NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 20: Der Pakt mit dem Nebel

Der Bauch der Schattentänzerin war kein Ort, der für Passagiere gebaut worden war. Er war ein Frachtraum, konzipiert für Fässer mit Waltran, Kisten mit Schmuggelware und das gelegentliche Verstecken von Dingen, die das Tageslicht scheuten.

Es gab keine Fenster, keine Bullaugen. Das einzige Licht kam von einer rußigen Laterne, die an einem Deckenbalken schwang und deren gelber Schein im Rhythmus des Seegangs über die feuchten Spanten tanzte. Der Raum war niedrig, kaum hoch genug, dass Clara aufrecht stehen konnte, und er war erfüllt von einem Geruchscocktail, der so dicht war, dass man ihn fast kauen konnte: altes Bilgewasser, ranziger Teer, nasse Wolle und der unverwechselbare, süßliche Duft von Schimmel, der in jedem Ritz des Holzes saß.

Marcus kauerte in einer Ecke, eingekeilt zwischen zwei Zurrgurten. Sein Gesicht hatte die Farbe von altem Pergament angenommen, mit einem ungesunden Stich ins Grüne. Er hielt seine Ledertasche fest umklammert vor der Brust, die Augen geschlossen, den Kopf gegen das vibrierende Holz der Bordwand gelehnt.

„Die laterale Beschleunigung“, murmelte er, und seine Stimme war dünn und brüchig. „Sie ist... arrhythmisch. Das menschliche Vestibularsystem benötigt einen Horizont zur Kalibrierung. Ohne visuellen Referenzpunkt... ist das Übelkeitspotenzial bei hundert Prozent.“

„Hör auf zu reden, Gelehrter“, sagte Zara sanft. Sie saß neben ihm, lehnte lässig an einem Fass, schnitzte an einem Stück Treibholz herum. Aber ihre Augen ruhten besorgt auf ihm. „Wenn du redest, bewegt sich dein Kiefer. Wenn sich dein Kiefer bewegt, bewegt sich dein Magen.“

„Das ist physiologisch nicht ganz korrekt“, würgte Marcus, schluckte aber schwer. „Aber danke für den... empirischen Ratschlag.“

Das Schiff machte einen Satz, als es eine größere Welle durchschnitt. Das Holz ächzte laut, ein Geräusch wie brechende Knochen. Marcus stöhnte und presste die Hand vor den Mund.

„Hier“, sagte Zara. Sie kramte in ihrer Tasche und holte ein kleines Stück getrocknete Ingwerwurzel hervor – Beute vom Markt, die sie instinktiv eingesteckt hatte. „Kau das. Hilft gegen den Brechreiz. Alter Schmuggler-Trick.“

Marcus nahm die Wurzel mit zitternden Fingern. Er sah Zara an, sah den Schmutz auf ihrer Wange, die Narbe unter ihrem Hemd, die sie vor ihm verbarg.

„Du hast an alles gedacht“, flüsterte er.

„Jemand muss ja“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Iss. Und versuch zu schlafen. Der Weg ist lang.“

Auf der anderen Seite des engen Raumes, gebettet auf einem Lager aus alten Segeltüchern und ihren eigenen Mänteln, lag Tarek.

Der Söldner war wach. Seine Augen waren auf die Decke gerichtet, verfolgten das Pendeln der Laterne. Sein Atem ging schwerer als sonst, rasselnd in der Tiefe seiner Brust, aber das Fieber, das ihn in der Wüste fast verbrannt hatte, war einer kalten, klaren Erschöpfung gewichen.

Die Wasserblase, die Kael erschaffen hatte, war verdunstet, aber die Wunde darunter war ruhig. Die Nekrose hatte aufgehört sich auszubreiten. Sie war jetzt ein Teil von ihm – ein Fleck aus weißem, toten Fleisch an seiner Seite, ein Mal, das ihn für immer zeichnen würde.

Clara saß neben ihm auf dem Boden. Sie hatte ihre Rüstung nicht abgelegt. In dieser Umgebung, umgeben von Fremden – der Crew von Morgana Sturmherz –, fühlte sie sich nackt ohne ihren Stahl. Sie polierte ihr Langschwert mit einem Lappen, eine monotone, beruhigende Bewegung. Ritsch. Ritsch.

„Du solltest schlafen“, sagte Tarek, ohne den Kopf zu drehen. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, das im Holzboden vibrierte.

„Ich halte Wache“, sagte Clara.

„Hier gibt es nichts zu bewachen“, sagte Tarek. „Wir sind Fracht, Clara. Fracht schläft.“

„Nicht diese Fracht.“ Sie hielt inne, das Tuch ruhte auf der Klinge. Sie sah ihn an. Im flackernden Licht wirkten die Schatten in seinem Gesicht tiefer, die Linien härter. Er sah alt aus. Viel älter als in den Tagen der Akademie.

„Tut es weh?“, fragte sie leise.

„Nur wenn ich atme“, sagte Tarek und versuchte ein Grinsen, das aber misslang. „Oder denke.“

Er drehte den Kopf mühsam zu ihr.

„Wir sind auf dem Meer“, sagte er. „Weg vom Kontinent. Weg vom Krieg.“

„Der Krieg ist hier“, sagte Clara. Sie klopfte auf ihre Brustplatte. „Wir haben ihn mitgenommen.“

„Nein“, sagte Tarek. „Wir haben ihn ausgelöst. Das ist ein Unterschied.“ Er streckte die Hand aus, legte sie über ihre, die auf dem Schwertknauf ruhte. Seine Hand war rau, schwielig, warm.

„Hör mir zu, Mädchen. Du hast mich getragen. Durch die Wüste. Durch den Sumpf. Du hast mich nicht fallengelassen.“

„Das ist meine Pflicht“, sagte Clara stur.

„Scheiß auf die Pflicht“, sagte Tarek. „Dein Vater kannte die Pflicht. Und sieh, wo es ihn hingebracht hat. Du hast es nicht getan, weil es im Handbuch steht. Du hast es getan, weil du... stur bist.“

Clara lächelte schwach. „Sturheit ist eine Tugend der Arendelles.“

„Vielleicht“, sagte Tarek. Sein Griff wurde fester. „Aber jetzt sind wir auf einem Schiff. Ich kann nicht weglaufen. Ich kann nicht kämpfen. Ich liege hier wie ein nasser Sack. Also... leg dich hin. Ruh dich aus. Wenn sie uns entern, wecke ich dich. Versprochen.“

Clara sah ihn an. Sie sah die Ehrlichkeit in seinen Augen. Und sie spürte ihre eigene Erschöpfung, die wie eine schwarze Flut an ihrem Bewusstsein leckte.

„Na gut“, flüsterte sie. „Aber nur für eine Stunde.“

Sie steckte das Schwert weg. Sie legte sich nicht weit weg. Sie legte sich direkt neben ihn, den Rücken an die Bordwand, den Kopf nur Zentimeter von seiner Schulter entfernt. Sie spürte seine Wärme. Den Rhythmus seines Atems.

„Eine Stunde“, murmelte sie. Und schlief ein, noch bevor sie die Augen ganz geschlossen hatte.

Tarek blieb wach. Er starrte wieder an die Decke. Er hörte das Wasser gegen die Planken schlagen, nur eine Handbreit von seinem Kopf entfernt.

Er dachte an seinen Vater. Den Verräter. Er dachte an die Kaiserin und ihre Bilder aus Holz.

Bin ich wie er?, fragte er sich. Habe ich meine Freunde in diese Hölle geführt, weil ich Ruhm wollte? Oder Geld?

Er blickte auf Clara, die neben ihm schlief. Ihre Hand hatte im Schlaf seinen Ärmel gepackt.

Nein, dachte Tarek. Er hat verkauft. Ich habe bezahlt. Das ist der Unterschied.

Das Schiff machte einen weiteren Satz. Ein Balken ächzte laut, fast wie ein Schrei.

Oben an Deck, dachte Tarek, ist die Hölle los. Aber hier unten... hier unten ist nur das Warten. Und das Warten war schlimmer als jeder Schwertkampf.

Er schloss die Augen, lauschte auf das Meer, das gegen das Holz hämmerte, und betete zu Göttern, an die er nicht glaubte, dass das Schiff zusammenhielt. Zumindest lange genug, um zu sehen, wofür sie alle bluteten.

Während unter Deck die Luft von Krankheit und Angst stickig war, herrschte oben an Deck der Schattentänzerin eine andere Art von Gewalt.

Es war die Gewalt der Elemente.

Das Schiff schnitt durch die schwarze See wie ein Messer durch Samt. Der Wind hatte aufgefrischt, er kam direkt von Norden, eiskalt und beladen mit einer Feuchtigkeit, die nicht wie Regen fiel, sondern in der Luft hing – ein feiner, salziger Nebel, der sich auf Wimpern, Kleidung und Haut legte und dort sofort gefror.

Kael stand am Bug. Er hielt sich nicht fest. Er stand freihändig auf dem schwankenden Klüverbaum, die Füße nackt auf dem glitschigen, nassen Holz. Für jeden anderen wäre es Selbstmord gewesen. Für ihn war es ein Tanz.

Der Wassermagier hatte sich verändert, seit sie den Fluss verlassen hatten. Im Dschungel war er ein Geist gewesen, gezehrt von der Anstrengung, Tarek zu kühlen. In der Wüste war er ein Gefangener gewesen. Aber hier... hier war er ein König im Exil, der sein Reich wiederbetreten hatte.

Seine Haut, die unter der Sonne von Ashara grau und rissig gewesen war, leuchtete nun in einem schwachen, perlmuttartigen Schimmer. Seine Haare, schwarz wie Tang, wehten im Wind. Er hatte die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt, und atmete die Gischt ein, als wäre es reiner Sauerstoff.

Er lenkte das Schiff nicht. Morgana Sturmherz stand achtern am Steuer. Aber Kael glättete den Weg.

Er bewegte seine Hände in langsamen, fließenden Kreisen. Vor dem Bug der Schattentänzerin teilten sich die Wellen, bevor sie aufschlagen konnten. Die wilde, chaotische Energie des Ozeans wurde sanft zur Seite gedrückt, sodass das Schiff weniger stampfte, weniger rollte. Es war keine große Magie, kein spektakulärer Zauber. Es war ein Flüstern an das Wasser. Lass uns durch.

Lyra beobachtete ihn.

Sie stand im Schutz des Fockmasts, eingewickelt in ihren zerfetzten Umhang, der nun klamm und schwer auf ihren Schultern lag. Sie fror. Sie fror so sehr, dass ihre Zähne klapperten, aber sie ging nicht unter Deck. Sie konnte die Enge dort unten nicht ertragen, den Geruch von Tareks Wunde, die Stille von Marcus und Zara.

Sie brauchte Luft. Auch wenn die Luft hier oben nach Einsamkeit schmeckte.

Sie sah Kael zu. Sie sah die Leichtigkeit in seinen Bewegungen, die Harmonie mit seiner Umgebung. Ein Stich von Neid, scharf und heiß, durchzuckerte sie.

Er hat seinen Platz gefunden, dachte sie bitter. Er ist nach Hause gekommen. Und ich? Ich bin ein Fremdkörper.

Sie blickte auf ihre Hände. Sie waren in den langen Ärmeln ihrer Tunika verborgen. Sie traute sich nicht, sie herauszunehmen. Sie spürte das Pochen unter der Haut. Das Reinigende Feuer.

Es hasste das Meer.

Das Wasser um sie herum war Leben, Bewegung, Chaos. Das Feuer in ihr wollte Ordnung. Es wollte das Chaos verbrennen. Jedes Mal, wenn ein Schwall Gischt über die Reling spritzte und ihre Hände traf, zischte es leise. Dampf stieg aus ihren Ärmeln auf. Es war kein schmerzhafter Prozess, aber er war... falsch. Es fühlte sich an, als würde ihre eigene Haut versuchen, die Welt um sie herum abzustoßen.

„Du solltest nicht hier stehen“, sagte eine Stimme.

Kael war vom Bug zurückgetreten. Er stand nun neben ihr. Er war nicht nass, obwohl die Wellen über ihn hinweggegangen waren. Das Wasser perlte von ihm ab wie von der Feder eines Vogels.

„Ich friere“, sagte Lyra. Es war eine dumme Antwort, aber es war die einzige Wahrheit, die sie aussprechen konnte.

„Das Meer ist kalt“, sagte Kael. Er lächelte. Es war ein sanftes Lächeln, das seine Augen erreichte. „Aber es ist ehrlich. Es versteckt nichts.“

Er streckte die Hand aus. „Komm. Sieh es dir an.“

Lyra wich zurück. Sie drückte ihre Hände gegen ihre Brust. „Ich kann nicht, Kael. Ich... ich mache es kaputt.“

„Du machst das Meer nicht kaputt, Lyra“, sagte Kael lachend. „Es ist zu groß. Zu alt. Du kannst einen Ozean nicht verbrennen.“

„Du weißt nicht, was ich bin“, flüsterte sie. Tränen stiegen ihr in die Augen, heiß und salzig, nicht vom Meer, sondern von innen. „Ich bin keine Heilerin mehr. Ich bin Gift für alles, was lebt.“

Kael wurde ernst. Er trat einen Schritt auf sie zu, ignorierte ihr Zurückweichen. Er griff nach ihren Handgelenken, zog ihre Hände aus den Ärmeln.

Lyra versuchte, sich zu wehren, aber er war stark. Die Kraft des Ozeans war in ihm.

Er hielt ihre Hände hoch. Im Mondlicht sahen sie blass aus, durchzogen von einem schwachen, neongrünen Netz aus Adern, das unter der Haut pulsierte.

Ein Wassertropfen fiel von der Takelage herab, landete auf Lyras Handrücken.

Zisch.

Der Tropfen verdampfte sofort. Ein winziges Wölkchen weißer Dampf stieg auf.

„Siehst du?“, schluchzte Lyra. „Ich bin Feuer. Kaltes, totes Feuer.“

Kael ließ ihre Hände nicht los. Er sah sie an, fasziniert, nicht angewidert.

„Feuer braucht Luft“, sagte er. „Wasser erstickt Feuer. Aber manchmal... manchmal tanzen sie.“

Er schloss die Augen. Er konzentrierte sich.

Aus der Luft um sie herum kondensierte Wasser. Es bildete keine Pfütze. Es bildete einen Film. Eine hauchdünne Schicht aus Flüssigkeit legte sich um Lyras Hände.

Lyra keuchte auf. Sie erwartete Schmerz. Sie erwartete das Zischen, den Dampf, den Kampf der Elemente.

Aber es passierte nicht.

Das Wasser verdampfte nicht. Es kühlte.

Kaels Magie hielt das Wasser stabil. Er zwang die Moleküle, zusammenzubleiben, trotz der Hitze, die Lyra ausstrahlte. Er bildete einen Handschuh aus Wasser um ihre Finger.

Das neongrüne Leuchten unter ihrer Haut wurde gedämpft. Das Pochen ließ nach. Zum ersten Mal seit Tagen fühlten sich Lyras Hände nicht an wie glühende Kohlen. Sie fühlten sich... ruhig an.

„Wie machst du das?“, flüsterte sie.

„Ich kämpfe nicht dagegen an“, sagte Kael, die Augen immer noch geschlossen, Schweiß auf der Stirn. „Ich nehme die Hitze auf. Ich verteile sie. Das Meer ist groß genug, um jede Hitze zu schlucken.“

Er öffnete die Augen. Sie waren tiefblau, endlos.

„Du bist nicht kaputt, Lyra“, sagte er. „Du bist nur... intensiv. Du hast zu viel Energie auf zu wenig Raum. Du brauchst ein Ventil.“

„Ich habe kein Ventil“, sagte sie. „Ich habe nur Zerstörung.“

„Dann finde etwas, das zerstört werden muss“, sagte Kael. Er ließ ihre Hände los. Der Wasserfilm zerfiel zu Nebel, verwehte im Wind. Die Hitze kehrte zurück, aber sie war erträglicher. Weil Lyra wusste, dass sie gelindert werden konnte.

„Wir segeln zu den Nebel-Inseln“, sagte Kael und blickte nach Norden. „Dort... dort ist die Magie alt. Älter als die Akademie. Älter als Arkan. Vielleicht findest du dort eine Antwort. Oder zumindest... Ruhe.“

„Und du?“, fragte Lyra. „Was findest du dort?“

Kael blickte hinaus in die Dunkelheit. Sein Gesicht verhärtete sich.

„Ich finde das, was mir genommen wurde“, sagte er leise. „Meinen Stolz.“

Im Schatten des Aufbaus, verborgen hinter Kisten und Tauen, stand Elias.

Er hatte das Gespräch nicht belauscht, nicht absichtlich. Er war nur... da. Wie ein Geist, der an den Ort seines Todes gebunden ist.

Er lehnte an der Wand der Kapitänskajüte. Der Schwarze Handschuh an seiner rechten Hand war mit dem Holz verschmolzen, hielt ihn fest, auch wenn das Schiff rollte.

Er beobachtete Kael und Lyra. Er sah die Nähe zwischen ihnen. Er sah, wie Kael Lyras Schmerz linderte, einfach indem er da war.

Elias griff an seine Brust. Das Amulett war kalt. Es gab ihm keine Wärme. Es gab ihm Macht, ja. Es gab ihm Schutz vor der Hitze, vor dem Gift, vor dem Tod. Aber es gab ihm keinen Trost.

Der Riss im Kristall pulsierte langsam. Ein rotes Glimmen, das unter seiner Tunika hervorbrach.

Sie brauchen dich nicht, flüsterte die Stimme. Arkan. Er war hier. Mitten auf dem Meer. In seinem Kopf. Sie haben einander. Du hast nur mich.

„Ich habe dich nicht“, flüsterte Elias zurück. „Ich trage dich nur.“

Das ist dasselbe, kicherte die Stimme. Träger und Last sind eins. Sieh sie dir an, Elias. Sie haben Angst vor dir. Kael kühlt Lyras Hände. Aber wer kühlt deine? Wer hält deine Hand, wenn sie brennt?

Elias blickte auf seine behandschuhte Hand. Niemand. Niemand konnte sie halten. Sie war tödlich.

Du bist allein, sagte Arkan. Und das ist gut so. Ein König ist immer allein.

„Ich bin kein König“, sagte Elias. „Ich bin ein Bote.“

Er stieß sich von der Wand ab. Er riss den Handschuh vom Holz los. Es hinterließ schwarze Striemen, wie Brandmale.

Er ging zum Bug. Er wollte den Wind spüren. Er wollte das Salz schmecken. Er wollte irgendetwas fühlen, das nicht aus Magie und Schmerz bestand.

Aber da war etwas anderes in der Luft.

Der Wind hatte gedreht. Er kam nicht mehr von Norden. Er kam von nirgendwo. Er war eingeschlafen.

Die Segel der Schattentänzerin fielen schlaff zusammen. Das Schiff wurde langsamer. Das Rauschen der Bugwelle verstummte.

Stille legte sich über das Meer. Eine unnatürliche, dicke Stille.

Und dann kam der Nebel.

Er kam nicht wie Wetter. Er kam wie eine Wand. Weiß, dicht, undurchdringlich. Er wuchs aus dem Wasser, verschlang den Horizont, verschlang die Sterne.

„Nebel“, rief der Ausguck im Mastkorb. Aber seine Stimme klang gedämpft, als würde er in ein Kissen schreien.

Morgana fluchte am Steuer. „Alle Mann an Deck! Ruder bereit machen!“

Elias stand am Bug. Er sah den Nebel kommen. Und er spürte das Amulett.

Es schrie auf. Ein schriller, panischer Ton in seinem Kopf.

Der Nebel war nicht natürlich. Er war magisch. Und er war... hungrig.

Das Pakt mit dem Nebel hatte begonnen. Und der Nebel war gekommen, um seinen Zoll zu fordern.

Der Nebel war keine Wettererscheinung; er war eine Belagerung.

Er rollte nicht sanft über das Wasser, er stürzte sich auf die Schattentänzerin wie eine Lawine aus weißer Watte. Innerhalb von Sekunden war die Welt verschwunden. Der Horizont, die Sterne, das schwarze Wasser – alles wurde ausgelöscht und durch ein diffuses, leuchtendes Grau ersetzt, das keine Tiefe und keine Richtung kannte.

Elias stand am Bug, die Hände so fest um die Reling gekrallt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er konnte seine eigenen Stiefel nicht mehr sehen. Er hörte das Rufen der Mannschaft, aber die Stimmen klangen gedämpft und verzerrt, als kämen sie aus einem tiefen Brunnen oder aus einer anderen Zeit.

Das Amulett an seiner Brust schrie nicht mehr; es summte. Ein tiefes, vibrierendes Grollen, das sich wie der Bass einer riesigen Orgel in seinem Brustkorb anfühlte. Der Riss im Kristall glühte rot durch den dicken Stoff seines Mantels und warf einen blutigen Schein in die weiße Suppe vor ihm.

Das Amulett hatte Angst.

Das war eine neue Empfindung für Elias. Bisher war das Vakuum immer hungrig, aggressiv oder fordernd gewesen. Aber hier, in diesem Nebel, spürte es etwas, das größer war als es selbst. Etwas Altes. Etwas, das nicht gehorchte.

„Licht!“, brüllte Morgana von achtern. „Zündet die Laternen! Ich sehe meinen eigenen Kompass nicht mehr!“

Das Flackern von Talglichtern und Lumen-Lampen flammte auf Deck auf, aber es half nicht. Der Nebel reflektierte das Licht, warf es blendend zurück, sodass die Crewmitglieder nur noch isolierte Silhouetten in einem Meer aus Helligkeit waren.

„Wir drehen uns“, sagte Kael ruhig.

Er stand immer noch neben Lyra, unbewegt, die Augen geschlossen. Er brauchte keine Augen. Er fühlte das Wasser, das gegen den Rumpf drückte.

„Was?“, rief Lyra, die sich an einem Tau festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das Schiff fühlte sich stabil an, es schaukelte kaum.

„Die Strömung“, sagte Kael. „Sie ist kreisförmig. Wir fahren im Kreis. Der Nebel... er biegt den Raum.“

„Morgana!“, schrie Elias. Er tastete sich rückwärts, hangelte sich an der Reling entlang. „Wir fahren im Kreis!“

„Erzähl mir was Neues, Junge!“, schrie die Kapitänin zurück. Elias erreichte das Steuerdeck. Morgana kämpfte mit dem Rad. Ihr Gesicht war nass von Kondenswasser, ihre Augen wild.

„Das Ruder reagiert nicht“, zischte sie. „Und der Kompass... sieh ihn dir an.“

Elias blickte auf das Instrumentengehäuse. Die Nadel drehte sich wild im Kreis, so schnell, dass sie nur noch ein verschwommener Fleck war.

„Magische Interferenz“, sagte Elias. „Wir sind in der Barriere.“

„Das ist keine Barriere“, sagte Morgana. „Das ist ein Grabtuch. Wenn wir hier nicht rauskommen, laufen wir auf ein Riff, das wir nicht sehen, oder wir verhungern, weil wir das Ende der Welt nicht finden.“

Sie packte Elias am Kragen.

„Du hast gesagt, du führst uns. Also führe uns!“

Elias griff nach seiner Tasche. Er holte die schwarze Perle hervor, die der blinde Alte ihm in der Taverne gegeben hatte. Ein Geschenk der Tiefe, hatte er gesagt.

Die Perle war warm. Sie pulsierte. Und in dem dichten Nebel begann sie zu leuchten – nicht hell, sondern dunkel. Sie strahlte eine Art „Anti-Licht“ aus, das den Nebel in einem kleinen Radius um Elias’ Hand verdünnte.

„Kael!“, rief Elias. „Komm her!“

Der Wassermagier tastete sich durch den Nebel. Lyra folgte ihm dicht auf den Fersen, ihre Hand fest in seinen Umhang gekrallt. Als Kael das Steuerdeck erreichte, legte Elias die Perle auf den Kompass.

Das wilde Kreisen der Nadel stoppte sofort. Sie zitterte, richtete sich dann aus. Aber sie zeigte nicht nach Norden. Sie zeigte stur geradeaus, in den Nebel hinein.

„Sie zeigt den Weg“, sagte Elias.

„Das ist Selbstmord“, murmelte Morgana, aber ihre Hand lockerte sich am Rad. „Wir fahren blind.“

„Nein“, sagte Kael. Er trat an das Steuer. Er legte seine Hände nicht auf das Holz, sondern auf das Metall der Beschläge.

„Ich bin eure Augen“, sagte er leise.

Er schloss die Augen wieder. Seine Haut begann schwach blau zu leuchten, ein biolumineszenter Schimmer, der an Tiefseefische erinnerte.

Kael spürte jede Strömung, jeden Wirbel, jeden Herzschlag des Meeres. Es war überall. In der Luft. Im Nebel. In ihm selbst.

Ich könnte jetzt gehen, dachte er. Einfach loslassen. Mich auflösen. Niemand würde mich aufhalten können.

Das Wasser war so verlockend. Kein Schmerz. Keine Angst. Keine Einsamkeit. Nur das ewige Fließen.

Aber dann sah er Elias, der am Bug stand, gebrochen und kalt. Er sah Lyra, die ihre Heilgabe geopfert hatte. Er sah Marcus, der Zara verloren hatte.

Sie alle trugen ihre Lasten. Und Kael? Kael trug das Meer.

Wenn die Zeit kommt, schwor er sich still, werde ich es für sie tun. Nicht aus Verzweiflung. Aus Wahl.

Weil sie mir gezeigt haben, dass Existenz mehr ist als nur Sein.

Existenz ist Opfer.

Er lenkte das Schiff durch die Strömungen, seine Hände fest, sein Herz schwer.

Das Meer sang. Aber noch nicht für ihn.

„Zwei Strich Backbord“, sagte Kael. Seine Stimme war anders – tiefer, hallender. „Da ist ein Fels. Unter der Oberfläche.“

Morgana starrte ihn an, dann riss sie das Ruder herum. Das Schiff neigte sich. Ein dunkler Schatten huschte an der Bordwand vorbei, kaum einen Meter entfernt. Ein Riffzahn, der den Rumpf aufgeschlitzt hätte.

„Drei Strich Steuerbord“, kommandierte Kael sofort danach. „Strömungswirbel.“

Morgana gehorchte. Sie steuerte das Schiff nicht mehr. Sie war nur noch das Werkzeug von Kaels Wahrnehmung.

Das Schiff gewann an Fahrt. Es war unheimlich. Sie sahen nichts, nur die weiße Wand vor dem Bug, aber sie bewegten sich mit einer Sicherheit, die an Wahnsinn grenzte.

Unten im Frachtraum spürten sie die Veränderung.

Tarek öffnete die Augen. Das Schaukeln war härter geworden, rhythmischer.

„Wir fahren“, sagte er.

Clara, die neben ihm eingenickt war, schreckte hoch. „Was?“

„Der Rhythmus“, sagte Tarek. „Wir treiben nicht mehr. Wir schneiden.“ Er versuchte sich aufzusetzen, stöhnte. „Jemand hat das Steuer übernommen.“

Marcus hob den Kopf. Ihm war immer noch übel, aber die Panik war einer stumpfen Resignation gewichen. „Hoffentlich wissen sie, wohin.“

Zara kletterte die Leiter hinunter. Sie war oben gewesen, hatte versucht, durch den Nebel zu spähen. Ihr Haar war nass, ihr Gesicht blass.

„Kael“, sagte sie. „Er steuert uns. Er... er sieht aus, als wäre er nicht mehr ganz menschlich.“

„Was meinst du?“, fragte Clara.

„Er leuchtet“, sagte Zara. „Und das Wasser... es gehorcht ihm. Die Wellen schlagen nicht gegen den Bug. Sie weichen aus.“

„Er nutzt zu viel Kraft“, sagte Marcus besorgt. „Wenn er sich verausgabt, bevor wir die Inseln erreichen...“

„Dann sind wir verloren“, beendete Clara den Satz. Sie griff nach ihrem Schwert. „Ich gehe hoch.“

Oben an Deck war die Atmosphäre elektrisch geladen.

Elias stand neben Kael. Er spürte die Anstrengung des Magiers. Kael zitterte nicht, aber er wurde kälter. Die Wärme, die er ausgestrahlt hatte, wich einer eisigen Kälte, die der des Amuletts ähnelte.

Lyra stand auf der anderen Seite. Sie hatte ihre Hand auf Kaels Rücken gelegt.

„Er wird zu kalt“, sagte sie zu Elias. „Er verliert Körperwärme an das Wasser.“

„Ich kann ihm keine geben“, sagte Elias bitter. „Ich kann nur nehmen.“

„Dann nimm ihm die Kälte“, sagte Lyra.

Elias sah sie an. „Was?“

„Das Amulett“, sagte Lyra. „Es saugt Kälte, oder? Es saugt Entropie. Wenn Kael zu kalt wird... saug die Kälte aus ihm raus. Mach ihn warm, indem du das Eis nimmst.“

Es war eine verrückte Idee. Eine gefährliche Idee. Das Amulett als Heizung zu benutzen, indem man Kälte absaugte. Aber es war logisch.

Elias trat hinter Kael. Er zog den Handschuh nicht aus. Er legte die behandschuhte Hand flach auf Kaels Rücken, direkt zwischen die Schulterblätter.

„Ich versuche es“, flüsterte er.

Er öffnete das Ventil. Aber er zog keine Energie aus Kael. Er zog die Kälte der Umgebung, die Kälte, die Kael generierte, in sich hinein.

Es war ein Schock. Als würde er flüssigen Stickstoff trinken. Sein Arm wurde taub. Der Riss im Amulett glühte weiß auf. Aber Kael atmete tiefer. Die Farbe kehrte in seine Wangen zurück.

„Danke“, hauchte der Wassermagier, ohne die Konzentration zu brechen. „Geradeaus. Der Nebel... er wird dünner.“

Und tatsächlich. Vor ihnen begann das Grau aufzureißen. Es war kein sanftes Aufklaren. Es war, als würden sie durch einen Vorhang brechen.

Mit einem Schlag waren sie draußen.

Der Nebel lag hinter ihnen wie eine massive, weiße Wand, die bis in den Himmel reichte. Vor ihnen lag das offene Meer.

Aber es war kein ruhiges Meer.

Der Himmel hier war schwarz, behangen mit Wolken, die so tief hingen, dass sie fast die Mastspitzen berührten. Blitze zuckten, lautlos und violett, von Wolke zu Wolke.

Das Wasser war aufgewühlt, schwarz und weiß von Schaumkronen. Die Wellen waren hoch, rollende Berge aus Wasser, die das Schiff anhoben und in die Täler fallen ließen.

Und mitten in diesem Chaos, vielleicht eine Meile entfernt, ragten sie auf.

Die Nebel-Inseln.

Es waren keine Inseln im eigentlichen Sinn. Es waren Felsnadeln, gigantische Monolithen aus schwarzem Basalt, die senkrecht aus dem Ozean stachen. Sie sahen aus wie die Finger einer ertrinkenden Hand.

Dazwischen, geschützt von den Felsen, sah man ein schwaches, blaues Leuchten unter der Wasseroberfläche.

Der Tempel der Tiefe.

„Wir sind da“, sagte Morgana. Sie klang nicht erleichtert. Sie klang ängstlich.

Elias nahm die Hand von Kaels Rücken. Er trat an die Reling. Das Amulett pochte so stark, dass es schmerzte. Es spürte das dritte Fragment. Die Träne.

Aber es spürte noch etwas anderes.

Das Wasser zwischen ihnen und den Inseln war unruhig. Nicht wegen des Sturms. Etwas bewegte sich dort unten. Etwas Riesiges.

Eine Welle erhob sich, höher als die anderen. Aber sie brach nicht. Sie blieb stehen. Sie formte sich.

Ein Rücken brach durch die Oberfläche. Schuppen, so groß wie Schilde, glänzten im Blitzlicht. Eine Rückenflosse, zerfetzt und uralt, schnitt durch das Wasser.

„Leviathan“, flüsterte Morgana.

Das Biest war gigantisch. Es war kein Fisch und keine Schlange. Es war ein Berg aus Fleisch und Zorn. Es stieß einen Laut aus, ein tiefes Hornsignal, das das Deck unter ihren Füßen vibrieren ließ.

Es hatte sie gesehen.

„Waffen!“, brüllte Clara, die gerade aus der Luke stürmte.

„Waffen nützen nichts!“, schrie Morgana und riss das Steuer herum. „Das Ding frisst Schiffe zum Frühstück! Festhalten!“

Die Schattentänzerin legte sich hart auf die Seite. Der Leviathan tauchte ab. Aber nicht, um zu verschwinden. Er holte Schwung.

Er kam direkt auf sie zu, unter Wasser, eine Torpedo aus Muskeln.

Elias griff nach der Reling. Er sah Kael an.

„Kannst du ihn aufhalten?“, schrie er gegen den Wind.

Kael schüttelte den Kopf. Er war am Ende. Er war leer.

„Dann muss ich es tun“, sagte Elias.

Er kletterte auf die Reling. Er hielt sich am Want fest. Er blickte in das schwarze Wasser, dort wo der Schatten des Monsters immer größer wurde.

Er hatte keine Energie mehr im Amulett, um zu feuern. Aber er hatte den Hunger.

„Komm her“, flüsterte er. „Komm her und lass dich fressen.“

Der Leviathan brach durch die Oberfläche, direkt vor dem Bug. Ein Maul, groß genug, um das ganze Schiff zu verschlucken, öffnete sich. Reihen von Zähnen. Gestank nach uraltem Fisch.

Elias hob die Hand.

Das Kapitel des Pakts war vorbei. Der Sturm hatte begonnen.