NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 18: Der Weg zum Meer
Der Übergang vom Dschungel zur Küste war kein sanftes Ausklingen der Vegetation, sondern ein brutaler Bruch.
Hinter ihnen lag der Selva Magna, eine grüne, dampfende Wand aus Urwaldriesen und Lianen, die wie eine Festung gegen den Himmel ragte. Vor ihnen erstreckte sich eine Landschaft aus grauem Schiefergestein, kargen Klippen und salziger Luft, die so scharf war, dass sie in den Lungen brannte.
Der Boden war rutschig, bedeckt mit einem Film aus Gischt und Algen. Der Wind, der vom Westen herüberwehte, war nicht warm und feucht wie im Wald, sondern kalt und schneidend. Er trug den Geruch von Salz und Freiheit, aber auch von Einsamkeit.
Elias ging als Letzter. Er hatte sich zurückfallen lassen, weg von der Gruppe, die sich mühsam den schmalen Pfad entlang der Klippen hocharbeitete. Sein Umhang flatterte wild im Wind, ein grauer Fetzen gegen den grauen Himmel.
Er hielt seinen rechten Arm eng an den Körper gepresst. Der Schwarze Handschuh war ruhig, die silbernen Fäden dunkel, aber das Amulett an seiner Brust war wach.
Es war nicht mehr das hungrige Vakuum der Wüste oder das kampflustige Artefakt des Tempels. Es war instabil.
Der Riss im Kristall pulsierte unregelmäßig. Mal war er heiß wie Feuer, mal kalt wie Eis. Er reagierte auf die Nähe des Meeres, auf die gewaltige Masse an Wasser, die vor ihnen lag. Die Energie des Sonnen-Auges und des Wald-Herzens prallte im Inneren des Kristalls aufeinander, suchte nach einem Ausweg, nach einem Ventil.
Elias stolperte. Ein Schwindelgefühl überkam ihn, so heftig, dass er sich an einen Felsblock stützen musste. Er würgte, spuckte Galle auf den Stein.
„Nicht jetzt“, flüsterte er. „Halt zusammen.“
Er blickte nach vorne.
Kael rannte.
Der Wassermagier, der im Dschungel kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, der getragen und gestützt werden musste, war wie verwandelt. Er lachte. Es war ein helles, fast kindliches Lachen, das vom Wind davongetragen wurde.
Er sprang über Felsspalten, kletterte behände über Geröllhaufen. Seine Haut, die im Wald grau und kränklich gewirkt hatte, leuchtete jetzt in einem gesunden Perlmutt-Schimmer. Seine blauen Augen strahlten.
„Das Meer!“, rief er. Er blieb am Rand einer Klippe stehen, breitete die Arme aus, als wollte er den ganzen Ozean umarmen. „Ich bin zu Hause!“
Lyra stand etwas abseits und beobachtete ihn. Ein wehmütiges Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie hatte ihre Hände immer noch in den Ärmeln verborgen, aber ihre Haltung war entspannter.
„Er blüht auf“, sagte sie leise zu Marcus, der neben ihr stand und versuchte, seine Karte vor dem Wind zu schützen.
„Er ist in seinem Element“, analysierte Marcus, obwohl seine Stimme zitterte. „Die hydro-magische Sättigung hier ist extrem hoch. Er zieht Energie direkt aus der Umgebung, ohne Konvertierungsverlust.“ Er rückte seine zerbrochene Brille zurecht. „Faszinierend. Und beängstigend.“
Tarek humpelte heran. Er stützte sich schwer auf Clara. Seine Wunde war verbunden, aber der Magiebrand hatte Spuren hinterlassen, die tiefer gingen als das Fleisch. Er war langsamer, vorsichtiger. Aber er lebte.
„Er sieht aus wie ein Fisch, den man ins Wasser geworfen hat“, brummte Tarek. „Hoffentlich vergisst er nicht, dass wir nicht schwimmen können.“
Kael drehte sich zu ihnen um. Sein Gesicht war nass von der Gischt. „Kommt!“, rief er. „Es ist nicht mehr weit. Die Strömung... ich kann sie spüren. Sie singt.“
Elias kämpfte sich zu ihnen hoch. Er zwang sich, gerade zu stehen, den Schmerz zu verbergen.
„Wir brauchen ein Schiff“, sagte er, seine Stimme rau gegen den Wind. „Wir können nicht schwimmen. Nicht bis zu den Nebel-Inseln.“
„Dort“, sagte Zara.
Sie stand auf einem Felsvorsprung, die Hand über den Augen, und deutete nach Norden entlang der Küstenlinie.
Der Nebel, der über dem Wasser hing, riss für einen Moment auf. Und sie sahen es.
Es war keine Stadt im herkömmlichen Sinne. Es war ein Chaos aus Holz und Rost. Wracks von Schiffen, die vor Jahrhunderten auf Grund gelaufen waren, türmten sich übereinander, verbunden durch wackelige Stege, Hängebrücken und Plattformen. Masten ragten wie nackte Bäume in den Himmel, behangen mit Laternen und Netzen.
Schornsteine aus schwarzem Eisen spien Rauch aus, der sich mit dem Nebel vermischte. Es sah aus wie ein Geschwür am Rand der Welt, das sich an die Klippen klammerte.
Hafen Nebelheim.
„Das sieht nicht sehr einladend aus“, bemerkte Marcus und zog seinen Mantel enger. „Statistisch gesehen ist die Kriminalitätsrate in solchen Enklaven...“
„Hundert Prozent“, beendete Zara den Satz trocken. Sie grinste. „Perfekt. Genau mein Pflaster.“
„Wir gehen rein“, sagte Elias. „Wir finden einen Kapitän. Und wir verschwinden von diesem Kontinent.“
Er wollte weitergehen, aber Kael hielt ihn auf. Der Wassermagier trat vor Elias, legte ihm eine Hand auf die Brust – direkt auf das Amulett.
Elias zuckte zurück. „Fass es nicht an!“
„Es brennt“, sagte Kael ruhig. Er zog die Hand nicht weg. Dampf stieg auf, wo seine feuchten Finger das heiße Metall berührten. „Du verbrennst, Elias.“
„Ich halte durch“, presste Elias hervor.
„Nicht lange“, sagte Kael. Er sah Elias tief in die Augen. „Du brauchst das Wasser. Du brauchst die Träne. Wenn du sie nicht bald findest... wirst du explodieren wie ein Vulkan.“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren“, sagte Elias und schob Kaels Hand weg.
Er ging an ihm vorbei, den Blick stur auf die rostige Stadt gerichtet. Er spürte die Angst der anderen in seinem Rücken. Die Sorge. Aber er konnte sie nicht beruhigen. Er konnte sie nur führen.
Der Abstieg zum Hafen war steil und rutschig. Der Pfad wand sich die Klippen hinab, vorbei an Nestern von Seevögeln, die kreischend aufflogen.
Als sie den Strand erreichten, war die Sonne fast untergegangen. Das graue Wasser des Meeres färbte sich schwarz. Die Lichter von Nebelheim flackerten auf – gelbe, rote und grüne Punkte in der Dämmerung.
Es roch nach Fisch, nach Teer und nach billigem Rum.
„Willkommen am Ende der Welt“, murmelte Zara. Sie zog ihre Dolche, versteckte sie in ihren Ärmeln. „Haltet die Taschen zu und den Mund offen. Hier bezahlt man mit Geschichten oder mit Blut.“
Sie traten auf den ersten Steg, der in die Stadt aus Wracks führte. Das Holz ächzte unter ihren Füßen. Unter ihnen gurgelte das Wasser.
Sie waren da. Am Rand des Ozeans.
Und Elias wusste, dass dies der Ort war, an dem sich alles entscheiden würde.
Der Abstieg von den Klippen zum Strand war kein Weg, der für Menschen gemacht war. Es war eine Narbe im Fels, ausgewaschen von Jahrtausenden aus salzigem Regen und peitschender Gischt, ein vertikaler Riss, der sich in Serpentinen in die Tiefe wand, rutschig von Algen und Vogelkot.
Der Wind hier draußen an der Kante der Welt war brutaler als in der Wüste oder im Dschungel. Er trug keine Hitze und keine Feuchtigkeit, er trug Kälte und Lärm. Das Tosen des Westmeeres war ein permanentes, grollendes Donnergrollen, das jede Unterhaltung in ein Brüllen verwandelte und das Gleichgewichtssinn störte.
Elias ging voran, aber seine Bewegungen waren steif, abgehackt. Er musste sich zwingen, nicht nach unten zu schauen, nicht in die graue, kochende Suppe der Brandung, die hundert Meter unter ihnen gegen die schwarzen Felsen schlug.
Das Amulett an seiner Brust war ein Problem.
In der Wüste hatte es die Hitze getrunken. Im Dschungel hatte es das Leben bekämpft. Aber hier, am Meer, war es verwirrt. Die Energie des Ozeans war gewaltig, eine unendliche kinetische Masse, die ständig in Bewegung war. Aber sie war auch nass. Und das Fragment des Feuers – das Auge der Sonne –, das nun tief im Kristall saß, hasste das Wasser.
Jedes Mal, wenn die Gischt hochspritzte und Elias’ Gesicht benetzte, zischte das Amulett. Ein stechender Schmerz, wie ein Nadelstich, fuhr in seine Brust. Der Riss glühte rot auf, versuchte, das Wasser zu verdampfen, bevor es die Haut berührte. Elias war in eine Wolke aus Dampf gehüllt, die von ihm selbst ausging.
„Halt dich am Fels!“, schrie Zara von oben. Sie kletterte rückwärts, sicherte Marcus, der sich mit beiden Händen an einen vorspringenden Stein klammerte, als wolle er ihn erwürgen. „Nicht nach unten schauen, Gelehrter! Schau auf meine Stiefel!“
„Die Erosion...“, wimmerte Marcus, das Gesicht gegen den feuchten Schiefer gepresst. „Der Reibungskoeffizient dieses Gesteins ist katastrophal niedrig. Wir rutschen. Das ist statistisch unvermeidbar.“
„Dann rutsch auf deinem Hintern, aber lass nicht los!“, rief Zara zurück.
Weiter oben war der Kampf ein anderer. Tarek und Clara bewegten sich als eine Einheit. Clara ging voran, suchte Tritte für Tarek, führte seinen Fuß. Tarek, dessen linke Seite steif war von der Nekrose-Narbe, musste sein ganzes Gewicht auf das rechte Bein verlagern. Er schwitzte, trotz der Kälte. Sein Atem ging rasselnd, ein nasses Geräusch, das Clara mehr Angst machte als der Abgrund.
„Noch ein Stück“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, fest. „Setz den Fuß hierhin. Ja. Gut.“
Tarek grunzte. Er blickte nicht auf den Weg. Er blickte auf Clara. Auf ihren Nacken, auf die nassen Strähnen ihres Haares, die sich aus dem Zopf gelöst hatten. Er konzentrierte sich auf sie, blendete den Schmerz aus. Ein Fuß nach dem anderen, dachte er. Wie beim Marschieren. Nur steiler.
„Ich... halte dich auf“, keuchte er.
„Halt die Klappe“, sagte Clara, ohne sich umzudrehen. „Du hältst mich nicht auf. Du hältst mich fest.“
Ganz unten, fast schon in der Gischt, wartete Kael.
Der Wassermagier war nicht geklettert. Er war geflossen. Er hatte sich vom Fels gleiten lassen, getragen von Wasseradern, die aus dem Gestein sickerten. Jetzt stand er auf einem glitschigen Felsblock mitten in der Brandung, die Arme ausgebreitet, das Gesicht dem Wind zugewandt.
Er lachte.
Es war kein wahnsinniges Lachen wie das von Elias im Tempel. Es war ein Lachen purer, unbändiger Freude. Seine Haut leuchtete, seine Augen waren zwei blaue Sterne. Das Meerwasser umspülte seine nackten Füße, kletterte an seinen Beinen hoch, aber es machte ihn nicht nass. Es umarmte ihn.
„Kommt!“, rief er zu ihnen hoch. Seine Stimme war klar, trug mühelos über den Lärm der Wellen. „Das Wasser ist gut! Es ist stark!“
Er hob die Hand. Eine Welle, die sich gerade brechen wollte, fror in der Bewegung ein. Sie erstarrte nicht zu Eis, sie hielt einfach inne, bildete eine stehende Wand aus Wasser, die den Wind abblockte und die Gischt fernhielt.
Lyra, die als Erste den Strand erreichte, starrte ihn an. Sie rutschte den letzten Meter im Schlick aus, landete auf den Knien. Sie war durchnässt, ihre weißen Haare klebten an ihrem Schädel wie ein Helm. Sie sah Kael an, wie er dort stand, ein Herrscher in seinem Element.
„Er ist... mächtig“, flüsterte sie. Ein Stich von Neid mischte sich in ihre Erleichterung. Er hatte sein Element gefunden. Sie hatte ihres verloren – oder gegen etwas Schreckliches eingetauscht.
Sie blickte auf ihre Hände. Sie waren rot von der Kälte, aber unter der Haut pulsierte noch immer das Reinigende Feuer. Es wärmte sie nicht. Es brannte sie.
Als alle den Strand erreicht hatten, löste Kael den Zauber. Die Welle brach krachend in sich zusammen, spülte bis zu ihren Stiefeln, ein schäumender Teppich aus grauem Wasser.
Sie standen an einem schmalen Streifen aus schwarzem Vulkansand und grobem Kies. Hinter ihnen die Wand, vor ihnen das Meer. Und zur Rechten, im Norden, die Stadt Nebelheim.
Aus der Nähe sah die Stadt noch weniger wie eine Stadt aus und mehr wie ein Unfall. Wracks von Galeonen, Kähnen und Kriegs-Dschunken lagen übereinander gestapelt, verkeilt in Felsspalten, verbunden durch wackelige Hängebrücken und Stege aus verrotteten Planken. Laternen schwangen im Wind, warfen unruhige Lichtkreise auf das rostige Metall und das graue Holz.
Es roch nach Teer, nach Fischabfällen und nach billigem Rum, ein Geruch, der selbst gegen den Salzwind anstank.
„Wir müssen da rein“, sagte Elias. Er stand etwas abseits, hielt Abstand zum Wasser. „Wir brauchen ein Schiff.“
„Wir brauchen mehr als ein Schiff“, sagte Zara. Sie wringte ihren Umhang aus. „Wir brauchen einen Kapitän, der verrückt genug ist, bei diesem Wetter auszulaufen. Und wir brauchen Geld.“
„Wir haben kein Geld“, erinnerte Marcus sie. Er klopfte vorsichtig seine Tasche ab, prüfte, ob das Logbuch und die Karte trocken geblieben waren. „Wir haben nur... uns.“
„Das reicht vielleicht“, sagte Zara und grinste humorlos. Sie deutete auf Elias. „Wir haben den Mann, der Seraphis angezündet hat. Und wir haben...“ Sie deutete auf Kael. „...den König der Wellen. In Nebelheim respektiert man Gewalt.“
„Ich will keine Gewalt mehr“, sagte Lyra leise.
„Du wirst sie kriegen, ob du willst oder nicht“, sagte Tarek. Er lehnte sich schwer auf Clara. „Sieh dir den Strand an.“
Sie folgten seinem Blick. Der Strand zwischen ihnen und der Stadt war nicht leer.
Es war ein Friedhof der Wale.
Riesige Skelette, bleich wie Elfenbein, ragten aus dem schwarzen Sand. Rippenbögen, so groß wie Tore, Wirbelknochen, die wie Tische aussahen. Aber es waren nicht nur Knochen.
Zwischen den Skeletten bewegten sich Gestalten. Geduckt, schnell, huschend. Sie trugen Lumpen, die aussahen wie Seetang, und hielten lange Haken in den Händen.
„Strandplünderer“, sagte Zara und zog ihre Dolche. „Aasfresser. Sie suchen nach Treibgut. Nach Ringen an den Fingern von Ertrunkenen.“
„Sie stehen im Weg“, sagte Elias.
„Sie sind viele“, sagte Clara. „Mindestens zwanzig.“
„Wir können nicht kämpfen“, sagte Marcus. „Nicht schon wieder. Tarek...“
„Ich kann stehen“, knurrte Tarek.
„Nein“, sagte Kael. Er trat vor. Er ging am Wasser entlang, barfuß im eisigen Sand. Er wirkte nicht mehr wie der zerbrechliche Gefangene. Er wirkte gefährlich.
„Wir müssen nicht kämpfen“, sagte Kael. „Wir sind am Meer. Das Meer entscheidet, wer vorbeigeht.“
Er hob die Hände. Aber diesmal rief er keine Welle. Er rief den Nebel.
Er zog die Feuchtigkeit aus der Gischt, verdichtete sie. Eine Wand aus weißem, undurchdringlichem Dampf wuchs aus dem Wasser, kroch den Strand hinauf. Sie war dicker als der Nebel im Dschungel, kälter. Sie roch nach Tiefe.
„Bleibt dicht bei mir“, sagte Kael. „Im Nebel sind alle Schatten gleich.“
Sie traten in die weiße Wand. Die Sichtweite sank auf null. Elias griff nach dem Seil an seiner Hüfte, das er noch immer trug, und reichte das Ende an Lyra weiter. Sie banden sich wieder zusammen. Eine Kette im Nichts.
Sie gingen durch das Skelettfeld. Sie sahen die Plünderer nicht, aber sie hörten sie. Das Schmatzen von nackten Füßen im Sand. Das Kratzen von Haken auf Knochen. Ein Flüstern, das keine Sprache war.
Einmal tauchte eine Gestalt direkt vor Elias auf. Ein Mann mit einem Gesicht voller Pocken, der an einem Walknochen nagte. Er starrte Elias an, aber er sah ihn nicht. Der Nebel schluckte das Licht.
Elias hielt den Atem an. Das Amulett pulsierte. Es wollte den Nebel trinken, die Magie aufsaugen. Elias kämpfte dagegen an. Nicht jetzt, dachte er. Lass uns unsichtbar sein.
Der Plünderer schnupperte. Er roch etwas. Vielleicht den Schwefel an Elias’ Kleidung. Er hob seinen Haken.
Kael, der vor Elias ging, drehte nur den Kopf. Eine kleine Welle aus kondensiertem Wasser schoss aus dem Nebel, traf den Plünderer ins Gesicht, füllte seinen Mund, seine Nase. Der Mann gurgelte, griff sich an den Hals, taumelte zurück in die Dunkelheit.
Sie gingen weiter. Lautlos. Unsichtbar.
Schließlich lichtete sich der Nebel. Sie standen vor den ersten Pfählen von Nebelheim. Eine Holzrampe führte nach oben, hinein in das Gewirr aus Schiffswracks.
„Wir sind da“, flüsterte Zara.
Sie kletterten die Rampe hoch. Das Holz war glitschig, morsch. Unter ihnen schwappte das schwarze Wasser gegen die Pfeiler.
Sie erreichten eine Plattform. Vor ihnen lag eine Gasse, gebildet aus zwei halbierten Schiffsrümpfen, die gegeneinander gelehnt waren. Laternen warfen rotes Licht auf den nassen Boden.
Aus einer offenen Tür drang Lärm. Gelächter. Musik, gespielt auf verstimmten Instrumenten. Der Geruch von gebratenem Fisch und Schnaps.
Eine Taverne. Über der Tür hing ein Schild, ein rostiger Anker, der an einer Kette baumelte.
„Zum Rostigen Anker“, las Marcus.
„Dort“, sagte Zara. „Dort finden wir unseren Kapitän.“
Elias trat vor. Er zog seine Kapuze tief ins Gesicht. Er verbarg den Handschuh, verbarg das Amulett. Aber er konnte die Kälte nicht verbergen, die er ausstrahlte.
„Dann lasst uns einen Pakt schließen“, sagte er.
Er stieß die Tür auf.
Der Lärm, der ihnen entgegenschlug, als Elias die schwere Holztür aufstieß, war eine physische Wand.
Das Innere der Taverne „Zum Rostigen Anker“ war kein Raum im herkömmlichen Sinne. Es war der ausgehöhlte Bauch eines gigantischen, umgedrehten Kriegsschiffes. Die massiven Spanten aus schwarzer Eiche wölbten sich über ihnen wie die Rippen eines Wals, geschwärzt von Ruß und dem Rauch von tausend Pfeifen. Laternen aus Buntglas, die von den Deckenbalken hingen, warfen ein schummriges, blutrotes Licht auf die Szenerie, das die Gesichter der Gäste in dämonische Fratzen verwandelte.
Es stank. Der Geruch war eine aggressive Mischung aus verschüttetem Rostwasser, ranzigem Walfett, ungewaschenen Leibern und dem süßlichen Duft von Opium, das in dunklen Ecken geraucht wurde.
Elias blieb im Eingang stehen. Die Kälte des Amuletts an seiner Brust reagierte sofort auf die geballte Ladung an Leben und Aggression, die diesen Raum füllte. Der Riss im Kristall pulsierte heftig, ein schmerzhaftes Stechen, das ihn daran erinnerte, dass er hier nicht hingehörte. Er war ein Element der Leere in einem Raum voller Überfluss.
Hinter ihm drängten sich die anderen hinein. Tarek stützte sich schwer auf Clara, sein Atem ging rasselnd. Marcus hielt seine Tasche vor die Brust gepresst, seine Augen hinter der zerbrochenen Brille scannten panisch den Raum, berechneten Fluchtwege, die es nicht gab. Lyra und Kael standen dicht beieinander, zwei Fremdkörper aus einer anderen Welt.
Die Gespräche verstummten nicht, aber sie veränderten sich. Blicke wanderten zur Tür. Harte, abschätzende Blicke. Hier saßen keine Bauern oder Händler. Hier saßen Deserteure der Seraphis-Garde, Schmuggler, die den Zoll der Hygrandier umgangen hatten, und Piraten, deren Haut mit Karten von Meeren tätowiert war, die es nicht mehr gab.
„Geh weiter“, zischte Zara und stieß Elias sanft in den Rücken. „Wenn du im Eingang stehenbleibst, bist du ein Ziel. Such dir eine Ecke.“
Elias nickte. Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, verbarg den Schwarzen Handschuh in den Falten seines Mantels. Er schob sich durch die Menge. Niemand wich ihm aus. Er musste Schultern streifen, Blicke erwidern. Er spürte die Hitze der Körper, die Gier, die Gewalt.
Nimm es, flüsterte das Amulett. Sie sind voll von Energie. Ein Funke... und der ganze Raum brennt.
Elias biss die Zähne zusammen. Er steuerte auf einen Tisch in der hintersten Ecke zu, der im Schatten eines herabhängenden Segels lag. Sie ließen sich nieder. Tarek sackte auf eine Bank, sein Gesicht grau und schweißnass.
„Wir brauchen... einen Drink“, murmelte er. „Etwas Starkes. Um die Wunde zu reinigen.“
„Wir haben kein Geld“, erinnerte ihn Marcus leise.
„Wir haben Luma“, sagte Zara. Sie legte eine Hand auf den Tisch. „Zumindest die Reste davon.“ Sie holte eine der leeren Glasmünzen hervor. „Hier drin ist der Glaube an Wert noch nicht ganz gestorben.“
Eine Schankmaid kam an ihren Tisch. Sie war breit gebaut, mit Armen wie Taue und einer Narbe, die sich quer über ihren Hals zog. Sie knallte sechs Becher auf den Tisch, ohne zu fragen.
„Rostwasser oder Grog?“, fragte sie. Ihre Stimme klang wie Kies in einer Blechdose.
„Wasser“, sagte Lyra. „Sauberes Wasser.“
Die Frau lachte. Es war ein kurzes, bellendes Geräusch. „Wasser kostet extra, Püppchen. Hier trinkt man, um zu vergessen, nicht um gesund zu werden.“ Sie blickte auf Tarek. „Der da sieht aus, als bräuchte er einen Priester, keinen Drink.“
„Er braucht Ruhe“, sagte Clara scharf. „Bring uns, was du hast. Wir zahlen.“
Die Frau musterte sie. Ihr Blick blieb an Elias hängen. An der Art, wie er seinen rechten Arm hielt. An der Kälte, die von ihm ausging und die schwüle Luft am Tisch abkühlte. Sie rümpfte die Nase, sagte aber nichts. Sie ging.
„Wir sind hier falsch“, flüsterte Marcus. „Die Kriminalitätsrate... die statistische Wahrscheinlichkeit einer gewaltsamen Konfrontation liegt bei über neunzig Prozent.“
„Wir sind genau richtig“, sagte Zara. Sie lehnte sich zurück, beobachtete den Raum. „Sieh sie dir an, Marcus. Das sind keine Soldaten. Das sind Überlebende. Genau wie wir.“
„Wir suchen einen Kapitän“, sagte Elias. Er sprach leise, aber seine Stimme war fest. „Jemanden, der verrückt genug ist, bei diesem Wetter auszulaufen. Und jemanden, der die Nebel-Inseln kennt.“
Bei der Erwähnung der Inseln zuckte Kael zusammen. Er saß neben Lyra, starrte in seinen leeren Becher. „Die Inseln... sie sind nah. Ich kann sie spüren. Das Wasser dort... es ist anders. Tiefer.“
„Kennst du einen Namen?“, fragte Clara.
„Morgana“, sagte Zara. „Morgana Sturmherz. Man sagt, sie hat ihr Schiff mit dem Holz von Särgen geflickt. Man sagt, sie segelt dort, wo selbst die Leviathane Angst haben.“
„Wo finden wir sie?“, fragte Elias.
„Sie findet uns“, sagte Zara. Sie nickte unauffällig zur Mitte des Raumes.
Dort, an einem runden Tisch, der den besten Blick auf die Tür bot, saß eine Frau. Sie trug keinen Piratenhut, keine Augenklappe. Sie trug einen Mantel aus dunkelblauem Offiziersstoff, der mit Silberfäden bestickt war – Beute von einem königlichen Schiff. Ihr Haar war schwarz, kurz geschnitten. Sie rauchte eine lange Pfeife, und der Rauch bildete kleine Ringe, die nicht zerfielen.
Sie starrte direkt zu ihnen herüber.
„Sie weiß, wer wir sind“, sagte Tarek, dessen Hand zum Griff seines Schwertes wanderte. „Oder sie riecht das Blut.“
„Sie riecht das Gold“, korrigierte Zara. „Oder das, was wir dafür halten.“
Elias spürte, wie der Riss im Amulett pochte. Die Nähe zu so vielen Menschen, zu so viel roher Emotion, war eine Qual. Er musste hier raus. Er musste auf das Meer.
„Ich rede mit ihr“, sagte Elias.
„Du?“, fragte Marcus entsetzt. „Du bist... diplomatisch nicht qualifiziert. Du bist eine laufende Bedrohung.“
„Genau deshalb“, sagte Elias. Er stand auf. Der Handschuh knirschte leise. „Ich bitte nicht um eine Passage. Ich fordere sie.“
„Warte“, sagte Kael. Er stand ebenfalls auf. Er wirkte schwach, aber seine Augen leuchteten. „Ich komme mit. Das Meer... es gehört nicht ihr. Es gehört mir.“
Elias sah ihn an. Er sah die Veränderung in dem Wassermagier. Kael war nicht mehr das Opfer im Glaskasten. Er war ein Element, das zu seiner Quelle zurückkehrte.
„Gut“, sagte Elias.
Er ging durch den Raum. Die Gespräche verstummten, wo er vorbeikam. Die Kälte, die er ausstrahlte, ließ die Kerzen flackern. Männer zogen die Schultern hoch, griffen nach ihren Waffen, aber niemand stellte sich ihm in den Weg. Er war der Tod, der durch die Kneipe ging.
Er erreichte den Tisch von Morgana Sturmherz.
Sie sah nicht auf. Sie stopfte ihre Pfeife nach.
„Du machst mir den Boden kalt, Junge“, sagte sie mit einer Stimme, die nach Rauch und Salz klang. „Und du verscheuchst meine Gäste.“
„Ich brauche ein Schiff“, sagte Elias.
Morgana lachte leise. Sie hob den Kopf. Ihre Augen waren grau wie das Meer vor einem Sturm.
„Jeder braucht hier ein Schiff. Die Frage ist: Warum sollte ich euch mitnehmen? Ihr seht aus wie Ärger. Und Ärger bezahlt nicht.“
Elias legte die behandschuhte Hand auf den Tisch. Das Holz zischte, wurde schwarz unter dem Leder.
„Weil wir dort hingehen, wo der Nebel herkommt“, sagte er. „Und weil ich der Einzige bin, der dich davor bewahren kann, darin zu ertrinken.“
Morgana blickte auf den verkohlten Handabdruck. Sie blickte Elias in die Augen. Sie sah die Leere darin. Und sie lächelte.
„Setz dich“, sagte sie. „Erzähl mir eine Lüge, die ich glauben kann.“
Draußen heulte der Wind um die Wracks von Nebelheim. Aber drinnen, im Bauch des toten Schiffes, wurde der Pakt geschmiedet, der sie über den Rand der Welt bringen würde.
Der Weg zum Meer war zu Ende. Die Fahrt in die Tiefe begann.
Kael stand allein am Bug des improvisierten Floßes, das sie aus Treibholz gezimmert hatten. Die Nacht war klar. Sterne spiegelten sich im schwarzen Wasser, ein zweiter Himmel unter ihm.
Er streckte eine Hand aus. Das Wasser stieg auf, bildete eine schwebende Kugel in seiner Handfläche. Es war so einfach. Natürlicher als atmen. Er könnte sich einfach fallen lassen. Ins Wasser gleiten. Sich auflösen.
Komm nach Hause, flüsterte das Meer. Es war keine Stimme. Es war ein Gefühl. Eine Sehnsucht, die in seinen Knochen vibrierte.
„Du siehst aus, als würdest du gleich springen."
Kael ließ die Wasserkugel fallen. Clara stand hinter ihm, Arme verschränkt.
„Manchmal will ich", sagte er leise. „Einfach... aufhören zu sein. Mich mit dem Wasser verbinden. Für immer."
Clara trat neben ihn. Sie sagte nichts. Das mochte er an ihr.
„Ich wurde in einer Hafenstadt geboren", fuhr Kael fort. „Mit fünf fiel ich von einem Steg. Ich ertrank nicht. Ich atmete. Unter Wasser. Die anderen nannten mich Monster." Er lächelte bitter. „Meine Mutter brachte mich zur Akademie. Sie sagte, sie könne mich nicht mehr beschützen."
„Bereust du es?"
„Jeden Tag." Kael sah auf seine Hände. „Aber dann... dann habe ich euch gefunden. Diese verrückte Gruppe von Gebrochenen. Und ich dachte: Vielleicht kann ich auch bleiben. Kämpfen. Existieren."
„Du darfst nicht aufgeben", sagte Clara fest.
„Warum nicht?" Kaels Stimme war kaum hörbar. „Das Meer ruft mich, Clara. Es sagt, ich gehöre dorthin. Und eines Tages... eines Tages werde ich antworten müssen."
Clara legte eine Hand auf seinen Arm. „Nicht heute. Heute gehörst du zu uns."
Kael nickte. Aber er wusste die Wahrheit. Das Meer war geduldig. Es würde warten.
Und wenn die Zeit kam, würde er bereit sein.
Noch nicht, dachte er, während er ins Wasser starrte. Aber bald.