NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 3: Die Endlosen Dünen

Die Dunkelheit der tiefen Wüste war kein Nichts; sie war eine Masse. Sie drückte gegen die Augen, verstopfte die Ohren und legte sich wie ein schweres, schwarzes Tuch auf die Haut, das jede Orientierung erstickte.

Sie waren seit Stunden marschiert, weg von den verschlossenen Toren von Zar’Athon, hinein in das Niemandsland, das Marcus auf seiner Karte als die Endlosen Dünen identifiziert hatte. Es gab keinen Weg hier draußen. Der Wind, der ständig aus wechselnden Richtungen blies, löschte jeden Fußabdruck in Sekunden aus, sodass Elias, der an der Spitze des Seils ging, ständig das Gefühl hatte, auf der Stelle zu treten.

Der Boden unter seinen Stiefeln hatte sich verändert. Er war nicht mehr der feste Lehm des Vorlandes oder der weiche, rieselnde Sand der ersten Dünen. Er war hart, kristallin und knirschte bei jedem Schritt mit einem Geräusch, das an zerbrechendes Porzellan erinnerte.

"Halt", sagte Elias. Seine Stimme wurde sofort vom Wind verweht, der nun stetig zunahm – ein tiefes, monotones Heulen, das nicht wie Luft klang, sondern wie Stimmen, die aus einem tiefen Schacht riefen.

Er zog an dem Seil, das ihn mit Lyra verband. Die Gruppe kam stolpernd zum Stehen. Sie waren nur noch Schemen, eingewickelt in ihre zerfetzten Umhänge, zitternde Bündel aus Erschöpfung und Angst.

"Warum halten wir an?", fragte Clara. Sie kam von hinten, tastete sich am Seil entlang nach vorne. "Wir müssen Abstand gewinnen. Wenn die Wachen uns folgen..."

"Niemand folgt uns hierher", sagte Elias. Er hob seine behandschuhte Hand. "Fühlst du das?"

Clara zog ihren Stoff vor dem Mund weg. Sie runzelte die Stirn. "Wind. Sand."

"Nein", sagte Elias. Er drehte sein Gesicht in den Wind. Er kniff die Augen zusammen. Etwas stach ihn in die Wange. Ein winziger, scharfer Schmerz. Er fasste sich ins Gesicht, betrachtete seine Fingerkuppen.

Blut. Ein kleiner, roter Tropfen.

"Es schneidet", flüsterte er.

Er blickte auf den Boden. Im fahlen Licht der Sterne, die nun von rasend schnell ziehenden Wolkenfetzen verdeckt wurden, glitzerte der Sand. Er war nicht rund geschliffen. Er war eckig. Scharfkantig.

"Glas", sagte Tarek aus der Dunkelheit. Der Söldner hatte sich neben sie geschoben, Jory immer noch fest auf den Rücken geschnallt. Er spuckte aus, und der Speichel war rot. "Ich habe davon gehört. Die Scherben-Felder. Alte Schlachten. Drachenfeuer oder Magie, die den Sand geschmolzen hat. Der Wind bricht es auf, aber es wird nie wieder Sand. Es bleibt Glas."

"Ein Glas-Sturm", hauchte Marcus entsetzt. Er hielt seine Tasche schützend vor sein Gesicht. "Wenn der Wind zunimmt... das ist wie Schmirgelpapier. Es wird uns..." Er sprach es nicht aus. Häuten.

Das Heulen wurde lauter. Es war jetzt kein Rufen mehr. Es war ein Schreien. Am Horizont, dort wo der schwarze Himmel auf die schwarze Erde traf, begann etwas zu leuchten. Ein fahles, violettes Glimmen, das in der Wolkenwand pulsierte.

"Bindet euch fest!", brüllte Elias. "Enger! Keine Lücken in der Kleidung!"

Sie hatten kaum Zeit zu reagieren. Der Sturm kam nicht langsam. Er fiel über sie her wie eine Lawine.

Die erste Böe traf sie mit der Wucht eines festen Schlages. Elias wurde zurückgeworfen, prallte gegen Lyra. Aber es war nicht der Druck, der ihn schreien ließ. Es war der Schmerz.

Tausende winziger Rasiermesser trafen seine Haut. Sie schnitten durch die dünnen Stoffbahnen seiner Tunika, als wäre es Papier. Er spürte, wie seine Wangen, seine Stirn, seine Hände aufgerissen wurden. Es waren keine tiefen Wunden, aber es waren unzählige.

"Runter!", schrie Tarek. Er warf sich über Jory, drückte den Jungen in den Boden, schirmte ihn mit seinem eigenen Körper ab. "Gesichter in den Sand! Augen zu!"

Sie warfen sich nieder. Sie kauerten im Dreck, drängten sich aneinander wie eine Herde Schafe im Wolfsrudel. Der Lärm war ohrenbetäubend. Das Klirren von Millionen Glaspartikeln, die aufeinanderprallten, erzeugte einen hohen, singenden Ton, der die Zähne vibrieren ließ.

Elias lag am Rand des Kreises. Er hatte seine Kapuze so fest zugezogen, dass er kaum atmen konnte, aber der Staub fand seinen Weg. Er schmeckte Blut und Salz. Seine Lippen waren aufgesprungen, brannten wie Feuer.

Er versuchte, das Amulett zu erreichen. Schutz, dachte er panisch. Ich brauche einen Schild. Er griff unter seine Tunika, umfasste das kalte Metall. Aber da war nichts.

Das Amulett reagierte nicht. Oder schlimmer: Es reagierte falsch.

Die Magie in der Wüste war chaotisch, verzerrt durch den Sturm. Als Elias versuchte, den Schild zu rufen, spürte er keinen stetigen Fluss, sondern ein stotterndes, schmerzhaftes Ziehen. Der Riss im Kristall vibrierte. Funken sprühten unter seiner Kleidung, verbrannten seine Haut, aber kein Schild baute sich auf.

"Es funktioniert nicht!", schrie er, aber der Wind riss ihm die Worte vom Mund.

Er blickte auf. Durch den Schlitz seiner Augenlider sah er nur wirbelndes Grau und Violett. Die Welt war verschwunden. Es gab keine Orientierung mehr. Kein Oben, kein Unten. Nur Schmerz.

Und in diesem Chaos, in diesem Lärm, hörte er sie wieder. Die Stimme.

Ich sehe dich.

Sie war klarer als zuvor. Sie war nicht draußen im Sturm. Sie war drinnen. Im Handschuh.

Die Stimme kam nicht von außen. Sie kam von innen.

Elias spürte es im Handschuh. Ein Kribbeln. Ein Brennen. Und dann, wie Gift, das durch Adern sickert, floss Arkans Stimme in seinen Kopf.

Es war nicht real. Es KONNTE nicht real sein. Arkan war hunderte Kilometer entfernt. Aber die Leine... die verdammte Leine... sie trug Echos.

Ich sehe dich, Elias. Wo immer du bist. Du trägst mich bei dir.

„Raus!", schrie Elias. Er riss an seinem Arm, versuchte den Handschuh abzuziehen. Aber er klebte. Er war mit seinem Fleisch verschmolzen.

Du kannst mich nicht ablegen. Ich bin ein Teil von dir. Genau wie die Kälte. Genau wie die Schuld.

Elias sank auf die Knie. Der Sandsturm heulte. Aber in seinem Kopf war nur Arkans Stimme. Ruhig. Geduldig. Giftig.

Komm nach Hause. Beende es. Gib auf.

Elias spürte, wie sich das Leder an seiner rechten Hand zusammenzog. Es wurde heiß.

Du glaubst, du kannst dich verstecken? In einem Loch im Sand? Arkans Stimme war amüsiert, kultiviert. Du bist lächerlich, Elias. Du führst sie nicht. Du begräbst sie.

"Halt den Mund!", schrie Elias in den Sand.

Sieh sie dir an, fuhr die Stimme fort. Sie bluten. Wegen dir. Weil du zu stolz warst, mein Angebot anzunehmen. Ich hätte dir zeigen können, wie man den Sturm teilt. Aber jetzt... jetzt wirst du zusehen, wie er sie zerschneidet.

Elias drehte den Kopf. Er sah Lyra neben sich. Sie hatte sich zusammengerollt, die Hände über den Kopf geschlagen. Ihr Umhang war am Rücken zerfetzt. Er sah Blut durch den Stoff sickern. Rotes, frisches Blut.

"Nein", wimmerte Elias.

Doch, sagte Arkan. Sie stirbt. Und es ist deine Schuld.

Panik, kalt und irrational, flutete Elias' Verstand. Er musste etwas tun. Er musste aufstehen. Er musste kämpfen.

Er riss sich hoch. Er stand auf, mitten im Sturm. Der Wind packte ihn, zerrte an ihm, schnitt in sein Gesicht.

"Elias! Bleib unten!", hörte er Claras Stimme, weit entfernt, verzerrt.

Aber er hörte nicht auf sie. Er hörte auf den Handschuh. Er hob die Hand.

"Verschwinde!", brüllte er gegen den Wind. Er meinte Arkan. Er meinte den Sturm. Er wusste es nicht mehr. "Lass uns in Ruhe!"

Er entfesselte einen Impuls. Ohne Kontrolle. Ohne Ziel.

Das Amulett kreischte auf. Ein Riss aus rotem Licht brach aus seiner Brust, schoss durch seinen Arm, in den Handschuh.

Die Energie entlud sich. Aber sie traf keinen Feind. Sie traf den Sand vor ihm.

Der Boden explodierte. Glas und Stein wurden hochgeschleudert, vermischten sich mit dem Sturm zu einem tödlichen Schrapnell-Hagel.

Elias wurde nach hinten geworfen. Das Seil um seine Taille riss ihn herum, schnitt in sein Fleisch. Er fiel hart auf den Rücken.

Über ihm tanzten die violetten Blitze. Und für eine Sekunde sah er in den Wolken ein Gesicht. Ein Gesicht aus Rauch und Schatten, das auf ihn herabblickte.

Arkans Gesicht. Und es lächelte.

Der Sand schmeckte nach Kupfer. Elias spuckte ihn aus, würgte, hustete trocken, bis ihm die Rippen schmerzten. Er lag auf dem Rücken, halb begraben von einer Düne, die der Wind in Sekunden über ihm aufgetürmt hatte. Der rote Blitz, den er entfesselt hatte, war erloschen, aber das Nachbild brannte noch immer violett hinter seinen geschlossenen Lidern.

Jemand zerrte an dem Seil um seine Taille. Es war ein brutaler, fordernder Ruck.

"Steh auf!", schrie Clara gegen das Tosen an.

Sie kniete neben ihm, eine Hand schützend vor die Augen gehalten, die andere fest in seinen Umhang gekrallt. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt, und selbst im Dämmerlicht des Sturms sah er die Mischung aus Wut und nackter Angst in ihren Augen. Ihre Wange blutete, ein langer, feiner Schnitt, den eine Glasscherbe – oder vielleicht ein Splitter seiner eigenen Explosion – gezogen hatte.

"Du bringst uns um!", brüllte sie, und der Wind riss ihr die Worte fast vom Mund. "Du hast auf nichts gezielt! Du hast einfach... losgelassen!"

Elias starrte sie an. Er wollte antworten, wollte sagen, dass er Arkan gesehen hatte, dass die Stimme ihn gezwungen hatte. Aber seine Zunge fühlte sich an wie ein Stück vertrocknetes Leder. Und tief in ihm, dort wo das Amulett saß, spürte er immer noch das kalte, vibrierende Echo der Entladung. Es fühlte sich nicht wie Reue an. Es fühlte sich an wie Hunger nach mehr.

"Wir müssen weiter", keuchte er stattdessen und versuchte, sich aufzurichten. Der Boden unter ihm war instabil, rutschig von den Millionen winziger Glasperlen.

Tarek erschien aus dem grauen Wirbel. Er sah aus wie ein Golem aus Staub, nur seine Augen waren menschlich, dunkel und hart. Er hatte Jory unter sich begraben, schirmte den Jungen mit seinem massigen Körper ab.

"Der Gelehrte", rief Tarek und deutete nach hinten, wo das Seil straff in die Dunkelheit führte. "Er bewegt sich nicht."

Panik, scharf und klar, durchbrach Elias' Betäubung. Er griff in das Seil und begann zu ziehen. Zara half ihm, stemmte ihre Fersen in den Boden. Gemeinsam zerrten sie Marcus heran.

Der Archivar lag auf dem Bauch, die Hände über dem Kopf verschränkt. Er war nicht bewusstlos, er war erstarrt. Als Elias ihn umdrehte, sah er, dass Marcus’ Augen weit aufgerissen waren, fixiert auf einen Punkt im Nichts. Er atmete hyperventilierend, kleine, stoßweise Züge, die nicht genug Sauerstoff in seine Lungen brachten.

"Marcus!", rief Elias und schüttelte ihn. "Sieh mich an!"

"Die Variablen...", wimmerte Marcus. Seine Stimme war hoch, brüchig. Er klammerte sich an seine Ledertasche, als wäre sie ein Rettungsring in stürmischer See. "Die Vektoren stimmen nicht. Der Wind... er kommt von überall. Es gibt keine Konstante. Wir laufen im Kreis. Wir sterben im Kreis."

Er hatte den Verstand verloren, nicht an die Gefahr, sondern an die Unlogik des Sturms. Für jemanden, der die Welt durch Ordnung verstand, war dieses Chaos – ein Sturm aus Glas, der sang – schlimmer als der Tod.

"Hör mir zu!", schrie Zara. Sie packte Marcus’ Gesicht mit ihren schmutzigen Händen, drückte seine Wangen zusammen, bis er sie ansehen musste. "Scheiß auf die Vektoren! Scheiß auf die Konstante! Die Konstante ist das Seil! Spürst du das Seil?"

Marcus blinzelte. Er sah Zara an. Er sah den Schmutz auf ihrer Haut, das Blut an ihrer Stirn.

"Das Seil...", flüsterte er.

"Ja. Das Seil", sagte Zara. "Solange das Seil straff ist, bist du nicht verloren. Verstanden?"

Marcus nickte langsam. Der wahnwitzige Glanz in seinen Augen wich einer stumpfen Erschöpfung. Er griff nach dem Seil, umklammerte es wie eine Waffe.

"Bindet euch enger zusammen", befahl Tarek. "Zwei Meter sind zu viel. Wir müssen Körperkontakt halten. Wenn einer fällt, müssen die anderen ihn sofort spüren."

Sie verkürzten die Abstände. Jetzt marschierten sie als ein einziger, sechsbeiniger Organismus, Schulter an Schulter, Hüfte an Hüfte. Elias ging in der Mitte, gestützt von Tarek und Clara. Er durfte nicht mehr führen. Nicht in diesem Zustand. Tarek übernahm die Spitze, rammte seinen Körper gegen den Wind wie ein Eisbrecher.

Der Marsch wurde zur Hölle. Der Glas-Sturm kannte keine Gnade. Die feinen Splitter fanden jeden Weg. Sie krochen in die Stiefel, rieben die Füße blutig. Sie setzten sich in die Falten der Kleidung, scheuerten die Haut bei jeder Bewegung auf. Es war, als würde man in einem Anzug aus Sandpapier laufen.

Elias spürte jeden Schnitt. Aber er spürte ihn gedämpft, gefiltert durch die Kälte des Amuletts. Das Artefakt arbeitete auf Hochtouren. Es bildete keine sichtbare Barriere mehr – dazu war Elias zu schwach –, aber es hielt seinen Körpertemperatur unten, verhinderte, dass er an Hitzschlag starb, während er gleichzeitig fror.

Du bist ein schlechter Leiter, flüsterte Arkan wieder. Die Stimme war leiser jetzt, übertönt vom Lärm des Sturms, aber sie war da. Ein giftiges Tröpfeln in seinem Ohr. Sie leiden wegen dir. Tarek blutet. Lyra weint. Und du? Du frierst nur.

"Halt den Mund", murmelte Elias. Er presste die Lippen zusammen, schmeckte das Salz seines eigenen Blutes.

"Was hast du gesagt?", schrie Clara ihm ins Ohr.

"Nichts!", rief Elias zurück. "Weiter!"

Sie gingen weiter. Stundenlang. Oder vielleicht nur Minuten. Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Es gab nur noch den Wind, den Schmerz und das Seil.

Plötzlich blieb Tarek stehen. Er prallte fast gegen eine unsichtbare Wand.

"Halt!", brüllte er. Er streckte den Arm aus, stoppte Clara und Lyra.

Vor ihnen, kaum zwei Schritte entfernt, endete der Boden.

Der Sturm riss kurz auf, ein Fenster im Chaos, und sie sahen, wo sie standen. Sie waren am Rand eines Canyons. Einem Riss in der Wüste, so tief und schwarz, dass selbst der Staub darin verschwand.

Wären sie einen Schritt weitergegangen, wären sie gefallen. Alle. Verbunden durch das Seil, hätten sie sich gegenseitig in den Tod gerissen.

Marcus kroch auf allen Vieren an die Kante. Er starrte in die Tiefe. Er kramte seinen Sextanten hervor, aber seine Hände zitterten zu stark, um ihn zu halten. Er ließ ihn fallen. Das Messinginstrument klapperte einmal gegen den Fels und verschwand dann lautlos in der Schwärze.

"Der Große Riss", flüsterte Marcus. "Wir sind zu weit südlich. Meilenweit vom Kurs." Er lachte, ein hysterisches Glucksen. "Wir haben uns verlaufen. Wir sind tot."

"Wir sind nicht tot", sagte Zara hart. Sie zog Marcus vom Abgrund weg. "Wir sind nur... falsch."

"Wir müssen zurück", sagte Lyra. Sie hielt Jory fest, der in ihren Armen wimmerte. "Wir müssen den Weg zurück finden."

"Es gibt keinen Weg zurück", sagte Elias. Er stand am Rand, den Blick in die Tiefe gerichtet. Der Wind zerrte an ihm, wollte ihn hinunterstoßen. Spring, flüsterte Arkan. Es ist so einfach. Ein Schritt, und die Stimmen hören auf.

Elias trat zurück. Er drehte sich zur Gruppe um.

"Wir können nicht zurück", sagte er. "Der Sturm kommt aus Westen. Wenn wir umdrehen, laufen wir direkt hinein. Wir müssen hinunter."

"Hinunter?", fragte Clara entgeistert. "In den Abgrund?"

"Dort unten ist Schutz", sagte Elias. Er wusste nicht, woher er das wusste. Vielleicht war es Intuition. Vielleicht war es das Amulett, das Energielinien spürte. Oder vielleicht war es nur der Wunsch, dem Wind zu entkommen. "Der Wind weht über den Riss hinweg. Unten ist es ruhig."

Tarek blickte in die Tiefe. Er sah den schmalen, gewundenen Pfad, der sich an die Felswand klammerte – ein alter Ziegenpfad, kaum breiter als ein Fuß, verwittert und brüchig.

"Mit Jory?", fragte er. "Mit Marcus, der kaum geradeaus laufen kann?"

"Hast du eine bessere Idee?", fragte Elias.

Tarek schwieg. Er sah den Sturm hinter ihnen, die schwarze Wand, die immer näher rückte. Er sah den Abgrund vor ihnen.

"Na schön", knurrte er. "Aber wenn wir fallen, Elias... dann sorge ich dafür, dass du als Erster aufschlägst."

Der Abstieg begann. Es war keine Kletterpartie. Es war ein kontrollierter Sturz. Sie lösten das Seil nicht. Sie nutzten es als Sicherung. Tarek ging als Letzter, stemmte sich gegen den Fels, sicherte das Gewicht der anderen. Elias ging voran.

Der Pfad war tückisch. Der Stein war glatt geschliffen vom Sandsturm. Jeder Schritt musste geprüft werden. Elias tastete sich voran, die linke Hand am Fels, die rechte – die behandschuhte – frei, um das Gleichgewicht zu halten.

Er spürte, wie der Wind nachließ, je tiefer sie kamen. Der Lärm wurde leiser, gedämpfter. Die Luft wurde stiller, aber auch kälter.

Plötzlich rutschte Marcus ab. Ein Stein unter seinem Fuß gab nach. Er schrie nicht. Er kippte einfach zur Seite, über den Rand.

Das Seil spannte sich ruckartig. Lyra, die an ihn gebunden war, wurde von den Beinen gerissen, knallte gegen die Felswand. Zara, hinter ihr, stemmte sich in den Boden, rutschte aber nach.

"Halten!", brüllte Tarek von oben. Er warf sich zurück, grub seine Stiefel in eine Spalte. Seine Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen. Das Seil schnitt in seine Taille, in seine Wunde. Er stöhnte auf, aber er hielt.

Marcus baumelte über dem Nichts. Er drehte sich im Wind, starrte in die Schwärze unter sich. Seine Tasche rutschte ihm von der Schulter, hing nur noch an einem Riemen.

"Meine Karte!", schrie er panisch und griff danach, vergaß dabei, sich am Seil festzuhalten.

"Lass die verdammte Tasche!", schrie Zara. "Greif den Fels!"

Elias, der weiter unten stand, sah Marcus hängen. Er sah, wie das Seil an einer scharfen Felskante scheuerte. Faser für Faser riss es auf.

Er musste handeln. Er konnte nicht zu Marcus klettern, dazu war er zu weit weg. Er brauchte Reichweite.

Er blickte auf seine rechte Hand. Den schwarzen Handschuh. Arkan hatte gesagt, er sei ein Werkzeug. Ein Leiter.

Benutz mich, flüsterte das Amulett. Nicht mit Wut. Mit Willen.

Elias streckte die Hand aus. Er dachte nicht an Zerstörung. Er dachte an Griff. Er dachte an Festhalten.

Er aktivierte das Amulett. Aber er ließ die Energie nicht explodieren. Er formte sie. Er nutzte die Schattenmagie des Handschuhs, um den Schatten, den Marcus an die Wand warf, zu greifen.

Es war eine absurde, unmögliche Idee. Einen Schatten zu greifen, um den Körper zu halten. Aber in dieser Welt, in der Magie die Physik brach, funktionierte es.

Schwarze Fäden schossen aus Elias' Fingerspitzen. Sie waren nicht materiell, aber sie hatten Substanz. Sie wickelten sich um Marcus' Schatten an der Felswand, verankerten ihn.

Marcus ruckte, als hätte ihn eine unsichtbare Hand gepackt. Sein Fall stoppte, obwohl das Seil noch immer durchhing. Er schwebte, gehalten von seinem eigenen Schatten.

"Zieh dich hoch!", presste Elias hervor. Schweiß brach auf seiner Stirn aus. Die Anstrengung, die Magie so präzise zu kontrollieren, war schlimmer als jede Explosion. Es fühlte sich an, als würde er Gewichte mit seinem Gehirn heben.

Marcus begriff nicht, was geschah, aber er spürte den Halt. Er krallte sich in den Fels, zog sich hoch, bis er wieder Boden unter den Füßen hatte. Er zitterte, drückte sich gegen die Wand, umarmte den Stein.

Elias ließ die Hand sinken. Die schwarzen Fäden lösten sich auf. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er schwankte, wäre fast selbst gefallen, wenn er sich nicht im letzten Moment an einem Felsvorsprung festgehalten hätte.

"Weiter", keuchte er. "Bevor... bevor ich loslasse."

Sie kletterten weiter, schweigend, geschockt. Niemand fragte, was Elias getan hatte. Sie waren zu froh, dass sie noch lebten.

Schließlich erreichten sie den Boden der Schlucht. Es war dunkel hier unten, aber windstill. Der Sturm tobte hoch über ihnen, ein fernes Grollen, wie ein Gewitter in einer anderen Welt.

Sie standen auf sandigem Boden. Vor ihnen ragte eine Felswand auf, glatt und massiv. Aber in der Wand war eine Öffnung. Ein Spalt, kaum breiter als ein Mann, aber tief.

Und aus dem Spalt drang ein Geräusch. Ein leises, rhythmisches Tropfen.

"Wasser", flüsterte Lyra.

Sie stolperten auf den Spalt zu. Zara ging voran, ihren Dolch gezogen, aber ihre Schritte waren schnell, hoffnungsvoll.

Sie zwängten sich durch die enge Öffnung. Dahinter weitete sich der Fels zu einer kleinen Höhle. Und in der Mitte der Höhle, gespeist von einer unsichtbaren Quelle in der Decke, war ein Becken.

Kleines, dunkles, klares Wasser.

Sie fielen auf die Knie. Sie tranken nicht wie Menschen. Sie tranken wie Tiere. Sie schöpften das Wasser mit den Händen, spritzten es sich ins Gesicht, lachten, weinten.

Elias stand am Eingang der Höhle. Er trank nicht. Er lehnte an der Wand, beobachtete sie. Er spürte den Durst, aber er spürte auch die Kälte, die ihn davon abhielt, sich zu ihnen zu gesellen.

Er sah auf seine rechte Hand. Der Handschuh war ruhig. Aber er wusste, dass er sich verändert hatte. Er hatte Schatten manipuliert. Er hatte Magie benutzt, nicht um zu zerstören, sondern um zu halten.

War das der Weg? Oder war es nur eine andere Art von Falle?

Tarek kam zu ihm. Er hielt ihm einen nassen Stofffetzen hin, vollgesogen mit Wasser.

"Trink", sagte der Söldner. "Du hast uns gerettet."

Elias nahm den Stoff. Er drückte ihn an seine Lippen. Das Wasser war kalt und schmeckte nach Stein. Es war das Beste, was er je geschmeckt hatte.

"Wir sind noch nicht da", sagte Elias leise. "Wir sind nur... unten."

"Unten ist besser als tot", sagte Tarek. Er klopfte Elias auf die gesunde Schulter. Dann ging er zurück zu den anderen.

Elias blickte in die Dunkelheit der Höhle. Er sah, dass der Tunnel weiterführte, tiefer in den Berg hinein. Und er spürte, wie das Amulett vibrierte. Ganz schwach.

Es zog ihn nicht zurück zur Oberfläche. Es zog ihn tiefer hinein.

Komm, flüsterte es. Nicht Arkan diesmal. Etwas anderes. Etwas Älteres.

Elias schloss die Augen. Er war müde. So unendlich müde. Aber er wusste, dass er weitergehen würde.

Denn im Schatten des Turms, im Bauch der Erde, gab es keinen Weg zurück. Nur hindurch.

Das Wasser in der Höhle war schwarz wie Tinte, und obwohl es Leben bedeutete, schmeckte es auf Elias’ Zunge nach Eisen und alten Steinen. Er hatte getrunken, aber der Durst, der wirklich in ihm brannte, ließ sich nicht mit Flüssigkeit stillen. Er saß abseits der Gruppe, den Rücken gegen den feuchten Fels gepresst, und starrte auf seine rechte Hand.

Der Schwarze Handschuh glänzte im schwachen Licht, das von dem phosphoreszierenden Moos an der Decke ausging. Er sah ruhig aus. Harmlos. Aber Elias spürte das Echo der Magie, die er benutzt hatte, um Marcus zu retten. Es war kein reines Saugen gewesen, wie beim Amulett. Es war eine Manipulation gewesen. Er hatte den Schatten befohlen, fest zu werden. Er hatte die Dunkelheit geformt.

Das war nicht das Amulett, dachte er, und eine Gänsehaut, die nichts mit der kühlen Höhlenluft zu tun hatte, lief über seinen Rücken. Das war Arkan.

"Du hast ihn gefangen", sagte eine Stimme.

Marcus stand vor ihm. Der Gelehrte hatte seine Brille abgenommen und putzte sie mechanisch mit einem Zipfel seiner zerrissenen Robe. Er wirkte nicht erleichtert. Er wirkte verstört.

"Ich habe dich gerettet", sagte Elias rau.

"Du hast meinen Schatten gegriffen", korrigierte Marcus. Er setzte die Brille auf, blinzelte durch das verbliebene Glas. "Physikalisch ist das unmöglich. Ein Schatten ist die Abwesenheit von Licht. Man kann eine Abwesenheit nicht greifen. Es sei denn..." Er schluckte schwer. "Es sei denn, man gibt der Abwesenheit Substanz. Das ist Nekromantie-Theorie. Oder Schattenbindung der Stufe 5."

"Es hat funktioniert", sagte Elias defensiv. "Willst du lieber tot unten im Canyon liegen, aber dafür physikalisch korrekt?"

Marcus wich nicht zurück. "Ich will verstehen, was du wirst, Elias. Im Atrium... da hast du Energie umgeleitet. Das war Mechanik. Ein Ventil. Aber das da draußen..." Er deutete mit zitternder Hand zum Höhleneingang. "Das war Erschaffung. Du hast Dunkelheit benutzt wie ein Werkzeug. Wie Arkan."

Der Name hing zwischen ihnen wie ein Fluch. Elias ballte die behandschuhte Faust. Er spürte, wie sich das Leder spannte, wie die silbernen Fäden kurz aufglühten.

"Ich bin nicht wie er", presste Elias hervor.

"Noch nicht", flüsterte Marcus. Er wandte sich ab, ging zurück zu Zara, die am Wasser kniete und ihre Feldflaschen füllte. Aber Elias sah, wie Marcus einen Bogen um ihn machte, einen kleinen, unbewussten Schritt zur Seite, um nicht in Elias' Schatten zu treten.

Die Pause war kurz. Die Angst vor dem Sturm, der oben über den Canyon hinwegfegte, trieb sie weiter. Der Tunnel, den Elias gespürt hatte, führte tiefer in den Fels, weg von der offenen Schlucht. Es war ein natürlicher Riss, ausgewaschen von unterirdischen Strömen vor Jahrtausenden.

"Wir gehen rein", entschied Tarek. Er hatte sich erholt, das Wasser und die kurze Ruhe hatten seine Reserven aufgefüllt. Er nahm Jory wieder auf die Schultern. "Alles ist besser als dieser verfluchte Glas-Wind."

Sie marschierten in die Dunkelheit. Elias ging voran, aber diesmal nutzte er das Amulett nicht als Fackel. Er traute dem Licht nicht mehr. Er traute sich selbst nicht mehr. Sie verließen sich auf Marcus' letzte Lumen-Phiole, die ein schwaches, grünes Licht warf, und auf Zaras Gespür für Luftzüge.

Der Weg war eng und stickig. Die Luft roch nach Schwefel und Fledermaus-Guano. Es gab keine Geräusche außer dem Scharren ihrer Stiefel und dem schweren Atmen von Tarek.

Die Klaustrophobie begann, an ihnen zu zehren. Für Clara, die an die weiten Übungsplätze und hohen Hallen der Akademie gewöhnt war, war die Enge eine Qual. Sie strich immer wieder mit der Hand über den Fels, als wollte sie prüfen, ob die Wände näher kamen.

"Wie tief sind wir?", fragte sie nach einer Stunde, ihre Stimme dünn.

"Tief genug, um begraben zu werden", murmelte Zara von vorne. "Aber der Luftzug ist konstant. Es gibt einen Ausgang."

Elias ging stumm. Er kämpfte gegen die Müdigkeit und gegen das Amulett. In der Dunkelheit, ohne die Sonne und ohne die Hitze, begann das Vakuum wieder zu hungern. Es suchte nach einer Quelle. Und die einzige Quelle war er selbst.

Die Kälte kroch zurück in seine Knochen. Nicht die angenehme Kühle der Wüste, sondern der Nekrose-Schmerz. Er spürte, wie sich Eisblumen unter seinem Verband am rechten Oberarm bildeten, unsichtbar, aber brennend. Er biss sich auf die Lippe, bis er Blut schmeckte. Er durfte nicht schwach sein. Nicht jetzt.

Plötzlich weitete sich der Tunnel. Sie traten in eine Kaverne, deren Decke im Dunkeln verloren ging. Der Boden war bedeckt mit feinem, weißem Sand – demselben Glas-Sand wie oben, hereingeweht durch unsichtbare Spalten.

Aber sie waren nicht allein.

In der Mitte der Höhle, halb vergraben im Sand, lag etwas Großes. Es war kein Fels. Es war Metall. Ein riesiger, gekrümmter Panzer aus Bronze, grün angelaufen von der Zeit.

"Was ist das?", flüsterte Lyra. Sie trat näher, ihre Hand streckte sich aus, zog sie aber sofort wieder zurück.

Marcus hielt die Phiole hoch. Das grüne Licht fiel auf Runen, die in das Metall geätzt waren.

"Ein Schreiter", hauchte er ehrfürchtig. "Zweite Ära. Eine Transportmaschine der Zwerge, bevor sie sich in die tiefen Berge zurückzogen."

Das Ding sah aus wie ein toter Käfer aus Metall, so groß wie ein Haus. Es war aufgebrochen, die Innereien – Zahnräder, Kolben, Kristallröhren – lagen verstreut im Sand.

"Es ist ein Wrack", sagte Tarek pragmatisch. "Es hilft uns nicht."

"Doch", sagte Zara. Sie war bereits auf den Rumpf geklettert, flink wie eine Eidechse. "Seht ihr das?" Sie deutete nach oben.

Dort, wo der Schreiter offenbar durch die Decke gebrochen war, gab es einen Schacht. Ein Kamin im Fels, der steil nach oben führte. Und ganz oben, winzig klein wie ein Stecknadelkopf, sah man einen Stern.

"Der Ausgang", sagte Elias.

"Das sind fünfzig Meter senkrecht nach oben", sagte Clara und legte den Kopf in den Nacken. "Wie sollen wir da hochkommen? Mit Jory?"

"Der Schreiter hat eine Winde", rief Zara von oben. Sie verschwand im Inneren des Wracks. Es schepperte und knirschte. "Verrostet. Aber die Kette ist noch da."

Ein schweres Eisenrasseln hallte durch die Höhle, als Zara eine dicke Kette herabließ.

"Wir ziehen uns hoch?", fragte Marcus skeptisch. Er blickte auf seine Hände, die immer noch zitterten.

"Wir haben keine Wahl", sagte Elias. Er trat an die Kette, prüfte sie. Sie war massiv, jedes Glied so dick wie sein Handgelenk. "Tarek, bind Jory fest. Wir ziehen ihn zuerst."

Es war eine Schinderei. Die Winde war blockiert, sie mussten ihr eigenes Gewicht nutzen, um Jory nach oben zu hieven. Elias, Clara und Tarek hingen an der Kette, zogen mit aller Kraft, während Zara oben versuchte, die verrostete Trommel zu drehen.

Jeder Meter war ein Kampf. Elias spürte, wie seine Muskeln brannten. Der Handschuh verstärkte seine Kraft, aber er verlangte seinen Tribut. Mit jedem Zug, den er tat, zog das Amulett ein bisschen mehr Wärme aus ihm heraus. Seine Lippen wurden blau.

Als Jory endlich oben war und von Zara gesichert wurde, kletterten sie nach. Einer nach dem anderen.

Elias war der Letzte. Als er im Schacht hing, die Füße gegen den Fels gestemmt, blickte er noch einmal nach unten.

Das grüne Licht von Marcus' Phiole, die er unten vergessen hatte, beleuchtete den toten Schreiter. Und für einen Moment sah Elias etwas im Schatten des Wracks.

Zwei violette Punkte. Augen.

Er erstarrte. Schattenkriecher. Sie waren ihnen gefolgt. Durch den Sturm, in den Canyon, in die Höhle.

Die Augen blinzelten. Dann hörte er das Klicken. Skrrt.

"Elias! Komm schon!", rief Clara von oben.

Elias kletterte. Er kletterte so schnell er konnte, riss sich die Hände an dem rauen Eisen auf. Unter ihm erwachte die Höhle zum Leben. Das Klicken vervielfachte sich. Skrrt-Skrrt-Skrrt.

Er erreichte den Rand des Schachts. Hände griffen nach ihm, zogen ihn ins Freie. Er rollte sich auf den Boden, keuchend, und drehte sich sofort um.

"Blockiert es!", schrie er. "Sie sind unter uns!"

Tarek reagierte sofort. Er und Clara schoben einen schweren Felsbrocken auf die Öffnung des Kamins. Gerade als der Stein das Loch verschloss, hörten sie einen dumpfen Aufprall von unten. Etwas war gegen die Kette gesprungen.

Sie lagen im Sand, die Lungen brennend. Sie waren wieder an der Oberfläche.

Der Sturm war vorbei. Die Nacht war still und klar. Die Luft war kalt, aber es war eine saubere, trockene Kälte.

"Sie lassen nicht locker", flüsterte Lyra. Sie saß bei Jory und zitterte. "Egal, wohin wir gehen. Sie finden uns."

"Weil wir leuchten", sagte Elias bitter. Er stand auf, klopfte sich den Sand von der Kleidung. "Für sie sind wir wie Fackeln im Dunkeln."

Er drehte sich um und blickte sich um. Sie standen auf einem Hochplateau. Der Boden fiel vor ihnen sanft ab.

Und dann sah er es.

Marcus hatte sich neben ihn gestellt. Der Gelehrte nahm seine kaputte Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf. Er stieß einen leisen, ungläubigen Laut aus.

"Die Koordinaten...", flüsterte er. "Sie waren korrekt."

Vor ihnen, eingebettet in eine riesige, natürliche Senke der Wüste, lag das Ziel.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der Himmel im Osten war bereits hellgrau. Und vor diesem Hintergrund zeichnete sich eine Silhouette ab, die so unmöglich war, dass Elias glaubte, er würde wieder halluzinieren.

Es war keine Stadt aus Stein. Es war eine Stadt aus Licht.

Eine gigantische Kuppel spannte sich über das Tal. Aber sie war nicht aus Glas. Sie war aus schimmernder, goldener Energie. Darunter ragten Türme auf, Minarette aus weißem Marmor und poliertem Gold, die selbst im Dämmerlicht glänzten.

Und überall war Grün. Bäume, Gärten, hängende Terrassen. Inmitten der toten Wüste Ashara lag ein Juwel des Lebens.

Zar'Athon.

Aber es war nicht die Schönheit, die Elias den Atem raubte. Es war das, was davor lag.

Zwischen ihnen und der goldenen Stadt erstreckte sich ein Ozean aus Schatten. Tausende von Zelten. Lagerfeuer, die wie sterbende Sterne glimmten. Eine Armee von Elenden, die vor den verschlossenen Toren wartete.

"Wir sind da", sagte Zara leise. "Aber wir sind nicht die Einzigen."

Elias griff nach dem Amulett. Es pochte wild. Es zog ihn nach unten, in das Tal, in das Licht.

"Das Auge", sagte er. "Es ist dort drin."

"Und wie kommen wir rein?", fragte Clara, den Blick auf die massive Stadtmauer und die Menschenmassen davor gerichtet. "Wir sehen aus wie der Tod."

"Wir gehen nicht durch das Tor", sagte Elias. Er erinnerte sich an den Tunnel, an den Schreiter, an die verborgenen Wege der Welt. "Wir finden einen anderen Weg."

Er ging los, den Abhang hinunter, auf die goldene Lüge zu, die sich Zar'Athon nannte.

Der Weg durch die Endlosen Dünen war zu Ende. Aber der Weg in die Festung der Sonne hatte gerade erst begonnen.

Der Abstieg vom Hochplateau in den Kessel von Zar’Athon war kein Marsch, es war ein Fallen in Zeitlupe. Die Sonne, die nun vollständig über den Horizont gekrochen war, verwandelte den Talkessel in einen Backofen aus Licht. Die Luft flimmerte so stark, dass die goldene Stadt wie ein Trugbild wirkte, das sich bei jeder Bewegung verzerrte.

Elias führte sie nicht direkt auf das Haupttor zu. Er spürte den Instinkt des Gejagten. Das Amulett an seiner Brust war ruhig geworden, eine lauernde Stille, die beunruhigender war als das Pochen zuvor. Es wusste, dass das Ziel nah war. Es wusste, dass dort unten, unter der Kuppel aus Licht, das Auge wartete. Aber es wusste auch, dass der Weg dorthin durch ein Meer aus Elend führte.

Sie erreichten den äußeren Ring des Lagers, das sich wie ein Geschwür um die makellosen weißen Mauern der Stadt gelegt hatte. Hier gab es keine Zelte mehr, nur noch in den Sand gegrabene Löcher, über die Lumpen gespannt waren. Der Geruch traf sie wie eine physische Wand: Fäkalien, Krankheit und die süßliche Note von billigem Weihrauch, mit dem die Toten notdürftig gesalbt wurden, bevor man sie in den Sand verscharrte.

„Kapuzen hoch“, befahl Tarek leise. Er hatte Jory abgesetzt, stützte sich schwer auf Clara. Sein Gesicht war schweißüberströmt, aber seine Augen scannten die Umgebung mit der Paranoia eines Soldaten. „Niemandem in die Augen sehen. Wir sind Luft.“

Sie schoben sich durch die Menge. Es waren Tausende. Menschen aus den umliegenden Dörfern, Händler, deren Karawanen überfallen worden waren, und Bettler, die auf die Barmherzigkeit des Prinzen hofften. Aber inmitten dieser Masse aus brauner und sonnenverbrannter Haut sah Elias etwas anderes.

Graue Inseln.

Gruppen von Gestalten, die abseits saßen, in den Schatten der wenigen Felsnadeln oder unter aufgespannten Planen. Sie bewegten sich kaum. Ihre Haut war nicht braun, sie war fahl, fast silbrig-grau, und schuppig wie die von Fischen, die zu lange an der Luft lagen.

Marcus blieb stehen. Er starrte eine der Gestalten an, die am Wegrand kauerte. Es war eine Frau, hochgewachsen, mit feingliedrigen Händen, die sie schützend vor ihr Gesicht hielt. Als sie die Schritte der Gruppe hörte, hob sie den Kopf.

Sie hatte keine Augen. Nur milchige, weiße Kugeln ohne Iris und Pupille.

„Licht?“, krächzte sie. Ihre Stimme war ein trockenes Rascheln. „Hast du... Licht?“

Marcus wich zurück, stieß gegen Zara. „Bei den Sternen“, flüsterte er, und die Erkenntnis in seiner Stimme war voller Horror. „Das sind Klaxunas.“

„Was machen die hier?“, zischte Zara. „Sie leben in Seraphis. In den oberen Ringen.“

„Sie sind geflohen“, sagte Elias tonlos. Er sah die Frau an. Er sah die graue, schuppige Haut, das Zeichen des Lichtentzugs. „Als der Schutzschild fiel... als ich den Kristall zerstörte...“

„...hast du ihnen die Nahrung genommen“, beendete Marcus den Satz. Er griff nach seinem Logbuch, als wollte er eine Notiz machen, ließ die Hand aber sinken. „Sie sind biologisch abhängig von der magischen Strahlung der Akademie. Ohne sie... degenerieren sie. Sie werden blind. Sie versteinern.“

Die Klaxuna-Frau streckte eine Hand aus. Sie zitterte. „Bitte... nur einen Funken. Ich vergesse die Farben...“

Elias spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Er griff in seine Tasche. Seine Finger berührten die letzte Luma-Münze, die er noch hatte. Er zog sie heraus. Sie war matt, tot. Ein Stück wertloses Glas.

Er wollte sie ihr geben. Als Geste. Als Entschuldigung. Aber er wusste, dass es grausam wäre.

„Wir haben nichts“, sagte er. Seine Stimme brach.

Die Frau ließ die Hand sinken. Sie wimmerte nicht. Sie sackte einfach in sich zusammen, eine Hülle, die auf das Ende wartete.

„Weiter“, sagte Clara hart. Sie zog Elias am Arm. „Wir können ihnen nicht helfen. Nicht hier.“

„Wir haben das getan“, flüsterte Marcus. Er starrte auf die hunderte von grauen Gestalten, die überall im Lager verteilt waren. Die Karawane der Blinden. Ein Mahnmal ihrer Flucht.

„Wir haben überlebt“, sagte Tarek. „Das ist der Preis.“

Sie drängten sich weiter, weg von den Klaxunas, weg von der Schuld. Sie erreichten den inneren Ring, dort wo die Mauer von Zar’Athon aufragte. Sie war gigantisch, aus weißem Marmor, fugenlos und glatt. Wachen patrouillierten oben, ihre Rüstungen blitzten in der Sonne.

Vor dem Goldenen Tor drängte sich eine Menschenmasse. Schreie, Bitten, das Rasseln von Toren.

„Kein Durchkommen“, stellte Zara fest. „Sie lassen niemanden rein. Quarantäne.“

„Wir müssen rein“, sagte Lyra. Sie stützte Jory, der wieder das Bewusstsein verloren hatte. „Er braucht einen Heiler. Einen richtigen.“

„Wir gehen nicht durch das Tor“, sagte Elias. Er wandte sich ab, weg von der Masse, hin zu einem Abschnitt der Mauer, der an den felsigen Hang des Talkessels grenzte. Dort, wo der Schatten am tiefsten war.

Er zog Marcus zu sich. „Das Logbuch“, sagte er. „Die Seite mit den Versorgungsrouten.“

Marcus blätterte mit zitternden Fingern. Die Seiten waren gewellt vom Wasser des Tunnels, aber die Tinte der Schmuggler hielt. „Hier“, sagte er und tippte auf eine Skizze. „Der Trockene Schlund. Ein alter Wasserzulauf. Er wurde versiegelt, als sie die neuen Aquädukte gebaut haben.“

„Wo?“, fragte Zara.

„Nordwestliche Flanke. Dort, wo der Fels die Mauer berührt.“

Sie schlichen am Rand des Lagers entlang, geduckt, um nicht die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zu ziehen. Der Gestank des Lagers wich hier dem Geruch von trockenem Stein und Staub.

Sie fanden ihn. Ein Gitter, halb vergraben unter einer Düne, versteckt hinter dornigem Gestrüpp. Es war rostig, alt, vergessen.

Zara kniete sich davor. Sie zog ihren Dolch, kratzte am Schloss. „Das ist kein Schloss“, murmelte sie. „Das ist Rost, der Händchen hält.“ Sie blickte zu Tarek. „Ich brauche Kraft.“

Tarek nickte. Er und Elias griffen in das Gitter. „Auf drei“, keuchte Tarek. „Eins. Zwei. Drei.“

Sie zogen. Das Metall kreischte protestierend, dann gab es mit einem knirschenden Laut nach. Ein Spalt öffnete sich, gerade groß genug für einen Menschen.

Dahinter lag Dunkelheit. Aber aus der Dunkelheit wehte ein Luftzug. Er roch nicht nach Wüste. Er roch nach Feuchtigkeit. Nach Pflanzen. Nach Wasser.

„Der Weg in die Stadt“, flüsterte Clara.

Elias blickte ein letztes Mal zurück. Auf das Lager. Auf die grauen Flecken der sterbenden Klaxunas. Er legte die Hand auf das Amulett.

Ich bringe es zurück, schwor er stumm. Ich hole das Fragment. Und dann bringe ich das Licht zurück.

„Rein“, sagte er.

Sie schlüpften durch den Spalt, einer nach dem anderen. Elias ging als Letzter. Er zog das Gitter hinter sich zu, so gut es ging.

Die Dunkelheit verschluckte sie. Aber vor ihnen, am Ende des Tunnels, sahen sie einen schwachen Schimmer. Kein Sonnenlicht. Das sanfte, künstliche Leuchten von Zar’Athon.

Sie waren drin.