NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 2: Die Karawane der Blinden

Der Abstieg von den Dünenkämmen hinab in das Tal von Zar’Athon war kein Triumphzug, sondern ein langsames, stolperndes Gleiten in einen Albtraum, der in Gold getaucht war. Die Sonne, die sie den ganzen Tag über wie ein gnadenloser Hammer bearbeitet hatte, war nun endlich hinter den gezackten Felsnadeln des Westens versunken. Doch sie hinterließ keine Dunkelheit. Der Himmel über der Wüste verfärbte sich in ein tiefes, vibrierendes Violett, eine Farbe wie ein Bluterguss, der sich über den Horizont spannte und die ersten Sterne messerscharf und kalt hervortreten ließ.

Unten im Tal leuchtete die Stadt. Zar’Athon brannte nicht wie Seraphis; sie glühte. Die Kuppel aus Gold reflektierte das letzte Restlicht des Tages und mischte es mit dem künstlichen Schein tausender Öllampen und magischer Fackeln, die in den Straßen entzündet wurden. Es war ein Anblick von betäubender Schönheit, eine Insel der Zivilisation inmitten des toten Sandmeeres.

Aber der Wind, der ihnen aus dem Tal entgegenwehte, trug nicht den Duft von Gewürzen oder kühlem Wasser, den man von einer Oase erwartete. Er trug einen Geruch, der Elias den Magen umdrehte. Es war eine süßliche, faulige Note, gemischt mit dem scharfen Gestank von ungewaschenen Leibern, Exkrementen und etwas anderem – etwas Chemischem, Trockenem, das in der Nase brannte wie Schwefelstaub.

Elias blieb stehen. Er zog den Stofffetzen vor seinem Mund fester. Sein rechter Arm hing schwer an seiner Seite, der Handschuh pochte im Takt seines Herzens, aber das Amulett an seiner Brust war still. Es war zu still. Es reagierte nicht auf die Pracht der Stadt. Es reagierte auf das Elend davor.

"Was ist das?", krächzte Marcus hinter ihm. Der Gelehrte hatte sich neben Zara geschoben, seine Augen, hinter der zerbrochenen Brille zu Schlitzen verengt, starrten in die Dämmerung. Er hielt das Logbuch der Schmuggler immer noch umklammert, als wäre es ein heiliger Text, der sie beschützen könnte.

"Das ist der Preis für das Gold", sagte Zara. Ihre Stimme war hart, ohne jede Romantik. Sie deutete auf den dunklen, unruhigen Gürtel, der sich um die makellosen weißen Mauern der Stadt legte wie ein faulender Verband um eine gesunde Gliedmaße.

Aus der Ferne hatte es wie Schatten ausgesehen. Jetzt, da sie näher kamen, sahen sie, dass es Zelte waren. Tausende von Zelten. Fetzen aus grauem Leinen, aufgespannt über Stöcke und Knochen. Unterstände aus Schrott. Gruben im Sand, in denen Menschen kauerten.

"Flüchtlinge", sagte Clara. Sie stützte Tarek, dessen Atem schwer und rasselnd ging. Der Söldner war am Ende seiner Kräfte; nur sein Sturkopf hielt ihn noch auf den Beinen. "Sie lassen niemanden rein."

"Wir müssen da durch", sagte Elias. Er setzte sich wieder in Bewegung. Seine Beine waren schwer wie Blei, aber die Kälte des Amuletts trieb ihn voran. Er musste wissen, was das war. Er musste sehen, was seine Tat – die Zerstörung des Atriums, der Fall von Seraphis – angerichtet hatte. Denn tief in ihm wusste er, dass diese Menschen nicht hier waren, weil sie Händler waren. Sie waren hier, weil ihre Welt zusammengebrochen war.

Sie erreichten den Rand des Lagers, als die Nacht vollständig hereingebrochen war. Das Geräusch, das sie empfing, war kein Weinen und kein Schreien. Es war ein Rasseln. Ein trockenes, rhythmisches Klappern.

Elias sah sich um. Überall im Staub saßen Gestalten. Sie waren in graue Lumpen gehüllt, die kaum von ihrer Haut zu unterscheiden waren. Sie hielten Blechbecher, leere Feldflaschen oder einfach nur hohle Hände in die Höhe und schüttelten sie. Das Rasseln von Metall auf Metall, von trockenem Knochen auf Plastik. Ein Chor des Durstes.

Er ging an einem Mann vorbei, der im Sand lag. Der Mann hob nicht einmal den Kopf. Seine Haut war so trocken, dass sie aussah wie rissiger Lehm. Elias wollte stehenbleiben, wollte nach seinem Wasserschlauch greifen, aber er wusste, dass er leer war. Er hatte nichts zu geben. Die Scham brannte heißer als die Sonne des Tages.

"Weiter", flüsterte Zara. "Nicht hinsehen. Wenn du hinsiehst, bleibst du stehen. Und wenn du stehenbleibst, fressen sie dich."

Sie drängten sich durch die schmalen Gassen zwischen den Zelten. Hände griffen nach ihren Mänteln, schwache, klammernde Finger, die abrutschten wie an glattem Glas. Stimmen murmelten in Sprachen, die Elias nicht verstand, und in solchen, die er zu gut verstand.

"Wasser... bitte... nur einen Tropfen..." "Licht... habt ihr Licht?" "Meine Kinder... sie schlafen nicht mehr..."

Plötzlich stockte der Zug. Tarek war gestolpert. Er war über die Beine einer Gestalt gefallen, die mitten im Weg saß und sich nicht rührte. Clara fing ihn auf, bevor er in den Dreck stürzte, aber das Geräusch ihrer Rüstung, das Scheppern von Metall, ließ die Köpfe der Umstehenden hochfahren.

Dutzende von Augenpaaren richteten sich auf sie. Aber es waren keine normalen Augen.

Elias erstarrte. Er starrte die Gestalt an, über die Tarek gefallen war. Es war eine Frau. Sie war groß, ungewöhnlich groß, selbst im Sitzen. Ihre Gliedmaßen waren lang und feingliedrig, von einer fast zerbrechlichen Eleganz. Aber ihre Haut...

Ihre Haut war nicht braun von der Sonne oder weiß wie die der Städter. Sie war grau. Ein stumpfes, lebloses Grau, überzogen von feinen, silbrigen Schuppen, die sich an den Rändern ablösten wie verbranntes Papier. Und ihr Gesicht...

Sie hatte keine Haare, nur feine, federartige Fortsätze auf dem Kopf, die schlaff herabhingen. Und ihre Augen waren milchig weiß. Blind. Komplett blind.

"Klaxunas", hauchte Marcus. Er trat einen Schritt zurück, stolperte fast in Zara hinein. "Bei den Sternen... das sind Klaxunas."

Elias erinnerte sich. Er erinnerte sich an den Markt der Eitelkeiten in Seraphis. An die hochgewachsenen, leuchtenden Wesen, die Licht tranken wie Wein. Sie waren arrogant gewesen, schön, unnahbar. Sie hatten gestrahlt.

Diese Wesen hier strahlten nicht. Sie verfielen.

Die Frau drehte ihren Kopf in Marcus' Richtung. Sie konnte ihn nicht sehen, aber sie konnte ihn vielleicht riechen, oder die Restmagie an ihm spüren. Sie öffnete den Mund. Ihre Zähne waren grau.

"Licht?", fragte sie. Ihre Stimme war ein trockenes Rascheln, wie Sand, der über Stein rieselt. "Hast du... Licht?"

Elias spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Es war kein Hunger. Es war Entsetzen. Er kannte diese Krankheit. Er hatte sie in den Büchern der Akademie gesehen, in den verbotenen Kapiteln über die Abhängigkeit von Magie. Licht-Entzug.

Die Klaxunas konnten kein eigenes Licht erzeugen. Sie waren biologisch abhängig von der Energie, die Seraphis produzierte. Ohne das Licht der Akademie, ohne die ständige Zufuhr von Äther, begannen ihre Zellen zu zerfallen. Sie wurden blind. Ihre Haut verhornter. Sie starben langsam, qualvoll, während ihr Körper vergaß, wie man existiert.

Und Elias hatte den Schalter umgelegt.

"Elias", sagte Lyra. Sie stand neben ihm, ihre Hand krallte sich in seinen Arm. Sie zitterte. "Sieh sie dir an. Das sind hunderte. Tausende."

Überall im Lager sah er sie jetzt. Die grauen Gestalten. Sie saßen nicht bei den Menschen. Sie hatten ihren eigenen Bereich, eine Kolonie der Aussätzigen innerhalb der Kolonie der Verzweifelten. Sie kauerten in Gruppen zusammen, hielten sich an den Händen, summten leise Melodien, die keine Harmonie mehr hatten.

Die Frau vor ihnen streckte die Hand aus. Ihre Finger waren lang, die Nägel brüchig. "Bitte", wimmerte sie. "Es wird... so dunkel. Ich vergesse die Farben. Ich vergesse... mein Gesicht."

Elias konnte nicht atmen. Das Amulett an seiner Brust war schwer wie ein Mühlstein. Er hatte gedacht, er kämpfe gegen Arkan. Er hatte gedacht, er befreie die Stadt. Aber er hatte nur die Versorgungslinie gekappt. Er hatte diesen Wesen die Luft zum Atmen genommen.

Er griff in seine Tasche. Seine Finger schlossen sich um etwas Kleines, Rundes, Glattes. Die letzte Luma-Münze, die er besaß. Er hatte sie in der Unterstadt gefunden, oder vielleicht hatte Zara sie ihm zugesteckt. Er wusste es nicht mehr.

Er zog sie heraus. Im fahlen Sternenlicht wirkte die Glasmünze tot. Einst hatte sie geleuchtet, ein Speicher für magisches Licht, Währung und Nahrung zugleich. Jetzt war sie nur noch ein Stück trübes Glas.

"Hier", sagte Elias. Seine Stimme brach. Er kniete sich vor die Frau. Er nahm ihre graue, schuppige Hand und legte die Münze hinein.

Die Frau zuckte zusammen. Ihre Finger schlossen sich gierig um das Objekt. Sie führte es an ihr Gesicht, drückte es an ihre Wange, an ihre blinden Augen. Sie wartete auf die Wärme. Auf das Kribbeln der Energie.

Aber da war nichts. Die Münze war leer.

Ein Laut entwich ihrer Kehle, der so herzzerreißend war, dass Clara sich abwandte. Es war kein Schrei. Es war ein Wimmern der totalen Enttäuschung. Die Frau ließ die Münze fallen. Sie rollte in den Staub und blieb liegen, wertlos wie ein Kieselstein.

"Kein Licht", flüsterte die Klaxuna. "Nur... Glas."

Sie sank zurück, rollte sich zusammen wie ein sterbendes Insekt. Ihre Haut raschelte.

Elias blieb knien. Er starrte auf die leere Münze. Er starrte auf seine eigene Hand im schwarzen Handschuh. Er hatte die Macht gehabt, einen Turm zu sprengen. Er hatte die Macht gehabt, Schatten zu töten. Aber er hatte nicht die Macht, eine einzige Münze zum Leuchten zu bringen. Er war ein Gefäß für Leere, nicht für Licht.

"Ich... ich habe es genommen", flüsterte er. Die Worte fielen aus seinem Mund wie Steine.

"Was hast du gesagt?", fragte Marcus scharf.

"Das Licht", sagte Elias lauter. Er sah Marcus an, und in seinen Augen stand eine Verzweiflung, die an Wahnsinn grenzte. "Seraphis. Das Atrium. Ich habe den Kristall zerstört. Ich habe die Leitungen gekappt. Ich habe ihnen das Licht weggenommen."

Marcus starrte ihn an. Er blickte sich um, sah die tausenden grauen Gestalten, die im Staub vegetierten. Sein Verstand, der immer nach Mustern suchte, fand das Muster sofort. Und es brach ihn.

Er begann zu zählen.

"Eins... zehn... fünfzig hier...", murmelte Marcus. Er drehte sich im Kreis. Seine Hände flogen durch die Luft, als würde er unsichtbare Variablen verschieben. "Die Population der Klaxunas in Seraphis betrug etwa zwanzigtausend. Wenn der Entzug linear verläuft... und die Sterberate bei fehlender Substitution exponentiell steigt..."

Er stockte. Er riss sich die Brille von der Nase, als würde sie ihn blenden. Seine Augen waren weit aufgerissen, feucht.

"Das ist keine Krise", flüsterte Marcus. "Das ist ein Aussterbeereignis. Wir haben nicht nur die Stadt befreit. Wir haben... wir haben eine Spezies ausgelöscht."

"Hör auf!", zischte Zara. Sie packte Marcus an den Schultern und schüttelte ihn. "Hör auf zu rechnen! Das hilft niemandem!"

"Es ist die Wahrheit!", schrie Marcus. Seine Stimme überschlug sich. "Mathematik lügt nicht! Wir sind Mörder! Wir alle!"

Tarek stieß einen tiefen, grollenden Laut aus. Er schob Clara zur Seite und trat vor. Er schwankte, aber er packte Marcus am Kragen und zog ihn zu sich heran.

"Wir sind am Leben", knurrte Tarek. "Das ist die einzige Rechnung, die zählt. Diese Leute... sie waren abhängig. Sie waren Sklaven eines Systems, das Arkan kontrollierte. Wir haben die Ketten gesprengt. Dass sie ohne die Ketten nicht laufen können... das ist nicht unsere Schuld."

Aber seine Worte klangen hohl. Tarek blickte auf die sterbende Frau am Boden. Er war ein Soldat. Er kannte den Tod im Kampf. Aber das hier... das langsame Verlöschen, das Verhungern... das war kein ehrenvoller Tod.

Lyra hatte sich indessen von der Gruppe gelöst. Sie war zu einem Kind gegangen, das neben der Frau lag. Ein Klaxuna-Junge, kaum älter als zehn, dessen Haut bereits Risse zeigte, aus denen keine Flüssigkeit, sondern Staub rieselte. Er atmete kaum noch.

Lyra kniete sich hin. Sie legte ihre Hände auf die Brust des Kindes. Sie weinte nicht. Ihr Gesicht war eine Maske der Konzentration.

Heile, dachte sie. Bitte. Nur dieses eine Mal. Gib mir nicht Feuer. Gib mir Leben.

Sie schloss die Augen und rief nach ihrer Gabe. Sie suchte nach dem warmen, grünen Strom, der früher durch ihre Adern geflossen war. Aber sie fand nur die neue Macht. Das weiße, heiße Brennen. Das reinigende Feuer.

"Nein", flüsterte sie. "Nicht brennen. Heilen."

Sie zwang die Energie in ihre Hände. Ein schwaches, grünes Glimmen erschien um ihre Finger. Hoffnung flackerte in ihr auf.

Sie drückte die Hände auf die Haut des Jungen.

Das Kind schrie auf.

Es war kein Schrei der Erleichterung. Es war ein Schrei des Schmerzes. Dort, wo Lyras Hände auflagen, begann die graue Haut zu rauchen. Das grüne Licht verband sich nicht mit dem Fleisch; es griff es an. Es versuchte, die "Krankheit" auszubrennen – aber die Krankheit war das Fehlen von Licht. Und Lyras Magie interpretierte den zerfallenden Körper als Fäulnis, die entfernt werden musste.

"Lyra, stopp!", rief Clara.

Lyra riss die Hände zurück. Sie starrte auf die schwarzen Brandmale auf der Brust des Jungen. Der Junge wimmerte, dann wurde er still. Sein Brustkorb hob sich ein letztes Mal. Dann sank er ein. Er atmete nicht mehr.

Lyra starrte auf ihre Hände. Sie zitterten so stark, dass sie aussahen wie verschwommene Flecken.

"Ich wollte helfen", flüsterte sie. "Ich wollte ihn retten."

"Es funktioniert nicht", sagte Elias tonlos. Er stand hinter ihr. Er legte keine Hand auf ihre Schulter. Er wusste, dass seine Berührung nur noch mehr Kälte bringen würde. "Du kannst das nicht heilen, Lyra. Niemand kann das. Es ist... Entzug. Es ist wie Verhungern. Man kann Hunger nicht wegzaubern. Man muss ihn füttern."

"Aber wir haben kein Futter", sagte Zara hart. Sie stand am Rand des Kreises, den Rücken zur Gruppe, den Dolch in der Hand. Sie hielt Wache, damit die anderen trauern konnten. "Wir haben nichts. Und wenn wir hierbleiben, enden wir genauso. Grau und tot im Sand."

Sie drehte sich um. Ihre Augen waren feucht, aber ihr Blick war fest. "Wir müssen weiter. Zum Tor. Wenn wir in die Stadt kommen... vielleicht gibt es dort Hilfe. Vielleicht gibt es dort Licht."

"Wir können sie nicht einfach hier liegen lassen", sagte Marcus, der immer noch auf die Leiche der Frau starrte.

"Doch, das können wir", sagte Tarek. Er hob Jory wieder an, biss die Zähne zusammen gegen den Schmerz. "Weil wir müssen. Die Toten brauchen uns nicht mehr. Die Lebenden schon."

Elias blickte auf die Karawane der Blinden. Er sah die hunderte von Leibern, die im Dunkeln warteten. Auf ein Licht, das er gelöscht hatte.

Er schwor sich etwas in diesem Moment. Er würde das Fragment finden. Das Auge der Sonne. Und er würde es nicht benutzen, um zu zerstören. Er würde es benutzen, um dieses Licht zurückzubringen. Er würde den Fehler korrigieren. Oder er würde bei dem Versuch verbrennen.

"Gehen wir", sagte er.

Sie ließen die Sterbenden zurück. Es war der schwerste Schritt ihrer Reise. Sie gingen durch das Lager, ignorierten die bettelnden Hände, die leeren Augen, das Rasseln der Becher. Sie gingen wie Geister durch eine Hölle, die sie selbst erschaffen hatten.

Als sie den Rand des Lagers erreichten und vor den massiven, goldenen Toren von Zar'Athon standen, fühlten sie sich nicht wie Retter. Sie fühlten sich wie Verbrecher, die vom Tatort flohen.

Und über ihnen, auf der hohen Mauer der Stadt, leuchteten Fackeln. Wachen blickten herab. Sie trugen Rüstungen aus poliertem Messing und hielten Bögen, die auf die Flüchtlinge gerichtet waren.

"Halt!", rief eine Stimme von oben. "Das Tor ist geschlossen. Im Namen von Prinz Suliman. Kehrt um."

Elias trat vor. Er zog die Kapuze zurück. Er zeigte sein Gesicht. Er zeigte den schwarzen Handschuh.

"Wir kehren nicht um", rief er hinauf. Seine Stimme war rau vom Staub und der Schuld. "Wir kommen aus Seraphis. Und wir haben eine Nachricht für den Prinzen."

Der Widerhall von Elias’ Stimme verlor sich in der Höhe der Mauer, geschluckt von der kühlen Arroganz des Steins und dem metallischen Glanz der Rüstungen, die auf sie herabblickten. Die Wache, die ihn angerufen hatte, lehnte sich nicht weiter vor. Sie verharrte in einer Pose studierter Gleichgültigkeit, den Bogen locker, aber schussbereit in der Hand, die Pfeilspitze ein stählerner Fingerzeig auf Elias’ Herz.

„Eine Nachricht“, wiederholte der Wächter. Seine Stimme war flach, verzerrt durch die Entfernung und den Wind, der den Gestank des Flüchtlingslagers nach oben trug. „Jeder hat eine Nachricht. Jeder hat eine Geschichte. Und jeder kommt aus Seraphis.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Stadt brennt. Wir sehen den Rauch. Das ist die einzige Nachricht, die uns interessiert.“

Elias trat einen Schritt näher an das massive Tor heran, dessen Gold im Fackelschein wie flüssiges Feuer wirkte. Er hob den behandschuhten Arm höher, ließ das Licht der Fackeln auf dem schwarzen Leder spielen, auf den silbernen Fäden, die pulsierend seine Haut umschlossen.

„Das hier ist keine Geschichte“, rief er, und die Wut, die er in der Wüste mühsam unterdrückt hatte, sickerte in seine Stimme. „Das ist ein Siegel. Ich bin kein Flüchtling. Ich bin...“

„Ein Risiko“, unterbrach ihn der Wächter kalt. „Prinz Suliman empfängt keine Bettler, und er empfängt erst recht keine Magier, die den Tod an den Händen tragen.“

Ein zweiter Wächter trat an die Zinne. Er trug eine Robe über der Rüstung, das Zeichen eines Thaumaturgen. Er hob eine Linse vor sein Auge, ähnlich jener, die Marcus zerbrochen hatte, und richtete sie auf Elias. Ein kurzes, surrendes Geräusch durchschnitt die Luft. Der Thaumaturg zuckte zurück, ließ die Linse sinken und flüsterte dem Bogenschützen etwas zu.

Die Haltung des Schützen veränderte sich sofort. Die Gelangweiltheit verschwand. Er spannte den Bogen. Das Holz knarrte hörbar.

„Verschwindet“, befahl er, und diesmal war Angst in seiner Stimme. „Ihr seid markiert. Ihr tragt die Signatur des Schattens. Wenn ihr noch einen Schritt näher kommt, lassen wir das griechische Feuer regnen.“

„Wir brauchen Wasser!“, schrie Clara. Sie trat neben Elias, ihr Gesicht eine Maske aus Staub und Entschlossenheit. „Wir haben Verletzte! Ein Kind!“

„Dann sterbt leise“, antwortete der Wächter. „Die Wüste ist groß genug für eure Leichen. Das Tor bleibt geschlossen. Quarantäne-Protokoll. Niemand, der die Signatur von Seraphis trägt, betritt Zar’Athon.“

Ein Pfeil zischte durch die Luft. Er war nicht gezielt, ein Warnschuss, der drei Meter vor Elias in den harten Lehmboden einschlug. Der Schaft vibrierte. Dort, wo das Metall den Boden berührte, begann der Sand zu rauchen. Magisches Feuer.

Elias wich zurück. Er spürte das Amulett an seiner Brust pochen, ein dumpfes, hungriges Verlangen, das Feuer des Pfeils zu trinken, die Energie des Tores zu absorbieren. Nimm es, flüsterte der Impuls. Reiß das Tor ein. Sie haben es verdient. Die Versuchung war süß, eine Verheißung von Macht, die die Demütigung wegwaschen würde.

Aber dann spürte er Lyras Hand an seinem Rücken. Sie zitterte nicht mehr, aber sie war kalt.

„Komm“, sagte sie leise. „Sie werden uns nicht reinlassen, Elias. Nicht heute.“

„Wir können nicht zurück“, presste Elias hervor, den Blick starr auf die goldenen Beschläge gerichtet, die so nah und doch unerreichbar waren. „Jory... Tarek... sie schaffen es nicht.“

„Sie werden sicher nicht schaffen, wenn wir uns hier verbrennen lassen“, sagte Zara. Sie zog ihn am Ärmel, hart, pragmatisch. „Der Wächter hat recht. Wir sind markiert. Wir stinken nach Arkan. Komm weg von der Mauer.“

Sie wichen zurück. Schritt für Schritt, unter den wachsamen Augen der Bogenschützen, zogen sie sich in die Schatten der Dünen zurück. Das goldene Licht von Zar’Athon blieb hinter ihnen, ein Leuchtturm, der Schiffbrüchige nicht anlockte, sondern warnte.

Der Rückweg durch das Lager der Verzweifelten war schlimmer als der Hinweg. Beim ersten Mal hatten sie noch Hoffnung gehabt, ein Ziel. Jetzt waren sie nur noch ein weiterer Teil der Masse, gescheitert, abgewiesen.

Marcus ging wie in Trance. Er stolperte über Zeltleinen, wich den ausgemergelten Gestalten nicht mehr aus, sondern ließ sich anrempeln, ohne es zu bemerken. Sein Blick war starr auf den Boden gerichtet, aber er sah nicht den Sand. Er sah Zahlen.

„Zwanzigtausend“, murmelte er. Seine Stimme war ein monotones Leiern. „Die metabolische Zerfallsrate bei Lichtentzug beträgt etwa vier Prozent pro Stunde in der Anfangsphase. Aber ohne Substitution... ohne den Äther... beschleunigt sich der Prozess.“

Er blieb stehen. Mitten im Weg. Eine Gruppe von Klaxunas saß dort, im Staubkreis um eine erloschene Laterne. Sie hielten sich an den Händen, ihre grauen Köpfe gesenkt. Sie bewegten sich nicht. Sie atmeten kaum.

Marcus starrte sie an. Er hob die Hand, begann mit dem Finger zu zählen, eine zwanghafte, abgehackte Bewegung.

„Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf...“ Er drehte sich um, zählte die Körper im nächsten Schatten. „Sechs. Sieben.“

Seine Stimme wurde lauter, hysterischer. „Wenn das Atrium... mal die Bevölkerung... dividiert durch die verbleibenden Reserven...“ Er brach ab, schnappte nach Luft, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen.

„Marcus“, sagte Clara warnend.

„Null“, flüsterte Marcus. Er ließ die Hand sinken. Seine Brille rutschte ihm von der Nase, fiel in den Staub. Er bückte sich nicht danach. Er ließ sie liegen, ein zerbrochenes Fenster zu einer Welt, die keinen Sinn mehr ergab.

„Die Überlebenswahrscheinlichkeit ist Null. Es gibt keine Variable C. Es gibt keine Unbekannte, die das Ergebnis ändert. Wir haben sie getötet. Alle.“ Er sah Clara an, und in seinen Augen stand der nackte Wahnsinn der Logik, die keine Hoffnung mehr zuließ. „Ich habe die Formel im Kopf, Clara. Ich kann das Ende berechnen. Es dauert noch drei Tage. Dann sind sie alle still.“

„Hör auf!“, zischte Zara und bückte sich, um die Brille aufzuheben. Sie drückte sie ihm grob in die Hand. „Setz das auf. Du siehst Gespenster.“

„Ich sehe Fakten!“, schrie Marcus. Einige der Klaxunas hoben langsam die Köpfe, ihre blinden, milchigen Augen suchten nach der Quelle des Lärms. „Fakten bluten nicht, Zara! Fakten sterben nicht! Aber das hier...“ Er deutete auf die grauen Gestalten. „Das ist meine Rechnung. Ich habe sie geschrieben.“

Tarek packte Marcus an der Schulter. Der Griff des Söldners war schwach, aber fest genug, um den Gelehrten zu schütteln.

„Dann rechne uns hier raus“, knurrte Tarek. „Wenn du so schlau bist, dann berechne einen Weg, wie wir nicht verdursten. Zähl nicht die Toten, Buchhalter. Zähl die Schritte.“

Marcus starrte Tarek an. Er sah die Wut in den Augen des Söldners, aber auch die Angst. Er schluckte. Er setzte die Brille auf, schief, schmutzig. Die Welt bekam wieder Konturen, auch wenn sie gebrochen waren.

„Nordost“, sagte er leise. Er kramte den Kompass hervor, den Zara gestohlen hatte. Die Nadel drehte sich wild, verwirrt von der magischen Strahlung der Stadt und der Wüste. „Wenn die Karte der Shru h'las stimmt... gibt es alte Pilgerpfade. Sie meiden die Städte. Sie führen durch die Tiefe Wüste.“

„Die Tiefe Wüste ist der Tod“, sagte Clara.

„Hier ist auch der Tod“, sagte Elias. Er stand abseits, den Blick auf einen Klaxuna gerichtet, der versuchte, ein Stück Stoff zu essen, nur um etwas im Magen zu haben. Der Anblick brannte sich in Elias’ Netzhaut ein. Die Schuld war kein Gefühl mehr. Sie war ein körperliches Gewicht, so real wie der Handschuh an seiner Hand.

„Wir können ihnen nicht helfen“, sagte Elias. Seine Stimme klang tot. „Wir haben kein Licht für sie. Wir haben nur... das Ziel.“ Er drehte sich weg, wandte den Flüchtlingen den Rücken zu. Es fühlte sich an wie Verrat. Es war Verrat.

„Wir gehen in die Dünen“, entschied er. „Weg von der Stadt. Weg von den Menschen.“

Sie verließen das Lager. Sie verließen den Schein der Fackeln und das Rasseln der Becher. Sie traten in die Dunkelheit der offenen Wüste. Der Sand hier war anders. Er war feiner, tiefer. Er schien Geräusche zu verschlucken.

Die Stille, die sie umfing, war vollkommen. Aber es war keine friedliche Stille. Es war die Stille des Wartens.

Lyra ging neben Tarek, stützte Jory, der wieder in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Sie blickte immer wieder zurück, zu den Lichtern, die kleiner wurden.

„Warum funktioniert es nicht?“, flüsterte sie. Sie betrachtete ihre Hände im Sternenlicht. Sie sahen normal aus. Schmutzig, aber unverletzt. „Ich habe die Worte gesagt. Ich habe die Energie gefühlt. Warum stirbt das Licht unter meinen Fingern?“

„Weil du heilen willst, was nicht krank ist“, sagte Elias, ohne den Schritt zu verlangsamen. „Du kannst keinen Sonnenuntergang heilen, Lyra. Du kannst nur warten, bis die Sonne wieder aufgeht.“

„Und wenn sie nicht wieder aufgeht?“, fragte sie.

Elias antwortete nicht. Er hatte keine Antwort. Er hatte nur die Kälte.

Sie marschierten stundenlang. Die Stadt Zar’Athon versank hinter den Dünen, bis nur noch ein schwacher, goldener Schimmer am Horizont zeugte, dass es dort Leben gab – Leben, das sie verstoßen hatte.

Der Wind frischte auf. Er trug Sand mit sich, der über den Boden fegte wie trockener Nebel. Es wurde kälter. Die Temperatur stürzte ab, wie es in der Wüste üblich war, von sengender Hitze zu beißendem Frost.

Elias zog seinen Umhang enger. Das Amulett reagierte. Es hörte auf zu kühlen und begann, die Restwärme seines Körpers zu isolieren, aber der Riss im Kristall pulsierte unangenehm, ein ständiges Jucken auf seiner Brust.

Plötzlich blieb Zara stehen.

„Hört ihr das?“, fragte sie.

Die Gruppe hielt an. Marcus, der in seinen Zahlen verloren war, stieß gegen Clara. „Was?“

„Wind“, sagte Tarek. „Es ist nur Wind.“

„Nein“, sagte Zara. Sie drehte den Kopf, lauschte in die Dunkelheit. „Wind pfeift. Das hier... das heult. Wie Stimmen.“

Elias spürte es auch. Ein Vibrieren im Boden. Und dann hörte er es. Ein leises, melodisches Singen, das aus der Tiefe der Wüste zu kommen schien. Es klang wunderschön und schrecklich zugleich.

Und dann sah er den Sand. Er bewegte sich nicht mit dem Wind. Er bewegte sich gegen den Wind. Kleine Wirbel bildeten sich, tanzten über die Dünenkämme, formten Figuren, die für den Bruchteil einer Sekunde aussahen wie Menschen, bevor sie zerfielen.

„Magie“, sagte Marcus. Er hob seinen Sextanten, versuchte, einen Stern anzupeilen, aber seine Hände zitterten zu stark. „Das ätherische Feld... es spielt verrückt. Die Nadel dreht sich im Kreis.“

„Ein Sturm“, sagte Clara. Sie blickte zum Himmel. Die Sterne verschwanden. Eine Wolke schob sich davor, aber es war keine Wolke aus Wasser. Es war eine Wand aus Sand.

Aber dieser Sand glitzerte nicht im Mondlicht. Er war schwarz.

„Das ist kein normaler Sturm“, sagte Elias. Er spürte, wie der Handschuh an seiner Hand heiß wurde. Arkan war nicht hier, aber sein Echo war es. Die Wüste reagierte auf das Amulett. Oder das Amulett auf die Wüste.

„Zusammenbinden!“, befahl Tarek, seine Stimme war schwach, aber der Befehlston war zurück. „Sofort! Seile raus!“

Sie fummelten mit klammen Fingern an den Knoten. Marcus ließ das Seil fallen, Zara hob es auf, band es ihm um die Taille. Lyra sicherte Jory. Clara band sich an Tarek.

Der Wind nahm zu. Das Singen wurde zu einem Kreischen.

„Bereit machen“, rief Elias gegen den Lärm an. Er stellte sich breitbeinig hin, den Blick auf die herannahende Wand gerichtet. Er wusste nicht, was da kam. Aber er wusste, dass sie nicht mehr weglaufen konnten.

Der Sand traf sie. Und es war, als hätte die Wüste beschlossen, sie zu fressen.

Der erste Ansturm des Sandes war brutal, aber kurz. Eine Böe, die wie eine feste Hand nach ihnen griff, um sie zu Boden zu zwingen, und dann weiterzog, heulend in die Dunkelheit hinein. Sie hinterließ eine Stille, die noch lauter war als der Lärm zuvor.

Elias blinzelte den Staub aus den Augen. Seine Wange brannte, wo die Körner die Haut aufgeraut hatten. Er richtete sich auf, zog das Seil straff, das ihn mit Lyra verband.

„Alle noch da?“, rief er gegen den Wind.

„Noch“, kam Tareks knurrende Antwort von hinten.

Sie standen nun in völliger Finsternis. Die Lichter von Zar’Athon, die eben noch wie ein fernes Versprechen am Horizont geglimmt hatten, waren verschluckt worden. Nicht von der Entfernung, sondern von der Wüste selbst. Die Dünen hatten sich zwischen sie und die Zivilisation geschoben, hohe Wälle aus kaltem, toten Sand.

Marcus ließ sich in den Sand fallen. Er versuchte nicht einmal, seine Würde zu wahren. Er saß einfach da, die Beine von sich gestreckt, und starrte zurück in die Richtung, in der das Lager der Flüchtlinge lag.

„Wir haben sie verurteilt“, flüsterte er. Er nahm seine Brille ab, rieb mechanisch über das verbliebene Glas, obwohl es längst sauber war. „Ich habe die Variable nicht gesehen. Ich dachte... ich dachte, wenn wir Arkan stoppen, retten wir das System. Aber das System war Arkan. Ohne ihn... kollabiert die Energieversorgung.“

„Wir konnten es nicht wissen, Marcus“, sagte Clara sanft. Sie kniete sich neben ihn, legte eine Hand auf seine zitternde Schulter.

„Ich hätte es wissen müssen!“, schrie Marcus plötzlich. Seine Stimme brach, überschlug sich. „Ich bin der Archivar! Ich kenne die Abhängigkeitsraten der Klaxunas! Ich habe die Bücher gelesen! Ich wusste, dass sie ohne Äther-Substitution nicht überleben können. Aber ich habe es ignoriert. Weil ich... weil ich Heldenmut spielen wollte.“

Er vergrub das Gesicht in den Händen. Sein Körper bebte unter trockenem Schluchzen. „Ich habe eine ganze Spezies gegen eine Chance eingetauscht. Eine statistisch insignifikante Chance.“

Zara stand über ihm. Sie sah auf den weinenden Gelehrten herab. In ihrem Gesicht lag kein Spott mehr, keine Härte. Sie sah nur einen Mann, der unter der Last der Welt zerbrach, die er zu verstehen versuchte.

Sie ging in die Hocke. Sie berührte ihn nicht. Sie zwang ihn nur, sie anzusehen, indem sie sich direkt in sein Blickfeld schob.

„Hör mir zu, Gelehrter“, sagte sie leise. „In der Rost-Ader gibt es ein Sprichwort: Wer das Messer hält, macht die Regeln. Arkan hielt das Messer. Er hat die Klaxunas abhängig gemacht. Er hat sie an die Nadel gehängt. Du hast ihnen die Nadel weggenommen. Ja, der Entzug bringt sie um. Aber die Nadel hätte sie auch umgebracht. Nur langsamer.“

Marcus sah sie an, seine Augen rot und geschwollen. „Das macht sie nicht weniger tot.“

„Nein“, sagte Zara. „Aber es macht dich nicht zum Mörder. Es macht dich zu jemandem, der eine beschissene Wahl treffen musste.“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand. „Und jetzt steh auf. Wenn du hier liegenbleibst und weinst, war ihr Tod wirklich umsonst. Dann sterben wir auch, und Arkan gewinnt. Ist das deine Logik?“

Marcus starrte auf ihre Hand. Sie war schmutzig, schwielig, die Nägel abgekaut. Eine Diebeshand. Aber sie war das Solideste, was er in dieser Nacht gesehen hatte.

Er ergriff sie. Zara zog ihn hoch. Er wankte, aber er stand.

„Nordost“, sagte er leise, und setzte die Brille wieder auf. Er klammerte sich an die Orientierung wie an einen Rettungsanker. „Wir müssen den Pass finden, bevor der Mond untergeht.“

Der Marsch ging weiter. Aber die Stimmung hatte sich verändert. Die Angst vor der Wüste war gewichen, ersetzt durch eine bleierne Schwere. Sie trugen die Geister der Karawane mit sich. Jedes Rasseln ihrer Ausrüstung erinnerte sie an die Bettelschalen. Jeder Schritt im Sand klang wie das Scharren der grauen Haut auf dem Boden.

Elias ging voran, das Amulett ein Eisblock auf seiner Brust. Er dachte an die Frau, der er die leere Münze gegeben hatte. Er dachte an ihr Gesicht, als die Hoffnung starb.

Er wusste, dass er diesen Moment nie vergessen würde. Er würde ihn in den Stein seines Herzens meißeln, direkt neben den Tod seiner Mutter.

Du bist der Träger, dachte er bitter. Du trägst nicht nur das Licht. Du trägst die Dunkelheit, die es hinterlässt.

Die Wüste um sie herum wurde wilder. Felsformationen ragten aus dem Sand wie Knochen eines uralten Leviathans. Der Wind pfiff durch Löcher im Gestein, erzeugte Töne, die fast menschlich klangen.

Lyra, die hinter Tarek ging, blieb kurz stehen. Sie blickte zurück. Für einen Moment glaubte sie, am Rand der Sichtweite, dort wo die Dunkelheit am dichtesten war, eine Bewegung zu sehen. Graue Gestalten, die ihnen folgten. Lautlos. Blind.

Sie blinzelte, und die Gestalten waren weg. Nur Schatten im Sternenlicht.

„Lyra?“, rief Tarek leise.

„Nichts“, sagte sie schnell und schloss zu ihm auf. „Nur... Geister.“

Sie erreichten eine Anhöhe. Vor ihnen erstreckte sich das, was Marcus die Endlosen Dünen genannt hatte. Es war ein Meer aus Sand, das bis zum Horizont reichte, wellenförmig, unendlich, kalt.

Der Himmel darüber war ein Dom aus schwarzem Samt, gesprenkelt mit Millionen von Sternen, die so hell waren, dass es in den Augen schmerzte.

Elias blieb stehen. Er spürte, wie das Amulett reagierte. Es vibrierte nicht mehr vor Warnung. Es vibrierte vor Erwartung. Es wusste, dass sie die Schwelle überschritten hatten.

Hinter ihnen lag die Welt der Menschen, der Städte, der Fehler. Vor ihnen lag die Welt der Elemente, der Magie, der Gefahr.

„Hier beginnt es“, sagte Elias. Seine Stimme wurde vom Wind davongetragen.

„Was?“, fragte Clara, die neben ihn trat.

„Die Prüfung“, sagte Elias. Er hob seine behandschuhte Hand und deutete in die Leere. „Dort draußen gibt es keine Mauern mehr, hinter denen wir uns verstecken können. Keine Ausreden.“

Er drehte sich zu seinen Freunden um. Sie sahen aus wie eine Truppe von Verdammten. Zerschlissen, blutig, gezeichnet von Schuld und Erschöpfung. Aber sie standen zusammen.

„Wir finden das Auge“, sagte Elias. Es war kein Befehl. Es war ein Versprechen. „Und wenn wir es haben... dann bringen wir das Licht zurück. Nicht nur für uns. Für sie.“

Er nickte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Zu den Blinden.

Dann wandte er sich ab und machte den ersten Schritt in die tiefe Wüste. Der Sand gab unter seinem Stiefel nach, weich und tückisch.

Die Karawane der Blinden war zurückgeblieben. Aber die Karawane der Sehenden marschierte weiter in die Nacht, geführt von einem Jungen, der lernte, dass das hellste Licht manchmal den dunkelsten Schatten wirft.

*** Marcus Tagebuch – TAG 7 ***

Wasser fast leer. Tarek trägt Jory, obwohl seine eigene Wunde eitert. Elias wird kälter. Wo er rastet, stirbt das Gras.

Clara fragt, ob wir ihn verlassen sollten. Ich konnte nicht antworten. Weil ein Teil von mir... ein Teil von mir sagt ja.

Aber wir brauchen ihn. Das Amulett zeigt den Weg.

Ich weiß nicht mehr, was richtig ist.