NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 21: Die stürmische See
Das Meer war kein leerer Raum zwischen zwei Ländern. Es war ein Gebirge aus Wasser, das sich ständig bewegte, aufbäumte und wieder in sich zusammenstürzte.
Die Schattentänzerin tanzte nicht. Sie kämpfte.
Seit sie die schützenden Felsnadeln von Hafen Nebelheim verlassen hatten, hatte sich der Ozean in eine graue, tobende Hölle verwandelt. Der Himmel war eine tiefhängende Decke aus bleiernen Wolken, die nahtlos in das aufgewühlte Wasser übergingen, sodass es keinen Horizont mehr gab, nur noch ein endloses Grau, das oben und unten verschluckte.
Der Wind heulte in den Wanten, ein hohes, schrilles Pfeifen, das jede Unterhaltung an Deck unmöglich machte, wenn man nicht schrie. Gischt peitschte über die Reling, salzig und eiskalt, und überzog das Holz, die Taue und die Menschen mit einem schmierigen Film.
Clara saß an der Reling, den Rücken gegen die Bordwand gepresst, die Knie angezogen. Ihre Rüstung hatte sie abgelegt; das Metall war zu schwer, zu kalt und auf See eine Todesfalle. Sie trug nur ihr Leinenhemd und die Lederhose, aber selbst diese Kleidung fühlte sich an wie Blei.
Sie war blass. Leichenblass. Ihre Haut hatte einen grünlichen Schimmer angenommen, und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, obwohl der Wind eisig war.
„Atme“, sagte Tarek, der neben ihr saß. Er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt, nicht nur um sie zu stützen, sondern auch, um sich selbst Halt zu geben. Sein verletztes Bein war ausgestreckt, die Nekrose-Narbe an seiner Seite pochte im Takt des Wellenschlags.
„Ich atme“, presste Clara hervor. Sie schloss die Augen, als das Schiff in ein Wellental stürzte. Ihr Magen drehte sich um, krampfte sich zusammen, obwohl nichts mehr darin war, was sie hätte erbrechen können. „Es hört nicht auf. Warum hört es nicht auf?“
„Das ist das Meer“, sagte Tarek. „Es hat keinen Grund aufzuhören.“ Er strich ihr eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast gegen Schatten gekämpft. Du hast Golems zerschlagen. Aber ein bisschen Schaukeln macht dich fertig?“
„Ich hasse es“, flüsterte Clara. „Der Boden... er gibt keinen Widerstand. Man kann nicht stehen. Man kann nicht kämpfen.“ Sie öffnete die Augen, und in ihnen lag eine seltene, nackte Verletzlichkeit. „Ich fühle mich... nutzlos.“
„Willkommen im Club“, brummte Tarek. Er blickte auf seine eigenen Hände, die zitterten.
Weiter vorne, am Bug des Schiffes, stand Elias.
Er hielt sich mit der linken Hand an einem Tau fest. Seine rechte Hand, im Schwarzen Handschuh, hing an seiner Seite. Das Leder glänzte nass, unbeeindruckt vom Salz.
Elias war nicht seekrank. Das Amulett ließ es nicht zu. Es absorbierte die Übelkeit, das Schwindelgefühl, die körperliche Schwäche, und wandelte sie in eine kalte, statische Energie um, die in Elias’ Adern summte. Er fühlte sich nicht krank. Er fühlte sich fremd.
Er starrte in das graue Wasser. Es war tief hier. Unendlich tief. Und irgendwo da unten, meilenweit unter dem Kiel, lag das dritte Fragment. Die Träne des Ozeans.
Das Amulett spürte es. Der Riss im Kristall pulsierte nicht mehr hektisch wie im Dschungel. Er pulsierte langsam, schwer, wie der Herzschlag eines Wals. Ein tiefes Wumm... Wumm..., das Elias in seinen Zähnen spürte.
Komm, flüsterte das Wasser. Komm tiefer.
„Geh weg von der Reling, Junge“, brüllte Morgana Sturmherz vom Steuerdeck.
Die Kapitänin stand breitbeinig am Rad, den Mantelkragen hochgeschlagen, eine Zigarre im Mundwinkel, die trotz des Spritzwassers glimmte. Sie wirkte wie ein Teil des Schiffes, verwachsen mit dem Holz.
„Wenn du über Bord gehst, drehe ich nicht um! Nicht bei dieser See!“
Elias trat zurück. Er ging zu Marcus und Zara, die im Schutz des Aufbaus kauerten. Marcus hatte seine Tasche mit Wachstuch umwickelt, um die Karten zu schützen. Er war ebenfalls blass, aber er kämpfte gegen die Übelkeit an, indem er Zahlen murmelte.
„Wellenhöhe vier Meter“, flüsterte er. „Frequenz sechs Sekunden. Wenn die Amplitude steigt, wird die Strukturintegrität des Rumpfes bei... bei...“ Er würgte.
„Iss Ingwer“, sagte Zara und schob ihm ein Stück Wurzel in den Mund. „Und halt die Klappe.“ Sie blickte zu Elias hoch. „Wie geht es dem Stein?“
„Er ist ruhig“, sagte Elias. Er legte die Hand auf seine Brust. „Zu ruhig. Er wartet.“
„Worauf?“
„Auf das, was da draußen ist.“
In diesem Moment veränderte sich das Licht. Der graue Himmel wurde dunkler, fast schwarz. Aber es war keine Nacht. Es war ein Schatten, der sich unter dem Wasser bewegte.
Kael war der Einzige, der sich frei an Deck bewegte. Er stand mittschiffs, barfuß, das Wasser umspülte seine Füße, aber er rutschte nicht aus. Das Schiff bewegte sich, aber Kael glich jede Bewegung aus, als wäre er aus Wasser gemacht.
Er hob den Kopf. Er schnupperte.
„Es riecht nach... Tiefe“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber sie trug über den Sturm.
Plötzlich brach der Wind ab.
Es war kein langsames Abflauen. Es war ein Schnitt. Die Segel fielen schlaff zusammen. Das Tosen der Wellen verstummte zu einem leisen Klatschen. Die Schattentänzerin trieb in einer unnatürlichen Stille, die nur vom Knarren des Holzes unterbrochen wurde.
Das Wasser um sie herum wurde glatt. Ölig.
„Was ist das?“, fragte Clara und richtete sich mühsam auf. „Warum halten wir an?“
„Wir halten nicht an“, sagte Morgana. Sie ließ das Steuer los. Sie griff nach einer Harpune, die neben ihr an der Reling lehnte. Ihre Augen suchten das Wasser ab. „Wir werden beobachtet.“
„Von wem?“, fragte Marcus.
Das Schiff erzitterte. Ein Stoß von unten, als wäre es auf Grund gelaufen – hier, wo der Ozean tausend Meter tief war.
Elias griff nach der Reling. Das Amulett wurde heiß. Schlagartig. Ein Brennen, das ihn fast in die Knie zwang.
Gefahr, schrie es. Großes Leben.
Aus dem schwarzen Wasser, fünfzig Meter steuerbord, erhob sich etwas.
Zuerst sah es aus wie eine Insel, die an die Oberfläche brach. Ein Rücken, dunkelgrau, bedeckt mit Seepocken und uralten Narben. Er war riesig, länger als das Schiff selbst.
Dann kam die Flosse. Gezackt, zerfetzt, hoch wie ein Segel.
Und dann das Auge.
Es öffnete sich knapp über der Wasserlinie. Es war so groß wie ein Wagenrad, gelb, mit einer senkrechten Pupille, die auf das kleine Holzschiff starrte.
„Leviathan“, flüsterte Zara.
Das Biest stieß einen Laut aus. Es war kein Brüllen. Es war eine Vibration, ein Infraschall, der das Holz der Schattentänzerin zum Singen brachte und ihnen das Mark in den Knochen gefrieren ließ.
„Harpunen!“, brüllte Morgana. „Alle Mann an die Harpunen!“
Die Crew der Piraten erwachte aus ihrer Starre. Sie rannten zu den schweren Ballisten, die an der Reling montiert waren.
„Das nützt nichts“, sagte Kael. Er stand immer noch mittschiffs, den Blick auf das Monster gerichtet. „Stahl verletzt ihn nicht. Er ist so alt wie der Stein.“
Der Leviathan tauchte ab. Er verschwand ohne ein Spritzen. Das Wasser schloss sich über ihm.
„Wo ist er?“, schrie Clara. Sie zog ihr Schwert, schwankte, hielt sich an Tarek fest.
„Unter uns“, sagte Elias. Er spürte die Masse. Das Amulett zog ihn nach unten. „Er kommt von unten. Er will das Schiff brechen.“
Das Wasser um das Schiff herum begann zu brodeln. Blasen stiegen auf, groß wie Fässer.
„Festhalten!“, schrie Tarek.
Der Schlag traf sie mittschiffs.
Das Schiff wurde aus dem Wasser gehoben. Holz splitterte. Männer schrien. Elias wurde über das Deck geschleudert, prallte gegen den Mast.
Der Leviathan brach durch die Oberfläche, direkt unter ihnen. Sein riesiger Kopf, gepanzert mit Knochenplatten, rammte den Kiel.
Das Schiff kippte zur Seite. Wasser flutete über die Reling.
„Wir kentern!“, schrie Marcus.
Elias sah, wie Clara und Tarek ins Rutschen gerieten. Sie schlitterten über das nasse Deck, direkt auf die offene See zu.
„Nein!“, schrie Elias.
Er wollte das Amulett benutzen. Er wollte feuern. Aber er wusste, dass er das Schiff treffen würde. Er war zu instabil.
„Kael!“, rief er. „Tu was!“
Kael stand auf der schrägen Planke. Er hielt sich nicht fest. Er hob die Hände. Seine Augen leuchteten in einem blendenden Türkis.
„Eis“, sagte er. „Ich brauche Eis.“
„Eis!“, schrie Kael erneut. Seine Stimme war kein menschliches Rufen mehr, sondern ein Befehl an die Elemente. Er stand breitbeinig auf der schiefen Planke der Schattentänzerin, die Arme in die Höhe gerissen, als wollte er den Himmel herunterziehen.
Elias, der sich am Mast festgeklammert hatte, verstand. Kael konnte das Wasser formen, aber er konnte es nicht schnell genug härten, um dem Kiefer eines Leviathans standzuhalten. Er brauchte die Kälte. Die absolute, lebensfeindliche Kälte des Amuletts.
Elias ließ den Mast los. Er rutschte über das nasse Deck, prallte gegen die Reling, direkt neben Kael.
„Nimm es!“, brüllte Elias.
Er riss den Schwarzen Handschuh hoch und presste ihn gegen Kaels Rücken. Er öffnete das Ventil des Amuletts nicht vorsichtig. Er riss es auf.
Der Effekt war augenblicklich.
Die Luft um sie herum implodierte vor Kälte. Der Regen, der waagerecht über das Deck peitschte, gefrohr in der Luft zu Millionen winziger Nadeln. Elias spürte, wie ihm die Wärme aus dem Körper gesaugt wurde, ein brutaler, physischer Schmerz, der ihm die Luft abschnürte. Aber der Handschuh leitete die Entropie weiter. In Kael.
Kael zuckte nicht zusammen. Er wurde zum Leiter. Er nahm die Kälte und warf sie in den Ozean.
Eine Wand aus Wasser erhob sich zwischen dem Schiff und dem herabstürzenden Maul des Leviathans. Aber es war kein flüssiges Wasser mehr. Im Bruchteil einer Sekunde, genau in dem Moment, als die Kälte es traf, kristallisierte es.
Es gab ein Geräusch, das lauter war als der Donner. KRAAAACK.
Ein Eisberg wuchs aus dem Meer. Ein massiver, gezackter Schild aus grauem, undurchsichtigem Eis, der sich direkt in den offenen Rachen des Monsters schob.
Der Leviathan konnte nicht stoppen. Seine Masse, hunderte Tonnen von Muskeln und Knochenplatten, trieb ihn vorwärts. Er biss zu.
Zähne, so groß wie Schwerter, trafen auf das Eis. Splitter flogen durch die Luft wie Schrapnelle, groß genug, um einen Mann zu enthaupten. Das Monster brüllte – ein gurgelnder, wütender Laut –, als das Eis seinen Kiefer blockierte, sich in seinen Gaumen bohrte.
Der Aufprall stoppte den Angriff, aber die Wucht schleuderte die Schattentänzerin zurück. Das Schiff wurde von der Druckwelle der Verdrängung erfasst. Es wurde hochgehoben, fast senkrecht, und dann hart auf die Seite geworfen.
„Festhalten!“, schrie Morgana am Steuer.
Elias und Kael wurden von den Füßen gerissen. Sie rutschten über das vereiste Deck, verfingen sich in der Takelage. Elias’ Kopf schlug gegen eine Klampe. Sterne tanzten vor seinen Augen, aber er spürte immer noch das Amulett, das wie ein zweites Herz hämmerte. Der Riss glühte so heiß, dass er den Stoff seiner nassen Tunika versengte.
Das Schiff krachte zurück ins Wasser. Gischt schoss über das Deck, spülte alles weg, was nicht festgebunden war. Fässer, Taue, Ersatzsegel verschwanden in der schwarzen See.
Clara hing an der Reling, halb über Bord. Tarek hatte sie im letzten Moment am Gürtel gepackt. Er stemmte sich mit den Beinen gegen eine Bank, sein Gesicht vor Schmerz verzerrt, während seine Wunde aufriss.
„Zieh!“, schrie er. „Zieh dich hoch!“
Clara kämpfte. Aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Die Übelkeit, die sie seit Stunden quälte, hatte ihr jede Kraft geraubt. Sie hing da, starrte in den Strudel aus weißem Schaum und schwarzem Wasser unter ihr, und sah den Leviathan.
Das Biest war nicht tot. Es tobte. Es schlug mit dem Schwanz gegen den Eisberg, zerschmetterte ihn Stück für Stück. Blut färbte das Wasser dunkel, aber es war nur ein Kratzer für ein Wesen dieser Größe.
„Er kommt zurück!“, schrie Zara, die sich wie eine Katze an den Wanten festgekrallt hatte.
Elias rappelte sich auf. Kael lag neben ihm, bewusstlos oder nur erschöpft, das wusste er nicht. Die Haut des Magiers war weiß wie Marmor, überzogen von einer dünnen Schicht Reif. Er hatte zu viel gegeben.
Elias sah sich um. Das Schiff war ein Wrack. Der Fockmast war angeknackst, hing schief in den Seilen. Wasser schwappte knöcheltief über die Planken. Und der Leviathan drehte ab, um neuen Anlauf zu nehmen.
„Wir brauchen Geschwindigkeit!“, rief Elias zu Morgana.
„Die Segel sind hin!“, brüllte die Kapitänin zurück. Sie blutete an der Stirn, aber ihre Hände hielten das Steuer eisern fest. „Wir sind eine lahme Ente!“
„Nicht Segel“, sagte Elias. Er blickte auf Kael. Er konnte ihn nicht noch einmal benutzen. Das würde ihn töten.
Er blickte auf das Wasser. Auf die Strömung.
„Marcus!“, rief er. „Die Phiolen! Die, die wir im Labor gestohlen haben!“
Marcus kauerte im Schutz des Aufbaus, nass wie eine Ratte, aber er lebte. Er klammerte sich an seine Tasche. „Die Reaktive? Das ist Selbstmord! Wenn das Salzwasser...“
„Gib sie mir!“, schrie Elias. Er rutschte zu Marcus hinüber, riss ihm die Tasche aus der Hand. Er wühlte darin, fand zwei Glasflaschen mit einer blauen, öligen Flüssigkeit. Alchemistisches Feuer.
„Was hast du vor?“, fragte Zara, die vom Mast heruntergesprungen war.
„Antrieb“, sagte Elias.
Er rannte zum Heck. Der Leviathan kam näher. Man sah die Bugwelle, die er vor sich her schob. Er würde das Schiff in der Mitte durchbrechen.
Elias stand an der Heckreling. Er hielt die Flaschen. Er blickte auf das Amulett.
„Du hast Hunger?“, flüsterte er. „Dann friss das.“
Er warf die Flaschen ins Wasser, direkt hinter das Ruder.
Im selben Moment, als sie die Oberfläche berührten, schoss er mit dem Handschuh. Kein Strahl. Ein Impuls. Reine Hitze.
Er zündete das Wasser an.
Die Chemikalien reagierten nicht mit einer Flamme. Sie reagierten mit einer Expansion. Das Wasser hinter dem Schiff explodierte in einer Blase aus superheißem Dampf und Druck.
WUUUUSCH.
Die Schattentänzerin wurde nach vorne katapultiert. Es war kein Segeln. Es war ein Tritt in den Hintern. Das Schiff schoss über die Wellen, der Bug hob sich aus dem Wasser.
Alle wurden nach hinten geworfen. Clara und Tarek fielen übereinander. Morgana wurde gegen das Steuerad gepresst.
Der Leviathan schnappte ins Leere. Seine Kiefer schlossen sich Zentimeter hinter dem Heckruder, dort, wo das Wasser kochte. Er brüllte vor Wut, als der heiße Dampf seine empfindlichen Kiemen verbrannte.
Das Schiff raste davon, getrieben von der chemischen Explosion, hinein in den Nebel, hinein in die Dunkelheit.
Als die Geschwindigkeit nachließ und das Schiff wieder normal im Wasser lag, herrschte Stille an Deck. Nur das schwere Atmen der Crew und das Plätschern der Wellen.
Clara rollte sich von Tarek herunter. Sie kroch zur Reling und erbrach sich. Galle und Meerwasser. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie fühlte sich gedemütigt. Sie war eine Kriegerin. Sie sollte kämpfen. Stattdessen war sie Ballast.
Tarek legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Lass es raus“, sagte er leise. „Das Meer nimmt alles.“
Elias stand am Heck und starrte zurück. Der Leviathan war weg, verschluckt von der Nacht. Aber er spürte, dass das Amulett noch nicht fertig war. Der Riss pulsierte. Er hatte wieder Magie benutzt. Er hatte wieder das Gleichgewicht gestört.
Er sah auf seine Hand. Der Handschuh dampfte.
„Wir sind noch nicht da“, sagte Kael schwach. Er war aufgewacht, lehnte an der Reling, gestützt von Lyra. Er blickte nach vorne.
Dort, wo der Nebel am dichtesten war, begannen sich Formen abzuzeichnen.
Felsnadeln. Hunderte davon.
Die Nebel-Inseln.
„Haltet euch bereit“, sagte Kael. „Der Leviathan war nur der Wachhund. Jetzt betreten wir das Haus.“
Die chemische Explosion, die das Schiff über die Wellen katapultiert hatte, erstarb nicht langsam; sie endete abrupt. Der Schub ließ nach, als hätte eine gigantische Hand die Schattentänzerin losgelassen, und der Rumpf klatschte schwer zurück in das schwarze Wasser.
Stille folgte dem Lärm.
Es war keine friedliche Stille. Es war das plötzliche Verstummen der Welt. Der Wind, der eben noch in den zerfetzten Segeln geheult hatte, war verschwunden. Das Tosen der Brandung war weg. Selbst das Knarren des Holzes schien gedämpft, als wäre das Schiff in Watte gepackt worden.
Sie waren im Nebel.
Aber es war nicht der graue, feuchte Dunst des Deltas. Dieser Nebel leuchtete. Er hatte eine schwache, perlmuttartige Eigenluminosität, die keine Schatten warf, sondern Konturen auflöste.
Elias stand am Heck, die Hände immer noch auf die Reling gestützt, dort wo das Holz vom Alchemisten-Feuer schwarz verkohlt war. Er atmete schwer, sein Brustkorb hob und senkte sich ruckartig. Das Amulett unter seiner nassen Tunika war heiß – nicht verbrennend, sondern fiebrig. Es pulsierte in einem langsamen, schweren Rhythmus, der sich wie ein zweiter Herzschlag in seinen Rippen anfühlte.
Der Riss im Kristall glomm rötlich durch den Stoff. Er hatte wieder Magie benutzt. Er hatte wieder das Gleichgewicht gestört. Aber sie lebten.
„Sind wir... tot?“, fragte Marcus. Seine Stimme klang seltsam flach, ohne Hall. Er kauerte noch immer im Schutz der Kajüte, die Hände über den Kopf geschlagen.
„Noch nicht“, krächzte Morgana. Sie ließ das Steuerad los. Es drehte sich nicht zurück. Das Wasser hier war so ruhig wie Öl. „Aber wir sind blind. Mein Kompass dreht sich im Kreis. Die Sterne sind weg.“
Zara richtete sich auf. Sie wischte sich das Salzwasser aus dem Gesicht. Ihr Blick wanderte über das Deck. Es war ein Trümmerfeld. Taue lagen verheddert herum, Fässer waren zerborsten. Aber die Menschen waren noch da.
„Kael?“, rief sie leise.
Der Wassermagier lag vorn am Bug, dort wo er zusammengebrochen war, nachdem er den Eisberg erschaffen hatte. Lyra kniete neben ihm. Sie hatte seine Hand in ihrer.
„Er ist kalt“, sagte Lyra. Ihre Stimme zitterte. „Nicht wie tot. Wie... wie Tiefsee-Eis.“
Kael rührte sich. Er öffnete die Augen. Sie waren nicht mehr trüb. Sie waren vollkommen schwarz, bis auf einen winzigen, blauen Funken in der Mitte, der rotierte wie ein Strudel.
Er setzte sich auf. Er brauchte keine Hilfe. Er bewegte sich nicht wie ein Mensch, der gerade fast gestorben war. Er bewegte sich flüssig.
„Wir sind hier“, flüsterte er.
Er stand auf und trat an die Reling. Er blickte in die weiße Wand des Nebels.
„Die Nebel-Inseln“, sagte er. „Die Barriere. Sie lässt niemanden durch, der nicht eingeladen ist.“
„Und sind wir eingeladen?“, fragte Clara, die sich mühsam auf die Beine zog und Tarek half, sich an den Mast zu lehnen.
„Nein“, sagte Kael. Er drehte sich zur Gruppe um. Sein Gesicht war ausdruckslos, fremd. „Wir sind Eindringlinge. Aber wir tragen etwas, das sie wollen.“
Er deutete auf Elias. Auf das Amulett.
„Das Wasser erinnert sich“, sagte Kael. „Es spürt das Feuer in deiner Brust, Elias. Es spürt den Wald. Und es hat Angst.“
Elias trat vor. „Soll es Angst haben“, sagte er rau. Er fühlte sich ausgezehrt, aber der Schwarze Handschuh gab ihm eine künstliche Stärke. „Führe uns durch.“
Kael nickte. Er hob die Hand. Er berührte nicht das Wasser. Er berührte den Nebel.
Er strich mit den Fingern durch die Luft, als würde er einen Vorhang beiseite schieben.
Und der Nebel teilte sich.
Vor ihnen, aus dem Nichts auftauchend, ragten schwarze Felsnadeln aus dem Wasser. Sie waren gigantisch, hunderte Meter hoch, glatt und nass, wie die Zähne eines Urzeit-Monsters. Sie bildeten eine Gasse, einen schmalen Kanal aus dunklem Wasser, der tief in das Archipel führte.
Das Schiff glitt hinein. Ohne Wind. Ohne Segel. Die Strömung hatte sie erfasst.
Links und rechts zogen die Felsen vorbei. Elias sah, dass sie nicht leer waren. In den Nischen und Spalten des Basalts hingen Strukturen – Nester aus Treibholz, Knochen und... etwas anderem.
„Sind das... Häuser?“, flüsterte Marcus, der an die Reling getreten war. Er putzte hektisch seine Brille, um besser sehen zu können.
„Gräber“, sagte Zara. „Das sind Hängegräber. Seht ihr die Tücher?“
Fetzen von verrottetem Stoff wehten schwach in einem Luftzug, den man an Deck nicht spürte.
„Das ist kein Ort für Lebende“, sagte Tarek. Er hatte seine Hand auf dem Griff seines Krummschwertes, aber seine Knöchel waren weiß. Er war ein Mann der Wüste, der festen Erde. Das hier – das endlose Wasser, der Nebel, die Tiefe – war ein Feind, den er nicht bekämpfen konnte.
Das Schiff trieb weiter. Die Felsnadeln wichen zurück, bildeten einen Kreis um eine zentrale Lagune.
Das Wasser hier war nicht schwarz. Es leuchtete.
Tief unter der Oberfläche, vielleicht fünfzig Meter tief, pulsierte ein blaues Licht. Es war sanft, rhythmisch, wie ein Herzschlag.
„Der Tempel der Tiefe“, hauchte Kael. Er starrte in das Wasser, fasziniert, sehnsüchtig. „Dort unten. Unter der Kuppel.“
„Wir müssen tauchen?“, fragte Clara entsetzt. „In dieser Kälte?“
„Nicht wir“, sagte Elias. Er spürte den Zug des dritten Fragments. Der Träne des Ozeans. Sie rief ihn. Sie schrie nach dem Amulett. Komm. Verbinde uns.
„Jemand muss runter“, sagte Elias. „Aber das Schiff...“
Ein Ruck ging durch den Rumpf. Ein sanftes, aber bestimmtes Aufsetzen.
„Wir sind aufgelaufen“, sagte Morgana überrascht. Sie blickte über die Seite.
Unter dem Kiel war kein Sand. Dort war Stein. Ein Plateau, das sich aus der Tiefe erhoben hatte – oder das Wasser war gesunken.
Sie saßen fest. Mitten in der Lagune, umgeben von Nebel und den schweigenden Gräbern der Ahnen.
„Wir sind angekommen“, sagte Kael.
Aber sie waren nicht allein.
Aus dem Nebel, lautlos wie Geister, schälten sich andere Formen. Boote. Kleine, schmale Skiffs aus dunklem Holz und Knochen. Sie trieben auf das Schiff zu, umringten es.
In den Booten standen Gestalten. Sie waren humanoid, aber ihre Haut schimmerte blassblau und grau, wie die Bäuche von toten Fischen. Sie trugen Rüstungen aus Muscheln und Haifischleder. In den Händen hielten sie Speere mit Spitzen aus Obsidian.
Die Meerleute.
Einer von ihnen, eine Frau mit langen, weißen Haaren, die im Wasser schwebten, obwohl sie an der Luft waren, hob eine Hand.
Das Wasser um die Schattentänzerin begann zu brodeln.
„Nicht bewegen“, warnte Kael. „Das ist Naia. Die Hüterin der Gezeiten.“
Elias trat an die Reling. Er hob die Hände, zeigte die leeren Handflächen – und den schwarzen Handschuh.
„Wir suchen das Licht“, rief er.
Naia blickte zu ihm hoch. Ihre Augen waren schwarz, ohne Weiß, ohne Pupille. Sie sah nicht ihn an. Sie sah durch ihn hindurch, direkt auf den Riss in seiner Brust.
„Ihr bringt kein Licht“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie das Rauschen der Brandung in einer Höhle. „Ihr bringt den Sturm.“