NOX AETERNA · Band 1 · Das Erwachen
KAPITEL 18: Abstieg in die Dunkelheit
Die Angst hatte einen eigenen Klang. Für Marcus war es das Krrrk... Krrrk..., das aus der Dunkelheit näher kroch. Er drückte Jory hinter sich an die feuchte Kanalwand. Er hatte keine Waffe. Er hatte nur seine zitternden Hände und eine Formel für die Aufprallkraft eines Körpers, der gleich zerrissen werden würde.
„Es kommt“, flüsterte er zur Trümmerwand hinüber. „Tarek... es ist hier.“
Auf der anderen Seite hörte er das verzweifelte Schaben von Stahl auf Stein. Aber es war zu langsam. Die Wand war zu dick.
Dann hörte er Elias’ Stimme. Sie klang nicht laut, aber sie vibrierte in Marcus’ Zähnen. „Weg vom Stein, Marcus.“
Marcus reagierte instinktiv. Er warf sich und Jory flach in den Schlamm, weg von der Barriere.
Ein Geräusch ertönte, als würde die Welt einatmen. Die Luft knisterte violett. Dann löste sich der massive Felsblock, der den Durchgang versperrte, einfach auf. Er explodierte nicht. Er zerfiel zu grauem Staub, als wären tausend Jahre Verwitterung in einer Sekunde passiert.
Durch die Staubwolke brachen sie hindurch wie Rachegeister. Tarek voran, die Schwerter erhoben, ein Schrei auf den Lippen. Clara dicht hinter ihm, das Gesicht eine Maske der Wut. Zara mit gezückten Dolchen.
„WEG DA!“ brüllte Tarek und stürmte an dem am Boden liegenden Marcus vorbei, bereit, dem Ungeheuer den Kopf abzuschlagen. Er sah die gelb glühenden Augen in der Dunkelheit. Er sah die metallische Silhouette. Er holte zum tödlichen Schlag aus.
„IIIIIEK!“
Das "Monster" kreischte. Es war kein tiefes, dämonisches Brüllen. Es war ein hohes, jämmerliches Quieken. Das Wesen ließ etwas fallen – ein großes, verbeultes Blech, das es hinter sich hergezogen hatte und das für das schreckliche Krrrk-Geräusch verantwortlich war. Es warf die kleinen, spindeldürren Ärme über den Kopf und kauerte sich zitternd zusammen.
Tarek stoppte seinen Schlag Zentimeter vor dem Kopf des Wesens. Er strauchelte, verlor fast das Gleichgewicht und landete platschend im Wasser.
Stille. Nur das Tropfen von Wasser und das leise Wimmern des Wesens.
Zara leuchtete mit dem schwächelnden Lichtstab darauf. Es war kein Wächter. Es war kaum größer als Jory. Ein Wesen mit grauer, ledriger Haut, durchzogen von rostigen Adern. Große, gelbe Augen starrten panisch zwischen den Fingern hervor. Es trug einen Lendenschurz aus alten Kabeln.
„Ein... Balg?“ fragte Clara und senkte ihr Schwert langsam. Sie blinzelte ungläubig.
„Ein Rost-Ader-Balg“, korrigierte Zara. Sie klang fassungslos. „Sie leben in den Lüftungsschächten. Sie fressen Metallschrott.“ Sie sah auf das große Blechstück am Boden. „Er hat nur sein Abendessen nach Hause gezogen.“
Der Balg blinzelte Tarek an. Dann sah er die Klinge. Er quiekte erneut, sprang auf – mit einer Geschwindigkeit, die verblüffend war – und huschte an Tarek vorbei, die Wand hoch und verschwand in einem kleinen, dunklen Abflussrohr an der Decke.
Weg war er. Das Monster der Tiefe. Die Variable U.
Tarek stand immer noch im Wasser, das Schwert erhoben gegen einen Feind, der nicht existierte. Er sah zu Marcus. Marcus lag im Schlamm, die Brille schief, Jory im Arm. Er starrte auf das Rohr, in dem der Balg verschwunden war.
Dann begann Marcus zu lachen. Es begann als ein Husten, wurde zu einem Kichern und brach dann aus ihm heraus als ein fast hysterisches Gelächter. Er lachte, bis ihm die Tränen über das dreckige Gesicht liefen. „Variable U“, keuchte er. „Unbekannt. Rostfresser.“
Zara fing an zu grinsen. Dann lachte auch sie. Es war ein raues, fast schmerzhaftes Lachen, das die Anspannung der letzten Stunden löste. Sogar Tarek ließ die Schultern hängen. Er steckte die Schwerter weg und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, verschmierte den Ruß noch mehr. „Verdammt“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Ich hätte ihn fast filetiert.“
„Wir dachten, es ist das Ende“, gluckste Marcus und setzte sich mühsam auf. „Und es war nur der Hausmeister.“
Für einen Moment hallte ihr Lachen durch den Tunnel. Es war das Lachen von Menschen, die dem Tod von der Schippe gesprungen waren, nur um festzustellen, dass der Tod heute frei hatte. Es verband sie. In diesem dreckigen, stinkenden Loch waren sie für eine Minute keine Flüchtlinge, sondern einfach nur eine Gruppe von Idioten, die noch lebten.
Doch das Lachen starb abrupt.
Hinter ihnen gab es ein dumpfes Geräusch. Als würde ein nasser Sack zu Boden fallen.
Sie wirbelten herum. Elias lag im Schlamm. Er hatte die Barriere geöffnet. Er hatte den Stein gelöscht. Jetzt lag er auf der Seite, gekrümmt wie ein Fötus. Sein rechter Arm, der schwarze Panzerhandschuh, zuckte unkontrolliert. Violette Blitze tanzten über das Metall und bissen in sein Fleisch.
„Elias!“ Lyra war sofort bei ihm. Sie drehte ihn auf den Rücken.
Sein Gesicht war totenbleich. Seine Lippen waren blau. Aber das Schlimmste war sein Blick. Er war wach, aber er sah sie nicht an. Er starrte durch die Decke des Kanals hindurch.
„Es brennt“, wimmerte er leise. „Der Handschuh... er nimmt sich, was er braucht.“
Das Lachen war vergessen. Die Erleichterung verflog wie Rauch. Die Realität der Roadmap holte sie ein.
„Er ist eiskalt“, sagte Lyra panisch. „Der Einsatz der Magie... es hat ihn leergesaugt. Wir müssen ihn wärmen. Und wir müssen Rasten. Sofort.“
Clara trat vor. Sie schwankte leicht, hielt sich die Schulter, wo der Schattenfraß wütete, aber sie verbarg es. „Wir können hier nicht bleiben“, sagte sie hart. „Das Lachen war laut. Der Balg ist weg, aber die Hunde oben haben Ohren.“
„Er schafft keinen Meter mehr“, fauchte Lyra Clara an. „Sieh ihn dir an!“
Tarek blickte sich um. Der Tunnel war endlos und bot keine Deckung. „Da vorne“, sagte er und deutete auf eine Nische in der Wand, etwas erhöht, trocken, ein alter Wartungszugang. „Da ist es trocken. Wir lagern dort. Eine Stunde.“
Er ging zu Elias, hob den Jungen hoch. Er war erschreckend leicht. „Komm, Kleiner“, murmelte Tarek. „Keine Magie mehr heute. Versprochen.“
Sie trugen ihn in die Nische. Die Dunkelheit legte sich wieder über sie. Und mit der Dunkelheit kamen die Schmerzen zurück, die das Adrenalin verdrängt hatte.
Die Nische im Mauerwerk war kaum mehr als ein Loch, in dem alte Rohre zusammenliefen, aber sie war trocken. Zumindest trockener als der Rest der Welt hier unten.
Lyra kniete im Staub. Ihre Hände zitterten, als sie die Riemen von Claras Schulterpanzer löste. Das Leder war versengt, das Metall darunter deformiert, als hätte jemand Säure darüber gegossen. „Stillhalten“, flüsterte Lyra, mehr zu sich selbst als zu der Kriegerin.
Clara saß mit dem Rücken zur Wand, die Beine ausgestreckt. Ihr Gesicht war eine Maske aus Schmutz und stoischer Ruhe, aber der Schweiß auf ihrer Stirn verriet den Schmerz, der in ihr tobte. „Mach einfach“, knurrte Clara. „Es sieht schlimmer aus, als es ist.“
Lyra zog den letzten Riemen ab. Das Metallstück fiel klappernd zu Boden. Darunter kam das Untergewand zum Vorschein. Es war mit dem Fleisch verklebt. Dunkle, ölige Flüssigkeit sickerte durch den Stoff. Der Gestank war süßlich und falsch. Er roch nicht nach Blut. Er roch nach altem Grab.
Zara, die am Eingang der Nische Wache hielt, drehte sich kurz um und verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Tarek reinigte mechanisch sein Schwert mit einem Lappen, vermied es aber, hinzusehen.
„Ich muss den Stoff entfernen“, sagte Lyra. Sie griff nach ihrer Feldflasche – fast leer – und befeuchtete den Rand der Wunde, um das Gewebe zu lösen. Clara zischte durch die Zähne, bewegte sich aber nicht.
Als der Stoff weg war, starrte Lyra auf die Wunde. Es war kein Schnitt. Es war ein Loch in der Realität von Claras Fleisch. Die Ränder waren schwarz und ausgefranst, und tief drinnen pulsierte kein rotes Muskelgewebe, sondern eine graue Masse, durchzogen von violetten Adern.
„Schattenfraß“, hauchte Lyra. Sie hatte davon in den Büchern von Aetherholm gelesen, aber sie hatte es nie behandelt. Es war eine Wunde, die nicht heilte, sondern sich ausbreitete. Sie fraß Lebenskraft.
„Sieht hübsch aus“, sagte Clara trocken, aber ihre Stimme war dünn.
„Ich kann das heilen“, sagte Lyra schnell. Zu schnell. Sie musste es können. Sie war die Heilerin. Das war ihre Variable. Sie rieb ihre Hände aneinander, um sie zu wärmen. Sie schloss die Augen, suchte nach dem vertrauten Funken in ihrer Brust. Dem grünen, warmen Licht des Lebens. Es kam zögerlich. Sie war erschöpft. Aber es kam. Ihre Handflächen begannen sanft zu glimmen.
„Atme tief ein“, sagte Lyra.
Sie legte die Hände auf die schwarze Wunde.
Im ersten Moment fühlte es sich an, als würde sie in Eiswasser greifen. Die Kälte der Wunde schoss durch Lyras Arme bis in ihr Herz. Dann passierte das Unmögliche. Das grüne Licht drang nicht in das Fleisch ein. Es wurde nicht absorbiert, um Zellen zu stricken und Blut zu stillen. Es prallte ab. Die Schwärze in der Wunde schien lebendig zu werden. Sie wogte auf, wie Öl auf Wasser, und erstickte das grüne Glimmen.
ZISCH.
Lyra keuchte auf, als würde ihr die Luft abgeschnürt. Das Licht in ihren Händen flackerte wild, wurde grau und erlosch dann einfach. Wie eine Kerze im Vakuum.
Sie riss die Hände zurück. Sie starrte auf ihre Handflächen. Sie waren unversehrt, aber sie fühlten sich taub an. „Nein...“, flüsterte sie.
„Was ist los?“ fragte Tarek und sah auf.
„Es... es lässt mich nicht rein“, stammelte Lyra. Panik stieg in ihr auf, heiß und würgend. „Die Wunde... sie weist das Licht ab. Ich kann sie nicht schließen.“
Sie versuchte es erneut. Zwang das Licht zurück in ihre Finger. Aber die Wunde pulsierte nur höhnisch.
Lyra sank auf ihre Fersen zurück. Ihre Hände sanken in den Schoß. In Aetherholm war sie die Begabteste gewesen. Sie hatte Knochenbrüche in Minuten geheilt, Fieber mit einer Berührung gesenkt. Und jetzt? Hier unten, im Dreck, wo es zählte? Nichts. Sie war nutzlos.
„Verbinde es einfach“, sagte Claras Stimme. Sie klang ruhig, fast gelangweilt.
„Aber es wird sich entzünden! Es wird...“
„Verbinde es!“ befahl Clara scharf.
Lyra gehorchte mechanisch. Sie nahm die schmutzigen Verbandsrollen, wickelte sie fest um die Schulter, deckte das pulsierende Schwarz ab. Sie fühlte sich wie ein Scharlatan.
Clara betrachtete den Verband. Dann griff sie mit der gesunden Hand an ihren Kragen. Dort hing noch das Abzeichen der Akademie. Ein silberner Schild mit einem goldenen Auge. Das Symbol der Aegis. Der Schutz. Die Ordnung. Es war verbogen und rußgeschwärzt.
Clara riss es mit einem Ruck ab. Der Stoff ihres Kragens riss mit. Sie hielt das Metallstück einen Moment lang in der Hand. Sie wog es ab. Es war schwer. Viel zu schwer für so ein kleines Stück Blech.
„Wir brauchen keinen Schutz mehr“, sagte sie leise. „Wir sind jetzt der Rost.“
Sie holte aus und warf das Abzeichen in den dunklen Kanal. Platsch. Das Wasser verschluckte es ohne ein Echo.
Clara zog den Riemen ihrer Rüstung fest, ignorierte das Zusammenzucken ihres Körpers. „Schmerz ist nur eine Information“, sagte sie in die Stille der Nische hinein. „Er sagt mir, dass ich noch nicht tot bin.“
Sie lehnte den Kopf zurück an die Wand und schloss das einzige Auge, das ihr geblieben war. Lyra saß neben ihr, starrte auf ihre eigenen Hände und fühlte sich leerer als der Tunnel um sie herum.
Variable Z – Zwei
Die Stille in der Nische war schwerer als die Dunkelheit. Nach Claras Ausbruch und Lyras stummem Entsetzen hatte sich niemand mehr bewegt. Tarek döste mit dem Schwert im Schoß, den Kopf an die feuchte Wand gelehnt. Elias wimmerte leise im Schlaf, geplagt von Träumen, die keiner von ihnen sehen wollte.
Marcus saß etwas abseits, am Rand des schwachen Lichtkreises, den der letzte Leuchtstab noch warf. Er hatte die Knie an die Brust gezogen und starrte auf seine Hände. Sie waren schwarz von Ruß und Schlamm, die Fingernägel abgebrochen, die Haut zerkratzt. Es waren Hände, die Seiten umblätterten. Keine Hände, die in Kanälen ums Überleben kämpften.
Er spürte eine Bewegung neben sich. Zara setzte sich. Sie hielt keinen Abstand mehr, wie sie es sonst immer tat. Ihre Schulter berührte fast seine. Sie roch nach Kanalwasser, altem Leder und Schweiß, aber für Marcus war es in diesem Moment der tröstlichste Geruch der Welt.
Sie sagte nichts. Sie reinigte mechanisch einen ihrer Dolche an ihrem Hosenbein, Ratsch-Ratsch, ein beruhigendes, rhythmisches Geräusch.
„Ich bin kein Held, Zara“, flüsterte Marcus plötzlich. Er sah nicht auf. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, brüchig wie altes Pergament.
Zara hielt in ihrer Bewegung inne. „Hat auch keiner behauptet, Gelehrter.“
Marcus lachte leise, ein trockenes, humorloses Geräusch. „Nein. Ich meine es ernst. Oben... im Feuer. Ich habe nur gerechnet. Ich habe Jory in Gefahr gebracht, weil es die logischste Option war. Ich habe Thaddeus zurückgelassen, weil die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei hundert Prozent lag.“ Er ballte die Hände zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten. „Ich bin ein Feigling, der Bücher liest. Ein Parasit, der sich an die Starken hängt. Ich weiß nicht, warum du... warum ihr mich überhaupt mitschleppt.“
Er wartete auf einen zynischen Kommentar. Auf einen Spruch über seinen Nutzen als wandelnde Enzyklopädie. Aber Zara schwieg.
Sie steckte den Dolch weg. Dann legte sie ihre Hand auf seine. Ihre Hand war rau, die Haut an den Handflächen verhärtet von Jahren des Kletterns und Stehlens. Seine war weich, Tinte unter den Fingernägeln. Es war ein Kontrast, der größer nicht sein konnte. Aber sie zog nicht zurück.
„Ich auch“, sagte sie leise.
Marcus drehte den Kopf und sah sie an. Im fahlen Licht wirkte ihr Gesicht weicher, jünger. Die harte Maske der Gassen-Diebin war für einen Moment gefallen.
„Ich hatte nie jemanden, der blieb“, fuhr Zara fort. Sie starrte in die Dunkelheit des Tunnels. „Meine Mutter hat mich verkauft für eine Flasche Fusel. Mein Bruder ist eines Nachts gegangen, um Zigaretten zu holen, und kam nie wieder. Die Straße nimmt alles, Marcus. Immer. Wenn du jemanden liebst, wird er dir weggenommen. Wenn du etwas besitzt, wird es gestohlen.“
Sie drückte seine Hand fester. „Ich bin kein Held. Ich bin eine Überlebende. Ich renne weg, bevor es weh tut. Das habe ich immer getan.“ Sie schluckte schwer. „Aber da oben... als die Decke runterkam... ich bin nicht gerannt. Ich habe gewartet. Auf dich.“
Marcus spürte, wie ihm die Kehle zuschnürte. „Variable V“, flüsterte er.
„Was?“
„Vertrauen.“
Er drehte seine Hand, sodass sich ihre Finger verflochten. Es war eine ungelenke Geste, neu und fremd für sie beide, aber in dieser kalten, stinkenden Röhre war es der einzige Anker, den sie hatten.
Marcus sah ihr tief in die Augen. Seine Brille war schief, sein Gesicht verschmiert, aber sein Blick war klarer als je zuvor. Er dachte an die Wahrscheinlichkeiten. Er dachte an die Hunde, an Arkan, an den Riss. Die Statistik sagte, dass sie alle sterben würden. Aber zum ersten Mal in seinem Leben ignorierte er die Statistik.
„Ich werde nicht gehen“, sagte Marcus. Seine Stimme zitterte nicht mehr. Es war eine Feststellung. Ein Schwur. „Ich verspreche es dir, Zara. Egal was passiert. Ich renne nicht mehr weg.“
Zara sah ihn lange an. Ein schwaches, trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie wusste, dass Versprechen in dieser Welt so zerbrechlich waren wie Glas. Aber sie wollte es glauben.
„Variable H“, flüsterte sie. „Hoffnung. Du bist ein Idiot, Marcus.“
„Ich weiß.“
Sie blieben so sitzen, Hand in Hand, während um sie herum das Wasser tropfte und ihre Gefährten schliefen oder bluteten. Es war ein Moment des Friedens. Ein zerbrechlicher Moment, gebaut auf einem Versprechen, das das Schicksal bald auf die Probe stellen würde.
Der Atem der Wildnis
„Genug“, sagte Clara.
Das Wort fiel schwer in die Stille der Nische, wie ein Stein in tiefes Wasser. Sie stieß sich von der Wand ab, ignorierte das sichtbare Zusammenzucken, als ihre verletzte Schulter sich bewegte, und griff nach ihrem Schwert. Sie sah Lyra nicht an. Sie sah niemanden an. Sie starrte nur in den schwarzen Schlund des Tunnels, der vor ihnen lag. „Wenn wir länger sitzen, stehen wir nicht mehr auf. Das Adrenalin ist weg. Jetzt kommt die Kältestarre.“
Tarek nickte langsam. Er rieb sich die Augen, die rotgerändert waren vom Rauch und der Müdigkeit. „Sie hat recht. Der Kanal führt zum Flussdelta. Wenn wir Glück haben, spült uns die Strömung direkt in den Sumpf.“ Er stand auf, seine Gelenke knackten laut. „Wenn wir Pech haben, endet der Tunnel in einem Gitter, das wir nicht aufkriegen.“
Marcus löste seine Hand aus Zaras Griff. Es war ein langsames Loslassen, kein abruptes Zurückziehen. Ein stummes Versprechen, dass die Verbindung bestand, auch ohne Berührung. Er setzte seine Brille auf, die nun endgültig schief auf seiner Nase saß, da einer der Bügel verbogen war. „Variable B“, murmelte er beim Aufstehen. „Bewegung.“
Jory klammerte sich an Marcus’ Jacke, den Rucksack mit dem Codex schwer auf seinen kleinen Schultern. Marcus nahm ihm die Last nicht ab – er konnte es mit seinem Arm nicht –, aber er legte seine gesunde Hand auf Jorys Kopf.
Sie formierten sich neu. Tarek an der Spitze, das Schwert locker in der Hand. Clara als Nachhut, humpelnd, aber wachsam. Dazwischen die Verwundbaren.
Der Marsch wurde zu einer Trance. Die Umgebung veränderte sich. Das gemauerte Gewölbe der städtischen Kanalisation – Ziegel, Mörtel, Rohrleitungen – wich langsam etwas Älterem. Natürlicher Fels brach durch die Wände. Wurzeln von Bäumen, die weit oben an der Oberfläche wuchsen, hingen wie tote Schlangen von der Decke herab und streiften ihre Gesichter.
Der Boden wurde unebener. Der gepflasterte Wartungsweg endete und wurde zu einem schmalen Pfad aus glitschigem Schiefergestein, der knapp über dem Wasserspiegel verlief. Das Wasser selbst veränderte seinen Geruch. Der beißende Gestank von Fäkalien und Alchemie wich einem anderen Geruch. Salzig. Modrig. Faulig, aber auf eine organische Art. Es roch nach Meer und verrottenden Pflanzen.
„Wir nähern uns der Mündung“, flüsterte Kael. Er atmete tief ein, als würde der salzige Geruch ihn beleben. „Ich kann es riechen. Das Delta.“
Elias ging direkt vor Marcus. Der Junge litt. Er klagte nicht, aber Marcus, der direkt hinter ihm ging, sah die Anzeichen. Elias’ rechter Arm hing schwer herab. Die Finger des schwarzen Panzerhandschuhs zuckten in einem ständigen, nervösen Rhythmus, Auf-Zu-Auf-Zu, als würde der Arm nach etwas greifen wollen, das nicht da war. Manchmal stolperte Elias, als würde ihn das Gewicht des Metalls zur Seite ziehen.
„Elias?“ fragte Marcus leise.
„Er ist schwer“, murmelte Elias, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme klang dünn, wie Glas, das kurz vor dem Springen ist. „Er zieht. Nicht nach unten. Er zieht... zurück.“
„Zurück zur Bibliothek?“
„Nein“, keuchte Elias. „Zurück in den Riss. Er weiß, dass wir uns entfernen. Er will nicht weg. Er will fressen.“ Er fasste sich mit der rechten Hand an die linke Schulter, dort wo Fleisch auf Metall traf. „Er wurzelt tiefer, Marcus. Ich spüre es in meinen Knochen. Er wächst.“
Marcus schluckte trocken. Er wusste aus Thaddeus’ Aufzeichnungen, dass Artefakte der Schattenmagie oft parasitär waren. Aber das hier war keine Symbiose. Das war eine langsame Übernahme. „Konzentrier dich auf das Gehen“, sagte Marcus hilflos. „Ein Schritt nach dem anderen. Variable Z: Ziel.“
Der Tunnel machte eine letzte, weite Biegung. Der Luftzug wurde stärker. Er war kalt, schneidend und trug feinen Sand mit sich.
„Licht aus“, befahl Tarek von vorne. Lyra ließ ihre magische Kugel erlöschen.
Dunkelheit umfing sie. Aber es war keine absolute Schwärze mehr. Weit vor ihnen, am Ende der Röhre, war ein grauer Schimmer zu sehen. Ein fahles, krankes Rechteck aus Licht.
„Der Ausgang“, sagte Zara.
Sie beschleunigten ihre Schritte, getrieben von der Sehnsucht, die bedrückende Enge hinter sich zu lassen. Der Boden wurde sandig. Das Wasser floss schneller.
Sie erreichten das Ende. Der Tunnel mündete in ein riesiges, verrostetes Abflussrohr, das aus einer Felswand ragte. Eiserne Gitterstäbe, dick wie Oberschenkel, versperrten den Weg, aber die Zeit und das Salzwasser hatten ihre Arbeit getan. Zwei der Stäbe waren unten weggerostet und nach außen gebogen, wie ein zahnloser Mund.
Tarek zwängte sich hindurch. Er sprang etwa einen halben Meter tief in weichen, nassen Sand. Er drehte sich um und half den anderen. Clara biss die Zähne zusammen, als sie landete. Lyra stützte Elias. Marcus half Jory, dann ließ er sich selbst fallen und landete wackelig auf den Beinen.
Sie standen im Freien. Aber es war keine Befreiung.
Vor ihnen erstreckte sich das Flussdelta des Seraph. Eine trostlose Weite aus schwarzem Schlamm, grauem Wasser und toten Bäumen, die wie Skeletthände aus dem Sumpf ragten. Nebel waberte über dem Boden, hüfthoch und dicht wie Wolle. Über ihnen hing ein Himmel, der nicht schwarz war, sondern dunkelviolett, erleuchtet vom Schein des Risses, der weit hinter ihnen über der Stadt pulsierte.
Der Wind heulte hier draußen. Er pfiff durch das Schilf und riss an ihrer nassen Kleidung. Es war eiskalt.
„Wir sind draußen“, sagte Kael leise. Er starrte auf das Wasser, das sich in der Ferne im Nebel verlor.
„Ja“, sagte Tarek. Er drehte sich um und blickte zurück. Die Stadtmauer von Seraphis ragte hoch über ihnen auf, eine schwarze Silhouette gegen das brennende Licht der Oberstadt. Sie waren winzig im Vergleich zu der Architektur, die sie gerade verlassen hatten. Sie waren Ameisen, die aus einem brennenden Hügel gefallen waren.
„Und jetzt?“ fragte Zara. Sie fröstelte und verschränkte die Arme. „Wohin?“
Tarek deutete in die neblige Weite vor ihnen. „Weg von der Mauer. Weg vom Licht. In den Sumpf.“ Er sah die Gruppe an. „Willkommen in der Wildnis.“
Marcus rückte seinen Rucksack zurecht. Er spürte die Kälte durch seine nassen Kleider bis auf die Knochen. Er hatte sein Leben lang in einer Bibliothek gelebt, umgeben von Wänden, Dächern und Heizungen. Hier draußen gab es keine Wände. Keine Variablen, die man in Büchern nachschlagen konnte. Hier draußen gab es nur Kälte, Schlamm und die Dunkelheit.
„Variable U“, flüsterte er in den Wind. „Unbekannt.“
Asche wie Schnee
Der Wind im Delta war ein Messer, das keine Rüstung respektierte. Er kam vom offenen Meer, fegte über die endlosen Salzmarschen und trug die Kälte der tiefen See mit sich. Aber bevor er die Gruppe am Ausgang des Rohres traf, hatte er sich mit etwas anderem vermischt.
Mit der Stadt.
Marcus stand knöcheltief im schwarzen Schlamm und blickte nach oben. Er musste den Kopf in den Nacken legen, um die Klippe zu sehen, auf der Seraphis thronte. Die Feuer oben waren kleiner geworden, gedämpft durch die Entfernung und den einsetzenden, grauen Nieselregen. Aber der Rauch war gewaltig. Eine schwarze Säule, die sich in den violetten Himmel bohrte und dort wie ein Pilz ausbreitete.
Und aus dieser Wolke rieselte es herab. Feine, graue Flocken. Sie tanzten im Wind, wirbelten um die toten Bäume des Sumpfes und legten sich sanft auf die Schultern der Flüchtenden. Es sah aus wie Schnee. Aber es schmolz nicht, wenn es die Haut berührte. Es hinterließ schwarze Schmierspuren.
„Die Bibliothek“, sagte Marcus leise. Er fing eine Flocke auf seiner Handfläche auf. Sie war leicht, fast gewichtslos. Ein Stück Pergament? Ein Fetzen eines Vorhangs? Ein Teil eines Menschen? Er wischte es hastig an seiner Hose ab, aber der graue Fleck blieb.
„Nicht stehenbleiben“, sagte Tarek. Seine Stimme war rau, aber leise. Er wollte die Stille hier draußen nicht brechen. Sie wirkte zerbrechlich, bedrohlich. „Wenn wir hier stehen, kühlen wir aus. Und im Schlamm sinkt man ein.“
Sie bewegten sich langsam vorwärts. Es gab keinen Weg mehr. Es gab nur noch Inseln aus verfilztem Gras und knorrigem Wurzelwerk, getrennt durch Kanäle aus brackigem Wasser. Jeder Schritt musste geprüft werden. Der Boden war tückisch – mal fest, mal gab er nach und drohte, einen Stiefel für immer zu verschlucken.
Kael ging am Rand der Gruppe, näher am Wasser als die anderen. Er hatte die Arme um sich geschlungen, zitterte vor Kälte, aber sein Blick war starr auf die graue Fläche des Deltas gerichtet. Er bückte sich, tauchte eine Hand in das Wasser. Er führte die nassen Finger an die Lippen.
„Salz“, flüsterte er.
Zara, die neben ihm ging, sah ihn fragend an.
„Das Meer“, sagte Kael. Ein seltsames Lächeln huschte über sein blasses Gesicht, das erste seit Tagen. „Es drückt herein. Der Fluss ist tot, aber das Meer... das Meer lebt.“ Er richtete sich auf, atmete tief ein, als würde die salzige Luft ihn nähren, wo das Brot fehlte. „Wir sind nicht mehr in ihrem Revier, Zara. Wir sind in meinem.“
„Dann führ uns“, sagte Tarek pragmatisch. „Finde einen Weg, der uns nicht ersaufen lässt.“
Sie liefen weiter. Minuten wurden zu einer Stunde. Die Stadtmauer wurde kleiner hinter ihnen, verschwand langsam im Dunst und Nebel. Die Welt wurde grau. Graues Wasser, grauer Himmel, graues Schilf. Nur unterbrochen vom violetten Pulsieren des Risses am Horizont und dem leisen Glühen von Elias’ Arm.
Elias sprach nicht. Er setzte einen Fuß vor den anderen, mechanisch, den Blick stur auf den Rücken von Lyra gerichtet. Der schwarze Panzer an seinem Arm war nass vom Regen. Wassertropfen perlten daran ab, als wäre das Metall geölt. Er spürte keine Kälte in diesem Arm. Er spürte nur ein dumpfes Pochen, synchron zum Riss über ihnen. Es war, als hätte er eine Antenne, die ständig ein Signal empfing, das er nicht verstehen wollte.
Hunger, flüsterte es in seinem Kopf. Kälte.
„Hier“, sagte Clara plötzlich.
Sie deutete auf eine Ansammlung von riesigen, toten Weidenbäumen, die auf einer etwas höheren Erhebung im Sumpf standen. Ihre Wurzeln bildeten ein dichtes Geflecht, das wie eine natürliche Höhle aus dem Boden ragte, halb überdacht von herabhängenden Ästen und Moos. Es war kein Palast. Es war kaum ein Unterstand. Aber der Boden dort sah trocken aus, und das Wurzelwerk bot Schutz gegen den Wind.
„Besser wird es nicht“, stellte Tarek fest. Er prüfte den Untergrund mit einem Stock. „Keine Spuren von Tieren. Keine Schlangenlöcher.“
Sie krochen unter das Wurzelwerk. Es war eng, roch nach Erde und modrigem Holz, aber der Wind war hier gedämpft. Sie drängten sich zusammen, Körper an Körper, um die wenige Wärme zu teilen, die sie noch hatten.
Marcus lehnte sich gegen eine dicke Wurzel. Er zog Jory an seine Seite, deckte den Jungen mit seiner Jacke zu. Zara kauerte sich an seine andere Seite, die Dolche griffbereit, aber die Augen schwer. Tarek und Clara setzten sich an den Eingang, den Blick nach draußen in den Nebel gerichtet.
Niemand sprach. Es gab nichts zu sagen. Sie waren entkommen. Sie hatten überlebt. Aber als Marcus in die graue Dämmerung blickte, wo die Asche immer noch leise fiel, fühlte er keinen Sieg. Er fühlte nur die Leere, die Thaddeus hinterlassen hatte. Und die Schwere des Buches in Jorys Rucksack, das nun an seinen Füßen lag.
Er nahm seine Brille ab und putzte sie, langsam, methodisch, obwohl sie sauber war. Es war eine Handlung der Normalität in einer Welt, die verrückt geworden war. Er atmete aus. Sein Atem bildete eine weiße Wolke in der kalten Luft.
Sie lebten. Für den Moment musste das reichen.
Die Nacht legte sich über das Delta wie ein Grauer Mantel aus schwerem Samt. Der Regen hatte aufgehört, aber die Feuchtigkeit blieb. Sie hing in der Luft, kroch in die Kleidung und ließ das Holz der toten Weiden glänzen.
Unter dem Wurzelwerk war es still. Lyra schlief, den Kopf auf ihren Knien, die Hände immer noch verkrampft, als wollte sie im Schlaf heilen, was im Wachen nicht möglich war. Kael lag am Rand des Unterstands, dort, wo der feuchte Nebel hereinzog. Er schien die Nähe zum Wasser zu brauchen, selbst wenn es brackig war. Marcus und Jory hatten sich eng aneinander gekuschelt. Jory hielt den Codex auch im Schlaf umklammert, während Marcus’ Hand schützend auf der Schulter des Jungen lag. Seine Brille war beschlagen, sein Gesicht im Schlaf von Sorgenfalten durchzogen.
Nur zwei waren wach. Tarek und Clara saßen am Eingang der Höhle, Rücken an Rücken. Tarek hatte seinen letzten Rest Tabak gefunden – Krümel in der Manteltasche – und kaute darauf herum, weil er kein Feuer machen konnte, um ihn zu rauchen. Clara starrte in die Dunkelheit hinaus, wo das Schilf im Wind raschelte.
„Denkst du, sie suchen uns?“ fragte Clara leise.
„Arkan?“ Tarek spuckte braunen Saft in den Schlamm. „Nein. Arkan hat gewonnen. Er hat die Akademie, er hat die Stadt. Wir sind Ungeziefer, das geflohen ist. Er wird keine Armee in den Sumpf schicken. Höchstens ein paar Jäger.“
„Wir sind Geister“, murmelte Clara und rieb sich unbewusst die verbundene Schulter. „Soldaten ohne Armee. Wächter ohne Schutzbefohlenen.“
„Besser ein Geist als eine Leiche“, sagte Tarek trocken. Er drehte den Kopf leicht zu ihr. „Du hast das Ding weggeworfen. Dein Abzeichen.“
„Es hat nichts mehr bedeutet.“
„Doch“, sagte Tarek. „Es hat bedeutet, dass du Befehle befolgst. Jetzt musst du selber denken. Das ist härter.“
Clara schwieg eine Weile. Dann nickte sie, kaum merklich. „Wohin gehen wir morgen, Tarek? Der Sumpf endet irgendwann. Dahinter liegt das Ödland. Und dann die Wüste.“
„Wir gehen so weit, bis der Himmel nicht mehr violett ist“, sagte Tarek. „Und dann sehen wir weiter.“
Im Inneren der Höhle regte sich Elias. Er schlief nicht wirklich. Er trieb in einem Zustand zwischen Ohnmacht und Erschöpfung. Sein Körper war starr vor Kälte, aber sein linker Arm brannte. Es war keine Hitze mehr, die verletzte. Es war eine Hitze, die rief.
In der Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern begannen Bilder zu tanzen. Sie waren nicht klar. Sie waren chaotisch, überlagert vom Rauschen des Risses, der wie ein Tinnitus in seinem Kopf dröhnte.
Aber da waren drei Punkte. Drei Lichter in der Schwärze, die nicht violett waren.
Das erste war Rot. Elias spürte Sand auf der Zunge. Trockene, brennende Hitze. Ein Wind, der Haut vom Fleisch schmirgelte. Er sah Schemen von Türmen, die aus rotem Stein gehauen waren, halb begraben unter Dünen. Süden, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Dort schläft der Zorn.
Das Bild wechselte. Grün. Dickicht. Feuchtigkeit, die so schwer war, dass man sie trinken konnte. Schreie von Tieren, die es nicht geben sollte. Pflanzen, die sich bewegten, wenn man nicht hinsah. Ein Smaragd, der in der Dunkelheit eines Tempels pulsierte. Osten, flüsterte die Stimme. Dort wuchert das Leben.
Und dann Grau. Nebel. Klippen, die ins Meer stürzten. Salz und Sturm. Ein Leuchtturm, der kein Licht aussandte, sondern Schatten. Westen, hauchte die Stimme. Dort wartet das Vergessen.
Elias keuchte im Schlaf auf. Er warf den Kopf hin und her. Der schwarze Handschuh an seinem Arm zog sich zusammen. Die Metallplatten schabten übereinander. Es tat weh. Die drei Lichter rotierten um ihn. Sie zogen an ihm. Sie wollten gefunden werden. Nicht um ihn zu retten. Sondern um das Gefäß zu füllen.
„Elias?“
Lyras Stimme riss ihn zurück. Er schlug die Augen auf. Er war schweißgebadet, trotz der Kälte. Lyra kniete neben ihm, ihre Hand schwebte besorgt über seiner Stirn. „Du hast geredet“, flüsterte sie.
Elias setzte sich mühsam auf. Er zitterte. Er blickte zum Höhleneingang, wo der erste graue Schimmer des Morgengrauens den Nebel durchbrach.
„Wir können nicht einfach weglaufen“, krächzte er. Seine Kehle war trocken wie der Sand aus seiner Vision.
Tarek drehte sich um. „Was hast du gesagt, Kleiner?“
Elias blickte auf seinen linken Arm. Das violette Leuchten war schwach, aber konstant. „Das Amulett“, sagte Elias. „Es ist nicht nur ein Fluch. Es ist eine Karte.“
Er sah Tarek an, dann Clara, dann den schlafenden Marcus. „Arkan hat die Stadt. Aber er hat nicht alles. Da draußen... da sind Teile. Fragmente.“ Er rieb sich die Brust. „Ich spüre sie. Sie rufen.“
Tarek starrte ihn einen Moment lang an. Dann blickte er hinaus in den trostlosen, grauen Sumpf. „Fragmente“, wiederholte er müde. „Klingt nach einer Schnitzeljagd für Selbstmörder.“
„Es ist der einzige Weg“, sagte Elias. „Wenn wir Arkan aufhalten wollen... brauchen wir das, was er sucht.“
Draußen schrie ein Wasservogel. Ein einsamer, klagender Laut. Der Tag brach an. Tag Eins nach dem Fall von Seraphis.
Die Gruppe war am Ende ihrer Kräfte. Sie hatten alles verloren. Aber jetzt hatten sie ein Ziel.