NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 4: Zar'Athon, Stadt der Sonne
Der Tunnel endete nicht, er blühte auf.
Die Dunkelheit des Trockenen Schlunds, durch den sie sich mühsam getastet hatten, wich nicht schrittweise einem grauen Dämmerlicht, wie Elias es erwartet hatte. Sie wurde mit einem Schlag von einer Wand aus Farbe und Duft zerschmettert.
Elias, der als Letzter aus dem engen, spinnwebenverhangenen Schacht kroch, musste die Augen gegen eine Helligkeit zusammenkneifen, die nicht von der Sonne stammte, sondern von der Umgebung selbst reflektiert wurde. Er stolperte, seine Stiefel fanden keinen Halt auf staubigem Fels mehr, sondern sanken in etwas Weiches, Nachgiebiges.
Gras. Echtes, lebendiges, smaragdgrünes Gras, so dicht und saftig, dass es sich anfühlte, als würde man auf einem lebenden Teppich gehen.
Er blinzelte die Tränen der Blendung weg und richtete sich auf. Neben ihm hörte er ein Geräusch, das so fremdartig in seinen Ohren klang, dass er es sekundenlang nicht einordnen konnte. Es war kein Rasseln von Knochen, kein Heulen des Windes, kein Klirren von Waffen.
Es war das Plätschern von Wasser.
"Bei den Sternen", flüsterte Marcus neben ihm. Der Gelehrte hatte seine Brille abgenommen und starrte mit nackten, ungläubigen Augen auf das Panorama, das sich vor ihnen ausbreitete.
Sie waren nicht in einer Gasse oder einem Hinterhof gelandet. Der alte Schmuggler-Zugang, vergessen und überwuchert, mündete direkt in das Herz der Dekadenz: Die Hängenden Gärten des Palastbezirks.
Vor ihnen erhoben sich Terrassen aus schneeweißem Marmor, die in den roten Fels des Talkessels hineingebaut waren. Jede Ebene war ein Überfluss an Vegetation. Palmen mit wedelnden Kronen warfen kühlen Schatten. Büsche mit Blüten in leuchtendem Magenta und Orange verströmten einen Duft nach Jasmin, Zimt und schwerer Süße, der den metallischen Geschmack der Wüste sofort von Elias' Zunge wusch und ihn durch etwas Klebriges, Betäubendes ersetzte.
Aber es war das Wasser, das sie alle fesselte. Es war überall. Es floss in kunstvollen Kanälen aus lapislazuliblauen Kacheln entlang der Wege. Es sprudelte aus Springbrunnen, die in Form von goldenen Löwen und Sonnen geformt waren. Und in der Mitte der Anlage, dominierend und verschwenderisch, stürzte ein künstlicher Wasserfall über drei Stockwerke in ein Becken, das so klar war, dass man den Boden aus Mosaiksteinen sehen konnte.
"Wasser", krächzte Tarek. Er hing schwer in Claras Arm, sein Gesicht war grau vor Erschöpfung, aber seine Augen weiteten sich beim Anblick der Flut. "So viel... verschwendetes Wasser."
Lyra machte einen Schritt auf den nächsten Brunnen zu. Sie streckte die Hand aus, zögernd, als erwartete sie, dass es eine Illusion war, die bei Berührung zerfallen würde. Ihre Finger durchbrachen die Oberfläche. Das Wasser spritzte. Es war kalt. Real.
"Es ist echt", schluchzte sie leise. Sie schöpfte eine Handvoll, führte sie zum Mund von Jory, der immer noch halb bewusstlos in den improvisierten Trageriemen hing.
Elias stand regungslos da. Das Amulett an seiner Brust reagierte heftig. Es war kein warnendes Vibrieren wie in der Wüste. Es war ein gieriges Ziehen. Der Kristall spürte die massive Konzentration von Energie, die nötig war, um dieses Paradies in der Hölle am Leben zu halten. Das Wasser floss nicht natürlich; es wurde gepumpt, gefiltert, gekühlt durch komplexe magische Systeme.
Nimm es, flüsterte der Impuls, verstärkt durch den Schwarzen Handschuh. Trink die Gärten leer. Lass sie verdorren wie das Gras in der Wüste.
Elias ballte die behandschuhte Faust, bis das Leder knirschte. Er kämpfte gegen den Drang an, die Hand zu heben und die Entropie freizulassen. Er fühlte sich schmutzig. Er sah an sich herab – seine Kleidung war zerfetzt, bedeckt mit rotem Staub und dem Ruß von Seraphis. Seine Stiefel waren verkrustet mit dem Dreck der Kanalisation. Sie waren Flecken in diesem perfekten Gemälde.
"Wir sollten nicht hier sein", sagte er, seine Stimme rau. "Das ist kein Versteck. Das ist ein Präsentierteller."
"Wir brauchen Hilfe", sagte Clara fest. Sie hatte Tarek auf den Rand des Marmorbrunnens gesetzt. Sie füllte ihre Feldflasche, ihre Hände zitterten vor Eile. "Wir trinken. Wir waschen die Wunden. Und dann verschwinden wir, bevor..."
Das Klicken von Metall unterbrach sie.
Es war kein lautes Geräusch. Es war das präzise, synchronisierte Einrasten von Dutzenden von Waffenmechanismen.
Elias wirbelte herum. Aus dem Schatten der Palmen, hinter den Säulen der Arkaden, traten Gestalten hervor. Sie trugen keine schwere, schwarze Rüstung wie Arkans Garde. Sie trugen Rüstungen aus poliertem Gold und weißer Seide, die in der Sonne glänzten. Ihre Helme waren kunstvoll gearbeitet, in der Form von Falkenköpfen, die Gesichter dahinter waren menschlich, aber unbewegt.
In ihren Händen hielten sie keine Schwerter, sondern seltsame, gebogene Stäbe mit Kristallspitzen – Sonnen-Lanzen.
"Keine Bewegung", sagte eine Stimme. Sie war melodisch, ruhig und absolut tödlich.
Ein Mann trat aus der Reihe der Wachen hervor. Er trug keine Rüstung, sondern eine lange Robe aus schimmerndem, gelbem Stoff, bestickt mit Goldfäden. Sein Haar war schwarz, geölt und zu einem strengen Zopf geflochten. An seinen Fingern funkelten Ringe.
Er musterte die Gruppe. Er sah den Schmutz, das Blut, die Verzweiflung. Er rümpfte nicht die Nase. Er lächelte. Es war ein Lächeln, das Elias an eine Schlange erinnerte, die gerade eine Maus entdeckt hatte.
"Gäste", sagte der Mann. Er breitete die Arme aus, eine Geste der willkommen heißenden Täuschung. "Wie... ungewöhnlich. Die meisten Besucher benutzen das Tor. Ihr habt den Dienstboteneingang gewählt. Sehr bescheiden."
"Wir sind Reisende", sagte Clara und stellte sich vor Tarek. Ihre Hand lag auf ihrem Schwert, aber sie zog es nicht. Sie wusste, dass sie gegen zwanzig dieser Lanzen keine Chance hatte. "Wir haben uns verirrt. Wir brauchen nur Wasser."
Der Mann lachte leise. Er trat näher, seine Sandalen machten kein Geräusch auf dem Marmor. "Verirrt? Durch den Trockenen Schlund? Durch die Wüste Ashara? Niemand 'verirrt' sich hierher, meine Liebe. Wer die Wüste überlebt, hat einen Grund. Oder einen Verfolger."
Sein Blick wanderte zu Elias. Er blieb an dem schwarzen Handschuh hängen. Seine Augen verengten sich minimal.
"Und ihr tragt interessante Souvenirs", sagte er. "Seraphis-Arbeit, wenn ich mich nicht irre. Dunkle Arbeit."
Elias spannte sich an. Er spürte, wie die Energie im Amulett anschwoll, bereit zur Verteidigung. Der Riss im Kristall brannte.
"Wer seid Ihr?", fragte Elias.
Der Mann verbeugte sich leicht, eine spöttische Höflichkeit. "Ich bin der Seneschall dieses Gartens. Aber mein Name ist unwichtig. Wichtig ist, wer euch erwartet." Er trat zur Seite und gab den Blick auf eine breite Treppe frei, die zu den oberen Terrassen führte.
"Prinz Suliman hat eure Ankunft... gespürt. Er liebt Kuriositäten. Und sechs Überlebende aus der toten Zone sind definitiv kurios."
"Wir wollen keinen Prinzen sehen", sagte Zara und trat einen Schritt zurück in Richtung des Tunnels. "Wir gehen wieder."
Die Wachen bewegten sich. Die Sonnen-Lanzen richteten sich auf Zara. Die Kristallspitzen begannen, gelb zu glühen. Hitze strahlte von ihnen ab, konzentriert und gefährlich.
"Ich fürchte, das ist keine Einladung, die man ablehnen kann", sagte der Seneschall sanft. "Ihr habt das Wasser des Prinzen getrunken. Ihr habt seinen Boden beschmutzt. Nun gehört ihr ihm. Zumindest... bis er entschieden hat, was ihr wert seid."
Tarek versuchte aufzustehen. Er griff nach seinem Krummschwert. "Niemand... besitzt... mich", knurrte er. Aber seine Beine gaben nach. Er kippte vornüber. Clara fing ihn auf, aber sie sanken beide auf den Marmor.
"Er braucht einen Heiler!", rief Lyra verzweifelt. "Er stirbt!"
Der Seneschall schnippte mit den Fingern. Zwei Wachen traten vor, hoben Tarek hoch, als wäre er eine Puppe.
"Wir haben die besten Heiler der Welt", sagte der Seneschall. "In Zar'Athon stirbt niemand, solange der Prinz es nicht erlaubt."
Er wandte sich um. "Folgt mir. Und lasst die Waffen stecken. Hier tötet nur die Sonne."
Elias sah sich um. Sie waren umzingelt. Marcus zitterte, hielt seine Tasche fest. Jory lag bewusstlos am Boden. Tarek war gefangen. Sie hatten keine Wahl.
"Wir gehen", sagte Elias. Er drückte seinen linken Arm auf das Amulett, um es zu verbergen, um es zu beruhigen. "Aber wenn ihr ihm wehtut..."
"Drohungen", seufzte der Seneschall, während er die Treppe hinaufstieg. "So vulgär. Ihr werdet sehen, in Zar'Athon lösen wir Probleme mit... Eleganz."
Sie wurden in den Palast geführt. Es war kein Gefängnisgang. Es war ein Spaziergang durch den Himmel.
Sie gingen durch Hallen, deren Decken so hoch waren, dass Wolken darin hätten hängen können. Wände aus Alabaster, Böden aus Mosaiken, die Geschichten von vergangenen Zeitaltern erzählten. Diener in seidigen Gewändern wichen ihnen aus, senkten die Köpfe, aber ihre Augen huschten neugierig über die schmutzigen Fremden.
Überall war dieser Überfluss. Schalen mit Früchten, die Elias noch nie gesehen hatte. Karaffen mit Wein. Kühle Luft, die durch verborgene Schächte strömte.
Es war überwältigend. Elias fühlte sich betäubt. Nach der Härte der Wüste, nach dem Staub und dem Blut, wirkte diese Weichheit fast gewalttätig. Es war zu viel. Zu hell. Zu reich.
Er sah Marcus an. Der Gelehrte starrte auf die Architektur. "Die Statik...", murmelte er. "Das Gold... es ist nicht nur Dekoration. Es ist ein Leiter. Die ganze Stadt ist ein einziger, riesiger Fokus."
"Ein Fokus worauf?", fragte Zara leise.
"Auf die Sonne", sagte Marcus. "Sie speichern das Licht. Wie Batterien."
Sie erreichten ein großes Portal aus geschnitztem Zedernholz. Die Wachen öffneten es.
Dahinter lag der Thronsaal von Prinz Suliman.
Es war kein düsterer Saal wie in Seraphis. Es war eine offene Terrasse, überdacht von segeltuchartigen Sonnensegeln, die im Wind blähten. Der Boden war mit Kissen und Teppichen bedeckt. In der Mitte gab es keinen Thron, sondern eine breite Liege, umgeben von Schalen mit Wasser und Eis.
Auf der Liege ruhte ein Mann. Er war jung, kaum älter als Elias, mit Haut wie polierte Bronze und Augen, die mit Kajal dunkel umrandet waren. Er trug fast nichts, nur weite Hosen aus weißer Seide und Schmuck, der mehr wog als Claras Rüstung. Er aß Weintrauben, eine nach der anderen, mit einer Langsamkeit, die provozierend wirkte.
Er sah auf, als sie hereingeführt wurden. Er lächelte. Es war ein Lächeln, das die Sonne aufgingen ließ – und gleichzeitig das Blut gefrieren konnte.
"Ah", sagte Prinz Suliman. Seine Stimme war weich, singend. "Die Wüstenratten. Kommt näher. Aber nicht auf die Teppiche. Ihr staubt."
Er setzte sich auf. Sein Blick glitt über die Gruppe, taxierte sie, bewertete sie. Er blieb an Clara hängen, an ihrer stolzen Haltung trotz des Schmutzes. Dann an Marcus' zerrissener Gelehrtenrobe. Und schließlich an Elias.
An dem Handschuh.
"Arkan hat mir geschrieben", sagte Suliman beiläufig, als würde er übers Wetter reden. Er nahm eine weitere Traube. "Er sagte, ein Dieb sei unterwegs. Ein Dieb mit einem Handschuh aus Schatten und einem Herzen aus Eis."
Elias spannte sich an. "Ich bin kein Dieb."
"Jeder ist ein Dieb", sagte Suliman. "Die Frage ist nur, was man stiehlt. Herzen? Gold? Oder..." Er blickte auf das Amulett unter Elias' Tunika. "...die Zukunft?"
Er schnippte mit den Fingern. "Badet sie. Füttert sie. Verbindet den großen Mann. Aber nehmt ihnen die Waffen ab."
Er legte sich zurück, schloss die Augen.
"Ihr seid meine Gäste. Und in Zar'Athon verlässt kein Gast das Haus, bevor er nicht sein Geschenk überreicht hat."
Elias wollte protestieren, aber die Wachen traten vor. Sanft, aber unnachgiebig. Sie wurden weggeführt. Weg vom Prinzen, hinein in die Eingeweide des Luxus.
Aber Elias wusste, was das hier war. Es war kein Palast.
Es war ein goldener Käfig.
Der Weg in die Gemächer der „Gäste“ war ein Marsch durch eine Welt, die Elias’ Verstand beleidigte. Sie wurden nicht in Kerker geworfen. Es gab keine feuchten Wände, keine Ketten, kein Stroh am Boden. Stattdessen wurden sie durch Korridore geführt, die mit Mosaiken aus Lapislazuli und Perlmutt ausgelegt waren. Die Luft war kühl, konditioniert durch verborgene Eisschächte in den Wänden, und roch nach Sandelholz und Rosenwasser.
Jeder Schritt, den Elias tat, hinterließ einen schmutzigen Abdruck auf dem makellosen Boden. Er fühlte sich grotesk. Ein Wesen aus Staub und Blut, das in ein Gemälde eingedrungen war und es mit seiner bloßen Anwesenheit ruinierte. Die Wachen in ihren goldenen Falkenhelmen stießen sie nicht; sie dirigierten sie mit einer höflichen Distanziertheit, als wären sie Vieh, das man zur Schur bringt, nicht zur Schlachtbank.
Sie erreichten einen Innenhof, der von hohen Mauern aus weißem Alabaster umschlossen war. Es gab kein Tor, nur einen schmalen Zugang, der von vier Lanzenwächtern blockiert wurde, sobald sie hindurchgetreten waren.
„Euer Quartier“, sagte der Seneschall, der an der Schwelle stehen blieb. Er rümpfte leicht die Nase, als er Elias’ zerrissenen Umhang betrachtete. „Bäder sind vorbereitet. Kleidung liegt bereit. Der Prinz wünscht, dass ihr euch... präsentiert, sobald die Sonne untergeht. Bis dahin seid ihr frei.“
„Frei“, wiederholte Clara bitter, während sie sich umsah. „In einem goldenen Käfig.“
Der Hof war ein Paradies im Kleinen. In der Mitte dominierte ein riesiges Wasserbecken, gespeist von Fontänen, die in einem komplexen Rhythmus tanzten. Überall standen niedrige Tische, beladen mit Schalen voller Früchte – Feigen, Granatäpfel, Trauben, die so prall waren, dass sie fast platzten. Seidenkissen lagen auf Teppichen verstreut, die weicher waren als jedes Bett, in dem Elias je geschlafen hatte.
Aber Elias sah nicht die Früchte. Er sah die Mauern. Sie waren zehn Meter hoch, glatt poliert, ohne Fugen, an denen man klettern könnte. Oben, auf der Krone der Mauer, patrouillierten Wachen. Und über dem Hof spannte sich ein feines Netz aus goldenem Draht – ein magischer Faradayscher Käfig, der verhindern sollte, dass etwas hinausflog. Oder hineinkam.
Tarek wurde von zwei Dienern auf einen Stapel Kissen gelegt. Der Söldner stöhnte auf, als sie ihn absetzten. Sein Gesicht war immer noch fahl, aber die Kühle des Ortes schien ihm gutzutun.
„Wasser“, krächzte er.
Lyra rannte zum Brunnen. Sie zögerte kurz, als hätte sie Angst, dass das Wasser vergiftet sei, dann schöpfte sie mit den Händen. Sie brachte es ihm. Tarek trank gierig, das Wasser lief ihm in den Bart.
„Es ist kalt“, sagte er und lachte leise, ungläubig. „Eiswasser in der Wüste. Diese Leute sind wahnsinnig.“
„Sie sind reich“, sagte Zara. Sie stand an einem der Tische und hob eine Traube hoch. Sie drehte sie im Licht, prüfte sie auf Nadelstiche oder Verfärbungen. Dann steckte sie sie in den Mund. Sie zerbiss sie. Saft spritzte.
„Süß“, sagte sie und schloss kurz die Augen. „Verdammt süß.“
„Iss das nicht“, sagte Clara scharf. Sie stand in der Mitte des Hofes, immer noch in ihrer staubigen, zerschlissenen Kleidung. Sie hatte ihre Rüstung nicht abgelegt, obwohl die Hitze hier drin erträglich war. Ihre Hand ruhte auf dem Knauf ihres Schwertes, das die Wachen ihr – zu ihrer Überraschung – gelassen hatten. Vielleicht sahen sie es nicht als Waffe, sondern als archaisches Spielzeug.
„Wir wissen nicht, was drin ist“, fuhr Clara fort. „Vielleicht Drogen. Schlafmittel. Damit wir gefügig sind, wenn der Prinz uns... besucht.“
„Ich riskiere es“, sagte Marcus. Er hatte sich bereits über eine Schale mit Fladenbrot hergemacht. „Mein Körper braucht Kohlenhydrate. Wenn ich jetzt nicht esse, kollabiere ich. Das ist eine einfache Energiebilanz.“
Clara schüttelte den Kopf. Sie setzte sich nicht. Sie ging auf und ab, die Augen auf die Mauern, die Wachen, die Ausgänge gerichtet. Sie war ein Tiger im Zoo, der darauf wartete, dass der Wärter einen Fehler machte.
„Du musst essen, Clara“, sagte Elias leise. Er stand am Rand des Beckens. Er hatte den Handschuh ausgezogen – nein, er hatte es versucht. Aber das Leder saß fest wie eine zweite Haut. Er hielt die behandschuhte Hand ins Wasser. Das kühle Nass zischte leise, als es das magisch erhitzte Leder berührte.
„In Gefängnissen isst man nicht das Essen der Wächter“, zitierte Clara einen alten Soldatenspruch. „Es macht dich weich. Es macht dich dankbar.“
„Wir sind nicht dankbar“, sagte Elias. „Wir tanken auf.“
Er blickte in das Wasser. Es war kristallklar. Am Boden des Beckens lagen Mosaiksteine, die Fische darstellten. Aber irgendetwas störte ihn. Das Wasser bewegte sich. Nicht nur durch die Fontänen. Es gab eine Strömung. Einen Sog.
Das Wasser kam irgendwo her. Und es floss irgendwo hin.
Elias folgte dem Rand des Beckens. Er ging um den großen, zentralen Springbrunnen herum, der wie eine Skulptur aus Glas und Wasser in die Höhe schoss.
Dahinter, verborgen durch einen Vorhang aus herabhängendem Efeu und Wasserpflanzen, entdeckte er eine Struktur.
Es war kein Brunnen. Es war ein Käfig.
Ein Kubus aus dickem, verstärktem Glas, etwa zwei Meter hoch und breit. Er war in die Wand der Terrasse eingelassen, halb unter Wasser, halb darüber. Rohre, so dick wie Elias' Oberschenkel, führten in den Kubus hinein und wieder heraus. Sie pulsierten leicht.
Und im Inneren des Glases war jemand.
Elias blieb stehen. Sein Atem stockte.
Ein Mann saß dort drin. Er kauerte am Boden des Glaskäfigs, das Wasser reichte ihm bis zur Brust. Er war nackt, bis auf einen Lendenschurz. Seine Haut war so blass, dass sie fast durchsichtig wirkte, gebleicht von einem Leben ohne Sonne. Sein Haar war lang, dunkel, und trieb im Wasser um seinen Kopf wie schwarzer Tang.
Er war wach. Seine Augen waren offen. Sie waren von einem unnatürlichen, leuchtenden Blau, fast weiß, wie das Herz eines Gletschers.
Aber das Schrecklichste waren seine Hände.
Sie steckten in zwei metallischen Röhren, die in den Boden des Käfigs eingelassen waren. Fesseln. Aber sie hielten ihn nicht nur fest. Sie zapften ihn an.
Elias sah, wie das Wasser um die Hände des Mannes herum wirbelte, wie es beschleunigt wurde, wie es mit Druck in die Rohre gepumpt wurde, die die Fontänen im ganzen Hof speisten.
Der Mann bewegte sich nicht. Er starrte stur geradeaus, durch das Glas, durch Elias hindurch. Sein Gesicht war eine Maske der absoluten Erschöpfung und Apathie. Er war kein Gefangener, der auf Bestrafung wartete. Er war eine Batterie. Ein lebender Motor für die Dekadenz des Prinzen.
„Kael“, flüsterte Elias, obwohl er den Namen noch nicht kannte. Er las ihn auf einem kleinen Schild aus Gold, das am Rahmen des Käfigs angebracht war, wie bei einem seltenen Tier im Zoo. Kael – Der letzte Flutenrufer der Westlichen Inseln.
„Was hast du gefunden?“, fragte Lyra, die hinter ihn getreten war. Sie trug Jory auf dem Arm, wollte ihn im Wasser kühlen.
Als sie den Mann im Glas sah, entglitt ihr der Junge fast. Sie fing ihn auf, sank auf die Knie. „Bei den Göttern“, hauchte sie.
Der Mann im Glas reagierte auf Lyras Stimme. Oder auf ihre Präsenz. Er drehte den Kopf, langsam, als würde sein Hals rosten. Seine blauen Augen trafen Lyras Blick.
In diesem Moment veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Die Apathie bekam einen Riss. Überraschung flackerte auf. Dann Scham. Er versuchte, seine Hände zu verbergen, aber sie waren in den Röhren fixiert. Er konnte sich nicht wegdrehen. Er war ausgestellt.
„Er... er macht das Wasser“, sagte Lyra entsetzt. „Sie zwingen ihn. Er ist ein Magier.“
Elias trat näher an das Glas. Er legte seine linke Hand, die menschliche Hand, auf die Scheibe. Das Amulett an seiner Brust begann zu vibrieren. Es erkannte die Energie. Es war keine tote Energie wie in der Wüste. Es war lebendige Magie, die gewaltsam extrahiert wurde.
Kael war ein Leidensgenosse. Ein Spiegelbild. Elias wurde von Arkan benutzt, um Dunkelheit zu kanalisieren. Dieser Mann wurde von Suliman benutzt, um Wasser zu kanalisieren.
Exponat, dachte Elias bitter. Wir sind alle nur Werkzeuge für sie.
Der Mann im Glas öffnete den Mund. Blasen stiegen auf. Er sagte etwas, aber das dicke Glas schluckte den Schall.
Elias konzentrierte sich. Er nutzte nicht das Amulett, um zu hören. Er nutzte die Lippenbewegungen. Geht weg.
„Nein“, sagte Elias laut. Er wusste nicht, ob der Mann ihn hören konnte. „Wir gehen nicht weg.“
Er drehte sich zu den anderen um. Clara, Marcus und Zara waren näher gekommen, neugierig geworden durch Lyras Entsetzen. Sie standen nun im Halbkreis um den Glaskasten.
„Das ist krank“, sagte Zara. Sie hatte schon viel Elend gesehen, aber diese klinische, ästhetische Versklavung war eine neue Qualität. „Einen Menschen als Pumpe zu benutzen...“
„Er ist ein Wassermagier“, analysierte Marcus fasziniert und angewidert zugleich. „Hydrokinetiker. Extrem selten. In der Wüste ist er unbezahlbar. Er kondensiert die Feuchtigkeit aus der Luft, reichert sie an... Prinz Suliman hat sich sein eigenes Ökosystem gebaut. Auf dem Rücken dieses Mannes.“
„Können wir ihn da rausholen?“, fragte Clara. Sie hatte ihre Hand vom Schwert genommen und an das Glas gelegt. Sie suchte nach Schwachstellen.
„Das Glas ist verstärkt“, sagte Marcus. „Alchemistisch gehärtet. Wenn wir es einschlagen, lösen wir Alarm aus. Und...“ Er deutete auf die Röhren an Kaels Händen. „...die Fesseln sind leitend. Wenn wir den Stromkreis unterbrechen, könnte es ihn töten.“
Kael im Inneren schüttelte den Kopf. Er sah sie an, jeden einzelnen. Sein Blick war nicht flehend. Er war warnend. Er bewegte die Lippen erneut. Wachen. Bald.
Elias blickte sich um. Die Wachen auf der Mauer waren weit weg, dösten in der Hitze des Nachmittags oder starrten in die Wüste hinaus. Der Hof war leer, bis auf sie.
„Wir lassen ihn nicht hier“, sagte Elias. Die Entscheidung fiel ihm leicht. Es war keine strategische Entscheidung. Es war eine moralische. Er dachte an die Klaxunas, die er hatte sterben lassen. Er konnte nicht die ganze Welt retten. Aber er konnte diesen einen Mann retten.
„Elias, wir sind Gefangene“, zischte Zara. „Wir können keinen Gefangenenausbruch organisieren, während wir selbst im Käfig sitzen.“
„Doch, können wir“, sagte Elias. Er hob seine rechte Hand. Der schwarze Handschuh.
„Arkan hat mir diesen Handschuh gegeben, um Energie zu leiten“, sagte er leise. „Um nicht zu verbrennen. Vielleicht... vielleicht kann ich ihn nutzen, um die Energie umzuleiten.“
Er sah Kael an. Er legte die behandschuhte Hand auf das Glas, genau dort, wo drinnen Kaels Hand in der Röhre steckte.
„Hörst du mich?“, fragte Elias, und er projizierte den Gedanken durch das Amulett, verstärkt durch den Handschuh. Es war keine Telepathie. Es war Empathie. Ich weiß, wie es ist, benutzt zu werden.
Kael zuckte zusammen. Er riss die Augen auf. Er spürte die Verbindung. Die Kälte von Elias’ Amulett traf auf die fließende Kühle seiner eigenen Wassermagie.
Wer bist du? Der Gedanke kam zurück, schwach, wie ein Echo unter Wasser.
Jemand, der Käfige hasst, antwortete Elias.
Er blickte zu Lyra. „Lyra. Du kennst dich mit Flüssen aus. Mit Strömungen. Wenn ich das Glas schwäche... kannst du das Wasser kontrollieren? Kannst du den Druck nutzen, um die Scheibe von innen zu sprengen?“
Lyra sah ihn an. Sie hatte ihre Magie verloren. Aber Kael hatte genug für sie beide. „Ich... ich kann es versuchen. Wenn er mir hilft.“
Sie legte ihre Hände neben Elias’ Hand auf das Glas.
„Nicht jetzt“, sagte Clara scharf. „Wachen.“
Schritte näherten sich dem Eingang des Hofes. Das Klappern von Rüstungen.
„Weg vom Glas!“, zischte Zara.
Sie sprangen zurück, setzten sich hastig auf die Kissen, griffen nach Früchten, taten so, als würden sie sich ausruhen.
Zwei Wachen traten ein, gefolgt von Dienern, die Tabletts mit dampfenden Schalen trugen. Essen. Echtes Essen. Reis, Lamm, Gewürze.
„Der Prinz sendet seine Grüße“, sagte der vordere Diener und stellte das Tablett ab. Er warf keinen Blick auf den Glaskasten, der hinter dem Efeu verborgen lag. Für ihn war Kael nur ein Möbelstück.
„Esst“, sagte der Diener. „Stärkt euch. Die Nacht wird lang.“
Sie gingen wieder. Das Tor fiel ins Schloss.
Elias starrte auf das Essen. Ihm war übel vor Hunger, aber er konnte den Blick nicht von dem Efeu abwenden, hinter dem der Mann im Wasser saß.
„Wir essen“, sagte er leise. „Wir kommen zu Kräften. Und heute Nacht... wenn der Mond hoch steht... holen wir ihn da raus.“
„Suliman wird wütend sein“, sagte Lyra und nahm eine Handvoll Reis. Ihre Hände zitterten immer noch.
„Mir egal“, sagte Elias. Er nahm eine Traube, zerquetschte sie in seiner behandschuhten Faust. Der Saft lief dunkel über das schwarze Leder, wie Blut. „Soll er wütend sein. Wut macht Fehler.“
Kael im Glas beobachtete sie. Zum ersten Mal seit Jahren glomm in seinen Augen etwas auf, das nicht nur Reflexion war.
Hoffnung. Oder vielleicht nur die Vorfreude auf Zerstörung.
Die Nacht über Zar’Athon fiel nicht wie ein Tuch, sie entfaltete sich wie eine Blüte. Sobald die Sonne hinter den westlichen Klippen verschwunden war, begannen die Gärten zu leuchten. Es waren nicht nur Fackeln oder Öllampen; es war Biolumineszenz – importierte Pflanzen aus dem fernen Dschungel, die in den Rabatten glühten, und magisch aufgeladene Kristalle, die am Boden der Wasserbecken lagen und das Wasser in ein sanftes, türkisfarbenes Licht tauchten.
Der Palast wurde stiller, aber es war keine schlafende Stille. Es war die Stille eines angehaltenen Atems. Die Musik, die den ganzen Nachmittag über von den oberen Terrassen herabgeweht war, verstummte. Das Klappern von Geschirr in den Dienerquartieren hörte auf.
Nur das Rauschen des Wassers blieb. Das konstante, künstliche Kreislaufsystem, das Kael mit seinem Leben antrieb.
Elias lag auf einem Haufen Seidenkissen, den Blick starr auf den Sternenhimmel gerichtet, der durch das goldene Drahtnetz über dem Hof in geometrische Rauten zerteilt wurde. Er wartete. Er spürte den Rhythmus der Wachen auf der Mauer. Alle zwölf Minuten kreuzten sich ihre Wege direkt über dem Tor. Alle zwölf Minuten gab es ein Fenster von dreißig Sekunden, in dem ihre Aufmerksamkeit auf den Gruß und den Wechsel gerichtet war.
„Jetzt“, flüsterte Zara aus dem Schatten einer Säule. Sie hatte sich nicht hingelegt. Sie war mit der Dunkelheit verschmolzen, ein Teil der Architektur geworden.
Elias setzte sich auf. Seine Glieder waren steif, aber der Schlaf, so kurz er war, hatte seinen Kopf geklärt. Er blickte zu Tarek. Der Söldner schlief fest, der Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Das Fieber war gesunken, aber er war zu schwach für einen Kampf. Clara saß neben ihm, ihr Schwert quer über den Knien, die Augen offen und wachsam. Sie nickte Elias zu. Geh. Ich halte die Stellung.
Marcus kauerte am Rand des Beckens. Er hatte das Logbuch aufgeschlagen, obwohl es zu dunkel zum Lesen war. Er murmelte Zahlen vor sich hin – Volumina, Fließgeschwindigkeiten, Druckverhältnisse.
„Wenn wir den Kreislauf unterbrechen“, zischte er, als Elias und Lyra zu ihm krochen, „fällt der Druck in den Leitungen. Das System ist hydraulisch gekoppelt. Sobald der Druck abfällt, öffnen sich die Ausgleichsventile in den oberen Gärten. Das macht Lärm. Viel Lärm.“
„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte Elias.
„Vom Bruch des Glases bis zum Druckabfall im Hauptverteiler? Vielleicht zwanzig Sekunden. Bis die Wachen merken, dass die Brunnen trockenlaufen? Eine Minute.“
„Eine Minute reicht“, sagte Elias. Er blickte zu dem Glaskasten, der hinter dem Vorhang aus Efeu verborgen lag. Das blaue Licht darin pulsierte schwach. Kael war wach. Er wartete.
Elias und Lyra schlichen zum Rand des Beckens. Sie mieden die beleuchteten Wege, blieben im Schutz der üppigen Vegetation. Der Geruch von Nacht-Jasmin war betäubend süß, fast wie Äther.
Sie erreichten den Käfig. Kael sah sie kommen. Er bewegte sich nicht, aber seine Augen folgten ihnen. In ihnen lag keine Hoffnung mehr, nur eine grimme Erwartung. Er hatte aufgehört, Wasser zu pumpen – zumindest aktiv. Aber die Maschinen, die Röhren an seinen Armen, zogen es weiterhin aus ihm heraus, melkten seine Magie wie Gift aus einer Schlange.
Elias kniete sich vor das Glas. Er legte die behandschuhte Hand auf die Scheibe. Sie war kalt vom Wasser auf der anderen Seite, aber unter seiner Handfläche begann sie sofort, sich zu erwärmen.
Der Schwarze Handschuh reagierte auf die magische Versiegelung des Glases. Die silbernen Fäden glühten dunkelrot auf.
„Lyra“, flüsterte Elias. „Bereit?“
Lyra kniete neben ihm. Sie hatte ihre Hände ins Wasser des Außenbeckens getaucht. Sie schloss die Augen. Sie suchte nicht nach ihrer verlorenen Heilkraft. Sie suchte nach dem Wasser. Nach dem Element, das sie mit dem Mann da drinnen teilte.
„Ich kann ihn spüren“, hauchte sie. „Er ist... er ist wie ein Ozean, der in eine Flasche gepresst wurde. Er hat so viel Druck.“
„Sag ihm, er soll gegendrücken“, sagte Elias. „An der Stelle, wo meine Hand ist.“
Elias schloss die Augen. Er öffnete das Amulett. Nur einen Spaltbreit. Er wollte nicht zerstören. Er wollte schwächen.
Trink, befahl er dem Vakuum. Trink die Bindung.
Er spürte den Sog. Es war, als würde er an einem unsichtbaren Faden ziehen, der das Glas zusammenhielt. Die alchemistische Härtung, die das Material unzerstörbar machte, war reine Energie. Und Energie war Nahrung.
Das Amulett saugte. Das Glas unter Elias’ Hand begann sich zu verfärben. Es wurde milchig, trüb. Feine Haarrisse bildeten sich, die wie Spinnennetze nach außen wuchsen. Ein leises Knacken war zu hören, wie Eis, das auf einem See bricht.
Drinnen riss Kael die Augen auf. Er spürte die Schwäche in seinem Gefängnis. Er spürte Lyras Geist, der ihn berührte, sanft und fordernd zugleich. Jetzt, hörte er sie denken. Drück.
Kael schrie. Es war ein stummer Schrei, verschluckt vom Wasser. Er riss an seinen Fesseln. Er stieß das Wasser, das er kontrollierte, nicht in die Rohre, sondern gegen die Scheibe.
Eine hydraulische Ramme von innen. Ein Vakuum von außen.
KNACK.
Es war kein lauter Knall. Es war ein dumpfes, nasses Bersten. Die Scheibe explodierte nicht; sie gab nach. Große Scherben lösten sich, wurden vom Wasserdruck herausgedrückt.
Wasser schoss aus dem Käfig. Eine Flutwelle aus kaltem, magisch angereichertem Wasser ergoss sich über Elias und Lyra, spülte sie fast weg.
Elias krallte sich in den Boden, hustete, spuckte Wasser. Er rutschte auf dem nassen Marmor aus, rappelte sich hoch.
Der Käfig war leer. Das Wasser lief ab, gurgelte in die Abflüsse.
Und inmitten der Scherben und Pfützen lag Kael.
Er war herausgespült worden wie ein toter Fisch. Er lag auf dem Bauch, nass, nackt, zitternd. Die Metallröhren waren immer noch an seinen Unterarmen befestigt, abgerissen von den Bodenplatten, Kabel und Schläuche hingen daran wie abgetrennte Sehnen.
Lyra war sofort bei ihm. Sie ignorierte die Scherben, die in ihre Knie schnitten. Sie drehte ihn um.
„Er atmet nicht“, keuchte sie.
Kaels Gesicht war blau, seine Lippen weiß. Der Schock der Befreiung, der plötzliche Druckabfall – sein Körper hatte abgeschaltet.
„Tarek!“, rief Elias gedämpft. Aber Tarek war zu weit weg.
„Platz da“, zischte Zara. Sie war aus dem Schatten aufgetaucht. Sie kniete sich neben Kael. Sie schlug ihm hart auf die Brust. Einmal. Zweimal.
„Komm schon, Fischmensch. Stirb nicht jetzt. Das wäre unhöflich.“
Kael zuckte. Er würgte. Wasser schoss aus seinem Mund. Er sog die Luft ein, ein rasselndes, gieriges Geräusch. Er hustete, krümmte sich zusammen.
„Er lebt“, sagte Lyra erleichtert. Sie zog ihren Umhang aus – oder das, was davon übrig war – und deckte ihn zu.
Aber Elias hörte nicht auf Kaels Atem. Er hörte auf etwas anderes.
Das Rauschen der Brunnen. Es wurde leiser.
Das Plätschern des großen Wasserfalls in der Mitte des Hofes stockte. Das Wasser wurde dünner, versiegte.
„Der Druck“, sagte Marcus aus der Dunkelheit. Seine Stimme war panisch. „Er fällt. Das System läuft leer.“
Stille legte sich über den Garten. Eine unnatürliche, verräterische Stille. Die Fontänen sanken in sich zusammen. Das Wasser in den Kanälen kam zum Stillstand.
Und dann, in der Ferne, hörten sie es.
Ein tiefes, mechanisches Grollen tief im Inneren des Palastes. Zahnräder, die einrasteten. Ventile, die sich öffneten.
Und dann Schreie.
„Alarm“, sagte Elias. Er griff nach Kael, zog ihn hoch. Der Wassermagier war schwer, seine Beine gaben nach, er hatte keine Muskelkraft mehr nach Wochen im Tank.
„Wir müssen weg“, sagte Elias. „Sofort.“
„Wohin?“, fragte Clara, die herbeigeeilt war, das Schwert nun blank in der Hand. „Das Tor ist zu.“
„Wir gehen nicht durch das Tor“, sagte Zara. Sie deutete auf das Loch in der Wand, wo der Glaskäfig gewesen war. Dahinter klaffte ein dunkler Schacht, aus dem die abgerissenen Rohre ragten.
„Wir gehen dahin, wo das Wasser herkam.“
„In die Pumpen?“, fragte Marcus entsetzt. „Das sind Turbinen! Die werden uns zerhacken!“
„Die Turbinen stehen still, Gelehrter!“, blaffte Zara. „Weil er nicht mehr pumpt!“ Sie deutete auf Kael. „Das ist der einzige Weg raus, bevor die Wachen hier sind.“
Oben auf der Mauer flammten Fackeln auf. Rufe hallten durch den Hof.
„Da unten! Beim Brunnen! Das Wasser ist weg!“
Ein Pfeil schlug in den Boden neben Elias ein.
„Rein!“, brüllte Elias. Er schob Kael in das dunkle, nasse Loch in der Wand. Lyra folgte. Dann Marcus, der seine Tasche vor sich her schob wie einen Schild.
Clara und Tarek deckten den Rückzug. Tarek hatte Jory auf den Rücken geschnallt, hielt einen Dolch in der Hand, schwankend, aber bereit.
„Geh!“, rief Clara zu Elias.
Elias zögerte. Er sah die Wachen, die jetzt die Treppen herunterstürmten. Goldene Rüstungen im Fackelschein. Sonnen-Lanzen, die sich aufluden.
Er spürte das Amulett. Es war heiß. Es wollte kämpfen.
Ein Schuss, dachte er. Ein Schuss, um sie aufzuhalten.
Er hob die Hand. Der Handschuh glühte.
„Nein!“, schrie Lyra aus dem Tunnel. „Elias! Komm!“
Er blickte zum Tunnel. Er blickte zu den Wachen.
Er senkte die Hand. Er drehte sich um und sprang in das nasse Dunkel der Röhre.
Clara und Tarek folgten ihm.
Hinter ihnen schlug ein Blitz aus einer Sonnen-Lanze in den Eingang, sprengte Stein und Marmor ab, aber sie waren schon weg. Rutschend, fallend, in die Eingeweide von Zar’Athon.
Der Weg ins Licht hatte in die Dunkelheit geführt. Und nun führte er noch tiefer.
Der Sturz in die Dunkelheit war keine Flucht, er war ein Ertrinken in Geschwindigkeit.
Die Röhre, in die sie gesprungen waren, war glatt und schleimig, überzogen mit einem Film aus Algen und mineralischen Ablagerungen, die sich über Jahrhunderte des magischen Wasserflusses gebildet hatten. Es gab keinen Halt. Elias rutschte auf dem Rücken, die Füße voraus, seine Hände krallten vergeblich nach den Wänden, fanden aber nur nassen Stein.
Hinter ihm hörte er das Keuchen von Clara, das Scheppern von Tareks Rüstungsteilen, die gegen die Röhrenwand schlugen, und den dumpfen Aufprall von Marcus’ Tasche. Das Wasser, das Kael freigesetzt hatte, war nicht mehr eine Flutwelle, sondern ein dünner, schmieriger Film, der sie beschleunigte, sie tiefer in das Fundament von Zar’Athon riss.
Die Luft wurde stickig. Der Duft von Jasmin und Rosenwasser war verschwunden, ersetzt durch den modrigen Geruch von stehendem Wasser und kaltem Fels.
Dann endete die Röhre.
Elias schoss hinaus ins Leere. Er fiel zwei Meter tief und landete hart in einem Becken. Wasser spritzte auf, faulig und brackig. Er tauchte unter, schmeckte Schlamm, stieß sich vom Boden ab und brach hustend an die Oberfläche.
Es war dunkel hier unten, aber nicht schwarz. Ein Netzwerk aus leuchtenden Flechten überzog die gewölbte Decke einer riesigen Zisterne und tauchte den Raum in ein geisterhaftes, grünliches Licht.
„Alles klar?“, rief er, seine Stimme hallte vielfach von den nassen Wänden wider.
„Jory!“, brüllte Tarek. Der Söldner war neben ihm ins Wasser gekracht. Er tastete wild um sich, bis er das Bündel auf seinem Rücken zu fassen bekam. Jory hustete, würgte Wasser, begann zu wimmern. Er lebte.
„Wir sind vollzählig“, rief Clara, die Lyra und Kael an den Rand des Beckens zog.
Sie kletterten auf einen schmalen Sims aus glitschigem Stein, der das Wasserbecken umgab. Sie waren nass, frierend und rochen nach Kanal, ein scharfer Kontrast zu der goldenen Pracht, die sie nur Minuten zuvor verlassen hatten.
Kael lag auf dem Stein, zusammengekrümmt, zitternd. Seine Haut war bläulich im Licht der Flechten, seine Augen weit aufgerissen, aber leer. Er starrte auf seine Hände. Die Metallröhren waren fort, abgerissen beim Sturz, aber Ringe aus rohem Fleisch zeigten, wo sie gesessen hatten.
Lyra kroch zu ihm. Sie hatte ihren Umhang verloren, trug nur noch ihre nasse Tunika, aber sie zögerte nicht. Sie legte ihre Arme um den fremden Mann, wärmte ihn mit ihrem eigenen Körper.
„Atme“, flüsterte sie. „Du bist frei. Hörst du? Du bist frei.“
Kael blinzelte. Er drehte den Kopf langsam zu ihr. „Frei?“, krächzte er. Seine Stimme klang, als hätte er sie seit Jahren nicht benutzt – was wahrscheinlich der Wahrheit entsprach. „Niemand ist frei in Zar’Athon. Wir sind nur... tiefer.“
„Tief ist gut“, sagte Zara. Sie stand bereits und wringte ihren Zopf aus. „Tief bedeutet, dass die Sonnen-Lanzen uns nicht erreichen.“
Marcus hatte seine Tasche geöffnet und prüfte panisch den Inhalt. „Die Karte ist trocken“, atmete er auf. „Das Logbuch auch.“ Er setzte seine zerbrochene Brille auf und blickte sich um. „Das hier... das ist die Alte Zisterne. Vorkriegsarchitektur. Bevor sie die magischen Pumpen installiert haben, haben sie das Wasser hier gesammelt.“
„Gibt es einen Ausweg?“, fragte Elias. Er stand am Rand des Simses und lauschte nach oben. Er hörte das ferne Grollen von Alarmhörnern, gedämpft durch Tonnen von Gestein. Suliman wusste, dass sie weg waren. Und er würde suchen.
„Dort“, sagte Marcus und deutete auf einen dunklen Torbogen am anderen Ende der Zisterne. „Das Überlaufsystem. Es führt nicht zurück in den Palast. Es führt in die Unterstadt.“
Elias ging zu Kael. Er kniete sich nieder. Der Wassermagier wich zurück, Angst flackerte in seinen Augen auf, als er den schwarzen Handschuh sah.
„Ich werde dir nichts tun“, sagte Elias ruhig. „Ich habe den Handschuh benutzt, um das Glas zu brechen. Nicht um dich zu verletzen.“
Kael starrte auf das schwarze Leder. „Das ist Schattenmagie“, flüsterte er. „Ich spüre die Kälte. Sie ist... hungrig.“
„Ja“, sagte Elias. „Aber sie hat dich da rausgeholt.“ Er streckte die linke Hand aus, die menschliche. „Kannst du laufen?“
Kael zögerte, dann ergriff er Elias’ Hand. Seine Haut war eisig und glitschig, wie die eines Fisches. Elias zog ihn hoch. Kael schwankte, seine Beine waren atrophieret, schwach von der langen Gefangenschaft, aber er stand.
„Warum?“, fragte Kael. Er sah in die Runde. Sah Tarek, der blutete. Clara, die erschöpft war. Jory, der bewusstlos war. „Warum habt ihr das getan? Ihr kennt mich nicht.“
„Wir kennen Käfige“, sagte Tarek trocken. Er schulterte Jory wieder. „Und wir mögen sie nicht.“
„Wir müssen gehen“, drängte Zara. „Wenn sie die Schleusen öffnen, um uns auszuspülen, wollen wir nicht hier sein.“
Sie marschierten los. Der Weg durch die Unterwelt von Zar’Athon war ein Spiegelbild ihres Weges durch die Wüste – dunkel, beschwerlich, endlos. Aber hier gab es keine Sterne, nur das feuchte Glimmen der Pilze und das Tropfen von Wasser.
Elias ging neben Kael. Er spürte, wie das Amulett auf den Magier reagierte. Es war kein aggressives Ziehen mehr, eher ein neugieriges Summen. Kaels Magie war anders als Arkans Schatten oder Elias’ Kälte. Sie war fließend, anpassungsfähig.
„Wie lange warst du da drin?“, fragte Elias leise.
„Jahre“, sagte Kael. Er ging barfuß, ignorierte die scharfen Steine. „Ich habe aufgehört zu zählen. Suliman... er liebt seine Brunnen mehr als sein Volk. Er brauchte das Wasser für seine Gärten. Also nahm er meins.“
Er blickte Elias an. „Du bist anders. Du hast Kraft, aber du hältst sie zurück. Warum?“
„Weil sie mich frisst, wenn ich es nicht tue“, sagte Elias. Er hob den Handschuh. „Das hier... ist keine Gabe. Es ist ein Damm.“
„Ein Damm kann brechen“, sagte Kael.
„Ich weiß.“
Sie erreichten das Ende des Überlaufs. Eine rostige Eisenleiter führte nach oben zu einem Kanaldeckel, durch dessen Ritzen schwaches, flackerndes Licht fiel. Geräusche drangen herab – Stimmengewirr, Musik, das Klirren von Geschirr. Aber es war nicht die höfliche Musik des Palastes. Es war rauer, wilder.
„Die Unterstadt“, sagte Marcus. „Der Schattenmarkt.“
Zara kletterte zuerst hoch. Sie drückte den Deckel vorsichtig an. Er bewegte sich. Sie schob ihn zur Seite und spähte hinaus.
„Luft rein“, flüsterte sie nach unten.
Sie kletterten hinaus.
Sie kamen in einer engen Gasse heraus, verborgen hinter Stapeln von Kisten und alten Fässern. Der Geruch, der sie empfing, war eine Mischung aus gebratenem Fleisch, billigem Parfüm, Schweiß und Haschischrauch.
Über ihnen spannte sich kein Sternenhimmel und kein goldenes Netz. Über die Gasse waren bunte Tücher gespannt, die wie Zeltdächer wirkten und das Licht der unzähligen Laternen dämpften und färbten.
Sie waren in Zar’Athon, aber nicht in der Stadt des Prinzen. Sie waren in der Stadt der Menschen.
Es war laut. Überall wurde gehandelt, gefeilscht, gestritten. Menschen drängten sich durch die engen Wege – Wüstenbewohner in weiten Gewändern, Söldner mit vernarbten Gesichtern, Händler, die Waren anpriesen, die im Palast verboten waren.
Niemand achtete auf die Gruppe von sechs zerlumpten Gestalten, die aus einem Kanaldeckel krochen. Hier, im Schatten der Goldenen Stadt, war jeder ein Flüchtling oder ein Verbrecher.
Elias atmete tief ein. Die Luft war stickig, aber sie fühlte sich freier an als die parfümierte Brise im Palast.
„Wir sind draußen“, sagte Clara. Sie steckte ihr Schwert weg, verbarg es unter dem restlichen Stoff ihres Umhangs.
„Aber wir sind nicht sicher“, sagte Tarek. Er lehnte sich gegen eine Wand, schweißgebadet. Jory war wach geworden, blinzelte verwirrt in die bunten Lichter. „Wir brauchen ein Versteck. Und Vorräte.“
„Und Informationen“, sagte Zara. Sie blickte in die Menge, ihre Augen leuchteten. Das war ihr Element. Das Chaos. Der Handel. „Wir müssen wissen, wo das Fragment ist. Wenn es nicht im Palast war...“
„Es war nicht im Palast“, sagte Elias. Er griff an seine Brust. Das Amulett war ruhig, aber es zeigte eine Richtung an. Nicht nach oben, zu den Terrassen. Sondern weiter hinein. In das Gewirr der Gassen.
„Es ist hier“, sagte er. „Irgendwo hier unten.“
Kael stand neben ihm. Er fror, obwohl es warm war. Lyra legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wir finden einen Platz“, sagte sie. „Wir finden Kleidung für dich.“
Kael nickte. Er sah Elias an. „Ihr habt mich gerettet. Mein Wasser gehört euch. Bis ich meine Schuld bezahlt habe.“
„Du schuldest uns nichts“, sagte Elias. „Aber wir brauchen dich. Wir brauchen jeden, der nicht zu Suliman gehört.“
Er trat aus dem Schatten der Kisten.
„Kommt“, sagte er. „Wir mischen uns unter das Volk. Wir werden unsichtbar.“
Sie traten in den Strom der Menschen ein. Sie waren schmutzig, verletzt und gejagt. Aber sie waren nicht mehr allein. Sie hatten einen neuen Verbündeten. Und sie hatten ein neues Ziel.
Der Markt der Schatten wartete.