brille ab, rieb sich über die müden Augen. Das zerbrochene Glas schnitt leicht in seinen Daumen, aber er spürte es kaum. „Nein. Hier brennt nichts. Hier verrottet alles nur.“
Er starrte auf den Rucksack. „Das Buch“, sagte er. „Lass mich sehen.“
Jory öffnete die Schnallen. Marcus zog den Codex Aeterna heraus. Das schwere, in Drachenhaut gebundene Buch lag auf seinen Knien. Es wirkte unscheinbar. Ein Gegenstand. Materie. Marcus strich über den Einband. Er war warm. Nicht vom Feuer. Er strahlte eine eigene, innere Wärme aus. Er schlug es nicht auf. Er wusste, was darin stand – oder zumindest, dass er es noch nicht verstehen würde. Thaddeus hatte Jahre damit verbracht, die Chiffren zu entschlüsseln.
„Er ist tot, oder?“ fragte Jory plötzlich. Er sah Marcus direkt an.
Marcus hielt inne. Er konnte den Jungen nicht mehr anlügen. Nicht hier unten. Lügen brauchten Energie, und er hatte keine mehr. „Die Wahrscheinlichkeit ist... extrem hoch“, sagte Marcus leise. „Thaddeus hat sich gegen eine Übermacht gestellt. Er hat seine Essenz verbrannt.“ Er schluckte schwer. „Er hat es für uns getan. Damit dieses Buch nicht verbrennt.“
Jory legte seine kleine Hand auf Marcus’ gesunde Schulter. „Dann bist du jetzt der Großmeister.“
Marcus lachte. Es war ein bitteres, leises Geräusch, das im Hals kratzte. „Ich? Ich bin ein Bibliothekar, Jory. Ich sortiere Dinge. Ich kämpfe nicht.“
„Du hast mich gerettet“, sagte Jory stur. „Und du hast den Schatten ausgetrickst. Das machen Großmeister.“
Marcus sah den Jungen an. Er sah den Schmutz, die Angst, aber auch das vertrauensvolle Leuchten in den Augen. Er realisierte etwas. Thaddeus war weg. Tarek war weg. Es gab niemanden mehr, der ihm sagte, was er tun sollte. Keine Variable X, die von außen kam. Er war jetzt die Konstante. Er war verantwortlich für dieses Kind und für das Wissen der Welt.
Er schob den Codex zurück in den Rucksack und schloss die Schnallen sorgfältig. „Na schön“, flüsterte er. Er drückte sich mühsam an der Wand hoch. Der Schmerz in der Schulter war jetzt ein ständiger Begleiter, ein Hintergrundrauschen. „Wir müssen weiter. Wir können hier nicht bleiben. Die Schatten... sie werden früher oder später nach unten sickern.“
Er trat an das offene Gittertor. Er leuchtete mit Jorys schwächelndem Leuchtstab in den Tunnel dahinter. Ein schmaler Steg führte an einem schwarzen Kanal entlang. Die Wände waren bedeckt mit Schimmel und Flechten. Es war der Beginn des Nord-Sektors der Kanalisation. Ein Labyrinth, das unter der ganzen Stadt verlief.
„Wir suchen den Flussauslass“, sagte Marcus. Er versuchte, wie Tarek zu klingen – sicher, bestimmt. Aber er klang nur wie Marcus. „Das Wasser fließt zum Sumpf. Wir gehen mit dem Strom.“
Sie traten durch das Tor. Die Dunkelheit verschluckte sie sofort.
Pitsch. Ein Tropfen fiel von der Decke in das schwarze Wasser. Das Echo hallte unnatürlich lange nach.
Marcus blieb stehen. Er lauschte. Hinter dem Echo war noch etwas anderes. Ein Geräusch. Nicht hinter ihnen, aus der Bibliothek. Sondern vor ihnen. Aus der Tiefe des Tunnels.
Es war ein Schaben. Rhythmsch. Wie Metall auf Stein. Und ein leises, keuchendes Atmen.
Jory griff nach Marcus’ Hand und drückte sie so fest er konnte. „Ist das Tarek?“ flüsterte er hoffnungsvoll.
Marcus kniff die Augen zusammen. Er starrte in die Schwärze jenseits des Lichtkreises. Er analysierte das Geräusch. Die Frequenz. Den Hall. Es klang schwer. Zu schwer für einen Menschen.
„Variable U“, hauchte Marcus und zog Jory langsam, ganz langsam zurück in den Schatten der Nische. „Unbekannt.“
Er löschte den Leuchtstab. Absolute Dunkelheit umfing sie. Nur das Atmen im Tunnel kam näher.