NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten

KAPITEL 22: Die Nebel-Inseln

Die Stille in der Lagune der Nebel-Inseln war nicht leer; sie war schwer. Sie drückte auf die Ohren wie das Gewicht von tiefem Wasser. Der Nebel, der die schwarzen Felsnadeln umhüllte, schluckte jeden Laut, jedes Knarren der Schattentänzerin, jeden Atemzug der Crew.

Elias stand an der Reling, die Hände erhoben, die Handflächen offen, um zu zeigen, dass er keine Waffe hielt. Aber er wusste, dass das eine Lüge war. Er war die Waffe. Das Amulett an seiner Brust pulsierte heiß und dissonant gegen die feuchte Kälte der Umgebung. Der Riss im Kristall glühte unter seiner nassen Tunika, ein rotes, wütendes Auge, das die blassblauen Lichter der Lagune anstarrte.

Vor ihm, auf dem Wasser schwebend in einem Skiff aus dunklem, poliertem Knochen, stand Naia.

Sie war kein Mensch. Zumindest nicht so, wie Elias Menschen kannte. Ihre Haut war von einem schimmernden Grau, überzogen mit feinen Schuppen, die das biolumineszente Licht des Wassers reflektierten. Ihr Haar war weiß und schwer, als bestünde es aus nassen Tauen, und es bewegte sich leicht im windstillen Raum, als wäre sie immer noch unter Wasser.

Aber es waren ihre Augen, die Elias frösteln ließen. Sie waren schwarz. Vollkommen schwarz, ohne Weiß, ohne Iris. Sie sahen nicht auf ihn. Sie sahen in ihn.

„Ihr bringt den Sturm“, wiederholte sie. Ihre Stimme klang nicht wie Sprache. Sie klang wie das Grollen von Steinen in der Brandung, tief und vibrierend. „Das Feuer der Wüste. Die Wut des Waldes. Ihr tragt den Krieg in mein Haus.“

„Wir bringen das Ende des Krieges“, sagte Elias. Seine Stimme war heiser. „Wir brauchen die Träne. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen.“

Naia lachte nicht. Sie legte den Kopf schief, eine ruckartige, vogelähnliche Bewegung. „Gleichgewicht? Du bist ein Riss, Junge. Du blutest Chaos. Wenn ich dich in den Tempel der Tiefe lasse, wird das Wasser kochen. Die Korallen werden sterben.“

Sie hob ihren Speer. Die Spitze war aus Obsidian, schwarz und scharf wie Glas. Dutzende von Meerleuten in den anderen Booten taten es ihr gleich. Sie spannten ihre Muskeln an, bereit zu werfen.

„Nicht!“, rief Kael.

Er stieß sich von der Reling ab, sprang über das Schanzkleid und landete leichtfüßig auf dem Wasser. Er sank nicht ein. Er stand auf der Oberfläche, gehalten von seiner Magie, die hier, an der Quelle seiner Kraft, stärker war als je zuvor.

Er ging auf Naia zu. Er trug keine Waffen. Er trug nur seine nassen, zerrissenen Kleider und die Erschöpfung von Wochen der Gefangenschaft.

„Sieh mich an, Naia“, sagte er. „Kennst du mich nicht mehr?“

Naia senkte den Speer einen Zentimeter. Ihre schwarzen Augen fixierten ihn.

„Ich rieche dich“, sagte sie. „Du riechst nach Eisen. Nach abgestandenem Wasser. Nach Käfig.“ Sie rümpfte die Nase, die nur aus zwei schmalen Schlitzen bestand. „Du bist Kael. Der Verlorene. Der, der sich fangen ließ.“

Kael zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. „Ich wurde genommen. Ich habe nicht gewählt.“

„Du bist an Land gegangen“, sagte Naia kalt. „Wer das Ufer betritt, akzeptiert die Ketten der Trockenheit.“

„Ich bin zurückgekommen“, sagte Kael. Er streckte die Hand aus, Handfläche nach oben. Eine kleine Fontäne aus Wasser erhob sich aus der Lagune, tanzte auf seiner Hand, formte sich zu einem perfekten Kreis. „Ich habe das Wasser nicht vergessen. Und das Wasser hat mich nicht vergessen.“

„Aber du hast Fremde mitgebracht“, zischte Naia. „Feuerbringer. Eisenmänner.“ Sie deutete mit dem Speer auf das Schiff, auf Tarek, der sich mühsam an der Reling hielt, auf Clara mit ihrem Schwert.

„Sie haben mich gerettet“, sagte Kael fest. „Sie haben mich aus dem Glas befreit. Sie haben mich zum Fluss getragen, als ich nicht laufen konnte. Sie sind keine Feinde, Naia. Sie sind... Treibgut. Wie ich.“

Naia schwieg. Sie blickte von Kael zu Elias. Sie sah den Schwarzen Handschuh, der sich in die Reling krallte. Sie sah die silbernen Adern, die sich nun bis zu Elias’ Hals hochzogen.

„Er ist krank“, sagte sie. „Er trägt den Tod an seiner Hand.“

„Er trägt eine Last“, sagte Kael. „Genau wie der Ozean die Last der Schiffe trägt.“

„Der Ozean trägt nicht“, sagte Naia. „Der Ozean duldet. Und manchmal... manchmal verschlingt er.“

Sie stieß das Ende ihres Speers ins Wasser. Ein dumpfer Schlag hallte durch die Lagune. Das blaue Leuchten in der Tiefe pulsierte einmal hell auf.

„Ihr wollt die Träne“, sagte sie. „Ihr wollt das Heiligste, was wir haben. Das Herz des Ozeans.“

„Wir müssen es haben“, rief Marcus von Deck. Er konnte sich nicht zurückhalten. Er hielt seine Tasche fest, als wäre sie ein Schild. „Die energetische Instabilität des Amuletts ist kritisch. Ohne das kühlende Element der Träne wird es zu einer thermonuklearen... zu einer sehr großen Explosion kommen. Hier. In eurer Lagune.“

Naia blickte ihn an. Marcus schrumpfte unter ihrem blicklosen Starren.

„Du drohst mir, Landbewohner?“

„Ich... ich analysiere Wahrscheinlichkeiten“, stammelte Marcus.

„Halt den Mund, Marcus“, flüsterte Zara.

Naia wandte sich wieder Kael zu. „Deine Freunde sind laut. Und respektlos.“

„Sie sind verzweifelt“, sagte Kael. „Bitte, Naia. Lass uns zum Tempel. Lass uns die Träne nutzen, um das Amulett zu binden. Dann geben wir sie zurück.“

„Nichts, was an Land geht, kommt jemals zurück“, sagte Naia.

Sie schwieg lange. Der Nebel waberte um sie herum, bildete Gesichter, die sich auflösten. Die anderen Meerleute warteten, regungslos wie Statuen aus Treibholz.

„Es gibt ein Gesetz“, sagte Naia schließlich. „Das Gesetz der Tiefe. Wer das Licht der Tiefe will, muss die Tiefe verstehen.“

„Ich verstehe sie“, sagte Kael.

„Nicht du“, sagte Naia. „Du bist schon nass. Du hast schon geatmet, ohne Luft zu holen.“

Sie zeigte mit einem langen, grauen Finger auf Elias. Dann auf Clara. Auf Tarek. Auf Marcus. Auf Zara. Auf Lyra.

„Sie“, sagte Naia. „Sie sind trocken. Sie sind fest. Sie glauben, sie wüssten, wer sie sind. Aber das Meer weiß es besser. Das Meer spült die Lügen weg.“

„Was verlangst du?“, fragte Elias. Er spürte, wie das Amulett kälter wurde. Es zog sich zusammen, als wollte es sich vor dem Wasser verstecken.

„Eine Prüfung“, sagte Naia. „Nicht des Körpers. Eure Körper sind schwach, sie brechen im Druck. Eine Prüfung des Geistes.“

Sie deutete auf das blaue Leuchten unter dem Schiff.

„Der Eingang zum Tempel ist offen. Aber er ist durch eine Membran aus alter Magie geschützt. Wer hindurchgeht, muss seine eigene Wahrheit atmen. Wer lügt... wer sich selbst belügt... der ertrinkt.“

„Wir haben schon Prüfungen bestanden“, sagte Clara trotzig. „Wir waren im Spiegellabyrinth.“

„Spiegel zeigen nur die Oberfläche“, sagte Naia abfällig. „Das Wasser geht tiefer. Es geht dorthin, wo ihr Angst habt, hinzuschauen.“

Sie blickte Kael an. „Wenn du glaubst, dass sie würdig sind, Bruder... dann führe sie hinunter. Aber wenn sie versagen... wenn sie ertrinken... dann gehören ihre Körper dem Riff. Und ihre Seelen dem Leviathan.“

Kael blickte zu Elias zurück. Er sah die Erschöpfung in Elias’ Gesicht. Den Wahnsinn, der am Rand seines Blickfeldes lauerte.

„Er wird nicht ertrinken“, sagte Kael. „Er brennt zu heiß.“

„Wir werden sehen“, sagte Naia. „Feuer braucht Luft. Hier unten gibt es keine.“

Sie drehte ihr Boot um. Mit einem einzigen, synchronen Schlag der Paddel wendeten die Meerleute. Sie verschwanden nicht im Nebel. Sie bildeten eine Gasse. Einen Weg zum Zentrum der Lagune.

„Das Wasser wartet“, sagte Naia.

Elias blickte auf das schwarze Wasser. Er hatte Angst. Mehr Angst als vor dem Feuer. Feuer war schnell. Wasser war langsam. Wasser war geduldig.

„Wir müssen tauchen?“, fragte Marcus, und seine Stimme war hoch und dünn. „Physiologisch gesehen... der Druck... der Sauerstoffmangel...“

„Kael wird uns Luft geben“, sagte Elias. Er sah den Wassermagier an. „Oder?“

Kael trat zurück an die Bordwand. Er kletterte hoch. Er wirkte ernst.

„Ich kann euch eine Blase geben. Eine Atem-Perle. Aber sie hält nur, solange ihr ruhig bleibt. Wenn ihr in Panik geratet... wenn ihr gegen die Visionen kämpft... platzt sie.“

„Visionen?“, fragte Lyra. Sie hielt sich an der Reling fest, ihre weißen Haare wehten im Wind.

„Die Tiefen des Selbst“, sagte Kael. „Das Wasser zeigt dir, was du verlieren könntest. Oder was du schon verloren hast.“

Elias griff nach dem Amulett. Er dachte an seinen Vater. An seine Mutter. Er hatte schon alles verloren. Was konnte das Wasser ihm noch zeigen?

„Wir gehen“, sagte er.

Er kletterte über die Reling. Er sprang nicht. Er ließ sich fallen.

Das Wasser schloss sich über ihm. Kalt. Schwarz. Endgültig.

Der Sturz ins Wasser war kein Aufprall, sondern ein Verschlucktwerden.

Die Kälte des Westmeeres war nicht schneidend wie der Wind oben, sie war erdrückend. Sie legte sich um Elias wie eine zweite, eisige Haut, die sofort versuchte, in seine Poren zu dringen und die Wärme aus seinem Blut zu pressen. Er sank. Das Gewicht seiner Stiefel und des Mantels zog ihn nach unten, weg vom Licht, weg von der Luft.

Er öffnete die Augen. Salzwasser brannte darin. Um ihn herum war nur schwarz-grüne Dunkelheit, durchzogen von den Blasenspuren seines eigenen Eintauchens. Panik, urzeitlich und instinktiv, griff nach seiner Kehle. Er wollte strampeln, wollte nach oben, zurück zur Oberfläche.

Aber dann war da ein Licht. Ein blaues Glimmen, das direkt vor seinem Gesicht aufleuchtete.

Kael.

Der Wassermagier schwebte vor ihm im Wasser, nicht fallend, nicht kämpfend. Er war Teil des Mediums. Seine Haare trieben wie schwarze Algen um seinen Kopf, seine Haut leuchtete schwach biolumineszent.

Er streckte die Hand aus. In seiner Handfläche lag eine kleine Kugel, die pulsierte wie ein lebendes Herz aus Wasser und Luft. Die Atem-Perle.

Er drückte sie Elias nicht in die Hand. Er drückte sie ihm auf den Mund.

Die Perle zerplatzte nicht. Sie dehnte sich aus. Sie legte sich wie eine dünne, unsichtbare Membran über Elias’ Nase und Mund.

Atme, hörte Elias Kaels Stimme in seinem Kopf. Sie klang nicht wie Sprache, sondern wie Gedankenübertragung durch das Wasser.

Elias tat das Unmögliche. Er atmete ein.

Kein Wasser flutete seine Lungen. Es war Luft. Kalte, metallisch schmeckende Luft, die nach Ozon und Tiefe roch, aber es war Sauerstoff. Die Magie filterte das Wasser, extrahierte das Leben daraus und gab es ihm.

Er hustete, eine Reflexhandlung, und Blasen stiegen auf. Er lebte.

Um ihn herum tauchten die anderen ein. Clara und Tarek sanken schnell, gezogen vom Gewicht ihrer Waffen und restlichen Rüstungsteile. Tarek kämpfte nicht; er ließ sich sinken wie ein Stein, die Augen geschlossen, als erwartete er den Aufprall auf dem Grund.

Kael bewegte sich mit unmenschlicher Geschwindigkeit. Er schoss zu ihnen, platzierte weitere Perlen, versorgte Marcus, der wild um sich schlug, und Zara, die sich an ihre Dolche klammerte. Lyra brauchte keine Hilfe; sie ließ sich treiben, die Augen weit offen, fixiert auf das Licht in der Tiefe.

Als alle versorgt waren, gab Kael ein Zeichen. Er deutete nach unten.

Dort, in der Schwärze der Lagune, leuchtete es. Ein sanftes, rhythmisches Blau, wie das Herzschlag eines schlafenden Riesen.

Der Tempel der Tiefe.

Sie schwammen nicht wirklich. Die Strömung, die Kael kontrollierte – oder die Naia zuließ – erfasste sie. Sie wurden sanft nach unten gezogen, vorbei an den gigantischen Basaltnadeln, die wie die Säulen einer untergegangenen Kathedrale im Wasser standen.

Elias blickte sich um. Sie waren nicht allein.

Die Meerleute schwammen mit ihnen. Dutzende von ihnen. Sie bewegten sich ohne Anstrengung, ihre grauen Körper verschmolzen mit dem Wasser. Sie hielten ihre Obsidian-Speere nicht im Anschlag, aber sie waren bereit. Sie waren die Wächter, die Eskorte in den Kerker.

Naia schwamm voraus. Ihr langes weißes Haar zog eine Spur im Wasser, die leuchtete. Sie blickte nicht zurück.

Je tiefer sie kamen, desto stärker wurde der Druck. Elias spürte ihn in den Ohren, in den Nebenhöhlen. Aber das Amulett reagierte darauf.

Es wurde nicht heißer. Es wurde dichter. Der Riss im Kristall, der an der Oberfläche noch rot geglüht hatte, veränderte seine Farbe. Er wurde violett, dann fast schwarz. Das Amulett zog sich zusammen, als wollte es sich gegen den Wasserdruck panzern. Es hasste das Wasser, aber es respektierte die Tiefe.

Wir sind hier falsch, flüsterte der Instinkt des Feuers in Elias. Hier gibt es keine Luft zum Brennen.

Sie erreichten den Grund der Lagune.

Hier unten wuchsen keine Algen, kein Seegras. Der Boden bestand aus glattem, weißem Sand, der das blaue Licht reflektierte.

Und in der Mitte des Sandkreises stand der Tempel.

Es war kein Gebäude aus Stein. Es war eine Kuppel aus Energie. Ein riesiges, halbkugelförmiges Feld, das das Wasser zurückhielt. Darunter sah man Ruinen – Säulen aus Perlmutt, Altäre aus Korallen, die aussahen wie versteinerte Bäume.

Aber der Eingang war kein Tor. Es war eine Membran. Eine schimmernde, ölige Schicht, die den einzigen Zugang zur Kuppel bildete.

Naia landete vor der Membran. Sie stellte sich auf den Sand, als wäre es fester Boden an der Luft. Sie drehte sich zu der Gruppe um, die langsam hinter ihr zu Boden sank.

Die Bewegungen hier unten waren träge, traumartig. Tarek landete schwer, wirbelte Sand auf. Marcus stolperte, wurde von Zara gehalten.

Naia hob ihren Speer und deutete auf die Membran.

Elias hörte ihre Stimme nicht in den Ohren, sondern direkt in seinem Kopf, übertragen durch das Wasser.

Die Haut der Wahrheit, sagte sie. Sie lässt nur hindurch, was echt ist. Alles Falsche wird abgestreift.

Sie blickte Elias an. Ihre schwarzen Augen waren unlesbar.

Du trägst viele Schichten, Feuerbringer. Wut. Angst. Stolz. Wenn du durch diese Wand gehst... wird das Wasser dich fragen, wer du bist. Wenn du lügst... zerquetscht es dich.

Elias trat vor. Seine Bewegungen waren langsam gegen den Wasserwiderstand. Er stand vor der Membran. Sie pulsierte. Er konnte sehen, dass dahinter Luft war. Trockene, alte Luft.

Aber der Weg dorthin führte durch die psychische Presse.

Er blickte zu seinen Freunden.

Tarek wirkte ruhig. Er hatte seinen Frieden mit dem Tod gemacht, oder zumindest mit der Möglichkeit des Sterbens. Clara wirkte entschlossen, ihr Kiefer war festgesetzt. Zara hielt Marcus’ Hand, ihr Blick war trotzig. Lyra... Lyra sah aus, als wäre sie schon auf der anderen Seite.

„Wir sind bereit“, dachte Elias, und hoffte, dass Kael den Gedanken projizierte.

Kael, der neben der Membran schwebte, nickte. Sie sind bereit, Naia. Lass sie passieren.

Naia senkte den Speer.

Dann tretet ein. Und möge die Tiefe gnädig sein mit dem, was von euch übrig bleibt.

Elias atmete tief durch seine magische Membran ein. Er griff nach dem Amulett. Er hielt es fest. Nicht als Waffe. Als Anker.

Er machte den ersten Schritt. Er berührte die Membran.

Sie fühlte sich an wie eiskaltes Quecksilber. Sie gab nach. Sie umschloss ihn.

Und dann verschwand die Welt. Das Wasser war weg. Der Tempel war weg. Seine Freunde waren weg.

Er war allein. In der Dunkelheit seines eigenen Kopfes.

Die Prüfung hatte begonnen.

Die Dunkelheit, die Elias umschloss, war nicht leer. Sie war dicht, schwer und fühlte sich an wie Samt, der gegen seine Haut drückte.

Er hatte erwartet, zu ertrinken. Er hatte erwartet, dass die Membran – die Haut der Wahrheit, wie Naia sie genannt hatte – sich wie Wasser in seine Lungen drängen würde. Aber da war kein Wasser. Da war nur Stille.

Er schwebte in einem absoluten Nichts. Kein Oben, kein Unten. Das Amulett an seiner Brust war verstummt. Der Riss, der ihn seit Wochen mit Hitze und Schmerz quälte, war kalt und taub.

Wer bist du?

Die Frage kam nicht von außen. Sie wurde nicht gesprochen. Sie vibrierte in seinen Knochen, in seinem Blut, in den silbernen Fäden des Schwarzen Handschuhs, der mit seiner rechten Hand verwachsen war.

Elias wollte antworten. Er wollte sagen: Ich bin Elias von Aetherholm. Ich bin der Sohn von Elara. Ich bin ein Hüter.

Aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Hier, in der Membran, schmeckten Lügen nach Asche. Und das waren Lügen. Das waren Rollen, die er gespielt hatte. Masken, die er getragen hatte, um nicht wahnsinnig zu werden.

Die Dunkelheit drückte fester zu. Es fühlte sich an, als würde er zerquetscht. Die Wahrheit verlangte Raum.

Wer bist du?, fragte die Stimme erneut, drängender, härter.

Elias schloss die Augen, obwohl es nichts zu sehen gab. Er blickte in sich hinein. Er sah die Leere, die das Amulett hinterlassen hatte. Er sah die Erinnerung an seinen Vater, die er der Hexe geopfert hatte – ein weißer Fleck auf der Landkarte seines Gedächtnisses. Er sah die Asche der Pflanzen, die er im Dschungel getötet hatte. Er sah den Mann, den er im Lager erwürgt hatte.

Er war kein Retter. Er war kein Held.

„Ich bin das Ende“, dachte er. Und der Gedanke war klar wie ein Diamant. „Ich bin derjenige, der übrig bleibt, wenn alles andere brennt. Ich bin das Gefäß für den Schmerz, den niemand sonst tragen will.“

Der Druck ließ nach. Die Dunkelheit wich zurück, als hätte er ein Passwort ausgesprochen.

Wahrheit, flüsterte die Stimme. Sie klang traurig. Du bist das Vakuum.

Elias fiel.

Der Boden unter seinen Füßen war hart und trocken. Er landete auf den Knien, keuchend, als hätte er Minuten lang die Luft angehalten. Er riss die Augen auf.

Er war nicht mehr im Wasser.

Er befand sich in einer gigantischen Halle. Die Decke wölbte sich hoch über ihm, eine transparente Kuppel aus einem Material, das wie Glas aussah, aber organisch wirkte – wie die Innenseite einer riesigen Muschel.

Jenseits der Kuppel sah er das Wasser. Schwarze, schwere Massen, die gegen die unsichtbare Barriere drückten. Er sah Fischschwärme, die wie silberne Wolken vorbeizogen. Er sah das schwache, blaue Leuchten der biolumineszenten Algen, das den Raum in ein gespenstisches Zwielicht tauchte.

Er war im Tempel der Tiefe.

Die Luft hier drin war alt. Sie roch nach Salz, nach getrocknetem Seetang und nach einer staubigen Reinheit, die seit Jahrtausenden nicht mehr geatmet worden war.

Elias richtete sich auf. Er war trocken. Seine Kleidung, die eben noch vom Meerwasser durchtränkt war, war steif, aber nicht nass. Die Membran hatte das Wasser abgestreift.

Neben ihm flimmerte die Luft. Eine Gestalt materialisierte sich aus dem Nichts, stolperte, fiel.

Clara.

Sie landete hart auf den Händen, würgte, als wollte sie Wasser erbrechen, aber es kam nur trockener Husten. Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Gesicht war kreidebleich, ihre Augen weit aufgerissen vor einem Schrecken, den Elias nicht sehen konnte.

„Ich habe versagt“, keuchte sie. „Ich habe sie nicht gehalten. Sie sind alle gefallen.“

Sie sprach mit jemandem, der nicht da war. Elias kniete sich neben sie, legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Clara“, sagte er. „Du bist da. Wir sind durch.“

Clara blinzelte. Sie sah ihn an, brauchte einen Moment, um ihn zu erkennen. „Elias?“ Sie griff nach ihrem Schwert, das neben ihr lag. „Der Nebel... er hat mir gezeigt...“ Sie brach ab. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie ein Bild vertreiben. „Es war nur eine Prüfung.“

Ein weiteres Flimmern. Tarek brach durch die Barriere. Er fiel nicht. Er landete auf den Füßen, aber er schwankte wie ein Betrunkener. Er hielt sich die Seite, dort wo die Magiebrand-Wunde war. Er stöhnte.

„Vater“, murmelte er. „Lass mich rein. Ich habe das Gold.“

Elias sah ihn an. Tarek hatte seine Wahrheit gesehen. Die Wahrheit, dass er immer noch versucht, die Anerkennung eines Verräters zu gewinnen.

Dann kamen Marcus und Zara. Sie fielen zusammen durch die Membran, hielten sich an den Händen. Marcus weinte lautlos. Zara war stumm, ihr Gesicht eine Maske aus Schmerz.

„Es ist vorbei“, sagte Marcus immer wieder. „Die Variable ist null. Es gibt keine Zukunft.“

Zuletzt kamen Lyra und Kael.

Kael trat durch die Wand, als wäre es ein Vorhang. Er wirkte nicht erschüttert. Er wirkte erhaben. Seine Haut leuchtete hellblau. Er war hier zu Hause.

Lyra hingegen wirkte durchscheinend. Ihre weißen Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie einen Teil von sich auf der anderen Seite gelassen.

„Wir sind vollständig“, sagte Elias. Er stand auf. Das Amulett an seiner Brust begann wieder zu pochen. Ein langsamer, schwerer Rhythmus. Es spürte das Fragment.

Er blickte sich um. Der Tempel war leer, bis auf Reihen von korallenartigen Säulen, die eine Allee zum Zentrum bildeten. Es gab keinen Altar wie im Sonnentempel. Es gab keinen Thron wie im Wald.

Es gab nur ein Becken.

In der Mitte der Halle, eingelassen in den Boden aus Perlmutt, war ein kreisrundes Loch, gefüllt mit Wasser, das so dunkelblau war, dass es fast schwarz wirkte.

„Dort“, sagte Kael. Er ging auf das Becken zu. Seine Schritte hallten nicht. „Der Brunnen der Erinnerung. Die Träne liegt dort unten.“

Elias folgte ihm. Die Gruppe schleppte sich hinterher, gezeichnet von der Passage.

Als sie das Becken erreichten, sahen sie, dass das Wasser nicht stillstand. Es rotierte. Ein langsamer, hypnotischer Strudel, der in eine Tiefe führte, die die Kuppel nicht begrenzen konnte.

„Es ist tief“, flüsterte Marcus. Er starrte in den Strudel. „Physikalisch unmöglich. Der Boden der Kuppel müsste hier sein. Aber das hier... das führt in den Erdmantel.“

„Es führt in die Vergangenheit“, sagte eine Stimme.

Naia trat aus dem Schatten einer Säule. Sie war nicht nass. Sie trug ihre Rüstung aus Muscheln und Knochen. Sie wirkte in der trockenen Luft fremd, ihre Bewegungen waren weniger flüssig, eckiger.

„Ihr habt die Haut passiert“, sagte sie. Ihre schwarzen Augen musterten die Gruppe. „Ihr habt eure Lügen abgestreift. Aber das war nur der Eintritt.“

Sie trat an den Rand des Beckens.

„Das Fragment“, sagte sie, „liegt nicht im Wasser. Es liegt im Vergessen. Wer es holen will, muss tauchen. Nicht mit dem Körper. Mit der Seele.“

„Noch eine Prüfung?“, fragte Clara müde. „Wir haben schon die Wahrheit gesagt. Was wollt ihr noch?“

„Wahrheit ist einfach“, sagte Naia. „Wahrheit ist das, was ist. Aber um die Träne des Ozeans zu halten, müsst ihr akzeptieren, was sein könnte. Und was nie sein wird.“

Sie blickte Elias an.

„Der Riss in deiner Brust, Feuerbringer... er schreit nach dem Wasser. Aber Wasser heilt keine Risse, indem es sie füllt. Es heilt sie, indem es sie schleift. Bis nichts mehr übrig ist.“

Elias trat an den Rand des Beckens. Er spürte die Kälte, die aus dem Wasser aufstieg. Es war die gleiche Kälte wie die des Amuletts. Eine verwandte Leere.

„Ich hole es“, sagte er.

„Nein“, sagte Kael. Er trat neben Elias. „Du kannst nicht. Du bist Feuer und Eis. Du würdest das Wasser verdampfen oder gefrieren. Du brauchst jemanden, der fließt.“

Er sah die anderen an.

„Wir müssen alle gehen“, sagte Kael. „Das Fragment ist zu schwer für einen allein. Es ist die Summe aller Tränen, die je geweint wurden. Wenn einer es allein trägt, ertrinkt er in der Trauer.“

„Wir tauchen?“, fragte Marcus und schluckte.

„Wir tauchen“, sagte Kael. Er hob die Hand. Aus dem Becken stiegen kleine Blasen auf. Sie schwebten in die Luft, wuchsen, wurden zu Kugeln aus Wasser und Luft. Atem-Perlen.

„Nehmt sie“, sagte Kael. „Sie halten euch am Leben. Aber sie schützen euch nicht vor dem, was ihr sehen werdet.“

Elias nahm eine Perle. Sie fühlte sich kühl an.

„Was werden wir sehen?“, fragte er.

„Die Tiefen des Selbst“, sagte Naia. „Eure größten Ängste. Eure schlimmsten Möglichkeiten. Das Fragment zeigt euch eine Welt, in der ihr versagt habt. Wenn ihr glaubt, dass es wahr ist... werdet ihr nie wieder auftauchen.“

Das Schiff über ihnen knarrte. Ein dumpfer Schlag ging durch die Kuppel. Staub rieselte herab.

„Was war das?“, fragte Zara und blickte nach oben.

„Besuch“, sagte Naia. Sie blickte nicht nach oben. Sie blickte Elias an. „Deine Schatten sind dir gefolgt, Träger. Die Barriere hält sie nicht auf. Sie haben kein Selbst, das geprüft werden muss.“

Ein weiterer Schlag. Risse bildeten sich im Glas der Kuppel.

„Die Schattenflotte“, sagte Elias. „Arkan ist hier.“

„Dann beeilt euch“, sagte Naia. Sie hob ihren Speer. „Ich werde die Kuppel halten. So lange ich kann. Aber wenn das Wasser hereinbricht... gibt es keine Rettung.“

Elias blickte in den Strudel. Er sah das blaue Leuchten in der Tiefe. Das dritte Fragment. Die letzte Hoffnung.

Und er hörte das Knacken des Glases über ihm.

„Rein“, sagte er. „Bevor der Himmel uns auf den Kopf fällt.“

Er steckte die Perle in den Mund. Er schmeckte Salz und Magie. Er atmete tief ein.

Und sprang in den Brunnen der Erinnerung.