NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 19: Hafen Nebelheim

Der Tisch, an dem Morgana Sturmherz Hof hielt, war eine Scheibe aus dem versteinerten Holz eines Urzeitbaumes, so dunkel und hart wie Eisen, übersät mit den Narben von tausend Messerstichen und Brandflecken. Er war das Zentrum der Schwerkraft im „Rostigen Anker“, ein Altar der Gesetzlosigkeit, um den sich der Rauch von billigem Tabak und der Dunst von Rostwasser wie Weihrauch wanden.

Elias setzte sich ihr gegenüber. Er tat es langsam, jede Bewegung kontrolliert, als würde er sich auf einen Thron setzen und nicht auf einen wackeligen Schemel, der nach altem Schweiß roch. Er legte seine rechte Hand auf die Tischplatte. Der Schwarze Handschuh lag schwer auf dem Holz, das Leder glänzte feucht im Licht der Talgkerzen, die silbernen Fäden pulsierten in einem Rhythmus, der für das bloße Auge kaum wahrnehmbar war, aber die Luft um den Tisch herum zum Knistern brachte.

Morgana lehnte sich zurück. Der Stuhl unter ihr ächzte – ein kunstvolles Stück aus Walknochen und Samt, das sie zweifellos von einem Schiff gestohlen hatte, das weniger Glück gehabt hatte als ihres. Sie blies eine Rauchwolke in Elias’ Gesicht. Der Rauch roch süßlich, nach Opium und Nelken, und brannte in den Augen.

„Eine Lüge“, wiederholte sie ihre Forderung, ihre Stimme rau wie das Schleifen eines Kiels auf Sand. „Erzähl mir eine, Junge. Aber mach sie gut. In Nebelheim bezahlen wir mit Geschichten, wenn das Gold fehlt. Und du siehst aus, als hättest du deine Taschen voller Staub.“

Sie musterte ihn, und ihr Blick war schärfer als der eines Händlers auf dem Markt von Seraphis. Sie sah nicht nur den Schmutz und das Blut. Sie sah die Art, wie seine Freunde sich im Hintergrund hielten – Tarek, der sich auf sein Schwert stützte wie ein sterbender König; Marcus, der zitterte, aber dessen Augen alles registrierten; Zara, deren Hand unter dem Tisch am Messergriff spielte. Und sie sah Kael.

Ihr Blick verweilte auf dem Wassermagier. Kael stand etwas abseits, bleich, aber aufrecht. Er starrte nicht Morgana an. Er starrte durch die Planken der Wand, hinaus auf das Meer, als könnte er es durch das Holz hindurch riechen.

„Der da“, sagte Morgana und deutete mit dem Stiel ihrer Pfeife auf Kael. „Er riecht nach Salz. Aber nicht nach Hafen-Salz. Nach Tiefsee.“

„Er ist der Navigator“, sagte Elias ruhig.

Morgana lachte. Es war ein trockenes, bellendes Geräusch. „Ich brauche keinen Navigator. Ich kenne jede Riffkante zwischen hier und dem Südpol. Ich brauche einen Grund, mein Schiff nicht einfach hier liegen zu lassen und euch an die Schattenflotte zu verkaufen, die draußen vor der Bucht kreuzt.“

Bei dem Wort Schattenflotte ging ein Raunen durch die Taverne. Die Gespräche an den Nachbartischen verstummten. Männer, die aussahen, als hätten sie ihre eigenen Mütter für einen Schluck Rum verkauft, zogen die Köpfe ein.

Marcus trat einen halben Schritt vor, die Logik kämpfte gegen seine Angst an. „Die Flotte blockiert den Handel“, sagte er, seine Stimme zittrig, aber hörbar. „Statistisch gesehen verlieren Sie jeden Tag Profit, solange die Blockade steht. Ein Durchbruch wäre... ökonomisch vorteilhaft.“

Morgana zog eine Augenbraue hoch. „Ein Buchhalter? In meiner Kneipe? Das wird ja immer besser.“ Sie wandte sich wieder Elias zu. „Also? Die Lüge.“

Elias lehnte sich vor. Das Amulett unter seiner Tunika wurde heiß. Der Riss vibrierte, reagierte auf die Gefahr, auf die Spannung im Raum. Elias nutzte es. Er ließ die Kälte, die er in der Wüste gesammelt hatte, in seine Stimme fließen.

„Ich bin kein Flüchtling“, sagte er. „Und ich suche keine Rettung.“

Er hob die behandschuhte Hand und drückte einen Finger auf das Holz. Dort, wo das Leder den Tisch berührte, begann das Holz zu rauchen. Es verkohlte nicht durch Hitze. Es zerfiel zu grauer Asche, die Struktur einfach ausgelöscht durch die Entropie.

Die Piraten am Nebentisch sprangen auf, ihre Hände an den Waffen. Morgana rührte sich nicht. Nur ihre Augen verengten sich.

„Ich bin der Grund, warum die Stadt brennt“, fuhr Elias fort, leise, aber jedes Wort war ein Hammerschlag. „Ich bin der Grund, warum Arkan seine Flotte geschickt hat. Und ich bin der Einzige, der sie aufhalten kann.“

Er blickte ihr direkt in die grauen Augen.

„Das ist die Lüge, Morgana. Dass ich sie aufhalten kann. Die Wahrheit ist: Ich werde sie wahrscheinlich alle mit mir in den Abgrund reißen. Und dich auch.“

Er zog die Hand zurück. Ein perfekter, schwarzer Fingerabdruck war tief in das versteinte Holz gebrannt.

„Aber wenn wir es schaffen...“, sagte Elias, „...dann gehört dir alles, was wir finden. Das Gold der Alten. Die Geheimnisse der Nebel-Inseln. Und der Ruhm, die Frau zu sein, die den Tod über das Meer geschippert hat.“

Stille in der Taverne. Man hörte nur das Knarren der Balken und das ferne Tosen der Brandung.

Morgana starrte auf den Abdruck im Tisch. Sie zog an ihrer Pfeife, blies den Rauch langsam aus.

„Die Nebel-Inseln“, sagte sie nachdenklich. „Niemand kehrt von dort zurück. Die Strömungen sind falsch. Der Nebel frisst den Kompass.“

„Nicht meinen“, sagte Marcus und zog den kaputten Kompass hervor. Die Nadel zeigte stur nach Westen, hinaus aufs offene Meer. „Er zeigt nicht nach Norden. Er zeigt zum Ziel.“

Morgana betrachtete das Instrument. Gier flackerte in ihren Augen auf, aber auch Respekt.

„Ein Pfadfinder“, murmelte sie. „Und ein Zerstörer.“ Sie blickte Kael an. „Und was bist du, Wasser-Junge?“

Kael trat an den Tisch. Er wirkte nicht mehr schwach. Hier, wo das Meer so nah war, dass der Boden unter ihnen schwankte, war er stark.

„Ich bin der Wind in deinen Segeln“, sagte Kael. „Ich bin die Strömung unter deinem Kiel. Ohne mich... kommst du nicht durch die Blockade. Mit mir... fliegt dein Schiff.“

Morgana grinste. Es war ein Raubtiergrinsen, breit und gefährlich, und es zeigte Goldzähne.

„Gefällt mir“, sagte sie. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Die Schattentänzerin liegt am Kai 4. Sie ist alt, sie ist hässlich, und sie leckt ein bisschen. Aber sie ist das schnellste Schiff, das je aus Treibholz gebaut wurde.“

Sie stand auf, ihre Offiziersjacke raschelte.

„Wir legen in einer Stunde ab. Wenn die Flut kommt. Wer zu spät kommt, schwimmt.“

Sie ging an Elias vorbei, beugte sich kurz zu ihm herab. „Aber eines sag ich dir, Junge. Wenn du mein Schiff ankokelst... dann werfe ich dich den Leviathanen zum Fraß vor. Handschuh oder nicht.“

Sie marschierte zum Tresen, brüllte Befehle an ihre Crew. Männer sprangen auf, ließen ihre Getränke stehen, rannten hinaus in die Nacht.

Elias atmete aus. Er spürte, wie die Anspannung aus seinen Schultern wich, aber die Kälte blieb.

„Wir haben ein Schiff“, sagte er.

„Wir haben ein Himmelfahrtskommando“, korrigierte Tarek, der sich schwer auf die Bank fallen ließ. Clara setzte sich sofort neben ihn, prüfte seinen Verband. „Aber es ist besser als zu laufen.“

„Wir müssen Vorräte besorgen“, sagte Zara sofort. Der Geschäftsmodus hatte sie wieder. „Wasser. Rum. Trockenfleisch. Wenn wir auf See sind, gibt es keinen Markt.“

„Ich gehe mit dir“, sagte Marcus. Er steckte den Kompass weg. „Ich muss... ich muss sehen, was es hier gibt. Vielleicht Karten. Seekarten.“

„Bleibt zusammen“, warnte Elias. „Nebelheim ist kein Ort für Spaziergänge.“

„Pass auf dich auf“, sagte Zara zu Elias. Sie blickte auf seine Hand, dann in sein Gesicht. „Du siehst aus, als würdest du gleich implodieren.“

„Ich halte durch“, sagte Elias.

Er blieb am Tisch sitzen, während die anderen sich verteilten. Lyra blieb bei Kael und Tarek. Sie saßen im Schatten, eine Insel der Ruhe im Chaos der Kneipe.

Elias starrte auf den schwarzen Fingerabdruck im Tisch. Er hatte nicht gelogen. Er würde sie alle in den Abgrund reißen. Das Amulett war instabil. Der Riss war größer geworden. Jedes Mal, wenn er Macht benutzte – auch nur zur Einschüchterung –, weitete er sich.

Es bricht, dachte er. Bald.

Er brauchte das Wasser. Das dritte Fragment. Die Träne des Ozeans.

„Darf ich mich setzen?“

Eine Gestalt hatte sich an den Tisch geschoben. Ein Mann, gehüllt in einen weiten, grauen Mantel, das Gesicht verborgen unter einer Kapuze. Er roch nach Fisch und... Magie.

Elias spannte sich an. Der Handschuh summte.

„Wer bist du?“, fragte er.

Der Mann schob die Kapuze ein Stück zurück. Er war alt, sein Gesicht eine Landkarte aus Falten, die Augen milchig trüb. Ein Blinder.

Aber er sah Elias an.

„Jemand, der zuhört“, sagte der Alte. Seine Stimme war ein Flüstern, wie der Wind in den Wanten. „Ich habe gehört, was du der Kapitänin gesagt hast. Über die Inseln.“

„Und?“

„Du suchst nicht nur einen Weg“, sagte der Alte. Er legte eine Hand auf den Tisch. Sie hatte nur drei Finger. „Du suchst etwas, das verloren gegangen ist. Etwas, das schläft.“

Er schob etwas über den Tisch. Ein kleines, in Leder gewickeltes Bündel.

„Nimm das“, sagte er.

„Was ist das?“, fragte Elias misstrauisch. Er rührte es nicht an.

„Ein Geschenk der Tiefe“, sagte der Alte. „Für den, der das Feuer trägt und im Wasser ertrinkt.“

Er stand auf, zog die Kapuze wieder tief ins Gesicht.

„Hüte dich vor dem Nebel, Junge. Der Nebel zeigt dir nicht, was ist. Er zeigt dir, was du fürchtest.“

Bevor Elias antworten konnte, verschwand der Mann in der Menge, verschluckt vom Rauch und den Leibern der Piraten.

Elias starrte auf das Bündel. Er griff danach. Das Leder war feucht, salzig. Er wickelte es auf.

Darin lag eine Perle.

Sie war schwarz, so groß wie eine Murmel, und vollkommen unregelmäßig geformt. Aber sie fühlte sich warm an. Und als Elias sie berührte, wurde das Tosen in seinem Kopf – das Schreien des Risses – für eine Sekunde leiser.

Eine Atem-Perle? Oder etwas anderes?

Er steckte sie ein. Er wusste nicht, ob es ein Glücksbringer oder ein Fluch war. Aber in Nebelheim nahm man, was man kriegen konnte.

„Elias!“, rief Clara von der Tür. „Die Flut kommt! Wir müssen zum Kai!“

Elias stand auf. Er warf einen letzten Blick in die Taverne, auf das Leben, das hier tobte, laut, dreckig und unkompliziert. Er beneidete sie.

Dann drehte er sich um und ging hinaus in die Nacht, wo das Meer wartete – und die Flotte der Dunkelheit.

Der Weg von der Taverne zu den Docks war kein Spaziergang, sondern ein Hindernislauf durch eine Stadt, die aus Müll und Vergessenheit gebaut war.

Elias trat aus dem „Rostigen Anker“ in die feuchte, salzige Nachtluft. Der Wind riss an seinem Umhang, zerrte an der Kapuze, als wolle er sein Gesicht entblößen. Er drückte den Arm mit dem Schwarzen Handschuh fest an seinen Körper. Das Leder fühlte sich klamm an, reagierte auf die Gischt, die in feinen Nebelschwaden durch die Gassen aus Schiffswänden wehte.

Unter seinen Stiefeln ächzten die Planken. Nebelheim stand auf Pfählen, die tief in den Schlick des Deltas getrieben waren, und bei jeder Welle, die gegen das Fundament schlug, erzitterte die ganze Stadt. Es war ein Ort der Instabilität. Nichts hier war fest. Alles schwankte.

Elias blickte sich um. Die anderen waren ausgeschwärmt, wie Zara es befohlen hatte. Er sah Clara, die Tarek und Kael stützte, während sie sich langsam über eine Hängebrücke arbeiteten, die zwei Wracks verband. Lyra ging vor ihnen, den Blick stur auf den Boden gerichtet, als hätte sie Angst, durch die Ritzen im Holz in das schwarze Wasser darunter zu fallen.

Aber wo waren Marcus und Zara?

Elias tastete nach dem kleinen Lederbeutel in seiner Tasche – die schwarze Perle, die ihm der blinde Alte gegeben hatte. Sie war warm. Unnatürlich warm. Sie pulsierte sanft gegen seine Hüfte, ein Gegenrhythmus zum hektischen Pochen des Amuletts auf seiner Brust. Er wusste nicht, was sie war, aber in einer Stadt voller Lügen fühlte sich dieses kleine Ding seltsam ehrlich an.

Er ging weiter, den Steg hinunter, in Richtung Kai 4.

In einer schmalen Seitengasse, verborgen hinter einem Stapel alter Fischernetze, die nach Verwesung stanken, hockte Marcus. Er atmete schwer. Vor ihm stand ein Fass. Es war kein großes Fass, vielleicht fünfzig Liter, aber es war aus massiver Eiche und mit Eisenreifen beschlagen.

„Das ist... physikalisch... problematisch“, keuchte er.

Zara lehnte an der Wand eines Lagerhauses, die Arme verschränkt, ein Grinsen auf den Lippen, das im Schatten der Netze kaum zu sehen war.

„Es ist Wasser, Gelehrter. Es ist schwer. Das ist die Physik.“

„Die Reibung“, korrigierte Marcus und schob seine kaputte Brille auf die Nase. „Der Boden ist uneben. Der Rollwiderstand ist zu hoch für meine Muskelmasse. Wir brauchen einen Hebel. Oder eine schiefe Ebene.“

„Wir brauchen Muskeln“, sagte Zara. Sie stieß sich von der Wand ab. „Aber da Tarek ausfällt, müssen wir improvisieren.“

Sie griff in ihre Tasche und holte ein kleines Fläschchen hervor. Öl. Sie träufelte es nicht auf die Achse eines Rades, sondern direkt auf den Boden vor dem Fass.

„Schmier es“, sagte sie.

Marcus starrte sie an. „Das ist Lampenöl. Verschwendung.“

„Das ist Beschleunigung“, sagte Zara. Sie trat gegen das Fass. Es rutschte über den geölten Boden, fast geräuschlos, bis es den Rand des Steges erreichte.

„Und jetzt?“, fragte Marcus, der hinterherhastete. „Jetzt fällt es ins Wasser.“

„Nein“, sagte Zara. Sie griff nach einem Seil, das von einem Flaschenzug über ihnen herabhing – Überrest eines Ladekrans, der längst verrottet war. Sie schlang es um das Fass, machte einen Knoten, den Marcus in seiner Komplexität nicht einmal mit den Augen verfolgen konnte.

„Halt das Ende“, befahl sie und drückte ihm das Tau in die Hand. „Und lass nicht los, sonst trinken die Fische unser Süßwasser.“

Marcus stemmte sich in das Seil. Das Fass schwang über den Abgrund. Seine Arme zitterten. Er spürte das Brennen in seinen Schultern, aber es war ein gutes Brennen. Es war real.

„Du vertraust mir“, sagte er gepresst.

Zara sah ihn an. Sie stand am Rand des Abgrunds, balancierte auf einem verfaulten Balken, um das Fass zu führen.

„Ich vertraue darauf, dass du zu stur bist, um loszulassen“, sagte sie. „Du hast Jory nicht fallen lassen. Du wirst das Wasser nicht fallen lassen.“

Sie ließen das Fass hinab, auf einen tiefer gelegenen Steg, der direkt zum Kai führte. Als es sicher stand, atmete Marcus aus. Er rieb sich die schmerzenden Hände.

„Wir sind ein effizientes Team“, sagte er, und ein Anflug von Stolz schwang in seiner Stimme mit.

„Gewöhn dich nicht dran“, sagte Zara, aber sie klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Komm. Die Flut wartet nicht.“

Am Kai 4 lag die Schattentänzerin.

Elias stand davor und starrte zu ihr auf. Morgana hatte nicht übertrieben. Das Schiff war hässlich.

Es war ein Schoner, schlank und tief im Wasser liegend, aber sein Rumpf war ein Flickenteppich. Hölzer verschiedener Farben und Maserungen waren zusammengefügt worden, vernagelt mit rostigen Eisenplatten und abgedichtet mit schwarzem Teer, der wie getrocknetes Blut aussah. Die Segel waren gerefft, aber Elias konnte sehen, dass sie geflickt waren – grau, schwarz, braun, wie die Haut eines alten Tieres.

Die Galionsfigur war keine stolze Meerjungfrau oder ein Drache. Es war ein gesichtsloser Torso aus Treibholz, dessen Arme nach hinten gerissen waren, als würde er gegen den Wind schreien.

„Sie sieht aus, als würde sie beim ersten Wellenschlag auseinanderfallen“, sagte Clara, die neben Elias getreten war. Tarek lehnte schwer an einem Poller, die Augen geschlossen, um Kraft zu sammeln.

„Sie schwimmt“, sagte eine Stimme von Deck.

Morgana Sturmherz stand an der Reling. Der Wind zerrte an ihrem Offiziersmantel. Sie hielt eine Laterne, deren Licht ihr Gesicht hart und kantig machte.

„Und sie ist schneller als alles, was die Akademie je gebaut hat. Weil sie keine Seele hat, die sie bremst.“ Sie spuckte ins Wasser. „Kommt an Bord. Bevor ich es mir anders überlege.“

Die Gangway war nur ein schmales Brett ohne Geländer.

„Tarek zuerst“, sagte Elias.

Clara und Elias nahmen den Söldner in die Mitte. Tarek öffnete die Augen. Er sah das schmale Brett. Er sah das schwarze Wasser darunter, das gierig gegen die Pfähle klatschte.

„Wenn ich da reinfalle“, brummte er, „lasst mich saufen. Zieht mich nicht raus.“

„Geh“, sagte Clara sanft und schob ihn.

Es war ein mühsamer Balanceakt. Tarek schwankte. Sein verletztes Bein schleifte. Elias spürte, wie der Handschuh reagierte – er wollte sich in das Holz krallen, wollte Halt erzwingen. Aber Elias hielt die Magie zurück. Keine Funken, dachte er. Keine Aufmerksamkeit.

Sie schafften es an Deck. Der Boden unter ihren Füßen schwankte sanft. Es roch nach altem Holz, Salz und Magie-Rückständen.

Die Crew der Schattentänzerin war so zusammengewürfelt wie das Schiff selbst. Männer und Frauen mit vernarbten Gesichtern, fehlenden Gliedmaßen und Tätowierungen, die im Lampenlicht tanzten. Sie starrten die Gruppe an. Nicht feindselig, aber kalt. Wie Haie, die prüfen, ob die Beute noch zappelt.

Kael kam an Bord. Er brauchte das Brett nicht. Er trat einfach vom Steg auf die Reling, als wäre der Abstand nichts. Er berührte den Mast. Er schloss die Augen.

„Sie singt“, flüsterte er. „Das Holz... es erinnert sich an jeden Sturm.“

Marcus und Zara kamen angerannt, das Fass rollend. Zwei Crewmitglieder nahmen es ihnen ab, wuchteten es ohne ein Wort unter Deck.

„Alles da?“, rief Morgana vom Achterdeck. Sie stand am Steuerad, die Hände fest um die Speichen geschlossen.

„Wir sind vollzählig“, rief Elias zurück.

„Dann betet zu euren Göttern“, sagte Morgana. „Wir legen ab.“

Leinen wurden gelöst. Segel wurden gesetzt. Sie knallten im Wind, füllten sich. Das Schiff ächzte, neigte sich zur Seite.

Elias ging zum Bug. Er wollte sehen, wohin sie fuhren.

Vor ihnen lag die Hafenausfahrt. Ein Tor aus zwei Felsnadeln, die wie Zähne aus dem Wasser ragten. Und dahinter... das offene Meer.

Aber es war nicht leer.

Am Horizont, dort wo das Wasser schwarz war wie Tinte, sah Elias Lichter. Violette Lichter. Sie bewegten sich nicht wie Sterne. Sie bewegten sich wie Augen.

Die Schattenflotte.

Das Amulett an seiner Brust wurde heiß. Der Riss pulsierte, ein warnender Schmerz. Es spürte die Nähe von Arkans Macht.

Sie warten, flüsterte die Stimme in seinem Kopf.

Elias umklammerte die Reling. Das Holz war feucht und kalt.

„Lass sie warten“, flüsterte er. „Wir kommen.“

Die Schattentänzerin schob sich durch die Wellen, vorbei an den letzten Lichtern von Nebelheim, hinaus in die Dunkelheit, wo der Ozean keine Grenzen kannte – und keine Gnade.

Das Ablegen der Schattentänzerin war kein triumphaler Aufbruch. Es war ein Losreißen.

Als die Leinen gelöst wurden und Morgana Sturmherz das Ruder herumriss, ächzte das Schiff, als hätte man einem alten Tier in die Seite getreten. Die Segel, geflickt aus hundert verschiedenen Stoffen, knallten laut, als der Wind vom Meer hinein fuhr. Das Schiff neigte sich gefährlich zur Seite, Planken kreischten, und für einen Moment dachte Marcus, dass die Physik ihren Tribut fordern und der Rumpf einfach auseinanderbrechen würde.

Aber die Schattentänzerin hielt. Sie war hässlich, sie war vernarbt, aber sie war zäh. Sie schob sich von dem morschen Kai weg, hinein in das schwarze, ölige Wasser des Hafenbeckens.

Elias stand am Bug, die Hände in die Reling gekrallt. Der Schwarze Handschuh hinterließ feuchte Abdrücke auf dem salzverkrusteten Holz. Er blickte nicht zurück auf die Stadt aus Wracks, auf die blinkenden Lichter der Tavernen und das Elend, das sie dort zurückließen. Er blickte nach vorne.

Die Ausfahrt von Hafen Nebelheim war ein Nadelöhr. Zwei gigantische Felsnadeln ragten aus dem Wasser, Reste einer eingestürzten Klippe, die wie die Zähne eines Unterkiefers wirkten. Das Wasser dazwischen kochte vor Strömungen und verdeckten Riffen.

„Tiefgang prüfen!“, brüllte Morgana von achtern. „Werft den Lot!“

Ein Crewmitglied, ein Mann mit nur einem Arm, warf ein bleibeschwertes Seil über Bord.

Unten, im Bauch des Schiffes, war die Stimmung weniger entschlossen, sondern erdrückend.

Clara und Zara hatten Tarek unter Deck gebracht. Der Raum war niedrig, kaum hoch genug, um aufrecht zu stehen, und stank bestialisch nach Bilgewasser, altem Teer und verschimmelten Zwiebeln. Hängematten baumelten von den Deckenbalken wie Kokons.

Sie legten Tarek in eine der unteren Kojen. Der Söldner war wach, aber sein Gesicht war grau, überzogen von einem kalten Schweißfilm. Die Anstrengung des Weges zum Hafen hatte seine Reserven aufgefressen.

„Hier stinkt es wie im Arsch eines Ogers“, murmelte Tarek und versuchte, sich bequem hinzulegen, aber jede Bewegung zerrte an seiner vernarbten Seite.

„Es ist trocken“, sagte Clara pragmatisch. Sie begann, seine Verbände zu prüfen. Sie waren klamm, aber nicht durchgeblutet. Die magische Heilung von Kael und Lyra hielt, aber der Körper war am Ende. „Schlaf. Wir wecken dich, wenn wir sinken.“

„Sehr tröstlich“, brummte Tarek. Seine Augen fielen zu. Das Schaukeln des Schiffes, das für Marcus die Hölle war, schien den Söldner zu beruhigen. Es war ein Rhythmus, den er kannte.

In der Ecke der Kabine saß Marcus. Er hatte seine Tasche auf den Knien und klammerte sich an einen Spant. Sein Gesicht hatte eine ungesunde, grünliche Farbe angenommen.

„Die Rollbewegung“, würgte er. „Die laterale Beschleunigung ist irregulär. Das menschliche Vestibularsystem ist dafür nicht ausgelegt.“

Zara, die gerade ihren Dolch an einem Lederriemen abzog, grinste. „Kotz nicht auf meine Stiefel, Gelehrter. Ich habe sie gerade erst sauber gemacht.“

„Ich kotze nicht“, sagte Marcus gepresst. „Ich kalibriere meinen Gleichgewichtssinn neu.“

„Klar“, sagte Zara. Sie setzte sich neben ihn. Das Schiff machte einen Satz, als es eine Welle traf. Marcus rutschte gegen sie. Er zuckte zurück, aber Zara legte einen Arm um seine Schulter.

„Halt dich fest“, sagte sie. „Wenn wir durch die Brandung sind, wird es ruhiger.“

Marcus lehnte sich vorsichtig an sie. Er spürte die Wärme ihres Körpers, den festen Muskel unter dem Stoff. Es war der einzige stabile Punkt in einer Welt, die sich drehte.

„Wir sind auf dem Meer“, flüsterte er. „Wir haben den Kontinent verlassen.“

„Ja“, sagte Zara. „Kein Zurück mehr.“

Oben an Deck stand Lyra neben Kael. Der Wassermagier lehnte an der Reling, das Gesicht in den Wind gehalten. Die Gischt spritzte ihm ins Gesicht, aber er blinzelte nicht. Er atmete das Meerwasser fast ein.

„Spürst du es?“, fragte er.

Lyra schüttelte den Kopf. Sie fror. Ihr weißes Haar wehte wild um ihr Gesicht. Sie fühlte sich hier draußen schutzlos. Im Wald gab es Bäume, Wurzeln, Erde. Hier gab es nur Wasser und Wind.

„Ich spüre nur Kälte“, sagte sie.

„Das Leben“, sagte Kael. „Unter uns. Es ist riesig. Wale. Schwärme. Leviathane. Es ist... laut.“ Er lächelte. „Der Dschungel war laut. Aber das Meer... das Meer ist ein Chor.“

Er blickte sie an. „Hab keine Angst, Lyra. Das Wasser trägt dich. Es will dich nicht ertränken.“

„Das sagst du“, erwiderte sie leise. Sie blickte auf ihre Hände. In der Dunkelheit sah man das schwache Glimmen unter ihrer Haut nicht, aber sie spürte es. Das Reinigende Feuer. Es hasste das Wasser. Es zischte in ihren Adern.

Das Schiff passierte die Felsnadeln der Hafenausfahrt. Die Wellen wurden höher, länger. Die Schattentänzerin tauchte in ein Tal ein, Wasser schoss über den Bug.

Elias wurde durchnässt. Das Salzwasser brannte in den kleinen Schnitten in seinem Gesicht, die der Glassturm hinterlassen hatte. Aber er rührte sich nicht.

Er starrte auf den Horizont.

Dort, weit draußen, bildete sich eine Kette aus Lichtern. Violette Lichter. Sie waren noch Meilen entfernt, aber sie waren da.

Die Schattenflotte. Die Blockade von Arkan.

Das Amulett an seiner Brust reagierte. Der Riss wurde heiß, ein plötzliches, stechendes Brennen. Es war keine Warnung vor Gefahr. Es war eine Reaktion auf Nähe.

Die Schiffe da draußen... sie wurden von derselben Macht angetrieben, die in Elias’ Brust steckte. Schatten-Öl. Dunkle Magie.

Sie warten, dachte Elias.

Morgana trat neben ihn. Sie hatte das Steuer einem ihrer Männer überlassen. Sie roch nach Tabak und Autorität.

„Siehst du sie?“, fragte sie und nickte in Richtung der Lichter.

„Ja.“

„Das ist der Eiserne Ring“, sagte Morgana. „Kein Schiff kommt durch. Zumindest kein normales.“ Sie spuckte über die Reling. „Arkan hat das Meer abgeriegelt. Er sucht etwas.“

„Er sucht uns“, sagte Elias.

Morgana lachte leise. „So wichtig bist du nicht, Junge. Er sucht Macht. Aber wenn du recht hast... und du der Grund bist... dann wird diese Fahrt verdammt kurz.“

Sie legte die Hand auf die Reling.

„Wir segeln nach Norden“, sagte sie. „In den Nebelbanken. Dort können ihre Fernrohre uns nicht sehen. Aber der Nebel... der Nebel hat seine eigenen Augen.“

Elias griff in seine Tasche. Seine Finger berührten die schwarze Perle, die der blinde Mann ihm gegeben hatte. Sie war warm.

„Wir werden sehen“, sagte er.

Die Schattentänzerin drehte ab, weg von den violetten Lichtern, hinein in die leere Schwärze des Nordmeeres. Die Lichter von Nebelheim verschwanden hinter ihnen, verschluckt von der Nacht und der Gischt.

Sie waren allein. Ein Stück treibendes Holz auf einem Ozean aus Dunkelheit.

Elias spürte, wie die Kälte des Amuletts tiefer in ihn kroch. Sie erreichte sein Herz. Sie erreichte seine Gedanken.

Er war jetzt der Kapitän seiner eigenen Zerstörung. Und das Meer war das einzige Grab, das groß genug war, um sie alle aufzunehmen.