NOX AETERNA · Band 2 · Der Preis der Gezeiten
KAPITEL 23: Die Tiefen des Selbst
Der Sturz durch die Membran war kein Fallen in Wasser. Es war ein Fallen in das eigene Bewusstsein.
Als Elias die schimmernde Barriere des Tempels der Tiefe durchbrach, verschwand die physische Welt. Es gab keine Atem-Perle mehr in seinem Mund, kein Gewicht des Amuletts an seiner Brust, keine Freunde an seiner Seite.
Es gab nur Stille. Eine dichte, graue Stille, die schmeckte wie alte Asche.
Er stand auf festem Boden. Aber es war kein Stein. Es war Eis. Schwarzes, spiegelglattes Eis, das sich in alle Richtungen erstreckte, bis es mit einem Himmel verschmolz, der keine Sterne hatte, sondern nur violette, statische Blitze.
Elias drehte sich im Kreis. Er war allein.
„Hallo?“, rief er. Seine Stimme klang dünn, wurde sofort vom Wind verschluckt. „Clara? Marcus?“
Niemand antwortete.
Dann sah er etwas am Horizont. Einen Thron. Er war riesig, gehauen aus dem Berg selbst. Und darauf saß jemand.
Eine Gestalt in schwarzer Rüstung, den Kopf gesenkt, als würde sie schlafen.
Elias ging darauf zu. Seine Schritte machten kein Geräusch. Je näher er kam, desto kälter wurde es. Es war die vertraute Kälte seines Amuletts, aber sie war tausendmal stärker. Sie war absolut.
Er erreichte den Thron. Die Gestalt hob den Kopf.
Es war er selbst.
Aber es war ein Elias, der alt war. Sein Gesicht war eine Maske aus Falten und Narben. Seine Augen waren weiß, blind. Sein rechter Arm war nicht mehr da – er war vollständig vom Schwarzen Handschuh konsumiert worden, der nun als lebendige, pulsierende Masse aus Schatten seinen ganzen Oberkörper bedeckte.
„Du bist gekommen“, sagte der alte Elias. Seine Stimme klang wie das Brechen von Gletschereis.
„Wer bist du?“, fragte der junge Elias.
„Ich bin das Ende“, sagte der Alte. Er deutete auf die leere Eiswüste um sie herum. „Sieh dich um. Das ist dein Werk.“
Elias sah sich um. Und jetzt sah er sie. Unter dem Eis.
Eingefroren im schwarzen Boden, wie Insekten in Bernstein, lagen sie. Clara, das Schwert noch in der Hand. Tarek, im Kampf gefallen. Marcus, zusammengekauert über einem Buch. Lyra, die Hände zum Gebet gefaltet.
Sie waren alle tot. Konserviert in seinem Winter.
„Du hast sie gerettet“, sagte der Alte höhnisch. „Du hast sie so sicher gemacht, dass ihnen nie wieder etwas passieren kann. Du hast die Welt eingefroren, um sie vor dem Schatten zu schützen. Und jetzt... jetzt bist du der Schatten.“
„Nein“, flüsterte Elias. „Das will ich nicht.“
„Es ist egal, was du willst“, sagte der Alte. „Es ist das, was du bist. Ein Vakuum. Du nimmst Wärme. Du nimmst Leben. Und am Ende... nimmst du alles.“
Der Alte stand auf. Er war riesig. Er streckte die Schattenhand aus. „Gib auf, Elias. Es ist einfacher, allein zu sein. Wenn du niemanden liebst, kannst du niemanden verlieren.“
Elias wich zurück. Die Kälte griff nach seinem Herzen. Es war verlockend. Diese Ruhe. Diese Sicherheit.
Aber dann dachte er an den Dschungel. An den Moment, als sie Tarek getragen hatten. An Marcus, der Zara hielt.
„Ich bin nicht allein“, sagte Elias. Er ballte die Fäuste. „Und ich werde nicht allein sein.“
Er rannte auf den Alten zu. Er wollte ihn schlagen, das Bild zerstören. Aber er schlug durch Nebel.
Die Vision zerfaserte. Elias fiel erneut.
Marcus fiel nicht. Er saß.
Er saß an einem Tisch aus poliertem Mahagoni. Vor ihm lag ein Buch. Es war aufgeschlagen. Die Seiten waren leer.
Er blickte auf. Er war in einer Bibliothek. Aber es war nicht die der Akademie. Diese hier war unendlich. Regale, so hoch wie Berge, gefüllt mit jedem Buch, das je geschrieben wurde.
Es war still. Perfekt still. Kein Staub. Kein Verfall.
„Das Archiv der Ewigkeit“, flüsterte Marcus. Ein Gefühl von Frieden durchströmte ihn. Hier war alles Wissen. Hier waren alle Antworten. Hier gab es keine Variablen, die er nicht berechnen konnte.
Er griff nach einer Feder. Er wollte schreiben. Er wollte die erste Seite füllen.
„Es ist schön hier, nicht wahr?“
Marcus drehte den Kopf. Neben ihm stand Zara.
Sie trug ein weißes Kleid. Sie war sauber. Ihre Haare waren gekämmt. Keine Narbe an der Schulter. Kein Schmutz unter den Fingernägeln. Sie lächelte ihn an. Ein sanftes, perfektes Lächeln.
„Zara?“, fragte Marcus.
„Du hast es geschafft, Gelehrter“, sagte sie. „Du hast die Lösung gefunden. Wir sind sicher.“
Sie legte eine Hand auf seine Schulter. Ihre Hand war weich.
„Du musst nie wieder rennen“, sagte sie. „Du musst nie wieder Angst haben. Du kannst hier bleiben. Für immer. Mit deinen Büchern.“
Marcus sah sie an. Sie war wunderschön. Sie war alles, was er sich je gewünscht hatte, in seinen einsamsten Nächten.
Aber sie war falsch.
„Wo ist dein Dolch?“, fragte er.
Zara lachte. Es war ein helles, glockenartiges Lachen. „Wozu brauche ich einen Dolch? Hier gibt es keine Feinde.“
„Zara hat immer einen Dolch“, sagte Marcus. Er stand auf. „Und sie trägt keine Kleider. Sie hasst Kleider.“
Die perfekte Zara runzelte die Stirn. „Ist es nicht das, was du wolltest? Eine Welt ohne Gefahr? Eine Welt, in der ich nicht blute?“
„Ja“, sagte Marcus. „Das wollte ich.“
Er sah auf das leere Buch. Er sah auf die perfekte Bibliothek. Es war ein Käfig. Ein goldener Käfig aus Stille.
„Aber nicht so“, sagte er. „Nicht, wenn du nicht du bist.“
Er trat von ihr weg.
„Die echte Zara blutet“, sagte er, und seine Stimme zitterte. „Sie flucht. Sie stiehlt. Sie ist unlogisch und gefährlich und... und sie ist meine Konstante.“
Die perfekte Zara hörte auf zu lächeln. Ihr Gesicht wurde glatt, ausdruckslos wie eine Puppe.
„Dann geh“, sagte sie kalt. „Geh zurück in den Schmutz. Geh zurück zu dem Schmerz.“
„Das werde ich“, sagte Marcus. „Denn der Schmerz ist echt.“
Er stieß den Tisch um. Die Bibliothek erzitterte. Bücher fielen aus den Regalen, verwandelten sich im Fall in schwarzes Wasser.
Marcus wurde fortgespült.
Clara stand im Regen.
Sie trug ihre volle Rüstung. Sie war schwer, drückte sie in den Schlamm. Um sie herum lagen Leichen.
Sie kannte diese Gesichter. Es waren die Kadetten ihres Jahrgangs. Ihre Freunde aus der Akademie. Und zwischen ihnen lagen Elias, Tarek, Lyra.
Alle tot.
Clara stand allein auf dem Hügel aus Leichen. Sie war unverletzt. Ihr Schwert war sauber.
„Bericht“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Clara drehte sich um. Ihr Vater, der General, saß auf einem schwarzen Pferd. Er sah auf sie herab. Er wirkte riesig.
„Mission erfüllt“, sagte er. „Der Feind ist besiegt. Die Verluste sind... akzeptabel.“
„Akzeptabel?“, flüsterte Clara. Sie blickte auf Tareks leblosen Körper. „Sie sind alle tot.“
„Aber du lebst“, sagte der General. „Ein Anführer überlebt. Ein Anführer opfert die Bauern, um den König zu schützen.“
Er nickte ihr anerkennend zu.
„Du bist endlich eine Arendelle, Clara. Du hast dein Herz getötet, um deine Pflicht zu tun. Ich bin stolz auf dich.“
Der Stolz ihres Vaters. Das, wonach sie ihr ganzes Leben gestrebt hatte. Es fühlte sich an wie Gift.
Clara blickte auf ihr Schwert. Sie sah ihr Spiegelbild in der Klinge. Sie sah nicht sich selbst. Sie sah ihren Vater.
„Nein“, sagte sie.
„Was hast du gesagt, Soldat?“
„Ich bin kein Soldat“, sagte Clara. Sie ließ das Schwert fallen. Es landete dumpf im Schlamm. „Und ich bin nicht du.“
Sie trat auf das Pferd zu. Sie hatte keine Angst mehr vor ihm.
„Ein Anführer opfert nicht“, sagte sie. „Ein Anführer steht vor seinen Leuten. Nicht auf ihren Leichen.“
„Dann bist du schwach“, spie der General aus. „Dann wirst du fallen.“
„Vielleicht“, sagte Clara. „Aber ich falle nicht allein.“
Der General zog sein Schwert. Er holte aus, um sie zu köpfen.
Clara schloss die Augen nicht. Sie sah der Klinge entgegen.
Im Moment des Aufpralls zersprang die Vision in tausend Scherben aus Wasser.
Der Schlag, den Clara gegen das Abbild ihres Vaters führte, traf kein Fleisch. Er traf die Stille.
Die Klinge durchschnitt den General, als bestünde er aus Rauch. Er blutete nicht. Er zerfiel. Aber er zerfiel nicht in Staub, sondern in tausend Scherben aus Eis, die klirrend zu Boden fielen und dort sofort schmolzen.
Das Schlachtfeld um sie herum – die Leichen ihrer Freunde, das brennende Seraphis – begann zu flackern wie eine Kerze im Wind. Der Regen, der auf ihre Rüstung prasselte, wurde wärmer, salziger.
Clara fiel. Der Boden unter ihr löste sich auf. Sie stürzte nicht in einen Abgrund, sondern zurück in das Wasser. Die Schwärze der Tiefe umschloss sie wieder, drückte auf ihre Brust, füllte ihre Ohren mit dem Rauschen des Blutes. Aber diesmal hatte sie keine Angst. Sie hatte ihre Wahl getroffen. Sie war lieber tot bei ihren Freunden als lebendig und allein auf einem Thron aus Lügen.
Wahrheit, flüsterte die Stimme der Tiefe. Sie klang zufrieden, aber auch unendlich traurig. Du bist kein Schild. Du bist das Schwert. Und Schwerter brechen.
Clara schwebte im Nichts. Sie suchte nach einem Halt, nach einer Hand. Und in der Dunkelheit spürte sie eine Präsenz. Nicht weit entfernt. Eine vertraute, raue Präsenz, die nach Eisen und altem Schmerz schmeckte.
Tarek.
Tarek stand nicht im Wasser. Er stand in einem Zelt.
Es war ein Offizierszelt der Eisernen Legion. Schwere Teppiche dämpften den Boden, Öllampen warfen ein warmes, goldenes Licht auf Kartenständer und Waffenregale. In der Luft hing der Geruch von poliertem Leder, schwerem Rotwein und teurem Tabak.
Tarek kannte diesen Ort. Er war hier gewesen, als Kind, bevor er wusste, was Krieg wirklich bedeutete. Es war das Kommandozelt seines Vaters vor der Schlacht um die Grauen Hügel.
Er sah an sich herab. Er trug keine Söldnerlumpen. Seine Wunde an der Seite war verschwunden. Er trug die volle Plattenrüstung eines Generals. Sie war schwer, passte ihm aber perfekt, jede Niete poliert, jede Schnalle geölt. Auf seiner Brust prangte der Orden des Gebrochenen Schildes – nicht als Brandmal der Schande, sondern als Medaille aus purem Gold.
Vor ihm stand ein Tisch aus Mahagoni. Darauf lag keine Karte des Schlachtfeldes. Darauf lagen Münzen.
Gold. Berge von Gold. Lumas, die so hell strahlten, dass es in den Augen schmerzte, und schwere Goldbarren mit dem Siegel der Hygrandier. Und dazwischen Verträge, gesiegelt mit schwarzem Wachs.
„Es ist genug“, sagte eine Stimme.
Tarek blickte auf. Auf der anderen Seite des Tisches stand er selbst.
Aber es war nicht er. Es war sein Vater. General Karim.
Er sah genauso aus, wie Tarek ihn in Erinnerung hatte – groß, breit, mit denselben grauen Augen und derselben Narbe am Kinn, die Tarek jetzt auch trug. Er lächelte. Es war das Lächeln eines Mannes, der gerade das Geschäft seines Lebens gemacht hatte. Ein Lächeln ohne Wärme.
„Es ist genug, um wegzugehen, Sohn“, sagte der Vater. Er ließ eine Handvoll Münzen durch seine Finger rieseln. Das Klingeln klang wie Musik, aber für Tarek klang es wie Kettenrasseln. „Genug, um die Legion zu kaufen. Genug, um uns ein Schloss im Süden zu bauen, wo der Winter nie hinkommt. Wo Arkan uns nicht findet.“
Tarek starrte ihn an. Er spürte den vertrauten Hass in seiner Magengegend aufsteigen, heiß und gallig, gemischt mit einer kindlichen Sehnsucht nach Anerkennung, die er längst tot geglaubt hatte.
„Das ist Blutgeld“, sagte Tarek. Seine Stimme war ruhig, aber seine Hände ballten sich zu Fäusten, dass die Lederhandschuhe knirschten. „Du hast sie verkauft. Den Wald. Die Kaiserin. Deine eigenen Männer.“
„Ich habe sie gerettet“, korrigierte der Vater sanft. Er nahm einen Kelch mit Wein, trank einen Schluck. „Der Krieg war verloren, Tarek. Arkan war zu stark. Hätte ich gekämpft, wären meine Männer gestorben. So... so leben sie. Und wir leben gut.“
Er schob einen Stapel Gold über den Tisch, direkt vor Tareks Hände.
„Sieh dich an. Du bist kein Söldner mehr, der im Dreck schläft. Du bist ein General. Du hast gewonnen. Ist es das nicht, was du wolltest? Dass ich stolz auf dich bin?“
Tarek blickte auf das Gold. Er blickte auf die Rüstung, die er trug. Sie glänzte. Sie war sauber. Kein Rost, kein Blut, kein Dreck der Unterstadt.
„Ich wollte, dass du stolz bist“, gab Tarek zu. „Als ich zehn war.“
Er trat an den Tisch. Er legte seine Hände auf das Holz. Er sah seinem Vater direkt in die Augen.
„Aber dann habe ich gesehen, was der Preis ist. Ich habe gesehen, wie du bei Nacht geflohen bist, während das Lager brannte. Ich habe die Schreie gehört. Ich habe gesehen, wie du die Ehre gegen Komfort getauscht hast.“
„Das ist der Preis des Überlebens“, sagte der Vater. Sein Lächeln wurde härter, die Augen kälter. „Du bist wie ich, Tarek. Du kämpfst für Geld. Du tötest für den, der am meisten zahlt. Du bist ein Söldner. Genau wie ich. Wir haben keine Ehre. Wir haben nur einen Preis.“
Das Bild des Vaters verschwamm kurz, wurde zu Tareks eigenem Spiegelbild.
Tarek schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er. „Ich kämpfe für Geld, weil ich essen muss. Aber ich lebe nicht dafür.“
Er griff nach dem Kelch seines Vaters. Er schleuderte ihn gegen die Zeltwand. Der Wein spritzte wie Blut über die Karten, über das Gold.
„Ich bin hier“, sagte Tarek laut, und seine Stimme hallte in der Vision. „In einer Höhle am Ende der Welt. Mit einem Haufen Verrückter, die kein Gold haben. Ich kämpfe für einen Jungen, der mich verbrennt. Für eine Frau, die mich anschreit. Für einen Gelehrten, der zittert.“
Er riss sich den Orden von der Brust. Die Nadel riss seine Tunika auf, kratzte über die Haut, aber der Schmerz war gut. Er war echt. Das Gold klirrte auf den Boden.
„Ich kämpfe für sie, weil sie bleiben. Du bist gegangen.“
Das Gesicht seines Vaters verzerrte sich. Die Maske der Freundlichkeit fiel. Darunter kam die Fratze der Gier zum Vorschein, die Fratze eines Mannes, der seine Seele verkauft hatte und nun leer war.
„Du Narr!“, zischte der General. „Du wirst sterben! Genau wie sie! Sie sind schwach! Du kannst sie nicht retten!“
„Vielleicht“, sagte Tarek. Er zog sein Krummschwert. Es war nicht das prunkvolle Schwert des Generals. Es war seine eigene Klinge. Schartig. Schwarz vom Blut der Schatten. Gebraucht.
„Aber ich werde stehend sterben. Nicht kniend vor einem Sack Gold.“
Er holte aus. Er schlug nicht nach seinem Vater. Er schlug nach dem Tisch.
Die Klinge traf das Holz. Der Tisch barst. Das Gold flog in alle Richtungen, verwandelte sich in der Luft in schwarze Käfer, die davonhuschten.
Und mit dem Gold zerfiel die Welt.
Das Zelt riss auf wie verrotteter Stoff. Das warme Licht erlosch. Wasser brach herein – kaltes, dunkles Salzwasser. Es spülte den General fort, spülte die Lüge fort.
Tarek wurde von den Beinen gerissen. Er fiel. Aber er hatte keine Angst. Er fühlte sich leicht.
Du bist nicht er, flüsterte die Tiefe.
Tarek schloss die Augen und ließ sich treiben. Er war kein General. Er war Tarek. Und das reichte.
Marcus kauerte immer noch auf dem Boden der unendlichen Bibliothek, die er in Teil 1 betreten hatte.
Er hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen, versuchte, das Bild der leeren Seiten aus seinem Kopf zu bekommen. Die Stille hier war schlimmer als jeder Lärm. Sie war die Abwesenheit von Bedeutung. Die Regale, die bis in den Himmel ragten, waren keine Monumente des Wissens mehr. Sie waren Grabsteine.
„Marcus?“
Die Stimme war leise. Zögernd. Aber sie hatte einen Klang, der Marcus’ Herzschlag beschleunigte.
Er nahm die Hände weg. Er sah auf.
Am Ende des Ganges, zwischen den Regalen aus Mahagoni, stand eine Gestalt.
Zara.
Aber es war nicht die Zara aus der Unterstadt. Sie trug nicht ihre Lumpen, keine Lederrüstung, keinen Schmutz im Gesicht. Sie trug ein weißes Kleid, das im Licht der Bibliothek schimmerte. Ihre Haare waren lang, gewaschen, gekämmt.
Sie hatte keine Narbe an der Schulter. Sie sah aus wie eine Adlige. Wie jemand, der nie gekämpft hatte.
Sie lächelte ihm zu. Ein sanftes, perfektes Lächeln ohne Spott.
„Komm“, sagte sie. Sie streckte die Hand aus. Ihre Haut war makellos. „Komm zu mir, Gelehrter. Hier ist es sicher.“
Marcus stand langsam auf. Seine Knie zitterten. „Zara? Bist du... bist du echt?“
„Ich bin so echt, wie du mich haben willst“, sagte sie. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Hier gibt es keinen Schmerz, Marcus. Keine Pfeile. Keine Feuer. Keine Statistik des Todes. Wir können hier bleiben. Nur wir beide. Du kannst lesen, und ich... ich werde dir zuhören.“
Marcus machte einen Schritt auf sie zu. Es klang perfekt. Es war die Lösung der Gleichung. Ein Leben ohne Variablen der Gefahr. Ein Leben, in dem er nicht für ihren Tod verantwortlich sein konnte.
„Eine Welt ohne Variable C“, flüsterte er.
Aber dann sah er ihre Hand.
Die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, war glatt. Weich. Keine Schwielen vom Klettern. Keine kleinen Narben vom Schlösserknacken. Keine Tinte unter den Fingernägeln.
Es war nicht Zaras Hand.
Zara war Diebin. Sie war rau. Sie fluchte. Sie roch nach Kanal und Abenteuer. Sie hatte ihn ausgelacht, als er von Statistik sprach. Diese Zara hier roch nach... Papier. Nach Konservierung.
„Du bist eine Projektion“, sagte Marcus leise. Der Schmerz in seiner Stimme war real.
Das Lächeln der Frau fror ein. „Ich bin deine Sehnsucht.“
„Nein“, sagte Marcus. Er trat einen Schritt zurück. „Meine Sehnsucht ist unlogisch. Sie ist chaotisch. Sie ist... fehlerhaft.“
Er dachte an die echte Zara. Wie sie ihn im Sumpf angeschrien hatte. Wie sie geblutet hatte. Wie sie seine Hand gehalten hatte, als er gestanden hatte, ein Mörder zu sein. Wie sie ihn angesehen hatte, mit ihren dreckigen, wunderschönen Augen.
Das war echt. Das hier war nur eine Kopie. Eine saubere, sterile Kopie. Ein Ideal, das nicht existieren konnte.
„Ich will nicht die perfekte Zara“, sagte Marcus. Seine Stimme wurde fester. „Ich will diejenige, die mir Ingwer gibt, wenn mir übel ist. Diejenige, die mich einen Idioten nennt.“
Er bückte sich und hob das leere Buch auf, das auf dem Boden lag – Zaras Buch, das er für sie aufgehoben hatte.
„Das Leben steht nicht in Büchern“, sagte er. „Man muss es schreiben. Mit Tinte. Und mit Blut.“
Er schlug das Buch zu. Ein lauter Knall.
Die Bibliothek erzitterte. Die Regale begannen zu wanken. Bücher fielen heraus, verwandelten sich im Fall in schwarzes Wasser.
Die falsche Zara schrie auf – ein unmenschlicher, hoher Ton. Ihr Gesicht verzerrte sich, schmolz wie Wachs.
„Du wählst den Schmerz!“, kreischte sie. „Du wählst den Tod!“
„Ich wähle sie“, sagte Marcus.
Die Vision zerfloss. Marcus wurde von einer Flutwelle erfasst. Die Bibliothek wurde weggespült. Er war wieder im Ozean. Er strampelte, suchte nach oben.
Er wusste jetzt, wovor er am meisten Angst hatte. Nicht vor dem Feuer. Sondern vor einer Welt, in der Zara nicht mehr Zara war. Einer Welt ohne sie.
Er griff ins Leere. Und dann spürte er eine Hand. Eine echte Hand. Rau. Schwielig.
Er griff zu. Er hielt fest.
Lyra trieb in einem Ozean, der nicht aus Wasser bestand, sondern aus Saft.
Es war eine dicke, klebrige Flüssigkeit, die grün leuchtete – aber nicht das gesunde Grün des Smaragd-Dschungels, sondern das giftige Neongrün ihrer neuen, korrumpierten Magie.
Sie versuchte zu schwimmen, aber ihre Glieder waren schwer, als wären sie zu Holz geworden. Vor ihr, treibend in der Schwebe, sah sie Jory.
Der Junge sah aus wie in dem Moment, als sie ihn in Canopy zurückgelassen hatten. Sein Bein war geschient, sein Gesicht bleich. Aber da war mehr. Schwarze Adern zogen sich von seinem Hals über sein Gesicht – das Gift der Wespe, das zurückgekehrt war. Und seine Haut... seine Haut blätterte ab wie Rinde von einem toten Baum.
„Hilf mir“, wimmerte er. Seine Stimme blubberte durch die Flüssigkeit. „Es brennt, Lyra. Mach es weg.“
Lyra wollte zu ihm. Sie streckte die Hände aus. Aber als sie ihre Hände ansah, schrie sie auf.
Sie brannten. Das Reinigende Feuer loderte an ihren Fingerspitzen, weiß und heiß, und brachte die grüne Flüssigkeit um sie herum zum Kochen.
„Ich kann nicht“, schluchzte sie. „Ich verbrenne dich.“
„Du hast versprochen, mich zu beschützen“, sagte Jory. Seine Augen wurden schwarz, gefüllt mit der Dunkelheit der Schatten-Fäule. „Du bist eine Heilerin. Heil mich!“
Er streckte seine kleinen Hände nach ihr aus. Die Fäulnis an seinen Armen breitete sich rasend schnell aus, fraß das Fleisch von den Knochen.
Lyra wich zurück. „Ich bin keine Heilerin mehr!“, schrie sie in die Leere. „Ich bin Gift! Ich bin Zerstörung!“
Eine Wurzel schoss aus der Tiefe empor. Sie wickelte sich um Lyras Knöchel, hielt sie fest. Eine Stimme dröhnte durch das Wasser. Es war die Stimme der Kaiserin.
Der Gärtner muss auch jäten, grollte die Stimme. Wenn der Ast krank ist, schneidet man ihn ab. Wenn der Boden faul ist, brennt man ihn aus.
Lyra starrte auf Jory. Die Fäulnis hatte sein Herz erreicht. Er starb. Nicht, weil sie ihn verbrannte. Sondern weil sie nichts tat.
„Gnade ist nicht immer sanft“, flüsterte Lyra.
Sie hörte auf, gegen das Feuer in ihren Händen anzukämpfen. Sie akzeptierte es. Sie ließ zu, dass es heiß wurde. So heiß, dass es wehtat.
Sie griff nach Jory. Sie legte ihre brennenden Hände auf seine Brust, direkt auf die Schwärze.
Es zischte. Das Wasser um sie herum explodierte in Dampf. Jory schrie nicht. Die Fäulnis schrie. Das schwarze Gift verbrannte unter ihrer Berührung, wurde zu grauer Asche und löste sich auf.
Der Körper des Jungen verblasste, wurde transparent, bis nur noch ein reines, weißes Licht übrig blieb. Ein Samen.
Lyra hielt den Samen in ihren Händen. Sie hatte ihn nicht gerettet. Aber sie hatte ihn erlöst.
„Ich bin keine Heilerin“, sagte sie fest, und das grüne Wasser wurde klar. „Ich bin die Flamme, die den Wald säubert.“
Die Vision zerfiel in Licht.
Elias war der Letzte.
Er hatte den alten Mann auf dem Eisthron verlassen, aber er war noch nicht angekommen. Er fiel weiter, durch Schichten von Kälte und Erinnerung.
Er landete hart. Aber nicht auf Eis. Auf Sand.
Er stand auf dem Grund des Ozeans. Über ihm wölbte sich keine Kuppel. Nur tausende Meter von schwarzem Wasser, das ihn erdrücken wollte, aber von einer unsichtbaren Kraft zurückgehalten wurde.
Vor ihm stand ein Becken. Der Brunnen der Erinnerung.
Aber das Wasser darin war nicht ruhig. Es kochte. Es war rot, gefärbt von Blut.
Aus dem Becken stieg eine Gestalt.
Es war Arkan.
Aber es war nicht der Arkan, den er im Atrium bekämpft hatte. Es war ein Arkan aus Licht. Ein strahlender, perfekter Magier, dessen Robe weiß war und dessen Stab wie ein Stern leuchtete.
„Du suchst das Ende“, sagte der Licht-Arkan. Seine Stimme war warm, verführerisch. „Du suchst die Erlösung.“
„Ich suche das Fragment“, sagte Elias. Er umklammerte das Amulett. Es war kalt, abweisend.
„Das Fragment ist Schmerz“, sagte Arkan. „Die Träne des Ozeans ist konzentrierte Trauer. Willst du das wirklich? Willst du fühlen, wie die Welt weint?“
Er trat auf Elias zu.
„Ich biete dir etwas Besseres. Ich biete dir die Taubheit. Gib mir das Amulett. Gib mir die Last. Und du kannst vergessen. Du kannst vergessen, dass deine Mutter starb. Dass du getötet hast.“
Er streckte die Hand aus. „Gib es mir, Elias. Sei wieder ein Kind.“
Elias starrte die leuchtende Gestalt an. Es war verlockend. So verlockend. Einfach aufzuhören. Einfach zu vergessen.
Aber dann sah er auf seine eigene Hand. Den Schwarzen Handschuh.
Er war hässlich. Er war eine Narbe. Aber er war echt. Er war der Beweis, dass er überlebt hatte.
„Schmerz“, sagte Elias leise, „ist der Beweis, dass ich noch da bin.“
Er dachte an Tarek, der trotz seiner Wunde weiterging. An Marcus, der trotz seiner Angst blieb.
„Ich will nicht vergessen“, sagte Elias. Er hob den Kopf. „Ich will mich erinnern. An alles. Auch an das Blut.“
Er stieß Arkans Hand weg.
Die Lichtgestalt verzerrte sich, wurde zu einer Fratze. „Dann ersaufe in ihnen!“, kreischte sie.
Arkan zerfiel zu schwarzem Schlamm. Der rote Brunnen wurde blau. Tiefes, reines Blau.
Aus der Mitte des Wassers stieg ein Tropfen auf.
Ein einziger, perfekter Tropfen, der in der Luft schwebte. Er leuchtete nicht aus eigener Kraft. Er reflektierte alles um sich herum.
Das Dritte Fragment.
Elias streckte die Hand aus. Der Handschuh zitterte nicht. Das Amulett an seiner Brust öffnete sich, der Riss weitete sich, bereit, das Wasser zu empfangen.
Elias’ Finger berührten den Tropfen.
Kälteschock.
Die Vision zersprang.
Elias riss die Augen auf.
Er atmete ein. Aber er atmete kein Wasser. Er atmete Luft.
Er lag auf dem Boden. Harter, kalter Stein. Er hustete, würgte Salzwasser, das gar nicht da war.
Er richtete sich auf. Er war zurück.
Er war im Tempel der Tiefe. Die Kuppel über ihnen war noch intakt, aber das blaue Licht der Algen flackerte wild.
Um ihn herum lagen die anderen. Marcus keuchte, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Zara hielt sich den Kopf. Clara starrte auf ihre Hände, als würde sie Blut daran suchen. Tarek lag still, aber seine Augen waren offen, starrten zur Decke. Lyra wimmerte leise.
Sie waren alle zurück. Sie hatten ihre Prüfungen bestanden.
„Wir... wir leben“, krächzte Marcus.
„Noch“, sagte Naia.
Die Meerfrau stand am Rand des zentralen Beckens. Sie wirkte schwächer als zuvor, ihre Haut war fast transparent. Sie stützte sich auf ihren Speer.
„Ihr habt die Wahrheit gesehen“, sagte sie. „Ihr habt nicht geblinzelt.“
Sie deutete auf Elias.
„Und du, Träger... du hast den Ozean in dir.“
Elias blickte an sich herab.
Das Amulett hatte sich verändert.
Der Riss, der zuvor rot und grün geglüht hatte, war nun mit einer dritten Farbe gefüllt. Einem tiefen, pulsierenden Blau.
Die drei Energien – Feuer, Leben, Wasser – wirbelten im Inneren des Kristalls. Sie kämpften nicht mehr gegeneinander. Sie flossen. Sie bildeten einen Kreislauf.
Rot erhitzte das Wasser. Wasser nährte das Grün. Grün verbrannte zu Rot.
Balance.
Elias spürte die Veränderung in seinem Körper. Die stechende Kälte war gewichen. Er fühlte sich nicht warm, aber er fühlte sich... stabil. Der Handschuh an seiner Hand summte leise, ein zufriedener Ton.
„Ich habe es“, flüsterte er. „Das dritte Fragment.“
Kael trat neben ihn. Er lächelte schwach. „Die Träne ist sicher.“
Aber die Ruhe hielt nur einen Herzschlag lang.
WUMM.
Ein dumpfer Schlag erschütterte den gesamten Tempel. Staub rieselte von der Decke. Das Wasser jenseits der gläsernen Kuppel vibrierte.
„Was war das?“, rief Clara und sprang auf, das Schwert sofort in der Hand.
Naia blickte nach oben. Ihre schwarzen Augen weiteten sich.
„Der Himmel fällt“, sagte sie.
Ein zweiter Schlag. Diesmal lauter. Risse – echte, physische Risse – bildeten sich im Glas der Kuppel. Wasser spritzte herein, Hochdruckstrahlen, die wie Messer durch den Raum schnitten.
Draußen, im schwarzen Wasser der Lagune, sahen sie Lichter. Violette Lichter.
Schatten. Riesige, dunkle Formen, die gegen das Glas hämmerten. Schatten-Taucher.
Und über ihnen, wie ein dunkler Mond, der die Sonne verdeckte, hing der Rumpf eines Schiffes. Nicht die Schattentänzerin.
Ein Kriegsschiff aus schwarzem Eisen, das violette Energieimpulse in die Tiefe feuerte.
Die Schattenflotte.
„Sie sind hier“, sagte Elias. Er stand auf. Er fühlte die neue Kraft in seiner Brust. Sie war schwer. Mächtig. „Arkan hat uns gefunden.“
„Der Dritte Sucher“, flüsterte Kael, der starr nach oben blickte. „Thanatos. Er ist gekommen, um das Meer zu töten.“
Die Kuppel ächzte. Ein großer Riss öffnete sich direkt über dem Becken.
„Wir müssen hier raus!“, schrie Marcus. „Die strukturelle Integrität versagt!“
„Zur Oberfläche!“, befahl Elias. „Alle!“
Der Kampf um die Seele war vorbei. Der Kampf um das Überleben hatte begonnen.
*** Marcus Tagebuch - Tag 81 ***
Tag 81 seit Seraphis
Drittes Fragment fast erreicht. Der Riss im Amulett ist kritisch. Elias sagt, er kann fühlen, wie es bricht.
Kael wird seltsam. Er steht stundenlang am Bug, starrt aufs Wasser. Clara sagt, er spricht von Auflösung. Ich habe Angst, dass wir ihn verlieren.
Zara ist mein Anker. Ohne sie wäre ich längst verrückt geworden. Sie lacht noch. Gott, wie schafft sie das?
Ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe. Sie weinte. Dann lachte sie. Dann küsste sie mich.
Morgen erreichen wir den Tempel. Thanatos wartet. Wenn ich das nicht überlebe... dann wisst: Ich bereue nichts.