NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen

KAPITEL 17: Das Opfer des Großmeisters

Der Schlamm am Ufer des Seraph war schwarz, zäh und roch nach totem Fisch und dem Abwasser einer Millionenstadt.

Tarek rutschte den letzten Meter des steilen Abhangs hinunter, seine Stiefel gruben tiefe Furchen in den weichen Boden. Er landete schwer, federte den Sturz mit einer Rolle ab und kam sofort wieder auf die Beine, die Schwerter gezogen, den Blick hektisch zurück zum Hang gerichtet. Niemand verfolgte sie. Zumindest noch nicht.

„Weiter!“ zischte er den anderen zu, die hinter ihm aus dem dornigen Gestrüpp brachen.

Clara stolperte aus dem Gebüsch. Ihre Rüstung war verbeult, der prächtige Umhang der Aegis nur noch ein verkohlter Fetzen. Sie stützte Elias, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sein Gesicht war aschfahl, die Augen halb geschlossen, der schwarze Arm hing schlaff an seiner Seite. Dahinter kamen Lyra und Kael, beide keuchend, nass vom Regen und Schweiß. Und als Letzte Zara.

Tarek wartete. Er starrte in die Dunkelheit des Hangs. Er zählte. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Er wartete noch eine Sekunde. Zwei. Niemand kam mehr.

„Das war’s?“ fragte Kael, der sich auf seine Knie stützte und Galle spuckte. „Sind das alle?“

Zara blieb stehen. Sie drehte sich nicht zum Fluss. Sie starrte den Hang hinauf, dort, wo durch das dichte Blätterdach der Bäume das rote Flackern des Brandes zu sehen war. „Er war direkt hinter mir“, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte nicht, sie klang hohl. „Ich habe seine Hand fast noch gespürt.“

„Der Gang ist eingestürzt, Zara“, sagte Tarek rau. Er steckte die Schwerter weg, aber seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Wir haben es gesehen. Die Decke kam runter.“

„Er kennt die Wege“, sagte Zara. Sie ging einen Schritt zurück zum Hang. „Er hat Jory. Er... er findet einen anderen Ausgang.“

„Zara.“ Clara ließ Elias los, der sofort in den Matsch sank und von Lyra aufgefangen wurde. Clara trat zu der Diebin, legte ihr eine Hand auf die Schulter – nicht tröstend, sondern festhaltend. „Sieh nach oben.“

Zara riss sich los, aber sie blickte hoch. Vom Flussufer aus hatte man einen freien Blick auf die Klippe, auf der die Akademie thronte. Es war ein Anblick, der das Blut gefrieren ließ.

Die Bibliothek brannte nicht nur. Sie wurde ausgeweidet. Schwarze Schattenwesen krabbelten wie Ameisen über die weiße Fassade. Sie schlugen Fenster ein, rissen Mauerwerk heraus. Violette Blitze zuckten um den Hauptturm, wo Arkan seine Macht entfesselt hatte. Aber das Schlimmste war der Riss am Himmel. Er schien direkt mit der Bibliothek verbunden zu sein, wie eine Nabelschnur, die Gift in das Gebäude pumpte.

„Das ist kein Feuer mehr“, sagte Lyra leise, während sie Elias’ Puls fühlte. „Das ist eine Hinrichtung. Arkan tötet das Gebäude.“

Elias, der im Schlamm saß, hob plötzlich den Kopf. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er starrte nicht auf das Feuer. Er starrte auf etwas, das die anderen nicht sehen konnten. „Er ist noch da“, krächzte Elias.

„Wer?“ fragte Tarek. „Marcus?“

„Der Anker“, flüsterte Elias. „Das Licht. Er... er macht die Tür zu.“

Bevor Tarek fragen konnte, was das bedeutete, veränderte sich die Welt.

Oben auf dem Berg, im Zentrum des Infernos, geschah etwas Unmögliches. Das violette Licht der Schatten und das orangefarbene Licht des Feuers wurden plötzlich überstrahlt. Ein strahlend weißer Punkt erschien im Herzen der Bibliothek. Er war klein, kaum größer als ein Stern, aber er pulsierte mit einer Reinheit, die in den Augen schmerzte.

„Deckung!“ brüllte Clara. Sie kannte dieses Licht. Sie hatte es in den Geschichtsbüchern der Aegis gesehen. Es war das Licht der absoluten Ordnung.

Tarek warf sich flach in den Schlamm. Zara duckte sich. Oben auf dem Berg expandierte der Stern. Er explodierte nicht. Er dehnte sich aus. Eine Kuppel aus weißem Feuer wuchs lautlos aus der Bibliothek, fraß sich durch Mauern, durch Schatten, durch den Riss selbst. Für eine Sekunde wurde die Nacht zum Tag. Jeder Baum, jeder Stein am Flussufer war so klar zu erkennen wie am Mittag. Die Schatten der Gruppe wurden scharf in den Matsch gebrannt.

Dann kam der Knall. WUMM.

Die Druckwelle fegte über den Fluss. Wasser spritzte meterhoch auf. Die Bäume am Hang bogen sich, Äste brachen mit dem Geräusch von Gewehrschüssen. Tarek spürte, wie die Luft aus seinen Lungen gepresst wurde.

Dann wurde es dunkel. Nicht nur normal dunkel. Das weiße Licht erlosch so schnell, wie es gekommen war. Und mit ihm die Bibliothek.

Als Tarek den Kopf hob und sich den Schlamm aus den Augen wischte, sah er nach oben. Der Hauptturm der Akademie war weg. Die Kuppel der Haupthalle war eingestürzt. Es gab kein violettes Blitzen mehr. Keine Schatten, die die Wände hochkrochen. Nur noch Rauch. Und eine Stille, die schwerer wog als der Lärm zuvor.

„Thaddeus“, sagte Elias in die Stille hinein. Er weinte nicht. Er klang nur leer. „Er hat das Licht ausgemacht.“

Zara stand langsam auf. Sie starrte auf die Ruine. „Und Marcus?“ fragte sie. „Und Jory?“ Sie drehte sich zu Tarek um. Ihre Augen waren wild, gefährlich. „Wenn das ganze verdammte Gebäude in die Luft geflogen ist... wo sind sie dann?“

Tarek schwieg. Er sah zu der rauchenden Trümmerlandschaft hoch. Variable C, hatte Marcus immer gesagt. Courage. Tarek wusste viel über Sprengstoff. Er wusste, dass eine Explosion dieser Größe im Inneren eines Gebäudes kaum Überlebenschancen ließ. Aber er sah auch Zaras Messer. Und er sah Elias, der am Ende seiner Kräfte war. Er konnte ihnen jetzt nicht die Wahrheit sagen.

„Sie sind schlau“, sagte Tarek. Es klang nicht überzeugend, aber es war alles, was er hatte. „Marcus kennt den Bauplan. Er ist nicht nach oben gerannt. Er ist nach unten.“

„Nach unten?“

„In den Untergrund“, sagte Tarek und fasste einen Entschluss. Er deutete flussabwärts, weg von der brennenden Akademie. „Es gibt einen Zugang zur Kanalisation am Nord-Tor. Wenn Marcus noch lebt... dann ist er dort.“

„Und wenn nicht?“ fragte Clara leise.

„Dann holen wir uns wenigstens den Codex zurück“, sagte Tarek hart. „Oder das, was davon übrig ist.“

Er schulterte seinen Rucksack. „Bewegung. Arkan wird nicht lange brauchen, um zu merken, dass wir nicht in der Asche liegen. Wir müssen unter die Erde. Jetzt.“

Der Weg zum Nord-Tor war kein Weg. Es war ein offenes Grab.

Der Fluss Seraph, normalerweise die Lebensader der Stadt, war über die Ufer getreten, aufgewühlt von den Erschütterungen des Kampfes. Das Wasser war schwarz und ölig, bedeckt mit Treibgut – verkohlte Holzbalken, Seiten aus Büchern, die wie tote weiße Vögel auf der Oberfläche trieben, und Dinge, die man besser nicht genauer ansah.

Tarek ging voran. Er nutzte sein Kurzschwert wie eine Machete, um sich durch das dichte Schilf und die verrotteten Weidenbüsche zu schlagen, die das Ufer säumten. Jeder Schritt war ein Kampf gegen den Schlamm, der an seinen Stiefeln saugte, als wollte er ihn festhalten.

„Schneller“, knurrte er, ohne sich umzudrehen. „Wenn die Aegis Patrouillen schickt, sitzen wir hier auf dem Präsentierteller.“

„Wir können nicht schneller“, keuchte Lyra von hinten.

Tarek blieb stehen und drehte sich um. Der Anblick seiner „Armee“ war erbärmlich. Lyra und Kael stützten Elias zwischen sich. Der Junge hing in ihren Armen wie eine marionette mit durchschnittenen Fäden. Seine Füße schleiften durch den Dreck. Sein Kopf hing auf die Brust herab, und er murmelte ununterbrochen Worte in einer Sprache, die niemand verstand – oder die es gar nicht gab. Clara bildete die Nachhut. Sie humpelte. Sie hatte einen Stiefel verloren, als sie den Hang heruntergerutscht waren, und ihren Fuß mit Fetzen ihres Umhangs umwickelt. Ihr Schwert schleifte sie hinter sich her, als wäre es zu schwer geworden.

„Er glüht wieder“, sagte Kael besorgt und deutete auf Elias’ Brust. Selbst durch das schmutzige Hemd konnte man das violette Pulsieren sehen. Es war nicht mehr rhythmisch wie ein Herzschlag. Es war chaotisch. Ein Flackern.

„Das Amulett“, flüsterte Elias, ohne die Augen zu öffnen. „Es... es hat keinen Dirigenten mehr. Die Musik ist zu laut.“

„Welche Musik, Kleiner?“ fragte Tarek, trat näher und hob Elias’ Kinn an. Die Augen des Jungen rollten wild in den Höhlen.

„Der Riss“, wimmerte Elias. „Er singt. Er singt von Hunger. Thaddeus hat ihn leise gehalten. Aber Thaddeus ist weg. Jetzt schreit er.“

Zara, die etwas abseits stand und auf den dunklen Fluss starrte, wirbelte herum. „Er ist weg, weil wir feige waren!“ schrie sie. Ihre Stimme brach, überschlug sich. „Wir sind weggerannt! Wie Ratten!“

Sie stürmte auf Tarek zu, packte ihn am Kragen seiner Lederweste und rüttelte ihn. Sie war kleiner, leichter, aber in diesem Moment hatte sie die Kraft des reinen Hasses. „Du hast gesagt, wir gehen! Du hast befohlen, die Tür zuzumachen!“

„Weil die Decke runterkam!“ brüllte Tarek zurück und stieß sie von sich. Nicht fest, aber bestimmt genug, um Distanz zu schaffen. „Was hätten wir tun sollen, Zara? Uns daneben stellen und Händchen halten, während wir zu Pfannkuchen werden?“

„Wir hätten graben können!“ Zara zog einen ihrer Dolche. Ihre Hand zitterte. Tränen zogen helle Spuren durch den Ruß in ihrem Gesicht. „Marcus... er kann nicht kämpfen. Er hat Jory. Ein Kind! Und wir lassen sie einfach im Feuer sitzen!“

„Er ist nicht im Feuer!“ Tarek ging auf sie zu, ignorierte den Dolch. Er packte ihr Handgelenk, zwang sie, die Waffe zu senken. Er sah ihr tief in die Augen. „Hör mir zu. Marcus ist der schlaueste Bastard, den ich kenne. Er berechnet Variablen, während ich noch meine Schuhe binde. Er ist nicht in der Halle geblieben. Er ist in die Kanäle. Genau wie wir.“

„Du lügst“, zischte Zara. „Du sagst das nur, damit wir weiterlaufen.“

„Ja“, gab Tarek zu. Seine Stimme wurde leise, rau. „Vielleicht lüge ich. Vielleicht sind sie tot. Vielleicht sind sie Asche.“ Er ließ ihr Handgelenk los. „Aber solange ich keine Leiche sehe, gehe ich davon aus, dass er lebt. Denn die Alternative... die Alternative ist, dass wir umsonst hier unten im Dreck stehen.“

Er drehte sich zu den anderen um. „Wir gehen zum Nord-Eingang. Wir suchen sie. Und wenn wir sie finden, kannst du mir dein Messer in die Rippen rammen, Zara. Aber bis dahin hältst du die Klappe und läufst.“

Zara starrte ihn an. Ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig. Sie wischte sich wütend über die Augen, steckte den Dolch weg. „Wenn er tot ist“, flüsterte sie, „bist du der Nächste, Söldner.“

„Fairer Deal“, sagte Tarek.

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Der Regen wurde stärker. Er wusch den Ruß von ihren Gesichtern, aber er wusch nicht die Bilder aus ihren Köpfen.

Elias stolperte. Er fiel auf die Knie, riss Lyra fast mit sich. Er schrie auf. Ein kurzer, gellender Laut. Er krallte die Hände in den Schlamm.

„Elias!“ Lyra kniete neben ihm. „Was ist los?“

„Sie kommen“, keuchte Elias. Er starrte auf das Wasser des Flusses. „Nicht hier. Aber... sie suchen.“

Er hob den Kopf. Sein Blick war starr auf die brennende Ruine der Akademie gerichtet, die wie ein Leuchtturm in der Nacht stand. „Arkan“, flüsterte Elias. „Er steht in der Asche. Er sucht nach dem Buch. Er findet es nicht.“ Ein Schauer lief über Elias’ Körper. „Er ist wütend. Er schickt die Jäger.“

„Jäger?“ fragte Clara und umfasste ihr Schwert fester. „Meinst du die Schatten?“

„Nein“, sagte Elias. „Die Hunde. Die, die riechen können.“

Ein Heulen durchbrach das Rauschen des Regens und des Feuers. Es kam von oben. Vom Rand der Klippe. Es war kein Wolfsheulen. Es war ein mechanisches, verzerrtes Jaulen, verstärkt durch Magie.

„Bluthunde“, sagte Clara und wurde bleich. „Arkans persönliche Meute. Chimären. Halb Fleisch, halb Schattenkonstrukt. Sie riechen Magie.“

Sie sahen alle auf Elias. Er leuchtete wie eine Fackel im Dunkeln. Für jeden magischen Spürsinn musste er kilometerweit sichtbar sein.

„Wir müssen seine Signatur maskieren“, sagte Tarek hektisch. „Kael! Wasser! Pack ihn in Eis!“

„Ich kann nicht!“ Kael hob seine Hände. Sie zitterten unkontrolliert. „Ich bin leer, Tarek. Ich habe nichts mehr. Ich kann kaum noch stehen.“

„Dann nimm Schlamm“, sagte Zara plötzlich. Sie kniete sich hin, grub ihre Hände tief in den stinkenden Uferschlamm. „Er ist kalt. Und er ist voll mit Eisenrückständen vom Abwasser der Schmieden. Das stört das Feld.“

„Das ist eine Ammenmärchen“, sagte Lyra.

„Hast du eine bessere Idee, Heilerin?“ blaffte Zara. Sie klatschte eine Handvoll schwarzen Schlamm auf Elias’ Brust, direkt auf das glühende Amulett. Es zischte. Elias zuckte zusammen, aber das violette Licht wurde gedämpft.

„Mehr!“ befahl Tarek.

Sie alle gruben im Dreck. Sie bedeckten Elias mit dem stinkenden Schlamm des Seraph. Sie rieben es in seine Kleidung, auf seinen glühenden Arm, in seine Haare. Es war erniedrigend. Die Retter der Welt, die im Dreck wühlten wie Schweine. Aber es funktionierte. Das Glühen verschwand unter der Kruste. Elias sah jetzt aus wie ein Teil des Ufers.

„Weiter“, flüsterte Tarek. „Bevor die Hunde den Weg runterfinden.“

Sie zerrten den schlammbedeckten Elias hoch und hasteten weiter, immer am Rand des Wassers entlang, auf das dunkle Gewölbe des Nord-Tors zu, das wie ein schwarzer Schlund in der Stadtmauer gähnte.

Das Nord-Tor war kein Tor für Menschen. Es war ein Schlund, durch den die Stadt ihre Exkremente in den Fluss spie.

Ein massives Gitter aus schwarzem Eisen, fünf Meter hoch und von Algen überwuchert, versperrte den Zufluss zum Hauptkanal. Davor, im seichten Wasser und im Schlamm des Ufers, lag das, was vom Versuch der Bevölkerung übrig geblieben war, dem Wahnsinn zu entkommen.

Es war ein Leichenfeld. Dutzende Körper lagen im Uferschlamm, halb vom Wasser umspült. Männer, Frauen, einige mit gepackten Bündeln, die nun aufgeweicht und nutzlos neben ihnen lagen. Sie waren nicht von Schatten getötet worden. Es gab keine violetten Verfärbungen, keine Auflösung der Materie. Sie hatten Wunden von Stahl. Saubere, präzise Schnitte.

„Aegis“, sagte Clara tonlos.

Sie stand am Rand des Gemetzels. Der Regen wusch das Blut von den Toten in den Fluss, färbte das schwarze Wasser rot. Clara ging langsam durch die Reihen der Toten. Sie humpelte, stützte sich auf ihr schartiges Schwert, aber sie sah nicht weg. Sie blieb vor einem Toten stehen, der eine goldene Rüstung trug. Er lag mit dem Gesicht im Wasser, einen Arm ausgestreckt, als hätte er im Tod noch nach etwas gegriffen.

Clara drehte ihn mit der Spitze ihres Stiefels um. Es war ein junger Mann, kaum älter als Elias. Sein Helm fehlte. Seine Augen waren starr und leer. Auf seinem Brustpanzer prangte das Wappen der Dritten Kohorte. Claras Kohorte.

„Leutnant Karden“, flüsterte Clara.

„Du kanntest ihn?“ fragte Zara, die vorsichtig näher trat, die Dolche gezogen, den Blick auf den Waldrand gerichtet, wo das Heulen der Hunde näher kam.

„Ich habe ihn ausgebildet“, sagte Clara. Ihre Stimme war kalt, brüchig wie altes Glas. „Er war ein guter Soldat. Er hat Befehle befolgt.“ Sie blickte auf die Zivilisten um ihn herum. „Der Befehl lautete: Quarantäne. Niemand verlässt den Sektor. Karden hat sie aufgehalten.“ Sie deutete auf die Wunde in Kardens Hals – ein Dolchstoß. „Und dann haben sie ihn überrannt.“

Sie blickte auf ihre eigenen Hände. Auf die Panzerhandschuhe, die dasselbe Wappen trugen. „Das ist es, was wir sind, Zara. Keine Wächter. Wir sind die Türsteher des Schlachthauses.“

„Du bist nicht mehr sie“, sagte Tarek hart. Er stand am Gittertor und rüttelte an den Stäben. „Du bist jetzt bei den Hütern des Rosts, erinnerst du dich? Wir töten nur Leute, die es verdienen. Meistens.“

Er ließ das Gitter los. Es bewegte sich keinen Millimeter. „Verschlossen. Der Mechanismus ist eingerastet. Wahrscheinlich von innen verriegelt, bevor die Wachen gestorben sind.“

„Können wir es aufsprengen?“ fragte Lyra, die Elias am Uferrand stützte. Der Junge zitterte unter seiner Schlammkruste, die Augen geschlossen.

„Mit was?“ Tarek schnaubte. „Mein Schwarzpulver ist alle. Claras Schwert bricht, wenn sie draufhaut. Und Kael...“ Er sah den Magier an, der bleich und zitternd im Regen stand. „Kael sieht aus, als würde er umkippen, wenn ihn eine Fliege anrempelt.“

Auuuuuuu!

Das Heulen der Chimären war jetzt lauter. Viel lauter. Es kam nicht mehr von der Klippe. Es kam aus dem Waldstreifen direkt vor ihnen. Man hörte das Brechen von Unterholz. Das Schnüffeln von nassem, totem Fleisch.

„Sie haben die Witterung“, sagte Zara panisch. „Trotz des Schlamms. Sie wissen, dass wir hier sind.“

„Wir müssen da rein“, sagte Tarek und starrte auf das Wasser, das durch das Gitter strömte. „Es gibt einen Notfall-Mechanismus. Eine Kette. Sie löst die Kontergewichte.“

„Wo?“ fragte Clara.

„Unter Wasser“, sagte Tarek und spuckte aus. Er zog seine Stiefel aus, legte seinen Waffengürtel ab. „Auf der Innenseite, am Boden des Kanals. Für den Fall, dass das Gitter durch Treibgut blockiert ist.“

Er sah auf das Wasser. Es war eine Brühe aus Fäkalien, Blut, Öl und Leichenteilen. „Ekelhaft“, murmelte er.

„Ich gehe“, sagte Kael und trat vor. „Ich kann unter Wasser atmen. Ich kann...“

„Du kannst gar nichts“, unterbrach ihn Tarek. „Du hast keine Magie mehr, um den Druck auszugleichen oder die Sicht zu klären. Und du bist zu schwach, um den Hebel zu ziehen. Das Ding ist massives Eisen, kein Wasserhahn.“

Tarek atmete tief ein, füllte seine Lungen mit der feuchten, stinkenden Luft. „Zara, Clara – bildet einen Halbkreis um Elias. Wenn die Hunde aus dem Wald brechen, kauft mir Zeit. Egal wie.“

„Wie lange brauchst du?“ fragte Clara und stellte sich breitbeinig vor den schlammbedeckten Elias, das Schwert erhoben.

„Bis ich oben bin – oder bis ich ersaufe“, sagte Tarek.

Er sprang. Er tauchte nicht elegant ein. Er ließ sich einfach in die schwarze Brühe fallen. Das Wasser schlug über ihm zusammen.

Unter der Oberfläche war es die Hölle. Es war stockfinster. Das Wasser brannte in Tareks Augen, schmeckte nach Galle und Tod. Er tastete sich am Gitter entlang nach unten. Seine Hände glitten über glitschiges Metall, verfingen sich in Wasserpflanzen und Stofffetzen von Leichen, die gegen das Gitter getrieben worden waren.

Er erreichte den Grund. Schlamm wirbelte auf. Er tastete den Rahmen ab. Wo war die verfluchte Kette? Seine Lungen begannen zu brennen. Er tastete weiter nach links. Nichts. Weiter nach rechts. Da. Ein Ring aus Eisen, dick wie ein Handgelenk, halb im Schlamm vergraben.

Tarek griff den Ring mit beiden Händen. Er stemmte die Füße gegen das Gitterfundament. Er zog. Nichts passierte. Der Mechanismus war verrostet, blockiert durch Jahre der Vernachlässigung.

Oben, am Ufer, brach der erste Schattenhund durch das Gebüsch. Es war eine Monstrosität aus Wolf und Maschine, die Haut an manchen Stellen fehlend, ersetzt durch pulsierende Schattenmaterie. Die Kiefer waren unnatürlich weit aufgerissen, tropfend von schwarzem Speichel.

„Kontakt!“ schrie Clara.

Das Biest sprang. Clara fing es in der Luft ab, rammte ihm den Schildbuckel ihres zerstörten Panzers gegen die Schnauze. Es jaulte auf, wich aber nicht zurück. Zwei weitere brachen aus dem Unterholz.

Unter Wasser schrie Tarek stumm. Er zog. Seine Muskeln brannten. Sein Kopf dröhnte. Er dachte an Zara. An den Vorwurf in ihren Augen. Wir lassen niemanden zurück. Er dachte an Marcus, der irgendwo da drin war.

Er riss an der Kette mit der Wut eines Mannes, der sein ganzes Leben lang weggelaufen war und nun gegen eine Wand rannte. Beweg dich, du Stück Scheiße!

Ein Ruck ging durch das Metall. Etwas löste sich. Rostwolken explodierten im Wasser. Die Kette gab nach.

Ein tiefes, mahlendes Geräusch, das selbst unter Wasser zu hören war, setzte ein. Das schwere Eisengitter begann sich zu heben. Zentimeter für Zentimeter.

Tarek stieß sich ab. Er schoss nach oben. Er durchbrach die Oberfläche, schnappend nach Luft, würgend. „Rein!“ brüllte er, während er Wasser und Schlamm spuckte. „Es geht auf!“

Das Gitter war jetzt einen halben Meter offen. Genug, um drunter durchzutauchen oder zu kriechen.

Clara enthauptete den ersten Hund mit einem verzweifelten Hieb. „Los!“ schrie sie. „Zara, nimm Elias! Lyra, Kael – rein da!“

Sie zerrten Elias ins Wasser. Der Junge schrie auf, als die kalte Brühe ihn traf, aber Zara und Lyra drückten ihn unter das Gitter durch. Kael folgte. Tarek kletterte halb, schwamm halb durch die Öffnung.

Nur Clara stand noch draußen. Drei weitere Hunde kamen aus dem Wald.

„Clara!“ schrie Tarek von der Innenseite des Gitters. „Beweg deinen Arsch!“

Clara sah die Hunde an. Sie sah die Leiche von Leutnant Karden im Schlamm. Sie spuckte den Hunden vor die Füße. Dann drehte sie sich um, warf sich ins Wasser und tauchte unter dem sich langsam wieder senkenden Gitter hindurch.

Sie kam auf der anderen Seite hoch, genau in dem Moment, als das Gitter mit einem dumpfen KLONG wieder in seine Verankerung fiel. Die Hunde prallten gegen die Stäbe, bissen in das Eisen, heulten vor Wut. Aber sie waren draußen.

Die Gruppe befand sich nun im Hauptabwasserkanal. In der Dunkelheit. Im Gestank. Aber getrennt von den Jägern.

„Wir sind drin“, keuchte Tarek und wischte sich den Schleim vom Gesicht. Er blickte in den dunklen Tunnel, der vor ihnen lag. „Jetzt müssen wir nur noch Marcus finden. Bevor er verrottet.“

Die Dunkelheit hinter dem Nord-Tor war absolut. Es gab hier kein Restlicht der brennenden Stadt, keinen Mond, keine Sterne. Es gab nur das rhythmische Platsch-Platsch-Platsch des schmutzigen Wassers, das gegen die Kanalwände schwappte, und den beißenden Gestank von Methan und Fäulnis, der so dick war, dass man ihn fast auf der Zunge schmecken konnte.

„Licht“, flüsterte Tarek. Er stand hüfthoch in der Brühe, eine Hand an der kalten Ziegelwand, um die Orientierung zu behalten. „Irgendjemand. Bevor ich gegen eine Wand laufe.“

„Nicht zu hell“, warnte Zara. Ihre Stimme kam von links, aus der Schwärze. „Hier unten leben Dinge, die Licht nicht mögen.“

Ein schwaches, bläuliches Glimmen flackerte auf. Lyra hielt ihre Handfläche offen. Es war keine Heilmagie, nur eine einfache, biolumineszente Kugel, kaum heller als ein Glühwürmchen. Es kostete sie sichtlich Kraft; ihre Hand zitterte, und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. „Das ist alles, was ich habe“, keuchte sie.

Das fahle Licht reichte kaum drei Meter weit. Es beleuchtete nasse, veralgte Wände, die sich nach oben in ein undurchdringliches Gewölbe wölbten. Der Hauptkanal war riesig – breit genug für zwei Kutschen nebeneinander. Ein Gehweg aus glitschigem Stein verlief an einer Seite, etwas erhöht über dem Wasserspiegel.

„Raus aus dem Wasser“, befahl Tarek.

Sie kletterten mühsam auf den Steg. Clara zog Elias hoch, der wie ein nasser Sack in ihren Armen hing. Der Schlamm, mit dem sie ihn eingerieben hatten, begann zu trocknen und bildete eine rissige, graue Kruste auf seiner Haut.

„Welche Richtung?“ fragte Kael, der sich an die Wand lehnte und würgte. Der Gestank setzte ihm zu.

Tarek blickte in den Tunnel. Er führte geradeaus in die Finsternis. Aber es gab Abzweigungen. Kleinere Röhren, die in den Hauptstrom mündeten. „Wir müssen nach Süden“, sagte Tarek. „Richtung Akademie-Fundament. Marcus würde versuchen, dem Wasserfluss zu folgen, aber er kommt von oben. Er muss irgendwo in diesen Hauptstrang eingemündet sein.“

„Warte“, sagte Elias plötzlich.

Seine Stimme war klarer als zuvor. Der Schlamm dämpfte das Leuchten des Amuletts, aber er dämpfte nicht seine Wahrnehmung. Elias löste sich von Clara. Er stand wackelig auf dem Steg, die Augen geschlossen, den Kopf schief gelegt, als würde er einer fernen Melodie lauschen.

„Was ist?“ fragte Zara angespannt und griff nach ihren Dolchen.

„Zwei Echos“, flüsterte Elias. Er hob die rechte Hand, die gesunde, und deutete in die Dunkelheit vor ihnen. „Das eine ist... Papier. Altes Papier und Metall. Es ist schwach. Aber es bewegt sich.“

„Der Codex“, hauchte Lyra hoffnungsvoll. „Er spürt das Buch.“

„Und das andere?“ fragte Tarek, dem die Art, wie Elias dastand, nicht gefiel.

Elias drehte den Kopf leicht zur Seite. Er runzelte die Stirn, und die getrocknete Schlammmaske bröckelte. „Das andere ist... alt. Es schläft nicht. Es wartet.“ Er schlug die Augen auf. Im schwachen Licht von Lyras Kugel wirkten sie fast schwarz. „Es ist hungrig. Aber es ist nicht Arkan. Es gehört hierher.“

„Großartig“, murmelte Zara. „Ein Kanalmonster. Genau das hat mir noch gefehlt.“

„Ist das Buch in der Nähe des Hungers?“ fragte Tarek präzise.

„Ja“, sagte Elias. „Sie bewegen sich aufeinander zu.“

„Dann bewegen wir uns schneller“, entschied Tarek. „Zara, du gehst vor. Such nach Spuren. Marcus ist kein Waldläufer, aber er ist auch kein Geist. Er hinterlässt Abdrücke.“

Sie marschierten los. Der Weg war tückisch. Der Stein war bedeckt mit einer schmierigen Schicht aus Pilzen. Clara rutschte einmal fast ab und wäre zurück in die Brühe gefallen, wenn Kael sie nicht am Umhang gepackt hätte.

Nach hundert Metern hob Zara die Faust. „Halt.“

Sie kniete sich hin. Sie leuchtete mit Lyras Hand, die sie sich herangezogen hatte, auf den Boden. „Hier.“

Tarek trat neben sie. Im Schlamm auf dem Steg war ein Abdruck. Kein Fußabdruck. Es war eine Schleifspur. Und daneben ein kleinerer, unregelmäßiger Abdruck, wie von einem Knie.

„Jemand ist hier gekrochen“, analysierte Zara. Sie fuhr mit dem Finger über den Stein. „Und hier... seht ihr das?“

An der rauen Kante der Mauer hing ein winziger Fetzen Stoff. Er war dunkelblau. „Bibliothekars-Robe“, erkannte Tarek sofort. „Feiner Stoff. Nichts, was ein Kanalarbeiter trägt.“

„Es ist Marcus“, sagte Zara. Ein Hauch von Erleichterung schwang in ihrer Stimme mit, den sie sofort versuchte zu unterdrücken. „Er lebt. Zumindest war er vor kurzem hier.“

„Er kriecht?“ fragte Clara besorgt. „Ist er verletzt?“

„Die Spur wird unregelmäßiger“, sagte Zara und folgte den Zeichen ein paar Meter weiter. „Hier steht er auf. Aber der Schritt ist ungleichmäßig. Er humpelt. Oder er trägt etwas Schweres.“

„Jory“, sagte Lyra.

„Oder das Buch“, sagte Tarek.

Ein Geräusch hallte durch den Tunnel. Es war kein Plätschern. Es war ein Kratzen. Es klang wie Metall, das über Stein gezogen wurde. Krrrk... Krrrk...

Elias zuckte zusammen. Er griff sich an die Brust, an die Stelle unter dem Schlamm, wo das Amulett saß. „Der Hunger“, keuchte er. „Er ist wach.“

Tarek zog seine Schwerter. Das Geräusch kam von vorne. Aus der Richtung, in die Marcus’ Spuren führten. „Licht aus“, zischte er zu Lyra.

„Aber dann sehen wir nichts“, protestierte sie.

„Besser wir sehen nichts, als dass es uns sieht“, sagte Tarek. „Licht aus!“

Lyra ballte die Faust. Die blaue Kugel erlosch. Absolute Finsternis umhüllte sie wieder. Nur das Kratzen war zu hören. Und es kam näher. Und dazwischen, ganz leise, hörten sie etwas anderes.

Eine menschliche Stimme. Dünn und verängstigt. „...Variable U...“

Tarek riss die Augen in der Dunkelheit auf. Er kannte diese Stimme. Und er kannte dieses Wort.

„Lauf“, flüsterte er, dann brüllte er: „LAUF!“

Sie stürmten blindlings in die Dunkelheit, dem Geräusch und der Stimme entgegen, hinein in das unvermeidliche Zusammentreffen, das in Kapitel 18 auf sie wartete.

Tarek rannte nicht. Er pflügte durch das Wasser. Jeder Schritt spritzte die stinkende Brühe bis an die Decke des Tunnels. Er ignorierte das Brennen in seinen Lungen, ignorierte die Müdigkeit in seinen Beinen. Er hatte Marcus’ Stimme gehört. Und er hatte das andere Geräusch gehört.

„Marcus!“ brüllte er in die Dunkelheit. „Antworte!“

Hinter ihm keuchten Clara und Zara, die Mühe hatten, mit seinem Tempo mitzuhalten. Lyra und Kael schleppten Elias, dessen Füße kaum noch den Boden berührten.

Der Tunnel machte eine scharfe Biegung nach links. Tarek rutschte auf dem glitschigen Stein fast aus, fing sich an der Wand ab und stürmte um die Kurve. Und prallte gegen eine Wand.

Es war keine gemauerte Wand. Es war ein Berg aus Trümmern. Massive Felsbrocken, verbogene Stahlträger und zersplitterte Balken blockierten den gesamten Kanal von der Sohle bis zur Decke. Das Wasser staute sich davor, gurgelte wütend durch kleine Lücken im Gestein. Es war der Schutt, den Thaddeus’ letzte Explosion verursacht hatte. Der Boden der Verteilstelle war hier heruntergestürzt und hatte den Hauptkanal versiegelt.

Tarek hämmerte mit der Faust gegen einen Felsbrocken. „Nein!“ schrie er. „Verdammte Scheiße, nein!“

Er presste sein Gesicht an einen Spalt zwischen zwei Steinen. „Marcus! Bist du da hinter?“

Stille. Nur das Gurgeln des Wassers.

Dann, leise und zitternd, aber unverkennbar: „Tarek?“

Zara, die gerade angekommen war, stieß einen Laut aus, der halb Lachen, halb Schluchzen war. Sie warf sich neben Tarek gegen die Trümmerwand. „Gelehrter! Lebst du?“

„Wir sind... funktional“, kam die Antwort gedämpft durch den Stein. „Jory ist bei mir. Wir sind unverletzt. Aber...“

Marcus stockte. Auf der anderen Seite der Wand hörte man wieder das Geräusch. Krrrk... Krrrk... Es war näher gekommen. Viel näher.

„Was ist das, Marcus?“ rief Tarek. „Was ist bei euch?“

„Variable U“, sagte Marcus, und man hörte die Panik, die er versuchte, mit Logik zu unterdrücken. „Es ist groß. Es ist aus Metall und Fleisch. Und es kommt aus der Tiefe.“

Elias, der von Lyra herangeführt wurde, sackte gegen die Tunnelwand. Seine Augen waren weit aufgerissen, starrten ins Leere. „Der Hunger“, flüsterte er. „Er ist direkt vor ihnen. Er riecht das Buch.“

„Wir müssen da durch!“ schrie Clara. Sie rammte ihr Schwert als Hebel unter einen der Felsbrocken. „Helft mir!“

Tarek und Zara packten mit an. Sie zerrten, drückten, stemmten sich mit aller Kraft gegen die Blockade. Der Stein bewegte sich nicht. Er wog Tonnen. „Es geht nicht!“ keuchte Zara verzweifelt.

„Tarek“, sagte Marcus’ Stimme von der anderen Seite. Sie war jetzt sehr leise. „Es ist hier. Ich sehe die Augen.“

Ein tiefes, metallisches Grollen ließ die Trümmerwand vibrieren. Dann hörte man Jory schreien.

„MARCUS!“ brüllte Tarek und hieb mit dem Schwertknauf gegen den Stein, bis Funken sprühten.

Aber er kam nicht durch. Sie waren wiedervereint – und doch getrennt durch drei Meter massiven Fels. Auf der einen Seite die Retter. Auf der anderen Seite das Opfer. Und dazwischen das Monster.